Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bes

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Rückblicke

Dr. rer. pol. Walter Grünfeld

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Frühes Panorama und Vorgeschichte

Kapitel 2 Die Familie und Kattowitz

Kapitel 3 Kindheit und frühe Jugend

Kapitel 4 Kattowitz kommt zu Polen

Kapitel 5 Als Student in der Weimarer Republik

A) Berlin

a) Leben und Studium

b) ... und politische Betätigung

B) München

C) Zwischen Breslau und zu Hause

Kapitel 6 Nach dem Ende von Weimar

Kapitel 7 Emigration nach Hause, in Polen

Kapitel 8 Der 2. Weltkrieg bricht aus

Kapitel 9 Kriegsflüchtling

Anmerkungen

Literatur

Kapitel 1

Frühes Panorama und Vorgeschichte

Wenn man von einem Nachmittagsausflug nach dem Franziskanerkloster

Panewnik durch einen damals reichen, grünen Laubwald zurückwanderte

und aus dem Wald trat, da hatte man, von leichter Anhöhe, ein gutes

Panorama von Kattowitz vor sich, mit dem benachbarten Zalenze und

einigen noch weiter westlich und östlich gelegenen Industriegemeinden,

aber man erschrak auch, denn man sah, wie alle diese bewohnten

Gegenden in dichte Wolken von Dunst und Rauch getaucht waren. Und

dort lebten wir also. Mußte man also jetzt dorthin zurücklaufen?

Das war aber nur eines von recht wenigen Malen, daß ich das als Kind

gefragt habe. Für mich war diese Silhouette der Kohlengruben, Eisen­

und Zinkhütten, die sich da wie eine Kette von Ost nach West inmitten

der Ortschaften hinzogen, eine Faszination, es war die Heimat, in der

und mit der man lebte. Ja, es gab dort oft so einen Geruch und

Geschmack nach Rauch, er war würzig, man kannte ihn. Aber die Natur

reichte an die Stadt heran; um die Stadt war viel unbebautes Feld,

teils angebaut mit Roggen, Hafer, viel Kartoffeln, Kohl und Rüben,

teils ganz leer, hart und steinig, holprig, die sogenannten

Bruchfelder, die besonders stark von einer Grube unterbaut waren.

Dann weiter im Süden begann der Wald, das waren die Ausläufer der

großen Wälder des Fürstentums Pleß, die etwa dreißig Kilometer bis

Pleß sich ausstreckten. Man konnte zum Nachmittagskaffee durch den

Wald nach "Emanuelssegen", Murcki, laufen. Da war nicht nur eine

Gartenwirtschaft, sondern auch eine große Kohlengrube, die eigentlich

in einer sehr großen Lichtung im Wald lag. Weiter südlich lag dann

in den Plesser Wäldern der Paprozaner See. Dort gab es nicht nur das

Jagdschlößchen Promnitz. Da war auch einmal ein "Eisenhammer". Man

konnte die Überreste noch sehen. Es wurde viel Holz und Holzkohle

dafür gebraucht, aber jetzt war die Eisenverhüttung zu den

Kohlenflözen gezogen, wo sie zu enormen Unternehmungen wurde, das

oberschlesische Industrierevier. Es entstand aus alten Dorfgemeinden

die Kette von Industrieortschaften. Vor allem an den

Hauptverkehrsadern gingen sie ineinander über. Dazwischen waren

größere und alte Städte wie Beuthen und die viel jüngere, erst im 19.

Jahrhundert entstandene Stadt Kattowitz. Die Orte hatten eine oder

mehrere Kohlengruben als wirtschaftliche Basis und einige hatten

Eisenhütten und Stahlwerke oder Zinkerzgruben und ­hütten.

Das war ein früher Eindruck meiner Kindheit. Wir lebten in Kattowitz,

ein Teil der Familie in Beuthen, und wir besuchten sie dort oft.

Das waren etwa eineinhalbstündige Wagenreisen, später nach 1918 nur

noch halbstündige Autofahrten durch diesen Teil des Industriereviers,

etwa fünfzehn Kilometer. Ich kannte bald die Namen der Orte, Gruben

und Werke, an denen wir vorbeifuhren, alle mit Halden, besonders

russig und rauchig.

Meine ersten Kindheitserinnerungen an die Menschen in Oberschlesien

zeigen kaum Spuren von den großen Konflikten späterer Jahre und wie

man von Heute darauf zurückblickt. Ich war 1908 in Kattowitz geboren.

Dazwischen liegen zwei Weltkriege, der Zerfall von drei

Kaiserreichen, die so tragisch vergeblichen Existenzkämpfe der

Weimarer Republik und des unabhängigen Polens und dann die

Nazikatastrophe, die Deutschland, Europa und die ganze Welt, und noch

so besonders unbeschreiblich uns Juden betroffen hat.

Über den oberschlesischen Menschen ist oft geschrieben worden. Die

Sprache hatte in breiten Schichten der deutschsprechenden

Oberschlesier einen Akzent, der die Nachbarschaft mit den polnisch

sprechenden Oberschlesiern durchscheinen ließ, und durchsetzt war mit

manchen heimischen polnischen Kraftausdrücken. Es war eine recht

hart klingende, aber eine gemütliche Sprache. Bei uns zu Hause, in

der Schule und im Bekanntenkreis wurde Hochdeutsch gesprochen, die

Kraftausdrücke und der Akzent waren verpönt, aber das oberschlesische

Deutsch war doch um einen herum, man lebte damit. Auch das Polnisch

hörte man. In der Stadt wurde ganz vorwiegend Deutsch gesprochen,

aber polnisch hörte man als Kind zum Beispiel im Kontakt mit Bauern

und Bäuerinnen der Umgebung, die man bei den täglichen Spaziergängen

traf, oder wenn man auf den Markt mitging.

Aber mir fehlte als Kind das Gefühl für eine starke Spannung zwischen

deutsch und polnisch sprechenden Menschen in Oberschlesien, und ich

glaube, nicht nur wegen meiner Kindheit, sondern auch, daß diese

Spannung vor 1918 nicht so entwickelt war. Es ist richtig,

Oberschlesien war bereits im Reichstag durch den polnischen

Abgeordneten Korfanty vertreten, es gab polnische Vereine und

Zeitungen, Wahlkämpfe, aber es gingen alle in den Krieg 1914.

Wenn man über die Jahrhunderte zurückblickt, dann war Schlesien, und

besonders Oberschlesien so stark und häufig ein Gebiet der Übergänge,

mit wechselnden Siedlungseinflüssen und politischen Oberhoheiten.

Die Bevölkerung, die die Umwelt meiner Kindheit war, trug noch die

Zeichen davon. Es war auch ein Dialekt des Polnischen, bei uns

Wasserpolnisch genannt, im heutigen Polen "gwara", der in

Oberschlesien gesprochen wurde. Es hatte ja lange getrennt vom

polnischen Hauptland und zeitweise unter böhmischen (tschechischen)

und deutschen Einflüssen gelebt, die zu dieser Dialektbildung

beigetragen hatten. Die Südostecke Oberschlesiens, wo Kattowitz lag,

war so ganz besonders ein Grenzland. Wenn man an klaren Tagen nach

Süden sah, oder gar südlich auf dem Wege nach Pleß fuhr, dann sah man

die Gebirgskette der Beskiden, des nördlichen Teils der Karpaten, das

war in Österreich. Es war das östereichische Schlesien, das der

preußische König Friedrich der Große am Ende seiner Schlesischen

Kriege der Kaiserin Maria Theresia noch belassen mußte. Wenn man auf

einem größeren Ausflug nach Bielitz am Rande der Beskiden fuhr, dann

ging man ins Kaffee Bauer, und das war, so wurde uns Kindern gesagt,

wie ein richtiges Wiener Kaffeehaus, die Leute in der Stadt sprachen

deutsch mit einem österreichischen Akzent. Sie waren in

österreichische Schulen gegangen, bei uns in Kattowitz waren es

preussische. Im Osten von Kattowitz aber war die russische Grenze.

Nur etwa zehn Kilometer weg bei Myslowitz war die Dreikaiserecke, wo

das deutsche, österreichische und russische Kaiserreich

zusammenstießen. Für uns als Kinder war diese Idee natürlich

faszinierend. Aber die russische Grenze lief noch näher bei

Kattowitz vorbei, in wenigen Autominuten war man in Czeladz und

Sosnowitz, wie es damals bei uns genannt wurde, aber es war natürlich

die polnische Stadt Sosnowiec, die damals unter Herrschaft des

russichen Zaren stand.

Mein Großvater und Vater waren Bauunternehmer in Kattowitz. In

Sosnowitz selbst hatten sich im l9. Jahrhundert mehrere sächsische

Textilindustrielle niedergelassen. Mein Großvater und Vater hatten

die Bauten ausgeführt, und waren mit der Familie Dietel befreundet.

Ich erinnere mich an Besuche bei ihnen. Ihr Wagen mir Pferden wurde

bei uns im Hof abgestellt, wenn jemand von der Familie nach Kattowitz

zum Einkaufen kam. Dann sprachen wir mit dem Kutscher, der aus

Rußland kam. Aber das sind Erinnerungen an das eher Fernere und

Fremde aus der Welt meiner Kindheit und früheren Jugend. Es waren

Dinge am Rande der Umwelt, denn die Umwelt war eben "Oberschlesien",

so wie es sich in etwa 160 Jahren als ein Regierungsbezirk der

preußischen Provinz Schlesien entwickelt hatte, und uns in unserer

Jugend erschien. Man versteht Vieles besser, wenn man versucht, von

dem Heute aus einen neuen, unbefangenen Blick auf die Geschichte zu

werfen. Bereits für die vorgeschichtliche Zeit gibt es erhebliche

Meinungsverschiedenheiten zwischen deutschen und polnischen

Historikern.

Schriftliche Überlieferung beginnt spät, aber archäologische

Forschung hat, verglichen mit meiner Schulzeit, das Bild der

Frühgeschichte des östlichen Mitteleuropas sehr erweitert, bis weit

vor der Völkerwanderung. Vor den Kelten und nachwandernden Germanen

weiß man heute über die vorherige Bevölkerung und ihre Kulturen,

sieht früheste Einflüsse über das Donaugebiet von Süden(1), mit

eigenen Handwerkszentren und Metallverarbeitung in Schlesien. Nach

polnischen Auffassungen (2) waren Träger dieser frühen Kulturen

bereits indogermanische, nämlich slawische Stämme, so die bekannte

Lausitzer Kultur, und die später erscheinenden Kelten und Germanen

nur durchwandernde Völker, die vorübergehende Herrschaft über

bestehende Urbevölkerung ausübten, ähnlich wie man es von Awaren oder

Hunnen weiß. Andere bleiben bei früherer Auffassung, daß slawische

Stämme erst den nach Westen weiterziehenden Germanen nachgerückt sind.

Als frühe slawische Staatsbildung erscheint im 9. Jahrhundert n.Chr

ein Großmährisches Reich, bald überholt vom Böhmischen Reich der

Przemysliden Dynastie, das, durch Mission von benachbarten bayrischen

Bistümern her zum römischen Christentum bekehrt, seinen Eintritt in

die abendländische Welt findet und in diese auch Schlesien einbezieht,

von wo 950 n.Chr. ein Missionar nach Posen geht.

Dort hatte sich inzwischen der Kern eines polnischen Reiches unter

dem Piasten Mieszko I. entwickelt. Unter dem Einfluß sowohl von

Böhmen wie von Sachsen auch zum Katholizismus bekehrt, überragte es

bald das ältere Böhmen und eroberte Schlesien, das für Jahrhunderte

nun Gebiet wechselnder Einflüsse und oft erneuerten Streits zwischen

Böhmen und Polen bleibt.

Die polnischen Piasten teilten sich in verschiedene Linien, eine war

in Schlesien, teilte sich weiter in mehrere schlesische Herzogtümer.

Die kirchliche Oberhoheit blieb bei dem polnischen Bistum Gnesen und

im südlichsten Oberschlesien bei Krakau, aber staatliche Oberhoheit

wechselte und fiel schließlich durch Vertrag 1335 an die böhmische

Krone, damals, nach Aussterben der tschechischen Przemysliden, in der

Hand der Luxemburger, die auch mehrere deutsche Kaiser stellten.

Die Mongoleneinfälle des 13. Jahrhunderts waren in Schlesien zum

Benefit für ganz Europa gemeinsam von schlesischen, polnischen und

deutschen Kräften aufgehalten worden, aber große Verwüstungen blieben.

Vielleicht waren diese Anlaß für verstärkte Siedlung von

Deutschland her, auf Einladung schlesischer Piasten und von Klöstern,

bestehend aus bäuerlicher und städtischer Siedlung, beide unter aus

deutschen Gebieten mitgebrachten Rechtsordnungen, von denen dann auch

über Schlesien hinaus in polnischen Gebieten Gebrauch gemacht wurde.

Die Welle deutscher Siedlung dauerte bis ins 14. Jahrhundert,

hinterließ unterschiedliche Spuren in der Bevölkerung, das Bild

verändert sich im Laufe der Jahre wieder, mancherorts sieht man

fortschreitende Assimilation von Siedlern an die polnisch sprechende

Umgebung. Deutsche Siedlung, ebenso wie zunehmende Verschwägerung

schlesischer Piastenherzöge mit deutschen Fürstenfamilien könnten mit

ein Antrieb gewesen sein für die Entscheidung schlesischer Piasten

für böhmische statt polnischer Oberhoheit. Man muß aber wohl

vorsichtig sein bei der Interpretation mittelalterlicher dynastischer

Entscheidungen. Schlesien blieb nun bei der böhmischen Krone für 400

Jahre, hatte aber durchaus nicht so langen Frieden, es wurde in deren

Konflikte einbezogen, so die Hussitenkriege mit tschechischen,

ungarischen und dann polnisch­jagiellonischen Interregnen zwischen

Luxemburgern und schliesslich den Habsburger Herrschern, die alles

1526 ererbten.

Die Reformation drang früh in Schlesien ein. Die Struktur der

Herrschaft hatte sich geändert. Die schlesischen Piastenherzogtümer

fielen bei Aussterben der Linien als Standesherrschaften an

auswärtige Fürsten, darunter auch Hohen­ zollern, oder wurden durch

Prag an Neuankömmlinge vergeben. Die schlesischen "Stände" wurden

somit eine immer komplexere Versammlung.

Die adligen Stände Böhmens und Mährens hatten während der Wirren um

die böhmische Krone sehr an Macht gewonnen. Das trug dazu bei, daß

die Reformation in Böhmen und Mähren besonders große Fortschritte

machte; auch in Schlesien breitete sie sich aus unter Einflüssen aus

verschiedenen Richtungen. In Polen machte die Reformation zunächst

auch Eindruck und findet Anhänger auch unter polnischen Adligen und

Gemeinden in Oberschlesien. Es war nicht so, daß mit dem Übergang

der Hoheit an Böhmen der wirtschaftliche und kulturelle Kontakt mit

den angrenzenden polnischen Gebieten aufgehört hätte. Es bestand

weiter die kirchliche Verflechtung der meisten oberschlesischen

Dekanate mit dem Bistum Krakau. Auch zum Universitätstudium gehen

Oberschlesier nach Krakau, aber man liest auch von einem polnischen

protestantischen Geistlichen im zur Standesherrschaft Pless gehörigen

Dorf Woschczytz, der zum Studium nach Wittenberg gegangen war (4).

Die Erwähnung von Woschczytz interessierte mich, weil sich dann dort

später die ersten Spuren unserer Familie Grünfeld in Oberschlesien

finden. Die Gegenreformation, mit äußerster Strenge von den

Habsburger Kaisern in Schlesien durchgeführt, reduzierte hier den

Protestantismus bald, aber in Böhmen blieben die Beziehungen der

Stände mit dem habsburgischen Kaiser so gespannt, daß von dort der

dreißigjährige Krieg ausbrach, der das benachbarte Schlesien

furchtbar in Mitleidenschaft ziehen sollte. Wallensteins und

Mansfelds Heere zogen durch und kampierten, es dauerte lange, bis der

Rückschlag im Wohlstand Schlesiens überwunden war.

Eine notwendige Anmerkung

Nach dem Rückblick auf geschichtliche Entwicklungen in Oberschlesien,

der uns schon auf das engere Gebiet gebracht hat, in dem ich meine

Familie dann im frühen l9. Jahrhundert anfinde, ist es Zeit, sich zu

erinnern, daß dies eine jüdische Familie war, und das Schicksal der

Juden in Oberschlesien, wie in Europa überhaupt, noch eine besondere

Betrachtung erfordert. Einer mündlichen Tradition nach soll unsere

Familie aus Mähren nach Oberschlesien gekommen sein und ursprünglich

aus Iglau stammen. Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie es meinen

jüdischen Vorfahren in der Zeit ergangen sein könnte, von der wir

gesprochen haben, denke ich vorerst an die Geschichte der Juden in

Mähren. Früheste beurkundete Besuche von Juden als "beglaubigte

Kaufleute" in Mähren gibt es von 903 AD., aber Beginn ihrer

Ansiedlung wird erst für das 12. Jahrhundert angenommen (5).

Man bemerkt sie als städtische Siedlung, wie in den deutschen Städten

Speyer und Worms gibt es Rechtsschutz für Juden als Minderheit. In

Prag wird er in einem Statut von ca. 1174 gemeinsam für deutsche,

flämische und jüdische Kaufleute geregelt, und in Mähren zuerst im

Stadtrecht von Iglau, einer schnell gewachsenen Stadt, die bald eine

der größten jüdischen Gemeinden Mährens hatte, aber 1426 wurden die

Juden aus der Stadt vertrieben, weil sie die Hussiten unterstützt

hätten. Bald folgte Vertreibung aus den anderen selbstständigen

Städten, wegen des mehr gebräuchlichen Vorwurfs des Wuchers. Gewiß

hatte sich auch schon in Iglau wirtschaftlicher Neid der Städter mit

religiösem Eifer neuer Herrscher gepaart. Die mährischen Juden

fanden Refugium in kleineren, adligen Grundherren untertänigen

Städten, konnten dort und auch den angrenzenden Dörfern, die oft

demselben Adligen gehörten, Handel treiben (6).

Sie konnten auch an den regelmässigen Märkten in den grösseren

Städten, aus denen sie vertrieben waren, teilnehmen gegen Zahlung von

Besuchergebühren. Die schon erwähnte unabhängige Eigenwilligkeit des

Adels in Mähren zeigte sich nicht nur im starken Anteil von

Protestanten, sondern auch im zähen Widerstand gegen Beschränkung

ihrer Möglichkeiten, von wirtschaftlicher Tätigkeit von Juden

Gebrauch zu machen. Juden betrieben nicht nur Handel, sie wurden

Pächter oder Verleger für neue gewerbliche Betriebe adliger Güter,

wie Gerbereien oder Branntweinbrennereien (7). Der Refugiumcharakter

Mährens dehnte sich auch auf die Mähren benachbarten Gebiete der

einstigen oberschlesischen Herzogtümer Ratibor und Oppeln aus (8).

Mähren wurde auch Refugium für andere Juden, so bei

Judenvertreibungen aus Wien, während der Wirren des dreissigjährigen

Krieges und auch der blutigen Verfolgungen im östlichen Polen

(Ukraine) 1648. In Schlesien hatte sich die vom gegenreformatorischen

Eifer gegen alles "Akatholische" inspirierte und mit der

wirtschaftlichen Gegnerschaft der Städte gegen die Juden gepaarte

antijüdische Politik der Habsburger Kaiser bis ins 17. Jahrhundert

soweit durchgesetzt, dass es Juden mit Aufenthaltsrechten nur noch in

den beiden Städten Glogau und Zülz gab, aber sich im südlichen

Oberschlesien eine kleine jüdische Bevölkerung auf dem Land erhalten

konnte. Wirtschaftliche Bedürfnisse aber sprachen für

Aufrechterhaltung jüdischer Teilnahme, vor allem aus Polen, an den

städtischen Märkten, und es kam zu kleinen Ansiedlungen (9).

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts versuchte Maria Theresia wie schon ihr

Vater, die Beschränkungen gegen jüdische Residenz auch in Böhmen und

Mähren wieder zu verstärken, und 1744 verfügte sie die Ausweisung

aller Juden aus ihrem "Erbkönigreich Böheimb" wegen vermeintlicher

preußenfreundlicher Haltung der Juden während des Schlesischen Kriegs

(10). Das betraf auch Mähren. Die Fristen wurden örtlich

verschieden verlängert. Es scheint also, daß Zuwanderung von

mährischen Juden in das nahe, unterdeß zu Preussen gehörige südliche

Oberschlesien gerade für diese Zeit gut erklärlich ist.

Kapitel 2

Die Familie in Kattowitz

Diese führt uns zu den Anfängen jüdischer Emanzipation, etwas vom

Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Städte wie Sohrau,

dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der

Entstehung der Stadt Kattowitz. Die deutsch­polnische Problematik

stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preußen

gefallenen Provinzen Posen und Westpreußen, aber spielt auch eine

Rolle im stark polnisch­sprechenden Oberschlesien. Wir denken an

kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz,

in der ich dann 1908 geboren wurde.

Meinen Urgroßvater Hirschel Grünfeld findet man in der Liste der

durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preußischen Staatsbürgern

werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und

drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau. Nach dem Tod

seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (später Louise)

Huldschinsky (4). Diese neue Familie Grünfeld hat dann drei Söhne

und fünf Töchter bis Hirschel Grünfeld 1840 in Sohrau stirbt.

Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen,

höchstens von der Umgebung, in der er gelebt hat. Das Dorf

Woschczytz, schon von mir erwähnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer

Wasser­ und Sägemühle und einem Frischfeuer, 57 Häusern und 352

Einwohnern (5). Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von

Juden in Oberschlesien wird es für 1693 erwähnt (6), aber bereits für

1678 erscheint ein jüdischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7).

Die Nähe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch jüdische Kaufleute nach

dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung für sie in Sohrau

begrenzt war. Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll­

und später Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein

bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern.

Hirschel Grünfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben.

Über Umfang und Erfolg seines Geschäfts haben sich in der

Familie keine Informationen erhalten. Er starb mit etwa 60 Jahren,

seine Frau war wesentlich jünger, das jüngste der acht Kinder wurde

erst im selben Jahr geboren. Eine Schwester der Frau hatte den

Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet. Mein Vater hat oft

betont, daß die Familien eng zusammenlebten, auch daß die Familie

Loebinger ebenso wie die Grünfelds von Mähren nach Oberschlesien

gekommen waren.

Die beiden älteren Söhne Hirschel Grünfelds verließen Sohrau bald

nach seinem Tode, also noch sehr jung, nämlich Abraham, geboren 1823

und Isaak, später Ignatz genannt, geboren 1826, mein Großvater. Er

wird später ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen

als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf­ und

Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederläßt. Einen Abraham

Grünfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer

bezeichnet, manchmal als Kaufmann. Auch meine Urgroßmutter hat noch

bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch für meinen Vater eine Art

Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute

nachträglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt

eine sehr ausführliche Stadtgeschichte (9). Meine Heimatstadt

Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Hälfte des 19.

Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem

bürgerlichem und Zunftleben, überwiegend katholisch geblieben. Ich

fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgroßeltern das

Leben sich da veränderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was

man über die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen

kann. Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange

verbunden. Schon für 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt

erwähnt (10). Die Städte ließen Juden zu ihren Märkten zu, auch wenn

sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften. Erst für das 18.

Jahrhundert hören wir dann von jüdischen Einwohnern. 1791 leben aber

an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstädten". 1856

waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken

Zuzug jüdischer Familien vor allem aus den Dörfern der Kreise Rybnik

und Pless erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge

gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab

jüdische Lehrer. Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der

Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.

Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur

einzelne jüdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die

Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch

zunächst in Sohrau. Die öffentlichen beaufsichtigten Schulen, die

eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jüdischen Gemeinde

oblag nach Emanzipation, für die vorschriftsmäßige Schulung ihrer

Kinder zu sorgen. Für kleinere Gemeinden war es finanziell nicht

einfach, den neuen behördlichen Verpflichtungen für die Erziehung

ihrer Kinder nachzukommen. Ein System, junge jüdische Leute als

Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen.

Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genügen, wurden aber an

dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die

jüdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, für die von ihr

angestellten Lehrer behördliche Genehmigung zu bekommen.

Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen.

So gab es einen häufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine

jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer

fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen

Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen

werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien

das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer

Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muß

eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen

kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen

Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen

Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen,

mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen

hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird

fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als

Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition

verhaftet.

In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild

fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1.

Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein

angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere

Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der

spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in

Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh

jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B.

Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es

noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein

handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation

des städtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild.

Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden

gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.

Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis

er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner

Zeugnisse erhalten. Nur mündlicher Überlieferung nach war er

zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister

Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle

und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau

der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in

Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in

Gleiwitz (Wachter und Lubowski). Als Meisterbau wird im Zeugnis vom

16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz

genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch

mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.

Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des

Lehrers A. Grünfeld in Sohrau. Mit einigem Stolz wurde noch uns

Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche

gearbeitet hatte. Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens

hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die

erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre. Aber das

Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf

(13). Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in

Betrieb. Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren

Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie

in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz

schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat

Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und

das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg­ und

Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind. Nachdem die aus

England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam,

sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste

Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese

Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls

staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818)

Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau

eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz

Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon

erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte

entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von

Kattowitz und wurde 1840 geadelt. Für die Kontinuität der Verwaltung

und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers

Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später

zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen

Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt,

die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.

Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die

1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des

Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die

industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk

Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt. Nach der Königshütte

war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an

der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem

Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung

in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas

von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters

Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum

stützen. Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines

Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs,

und übernahm später das Restaurant. Es wurde als "Grünfeld's Garten"

für viele Jahrzehnte sehr bekannt.

Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die

katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit

dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen

Schulverhältnissen zu machen. Dabei stößt man gleich auf die

Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch

sprechender Bevölkerung. Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden,

aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst

einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die

Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die

schon für 1804 erwähnt wird (17).

Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung,

in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im

19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs­ und Zielwechseln. Unter dem

Einfluß der Stein­Hardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert

durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant

gewesen (18). Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens,

vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen

gewesen war. Der polnische Aufstand in Russisch­Polen 1830/31 führte

zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der

aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz

machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der

liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue

preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen

nicht (19). Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon

damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).

Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der

Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die

Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen

seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser

deutschen Einigung. In Preußen verstärkten sich danach die

antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen

Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche

Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine

ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der

polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert,

sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein. So

verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische

Nationalitäten­ und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in

Erinnerung geblieben ist. Es war überdies auch die Zeit des

"Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei

ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für

Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und

sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz

wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen

Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist

(21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die

staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates

auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen

Bevölkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und

Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens

verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für

Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das

Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten. Die beiden

Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu

haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische

Einigung davon abzuhängen scheint.

Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die

Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig

war. Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische

Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten,

wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht

verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19.

Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige

Station der neuen Eisenbahn Breslau­Myslowitz als ein Umschlagplatz

für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und

Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften. Schließlich war Kattowitz

so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah

aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den

alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen. Unter der

Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der

Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h.

Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die

unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können. Ursprünglich kamen

auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856

änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten

Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und

die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte

Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden.

Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen. Für ein

Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen

Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen

gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den

Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit

eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung

etc. Für die eingesessenen Bauern hätte es schon eine naheliegende

Idee sein können, daß der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen

der großen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt

halten sollte. War nun bäuerlicher Widerstand dagegen und gegen

Erwerb der Stadtrechte eine ganz übliche Situation und aus dem

Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verständlich,

oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensätze

in Oberschlesien?

Vom heutigen Blickpunkt des späten 20. Jahrhunderts könnte man auch

sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frühe Umweltschützer, die

ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrängt

sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird

hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in späteren Rückblicken, von

beiden Seiten als der Hauptgrund angeführt. Schon Dr. Holtze

berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, daß die polnischen

Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden"

mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann

kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der

Widerstand des polnisch­bäuerlichen Elements gegen den von deutscher

und jüdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).

Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der

Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankömmlinge, denen

allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den

letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre

im Amt gewesen war, für polnische Sprache und Schule gekämpft und

eine große polnische Bibliothek für sich gesammelt habe (24). Also

wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur bäuerlichen,

sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung

gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur

Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten

Städte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.

Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber

sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprünglichen Dorfbewohner.

Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwähnt sind, wird als erster

jüdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fröhlich erwähnt (25),

der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Fröhlich finden

wir prominent in den Berichten über den Streit zwischen Bauern und

Zuzüglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als

mein Großvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105

jüdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11.

9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch

die Industrialisierung und als Folge der jüdischen Emanzipation zogen

die sich stärker entwickelnden Industriestädte viele Juden aus

kleineren oberschlesischen Städten und Dörfern an. Kattowitz, die

sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne größeren

eingesessenen Bürgerstand bot ihnen besonders guten Raum für Tatkraft

und Profilierung.

Der Geist der Emanzipation, wie überall in Europa, mit der Anziehung

an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie

mehr zu integrieren, führte im damaligen Oberschlesien zu jüdischer

Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element.

Das war ja vielerorts so im östlichen Mitteleuropa; für Kattowitz

ist mir aufgefallen, daß dieses Zusammenleben damit auch angefangen

hatte, daß sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die

Stadtwerdung geführt hatten.

Ein Argument für das preußische Dreiklassenwahlrecht für

Stadtparlamente war, daß die beruflich und wirtschaftlich

Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen

werden sollten. In vielen Teilen Preußens führte dies zu einem

verhältnismäßig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie

müssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben,

denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Das

war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und

Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevölkerung und in

städtischen Organen noch höher als in anderen oberschlesischen

Städten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der

unter den ersten 18 gewählten Stadtverordneten sieben Juden waren

(28), darunter auch Ignatz Grünfeld, der bis zu seinem Tod 1894

Stadtverordneter blieb.

Der Bruder meiner Großmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der

Stadtverwaltung. Nach einer frühen meteorischen Karriere, er fing an

mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel für

die Hüttenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus,

gründete das erste Bankgeschäft in Kattowitz und beteiligte sich mit

zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der

Gründung der Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Hajduck (28),

in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb.

Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem

Wegzug nach Breslau zum Stadtältesten ernannt. Das von meinem

Großvater Ignatz Grünfeld gegründete Baugeschäft war auch sehr

erfolgreich. Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er

Jahre fortgeführt (29).

In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue

Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des

oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz

des Oberschlesischen Berg­ und Hüttenmännischen Vereins, der

Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen

nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der

neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion für den oberschlesischen

Industriebezirk bestimmt. Dem gingen längere Verhandlungen mit der

Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums für

die neuen Beamten garantieren mußte. Hierbei soll mein Großvater

noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.

Von den sechs Söhnen des Ignatz Grünfeld wählten zwei auch das

Baufach. Der zweitälteste, Max, studierte Architektur und blieb im

Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach

Kattowitz zurück. Der drittälteste, mein Vater Hugo Grünfeld,

besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister

noch sehr jung in das Baugeschäft seines Vaters ein. Nach dem Tod

meines Großvaters 1894 führten diese beiden Brüder sein Baugeschäft

weiter und wurden auch in Ämter in der Stadtverwaltung gewählt. Max

war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater

wurde Stadtverordneter (30).

Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu

Zeiten meines Großvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in

Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen. Die

liberalen bürgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in

verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz

systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand,

mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen

Vorkämpfer der 1848er Ideale. Rechts von den Nationalliberalen gab

es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale

Nationalisten. Die führenden Leute der oberschlesischen

Schwerindustrie gehörten zum mehr rechtsgerichteten Lager der

Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die große gut

etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem

vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum überein. Das

freisinnige Bürgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz

eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab

es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere

sehr bekannte in Berlin).

Bei den beiden Brüdern Grünfeld war das politische Engagement zu

Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen. Sie

unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den

Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen. Als

Redakteur war Balder Olden, Bruder des später bekannter gewordenen

Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden. Die

Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mußte mit 300.000 Mark

Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzählt hat.

Das großväterliche Baugeschäft hatte sich aber weiter gut entwickelt.

Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine große

Ziegelei, die 1895 im Gebiet des früheren "Vorwerks" von Kattowitz,

Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut

wurde, auch für Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere

Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen

kann. Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt

eröffnet.

Mein Onkel Max Grünfeld aber zog dann schon früh nach Berlin und

eröffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von

Wohnhäusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber

eins auch Unter den Linden. Er praktizierte auch als Architekt,

wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das

bekannte Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf. Er heiratete

erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschäft

zurückgezogen und starb 1932 in Berlin.

Von den vier anderen Brüdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der

älteste, Hermann, als praktischer Arzt in Berlin­Kreuzberg (31), und

Ernst (32) orthopädischer Chirurg in Beuthen. Die anderen zwei

studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jüngste,

Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack &

Grünfeld in Beuthen ein, beteiligte sich später an einer chemischen

Fabrik in Nürnberg, aus der sich die Gesellschaft für

Elektrometallurgie (GfE), führend in der Ferrolegierungsindustrie,

entwickelte. Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger

Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts

große Bedeutung und Möglichkeiten errang.

Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha

den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon

Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frühen Tod 1908 kurze

Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat

Max Hirschel in Gleiwitz. Die jüngste Tochter, Ida, heiratete Felix

Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grünfeld,

Chef der Firma Rawack & Grünfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.

Die Familien Grünfeld und Sachs waren aber noch viel größer. Jakob

Grünfeld in Zalenze hatte acht Töchter und zwei Söhne, Elias Sachs

vier Söhne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham

und weitere Schwestern Sachs meiner Großmutter.

Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger

Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren

meine Mutter, die 18 Jahre jüngere Margarete Oettinger aus Breslau

heiratete. Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgroßvater Josef

Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen

(33). Einer seiner Söhne, mein Urgroßvater Albert, wurde Arzt,

promovierte an der Universität Berlin 1835 (34), und ließ sich in

Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35).

Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr.

Riesenfeld in Breslau heiratete.

Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Urgroßvater starb

dort 1860. Bei seinem ältesten Sohn Richard war ungewöhnlich, daß er

als Junge bei einem der polnischen Aufstände mitgemacht haben soll.

Dann heiratete er eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im

Flachsgroßhandel sehr erfolgreich, so daß er zeitweilig als der

reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn, Richard, wuchs

als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen.

Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Großvater Max Oettinger,

gründeten zusammen ein Flachsgroßhandelsgeschäft und brachten es zu

Wohlstand, Siegmund später in Berlin.

Mein Großvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein

angesehener Mitbürger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer

von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen

Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der

Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise

zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten

Kaufmannsvereinigung des "Zwinger". Er heiratete Minna Weinstein aus

Insterburg in Ostpreußen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war

(36).

Rückblicke · 第 1 / 27 段