Und die Toten stimmten in tausendfachem Echo ein: »Gesegnet sei ihr Name!«

»Schwester,« flüsterte Mamsell Friederike, »kannst du ihnen nicht

verbieten, mich armen sündigen Menschen hochmütig zu machen?«

»Aber Schwestern, Schwestern,« fuhr die Stimme fort, »sie hat sich gegen

unser Geschlecht gewendet mit aller ihrer großen Macht. Auf ihren Ruf nach

Freiheit und Arbeit sind die alten, verhöhnten Gnadenbrotempfängerinnen

ausgestorben. Sie hat die Schranken der Tyrannei um die Kinder

niedergebrochen. Sie hat die jungen Mädchen in die volle Tätigkeit des

Lebens versetzt. Sie hat der Einsamkeit, der Unwissenheit, der

Freudlosigkeit ein Ende gemacht. Keine unglücklichen, verachteten alten

Jungfern ohne Aufgabe und Lebensinhalt wird es mehr geben, keine solchen,

wie wir gewesen sind.«

Wieder erklang das Echo der Schatten, jubelnd wie ein Jagdlied im Walde,

wie der Ruf einer frohen Kinderschar: »Gesegnet sei ihr Angedenken!«

Darauf wallten die Toten aus der Kirche, und Mamsell Friederike trocknete

sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

»Ich gehe nicht mit heim,« sagte ihre tote Schwester. »Willst du nicht auch

gleich hierbleiben?«

»Ich möchte wohl, aber ich kann nicht. Da ist ein Buch, das ich zuerst

fertig haben muß.«

»Nun dann, gute Nacht, und nimm dich vor dem Ritter auf dem Kirchweg in

acht,« sagte ihre tote Schwester und lächelte schelmisch nach alter

Gewohnheit.

Dann fuhr Mamsell Friederike heim. Ganz Årsta schlief noch, und sie ging

still in ihr Zimmer, legte sich nieder und schlummerte noch einmal ein.

* * * * *

Einige Stunden später fuhr sie zur wirklichen Frühmette. Sie fuhr im

gedeckten Wagen, aber sie ließ das Fenster herab, um die Sterne sehen zu

können. Möglich ist es wohl auch, daß sie wie einst nach ihrem Ritter

aussah.

Und da war er, da sprengte er zum Wagenfenster heran. Prächtig saß er auf

seinem sich bäumenden Roß. Der Purpurmantel flatterte im Winde. Sein

bleiches Antlitz war streng, aber schön.

»Willst du mein werden,« flüsterte er.

Hingerissen ward sie in ihrem alten Herzen von der hohen Gestalt mit der

wehenden Feder. Sie vergaß, daß sie noch ein Jahr leben mußte.

»Ich bin bereit,« flüsterte sie.

»Dann komme ich in einer Woche und hole dich von deines Vaters Hof.«

Er beugte sich herab und küßte sie, und damit verschwand er; aber sie

begann zu frieren und zu zittern unter dem Kuß des Todes.

Ein kleines Weilchen später saß Mamsell Friederike in der Kirche, auf

demselben Platze, auf dem sie als Kind gesessen. Hier vergaß sie Ritter und

Gespenster und saß lächelnd in stiller Verzücktheit in dem Gedanken an die

Offenbarung von Gottes Herrlichkeit.

Aber, ob sie nun müde war, weil sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatte,

oder ob die Wärme und der Kerzenrauch eine einschläfernde Wirkung auf sie

ausübten, wie auf so viele andre -- genug, sie schlummerte ein, nur einen

Augenblick, sie konnte es nicht hindern.

Vielleicht war es auch so, daß Gott ihr die Pforte in das Land der Träume

öffnen wollte.

In dem kurzen Augenblick, in dem sie einschlummerte, sah sie nun ihren

strengen Vater, ihre schöne elegante Mutter und die häßliche kleine Petrea

in der Kirche sitzen. Und die Seele des Kindes wurde von einer Angst

zusammengepreßt, größer als ein Erwachsener sie je erfahren. Auf der Kanzel

stand der Priester und sprach von dem strengen, strafenden Gott, und das

Kind saß bleich und zitternd da, als wenn die Worte Axthiebe wären und

durch sein Herz gingen.

»O welcher Gott, welcher furchtbare Gott!«

In der nächsten Sekunde war sie wach, aber sie zitterte und schauerte so

wie unter dem Kuß des Todes auf dem Kirchweg. Noch einmal war ihr Herz von

der wilden Verzweiflung ihrer Kindheit gefangen.

Sie hatte es mit einemmal so eilig, daß sie sogleich aus der Kirche hasten

wollte. Sie mußte heim und ihr Buch schreiben, ihr herrliches Buch von dem

Gott des Friedens und der Liebe.

* * * * *

Nichts weiter, was jetzt erwähnenswert scheinen kann, widerfuhr Mamsell

Friederike vor der Neujahrsnacht. Leben und Tod, so wie Tag und Nacht,

herrschten in der letzten Woche des Jahres in stiller Eintracht über die

Erde. Aber als die Neujahrsnacht kam, da nahm der Tod das Zepter und

verkündete, daß die alte Mamsell Friederike nun ihm angehören solle.

Hätte man dies nur gewußt, so hätte wohl alles Volk von Schweden ein

gemeinsames Gebet an Gott gerichtet, seinen reinsten Geist, sein wärmstes

Herz behalten zu dürfen. Da hätte man in Angst und Sorgen in so manchem

Heim in fernen Ländern gewacht, wo sie liebende Herzen zurückließ. Dann

hätten die Armen, die Kranken und Notleidenden ihre eigne Not vergessen, um

der ihrigen zu gedenken, und dann hätten alle Kinder, die unter den

Segnungen ihres Wirkens herangewachsen waren, die Hände gefaltet und um

noch ein Jahr für ihre beste Freundin gebetet. Ein Jahr, damit sie ihrem

Lebenswerk volle Klarheit gebe und es durch den Schlußstein kröne.

Denn der Tod kam zu früh für Mamsell Friederike.

Sturm war draußen in der Neujahrsnacht, Sturm in ihrem Innern. Sie fühlte

alle Qualen des Lebens und des Todes in ihrem Innern ringen.

»Angst!« seufzte sie, »Angst!«

Aber die Angst wich, und der Friede kam, und sie flüsterte leise: »Christi

Liebe -- beste Liebe -- Gottesfriede -- das ewige Licht!«

Ja, das war es nun, was sie in ihrem Buche hätte schreiben wollen, und

vielleicht vieles andre ebenso Schöne und Herrliche. Wer weiß? Nur eines

wissen wir, daß Bücher in Vergessenheit geraten, aber ein Leben wie das

ihre vergißt man nie.

Die Augen der alten Seherin schlossen sich, und sie versank in Visionen.

Ihr Körper kämpfte mit dem Tode, aber sie wußte es nicht. Ihre Nächsten

saßen weinend um das Totenbett, aber sie merkte es nicht. Ihr Geist hatte

seinen Flug angetreten.

Nun wurde der Traum für sie Wirklichkeit und die Wirklichkeit Traum. Nun

stand sie, wie sie sich schon in ihrer Jugendvision gesehen hatte, wartend

am Himmelstor mit unzähligen Scharen von Toten rings um sich. Und der

Himmel tat sich auf. Er, der Einzige, der Seligkeitbringende, stand in dem

geöffneten Tor. Und seine unendliche Liebe weckte in den harrenden Geistern

und in ihr die Sehnsucht, in seine Arme zu fliegen. Und ihre Sehnsucht trug

alle diese und sie, und sie schwebten wie auf Flügeln empor, empor.

Am nächsten Tage herrschte Trauer im Lande Schweden, Trauer in weiten

Teilen der Erde.

_Friederike Bremer war tot._

Unsichtbare Bande: Erzählungen · 第 20 / 36 题