Sie sei frei, ja, natürlich, aber wenn sie einmal könne und wolle -- --

Er sah sie erstaunt an. Quälte sie das nicht? Nein, jetzt erst verschwand

die Starrheit aus ihren Zügen, und die Augen wurden ruhig. Sie saß mit

halbgeöffnetem Munde und lauschte --

Er sprach davon, wie er das Leben für sie hätte ordnen wollen, sprach

davon, wie er sich nach ihr gesehnt hätte. Er sprach ganz anders davon, als

er vor einer halben Stunde gesprochen hätte. Aber er sah es auch ganz

anders, jetzt, da er sie verlieren sollte. Er sprach viel schöner, als er

es sich zugetraut hätte. Das Zusammenleben mit einem weichen, liebenswerten

Wesen, ja, gerade das Zusammenleben mit ihr, nahm sich auf einmal sehr hold

für seine Phantasie aus, und er sagte es ihr.

Als er näher trat und ihr die Hand zum Abschied reichte, kamen ihm noch

einmal die Tränen in die Augen. Sie war so schön, gerade jetzt, die Farbe

entzündete sich wieder auf ihren Wangen, sie war wie eine frischerblühte

Blume. Sie sah ebenso froh aus wie jemand, der einer Todesgefahr entronnen

ist.

Der Doktor stand mit ihrer Hand in der seinen und zog seine Schlüsse so

rasch wie nie zuvor.

Sie verstand sich natürlich selbst nicht, nicht im geringsten. Ah! Er

schöpfte tief Atem. Alle Niedergeschlagenheit war fort. Ein jubelndes

Siegesgefühl durchblitzte ihn. Nur mit einer einzigen Anstrengung hatte er

sich ihre Liebe ersprochen. Sie hatte ja nur gebraucht, daß er zeigte, daß

er sie lieb hatte.

Er nahm den Verlobungsring und steckte ihn ihr ruhig wieder auf den

Ringfinger. »Keine Torheiten,« sagte er, als sie die Hand wegziehen wollte.

»Aber,« sagte sie. »Ich weiß nicht, ich wage nicht --«

»Ich wage es, ich,« sagte der Doktor, »ich war nie so, daß ich vor dem

Glück davongelaufen bin.«

Er ging ins Vorzimmer hinaus, fand seinen Überrock und kam wieder herein,

um seine Zigarre anzuzünden.

»Arme Kleine,« sagte er, während er ein paar Züge machte. »Bist jetzt wie

gebunden und gefesselt, mich zu lieben, sollte ich meinen. Sonst kommt noch

die Hand dort und preßt dir das Leben aus.«

* * * * *

Druck und Einband von Hesse & Becker, Leipzig. 2,525.

Anmerkungen zur Transkription:

Seite 9: »bei Halvorson einzukaufen« wurde geändert in

»bei Halfvorson einzukaufen«

Seite 18: »»Laß ihn heulen!« sagte Halvorson« wurde geändert in

»»Laß ihn heulen!« sagte Halfvorson«

Seite 18: »Halvorson holt die Polizei« wurde geändert in

»Halfvorson holt die Polizei«

Seite 19: »durch das Halvorson« wurde geändert in »durch das Halfvorson«

Seite 21: nach »so ist es gemeint..« wurde ein Punkt ergänzt

Seite 31: »Aber als am Nachmittag alle Mäner« wurde geändert in

»Aber als am Nachmittag alle Männer«

Seite 32: »Die vier Mäner« wurde geändert in »Die vier Männer«

Seite 33: »in Frieden und Ordnun« wurde geändert in

»in Frieden und Ordnung«

Seite 61: »von dem lichten Abendhimmel« wurde geändert in

»vor dem lichten Abendhimmel«

Seite 103: »Gegend Abend« wurde geändert in »Gegen Abend«

Seite 147: »glichen den aller andern« wurde geändert in

»glichen denen aller andern«

Seite 214: vor »ob es sehr häßlich war« wurde ein Komma ergänzt

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 36 / 36 题