Es war um die Jahreszeit, wo das Heidekraut rot blüht. Auf der Sandhalde
wuchs es in dichten Büscheln. Von niedrigen, baumähnlichen Stämmchen
erhoben sich dicht sitzende grüne Zweige mit nadelharten, festen Blättern
und kleinen, spät welkenden Blüten. Diese schienen nicht aus dem
gewöhnlichen saftreichen Blumengewebe zu bestehen, sondern aus trocknen,
harten Schuppen. Sie waren sehr unansehnlich von Größe und Gestalt; auch
war ihr Geruch nicht sonderlich. Als Kinder der offnen Heide hatten sie
sich nicht in der windgeschützten Luft entwickelt, in der die Lilien ihre
Kelchblätter entfalten, auch nicht in dem üppigen Erdreich, aus dem die
Rosen die Nahrung für ihre schwellenden Kronen schöpfen. Was sie zu Blumen
machte, war eigentlich die Farbe; denn leuchtend rot waren sie. Den Farbe
schenkenden Sonnenschein hatten sie reichlich gehabt. Sie waren keine
bleichen Kellergewächse, keine schattenfrohen Stubenhocker. Die gesegnete
Fröhlichkeit und Stärke der Gesundheit lag über der ganzen blühenden Heide.
Das Heidekraut deckte das karge Feld mit seinem roten Mantel bis hinauf zum
Waldessaum. Da erhoben sich auf einem sanft ansteigenden Bergfirst ein paar
uralte, halb zusammengestürzte Grabhügel; und wie innig das Heidekraut sich
auch an sie zu schmiegen suchte: es gab doch dort oben Risse, durch die
große flache Felsenplatten durchschimmerten, Fetzen der rauhen Haut des
Berges selbst. Unter dem größten Grabhügel ruhte ein alter König, Atle
genannt. Unter den andern schlummerten die seiner Mannen, die gefallen
waren, als die große Schlacht dort auf der Halde geschlagen ward. Nun
hatten sie schon so lange dagelegen, daß die Angst und die Ehrfurcht vor
dem Tode von ihren Gräbern gewichen war. Der Weg ging zwischen ihren
Ruhestätten hindurch. Wer nachts hier wanderte, dem kam es nie in den
Sinn, sich umzusehen, ob wohl zu mitternächtiger Stunde nebelumhüllte
Gestalten auf der Spitze der Grabhügel säßen und in stummer Sehnsucht zu
den Sternen emporblickten.
Es war ein glitzernder Morgen, taufrisch und sonnenwarm. Der Schütze, der
seit dem Morgengrauen auf der Jagd gewesen war, hatte sich in das
Heidekraut hinter König Atles Hügel geworfen. Er lag auf dem Rücken und
schlief. Den Hut hatte er über die Augen gezogen und die Jagdtasche aus
Fell, aus der die langen Ohren des Hasen und die gekrümmten Schwanzfedern
des Auerhahns lugten, lag unter seinem Kopf. Pfeile und Bogen hatte er
neben sich.
Aus dem Walde kam ein Mädchen, ein Bündelchen mit Essen in der Hand. Als
sie auf die flachen Platten zwischen den Grabhügeln kam, dachte sie, was
für ein guter Tanzplatz hier sei. Und sie bekam große Lust, ihn zu
probieren. Sie warf das Bündelchen ins Heidekraut und begann ganz
mutterseelenallein zu tanzen. Sie wußte nicht darum, daß hinter dem
Königshügel ein Mann lag und schlief.
Der Schütze schlief noch immer. Brennend rot stand das Heidekraut gegen den
tiefblauen Himmel. Der Ameisenlöwe hatte seinen Graben dicht neben dem
Schlummernden aufgeworfen. Darin lag ein Stück Katzengold und funkelte, als
wollte es alle alten Stoppeln der Sandhalde in Brand setzen. Über dem Kopf
des Schützen breiteten sich die Auerhahnfedern wie ein Federbusch aus und
ihre Metallfarben schillerten vom tiefsten Purpur bis ins Stahlblau. Auf
den unbeschatteten Teil seines Gesichtes brannte glühender Sonnenschein.
Aber er schlug die Augen nicht auf, um den Morgenglanz zu schauen.
Unterdessen fuhr das Mädchen fort, zu tanzen, und es drehte sich so eifrig,
daß die geschwärzte Mooserde, die sich in den Unebenheiten der Blöcke
angesammelt hatte, um sie schwirrte. Eine alte, trockne Fichtenwurzel,
blank und grau vom Alter, lag ausgerissen im Heidekraut. Die nahm sie und
drehte sich mit ihr herum. Späne lösten sich aus dem modernden Baume.
Tausendfüßler und Ohrwürmer, die in den Ritzen genistet hatten, stürzten
sich schwindlig in die lichte Luft und verbohrten sich in die Wurzeln des
Heidekrautes.
Wenn die fliegenden Röcke die Heide streiften, flatterten daraus Scharen
von kleinen grauen Schmetterlingen auf. Die Unterseite ihrer Flügel war
weiß und glänzte wie Silber; sie wirbelten wie trocknes Laub im Sturm auf
und ab. Sie schienen nun ganz weiß, und es war, als ob das rote Heidemeer
weißen Schaum emporspritzte. Die Schmetterlinge hielten sich ein kurzes
Weilchen schwebend in der Luft. Ihre zarten Flügel zitterten so heftig, daß
der Farbenstaub sich löste und als dünner, silberweißer Flaum auf das
Heidekraut fiel. Da war es, als würde die Luft von einem sonnig glitzernden
Tauregen durchrieselt.
Ringsum im Heidekraut saßen Heuschrecken und rieben ihre Hinterbeine gegen
die Flügel, so daß es wie Harfensaiten klang. Sie hielten guten Takt und
waren so eingespielt, daß jeder, der über die Heide ging, dieselbe
Heuschrecke auf seiner Wanderung zu hören meinte, obgleich er sie bald zur
Rechten, bald zur Linken hatte, bald vor, bald hinter sich. Aber die
Tanzende war nicht zufrieden mit ihrem Spiel, sondern begann nach einem
kleinen Weilchen selbst den Takt zu einem Tanzspiel zu trällern. Ihre
Stimme war schrill und spröde. Der Schütze erwachte von dem Gesang. Er
wendete sich seitwärts, richtete sich auf dem Ellbogen auf und sah über das
Hünengrab hinweg zu ihr, die tanzte.
Er hatte geträumt, daß der Hase, den er soeben getötet hatte, aus der
Jagdtasche gesprungen sei und seine eignen Pfeile genommen habe, um auf ihn
zu schießen. Nun sah er zu dem Mädchen hinüber, schlaftrunken, wirr von
Träumen; nach dem Schlummer brannte sein Kopf in der Sonne.
Sie war groß und von grobem Gliederbau; nicht hold von Angesicht, nicht
leicht im Tanz, nicht taktfest im Gesang. Sie hatte breite Wangen, dicke
Lippen und eine platte Nase. Sie war sehr rot im Gesicht, sehr dunkel von
Haar, üppig von Gestalt, kräftig in den Bewegungen. Ihre Kleider waren
dürftig, aber grell. Rote Borten faßten den gestreiften Rock ein, und bunte
Wollgarnlitzen folgten den Nähten des Leibchens. Andre Jungfrauen gleichen
Rosen und Lilien. Diese war wie das Heidekraut, stark, fröhlich, leuchtend.
Mit Freude sah der Schütze das große, prächtige Weib auf der roten Halde
tanzen, mitten unter zirpenden Grashüpfern und flatternden Schmetterlingen.
Und wie er sie so ansah, lachte er, daß der Mund sich von einem Ohr zum
anderen zog. Aber da erblickte sie ihn plötzlich und blieb unbeweglich
stehen.
»Du meinst wohl, ich sei von Sinnen,« war das erste, was sie hervorbrachte.
Zugleich erwog sie, wie sie ihn bewegen könne, über das zu schweigen, was
er gesehen hatte. Sie wollte nicht unten im Dorf erzählen hören, daß sie
mit einer Fichtenwurzel getanzt habe.
Er war ein wortkarger Mann. Nicht eine Silbe brachte er über die Lippen. Er
war so scheu, daß er nichts Besseres anzufangen wußte, als zu fliehen,
obwohl er gern geblieben wäre. Hastig kam der Hut auf den Kopf und die
Jagdtasche auf den Rücken. Dann lief er zwischen den Heidekrauthügeln fort.
Sie packte das Eßbündel und eilte ihm nach. Er war klein, steif von
Bewegungen und hatte sichtlich geringe Kräfte. Sie holte ihn bald ein und
schlug ihm den Hut vom Kopfe, um ihn zu zwingen, stehen zu bleiben.
Eigentlich hatte er die größte Lust, zu bleiben, aber er war ganz wirr vor
Schüchternheit und floh in noch größrer Hast. Sie lief nach und begann, an
seiner Tasche zu zerren. Da mußte er stehenbleiben, um die Tasche zu
verteidigen. Das Mädchen fiel ihn mit aller Macht an. Sie rangen und sie
warf ihn zu Boden. »Jetzt wird er's keinem erzählen,« dachte sie und war
froh.
In demselben Augenblick erschrak sie doch sehr; denn er, der auf der Erde
lag, schien ganz bleich und die Augen drehten sich in ihren Höhlen. Er
hatte sich aber nicht verletzt. Es war die Gemütsbewegung, die er nicht
vertragen hatte. Nie zuvor hatten sich so strittige und starke Gefühle in
diesem einsamen Waldbewohner geregt. Er war froh über das Mädchen und
zornig und scheu und dennoch stolz, daß sie so stark war. Er war ganz
betäubt von alledem.
Die große, starke Jungfrau legte den Arm um seinen Rücken und richtete ihn
auf. Sie brach Heidekraut und peitschte sein Gesicht mit den steifen
Zweigen, bis das Blut in Bewegung kam. Als seine kleinen Augen sich wieder
dem Tageslicht zuwendeten, leuchteten sie vor Freude beim Anblick des
Mädchens. Noch immer schwieg er; aber die Hand, die sie um seinen Leib
gelegt hatte, zog er an sich und streichelte sie sanft.
Er war ein Kind des Hungers und der zeitigen Mühsal. Trocken und
bleichgelb, fleischlos und blutarm war er. Es rührte sie, daß er so verzagt
war, er, der doch um die Dreißig sein mochte. Sie dachte, daß er wohl ganz
mutterseelenallein tief im Walde leben müsse, da er so kläglich und so
schlecht gekleidet war. Keinen hatte er wohl, der nach ihm sah, nicht
Mutter noch Schwester oder Liebste.
* * * * *
Der große barmherzige Wald breitete sich über die Wildnis aus. Verbergend
und schützend nahm er in seinen Schoß alles auf, was bei ihm Hilfe suchte.
Mit hohen Stämmen hielt er Wacht um die Höhle des Bären, und in der
Dämmerung dichter Gebüsche hegte er das mit Eiern gefüllte Nest der kleinen
Vöglein.
Zu dieser Zeit, da man noch Leibeigene hielt, flüchteten viele von ihnen
in den Wald und fanden Schutz hinter seinen grünen Mauern. Er ward für sie
ein großer Kerker, den sie nicht zu verlassen wagten. Der Wald hielt diese
seine Gefangnen in strenger Zucht. Er zwang die Stumpfen zum Nachdenken und
erzog die in der Knechtschaft Verkommenen zu Ordnung und Ehrlichkeit. Nur
dem Fleißigen schenkte er die Gnade des Lebens.
Die beiden, die sich auf der Heide getroffen hatten, waren Abkömmlinge
solcher Gefangnen des Waldes. Sie gingen manchmal hinunter in die bebauten,
bewohnten Täler, denn sie brauchten nicht mehr zu befürchten, in die
Knechtschaft zurückgeführt zu werden, aus der ihre Väter geflohen waren;
doch am liebsten nahmen sie den Weg durch das Waldesdunkel. Der Name des
Schützen war Tönne. Sein eigentliches Handwerk war, den Boden urbar zu
machen, aber er verstand sich auch auf andre Dinge. Er sammelte Reisig,
kochte Teer, trocknete Schwämme und ging oft auf die Jagd. Sie, die tanzte,
hieß Jofrid. Ihr Vater war Köhler. Sie band Besen, pflückte Wacholderbeeren
und braute Bier aus dem weißblumigen Porsch. Beide waren sehr arm.
Früher hatten sie einander in dem großen Walde nie getroffen, aber jetzt
deuchte sie, daß alle Wege des Waldes sich zu einem Netz verschlängen, in
dem sie hin und wieder liefen und einander unmöglich vermeiden konnten. Nie
wußten sie nun einen Pfad zu wählen, auf dem sie einander nicht begegneten.
Tönne hatte einmal einen großen Kummer gehabt. Er hatte lange mit seiner
Mutter in einer elenden Reisigkoje gehaust; aber als er heranwuchs, faßte
er den Plan, ihr ein warmes Häuschen zu bauen. In allen seinen Mußestunden
ging er in den Holzschlag, fällte Bäume und spaltete sie in angemessene
Stücke. Dann verbarg er das aufgehäufte Bauholz in dunklen Klüften unter
Moos und Reisig. Er hatte im Sinn, daß seine Mutter nicht früher von all
der Arbeit etwas erfahren sollte, als bis er so weit war, die Hütte
aufzubauen. Aber seine Mutter starb, ehe er ihr zeigen konnte, was er
gesammelt hatte, ehe er ihr auch nur zu sagen vermochte, was er tun wollte.
Er, der mit demselben Eifer gearbeitet hatte wie David, Israels König, als
er Schätze für Gottes Tempel sammelte, trauerte bitterlich. Er verlor alle
Lust an dem Bau. Für ihn war die Reisigkoje gut genug. Und doch hatte er's
nicht viel besser in seinem Heim als ein Tier in seiner Höhle.
Als nun er, der bisher immer allein umhergeschlichen war, Lust bekam,
Jofrids Gesellschaft zu suchen, bedeutete dieser Wunsch wohl sicherlich,
daß er sie gern zur Liebsten und Braut haben wollte. Jofrid erwartete auch
täglich, daß er mit ihrem Vater oder mit ihr selbst von der Sache sprechen
werde. Aber Tönne brachte es nicht über sich. Man merkte ihm an, daß er von
unfreier Abkunft war. Die Gedanken bewegten sich langsam in seinem Kopf,
wie die Sonne, wenn sie über das Himmelszelt zieht. Und schwerer war es für
ihn, diese Gedanken zu zusammenhängender Rede zu formen, als für einen
Schmied, einen Armreif aus rollenden Sandkörnern zu schmieden.
Eines Tages führte Tönne Jofrid zu einer der Schluchten, wo er sein Bauholz
verborgen hatte. Er riß Zweige und Moos fort und zeigte ihr die abgehauenen
Stämme. »Das hätte Mutter haben sollen,« sagte er. Und sah Jofrid
erwartungsvoll an. »Dies hätte Mutters Hütte werden sollen,« wiederholte
er. Merkwürdig schwer fiel es dieser Jungfrau, die Gedanken eines jungen
Gesellen zu fassen. Da er ihr Mutters Bauholz zeigte, hätte sie doch
verstehen müssen; aber sie verstand nicht.
Da beschloß er, ihr seine Absicht noch deutlicher zu erklären. Ein paar
Tage später begann er, die Stämme zu der Stelle zwischen den Grabhügeln zu
schleppen, wo er Jofrid zum ersten Male gesehen hatte. Sie kam, wie
gewöhnlich, heran und sah ihn arbeiten. Sie ging jedoch weiter, ohne etwas
zu sagen. Seit sie Freunde geworden waren, war sie ihm oft an die Hand
gegangen, aber bei dieser schweren Arbeit schien sie ihm nicht helfen zu
wollen. Tönne meinte doch, sie hätte verstehen müssen, daß es ihre Hütte
war, die er jetzt zimmern wollte.
Sie verstand es ganz wohl, aber sie spürte keine Lust, sich einem Mann von
Tönnes Art zu schenken. Sie wollte einen starken, gesunden Mann haben. Es
schien ihr ein schlechtes Auskommen zu versprechen, wenn sie sich mit einem
verheiratete, der so schwach und wenig begabt war. Und doch zog viel sie zu
diesem stillen, scheuen Mann. Man denke doch, daß er sich so hart geplagt
hatte, um seine Mutter zu erfreuen, und nicht das Glück genossen hatte, zur
Zeit fertig zu werden. Sie hätte über sein Schicksal weinen können. Und nun
baute er die Hütte gerade da, wo er sie tanzen gesehen hatte. Er hatte ein
gutes Herz. Und das lockte sie und band ihre Gedanken an ihn; aber sie
wollte durchaus nicht seine Frau werden.
Jeden Tag ging sie über die Heide und sah die Hütte aufragen, dürftig und
ohne Fenster; der Sonnenschein rieselte durch die undichten Wände.
Tönnes Arbeit ging sehr rasch vorwärts; aber er arbeitete nicht sorgfältig,
sein Bauholz war nicht in Kanten behauen, kaum abgerindet. In die Diele
legte er gespaltne junge Bäume. Sie wurde sehr uneben und schwankend. Das
Heidekraut, das darunter blühte, -- denn es war nun ein Jahr seit dem Tage
vergangen, an dem Tönne hinter König Atles Hügel gelegen und geschlafen
hatte --, steckte ganz verwegen seine roten Trauben durch die Ritzen, und
die Ameisen wanderten unbehindert aus und ein und musterten dies
gebrechliche Menschenwerk.
Wohin Jofrid auch in diesen Tagen ihre Schritte lenken mochte: immer
schwebte ihr der Gedanke vor, daß dort eine Hütte für sie erbaut würde. Ein
eignes Heim ward ihr bereitet, dort oben auf der Heide. Und sie wußte,
daß, wenn sie nicht als Hausmutter einzog, der Bär oder der Fuchs dort
hausen mochte. Denn so gut kannte sie Tönne, daß sie begriff: wenn es sich
zeigte, daß er vergeblich gearbeitet hatte, würde er niemals in die neue
Hütte einziehen. Er würde weinen, der Arme, wenn er hörte, daß sie nicht
dort hausen wolle. Es würde ein neuer Kummer für ihn sein, ebenso groß wie
damals, als seine Mutter starb. Aber er mußte wohl sich selbst die Schuld
geben; warum hatte er sie nicht rechtzeitig gefragt.
Sie glaubte, daß sie ihm schon dadurch ein Zeichen gab, daß sie ihm nie bei
der Hütte half. Dazu hatte sie doch große Lust. Jedesmal, wenn sie weiches
weißes Moos sah, wollte sie es ausraufen, um es in die lecken Wände zu
stopfen. Sie war auch geneigt, Tönne beim Mauern des Herdes zu helfen. Wie
er dabei verfuhr, mußte sich ja aller Rauch in der Hütte sammeln. Aber es
war ja gleichgültig, wie es da wurde. Da würde keine Speise kochen, kein
Trank sieden. Dumm war's doch, daß diese Hütte niemals aus ihren Gedanken
weichen wollte.
Tönne arbeitete mit glühendem Eifer; er war gewiß, daß Jofrid die Absicht
verstehen mußte, sobald nur die Hütte fertig war. Er grübelte nicht viel
über sie nach. Er hatte vollauf mit Holzspalten und Zimmern zu tun. Die
Zeit verging ihm rasch.
Eines Nachmittags, als Jofrid über die Heide ging, sah sie, daß eine Tür an
die Hütte gekommen war und eine Steinplatte als Schwelle dalag. Da begriff
sie, daß alles nun fertig sei, und sie ward sehr erregt. Tönne hatte das
Dach mit Büschen und blühendem Heidekraut gedeckt; und eine starke
Sehnsucht ergriff sie, unter dieses rote Dach zu treten. Er selbst war
nicht bei dem Neubau, und sie entschloß sich, hineinzugehen. Diese Hütte
war ja für sie gezimmert. Sie war ihr Heim. Jofrid konnte der Lust nicht
widerstehen, es anzusehen.
Drinnen sah es traulicher aus, als sie erwartet hatte. Wacholder war über
den Boden gestreut. Frischer Duft von Nadeln und Harz füllte den Raum. Die
Sonnenstrahlen, die durch Luken und Spalten hereinspielten, spannen goldne
Bänder durch die Luft. Es sah da aus, als würde sie erwartet; in die
Mauerspalten waren grüne Zweige gesteckt, und auf dem Herd stand eine
frischgefällte Tanne. Tönne hatte nicht sein altes Hausgerät
hineingestellt. Da war nur ein neuer Tisch und eine Bank, über die eine
Elenhaut geworfen war.
Kaum war Jofrid über die Schwelle getreten, fühlte sie sich schon von dem
fröhlichen Behagen eines Heims umgeben. Friedlich und ruhig ward ihr
zumute, als sie so stand: von dort zu scheiden, schien ihr ebenso schwer,
wie fortzugehen und bei Fremden zu dienen. Jofrid hatte vielen Fleiß darauf
gewandt, sich eine Art Aussteuer zu schaffen. Sie hatte mit kunstfertigen
Händen Tücher gewebt, wie man sie braucht, um eine Stube zu schmücken; die
wollte sie in ihrem eignen Heim aufhängen, wenn sie eins bekam. Nun mußte
sie denken, wie sich diese Tücher wohl hier ausnehmen würden. Sie hätte sie
gern in der neuen Hütte probiert.
Rasch eilte sie heimwärts, holte ihren Leinwandschatz und begann, die
farbenprächtigen Stoffstücke unter der Decke aufzuhängen. Sie stieß die Tür
auf, so daß die helle Abendsonne auf sie und ihre Arbeit fiel. Sie regte
sich eifrig in der Stube, geschäftig und munter, ein Heldenliedchen
trällernd. Von Herzen froh war sie. Es wurde gar prächtig da drinnen. Die
gewebten Rosen und Sterne leuchteten wie nie zuvor.
Während sie arbeitete, hielt sie gute Ausschau über die Heide und die
Hünengräber. Vielleicht kauerte Tönne jetzt hinter einem der Grabhügel und
lachte sie aus. Der Königshügel lag gerade vor der Tür, und dahinter sah
sie eben die Sonne versinken. Immer wieder blickte sie hin. Ihr war, als
müsse dort jemand sitzen und sie betrachten.
Gerade als die Sonne so tief unten war, daß nur noch ein paar blutrote
Strahlen über die alte Steinhalde spielten, sah sie, wer es war, der sie
betrachtete. Der ganze Hügel war kein Hügel mehr, sondern ein großer, alter
Kämpe, der narbig und ergraut dasaß und sie anstarrte. Rings um sein Haupt
bildeten die Sonnenstrahlen eine Krone, und sein roter Mantel war so weit,
daß er sich über die ganze Heide ausbreitete. Sein Haupt war groß und
schwer, das Antlitz grau wie Stein. Seine Kleider und Waffen waren auch
steinfarbig und ahmten so genau die Tönung und das Moosflechtenkleid der
Steine nach, daß man sehr scharf hinsehen mußte, um zu merken, daß es ein
Kämpe und kein Steinhaufen war. Es war wie mit jenen Würmern, die
Baumzweigen gleichen. Man kann zehnmal an ihnen vorbeigehen, ehe man merkt,
daß, was man für hartes Holz gehalten hat, ein weicher Tierkörper ist.
Aber Jofrid konnte sich nicht länger darüber täuschen, daß es der alte
König Atle selbst war, der da saß. Sie stand in der Tür, hielt die Hand
beschattend über die Augen und sah ihm gerade in sein Steingesicht. Er
hatte sehr kleine, schräge Augen unter seiner hochgewölbten Stirn, eine
breite Nase und einen zottigen Bart. Und er lebte, dieser steinerne Mann.
Er lächelte und blinzelte ihr zu. Angst und bang wurde ihr; und am meisten
erschreckten sie seine dicken Arme mit den steifen Muskeln und die haarigen
Hände. Je länger sie ihn ansah, desto breiter wurde sein Lächeln; und
endlich hob er einen seiner mächtigen Arme, um sie zu sich zu winken. Da
floh Jofrid heimwärts.
Aber als Tönne nach Haus kam und die Hütte mit bunten Tüchern geschmückt
fand, faßte er so großen Mut, daß er seinen Fürbitter zu Jofrids Vater
schickte. Der fragte Jofrid um ihre Meinung, und sie willigte ein. Sie war
sehr zufrieden um der Wendung, die die Sache genommen hatte, wenn sie ihre
Hand auch halb gezwungen schenkte. Sie konnte dem Mann doch nicht nein
sagen, in dessen Hütte sie schon ihre Aussteuer getragen hatte. Doch sah
sie zuerst nach, ob der alte König Atle wieder ein Grabhügel geworden sei.
* * * * *
Tönne und Jofrid lebten viele Jahre glücklich. Sie standen in gutem Ruf.
»Das sind gute Menschen,« sagte man. »Seht, wie sie einander beistehen, wie
sie zusammen arbeiten, seht, wie eins nicht ohne das andre leben kann!«
Tönne wurde mit jedem Tage stärker, ausdauernder und weniger träge von
Gedanken. Jofrid schien einen ganzen Mann aus ihm gemacht zu haben. Meist
ließ er sie entscheiden; aber er verstand es auch, mit zäher Hartnäckigkeit
seinen eignen Willen durchzusetzen.
Wo Jofrid sich auch zeigte, gab es Scherz und Fröhlichkeit. Ihre Kleider
wurden immer bunter, je älter sie wurde. Das ganze Gesicht war grellrot.
Aber in Tönnes Augen war sie lieblich.
Sie waren nicht so arm wie mancher andre ihres Standes. Sie aßen Butter zur
Grütze und mengten weder Kleie noch Baumrinde ins Brot. Das Porschbier
schäumte in ihren Humpen. Ihre Schaf- und Ziegenherden vermehrten sich so
rasch, daß sie sich Fleischnahrung gönnen konnten.
Einmal machte Tönne für einen Bauern drunten im Tal den Boden urbar. Als
der sah, wie Tönne und seine Frau in großer Fröhlichkeit zusammen
arbeiteten, dachte auch er: »Das sind gute Menschen.« Der Bauer hatte
jüngst seine Ehefrau verloren, die ihm ein halbjähriges Kind hinterlassen
hatte. Er bat Tönne und Jofrid, seinen Sohn in Pflege zu nehmen. »Das Kind
ist mir sehr teuer,« sagte er, »drum gebe ich es euch, denn ihr seid gute
Menschen.« Sie hatten keine eignen Kinder, so daß es sehr schicklich
schien, dieses zu nehmen. Sie willigten auch ohne Zögern ein. Sie meinten,
Vorteil davon zu haben, wenn sie das Kind eines Bauern aufzogen; auch
erwarteten sie sich von einem Pflegesohn Freude für ihre alten Tage.
Aber das Kind wurde nicht alt bei ihnen. Ehe das Jahr um war, war es tot.
Dies sei die Schuld der Pflegeeltern, sagten viele, denn das Kind war ganz
frisch und gesund gewesen, bevor es zu ihnen kam. Damit wollte aber niemand
sagen, sie hätten es vorsätzlich getötet; man meinte nur, daß sie etwas auf
sich genommen hätten, was über ihr Vermögen gegangen war. Sie hatten nicht
Verstand oder Liebe genug gehabt, um dem Kinde die Pflege angedeihen zu
lassen, deren es bedurfte. Sie hatten sich gewöhnt, nur an sich selbst zu
denken und für ihr eignes Wohl zu sorgen. Sie hatten nicht Zeit, ein Kind
zu betreuen. Sie wollten am Tage zusammen an die Arbeit gehen und nachts
einen ruhigen Schlummer schlafen. Sie fanden, daß der Kleine zu viel von
der guten Milch trinke, und sie gönnten es ihm nicht so wie sich selbst.
Sie wußten aber nicht etwa, daß sie den Knaben schlecht behandelten. Sie
dachten, daß sie geradeso für ihn sorgten wie rechte Eltern. Eher kam es
ihnen vor, daß der Pflegesohn eine Strafe und Plage für sie gewesen war.
Sie trauerten nicht über seinen Tod.
Frauen pflegen ihre Lust und Herzensfreude daran zu haben, mit Kindern
umzugehen; aber Jofrid hatte einen Mann, für den sie in vielen Stücken die
Sorge einer Mutter tragen mußte, und begehrte deshalb nicht, noch andres zu
betreuen. Gern sehen Frauen sonst auch die raschen Fortschritte der
Kleinen; aber Jofrid hatte Freude genug, wenn sie sah, wie Tönne sich zu
Verstand und Männlichkeit entwickelte; sie freute sich daran, ihre Hütte zu
fegen und zu schmücken, freute sich an der Zunahme der Herden und an dem
Anbau unten auf der Heide.
Jofrid ging auf den Hof des Bauern und sagte ihm, daß das Kind gestorben
sei. Da sprach der Mann: »Nun ist es mir ergangen wie dem, der so weiche
Kissen in sein Bett legt, daß er bis auf den harten Grund sinkt. Gar zu gut
wollte ich meinen Sohn hüten; und siehe: nun ist er tot!« Und er war
betrübt.
Bei seinen Worten begann Jofrid bitterlich zu weinen. »Wollte Gott, daß du
uns deinen Sohn nicht gegeben hättest!« sagte sie. »Wir waren zu arm. Er
hat es nicht gut genug bei uns gehabt.«
»Dies wollte ich nicht sagen,« antwortete der Bauer. »Eher glaube ich, daß
ihr das Kind verhätschelt habt. Doch ich will keinen Menschen anklagen;
denn über Leben und Tod gebietet Gott allein. Nun ist es mein Wille, den
Leichenschmaus meines einzigen Sohnes mit demselben Aufwand zu feiern, als
wenn ein Erwachsener gestorben wäre; und zum Gastmahl lade ich Tönne und
dich. Daraus mögt ihr sehen, daß ich keinen Groll gegen euch hege.«
So wohnten Tönne und Jofrid dem Leichenschmaus bei. Sie wurden freundlich
bewirtet, und niemand sagte ihnen ein böses Wort. Wohl hatten die Frauen,
die die Leiche einkleideten, erzählt, daß sie jämmerlich abgefallen sei und
Spuren schwerer Vernachlässigung gezeigt habe. Das konnte aber wohl auch
von der Krankheit herkommen. Niemand wollte Schlechtes von den Pflegeeltern
glauben, denn man wußte, daß sie gute Menschen waren.
Jofrid weinte viel in diesen Tagen; namentlich, als sie die Frauen erzählen
hörte, wie sie bei ihren kleinen Kindern wachen und sich für sie plagen
müßten. Sie merkte auch, daß bei dem Leichenschmaus unter den Weibern
beständig von Kindern gesprochen wurde. Einige hatten solche Freude an
ihnen, daß sie gar nie aufhören konnten, von ihren Fragen und Spielen zu
erzählen. Jofrid hätte gern von Tönne gesprochen; aber die meisten Frauen
sprachen gar nicht von ihren Männern.
Spät abends kehrten Jofrid und Tönne von dem Leichenschmaus heim. Sie
gingen sogleich zu Bett. Aber kaum waren sie eingeschlafen, als sie von
einem leisen Wimmern geweckt wurden. Das ist das Kind, dachten sie, noch
halb schlafend, und waren unwillig über die Störung. Aber plötzlich setzten
sie sich beide im Bett auf. Das Kind war doch tot. Woher kam dann dieses
Wimmern? Wenn sie ganz wach waren, hörten sie nichts; aber sobald sie
einzuschlummern begannen, vernahmen sie es wieder. Kleine, schwache Füßchen
hörten sie über die Steinplatte vor der Hütte gehen, ein kleines Händchen
tastete an der Tür, und da sie nicht offen war, wanderte das Kind wimmernd
und tappend die Wand entlang, bis es vor ihrer Lagerstätte stehenblieb.
Wenn sie sprachen oder sich im Bett aufsetzten, vernahmen sie nichts; aber
wenn sie einschlummern wollten, hörten sie deutlich die unsichern Schritte
und das erstickte Schluchzen.
Was sie nicht glauben wollten, was ihnen aber in den letzten Tagen als
Möglichkeit vor Augen gestanden hatte: nun wurde es ihnen zur Gewißheit.
Sie sahen ein, daß sie das Kind getötet hatten. Wie hätte es sonst umgehen
können?
Von dieser Nacht an war alles Glück von ihnen gewichen. Sie lebten in
steter Furcht vor dem Gespenst. Tagsüber hatten sie wohl einige Ruhe, aber
in den Nächten wurden sie von dem Weinen und dem erstickten Schluchzen des
Kindes so gestört, daß sie nicht wagten, allein zu liegen. Jofrid ging oft
weit über Land, um einen Menschen zu holen, der über Nacht in ihrer Hütte
bleiben konnte. Kam ein Fremder, so hatten sie Ruhe; aber sobald sie allein
waren, hörten sie das Kind.
In einer Nacht, für die sie keinen Gast gefunden hatten und die sie, des
Kindes wegen, wieder schlaflos verbrachten, stand Jofrid aus dem Bett auf.
»Schlaf du nur, Tönne,« sagte sie. »Wenn ich mich wach erhalte, wird sich
nichts hören lassen.«
Sie ging aus dem Haus, setzte sich auf die Türschwelle und überlegte, was
sie tun sollten, um Ruhe zu finden; denn so konnten sie nicht weiterleben.
Sie fragte sich, ob Beichte und Buße, Demütigung und Reue sie von dieser
schweren Heimsuchung befreien könnten.
Da begab es sich, daß sie die Augen aufschlug und dieselbe Erscheinung sah
wie schon einmal zuvor von dieser Stelle. Der Grabhügel war zu einem Kämpen
geworden. Es war eine dunkle Nacht; dennoch konnte sie deutlich sehen und
vernehmen, daß der alte König Atle dasaß und sie betrachtete. Sie sah ihn
so genau, daß sie die mit Moos bewachsenen Armringe an seinen Handgelenken
unterschied und wahrnehmen konnte, daß seine Beine mit gekreuzten Bändern
umwickelt waren, zwischen denen die Wadenmuskeln schwollen.
Diesmal hatte sie keine Angst vor dem Alten. Er schien ihr ein Freund und
Tröster im Unglück. Er sah sie gleichsam mitleidig an, als wolle er ihr Mut
einflößen. Da dachte sie, daß dieser gewaltige Held einst seinen Tag gehabt
hatte, an dem er die Feinde in Scharen auf die Heide niederstreckte und in
den Blutströmen watete, die zwischen den Hügeln brausten. Was hatte er da
nach einem toten Manne mehr oder weniger gefragt? Wie tief hatte das
Seufzen der Kinder, deren Väter er erschlagen hatte, sein Steinherz
gerührt? Federleicht hätte die Bürde von eines Kindes Tod auf seinem
Gewissen gelegen.
Und sie vernahm sein Flüstern, dieselbe Weise, die das alte, steinkalte
Heidentum zu allen Zeiten geflüstert hat. »Warum bereuen? Die Götter lenken
das Geschick. Die Nornen spinnen des Lebens Faden. Warum sollten die Kinder
der Erde trauern, daß sie getan, was die Unsterblichen sie zu tun zwangen?«
Da ermannte sich Jofrid und sagte zu sich selbst: »Was konnte ich dafür,
daß das Kind starb? Gott allein ist's, der alles lenkt. Nichts geschieht
ohne seinen Willen.« Und sie dachte, daß sie das Gespenst am besten
abwehren werde, wenn sie alle Reue von sich fernhielt.
Aber da öffnete sich die Haustür, und Tönne kam zu ihr heraus. »Jofrid,«
sagte er, »es ist jetzt in der Hütte. Es kam heran und klopfte an den
Bettrand und weckte mich. Was sollen wir tun, Jofrid?«
»Das Kind ist ja tot,« sagte Jofrid. »Du weißt, daß es tief unter der Erde
liegt. Das alles sind nur Träume und Hirngespinste.« Sie sprach hart und
abweisend, denn sie fürchtete, daß Tönne in dieser Sache zu weichherzig
sein und sie dadurch ins Unglück stürzen könne.
»Wir müssen ein Ende machen,« sagte Tönne.
Jofrid lachte grell auf. »Was willst du tun? Gott hat es uns auferlegt.
Konnte er das Kind nicht am Leben erhalten, wenn er wollte? Er wollte es
nicht; und jetzt verfolgt er uns um seines Todes willen. Sage mir, mit
welchem Recht er uns verfolgt?«
Sie hatte ihre Worte von dem alten Steinkämpen, der finster und hart auf
seinem Hügel saß. Es war, als habe er ihr alles eingegeben, was sie Tönne
erwiderte.
»Wir müssen eingestehen, daß wir das Kind vernachlässigt haben, und müssen
Buße tun,« sagte Tönne.
»Niemals will ich für etwas leiden, das nicht meine Schuld ist,« sagte
Jofrid. »Wer wollte, daß das Kind sterbe? Ich nicht, ich nicht. Welche Art
von Buße willst du denn tun? Willst du dich geißeln oder fasten wie die
Mönche? Mich dünkt, du kannst deine Kräfte zur Arbeit brauchen.«
»Mit dem Geißeln habe ich es schon probiert,« sagte Tönne. »Es nützt
nichts.«
»Siehst du!« sagte sie und lachte wieder.
»Da tut andres not,« fuhr Tönne mit beharrlicher Entschlossenheit fort.
»Wir müssen gestehen.«
»Was willst du Gott sagen, das er nicht schon wüßte?« höhnte Jofrid.
»Lenkt nicht er deine Gedanken? Was willst du ihm sagen?« Sie fand jetzt,
daß Tönne dumm und eigensinnig sei. So hatte sie ihn zu Beginn ihrer
Bekanntschaft gefunden; aber dann hatte sie nicht mehr daran gedacht,
sondern ihn lieb gehabt, seines guten Herzens wegen.
»Wir müssen dem Vater unsre Schuld gestehen, Jofrid, und ihm Buße bieten.«
»Was willst du ihm bieten?« fragte sie.
»Die Hütte und die Ziegen.«
»Sicherlich fordert er volle Mannesbuße für seinen einzigen Sohn. Die läßt
sich mit allem, was wir besitzen, nicht bezahlen.«
»Wir wollen uns selber als Knechte in seine Gewalt geben, wenn er sich
nicht mit weniger zufrieden gibt.«
Bei diesen Worten packte Jofrid kalte Verzweiflung, und sie haßte Tönne aus
der Tiefe ihrer Seele. Alles, was sie verlieren mußte, stand klar vor ihr:
die Freiheit, für die einst die Ahnen das Leben gewagt, die Hütte, den
Wohlstand, Ehre und Glück.
»Merke meine Worte wohl, Tönne,« sagte sie heiser, halberstickt von
Schmerz, »der Tag, an dem du solches tust, ist mein Todestag.«
Dann ward kein Wort mehr zwischen ihnen gewechselt; aber sie blieben auf
der Türschwelle sitzen, bis der Tag anbrach. Keines fand ein Wort, um zu
begütigen und zu versöhnen. Beide fürchteten und verachteten einander. Eins
maß das andre mit dem Maß seines Zornes und fand es engherzig und böse.
Seit dieser Nacht ließ Jofrid Tönne oft ihre Überlegenheit fühlen. Sie gab
ihm in der Gegenwart Fremder zu verstehen, daß er einfältig sei, und half
ihm bei der Arbeit so, daß er ihre Kraft erkennen mußte. Sie wollte ihm
offenbar die Hausherrngewalt nehmen. Manchmal stellte sie sich sehr froh,
um ihn zu zerstreuen und von seinen Grübeleien abzulenken. Er hatte noch
nichts getan, um seinen Plan ins Werk zu setzen, aber sie glaubte nicht,
daß er ihn aufgegeben habe.
In dieser Zeit wurde Tönne mehr und mehr, wie er vor seiner Heirat gewesen
war. Er wurde mager und bleich, wortkarg und träg von Gedanken. Jofrids
Verzweiflung ward mit jedem Tage größer, denn es war, als sollte ihr nun
alles genommen werden. Doch kam ihre Liebe zu Tönne wieder, als sie ihn
unglücklich sah. »Was gilt mir alles, wenn Tönne zugrunde geht?« dachte
sie. »Es ist besser, mit ihm in der Knechtschaft zu leben, als ihn als
Freien sterben zu sehen.«
* * * * *
Jofrid konnte sich jedoch nicht so plötzlich überwinden, Tönne zu
gehorchen. Sie kämpfte einen langen und schweren Kampf. Aber eines Morgens,
als sie erwachte, war ihr ungewöhnlich ruhig und mild zumute. Da war ihr,
als könne sie nun tun, was er forderte. Und sie weckte ihn und sagte, daß
es jetzt so werden solle, wie er wollte. Nur diesen einzigen Tag möge er
ihr gönnen, damit sie von all dem Ihren Abschied nehmen könne.
Den ganzen Vormittag ging sie seltsam sanft umher. Leicht kamen ihr Tränen
in die Augen, wie einem, der Abschied nimmt. Ihr schien, die Heide habe
sich an diesem Tage, ihr zuliebe, besonders schön geschmückt. Der Frost war
über sie hingezogen, die Blumen waren verschwunden und das ganze Feld trug
ein braunes Kleid. Aber als die Sonne des Herbsttages ihre schrägen
Strahlen darüber hingleiten ließ, war es, als erglühe das Heidekraut aufs
neue rot. Und sie gedachte des Tages, an dem sie Tönne zum erstenmal
gesehen hatte.
Sie wünschte, daß sie den alten König noch einmal schauen dürfe; denn er
hatte ja mitgeholfen, ihr Glück zu schaffen. Sie hatte sich in der letzten
Zeit ernstlich vor ihm gefürchtet. Es war, als lauerte er darauf, sie zu
packen. Aber jetzt konnte er keine Macht mehr über sie haben, meinte sie.
Sie wollte aufmerken, ob sie ihn nicht sehen konnte, abends, wenn der
Mondschein kam.
Um die Mittagszeit kamen ein paar umherwandernde Spielleute vorbeigezogen.
Da hatte Jofrid den Einfall, sie zu bitten, den ganzen Nachmittag in ihrem
Hause zu bleiben; denn nun wollte sie ein Fest feiern. Tönne mußte schnell
zu ihren Eltern gehen und sie bitten, zu kommen. Dann liefen ihre kleinen
Geschwister weiter ins Dorf hinab, um Gäste zu holen. Bald waren viele
Menschen versammelt.
Die Fröhlichkeit war groß. Tönne hielt sich abseits in einer Ecke der
Hütte, wie es seine Gewohnheit war, wenn Besuch kam; aber Jofrid war
beinahe wild in ihrer Fröhlichkeit. Mit gellender Stimme führte sie die
Tanzspiele an und bot eifrig den Gästen das schäumende Bier. Eng war es in
der Stube, aber die Spielleute waren flink und der Tanz hatte Leben und
Lust. Es wurde erstickend heiß dort drinnen. Man stieß die Tür auf; und nun
sah Jofrid erst, daß die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen war. Da
trat sie in die Haustür und blickte in die weiße Welt des Mondscheins
hinaus.
Es war starker Tau gefallen. Die ganze Heide war weiß, weil sich das
Mondlicht in den zahllosen Tropfen spiegelte, die sich auf allen Zweiglein
gesammelt hatten. Das kurze Moos, das ringsum auf Felsplatten und Steinen
wuchs, war schon gefroren und von Reif bedeckt. Jofrid stieg hinab; wohlig
schwankend war's unter dem Fuß. Sie ging ein paar Schritte über den Pfad,
der ins Dorf hinabführte, gleichsam als wolle sie prüfen, welches Gefühl es
sei, da zu gehen. Tönne und sie sollten am nächsten Tage Hand in Hand hier
wandern, in tiefste Schmach hinein. Denn wie auch die Begegnung mit dem
Bauern ablief, was er auch nahm und was er sie behalten ließ: sicherlich
war Schmach ihr Los. Die an diesem Abend eine gute Hütte und viele Freunde
hatten, würden am nächsten Tage von allen verabscheut sein, vielleicht
auch alles dessen beraubt, was sie erworben hatten, vielleicht sogar
ehrlose Knechte. Sie sagte zu sich selbst: »Dies ist der Weg des Todes.«
Und nun konnte sie nicht fassen, wie sie die Kraft haben sollte, ihn zu
wandeln. Ihr war, als sei sie von Stein, eine schwere Steingestalt wie der
alte König Atle. Trotzdem sie lebte, hatte sie das Gefühl, ihre schweren
Steinglieder nicht regen zu können, um diesen Weg zu gehen.
Sie wendete ihre Blicke dem Königshügel zu und sah deutlich den alten
Kämpen da sitzen. Aber in dieser Nacht war er wie zum Fest geschmückt. Er
trug nicht mehr das graue, mit Moos bewachsene Steingewand, sondern weißes,
schimmerndes Silber. Auch schmückte ihn wieder eine Krone von Strahlen, wie
damals, als sie ihn zuerst sah; aber diese Krone war weiß. Und weiß
leuchtete Brustplatte und Armring, glitzernd weiß war Schwertgriff und
Schild. Er saß da und betrachtete sie in stummer Gleichgültigkeit. Das
seltsam Unergründliche, das in großen Steingesichtern liegt, hatte sich nun
auf ihn herabgesenkt. Da thronte er dunkel und mächtig; und Jofrid hatte
die unklare Vorstellung, daß er ein Bild von etwas sei, was in ihr lag und
in allen Menschen, etwas, das in fernen Jahrhunderten begraben war, von
vielen Steinen bedeckt und dennoch nicht tot. Sie sah ihn, den alten König,
mitten im Menschenherzen sitzen. Über dessen unfruchtbare Felder breitete
er seinen weiten Königsmantel. Da tanzte die Genußsucht, da jubelte das
Prachtverlangen. Er war der große Steinheld, der Not und Armut
vorüberwandern sah, ohne daß sein Steinherz gerührt ward. »Die Götter
wollen es so,« sagte er. Er war der starke steinerne Mann, der ungesühnte
Sünde tragen konnte, ohne zu wanken. Stets sagte er: »Warum trauern, da
das, was du tatest, dir doch von den Unsterblichen aufgezwungen ward?«
Jofrids Brust hob sich in einem Seufzer, der tief wie ein Schluchzen war.
In ihr lebte eine Ahnung, die sie sich nicht klarzumachen vermochte, eine
Ahnung, daß sie mit dem steinernen Mann kämpfen müsse, wenn sie glücklich
werden sollte. Aber zu gleicher Zeit fühlte sie sich so hilflos schwach.
Ihre Unbußfertigkeit und der Steinheld auf der Heide schienen ihr ein und
dasselbe, und konnte sie jene nicht besiegen, so würde dieser in
irgendeiner Weise Macht über sie erlangen.
Sah sie nun wieder zu der Hütte hin, wo die Tücher unter den Dachbalken
schimmerten, wo die Spielleute Fröhlichkeit verbreiteten, und wo alles war,
was sie liebte, dann fühlte sie, daß sie nicht in die Knechtschaft gehen
konnte. Nicht einmal Tönne zuliebe. Sie sah sein blasses Antlitz in der
Hütte und fragte sich mit zusammengekrampftem Herzen, ob er verdiene, daß
sie ihm alles opfere.
Aber drinnen in der Hütte hatten sich die Leute zu einem Reigentanz
aufgestellt. Sie ordneten sich in einer langen Reihe, faßten einander bei
den Händen und stürzten, mit einem wilden, starken, jungen Gesellen an der
Spitze, in rasender Eile vorwärts. Der Anführer zog sie durch die offne Tür
hinaus auf die im Mondschein glitzernde Heide. Sie stürmten an Jofrid
vorbei, keuchend und wild; strauchelten über Steine, sanken ins Heidekraut,
zogen weite Kreise rings um die Hütte. Der letzte in der Reihe rief Jofrid
an und streckte ihr die Hand entgegen. Sie faßte sie und lief mit.
Das war kein Tanz, nur ein wahnsinniges Hinstürmen. Doch Fröhlichkeit war
darin, Lebenslust und Übermut. Immer kühner wurden die Schwenkungen, immer
lauter tönten die Rufe, immer stürmischer ward das Lachen. Von Hünengrab zu
Hünengrab, wie sie da über die Heide zerstreut lagen, schlang sich die
Reihe der Tanzenden. Wer bei den heftigen Schwenkungen niederfiel, wurde
wieder emporgerissen, der Langsame vorwärts gezogen. Die Spielleute standen
in der Haustür und lockten zu immer wilderm Taumel. Da war keine Zeit, zu
ruhen, zu denken, sich vorzusehen. In immer tollerer Hast ging der Tanz
über schwankes Moos und glatte Felsplatten.
Bei alledem empfand Jofrid immer deutlicher, daß sie die Freiheit behalten
mußte, daß sie lieber sterben, als sie verlieren wollte. Sie merkte, daß
sie Tönne nicht folgen konnte. Sie dachte daran, zu fliehen, fort in den
Wald zu eilen und niemals wiederzukommen.
Alle Hügel hatten sie jetzt umkreist, bis auf den König Atle. Jofrid sah,
daß es jetzt zu diesem hinaufging, und sie hielt die Blicke scharf auf den
mächtigen Mann geheftet. Da sah sie, wie sich seine Riesenarme nach den
Hinstürmenden ausstreckten. Sie schrie laut auf; doch nur ein schallendes
Gelächter antwortete ihr. Sie wollte stehenbleiben; aber eine starke Faust
riß sie weiter. Sie sah ihn nach den Vorbeieilenden greifen, aber so hurtig
waren sie, daß die schweren Arme keinen von ihnen erreichen konnten.
Unfaßlich war ihr, daß niemand ihn sah. Todesangst kam über sie. Sie wußte,
daß er sie erreichen werde. Auf sie hatte er gelauert, seit vielen Jahren.
Mit den andern trieb er nur sein Spiel. Ihrer würde er sich nun endlich
bemächtigen.
Jetzt kam an sie die Reihe, an König Atle vorbeizueilen. Sie sah, wie er
sich erhob, sich dann zum Sprung duckte, um Ernst zu machen und sie zu
fangen. In dieser höchsten Not fühlte sie: wenn sie sich jetzt entschloß,
am nächsten Morgen die schwere Wanderung anzutreten, hatte er nicht die
Macht, sie zu packen. Aber sie konnte nicht. Sie kam zuletzt und die
Drehungen waren nun so heftig, daß sie mehr geschleppt und gezogen wurde
als selbst lief und Mühe hatte, nicht zu Boden zu fallen. Doch obgleich sie
in der rasendsten Eile dahinwirbelte, war der alte Kämpe noch rascher. Die
schweren Arme senkten sich auf sie hinab, die steinernen Hände ergriffen
sie, zogen sie an die mit silberblankem Harnisch bedeckte Brust. Immer
schwerer legte sich die Todesangst auf sie; aber sie wußte noch bis
zuletzt: nur weil sie den Steinkönig im eignen Herzen nicht zu besiegen
vermocht hatte, war König Atle Gewalt über sie gegeben.
Nun war es zu Ende mit Tanz und Fröhlichkeit. Jofrid lag im Sterben. Sie
war in dem rasenden Lauf an den Königshügel geschleudert worden und hatte
von seinen Steinen den Todesstoß empfangen.