Herzog.

Durch Trauern wird die Trauer zum Genuss.

O dass ich doch geschwundner Asche Rest,

Im kleinen Hause, wandernd, immer weiter,

Bis zu dem Ort, wo ich zuletzt sie sah,

Als Büßender mit kurzen Schritten trüge!

Dort lag sie tot in meinen Armen, dort

Sah ich, getäuscht, sie in das Leben kehren.

Ich glaubte, sie zu fassen, sie zu halten,

Und nun ist sie auf ewig mir entrückt.

Dort aber will ich meinen Schmerz verew'gen.

Ein Denkmal der Genesung hab' ich dort

In meines Traums Entzückungen gelobt--

Schon führet klug des Gartenmeisters Hand

Durch Busch und Fels bescheidne Wege her,

Schon wird der Platz gerundet, wo mein König

Als Oheim sie an seine Brust geschlossen,

Und ebenmaß und Ordnung will den Raum

Verherrlichen, der mich so hoch beglückt.

Doch jede Hand soll feiern! Halb vollbracht

Soll dieser Plan wie mein Geschick erstarren!

Das Denkmal nur, ein Denkmal will ich stiften,

Von rauen Steinen ordnungslos getürmt,

Dorthin zu wallen, stille zu verweilen,

Bis ich vom Leben endlich selbst genese.

O lasst mich dort, versteint, am Steine ruhn,

Bis aller Sorgfalt lichtgezogne Spur

Aus dieser Wüste Trauersitz verschwindet!

Mag sich umher der freie Platz berasen,

Mag sich der Zweig dem Zweige wild verflechten,

Der Birke hangend Haar den Boden schlagen,

Der junge Busch zum Baume sich erheben,

Mit Moos der glatte Stamm sich überziehn;

Ich fühle keine Zeit; denn sie ist hin,

An deren Wachstum ich die Jahre maß.

Weltgeistlicher.

Den viel bewegten Reiz der Welt zu meiden,

Das Einerlei der Einsamkeit zu wählen,

Wird sich's der Mann erlauben, der sich oft

Wohltätiger Zerstreuung übergab,

Wenn Unerträgliches, mit Felsenlast

Herbei sich wälzend, ihn bedrohend, schlich?

Hinaus! Mit Flügelschnelle durch das Land,

Durch fremde Reiche, dass vor deinem Sinn

Der Erde Bilder heilend sich bewegen.

Herzog.

Was hab' ich in der Welt zu suchen, wenn

Ich sie nicht wieder finde, die allein

Ein Gegenstand für meine Blicke war?

Soll Fluss und Hügel, Tal und Wald und Fels

Vorüber meinen Augen gehen und nur

Mir das Bedürfnis wecken, jenes Bild,

Das einzige geliebte, zu erhaschen?

Vom hohen Berg hinab, ins weite Meer,

Was soll für mich ein Reichtum der Natur,

Der an Verlust und Armut mich erinnert!

Weltgeistlicher.

Und neue Güter eignest du dir an!

Herzog.

Nur durch der Jugend frisches Auge mag

Das längst Bekannte neubelebt uns rühren,

Wenn das Erstaunen, das wir längst verschmäht,

Von Kindes Munde hold uns widerklingt.

So hofft' ich, ihr des Reichs bebaute Flächen,

Der Wälder Tiefen, der Gewässer Flut

Bis an das offne Meer zu zeigen, dort

Mich ihres trunknen Blicks ins Unbegrenzte

Mit unbegrenzter Liebe zu erfreun.

Weltgeistlicher.

Wenn du, erhabner Fürst, des großen Lebens

Beglückte Tage der Beschauung nicht

Zu widmen trachtetest, wenn Tätigkeit

Fürs Wohl Unzähliger am Throne dir

Zum Vorzug der Geburt den herrlichern

Des allgemeinen, edlen Wirkens gab,

So ruf' ich dich im Namen aller auf:

Ermanne dich! Und lass die trüben Stunden,

Die deinen Horizont umziehn, für andre,

Durch Trost und Rat und Hilfe, lass für dich

Auch diese Stunden so zum Feste werden.

Herzog.

Wie schal und abgeschmackt ist solch ein Leben,

Wenn alles Regen, alles Treiben stets

Zu neuem Regen, neuem Treiben führt

Und kein geliebter Zweck euch endlich lohnt.

Den sah ich nur in ihr, und so besaß

Und so erwarb ich mit Vergnügen, ihr

Ein kleines Reich anmut'gen Glücks zu schaffen.

So war ich heiter, aller Menschen Freund,

Behilflich, wach, zu Rat und Tat bequem.

Den Vater lieben sie! So sagt' ich mir,

Dem Vater danken sie's und werden auch

Die Tochter einst als werte Freundin grüßen.

Weltgeistlicher.

Zu süßen Sorgen bleibt nun keine Zeit!

Ganz andre fordern dich, erhabner Mann!

Darf ich's erwähnen? Ich, der unterste

Von deinen Dienern? Jeder ernste Blick

In diesen trüben Tagen ist auf dich,

Auf deinen Wert, auf deine Kraft gerichtet.

Herzog.

Der Glückliche nur fühlt sich Wert und Kraft.

Weltgeistlicher.

So tiefer Schmerzen heiße Qual verbürgt

Dem Augenblick unendlichen Gehalt,

Mir aber auch Verzeihung, wenn sich kühn

Vertraulichkeit von meinen Lippen wagt.

Wie heftig wilde Gärung unten kocht,

Wie Schwäche kaum sich oben schwankend hält;

Nicht jedem wird es klar, dir aber ist's

Mehr als der Menge, der ich angehöre.

O zaudre nicht, im nahen Sturmgewitter

Das falsch gelenkte Steuer zu ergreifen!

Zum Wohle deines Vaterlands verbanne

Den eignen Schmerz; sonst werden tausend Väter

Wie du um ihre Kinder weinen, tausend

Und aber tausend Kinder ihre Väter

Vermissen, Angstgeschrei der Mütter grässlich

An hohler Kerkerwand verklingend hallen.

O bringe deinen Jammer, deinen Kummer

Auf dem Altar des allgemeinen Wohls

Zum Opfer dar, und alle, die zu rettest,

Gewinnst du dir als Kinder zum Ersatz.

Herzog.

Aus grauenvollen Winkeln führe nicht

Mir der Gespenster dichte Schar heran,

Die meiner Tochter liebliche Gewalt

Mir zaubrisch oft und leicht hinweggebannt.

Sie ist dahin, die schmeichlerische Kraft,

Die meinen Geist in holde Träume sang.

Nun drängt das Wirkliche mit dichten Massen

An mich heran und droht, mich zu erdrücken.

Hinaus, hinaus! Von dieser Welt hinweg!

Und lügt mir nicht das Kleid, in dem du wandelst,

So führe mich zur Wohnung der Geduld,

Ins Kloster führe mich und lass mich dort,

Im allgemeinen Schweigen, stumm, gebeugt,

Ein müdes Leben in die Grube senken.

Weltgeistlicher.

Mir ziemt es kaum, dich an die Welt zu weisen;

Doch andre Worte sprech' ich kühner aus.

Nicht in das Grab, nicht übers Grab verschwendet

Ein edler Mann der Sehnsucht hohen Wert.

Er kehrt in sich zurück und findet staunend

In seinem Busen das Verlorene wieder.

Herzog.

Dass ein Besitz so fest sich hier erhält,

Wenn das Verlorne fern und ferner flieht,

Das ist die Qual, die das geschiedene,

Für ewig losgerissne Glied aufs neue

Dem Schmerz ergriffnen Körper fügen will.

Getrenntes Leben, wer vereinigt's wieder?

Vernichtetes, wer stellt es her?

Weltgeistlicher.

Der Geist!

Des Menschen Geist, dem nichts verloren geht,

Was er von Wert mit Sicherheit besessen.

So lebt Eugenie vor dir, sie lebt

In deinem Sinne, den sie sonst erhub,

Dem sie das Anschaun herrlicher Natur

Lebendig aufgeregt; so wirkt sie noch

Als hohes Vorbild, schützet vor Gemeinem,

Vor Schlechtem dich, wie's jede Stunde bringt,

Und ihrer Würde wahrer Glanz verscheuchet

Den eitlen Schein, der dich bestechen will.

So fühle dich durch ihre Kraft beseelt!

Und gib ihr so ein unzerstörlich Leben,

Das keine Macht entreißen kann, zurück.

Herzog.

Lass eines dumpfen, dunklen Traumgeflechtes

Verworrne Todesnetze mich zerreißen!

Und bleibe mir, du vielgeliebtes Bild,

Vollkommen, ewig jung und ewig gleich!

Lass deiner klaren Augen reines Licht

Mich immerfort umglänzen! Schwebe vor,

Wohin ich wandle, zeige mir den Weg

Durch dieser Erde Dornenlabyrinth!

Du bist kein Traumbild, wie ich dich erblicke;

Du warst, du bist. Die Gottheit hatte dich

Vollendet einst gedacht und dargestellt.

So bist du teilhaft des Unendlichen,

Des Ewigen, und bist auf ewig mein.

Vierter Aufzug

(Platz am Hafen. Zur einen Seite ein Palast, auf der andern eine Kirche,

im Grund eine Reihe Bäume, durch die man nach dem Hafen hinab sieht.)

Erster Auftritt

Eugenie, in einen Schleier gehüllt, auf einer Bank im Grunde,

mit dem Gesicht nach der See. Hofmeisterin, Gerichtsrat im

Vordergrunde.

Hofmeisterin.

Drängt unausweichlich ein betrübt Geschäft

Mich aus dem Mittelpunkt des Reiches, mich

Aus dem Bezirk der Hauptstadt an die Grenze

Des festen Lands zu diesem Hafenplatz,

So folgt mir streng die Sorge, Schritt vor Schritt,

Und deutet mir bedenklich in die Weite.

Wie müssen Rat und Anteil eines Manns,

Der allen edel, zuverlässig gilt,

Mir als ein Leitstern wonniglich erscheinen!

Verzeih daher, wenn ich mit diesem Blatt,

Das mich zu solcher schweren Tat berechtigt,

Zu dir mich wendend komme, den so lange

Man im Gericht, wo viel Gerechte wirken,

Erst pries als Beistand, nun als Richter preist.

Gerichtsrat (der indessen das Blatt nachdenkend angesehen).

Nicht mein Verdienst, nur mein Bemühen war

Vielleicht zu preisen. Sonderbar jedoch

Will es mich dünken, dass du eben diesen,

Den du gerecht und edel nennen willst,

In solcher Sache fragen, ihm getrost

Solch ein Papier vors Auge dringen magst,

Worauf er nur mit Schauder blicken kann.

Nicht ist von Recht, noch von Gericht die Rede;

Hier ist Gewalt! Entsetzliche Gewalt,

Selbst wenn sie klug, selbst wenn sie weise handelt.

Anheim gegeben ward ein edles Kind,

Auf Tod und Leben--sag' ich wohl zu viel?--

Anheim gegeben deiner Willkür. Jeder,

Sei er Beamter, Kriegsmann, Bürger, alle

Sind angewiesen, dich zu schützen, sie

Nach deines Worts Gesetzen zu behandeln.

(Er gibt das Blatt zurück.)

Hofmeisterin.

Auch hier beweise dich gerecht und lass

Nicht dies Papier allein als Kläger sprechen,

Auch mich, die hart Verklagte, höre nun

Und meinen offnen Vortrag günstig an.

Aus edlem Blut entspross die Treffliche;

Von jeder Gabe, jeder Tugend schenkt'

Ihr die Natur den allerschönsten Teil,

Wenn das Gesetz ihr andre Rechte weigert.

Und nun verbannt! Ich sollte sie dem Kreise

Der Ihrigen entführen, sie hierher,

Hinüber nach den Inseln sie geleiten.

Gerichtsrat.

Gewissem Tod entgegen, der im Qualm

Erhitzter Dünste schleichend überfällt.

Dort soll verwelken diese Himmelsblume,

Die Farbe dieser Wange dort verbleichen!

Verschwinden die Gestalt, die sich das Auge

Mit Sehnsucht immer zu erhalten wünscht.

Hofmeisterin.

Bevor du richtest, höre weiter an!

Unschuldig ist, bedarf es wohl Beteurung?

Doch vieler Übel Ursach' dieses Kind.

Sie als des Haders Apfel warf ein Gott

Erzürnt ins Mittel zwischen zwei Parteien,

Die sich, auf ewig nun getrennt, bekämpfen.

Sie will der eine Teil zum höchsten Glück

Berechtigt wissen, wenn der andre sie

Hinabzudrängen strebt. Entschieden beide!--

Und so umschlang ein heimlich Labyrinth

Verschmitzten wirkens doppelt ihr Geschick,

So schwankte List um List im Gleichgewicht,

Bis ungeduld'ge Leidenschaft zuletzt

Den Augenblick entschiedenen Gewinns

Beschleunigte. Da brach von beiden Seiten

Die Schranke der Verstellung, drang Gewalt,

Dem Staate selbst gefährlich, drohend los,

Und nun, sogleich der Schuld'gen Schuld zu hemmen,

Zu tilgen, trifft ein hoher Götterspruch

Des Kampfs unschuld'gen Anlass, meinen Zögling,

Und reißt, verbannend, mich mit ihm dahin.

Gerichtsrat.

Ich schelte nicht das Werkzeug, rechte kaum

Mit jenen Mächten, die sich solche Handlung

Erlauben können. Leider sind auch sie

Gebunden und gedrängt. Sie wirken selten

Aus freier Überzeugung. Sorge, Furcht

Vor größerm Übel nötiget Regenten

Die nützlich ungerechten Taten ab.

Vollbringe, was du musst, entferne dich

Aus meiner Enge rein gezognem Kreis.

Hofmeisterin.

Den eben such' ich auf! Da dring' ich hin!

Dort hoff' ich Heil! Du wirst mich nicht verstoßen.

Den werten Zögling wünscht' ich lange schon

Vom Glück zu überzeugen, das im Kreise

Des Bürgerstandes hold genügsam weilt.

Entsagte sie der nicht gegönnten Höhe,

Ergäbe sich des biedern Gatten Schutz

Und wendete von jenen Regionen,

Wo sie Gefahr, Verbannung, Tod umlauern,

Ins Häusliche den liebevollen Blick;

Gelöst wär' alles, meiner strengen Pflicht

Wär' ich entledigt, könnt' im Vaterland

Vertrauter Stunden mich verweilend freuen.

Gerichtsrat.

Ein sonderbar Verhältnis zeigst du mir!

Hofmeisterin.

Dem klug entschlossnen Manne zeig' ich's an.

Gerichtsrat.

Du gibst sie frei, wenn sich ein Gatte findet?

Hofmeisterin.

Und reichlich ausgestattet geb' ich sie.

Gerichtsrat.

So übereilt, wer dürfte sich entschließen?

Hofmeisterin.

Nur übereilt bestimmt die Neigung sich.

Gerichtsrat.

Die Unbekannte wählen wäre Frevel.

Hofmeisterin.

Dem ersten Blick ist sie gekannt und wert.

Gerichtsrat.

Der Gattin Feinde drohen auch dem Gatten.

Hofmeisterin.

Versöhnt ist alles, wenn sie Gattin heißt.

Gerichtsrat.

Und ihr Geheimnis, wird man's ihm entdecken?

Hofmeisterin.

Vertrauen wird man dem Vertrauenden.

Gerichtsrat.

Und wird sie frei solch einen Bund erwählen?

Hofmeisterin.

Ein großes Übel dränget sie zur Wahl.

Gerichtsrat.

In solchem Fall zu werben, ist es redlich?

Hofmeisterin.

Der Rettende fasst an und klügelt nicht.

Gerichtsrat.

Was forderst du vor allen andern Dingen?

Hofmeisterin.

Entschließen soll sie sich im Augenblick.

Gerichtsrat.

Ist euer Schicksal ängstlich so gesteigert?

Hofmeisterin.

Im Hafen regt sich emsig schon die Fahrt.

Gerichtsrat.

Hast du ihr früher solchen Bund geraten?

Hofmeisterin.

Im allgemeinen deutet' ich dahin.

Gerichtsrat.

Entfernte sie unwillig den Gedanken?

Hofmeisterin.

Noch war das alte Glück ihr allzu nah.

Gerichtsrat.

Die schönen Bilder, werden sie entweichen?

Hofmeisterin.

Das hohe Meer hat sie hinweggeschreckt.

Gerichtsrat.

Sie fürchtet, sich vom Vaterland zu trennen?

Hofmeisterin.

Sie fürchtet's, und ich fürcht' es wie den Tod.

O lass uns, Edler, glücklich Aufgefundner,

Vergebne Worte nicht bedenklich wechseln!

Noch lebt in dir, dem Jüngling, jede Tugend,

Die mächt'gen Glaubens, unbedingter Liebe

Zu nie genug geschätzter Tat bedarf.

Gewiss umgibt ein schöner Kreis dich auch

Von Ähnlichen! Von Gleichen sag' ich nicht!

O seih dich um in deinem eignen Herzen,

In deiner Freunde Herzen sieh umher,

Und findest du ein überfließend Maß

Von Liebe, von Ergebung, Kraft und Mut,

So werde dem Verdientesten dies Kleinod

Mit stillem Segen heimlich übergeben!

Gerichtsrat.

Ich weiß, ich fühle deinen Zustand, kann

Und mag nicht mit mir selbst bedächtig erst.

Wie Klugheit forderte, zu Rate gehen!

Ich will sie sprechen.

Hofmeisterin (tritt zurück gegen Eugenie).

Gerichtsrat.

Was geschehen soll,

Es wird geschehn! In ganz gemeinen Dingen

Hängt viel von Wahl und Wollen ab; das Höchste,

Was uns begegnet, kommt wer weiß woher.

Zweiter Auftritt

Eugenie. Gerichtsrat.

Gerichtsrat.

Indem du mir, verehrte Schöne, nahst,

So zweifl' ich fast, ob man mich treu berichtet.

Du bist unglücklich, sagt man; doch du bringst,

Wohin du wandelst, Glück und Heil heran.

Eugenie.

Find' ich den ersten, dem aus tiefer Not

Ich Blick und Wort entgegen wenden darf,

So mild und edel, als du mir erscheinst;

Dies Angstgefühl, ich hoffe, wird sich lösen.

Gerichtsrat.

Ein viel Erfahrner wäre zu bedauern,

Wär' ihm das Los gefallen, das dich trifft;

Wie ruft nicht erst bedrängter Jugend Kummer

Die Mitgefühle hilfsbedürftig an!

Eugenie.

So hob ich mich vor kurzem aus der Nacht

Des Todes an des Tages Licht herauf,

Ich wusste nicht, wie mir geschehn! Wie hart

Ein jäher Sturz mich lähmend hingestreckt.

Da rafft' ich mich empor, erkannte wieder

Die schöne Welt, ich sah den Arzt bemüht,

Die Flamme wieder anzufachen, fand

In meines Vaters liebevollem Blick,

An seinem Ton mein Leben wieder. Nun

Zum zweiten Mal, von einem jähern Sturz,

Erwach' ich! Fremd und schattengleich erscheint

Mir die Umgebung, mir der Menschen Wandeln,

Und deine Milde selbst ein Traumgebild.

Gerichtsrat.

Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,

Sind sie wohl näher als die Nächsten, die

Oft unsern Gram als wohlbekanntes Übel

Mit lässiger Gewohnheit übersehn.

Dein Zustand ist gefährlich! Ob er gar

Unheilbar sei, wer wagt es zu entscheiden!

Eugenie.

Ich habe nichts zu sagen! Unbekannt

Sind mir die Mächte, die mein Elend schufen.

Du hast das Weib gesprochen, jene weiß;

Ich dulde nur dem Wahnsinn mich entgegen.

Gerichtsrat.

Was auch der Obermacht gewalt'gen Schluss

Auf dich herab gerufen, leichte Schuld,

Ein Irrtum, den der Zufall schädlich leitet;

Die Achtung bleibt, die Neigung spricht für dich.

Eugenie.

Des reinen Herzens traulich mir bewusst,

Sinn' ich der Wirkung kleiner Fehler nach.

Gerichtsrat.

Auf ebnem Boden straucheln ist ein Scherz,

Ein Fehltritt stürzt vom Gipfel dich herab.

Eugenie.

Auf jenen Gipfeln schwebt' ich voll Entzücken,

Der Freunde Übermaß verwirrte mich.

Das nahe Glück berührt' ich schon im Geist,

Ein köstlich Pfand lag schon in meinen Händen.

Nur wenig Ruhe! Wenige Geduld!

Und alles war, so darf ich glauben, mein.

Doch übereilt' ich's, überließ mich rasch

Zudringlicher Versuchung.--War es das?--

Ich sah, ich sprach, was mir zu sehn, zu sprechen

Verboten war. Wird ein so leicht Vergehn

So hart bestraft? Ein lässlich scheinendes,

Scherzhafter Probe gleichendes Verbot,

Verdammt's den Übertreter ohne Schonung?

O, so ist's wahr, was uns der Völker Sagen

Unglaublich überliefern! Jenes Apfels

Leichtsinnig augenblicklicher Genuss

Hat aller Welt unendlich Weh verschuldet.

So ward auch mir ein Schlüssel anvertraut!

Verbotne Schätze wagt' ich aufzuschließen,

Und aufgeschlossen hab' ich mir das Grab.

Gerichtsrat.

Des Übels Quelle findest du nicht aus,

Und aufgefunden fließt sie ewig fort.

Eugenie.

In kleinen Fehlern such' ich's, gebe mir

Aus eitlem Wahn die Schuld so großer Leiden.

Nur höher, höher wende den Verdacht!

Die beiden, denen ich mein ganzes Glück

Zu danken hoffte, die erhabnen Männer,

Zum Scheine reichten sie sich Hand um Hand.

Der innre Zwist unsicherer Parteien,

Der nur in düstern Höhlen sich geneckt,

Er bricht vielleicht ins Freie bald hervor!

Und was mich erst als Furcht und Sorg' umgeben,

Entscheidet sich, indem es mich vernichtet,

Und droht Vernichtung aller Welt umher.

Gerichtsrat.

Du jammerst mich! Das Schicksal einer Welt

Verkündest du nach deinem Schmerzgefühl.

Und schien dir nicht die Erde froh und glücklich,

Als du, ein heitres Kind, auf Blumen schrittest?

Eugenie.

Wer hat es reizender als ich gesehn,

Der Erde Glück mit allen seinen Blüten.

Ach, alles um mich her, es war so reich,

So voll und rein, und was der Mensch bedarf,

Es schien zur Lust, zum Überfluss gegeben.

Und wem verdankt' ich solch ein Paradies?

Der Vaterliebe dankt' ich's, die, besorgt

Ums Kleinste, wie ums Größte, mich verschwendrisch

Mit Prachtgenüssen zu erdrücken schien

Und meinen Körper, meinen Geist zugleich,

Ein solches Wohl zu tragen, bildete.

Wenn alles weichlich Eitle mich umgab,

Ein wonniges Behagen mir zu schmeicheln,

So rief mich ritterlicher Trieb hinaus,

Zu Ross und Wagen, mit Gefahr zu kämpfen.

Oft sehnt' ich mich in ferne Weiten hin,

Nach fremder Lande seltsam neuen Kreisen.

Dorthin versprach der edle Vater mich,

Ans Meer versprach er mich zu führen, hoffte

Sich meines ersten Blicks ins Unbegrenzte

Mit liebevollem Anteil zu erfreun--

Da steh' ich nun und schaue weit hinaus,

Und enger scheint mich's, enger zu umschließen.

O Gott, wie schränkt sich Welt und Himmel ein,

Wenn unser Herz in seinen Schranken banget!

Gerichtsrat.

Unselige! Die mir aus deinen Höhen,

Ein Meteor, verderblich niederstreifst

Und meiner Bahn Gesetz berührend störst!

Auf ewig hast du mir den heitren Blick

Ins volle Meer getrübt. Wenn Phöbus nun

Ein feuerwallend Lager sich bereitet,

Und jedes Auge von Entzücken tränt,

Da werd' ich weg mich wenden, werde dich

Und dein Geschick beweinen. Fern am Rande

Des nachtumgebnen Ozeans erblick' ich

Mit Not und Jammer deinen Pfad umstrickt!

Entbehrung alles nötig lang Gewohnten,

Bedrängnis neuer Übel, ohne Flucht.

Der Sonne glühendes Geschoss durchdringt

Ein feuchtes, kaum der Flut entrissnes Land.

Um Niederungen schwebet, gift'gen Brodens,

Blaudunst'ger Streifen angeschwollne Pest.

Im Vortod seh' ich, matt und hingebleicht,

von Tag zu Tag ein Kummerleben schwanken.

O die so blühend, heiter vor mir steht,

Sie soll so früh langsamen Tods verschwinden!

Eugenie.

Entsetzen rufst du mir hervor! Dorthin?

Dorthin verstößt man mich! In jenes Land,

Als Höllenwinkel mir von Kindheit auf

In grauenvollen Zügen dargestellt.

Dorthin, wo sich in Sümpfen Schlang' und Tiger

Durch Rohr und Dorngeflechte tückisch drängen,

Wo, peinlich quälend, als belebte Wolken

Um Wandrer sich Insektenscharen ziehn,

Wo jeder Hauch des Windes, unbequem

Und schädlich, Stunden raubt und Leben kürzt.

Zu bitten dacht' ich; flehend siehst du nun

Die Dringende. Du kannst, du wirst mich retten.

Gerichtsrat.

Ein mächtig ungeheurer Talisman

Liegt in den Händen deiner Führerin.

Eugenie.

Was ist Gesetz und Ordnung? Können sie

Der Unschuld Kindertage nicht beschützen?

Wer seid denn ihr, die ihr mit leerem Stolz

Durchs Recht Gewalt zu bänd'gen euch berühmt?

Gerichtsrat.

In abgeschlossnen Kreisen lenken wir

Gesetzlich streng das in der Mittelhöhe

Des Lebens wiederkehrend Schwebende.

Was droben sich in ungemessnen Räumen

Gewaltig seltsam hin und her bewegt,

Belebt und tötet ohne Rat und Urteil,

Das wird nach anderm Maß, nach andrer Zahl

Vielleicht berechnet, bleibt uns rätselhaft.

Eugenie.

Und ist das alles? Hast du weiter nichts

Zu sagen, zu verkünden?

Gerichtsrat.

Nichts!

Eugenie.

Ich glaub' es nicht!

Ich darf's nicht glauben.

Gerichtsrat.

Lass, o lass mich fort!

Soll ich als feig, als unentschlossen gelten?

Bedauern, jammern? Soll nicht irgendhin

Mit kühner Hand auf deine Rettung deuten?

Doch läge nicht in dieser Kühnheit selbst

Für mich die grässlichste Gefahr, von dir

Verkannt zu werden? Mit verfehltem Zweck

Als frevelhaft unwürdig zu erscheinen?

Eugenie.

Ich lasse dich nicht los, den mir das Glück,

Mein altes Glück, vertraulich zugesendet.

Mich hat's von Jugend auf gehegt, gepflegt,

Und nun im rauen Sturme sendet mir's

Den edlen Stellvertreter seiner Neigung.

Sollt' ich nicht sehen, fühlen, dass du teil

An mir und meinem Schicksal nimmst? Ich stehe

Nicht ohne Wirkung hier: Du sinnst! Du denkst!--

Im weiten Kreise rechtlicher Erfahrung

Schaust du zu meinen Gunsten um dich her.

Noch bin ich nicht verloren! Ja, du suchst

Ein Mittel, mich zu retten; hast es wohl

Schon ausgefunden! Mir bekennt's dein Blick,

Dein tiefer, ernster, freundlich trüber Blick.

O kehre dich nicht weg! O sprich es aus,

Ein hohes Wort, das mich zu heilen töne!

Gerichtsrat.

So wendet voll Vertrauen zum Arzte sich

Der tief Erkrankte, fleht um Linderung,

Fleht um Erhaltung schwer bedrohter Tage;

Als Gott erscheint ihm der erfahrne Mann.

Doch ach! Ein bitter, unerträglich Mittel

Wird nun geboten. Ach! Soll ihm vielleicht

Der edlen Glieder grausame Verstümmlung,

Verlust statt Heilung angekündigt werden?

Gerettet willst du sein! Zu retten bist du,

Nicht herzustellen. Was du warst, ist hin,

Und was du sein kannst, magst du's übernehmen?

Eugenie.

Um Rettung aus des Todes Nachtgewalt,

Um dieses Lichts erquickenden Genuss,

Um Sicherheit des Daseins ruft zuerst

Aus tiefer Not ein Halbverlorner noch.

Was dann zu heilen sei, was zu erstatten,

Was zu vermissen, lehre Tag um Tag.

Gerichtsrat.

Und nächst dem Leben, was erflehst du dir?

Eugenie.

Des Vaterlandes vielgeliebten Boden!

Gerichtsrat.

Du forderst viel im einz'gen, großen Wort!

Eugenie.

Ein einzig Wort enthält mein ganzes Glück.

Gerichtsrat.

Den Zauberbann, wer wagt's, ihn aufzulösen?

Eugenie.

Der Tugend Gegenzauber siegt gewiss!

Gerichtsrat.

Der obern Macht ist schwer zu widerstehen.

Eugenie.

Allmächtig ist sie nicht, die obre Macht.

Gewiss! Dir gibt die Kenntnis jener Formen,

Für Hohe wie für Niedre gleich verbindlich,

Ein Mittel an. Du lächelst. Ist es möglich!

Das Mittel ist gefunden! Sprich es aus!

Gerichtsrat.

Was hilf' es, meine Beste, wenn ich dir

Von Möglichkeiten spräche! Möglich scheint

Fast alles unsern Wünschen; unsrer Tat

Setzt sich von innen wie von außen viel,

Was sie durchaus unmöglich macht, entgegen.

Ich kann, ich darf nicht reden, lass mich los!

Eugenie.

Und wenn du täuschen solltest!--Wäre nur

Für Augenblicke meiner Phantasie

Ein zweifelhafter, leichter Flug vergönnt!

Ein Übel um das andre biete mir!

Ich bin gerettet, wenn ich wählen kann.

Gerichtsrat.

Ein Mittel gibt es, dich im Vaterland

Zurückzuhalten. Friedlich ist's und manchem

Erschien' es auch erfreulich. Große Gunst

Hat es vor Gott und Menschen. Heil'ge Kräfte

Erheben's über alle Willkür. Jedem,

Der's anerkennt, sich's anzueignen weiß,

Verschafft es Glück und Ruhe. Vollbestand

Erwünschter Lebensgüter sind wir ihm,

So wie der Zukunft höchste Bilder schuldig.

Als allgemeines Menschengut verordnet's

Der Himmel selbst und ließ dem Glück, der Kühnheit

Und stiller Neigung Raum, sich's zu erwerben.

Eugenie.

Welch Paradies in Rätseln stellst du dar?

Gerichtsrat.

Der eignen Schöpfung himmlisch Erdenglück.

Eugenie.

Was hilft mein Sinnen! Ich verwirre mich!

Gerichtsrat.

Errätst du's nicht, so liegt es fern von dir.

Eugenie.

Das zeige sich, sobald du ausgesprochen.

Gerichtsrat.

Ich wage viel! Der Ehstand ist es!

Eugenie.

Wie?

Gerichtsrat.

Gesprochen ist's, nun überlege du.

Eugenie.

Mich überrascht, mich ängstet solch ein Wort.

Gerichtsrat.

Ins Auge fasse, was dich überrascht.

Eugenie.

Mir lag es fern in meiner frohen Zeit,

Nun kann ich seine Nähe nicht ertragen;

Die Sorge, die Beklemmung mehrt sich nur.

Von meines Vaters, meines Königs Hand

Musst' ich dereinst den Bräutigam erwarten.

Voreilig schwärmte nicht mein Blick umher,

Und keine Neigung wuchs in meiner Brust.

Nun soll ich denken, was ich nie gedacht,

Und fühlen, was ich sittsam weg gewiesen;

Soll mir den Gatten wünschen, eh' ein Mann

Sich liebenswert und meiner wert gezeigt,

Und jenes Glück, das Hymen uns verspricht,

Zum Rettungsmittel meiner Not entweihen.

Die natürliche Tochter · 第 3 / 5 段