»Mein war das Reich der Phantasie,
Nun bin ich ein gefallener König.«
Snoilsky.
Es klapperte über die Pflastersteine, die Holzpantoffeln klatschten in
unruhigem Takt. Die Gassenjungen eilten vorbei. Sie schwatzten und pfiffen.
Es ging im Laufmarsch. Die Häuser zitterten, und aus den Seitengäßchen
stürzte das Echo hervor wie ein Kettenhund aus seiner Hütte.
Hinter den Fensterscheiben zeigten sich Gesichter. Hatte sich etwas
zugetragen? War etwas los? Der Lärm verzog sich nach der Vorstadt. Die
Dienstmädchen eilten hin, hinter den Gassenjungen drein. Sie schlugen die
Hände zusammen und schrien: »Gott bewahre uns, Gott bewahre uns! Gibt es
Mord, gibt es Brand?« Niemand antwortete. Das Klappern ertönte aus der
Ferne.
Nach den Mädchen kamen die weisen Matronen der Stadt geeilt. Sie fragten:
»Was geht vor? Was stört die Vormittagsruhe? Ist es eine Trauung? Ist es
ein Begräbnis? Ist es eine Feuersbrunst? Was tut der Turmwächter? Soll die
Stadt niederbrennen, ehe er zu läuten anfängt?«
Der ganze Haufen machte vor dem kleinen Häuschen des Schuhmachers in der
Vorstadt halt, dem kleinen Häuschen, das Weinranken um Türen und Fenster
hatte und darunter zwischen der Straße und dem Hause einen ellenbreiten
Garten. Ein Lusthäuschen aus Stroh, Bosketts für ein Mäuslein, Wege für ein
Kätzchen. Alles aufs beste geordnet! Erbsen und Bohnen, Rosen und Lavendel,
eine Handvoll Gras, drei Stachelbeerbüsche und einen Apfelbaum.
Die Gassenjungen standen am nächsten, sie spähten und berieten. Die blanken
schwarzen Fensterscheiben ließen die Blicke nicht weiter vordringen als
bis zu den weißen Zwirngardinen. Einer der Jungen klammerte sich an die
Weinranken fest und drückte das Gesicht an die Scheibe. »Was sieht er?«
flüsterten die andern. »Was sieht er?« Die Schusterwerkstatt und die
Schusterbank, Schmierbüchsen und Lederflecke, Leisten und Pflöcke, Ringe
und Riemen. »Sieht er keinen Menschen?« Er sieht den Gesellen, der den
Absatz an einem Schuh macht. Sonst niemand, sonst niemand? Große, schwarze
Fliegen springen über die Scheibe und trüben seinen Blick. »Sieht er
niemand anders als den Gesellen?« Niemand anders. Des Meisters Stuhl steht
leer. Er sah einmal, zweimal, dreimal nach, des Meisters Stuhl war leer.
Die Menge stand still, riet hin und her und wunderte sich. Es war also
wahr. Der alte Schuhmacher war durchgegangen. Niemand wollte es glauben.
Man stand da und wartete auf ein Zeichen. Die Katze kam auf das steile Dach
heraus. Sie streckte die Krallen aus und glitt die Dachrinne hinab. Ja, der
Hausherr war fort, die Katze hatte freie Jagd. Die Spatzen flatterten und
kreischten ganz hilflos.
Ein weißes Küchlein guckte um die Hausecke. Es war schon beinahe ein
richtiger Hahn. Der Kamm leuchtete rot wie Weinlaub. Es spähte und guckte,
krähte und rief. Die Hühner kamen, eine Reihe weißer Hühner in vollem Lauf,
die Körper wiegten sich, die Flügel schlugen, die gelben Beinchen regten
sich wie Trommelschlägel. Die Hühner hüpften in die Erbsen. Schlägereien
entspannen sich. Mißgunst brach aus. Eine Henne entfloh mit einer vollen
Erbsenschote Zwei Hähne hackten sie in den Nacken. Die Katze verließ das
Spatzennest, um zuzusehen. Bums, da fiel sie mitten in die Schar. Die
Hühner entflohen in einer langen, schwankenden Reihe. Der Volkshaufe
dachte: »Freilich ist es wahr, daß der Schuster sich aus dem Staube gemacht
hat. Man sieht es an der Katze und an den Hühnern, daß der Hausherr fort
ist.«
Die holprige, vom Herbstregen schlüpfrige Vorstadtgasse hallte von allen
den Reden wider. Die Türen standen offen, die Fenster schwangen hin und
her. Ein Kopf steckte sich neben den andern in verwundertem Geflüster. »Er
ist durchgegangen.« Menschen flüsterten, Sperlinge kreischten,
Holzpantoffeln klapperten: »Er ist durchgegangen. Der alte Schuhmacher ist
durchgegangen. Der Besitzer des kleinen Häuschens, der Mann der jungen
Frau, der Vater des schönen Kindes ist durchgegangen. Wer kann es
verstehen? Wer kann es verstehen?«
So geht ein altes Liedchen: »Alter Mann im Hause, junger Knab' im Walde;
Frau entflieht; Kind weint; Heim ohne Herrin.«
Das Liedchen ist alt. Alle verstehen es.
Dies war ein neues Lied. Der Alte war fort. Auf dem Tisch der Werkstatt lag
seine Erklärung, daß er niemals wiederzukommen gedachte; daneben war auch
ein Brief gelegen. Den hatte die Frau gelesen, aber sonst niemand.
Die junge Frau war in der Küche. Sie tat nichts. Die Nachbarin ging hin und
her; hantierte geschäftig herum, setzte die Tassen hin, legte Brennholz zu,
weinte ein bißchen und trocknete sich die Tränen mit dem Wischfetzen.
Die weisen Frauen des Viertels saßen steif rings an den Wänden. Sie wußten,
was sich in einem Trauerhause schickte. Sie sahen darauf, daß Schweigen
herrschte, daß Kummer herrschte. Sie feierten einen Freitag, um die
verlassene Frau in ihrer Trauer zu stützen. Grobe Hände lagen still im
Schoße, wettergebräunte Wangen legten sich in tiefe Runzeln, dünne Lippen
kniffen sich über zahnlosen Kinnladen zusammen.
Die Frau saß unter diesen Bronzebraunen, sanft, hell, mit süßem
Taubengesicht. Sie weinte nicht, aber sie zitterte. Sie war so ängstlich,
daß sie fast vor Furcht starb. Sie biß die Zähne zusammen, damit niemand
hörte, wie sie aufeinander schlugen. Wenn Schritte ertönten, wenn es
klopfte, wenn das Wort an sie gerichtet wurde, fuhr sie zusammen.
Sie saß mit dem Brief des Mannes in der Tasche da. Sie erinnerte sich bald
an eine Zeile daraus, bald an eine andre. Da stand: »Ich halte es nicht
länger aus, Euch beide zu sehen.« Und an einer andern Stelle: »Ich habe
jetzt die Gewißheit, daß Du mit Erikson durchgehen willst.« Und dann
wieder: »Du sollst es nicht tun, denn die böse Nachrede der Leute würde
Dich unglücklich machen. Ich will fort, dann kannst Du Dich scheiden lassen
und wieder ordentlich heiraten. Erikson ist ein braver Arbeiter und kann
Dich gut versorgen.« Dann tiefer unten: »Laß die Leute von mir sagen, was
sie wollen, ich bin schon froh, wenn sie nichts Böses von Dir glauben; denn
Du würdest es nicht ertragen.«
Sie begriff es nicht. Sie hatte ihn nicht betrügen wollen. Wenn sie auch
gerne mit dem jungen Gesellen plauderte, was ging das den Mann an? Die
Liebe ist eine Krankheit, aber sie ist nicht tödlich. Sie hatte sie das
ganze Leben hindurch mit Geduld tragen wollen. Wie hatte der Mann ihre
heimlichsten Gedanken erraten können?
Welche Qual es ihr war, an ihn zu denken! Er mußte sich geängstigt und
gesorgt haben. Er hatte über seine Jahre geweint. Er hatte über die Kräfte
und den Mut des Jungen gerast. Er war bei jedem Flüstern, jedem Lächeln,
jedem Händedruck erzittert. In lichterlohem Wahnsinn, in knirschender
Eifersucht hatte er eine ganze Fluchtgeschichte aus etwas gemacht, was noch
nichts war.
Sie dachte daran, wie alt er heute nacht gewesen sein mußte, als er ging.
Sein Rücken war gebeugt, seine Hände zitterten. Langer Nächte Qual hatte
ihn so gemacht. Er war gegangen, um dieses Dasein quälender Zweifel los zu
sein.
Sie erinnerte sich an andre Zeilen aus dem Briefe: »Es ist nicht meine
Absicht, Dich zu beschämen, ich bin immer zu alt für Dich gewesen.« Und
dann an eine andre: »Du sollst immer geachtet und geehrt sein. Schweige nur
selbst, dann fällt alle Schande auf mich.«
Die Frau fühlte immer größre Angst. War es möglich, daß man Menschen so
betrügen konnte? Ging es auch an, so vor Gott zu lügen? Warum saß sie hier
in der Stube, beklagt wie eine trauernde Mutter, geehrt wie eine Braut am
Hochzeitstage? Warum war nicht sie heimatlos, freundelos, verachtet? Wie
kann so etwas geschehen? Wie kann Gott sich so betrügen lassen?
Über der großen Chiffoniere hing ein kleines Bücherbrett. Zu oberst auf dem
Brett stand ein großes Buch mit Messingspangen. Und diese Spangen bargen
die Erzählung von einem Manne und einem Weibe, die vor Gott und den
Menschen logen. »Wer hat es dir eingegeben, o Weib, daß du solches tun
sollst? Sieh, junge Männer stehen hier vor deiner Tür, um dich
fortzuführen.«
Die Frau starrte das Buch an, sie lauschte den Schritten der jungen Männer.
Sie erzitterte bei jedem Klopfen, erschauerte bei jedem Schritt. Sie war
bereit, aufzustehen und zu bekennen, bereit, niederzufallen und zu sterben.
Der Kaffee war in Ordnung. Die Frauen glitten sittsam zum Tisch hin. Sie
schenkten die Tassen voll, nahmen Zucker in den Mund und begannen den
siedendheißen Kaffee einzuschlürfen, still und anständig, die
Handwerkerfrauen zuerst, die Scheuerfrauen zuletzt. Aber die Frau des
Schusters sah nicht, was vorging. Die Angst raubte ihr ganz die Besinnung.
Sie hatte eine Erscheinung. Mitten in der Nacht saß sie auf einem frisch
gepflügten Acker. Rings um sie saßen große Vögel mit starken Flügeln und
spitzigen Schnäbeln. Sie waren grau, kaum merkbar auf dem grauen Boden,
aber sie wachten über sie. Sie hielten Gericht über sie. Mit einemmal
flogen sie auf und senkten sich auf ihren Kopf herab. Sie sah ihre scharfen
Klauen, ihre spitzigen Schnäbel; ihre peitschenden Flügel kamen immer
näher. Es war wie ein tödlicher Regen von Stahl. Sie duckte den Kopf hinab
und fühlte, daß sie sterben mußte. Aber als sie näher kamen, ganz dicht an
sie heran, mußte sie aufsehen. Da sah sie, daß die grauen Vögel alle diese
alten Frauen waren.
Eine von ihnen fing zu sprechen an. Sie wußte, was anständig war, was sich
in einem Trauerhause schickte. Man hatte jetzt lange genug geschwiegen.
Aber die Schustersfrau fuhr auf, wie von einem Peitschenhiebe getroffen.
Was wollte die Frau sagen? »Du Matts Wiks Frau, Anna Wik, gestehe! Lange
genug hast du vor Gott und vor uns gelogen. Wir sind deine Richter. Wir
wollen dich richten und dich zerreißen.«
Nein, die Frau begann von den Männern zu sprechen. Und die andern stimmten
ein, so wie der Anlaß es erforderte. Es wurde nicht zum Lob der Männer
gesprochen. Alles Böse, was Männer je getan hatten, wurde ans Licht
gezogen. Das war Trost für eine verlassene Frau.
Verleumdung ward auf Verleumdung gewälzt. Wunderliche Wesen, diese Männer!
Sie schlagen uns, sie vertrinken unser Geld. Sie verpfänden unsre Habe.
Warum in aller Welt hatte unser Herrgott solche erschaffen?
Die Zungen wurden wie Drachenzähne, sie spien Gift, sie sprühten Feuer.
Jede fügte ihr Wort ein. Erzählung häufte sich auf Erzählung. Die Frau floh
vor dem berauschten Mann aus dem Hause. Frauen rackerten sich für versoffne
Männer. Ehefrauen wurden um andrer Frauen willen verlassen. Die Zungen
sausten wie Peitschenhiebe. Das häusliche Elend wurde entblößt. Lange
Litaneien wurden gesprochen. Vor des Mannes Tyrannei bewahre uns, o gütiger
Gott!
Krankheit und Armut, der Tod der Kinder, die Kälte des Winters, die Plage
mit den Alten, alles kommt vom Manne. Die Sklaven zischten gegen ihre
Herren. Sie wendeten den Stachel gegen den, zu dessen Füßen sie krochen.
Der Frau des durchgegangnen Mannes gellten diese Worte schrill in den
Ohren. Sie wagte, die Unverbesserlichen zu verteidigen. »Mein Mann,« sagte
sie, »ist gut.« Die Frauen fuhren auf, sie zischten und fauchten. »Er ist
durchgegangen. Er ist nicht besser als irgendein andrer. Er, der schon alt
ist, hätte es besser verstehen müssen, als von Frau und Kind fortzulaufen.
Kannst du glauben, daß er besser ist als irgendein andrer?«
Die Frau bebte, es war ihr, als würde sie durch stechendes Dornengestrüpp
geschleift. Ihr Mann zu den Sündern gezählt! Sie erglühte in Scham, sie
wollte sprechen, aber sie schwieg. Sie hatte Angst. Sie vermochte es nicht.
Aber warum schwieg Gott? Warum ließ Gott so etwas geschehen?
Wenn sie den Brief herausnähme und ihn laut läse. Dann würde sich der
Giftstrom wenden. Der Eiter würde sie bespritzen. Todesangst kam über sie.
Sie wagte es nicht. Sie wünschte beinahe, daß eine freche Hand in ihre
Tasche gegriffen und den Brief hervorgezogen hätte. Sie vermochte nicht,
sich selbst preiszugeben. Drinnen aus der Werkstätte hörte man einen
Schusterhammer. Hörte niemand, wie siegesfreudig er klopfte? Den ganzen Tag
hatte sie dieses Klopfen gehört und sich darüber erzürnt. Aber keine der
Frauen verstand es. Allwissender Gott, hattest du keinen Diener, der die
Herzen durchschaute? Sie wollte gern ihr Urteil hinnehmen, wenn sie nur
nicht gestehen mußte. Sie wollte jemanden sagen hören: »Wer hat es dir
eingegeben, daß du vor Gott lügen solltest?« Sie horchte nach dem Laut der
Schritte der jungen Männer, um niederzufallen und zu sterben.
* * * * *
Mehrere Jahre nach diesem Vorfall heiratete eine geschiedene Frau einen
Schuhmacher, der Gesell bei ihrem Manne gewesen war. Sie hatte es nicht
gewollt, aber sie war dazu hingezogen worden, wie eine Forelle zum
Bootsrand gezogen wird, wenn sie einmal an der Schnur hängen geblieben ist.
Der Fischer läßt sie spielen, er läßt sie hin und her schnellen und läßt
sie glauben, daß sie frei ist. Aber wenn sie müde geworden ist, wenn sie
nicht weiter kann, dann zieht er sie mit leichtem Ruck an das Boot, dann
holt er sie herauf und wirft sie auf den Bootsgrund, ehe sie noch weiß, um
was es sich handelt.
Die Frau des durchgegangnen Schuhmachers hatte ihren Gesellen verabschiedet
und hatte allein leben wollen. Sie wollte ihrem Manne zeigen, daß sie
unschuldig war. Aber wo war der Mann? Kümmerte er sich nicht um ihre Treue?
Sie litt Not, ihr Kind ging in Lumpen. Wie lange glaubte denn der Mann, daß
sie warten konnte? Sie ging zugrunde, wenn sie niemanden hatte, an den sie
sich lehnen konnte.
Erikson ging es gut. Er hatte einen Laden drinnen in der Stadt. Seine
Schuhe standen auf Spiegelglasscheiben hinter breiten Auslagefenstern.
Seine Werkstätte dehnte sich aus. Er mietete eine Wohnung und stellte
Sammetmöbel in das Sitzzimmer. Alles wartete nur auf sie. Als sie der Armut
gar zu müde war, kam sie.
Sie war anfangs sehr ängstlich. Aber es traf sie kein Unglück. Sie wurde
mit jedem Tage sichrer und immer glücklicher. Sie stand bei den Menschen in
Ansehen und wußte bei sich, daß sie es nicht verdiente. Dies hielt ihr
Gewissen wach, so daß sie eine gute Frau wurde.
Nach einigen Jahren kam ihr erster Mann wieder in das Haus in der Vorstadt.
Er ließ sich wieder dort nieder und wollte anfangen zu arbeiten. Aber er
bekam keine Arbeit, und kein ordentlicher Mensch wollte mit ihm verkehren.
Er wurde verachtet, während seine Frau große Ehre genoß. Und doch hatte er
recht getan und sie unrecht gehandelt.
Der Mann behielt sein Geheimnis bei sich, aber es erstickte ihn beinahe. Er
fühlte, wie er sank, weil alle ihn für einen schlechten Menschen hielten.
Niemand verließ sich auf ihn, niemand wollte ihm Arbeit anvertrauen. Er
schloß sich der Gesellschaft an, die er finden konnte, und gewöhnte es sich
an, zu trinken.
Während es so bergab mit ihm ging, kam die Heilsarmee in die Stadt. Sie
mietete einen großen Saal und begann ihre Tätigkeit. Schon vom ersten Abend
an lief alles Lumpengesindel zu den Vorstellungen, um dort Unfug zu
treiben. Als dies ungefähr eine Woche gedauert hatte, kam Matts Wik mit, um
an der Belustigung teilzunehmen. Es herrschte Gedränge auf der Gasse, und
im Tore entstand eine Stockung. Da waren scharfe Ellenbogen und scharfe
Zungen; Gassenjungen und Soldaten, Mägde und Scheuerfrauen; friedliche
Polizisten und lärmender Pöbel. Die Armee war neu und modern. Die Bälle
verloren an Reiz, die Schenken standen leer. Elegants und Hafengesindel,
alles ging zur Heilsarmee.
Im Saale war die Decke niedrig. Ganz im Hintergrunde stand eine leere
Estrade. Ungestrichne Bänke, geliehene Stühle. Zerschlissener Boden,
Feuchtigkeitsflecke an der Decke, Lampen, die rauchten. Der eiserne Ofen
mitten im Zimmer verbreitete Wärme und Kohlendunst. Im Augenblick waren
alle Plätze besetzt. Zunächst der Estrade saßen Frauen, anständig wie in
der Kirche, feierlich wie unter dem Brauthimmel, und hinter ihnen Tagediebe
und Nähmädchen. Ganz rückwärts saßen die Jungen, ein Gassenjunge dem andern
auf dem Schoß. Und in der Tür gab es Schlägereien zwischen jenen, die nicht
hereinkommen konnten.
Die Estrade war leer. Die Uhr hatte noch nicht geschlagen, die Vorstellung
noch nicht begonnen. Einer pfiff, einer lachte. Bänke wurden zertreten. Der
»Kampfruf« flog wie ein Drache zwischen den Leuten hin und her. Das
Publikum unterhielt sich auf eigne Faust.
Die Seitentüre öffnete sich. Kalte Luft strömte in das Zimmer. Das
Kaminfeuer loderte auf. Schweigen trat ein. Erwartungsvolle Aufmerksamkeit.
Endlich kamen sie, drei junge Frauen, Gitarren tragend, die Gesichter von
breitkrempigen Hüten beinahe verdeckt. Sie stürzten auf die Knie, sobald
sie die Stufen der Estrade erklommen hatten.
Eine von ihnen betete laut. Sie hob den Kopf empor, schloß aber die Augen.
Die Stimme war schneidend wie ein Messer. Während des Gebetes war es still.
Gassenjungen und Hafengesindel waren noch nicht recht in Zug gekommen. Sie
warteten auf die Geständnisse und die anregenden Melodien.
Die Frauen machten sich ans Werk. Sie sangen und beteten, sangen und
predigten. Sie lächelten und sprachen von ihrem Glück. Vor sich hatten sie
ein Parterre von Hafengesindel. Die begannen aufzustehen, sie sprangen auf
die Bänke. Ein drohender Lärm erhob sich in den Scharen. Die Frauen auf der
Estrade sahen furchtbare Gesichter durch die rauchige Luft schimmern. Die
Männer hatten feuchte, schmutzige Kleider, die übel rochen. Sie spien jeden
Augenblick Tabak aus und fluchten bei jedem Wort. Diese Frauen, die gegen
sie kämpfen wollten, sprachen von ihrem Glück.
Wie tapfer war diese kleine Armee! Ach, ist es nicht schön, tapfer zu sein,
ist es nicht ein Hochgefühl, Gott mit sich zu haben! Es half nichts, über
die mit den großen Hüten zu lachen. Es war höchstwahrscheinlich, daß sie
die schwieligen Hände, die grausamen Gesichter, die lästernden Lippen
besiegen würden.
»Singet mit,« riefen die Heilsarmeesoldatinnen. »Singet mit. Es ist gut, zu
singen.« Sie stimmten eine bekannte Melodie an. Sie zupften an ihren
Gitarren und wiederholten denselben Vers einmal ums andre. Sie brachten
den einen oder andern der Zunächstsitzenden dazu, mitzusingen. Doch jetzt
erdröhnte unten von der Türe ein leichtsinniger Gassenhauer. Töne kämpften
gegen Töne; Worte gegen Worte; die Gitarre gegen die Zischpfeife. Die
starken, geübten Stimmen der Frauen stritten gegen die heisern, mutierenden
Stimmen der Knaben, gegen die Brummbässe der Männer. Als der Gassenhauer
nahe daran war, unterzutauchen, begann man unten an der Tür zu stampfen und
zu pfeifen. Der Heilsarmeegesang sank wie ein verwundeter Krieger. Der Lärm
war entsetzlich, die Frauen stürzten auf die Knie.
Sie lagen wie ohnmächtig da. Die Augen waren geschlossen. Die Körper
wiegten sich in stummem Schmerz. Der Lärm erstarb. Die Heilsarmeekapitänin
begann augenblicklich: »Herr, alle diese wirst du zu den Deinen machen.
Dank, o Herr, daß du sie alle in dein Kriegsheer aufnehmen willst! Dank, o
Herr, daß wir sie dir zuführen dürfen!«
Die Volksmasse knirschte, heulte, toste. Es war, als ob alle diese Kehlen
von einem scharfen Messer gekitzelt würden. Es war, als fürchteten die
Menschen, überwunden zu werden, als hätten sie vergessen, daß sie
freiwillig gekommen waren.
Aber die Frau fuhr fort, und ihre scharfe schneidende Stimme trug den Sieg
davon. Sie mußten hören.
»Ihr tobt und schreit. Die alte Schlange in euch windet sich und rast. Aber
das ist gerade das Zeichen. Gesegnet sei das Brüllen der alten Schlange! Es
zeigt, daß sie sich quält, daß sie sich fürchtet. Lacht uns aus! Schlagt
uns die Fenster ein! Verjagt uns von der Estrade! Morgen werdet ihr uns
angehören! Wir werden die Erde besitzen. Wie wollt ihr uns widerstehen? Wie
wollt ihr Gott widerstehen?«
Gleich darauf befahl die Kapitänin einer ihrer Gefährtinnen, vorzutreten
und ihr Bekenntnis abzulegen. Sie kam lächelnd. Sie stand kühn und
unerschrocken da und schleuderte die Geschichte ihrer Sünde und ihrer
Bekehrung den Höhnenden entgegen. Wo hätte es das Küchenmädchen gelernt,
lächelnd unter allem diesem Hohn zu stehen? Einige von ihnen, die gekommen
waren, um ihren Spott zu treiben, erblaßten. Woher nahmen diese Frauen
ihren Mut und ihre Macht? Es stand jemand hinter ihnen.
Die dritte der Frauen trat vor. Sie war ein wunderschönes Kind, reicher
Eltern Tochter, mit einer sanften, klaren Singstimme. Sie erzählte nicht
von sich selbst. Ihr Zeugnis war eines der gewöhnlichen Lieder.
Das war wie der Schatten eines Sieges. Die Versammlung vergaß sich und
lauschte. Dieses Kind war schön zu sehen, lieblich zu hören. Aber als sie
verstummt war, brach das Getöse noch furchtbarer los. Unten an der Tür
bauten sie eine Estrade aus Bänken, sprangen hinauf und legten Geständnisse
ab.
Es wurde immer unheimlicher im Saal. Der eiserne Ofen wurde glutrot, er
schluckte Luft und strömte Wärme aus. Die ehrbaren Frauen auf den
vordersten Bänken sahen sich nach einem Ausweg zu fliehen um, aber es gab
keine Möglichkeit, den Saal zu verlassen. Die Heilssoldatinnen auf der
Estrade wankten, und auf ihren Stirnen perlte der Schweiß. Sie riefen und
beteten um Stärke. Plötzlich fuhr ein Hauch durch die Luft, ein Flüstern
schlug an ihr Ohr. Sie wußten nicht, woher es kam, aber sie fühlten einen
Umschlag. Gott war mit ihnen. Er kämpfte für sie.
Aufs neue in den Kampf! Die Kapitänin trat vor und erhob die Bibel über
ihren Kopf. »Haltet inne, haltet inne! Wir fühlen, daß Gott unter uns
wirkt. Eine Bekehrung ist nahe. Helft uns beten! Gott will uns eine Seele
schenken.«
Sie fielen in stummem Gebet auf die Knie. Einige im Saal nahmen an dem
Gebet teil. Allen teilte sich eine spannende Erwartung mit. War es wahr?
Trug sich etwas Großes in der Seele eines Mitmenschen zu, hier, mitten
unter ihnen? Würden sie es sehen? Konnten diese Frauen etwas bewirken?
Für einen Augenblick war die Menge gewonnen. Jetzt war sie ebenso erpicht
auf Wunder wie eben erst auf Lästerung. Niemand wagte sich zu rühren. Alle
keuchten vor Erwartung, aber nichts geschah. »O Gott, du verlässest uns! Du
verläßt uns, o Gott!«
Die schöne Heilsarmeesoldatin begann zu singen. Sie wählte die mildeste der
Melodien, das zarteste Kind der Sehnsucht: »Fern er weilet von grünenden
Tälern.«
Die Worte waren nur wenig verändert. Das Lied des finnischen Hirtenmädchens
war unschwer zu Jesu Sehnsucht nach der Seele geworden. »O, du meine
Geliebte, kommst du nicht bald?«
So mild lockend wie ein bittendes Kind glitt der Gesang in die Gemüter, wie
eine Liebkosung, wie ein Segen.
Die Versammlung war stumm, wie versunken in diese Töne. -- »Berge und
Wälder verschmachten, Himmel und Erde leben in Sehnsucht. Mensch, alles in
der Welt dürstet danach, daß du deine Seele dem Lichte erschließest. Dann
verbreitet sich Herrlichkeit über alle Welt, dann stehen die Tiere auf aus
ihrer Erniedrigung. Alles Seufzen der Kreatur hat ein Ende. O, du meine
Geliebte, kommst du nicht bald?«
»Es ist nicht wahr, daß du in hohen Königssälen weilest. In dunklen
Wäldern, in elenden Hütten hausest du, und du willst nicht kommen. Mein
lichter Himmel lockt dich nicht. O, du meine Geliebte kommst du nicht
bald?«
Unten im Saale stimmten immer mehrere in den Kehrreim ein. Stimme um Stimme
kam mit. Sie wußten nicht recht, welcher Worte sie sich bedienten. Die
Melodie war genug. Alle Sehnsucht konnte sich in diesen Tönen freisingen.
Auch unten an der Tür wurde es gesungen. Es sprengte Herzen. Es
unterjochte Willen. Es klang nicht mehr wie eine jammervolle Klage, sondern
stark, fordernd, befehlend.
»O, du meine Geliebte, kommst du nicht bald?«
Unten an der Tür im dichtesten Knäuel stand Matts Wik. Er sah ganz
vertrunken aus, aber an diesem Abend war er nicht berauscht. Er stand da
und dachte: »Wenn ich sprechen dürfte, wenn ich sprechen dürfte.«
Dies war der wunderbarste Raum, den er je gesehen hatte, die wunderbarste
Gelegenheit. Eine Stimme sprach zu ihm: »Dies ist das Schilf, in das du
flüstern kannst, die Wellen, die deine Stimme tragen werden.«
Die Singenden zuckten zusammen. Es war, als hätten sie einen Löwen brüllen
hören. Eine starke, furchtbare Stimme sprach furchtbare Worte.
Sie höhnte Gott. Warum dienten die Menschen Gott? Er verließ alle, die ihm
dienten. Er hatte seinen Sohn verlassen. Gott half niemandem.
Die Stimme stieg gewaltig an, sie wurde mit jeder Minute brausender. Solche
Kraft hatte niemand Menschenlungen zugetraut. Solche Raserei hatte niemand
je aus einem zertretnen Herzen losbrechen hören. Sie neigten ihr Haupt wie
die Wandrer in der Wüste, wenn der Sturm über sie kommt.
Gewaltige, gewaltige Worte. Sie waren wie donnernde Hammerschläge gegen
Gottes Thron. Gegen ihn, der Hiob quälte, der die Märtyrer leiden, der
seine Bekenner auf Scheiterhaufen verbrennen ließ. Der Ohnmächtige, wann
begründet er sein Reich? Wann läßt er ab, die Arglist zum Siege zu führen?
Anfangs hatten einige versucht, zu lachen. Einige hatten geglaubt, daß dies
ein Scherz sei. Jetzt hörten sie bebend, daß es Ernst war. Schon erhoben
sich einige, um die Estrade hinaufzufliehen. Sie verlangten den Schutz der
Heilsarmee gegen jenen, der Gottes Zorn auf sie herabbeschwor.
Die Stimme fragte sie in zischendem Tonfall, welchen Lohn sie für ihre
Mühe erwarteten, Gott zu dienen. Sie sollten sich nicht den Himmel
erwarten. Gott geizte mit seinem Himmel. Ein Mann, sagte er, hatte mehr
Gutes getan, als notwendig war, um die Seligkeit zu erringen. Er hatte
größre Opfer gebracht, als Gott verlangte. Aber dann wurde er zur Sünde
verlockt. Das Leben ist lang. Er bezahlte seine verdiente Gnade schon in
dieser Welt. Er muß den Weg der Verdammten gehen.
Die Rede war der furchtbare Nordwind, der die Schiffe in den Hafen treibt.
Bei den Worten des Höhnenden stürzten die Frauen die Estrade hinan. Die
Hände der Heilsarmeesoldatinnen wurden erfaßt und geküßt. Bekehrung folgte
auf Bekehrung. Sie konnten kaum alle aufnehmen. Knaben und Greise priesen
Gott.
Er, der sprach, fuhr fort. Die Worte berauschten ihn. Er sagte zu sich
selbst: »Ich spreche, ich spreche, endlich spreche ich. Ich sage ihnen mein
Geheimnis, und ich sage es doch nicht.« Zum ersten Male, seit er das große
Opfer gebracht hatte, war er frei von Kummer.
* * * * *
Es war ein Sonntagnachmittag im Hochsommer. Die Stadt sah wie eine
Steinwüste aus, wie eine Mondlandschaft. Man sah keine Katze, keinen
Sperling, kaum eine Fliege an einer sonnigen Wand. Kein Schornstein
rauchte. In den schwülen Straßen war keine Luft. Das Ganze war nur ein
steinbesäter Acker, aus dem Steinwände wuchsen.
Wo waren Hunde und Menschen? Wo waren die jungen Damen in schmalen Röcken
und weiten Ärmeln, langen Handschuhen und roten Sonnenschirmen? Wo waren
Soldaten und Stutzer, Heilsarmeesoldaten und Gassenjungen?
Wohin zogen an dem taufrischen Morgen alle die bunten Lustfahrerscharen,
alle die Körbe und Ziehharmonikas und Flaschen, die das Dampfboot ans Land
lud. Oder wo kam er hin, der lange Guttemplerzug? Die Fahnen wehten, die
Trommeln dröhnten, Gassenjungen schwärmten, stampften, schrien hurra. Oder
wo blieben sie, die blauen Schleierchen, unter denen die Kleinen schliefen,
während Vater und Mutter sie andächtig über die Gasse schoben.
Alle waren sie auf dem Wege hinaus in den Wald. Sie klagten über die langen
Straßen. Es war, als wenn die Steinhäuser ihnen nachjagten. Endlich,
endlich schimmerte Grün. Und gleich vor der Stadt, wo der Weg sich durch
platte, feuchte Felder schlängelte, wo der Lerchengesang am vollsten
ertönte, wo der Klee honigsüß duftete, da lagen die ersten
Zurückgebliebenen. Die Mütze im Nacken, die Nase im Grase. Den Körper in
Sonnenschein und Blumenduft gebadet, die Seele von Muße und Ruhe erquickt.
Aber über den Weg zum Walde eilten Proviantträger und Radfahrer. Jungen
kamen mit Spaten und blanken Tornistern. Mädchen tanzten in Staubwolken.
Himmel und Fahnen und Kinder und Trompeten. Handwerkerfamilien und
Arbeiterscharen. Die sich bäumenden Klepper der Charabans erhoben die
Vorderbeine über die Haufen. Ein wilder berauschter Geselle sprang auf das
Rad. Er wurde von flinken Damen heruntergeschleudert und blieb zappelnd auf
dem Rücken im Staube der Landstraße liegen.
Drinnen im Walde spielte und sang, flötete und schluchzte eine Nachtigall.
Die Birken kamen nicht gut fort, sie hatten schwarze Stämme. Die Buchen
bauten hohe Tempel, Stockwerk auf Stockwerk von quergestreiftem Grün. Der
Frosch saß da und zielte mit der Zunge. Und jedesmal fing er eine Fliege.
Der Igel patschte in dem alten raschelnden Buchenlaub herum. Libellen
huschten über das Moor mit glitzernden Flügeln. Die Menschen ließen sich
um die Eßkörbe nieder. Goldkäfer krochen rings um sie durch das Gras. Die
piepsenden funkelnden Grillen suchten ihren Sonntag froh zu machen.
Plötzlich verschwand der Igel, er rollte sich erschrocken in seine
Stacheln. Die Grillen tauchten in das Grün unter, ganz verstummt. Die
Nachtigall sang aus Leibeskräften. Es waren Gitarren, Gitarren. Die
Heilsarmee zog unter den Buchen ein. Die Leute erwachten aus der stumpfen
Ruhe unter den Bäumen. Tanzboden und Krocketplatz wurden verödet. Schaukel
und Karussell hatten eine Stunde Rast. Alles strömte dem Lager der
Heilsarmee zu. Die Bänke füllten sich, und auf jeder Erdhöhe saßen Zuhörer.
Jetzt war die Armee gewachsen und stark und mächtig geworden. Um manche
liebliche Wange schloß sich der Heilsarmeehut. Mancher starke Mann trug das
rote Wams. Es herrschte Friede und Ordnung unter der Menge. Schimpfworte
wagten sich nicht über die Lippen. Die Flüche verrollten unschädlich hinter
den Zähnen. Und Matts Wik, der Schuhmacher, der gewaltige Gotteslästerer,
stand jetzt als Fahnenwächter unter der Estrade. Er war auch einer der
Gläubigen. Die Enden der roten Fahne liebkosten freundlich seinen grauen
Kopf.
Die Heilsarmeesoldatinnen hatten den Alten nicht vergessen. Sie hatten ihm
ihren ersten Sieg zu danken. Sie waren in seiner Einsamkeit zu ihm
gekommen. Sie wuschen seine Stube und besserten seine Kleider aus. Sie
weigerten sich nicht, mit ihm umzugehen. Und bei ihren Zusammenkünften
durfte er sprechen. Seit er sein Schweigen gebrochen hatte, war er
glücklich. Er stand nicht mehr als ein Feind Gottes da. Eine brausende
Kraft erfüllte ihn. Er war glücklich, wenn er ihr Luft machen durfte. Wenn
die Säle vor seiner Löwenstimme erzitterten, war er glücklich.
Er sprach immer von sich selbst. Er erzählte immer seine eigne Geschichte.
Das Schicksal des Verkannten schilderte er. Er sprach von Opfern bis aufs
Blut, die gebracht worden waren, ohne Lohn zu gewinnen, ohne Anerkennung zu
finden. Er kleidete das ein, was er erzählte. Er erzählte sein Geheimnis
und erzählte es doch nicht.
Aus ihm wurde ein Dichter. Er bekam die Kraft, die Herzen zu gewinnen. Um
seinetwillen sammelte sich die Menge vor der Estrade der Heilsarmee. Er zog
sie hin mit den berückend phantastischen Bildern, die sein krankes Hirn
erfüllten. Er fesselte sie mit den Worten ergreifender Klage, die seines
Herzens Qual ihn gelehrt hatte.
Vielleicht hatte sein Geist schon einmal in dieser Welt des Todes und des
Wechsels geweilt. Vielleicht war er damals ein mächtiger Dichter gewesen,
erfahren in der Kunst, auf den Saiten des Herzens zu spielen. Aber um
schwerer Verbrechen willen war er verurteilt worden, sein Erdenleben
abermals zu beginnen, von seiner Hände Arbeit zu leben, unbekannt mit der
Macht des Geistes. Doch jetzt hatte sein Kummer den Kerker seines Geistes
gesprengt. Seine Seele war ein eben befreiter Gefangner. Lichtscheu und
verwirrt, aber dennoch jubelnd über ihre Freiheit zog sie über die
einstigen Schlachtfelder.
Der wilde, ungelehrte Sänger, die schwarze Drossel, die unter Staren
aufgewachsen war, lauschte mißtrauisch den Worten, die ihm auf die Lippen
kamen. Woher hatte er die Macht, die Menge zu zwingen, hingerissen seiner
Rede zu lauschen? Woher hatte er die Macht, stolze Menschen auf die Knie zu
zwingen, sie die Hände ringen zu lassen? Er erzitterte, ehe er zu reden
begann. Dann kam ruhige Zuversicht über ihn. Aus der niemals ermessenen
Tiefe seines Leidens stiegen unablässig Wolken von qualschweren Worten
empor.
Diese Reden wurden nie gedruckt. Sie waren Jagdrufe, schmetternde
Hornfanfaren, lockend, belebend, erschreckend, anfeuernd. Nicht zu fangen,
nicht wiederzugeben. Sie waren Blitze und rollende Donnerschläge. Die
Herzen erschütterten sie in düstrer Angst. Aber vergänglich waren sie,
niemals ließen sie sich fangen. Der Wasserfall kann bis auf den letzten
Tropfen gemessen werden, das irrende Spiel des Schaumes läßt sich malen,
nicht aber der schnelle, irrende, rauschende, wachsende, gewaltige Strom
dieser Reden.
An jenem Tage im Walde fragte er die Versammelten, ob sie wüßten, wie sie
Gott dienen müßten. -- Wie Uria seinem König diente.
Nun wurde der Mann auf der Rednertribüne zu Uria. Nun ritt er durch die
Wüste mit seines Königs Brief. Er war allein, die Einsamkeit ängstigte ihn.
Seine Gedanken waren düster. Aber er lächelte, wenn er an sein Weib dachte.
Die Wüste wurde ein Blumengefilde, wenn er ihrer gedachte. Quellen
entsprangen aus der Erde bei dem Gedanken an sie.
Sein Kamel stürzte. Seine Seele ward von bösen Ahnungen erfüllt. Das
Unglück, dachte er, ist ein Geier, der die Wüste liebt. Er machte nicht
kehrt, sondern ging vorwärts mit des Königs Brief. Er trat auf Dornen. Er
ging unter Nattern und Skorpionen. Ihn dürstete und hungerte. Er sah
Karawanen ihre dunklen Streifen durch den Wüstensand ziehen. Er suchte sie
nicht auf. Er wagte es nicht, sich Fremden zuzugesellen. Wer des Königs
Brief trägt, muß allein gehen. Er sah des Abends die weißen Zelte der
Hirten. Sie lockten ihn, wie die lächelnde Wohnstatt seines Weibes. Er
glaubte, weiße Schleier winken zu sehen. Doch er wich den Zelten aus und
ging in die Einsamkeit. Wehe, wenn sie seines Königs Brief gestohlen
hätten!
Wankend geht er, als er die spähenden Räuber hinter sich herjagen sieht. Er
denkt an des Königs Brief. Er liest ihn, um ihn dann zu vernichten. Er
liest ihn und faßt neuen Mut. Steht auf, Krieger von Juda! Er zerstört den
Brief nicht. Er ergibt sich den Räubern nicht. Er kämpft und siegt. Und
dann weiter, weiter. Er führt sein Todesurteil mit sich durch tausend
Gefahren. -- --
So ist es, Gottes Wille muß befolgt werden bis aufs Blut, bis in den
Tod. -- --
Während Wik sprach, stand seine geschiedene Frau da und hörte ihm zu. Sie
war am Morgen in den Wald gezogen, vergnügt und strahlend, am Arm des
Mannes höchst matronenhaft, respektabel bis in die Fingerspitzen. Die
Tochter und der Geselle trugen den Eßkorb. Die Magd folgte mit dem jüngsten
Kinde nach. Alles war Friede, Glück, Ruhe gewesen.
Dann hatten sie in einem Waldesdickicht gelegen. Sie hatten gegessen und
getrunken, gespielt und gelacht. Nicht ein Gedanke an vergangne Zeiten! Das
Gewissen schwieg wie ein gesättigtes Kind. Früher, wenn der erste Mann
betrunken an ihrem Fenster vorbeigetaumelt war, hatte sie einen Stich in
der Seele gefühlt.
Dann hatte sie gehört, daß er der Abgott der Heilsarmee geworden sei. Sie
fühlte sich daher ganz ruhig. Jetzt war sie gekommen, um ihn zu hören. Und
sie verstand ihn. Er sprach nicht von Uria. Er erzählte von sich selbst. Er
wand sich unter dem Gedanken an sein eignes Opfer. Er riß Stücke aus seinem
eignen Herzen und warf sie unter das Volk. Sie kannte diesen Wüstenreiter,
diesen Besieger der Räuber. Und diese ungestillte Qual starrte sie an wie
ein offnes Grab. --
Es wurde Nacht. Der Wald wurde menschenleer. Lebt wohl nun, Grün und
Blumen! Weiter Himmel, lebe wohl auf lange! Die Schlangen begannen um die
Hügel zu kriechen. Die Kröten sprangen über den Weg. Der Wald wurde
häßlich. Alle sehnten sich heim nach der Steinwüste, nach der
Mondlandschaft. Dort ist es für Menschen gut sein. Vielleicht können
leidende Herzen dort einer raschen Versteinerung entgegengehen.
* * * * *
Frau Anna Erikson lud ihre alten Freundinnen zusammen. Die
Handwerkersgattinnen der Vorstadt und die Scheuerfrauen kamen zu ihr zum
Vormittagskaffee. Es waren dieselben da, die am Tage der Flucht bei ihr
gewesen waren. Eine war neu hinzugekommen, Maria Anderson, die Kapitänin
der Heilsarmee.
Anna Erikson hatte nun viele Wandrungen zur Heilsarmee unternommen. Sie
hatte ihren Mann gehört. Er erzählte immer von sich selbst. Er verkleidete
seine Geschichte. Sie erkannte sie immer. Er war Abraham. Er war Hiob. Er
war Jeremias, den das Volk in den Brunnen warf. Er war Elisa, den die
Kinder auf dem Wege verhöhnten.
Dieser Schmerz erschien ihr bodenlos. Dieser Kummer lieh sich alle Stimmen,
er machte sich Masken aus allem, was ihm begegnete. Sie begriff nicht, daß
der Mann sich gesund sprach, daß es in seinem Innern leuchtete und lachte
vor Freude über die Dichtermacht.
Sie hatte ihre Tochter mit zur Armee geschleppt. Die Tochter hatte nicht
gehen wollen. Sie war sittsam, streng, pflichttreu. Keine Jugend spielte in
ihrem Blut. Sie war alt geboren.
Sie hatte sich ihres Vaters immer geschämt. So war sie herangewachsen. Sie
ging gerade, herbe, gleichsam als sagte sie: »Seht, eines verachteten
Mannes Tochter! Seht, ob Staub auf meinem Kleide ist! Ist ein Tadel auf
meinem Wandel?« Ihre Mutter war stolz auf sie. Dennoch seufzte sie
bisweilen: »Ach, daß meiner Tochter Hände weniger weiß wären, vielleicht
wären dann ihre Liebkosungen wärmer!«
Das Mädchen saß in der Armee, spöttisch lächelnd. Sie verachtete die
Theatervorstellung. Als ihr Vater hinauftrat, um zu sprechen, wollte sie
gehen. Frau Anna Eriksons Hand umklammerte die ihre fest wie eine Zange.
Das Mädchen blieb sitzen. Der Wortstrom begann über sie hinzubrausen. Aber
was zu ihr sprach, waren nicht so sehr die Worte, als die Hand ihrer
Mutter.
Diese Hand krümmte sich, krampfhafte Zuckungen durcheilten sie. Sie lag
schlaff, gleichsam tot in der ihren, sie griff wild um sich, fieberheiß.
Das Gesicht ihrer Mutter verriet nichts. Nur die Hand litt und kämpfte.
Der alte Redner beschrieb das Martyrium des Schweigens. Jesu Freund lag
krank. Seine Schwestern sandten ihm Boten. Aber seine Zeit war noch nicht
gekommen. Für Gottes Reich mußte Lazarus sterben.
Er ließ nun allen Zweifel, alle Verleumdung auf Christus niedersausen. Er
beschrieb sein Leiden. Sein eignes Mitleid quälte ihn. Er machte alle
Todespein durch, er wie Lazarus. Und doch mußte er schweigen.
Nur ein Wort hätte es ihn gekostet, die Achtung der Freunde
wiederzugewinnen. Er schwieg. Er mußte die Klage der Schwestern hören. Er
sagte ihnen die Wahrheit in Worten, die sie nicht verstanden. Die Feinde
höhnten ihn.
Und so weiter, immer ergreifender und ergreifender.
Anna Eriksons Hand lag in der der Tochter. Diese Hand beichtete und
bekannte: »Der Mann dort drüben trägt selbst das Martyrium des Schweigens.
Er wird zu Unrecht angeklagt. Mit einem Worte könnte er sich frei machen.«
Das Mädchen ging mit ihrer Mutter heim. Sie gingen stumm. Das Gesicht des
jungen Mädchens war wie Stein. Sie grübelte, suchte alles auf, was die
Erinnerung ihr sagen konnte. Ihre Mutter sah angstvoll zu ihr auf. Was
wußte sie?
An dem Tage darauf hatte Anna Erikson ihre Kaffeegesellschaft. Man sprach
gar lustig vom Markt des Tages, von dem Preise der Holzschuhe, von
diebischen Mägden. Die Frauen plauderten und lachten. Sie gossen Kaffee in
die Untertassen. Sie waren heiter und sorglos. Frau Anna Erikson konnte
nicht verstehen, woher es gekommen war, daß sie sie früher gefürchtet, daß
sie immer geglaubt hatte, daß diese sie richten würden.
Als sie mit ihrer zweiten Tasse versehen waren, als sie wohlbehaglich
dasaßen und der Kaffee auf dem Rand der Tassen zitterte und die Teller mit
Weizenbrot beladen waren, nahm sie das Wort. Ihre Worte waren ein wenig
feierlich, aber ihre Stimme war ruhig.
»In der Jugend ist man unvorsichtig. Ein Mädchen, das sich verheiratet hat,
ohne recht zu bedenken, was sie auf sich nimmt, kann in große Not kommen.
Wer hat es schlimmer getroffen als ich?«
Das wußten sie alle. Sie waren bei ihr gewesen und hatten mit ihr
getrauert.
»In der Jugend ist man unvernünftig. Man verschweigt das, was man sagen
sollte, weil man sich schämt. Man wagt nicht zu sprechen, aus Furcht vor
dem, was die Leute sagen könnten. Wer nicht zur rechten Zeit gesprochen
hat, kann es ein ganzes Leben lang bereuen.«
Sie glaubten alle, daß dies wahr sei.
Sie hatte Wik gestern gehört, wie so viele Male zuvor. Jetzt mußte sie
ihnen allen etwas über ihn sagen. Es kam eine brennende Unruhe über sie,
wenn sie bedachte, was er um ihretwillen gelitten hatte. Dennoch meinte
sie, daß er, der alt gewesen war, es besser hätte verstehen sollen, als
sie, das junge Ding zum Eheweib zu nehmen.
»Ich wagte es in meiner Jugend nicht zu sagen. Aber er ist aus
Barmherzigkeit von mir fort, weil er glaubte, daß ich Erikson haben wollte.
Ich habe seinen Brief dafür.«
Sie las ihnen den Brief vor. Eine Träne kam wohlanständig ihre Wangen
hinabgeglitten.
»Er hatte in seiner Eifersucht falsch gesehen. Zwischen Erikson und mir war
damals nichts. Es war vier Jahre, ehe wir heirateten. Aber ich will dies
jetzt sagen, denn Wik ist zu gut, um so verkannt herumzulaufen. Er ist
nicht aus Leichtsinn von Frau und Kindern fort, sondern in guter Absicht.
Ich möchte, daß dies überall bekannt wird. Kapitänin Anderson kann
vielleicht den Brief in der Armee vorlesen. Ich will, daß Wik Genugtuung
widerfährt. Ich weiß auch, daß ich allzulange geschwiegen habe, aber man
gibt sich nicht gern selbst eines Trunkenboldes wegen preis. Jetzt ist es
eine andre Sache.«
Die Frauen saßen förmlich versteinert da. Anna Erikson bebte die Stimme ein
wenig, und sie sagte mit einem matten Lächeln:
»Jetzt wollt ihr Frauen vielleicht gar nie mehr zu mir kommen?«
»Aber warum denn! Frau Erikson war doch noch so jung! Und Frau Erikson
konnte doch nichts dafür. -- Es war ja seine Schuld, wenn er sich solche
Dinge einbildete.«
Sie lächelte. Dies waren die harten Schnäbel, die sie zerreißen sollten.
Die Wahrheit war nicht gefährlich, und die Lüge auch nicht. Die Füße der
jungen Männer warteten nicht vor ihrer Tür.
Wußte sie oder wußte sie nicht, daß ihre älteste Tochter an demselben
Morgen ihr Haus verlassen hatte und zu ihrem Vater gegangen war?
* * * * *
Das Opfer, das Matts Wik gebracht hatte, um die Ehre seiner Frau zu retten,
wurde bekannt. Er wurde bewundert. Er wurde verlacht. Sein Brief wurde in
der Armee vorgelesen. Einige weinten aus Rührung. Auf der Straße kamen
Leute auf ihn zu und drückten ihm die Hand. Seine Tochter zog zu ihm.
An den nächsten Abenden nach diesem schwieg er bei den Zusammenkünften. Er
fühlte keinen innern Ruf. Einmal baten sie ihn, zu sprechen. Er stieg auf
die Estrade, faltete die Hände und begann.
Als er ein paar Worte gesagt hatte, hielt er verwirrt inne. Er erkannte die
Stimme nicht wieder. Wo war das Löwengebrüll? Wo der brausende Nordwind?
Und wo der Wortstrom? Er verstand nicht, verstand nicht.
Er wankte zurück. »Ich kann nicht,« murmelte er. »Gott gibt mir noch nicht
Kraft zu sprechen.« Er setzte sich auf die Bank nieder und stützte den Kopf
in die Hände. Er sammelte alle seine Denkkraft, um zuerst einmal
herauszufinden, worüber er sprechen sollte. Pflegte er in frühern Tagen zu
grübeln? Konnte er jetzt grübeln? Die Gedanken drehten sich mit ihm im
Kreise.
Vielleicht würde es gehen, wenn er sich wieder erhob, sich dorthin stellte,
wo er zu stehen pflegte und mit seinem gewohnten Gebet anfing. Er
versuchte. Er wurde aschgrau im Gesicht. Blicke hefteten sich auf ihn. Der
kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn. Nicht ein Wort kam über seine Lippen.
Er saß auf seinem Platz und weinte, schwer stöhnend. Die Gabe war ihm
genommen. Er versuchte zu sprechen, versuchte es stumm für sich selbst.
Worüber sollte er sprechen? Sein Schmerz war ihm genommen. Er hatte den
Menschen jetzt nichts zu sagen, was er ihnen nicht sagen durfte. Er hatte
kein Geheimnis einzukleiden. Er brauchte die Dichtung nicht. Die Dichtung
wich von ihm.
Es war eine Todesangst. Es war ein Kampf ums Leben. Er wollte das
festhalten, was schon gegangen war. Er wollte seinen Schmerz wieder haben,
um wieder sprechen zu können. Sein Schmerz war dahin. Er konnte ihn nicht
wiederfinden.
Wie ein Betrunkner schwankte er zur Estrade, wieder und immer wieder. Er
stammelte einige sinnlose Worte. Er leierte wie eine auswendig gelernte
Lektion das herunter, was er andre sagen gehört hatte. Er versuchte, sich
selbst nachzuahmen. Er spähte nach Andacht in den Blicken, nach bebendem
Schweigen, nach hastigem Atmen. Er vernahm nichts. Was seine Freude
gewesen, war von ihm genommen.
Er sank in das Dunkel zurück. Er verfluchte es, daß er mit seinen Reden
Frau und Tochter bekehrt hatte. Er hatte das Köstlichste besessen und es
verloren. Seine Verzweiflung war furchtbar. -- Aber nicht von solchem
Schmerz lebt der Genius.
Er war ein Maler ohne Hände, ein Sänger, der seine Stimme verloren hat. Er
hatte nur von seinem Schmerz gesprochen. Wovon sollte er jetzt reden?
Er betete: »O Gott, da die Ehre stumm ist, aber die Verkanntheit spricht!
gib mir die Verkanntheit wieder! Da das Glück stumm ist, aber der Schmerz
spricht, gib mir den Schmerz wieder!«
Aber die Krone war ihm genommen. Er saß da, elender als der Elendeste, denn
er war von den Höhen des Lebens herabgestürzt. Er war ein gefallener König.