Es war ein langes und recht breites Tal. An seiner einen Seite erhob sich
eine Reihe zackiger Küstenberge, an der andern ein gleichmäßig hoher Kamm,
den dichter Wald deckte. Unten im Tale stand eine Kirche, und rings um sie
her war eine weite, offne Gegend, in der aller Wald ausgerodet war.
Es war an einem Sonntagabend, und der Sonnenuntergang lag brennend hinter
den Küstenbergen. Leute, die den ganzen Tag drinnen in den Hütten
geschlafen hatten, traten auf ihre Schwellen und streckten sich und
spitzten die Ohren, um zu erlauschen, ob nicht von einer der vier Ecken der
Welt her Tanzmusik erschalle. Wem es glückte, einen einzigen Geigenton
aufzufangen, der machte sich davon über die schmalen, schneeigen Dorfwege
und kam dann wie von ungefähr dahergegangen, langsam und bedächtig, aber
die »Tanzhütte« als sichres Ziel im Sinn.
So kam Gruppe auf Gruppe zur Tür Arilds, des Köhlers am Waldessaum,
hereingeglitten. Da fragte niemand danach, wer kam; der neue Gast stand ein
Weilchen unten an der Tür und gewöhnte die Augen an den Rauch, der sich
unter dem Rauchfange hervorwälzte und in das Zimmer qualmte, bis er den Weg
zu dem Loch im Dache fand; und dann mischte sich der neue Ankömmling auch
ins Spiel. Der Reigentanz ging über den bloßen Erdboden, das Stroh war
weggetreten, die Ferkel hatte man von der Grube unter das Dachloch
geschafft, wo sie sich am liebsten aufhielten; großer Schwingraum war nicht
vorhanden, aber Arild selbst spielte die Geige, und der Tanz verlief
drinnen im Winterquartier ebensogut, wie er an einem Sommerabend über den
Waldeshang gegangen wäre.
Arild hatte eine Frau, die Tora hieß; die pflegte sich immer in eine
dunkle Ecke zu verkriechen, wenn er zum Tanze lud. Sie war menschenscheu
und schreckhaft, war fast immer als Hirtin im Walde umhergezogen und stand
in dem Rufe, mehr sehen zu können, als andre.
An diesem Abend war sie ungewöhnlich vergnügt, sie versteckte sich nicht,
sondern saß vorn am Kamin, die Flamme brannte dicht neben ihr. Es war wenig
Farbe in ihrem breiten, fetten Gesicht; die Augen, die hell wie Wasser
waren, blickten lebendig, und sie bewegte die großen Hände, während sie
sprach. Wenn die Leute sie bemerkten, traten sie aus den Reihen der
Tanzenden und kamen heran, um sie zu begrüßen.
Wessen Hand sie dann ergriffen hatte, den hielt sie fest, bis sie das
erzählt hatte, was ihr heute morgen geschehen war. Es bereitete ihr
Verlegenheit, es herauszubringen, aber gleichzeitig war sie doch so stolz
darauf, daß sie es nicht verschweigen konnte.
Den Leuten fiel es sonst schwer, das Lachen zu verbeißen, wenn sie
erzählte, was sie gesehen und geträumt hatte. Nun sollte man sich aber
überzeugen, daß ihre prophetische Gabe etwas wert sei.
Als sie im Morgengrauen dalag, hatte ihr geträumt, daß ihre drei Ziegen
droben im dichten Wald in die Irre gingen. Sie hatte sie so jämmerlich
meckern hören, daß sie erwachte. Als sie nun nachsah, erblickte sie alle
Ziegen in ihrer Hürde unten an der Tür, und sie hatte ja zuerst gedacht,
dies sei nur ein gewöhnlicher Traum. Aber dann war eine Unruhe über sie
gekommen: »Nein, nein, das ist ein bedeutungsvoller Traum,« hatte sie zu
sich selbst gesagt.
Damit war sie aufgestanden, hatte sich in Fellkleider gehüllt, hatte das
Nebelhorn über die Schulter geworfen und war in den Wald hinaufgewandert.
Sie war vom Wege abgewichen, war nach der Anweisung des Geistes gegangen
und nahe daran gewesen, sich im Dickicht zu verirren. Sie lachte leise,
als sie das erzählte. Ob sie wüßten, was das wäre, im dichten Walde vom
Wege abzukommen? Grundloser Boden, der bei keiner Kälte zufröre, Gestrüpp,
das jeden leeren Raum zwischen den Stämmen ausfülle, Schneehaufen und
Wurzeln und stechende Dornen und umgestürzte Bäume, so sei es oben im Wald.
»Aber dort oben fand ich drei wilde Böcke,« sagte sie. »Kommt und seht, was
ich dort fand.« Sie führte ihren Gast die Reihen der Tanzenden entlang zu
dem Bette hin, das mauerfest und durch Türen geschützt war. Sie öffnete die
Türe, leuchtete mit einem Kienspan hinein, und da sah man drinnen drei
Männer liegen. Sie waren alle in zerrissenen Fetzen; so abgemagert waren
sie, daß die Backenknochen schwarze Schatten auf ihre Wangen warfen, aber
ihre Züge waren kühn und schön. Sie schliefen so fest, daß weder der Tanz,
noch Toras Vorzeigen sie wecken konnte.
»Das sind meine drei wilden Böcke, die ich im Dickicht gefunden habe,«
sagte sie. »Es sind drei arme Gesellen, die sich im tiefen Walde verirrt
haben und dort acht Tage umhergewandert sind. Wäre ich nicht gekommen, so
wären sie jetzt tot. Den ganzen Tag habe ich Essen für sie gekocht, und
jetzt schlafen sie. Seht, wie sie schlafen.«
»Es ist Gottes Gnade, die dich sie retten ließ, Tora,« sagten ihre Gäste.
»Gott wollte, daß ich nicht allezeit zum Gespött sein sollte,« sagte das
Weib.
So verstrich der Abend. Als aber die Schlafenszeit herankam, da wurde die
Freude unterbrochen. Die Tür wurde mit Macht aufgestoßen, und ein langer,
großer Mann kam herein. Er durchbrach den Kreis der Tanzenden, stellte sich
mitten in den Raum und erhob die Hand.
Das war der Pfarrer, Herr Ane, und er kam, um den Tanz in der Sonntagsnacht
zu verbieten. Er hatte an diesem Tage in der Kirche gestanden und leeren
Wänden gepredigt. Er hatte geglaubt, Krieg und Pest müßten alle Menschen
dahingerafft haben, aber nein, hier waren sie, hier in der Spielhütte waren
sie zu finden. Und der Pfarrer verkündigte Buße und Kirchenstrafe über sie
alle.
Nun, da er sie gefunden hatte, sollten sie seine Predigt hören. Und er
sprach und zertrümmerte ihre Freude und schreckte sie mit dem furchtbaren
künftigen Leben, so daß sie vermeinten, niemals mehr den Fuß zum Tanze
heben zu können.
»Tanzet nun, wenn es euch gelüstet,« sagte der Pfarrer, »tanzet nun, ihr
wißt jetzt, wohin ihr tanzet.«
Einige schlichen sich stumm von dannen, andre standen verlegen da und
suchten sich tapfer zu halten, sie begannen aber bald leise zu schluchzen.
Ein Dirnlein, das eben noch am wildesten getanzt hatte, fiel auf die Knie
und küßte die Hand des Pfarrers.
Keiner wagte ihm zu widersprechen, außer Tora. Sie, der sonst immer bange
war, kam breit und ihrer Sache sicher heran. »Pfarrer,« sagte sie, »hier
haben wir jeden Sonntagabend getanzt, alle diese Jahre, und doch ist dies
ein Haus Gottes. Du sollst hören, wie Gott heute seinen Segen über mich
ergossen hat.«
»Du Hexe,« sagte der Pfarrer, »willst du schweigen! Was an Segen zu dir
kommt, das ist des Teufels Segen. Heute abend rede ich zu Menschen, die
sich bekehren und bessern können. Mit dir rechne ich ein andermal ab.«
Damit ging der Pfarrer, und in der Hütte herrschte große Betrübnis. Arild
versuchte ein paar Striche auf der Geige, aber er legte sie gleich wieder
fort. Die meisten von denen, die getanzt hatten, gingen heim.
Tora saß wieder am Herde, sie warf neue Scheite in die Glut und schien
ebenso froh wie zuvor. Einige, die sahen, daß sie den Mut nicht verloren
hatte, gingen auf sie zu und begannen, übel vom Pfarrer zu sprechen.
»Luthers Lehre hat Herrn Ane wild und toll gemacht,« sagte ein Bauer.
»Früher, als er noch dem Papste zugehörte, durfte man sogar im Pfarrhof
tanzen.«
»Er ist nicht so gut, wie er sich stellt, weißt du, Tora,« sagte ein
andrer.
»Tut er mir etwas, dann werde ich schon erzählen, wie er zu seinem Gelde
gekommen ist,« sagte Tora.
Und da nun viele sie fragten, was sie meine, erzählte sie: »Der Pfarrer,
Herr Ane, war einmal sehr arm, aber er hatte einen Bruder, der ein
Großbauer und sehr reich war.
Der Bauer starb, und Herr Ane zog in seinen Hof, der näher zur Kirche lag,
als sein eigner. Und sobald er in den Hof gekommen war, fing er an, nach
dem Gelde des Bruders zu suchen, aber er konnte es nicht finden. Er grub in
der Erde und riß die Kellermauer und die Küchenwand ein, um das Geld zu
finden, aber es wollte sich ihm nicht zeigen.
Das Geld kam nicht zu Herrn Ane, obgleich er in langen Gebeten zu Gott
darum flehte. Und Herr Ane wurde krank und verzweifelt vom Suchen und
Nichtfinden.
In der ganzen Umgegend lachte man Herrn Ane aus, weil er seinen Kummer
nicht verhehlte. >Hast du meines Bruders Geld gesehen?< konnte er den
ärmsten Bettler fragen.
Da kam meine Mutter, die nichts mehr war als ein armes Bettelweib, das von
Hof zu Hof zog, eines Abends in das Pfarrhaus und bat Herrn Ane, ihr
Unterkunft für die Nacht zu gewähren.
>Du sollst kein Obdach haben, wenn du mir nicht sagen kannst, wo mein
Bruder sein Geld verwahrt hat,< sagte Herr Ane zu ihr.
>Wenn ich das wüßte, Herr Ane,< sagte Mutter, >dann brauchte ich wohl nicht
auf der Landstraße umherzuziehen und mein Brot zu erbetteln.<
Und sie bat ihn um Gottes Barmherzigkeit willen, er möge ihr Obdach
gewähren, denn es war nicht gut für sie, in ihrem hohen Alter draußen
unter freiem Himmel zu liegen.
Aber Herr Ane erwiderte, bei dem, was er gesagt hätte, müsse es sein
Bewenden haben, und sie könne kein Obdach bekommen, wenn sie ihm das Geld
nicht verschaffe.
>Aber wenn mir das gelingt, kann ich dann Obdach im Pfarrhof haben bis zu
meiner Todesstunde?< sagte Mutter. -- >Das sollst du,< sagte Herr Ane.
Da bat Mutter, der sehr bange wurde vor dem, was sie auf sich genommen
hatte, Herr Ane möge ihr große Linnenlaken geben, und in die hüllte sie
sich, als wäre sie eine Leiche. Dann ging sie auf den Kirchhof und nahm
Graberde und streute sie über sich, und dann ließ sie sich von Herrn Ane
die Kirchentür öffnen, und er folgte ihr in die Kirche und half ihr auf
einen Dachbalken.
Und da lag nun Mutter auf dem Balken unter dem Dache. Aber sie erduldete
alles mit fröhlichem Mute, in der Hoffnung, sich dadurch ein geschütztes
Alter zu erringen.
Nun, es mochte gegen Mitternacht sein. Da wurde es hell in der Kirche, und
ein paar Steine im Boden hoben sich, und einer der Toten kam herauf in die
Kirche. Es war ein großer, derber Mann, er ging mehrere Male um die Kirche
herum, da erblickte er meine Mutter. >Bist du tot?< sagte er zu ihr. Und
sie wagte nicht zu antworten. Da hatte es den Anschein, als wolle er zu ihr
hinaufklettern. Und Mutter sagte mit heiserer Stimme: >Ja, ich bin tot.<
Und da ließ er sie sein.
Aber dieser Tote war des Pfarrers Bruder, und er ging nun wieder zu seinem
Grabe. Er holte daraus eine Tonne hervor, die voll Silber und Gold war, und
Mutter sagte, sie hätte gesehen, wie er die Gold- und Silbermünzen nahm und
mit ihnen spielte; er warf sie über sich, als sitze er im Bade und
bespritze sich mit Wasser.
Aber als er sich satt gespielt hatte, schüttete er das Geld ins Grab
hinunter und stieg in seinen Sarg, und die Steine legten sich von selbst
wieder auf ihren Platz zurecht.
Mutter blieb bis zum Morgen auf ihrem Balken hängen, und dann kam der
Pfarrer, Herr Ane, und fragte, ob sie noch am Leben sei. Jawohl, Mutter war
frisch und gesund. >Dann komm und iß einen Bissen,< sagte der Pfarrer.
>Nein, zuerst will ich mir ein Obdach verdienen für meine alten Tage,<
sagte Mutter.
Sie bat den Pfarrer, er solle Leute schicken, und dann ließ sie den Boden
über seines Bruders Grab aufbrechen und den Sarg herausheben. Und als sie
dies taten, war nichts Wunderliches zu merken; aber als Mutter sagte: >Seht
nun nach, was noch in dem Grabe liegt,< da begann der Tote sich in seinem
Sarge hin und her zu wälzen. Aber Mutter bedeutete die Burschen nur, sich
mit der Arbeit zu sputen.
Mutter hielt ihre Hand auf dem Sargdeckel, denn sie hörte, wie der Tote
drinnen arbeitete. Und sie holten aus dem Grabe eine große Tonne voll Gold-
und Silbergeld. Und Mutter war froh, als sie den Toten wieder unten im
Grabe hatten und der Kirchenboden über ihm geschlossen war.
>Gib mir zu essen,< sagte meine Mutter dann zum Pfarrer, >ich habe jetzt
ein tüchtiges Stück Arbeit für dich getan.<
Und der Pfarrer gab ihr zu essen und behielt sie sieben Tage bei sich, dann
hieß er sie wieder gehen.
Als Mutter so von neuem auf die Straße geworfen war, verfluchte sie ihn und
sagte: >Das Geld, das ich dir verschafft habe, soll dein Unglück werden.<
Und Mutter erzählte, der Pfarrer hätte ihr gesagt, er fürchte sich vor
nichts, was ein Bettelweib ihm anhaben könne.
>Die Rache bleibt nicht aus,< sagte Mutter. Das war Mutters Sprichwort, daß
die Rache nicht ausbleibe.
Aber ihre Rache an dem Pfarrer blieb aus,« fuhr Tora fort, »und nun heißt
er ihre Tochter eine Hexe. Er hätte die große Kiste neben seinem Bett nicht
so vollgepfropft mit Geld, wenn meine Mutter nicht gewesen wäre,« fuhr Tora
fort und richtete sich auf. »Er könnte nicht dasitzen und Geld über sich
werfen und wälzen, wie er es zu tun pflegt, er gerade so wie der Tote, wenn
meine Mutter ihm nicht geholfen hätte.«
Als Tora dies sagte, hörte man ein leises Scharren. Es war nicht ganz nahe,
aber auch nicht weit weg. Niemand wußte, was es sein könnte. Es war, als
versuche jemand, ein Loch in die Hauswand zu feilen.
»Wer schleift Messer in meinem Hause?« rief Tora plötzlich.
Nun wurde es ganz still. Als aber das Gespräch wieder in Fluß gekommen war,
begann es aufs neue zu knirschen und zu scharren.
Tora nahm einen Kienspan, ging zum Bette hin und sah hinein. Da lagen die
drei Wanderer ausgestreckt und schliefen, wie sie den ganzen Abend
geschlafen hatten.
Nun war es wieder eine Weile still, dann begann das Unwesen abermals. Jeder
hörte deutlich, wie Messer gegen Stein und Leder gerieben und geschliffen
wurden. »Gott helfe uns, das ist ein Omen,« sagte Tora. »Möge uns nichts
Böses widerfahren, weil wir Übles vom Pfarrer gesprochen haben!«
Aber am nächsten Morgen lag der Pfarrer, Herr Ane, ermordet in seinem Bett,
und sein großer Geldschrein war verschwunden. Und es wurde allsogleich
bekannt, daß die drei wandernden Gesellen, die bei Arild dem Köhler gelegen
und ihre Müdigkeit ausgeschlafen hatten, die Urheber des Mordes waren.
Sie hatten Tora vom Gelde des Pfarrers erzählen hören, während sie dalagen
und taten, als schliefen sie. Und sie hatten sofort den Mord geplant und
sich daran gemacht, ihre Messer zu schleifen.
Und seit diesem Tage gehen die Worte des alten Bettelweibes wie ein
Wahrspruch durch die Umgegend. »Die Rache bleibt nicht aus,« sagt man.
»Gott kann mit einer Sage fällen. Gott kann mit einem Traume schlagen. Die
Rache bleibt nicht aus.«