Sie kommen! Tragen meine Habe fort,

Das Letzte, was von köstlichem Besitz

Mir übrig blieb. Wird es mir auch geraubt?

Man bringt's hinüber, und ich soll ihm nach.

Ein günst'ger Wind bewegt die Wimpel seewärts,

Bald werd' ich alle Segel schwellen sehn.

Die Flotte löset sich vom Hafen ab!

Und nun das Schiff, das mich Unsel'ge trägt.

Man kommt! Man fordert mich an Bord. O Gott!

Ist denn der Himmel ehern über mir?

Dringt meine Jammerstimme nicht hindurch?

So sei's! Ich gehe! Doch mich soll das Schiff

In seines Kerkers Räume nicht verschlingen.

Das letzte Brett, das mich hinüberführt,

Soll meiner Freiheit erste Stufe werden.

Empfangt mich dann, ihr Wellen, fasst mich auf,

Und, fest umschlingend, senket mich hinab

In eures tiefen Friedens Grabesschoß.

Und wenn ich dann vom Unbill dieser Welt

Nichts mehr zu fürchten habe, spült zuletzt

Mein bleiches Gebein dem Ufer zu,

Dass eine fromme Seele mir das Grab

Auf heim'schem Boden wohlgesinnt bereite.

(Mit einigen Schritten.)

Wohlan denn!

(Hält inne.) Will mein Fuß nicht mehr gehorchen?

Was fesselt meinen Schritt, was hält mich hier?

Unsel'ge Liebe zum unwürd'gen Leben!

Du führest mich zum harten Kampf zurück.

Verbannung, Tod, Entwürdigung umschließen

Mich fest und ängsten mich einander zu.

Und wie ich mich von einem schaudernd wende,

So grinst das andre mir mit Höllenblick.

Ist denn kein menschlich, ist kein göttlich Mittel,

Von tausendfacher Qual mich zu befreien?

O dass ein einzig ahnungsvolles Wort

Zufällig aus der Menge mir ertönte!

O dass ein Friedensvogel mir vorbei

Mit leisem Fittich leitend sich bewegte!

Gern will ich hin, wohin das Schicksal ruft;

Es deute nur! Und ich will gläubig folgen.

Es winke nur! Ich will dem heil'gen Winke,

Vertrauend, hoffend, ungesäumt mich fügen.

Siebenter Auftritt

Eugenie. Mönch.

Eugenie (die eine Zeitlang vor sich hingesehen, indem

sie die Augen aufhebt und den Mönch erblickt).

Ich darf nicht zweifeln, ja! Ich bin gerettet!

Ja! Dieser ist's, der mich bestimmen soll.

Gesendet auf mein Flehn, erscheint er mir,

Der Würdige, Bejahrte, dem das Herz

Beim ersten Blick vertraut entgegen flieht.

(Ihm entgegen gehend.)

Mein Vater! Lass den ach! Mir nun versagten,

Verkümmerten, verbotnen Vaternamen

Auf dich, den edlen Fremden, übertragen.

Mit wenig Worten höre meine Not.

Nicht als dem weisen, wohl bedächt'gen Mann,

Dem Gott begabten Greise leg' ich sie

Mit schmerzlichem Vertraun dir an die Brust.

Mönch.

Was dich bedrängt, eröffne freien Mutes.

Nicht ohne Schickung trifft der Leidende

Mit dem zusammen, der als höchste Pflicht

Die Linderung der Leiden üben soll.

Eugenie.

Ein Rästel statt der Klagen wirst du hören,

Und ein Orakel fordr' ich, keinen Rat.

Zu zwei verhassten Zielen liegen mir

Zwei Wege vor den Füßen, einer dorthin,

Hierhin der andre; welchen soll ich wählen?

Mönch.

Du führst mich in Versuchung! Soll ich nur

Als Los entscheiden?

Eugenie.

Als ein heilig Los.

Mönch.

Begreif' ich dich, so hebt aus tiefer Not

Zu höhern Regionen sich dein Blick.

Erstorben ist im Herzen eigner Wille,

Entscheidung hoffst du dir vom Waltenden.

Ja wohl! Das ewig Wirkende bewegt,

Uns unbegreiflich, dieses oder jenes

Als wie von ungefähr zu unserm Wohl,

Zum Rate, zur Entscheidung, zum Vollbringen,

Und wie getragen werden wir ans Ziel.

Dies zu empfinden, ist das höchste Glück,

Es nicht zu fordern, ist bescheidne Pflicht,

Es zu erwarten, schöner Trost im Leiden.

O wär' ich doch gewürdigt, nun für dich,

Was dir am besten frommte, vorzufühlen!

Allein die Ahnung schweigt in meiner Brust,

Und kannst du mehr nicht mir vertraun, so nimm

Ein fruchtlos Mitleid hin zum Lebewohl.

Eugenie.

Schiffbrüchig fass' ich noch die letzte Planke!

Dich halt' ich fest und sage wider Willen

Zum letzten Mal das hoffnungslose Wort:

Aus hohem Haus entsprossen, werd' ich nun

Verstoßen, übers Meer verbannt und könnte

Mich durch ein Ehebündnis retten, das

ZU niedren Sphären mich herunterzieht.

Was sagt nun dir das Herz? Verstummt es noch?

Mönch.

Es schweige, bis der prüfende Verstand

Sich als ohnmächtig selbst bekennen muss.

Du hast nur Allgemeines mir vertraut,

Ich kann dir nur das Allgemeine raten.

Bist du zur Wahl genötigt unter zwei

Verhassten Übeln, fasse sie ins Auge

Und wähle, was dir noch den meisten Raum

Zu heil'gem Tun und wirken übrig lässt,

Was deinen Geist am wenigsten begrenzt,

Am wenigsten die frommen Taten fesselt.

Eugenie.

Die Ehe, merk' ich, rätst du mir nicht an.

Mönch.

Nicht eine solche, wie sie dich bedroht.

Wie kann der Priester segnen, wenn das Ja

Der holden Braut nicht aus dem Herzen quillt.

Er soll nicht Widerwärt'ges aneinander

Zu immer neu erzeugtem Streite ketten;

Den Wunsch der Liebe, die zum All das Eine,

Zum Ewigen das Gegenwärtige,

Das Flüchtige zum Dauernden erhebt,

Den zu erfüllen, ist kein göttlich Amt.

Eugenie.

Ins Elend übers Meer verbannst du mich.

Mönch.

Zum Troste jener drüben ziehe hin.

Eugenie.

Wie soll' ich trösten, wenn ich selbst verzweifle?

Mönch.

Ein reines Herz, wovon dein Blick mir zeugt,

Ein edler Mut, ein hoher, freier Sinn

Erhaltne dich und andre, wo du auch

Auf dieser Erde wandelst. Wenn du nun,

In frühen Jahren ohne Schuld verbannt,

Durch heil'ge Fügung fremde Fehler büßest,

So führst du wie ein überirdisch Wesen,

Der Unschuld Glück und Wunderkräfte mit.

So ziehe denn hinüber! Trete frisch

In jenen Kreis der Traurigen. Erheitre

Durch dein Erscheinen jene trübe Welt.

Durch mächt'ges Wort, durch kräft'ge Tat errege

Der tief gebeugten Herzen eigne Kraft;

Vereine die Zerstreuten um dich her,

Verbinde sie einander, alle dir;

Erschaffe, was du hier verliern sollst,

Dir Stamm und Vaterland und Fürstentum.

Eugenie.

Getraust du zu tun, was du gebietest?

Mönch.

Ich tat's!--Als jungen Mann entführte schon

Zu wilden Stämmen mich der Geist hinüber.

Ins rohe Leben bracht' ich milde Sitte,

Ich brachte Himmelshoffnung in den Tod.

O hätt' ich nicht, verführt von treuer Neigung,

Dem Vaterland zu nützen, mich zurück

Zu dieser Wildnis frechen Städtelebens,

Zu diesem Wust verfeinerter Verbrechen,

Zu diesem Pfuhl der Selbstigkeit gewendet!

Hier fesselt mich des Alters Unvermögen,

Gewohnheit, Pflichten; ein Geschick vielleicht,

Das mir die schwerste Prüfung spät bestimmt.

Du aber, jung, von allen Banden frei,

Gestoßen in das Weite, dringe vor

Und rette dich! Was du als Elend fühlst,

Verwandelt sich in Wohltat! Eile fort!

Eugenie.

Eröffne klarer! Was befürchtest du?

Mönch.

Im Dunklen drängt das Künft'ge sich heran,

Das künftig Nächste selbst erscheinet nicht

Dem offnen Blick der Sinne, des Verstands.

Wenn ich beim Sonnenschein durch diese Straßen

Bewundernd wandle, der Gebäude Pracht,

Die felsengleich getürmten Massen schaue,

Der Plätze Kreis, der Kirchen edlen Bau,

Des Hafens masterfüllten Raum betrachte;

Das scheint mir alles für die Ewigkeit

Gegründet und geordnet; diese Menge

Gewerksam Tätiger, die hin und her

In diesen Räumen wogt, auch die verspricht,

Sich unvertilgbar ewig herzustellen.

Allein wenn dieses große Bild bei Nacht

In meines Geistes Tiefen sich erneut,

Da stürmt ein Brausen durch die düstre Luft,

Der feste Boden wankt, die Türme schwanken,

Gefugte Steine lösen sich herab,

Und so zerfällt in ungeformten Schutt

Die Prachterscheinung. Wenig Lebendes

Durchklimmt bekümmert neu entstanden Hügel,

Und jeder Trümmer deutet auf ein Grab.

Das Element zu bändigen, vermag

Ein tief gebeugt, vermindert Volk nicht mehr,

Und rastlos wiederkehrend, füllt die Flut

Mit Sand und Schlamm des Hafens Becken aus,

Eugenie,

Die Nacht entwaffnet erst den Menschen, dann

Bekämpft sie ihn mit nichtigem Gebild.

Mönch.

Ach! Bald genug steigt über unsern Jammer

Der Sonne trüb gedämpfter Blick heran.

Du aber fliehe, die ein guter Geist

Verbannend segnete. Leb' wohl und eile!

Achter Auftritt

Eugenie (allein).

Vom eignen Elend leitet man mich ab,

Und fremden Jammer prophezeit man mir.

Doch wär' es fremd, was deinem Vaterland

Begegnen soll? Dies fällt mit neuer Schwere

Mir auf die Brust! Zum gegenwärt'gen Übel

Soll ich der Zukunft Geistesbürden tragen?

So ist's denn wahr, was in der Kindheit schon

Mir um das Ohr geklungen, was ich erst

Erhorcht, erfragt und nun zuletzt sogar

Aus meines Vaters, meines Königs Mund

Vernehmen musste! Diesem Reiche droht

Ein jäher Umsturz. Die zum großen Leben

Gefugten Elemente wollen sich

Nicht wechselseitig mehr mit Liebeskraft

Zu stets erneuter Einigkeit umfangen.

Sie fliehen sich, und einzeln tritt nun jedes

Kalt in sich selbst zurück. Wo blieb der Ahnherrn

Gewalt'ger Geist, der sie zu einem Zweck

Vereinigte, die feindlich kämpfenden?

Der diesem großen Volk als Führer sich,

Als König und als Vater dargestellt?

Er ist entschwunden! Was uns übrig bleibt,

Ist ein Gespenst, das mit vergebnem Streben

Verlorenen Besitz zu greifen wähnt.

Und solche Sorge nähm' ich mit hinüber?

Entzöge mich gemeinsamer Gefahr?

Entflöhe der Gelegenheit, mich kühn

Der hohen Ahnen würdig zu beweisen,

Und jeden, der mich ungerecht verletzt,

In böser Stunde hilfreich zu beschämen?

Nun bist du, Boden meines Vaterlands,

Mir erst ein Heiligtum, nun fühl' ich erst

Den dringenden Beruf, mich anzuklammern.

Ich lasse dich nicht los, und welches Band

Mich dir erhalten kann, es ist nun heilig.

Wo find' ich jenen gut gesinnten Mann,

Der mir die Hand so traulich angeboten?

An ihn will ich mich schließen! Im Verborgnen

Verwahr' er mich, als reinen Talisman.

Denn, wenn ein Wunder auf der Welt geschieht,

Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen.

Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht,

Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken;

Das alles wird ein günstiges Geschick

Zu rechter Zeit auf hohe Zwecke leiten.

Und wenn mein Vater, mein Monarch mich einst

Verkannt, verstoßen, mich vergessen, soll

Erstaunt ihr Blick auf der Erhaltnen ruhn,

Die das, was sie im Glücke zugesagt,

Aus tiefem Elend zu erfüllen strebt.

Er kommt! Ich seh' ihm freundiger entgegen,

Als ich ihn ließ. Er kommt. Er sucht mich auf!

Zu scheiden denkt er--bleiben werd' ich ihm.

Neunter Auftritt

Eugenie. Gerichtsrat. Ein Knabe mit einem schönen Kästchen.

Gerichtsrat.

Schon ziehn die Schiffe nacheinander fort,

Und bald, so fürcht' ich, wirst auch du berufen.

Empfange noch ein herzlich Lebewohl

Und eine frische Gabe, die auf langer Fahrt

Beklommnen Reisenden Erquickung atmet.

Gedenke mein! O dass du meiner nicht

Am bösen Tage sehnsuchtsvoll gedenkest!

Eugenie.

Ich nehme dein Geschenk mit Freuden an,

Es bürgt mir deine Neigung, deine Sorgfalt;

Doch send' es eilig in dein Haus zurück!

Und wenn du denkst, wie du gedacht, empfindest,

Wie du empfunden, wenn dir meine Freundschaft

Genügen kann, so folg' ich dir dahin.

Gerichtsrat (nach einer Pause, den Knaben durch einen Wink entfernend).

Ist's möglich? Hätte sich zu meiner Gunst

In kurzer Zeit dein Wille so verändert?

Eugenie.

Er ist verändert! Aber denke nicht,

Dass Bangigkeit mich dir entgegen treibe.

Ein edleres Gefühl, lass mich's verbergen!

Hält mich am Vaterland, an dir zurück.

Nun sei's gefragt: Vermagst du hohen Muts

Entsagung der Entsagenden zu weihen?

Vermagst du zu versprechen, mich als Bruder

Mit reiner Neigung zu empfangen? Mir,

Der liebevollen Schwester, Schutz und Rat

Und stille Lebensfreude zu gewähren?

Gerichtsrat.

Zu tragen glaub' ich alles, nur das eine,

Dich zu verlieren, da ich dich gefunden,

Erscheint mir unerträglich. Dich zu sehen,

Dir nah zu sein, für dich zu leben, wäre

Mein einzig höchstes Glück. Und so bedinge

Dein Herz allein das Bündnis, das wir schließen.

Eugenie.

Von dir allein gekannt, muss ich fortan,

Die Welt vermeidend, im Verborgnen leben.

Besitzest du ein still entferntes Landgut,

So widm' es mir und sende mich dahin.

Gerichtsrat.

Ein kleines Gut besitz' ich, wohl gelegen;

Doch alt und halb verfallen ist das Haus.

Du kannst jedoch in jener Gegend bald

Die schönste Wohnung finden, sie ist feil.

Eugenie.

Nein! In das alt verfallne lass mich ziehn,

Zu meiner Lager stimmt es, meinem Sinn.

Und wenn er sich erheitert, find' ich gleich

Der Tätigkeit bereiten Stoff und Raum.

Sobald ich mich die deine nenne, lass,

Von irgend einem alten zuverläss'gen Knecht

Begleitet, mich in Hoffnung einer künft'gen

Beglückung Auferstehung mich begraben.

Gerichtsrat.

Und zum besuch, wann darf ich dort erscheinen?

Eugenie.

Du wartest meinen Ruf geduldig ab.

Auch solch ein Tag wird kommen, uns vielleicht

Mit ernsten Banden enger zu verbinden.

Gerichtsrat.

Du legest mir zu schwere Prüfung auf.

Eugenie.

Erfülle deine Pflichten gegen mich;

Dass ich die meinen kenne, sei gewiss.

Indem du, mich zu retten, deine Hand

Mir bietest, wagst du viel. Werd' ich entdeckt,

Werd' ich's zu früh, so kannst du vieles dulden.

Ich sage dir das tiefste Schweigen zu;

Woher ich komme, niemand soll's erfahren,

Ja, die entfernten Leiben will ich nur

Im Geist besuchen, keine Zeile soll,

Kein Bote dort mich nennen, wo vielleicht

Zu meinem Heil ein Funke glühen möchte.

Gerichtsrat.

In diesem wicht'gen Fall, was soll ich sagen?

Uneigennütz'ge Liebe kann der Mund

Mit Frechheit oft beteuern, wenn im Herzen

Der Selbstsucht Ungeheuer lauschend grinst.

Die Tat allein beweist der Liebe Kraft.

Indem ich dich gewinne, soll ich allem

Entsagen, deinem Blick sogar! Ich will's.

Wie du zum ersten Male mir erschienen,

Erscheinst du bleibend mir, ein Gegenstand

Der Neigung, der Verehrung. Deinetwillen

Wünsch' ich zu leben, du gebietest mir.

Und wenn der Priester sich sein Leben lang

Der unsichtbaren Gottheit niederbeugt,

Die im beglückten Augenblick vor ihm

Als höchstes Musterbild vorüberging,

So soll von deinem Dienste mich fortan,

Wie du dich auch verhüllest, nichts zerstreun.

Eugenie.

Ob ich vertraue, dass dein Äußres nicht,

Nicht deiner Worte Wohllaut lügen kann;

Dass ich empfinde, welch ein Mann du bist,

Gerecht, gefühlvoll, tätig, zuverlässig,

Davon empfange den Beweis, den höchsten,

Den eine Frau besonnen geben kann!

Ich zaudre nicht, ich eile, dir zu folgen!

Hier meine Hand; wir gehen zum Altar.

Die natürliche Tochter · 第 5 / 5 段