Abenteuer des Johann Dietrich

In Rambin lebte einst ein Arbeitsmann, der hieß Jakob Dietrich, ein

Mann schlecht und recht und gottesfürchtig, und der auch eine gute

und gottesfürchtige Frau hatte. Die beiden Eheleute besaßen dort ein

Häuschen und ein Gärtchen und nährten sich redlich von der Arbeit

ihrer Hände; denn andere Künste kannten sie nicht. Sie hatten viele

liebe Kinder, von welchen das jüngste, Johann Dietrich genannt, ihnen

fast das liebste war. Denn es war ein schöner und munterer Junge,

aufgeweckt und quick, fleißig in der Schule und gehorsam zu Hause,

und behielt alle Lehren und Geschichten sehr gut, welche die Eltern

ihm versagten. Auch von vielen andern Leuten lernte er und hielt

jeden fest, der Geschichten wußte, und ließ ihn nicht eher los, als

bis er sie erzählt hatte.

Johann war acht Jahre alt geworden und lebte den Sommer bei seines

Vaters Bruder, der Bauer in Rothenkirchen war, und mußte nebst andern

Knaben Kühe hüten, die sie ins Feld gegen die Neun Berge

hinaustrieben, wo damals noch viel mehr Wald war als jetzt. Da war

ein alter Kuhhirt aus Rothenkirchen, Klas Starkwolt genannt, der

gesellte sich oft zu den Knaben, und sie trieben die Herden zusammen

und setzten sich hin und erzählten Geschichten. Der alte Klas wußte

viele und erzählte sie sehr lebendig; er war bald Johann Dietrichs

liebster Freund. Besonders aber wußte er viele Märchen von den Neun

Bergen und von den Unterirdischen aus der allerfrühesten Zeit, als

die Riesen im Lande untergegangen und die Kleinen in die Berge

gekommen waren, und Johann hörte sie immer mit dem innigsten

Wohlgefallen und plagte den alten Mann jeden Tag um neue Geschichten,

obgleich ihm dieser das Herz zuweilen so in Flammen setzte, daß er

des Abends spät und des Morgens früh, wenn er hier zuweilen heraus

mußte, mit sausendem Haar über das Feld hinstrich, als hätte er alle

Unterirdischen als Jäger hinter sich gehabt, die ihn fangen wollten.

Der kleine Johann Dietrich hatte sich so vertieft und verliebt in

diese Märchen von den Unterirdischen, daß er nichts anders sah und

hörte, von nichts anderm sprach und fabelte als von goldenen Bechern

und Kronen, gläsernen Schuhen, Taschen voll Dukaten, goldenen Ringen,

diamantenen Kränzen, schneeweißen Bräuten und klingenden Hochzeiten.

Wenn er nun so ganz darin war und in kindischer Freude aufjauchzte

und umhersprang, dann pflegte der alte Starkwolt wohl den Kopf zu

schütteln und ihm zuzurufen: "Johann! Johann! Wo willst du hin?

Spaten und Sense, das sind dein Zepter und deine Krone, und deine

Braut wird ein Kränzel von Rosmarin und einen bunten Rock von Drell

tragen." Johann ließ sich das aber nicht anfechten und träumte immer

lustig fort. Und obwohl er herzlich graulich war und in der

Dunkelheit um alles in der Welt nicht über den Kirchhof gegangen wäre,

hatte er sich das Leben da in dem Berge und die Schätze und

Herrlichkeiten darin doch so ausgemalt, daß ihn fast gelüstete,

einmal hinabzusteigen; denn der alte Klas hatte gesagt, wie man es

anfangen müsse, damit man da unten Herr werde und nicht Diener, und

damit sie einen nicht fünfzig Jahre festhalten und die Becher spülen

und das Estrich kehren lassen könnten. Wer nämlich so klug oder so

glücklich sei, die Mütze eines Unterirdischen zu finden oder zu

erhaschen, der könne sicher hinabsteigen, dem dürfen sie nichts tun

noch befehlen, sondern müssen ihm dienen, wie er wolle, und derjenige

Unterirdische, dem die Mütze gehöre, müsse sein Diener sein und ihm

schaffen, was er wolle. Das hatte Johann sich hinters Ohr

geschrieben und seinen Teil dabei gedacht; ja, er hatte wohl

hinzugesetzt, so etwas unterstehe er sich auch wohl zu wagen. Die

Leute glaubten ihm das aber nicht, sondern lachten ihn aus; und doch

hat er es getan, und sie haben genug geweint, als er nicht

wiedergekommen ist.

Es war nun die Zeit des Johannisfestes, wo die Tage am längsten sind

und die Nächte am kürzesten, und wo die Jahreszeit am schönsten ist.

Die Alten und die Kinder hatten die Festtage fröhlich gelebt und

gespielt und allerlei Geschichten erzählt; da konnte Johann sich

nicht länger halten, sondern den Tag nach Johannis schlich er sich

heimlich weg, und als es dunkel ward, legte er sich auf dem Gipfel

des höchsten der Neun Berge hin, wo die Unterirdischen, wie Klas ihm

erzählt, ihren vornehmsten Tanzplatz hatten. Und wahrlich, er legte

sich nicht ohne Angst hin, und hätte er nicht einmal dagelegen,

vielleicht wäre nimmer was daraus geworden; denn sein Herz schlug ihm

wie ein Hammer, und sein Atem ging wie ein frischer Wind. So

lauschte er in Furcht und Hoffnung von zehn Uhr abends bis zwölf Uhr

Mitternacht. Und als es zwölf schlug, sieh, da fing es an zu klingen

und zu singen in den Bergen; und bald wisperte und lispelte und pfiff

und säuselte es um ihn her; denn die kleinen Leute dreheten sich

jetzt in Tänzen rund, und andere spielten und tummelten sich im

Mondschein und machten tausend lustige Schwänke und Possen. Ihn

überlief bei diesem Gewispel und Gesäusel ein geheimer Schauder (denn

sehen konnte er nichts von ihnen, da ihre Mützchen, die sie tragen,

sie unsichtbar machen); er aber lag ganz still, das Gesicht ins Gras

gedrückt und die Augen fest zugeschlossen und leise schnarchend, als

schliefe er. Doch konnte er es nicht lassen, zuweilen ein wenig

umher zu blinzeln, damit er etwa seinen Vorteil ersähe, einen der

kleinen Leute finge und ein Herr würde, denn dazu hatte er gar große

Lust; aber wie heller Mondschein es auch war, er konnte auch nicht

das geringste von ihnen erblicken.

Und siehe, es währte nicht lange, so kamen drei der Unterirdischen

dahergesprungen, wo er lag, gaben aber nicht acht auf ihn, warfen

ihre braunen Mützchen in die Luft und fingen sie einander ab. Da riß

der eine dem andern in Schalkheit die Mütze aus der Hand und warf sie

weg. Und die Mütze flog dem Johann gerade auf den Kopf, und er fühlte

sie, griff zu und richtete sich sogleich auf und ließ Schlaf Schlaf

sein. Er schwang mit Freuden seine Mütze, daß das silberne Glöcklein

daran klingelte, und setzte sie sich dann auf den Kopf, und (o Wunder!

) in demselben Augenblicke sah er das zahllose und lustige Gewimmel

der kleinen Leute, und sie waren ihm nicht mehr unsichtbar. Die drei

kleinen Männer kamen listig herbei und wollten mit Behendigkeit die

Mütze wieder gewinnen; er aber hielt seine Beute fest, und sie sahen

wohl, daß sie auf diese Weise nichts von ihm gewinnen würden; denn

Johann war ein Riese gegen sie an Größe und Stärke, und sie reichten

ihm kaum bis ans Knie. Da kam derjenige, dem die Mütze gehörte, und

trat ganz demütig vor den Finder hin und bat flehentlich, als hänge

sein Leben dran, ihm die Mütze wiederzugeben. Johann aber antwortete

ihm: "Nein, du kleiner, schlauer Schelm, die Mütze bekommst du nicht

wieder; das ist nichts, was man für ein Butterbrot weggibt! Ich wäre

schlimm daran mit euch, wenn ich nichts von euch hätte; jetzt aber

habt ihr kein Recht an mir, sondern müßt mir, was ich nur will, zu

Gefallen tun. Und ich will mit euch hinabfahren und sehen, wie ihr

es da unten treibt; du aber sollst mein Diener sein, denn du mußt

wohl. Das weiß ich so gut als ihr, daß es nicht anders sein kann,

denn Klas Starkwolt hat mir es alles erzählt." Der kleine Mensch aber

gebärdete sich, als ob er dies alles nicht gehört noch verstanden

hätte; er fing seine Quälerei und Winselei und Plinselei wieder von

vorn an, klagte und jammerte und heulte erbärmlich um sein verlornes

Mützchen; aber als Johann ihm kurzweg sagte: "Es bleibt dabei, du

bist der Diener, und ich will eine Fahrt mit euch machen", da fand er

sich endlich drein, zumal da auch die andern ihm zuredeten, daß es so

sein müsse. Johann aber warf seinen schlechten Hut nun weg und

setzte sich die Mütze an seiner Stelle auf und befestigte sie wohl

auf seinem Kopfe, damit sie ihm nicht abgleiten oder abfliegen könnte;

denn in ihr trug er die Herrschaft.

Und er versuchte es sogleich und befahl seinem neuen Diener, ihm

Speise und Trank zu bringen, denn ihn hungerte. Und der Diener lief

wie der Wind davon, und in einem Hui war er wieder da und trug Wein

in Flaschen herbei und Brot und köstliche Früchte. Und Johann aß und

trank und sah dem Spiele und den Tänzen der Kleinen zu, und es gefiel

ihm sehr wohl. Und er führte sich in allen Dingen mit ihnen beherzt

und klug auf, als wäre er ein geborner Herr gewesen.

Und als der Hahn seinen dritten Krei getan hatte und die kleinen

Lerchen in der Luft die ersten Wirbel anschlugen und das junge Licht

in einzelnen weißen Streifen im Osten aufdämmerte, da ging es husch

husch husch durch die Büsche und Blumen und Halme fort, und die Berge

klangen wieder und taten sich auf, und die kleinen Menschen fuhren

hinab; und Johann gab wohl acht auf alles und fand es wirklich so,

wie sie ihm erzählt hatten. Siehe, auf dem Wipfel der Berge, wo sie

eben noch getanzt hatten, und wo alles eben voll Gras und Blumen

stand, wie die Menschen es bei Tage sehen, hob sich, als es zum

Abzuge blies, plötzlich eine glänzende gläserne Spitze hervor; auf

diese trat, wer hinein wollte, sie öffnete sich, und er glitt sanft

hinab, und sie tat sich wieder hinter ihm zu; als sie aber alle

hinein waren, verschwand sie und war auch keine Spur mehr von ihr zu

sehen. Die aber durch die gläserne Spitze fielen, sanken gar sanfte

in eine weite silberne Tonne, die sie alle aufnahm und wohl tausend

solcher Leutlein beherbergen konnte. In eine solche fiel auch Johann

mit seinem Diener und mit mehreren hinab, und sie alle schrien und

baten ihn, daß er sie nicht treten möge, denn sie wären des Todes

gewesen von seiner Last. Er aber hütete sich und war sehr freundlich

gegen sie. Es gingen aber mehrere solcher Tonnen nebeneinander hin,

immer hinauf und hinab, bis alle hinunter waren. Sie hingen an

langen silbernen Ketten, die unten gezogen und gehalten wurden.

Johann erstaunte beim Hinabfahren über den wunderbaren Glanz der

Wände, zwischen welchen das Tönnchen fortglitt. Es war alles wie mit

Perlen und Diamanten besetzt, so blitzte und funkelte es; unter sich

aber hörte er die lieblichste Musik aus der Ferne klingen. So ward

er auf das anmutigste hinabgewiegt, daß er nicht wußte, wie ihm

geschah, und vor lauter Lust in einen tiefen Schlaf fiel.

Er mochte wohl lange geschlafen haben. Als er erwachte, fand er sich

in dem allerweichsten und allernettesten Bette, wie er es in seines

Vaters Hause nimmer gesehen hatte, und dieses Bett stand in dem

allerniedlichsten Zimmer; vor ihm aber stand ein kleiner Brauner mit

dem Fliegenwedel in der Hand, womit er Mücken und Fliegen abwehrte,

daß sie seines Herrn Schlummer nicht stören konnten. Johann tat kaum

die Augen auf, so brachte der kleine Diener ihm schon das Handtuch

mit dem Waschwasser und hielt ihm zugleich die nettesten neuen

Kleider zum Anziehen hin, aus brauner Seide sehr niedlich gemacht,

und ein Paar neue schwarze Schuh mit roten Bandschleifchen, wie

Johann sie in Rambin und Rothenkirchen nie gesehen hatte; auch

standen dort einige Paare der niedlichsten und glänzendsten gläsernen

Schuhe, die nur bei großen Festlichkeiten gebraucht zu werden pflegen.

Es gefiel dem kleinen Knaben sehr, daß er so leichte und saubere

Kleider tragen sollte, und er ließ sie sich gern anziehen. Und als

Johann angekleidet war, flugs flog der Diener fort und war geschwind

wie der Blitz wieder da. Er trug aber auf einer goldenen Schüssel

eine Flasche süßen Wein und ein Töpfchen Milch und schönes Weißbrot

und Früchte und andere köstliche Speisen, wie kleine Knaben sie gern

essen. Und Johann sah immer mehr, daß Klas Starkwolt, der alte

Kuhhirt, es wohl gewußt habe; denn so herrlich und prächtig, als er

hier alles fand, hatte er es sich doch nicht geträumt. Auch war sein

Diener der allergehorsamste und tat alles von selbst, was er ihm nur

an den Augen absehen konnte. Der Worte bedurfte es nie, sondern nur

leichter Blicke und Winke; denn er war klug wie ein Bienchen, wie

alle diese kleinen Leute von Natur sind.

Und nun muß ich Johanns Zimmer beschreiben. Sein Bettchen war

schneeweiß mit den weichsten Polstern und mit den weißesten Laken

überzogen, mit Kissen aus Atlas und einer solchen gesteppten Decke.

Ein Königssohn hätte darin schlafen können. Neben und vor diesem

Bette standen die niedlichsten Stühle, auf das netteste gearbeitet

und mit allerlei bunten Vögeln und Tieren verziert, welche

kunstreiche Hände eingeschnitten hatten; einige waren auch von edlen

Steinen bunt eingelegt. An den Wänden standen weiße Marmortische und

ein paar kleinere aus grünen Smaragden, und zwei blanke Spiegel

glänzten an den beiden Enden des Zimmers, deren Rahmen mit blitzenden

Edelgesteinen eingefaßt waren. Die Wände des Zimmers waren mit

grünen Smaragden getäfelt, und hatte einen solchen Glanz nie ein

Mensch auf Erden gesehen und wird ihn auch keiner dort sehen, auch

nicht in des größten Kaisers Hause. Und in solchem Zimmer wohnte nun

der kleine Johann Dietrich, eines Tagelöhners Sohn aus Rambin, daß

man wohl sagen mag: Das Glück fängt, wem es von Gott beschert ist.

Hier unter der Erde sah man nun freilich nie Sonne, Mond und Sterne

leuchten, und das schien allerdings ein großer Fehler zu sein. Aber

sie brauchten hier solche Lichter nicht, auch bedurften sie weder der

Wachslichter noch der Talglichter, noch der Kerzen und Öllampen und

Laternen; sie hatten andern Lichtes genug. Denn die Unterirdischen

wohnen recht eigentlich mitten unter den Edelgesteinen und sind die

Meister des reinsten Silbers und Goldes, das in der Erde wächst, und

sie haben die Kunst wohl gelernt, wie sie es hell bei sich haben

können bei Tage und bei Nacht. Eigentlich muß man hier von Tag und

Nacht nicht reden, denn die unterscheiden sie hier unten nicht, weil

keine Sonne hier auf- und untergeht, welche die Scheidung macht,

sondern sie rechnen hier nur nach Wochen. Sie setzen aber ihre

Wohnungen und die Wege und Gänge, welche sie unter der Erde

durchwandern, und die Orte, wo sie ihre großen Säle haben und ihre

Reigen und Feste halten, mit den allerkostbarsten Edelgesteinen aus,

daß es funkelt, als wäre es der ewige Tag. Einen solchen Stein hatte

der kleine Johann auch in seinem Zimmer. Das war ein auserlesener

Diamant, ganz rund und wohl so groß als eine Kugel, womit man Kegel

zu werfen pflegt. Dieser war oben in der Decke des Zimmers befestigt

und leuchtete so hell, daß er keiner andern Lampen und Lichter

bedurfte.

Als Johann Frühstück gegessen hatte, öffnete der Diener ein Türchen

in der Wand, und Johanns Augen fielen hinein, und er sah die

zierlichsten goldenen und silbernen Becher und Schalen und Gefäße und

viele Körbchen voll Dukaten und Kästchen voll Kleinodien und

kostbarer Steine. Auch waren da viele liebliche Bilder und die

allersaubersten Märchenbücher mit Bildern, die er in seinem Leben

gesehen hatte. Und er wollte diesen Vormittag gar nicht ausgehen,

sondern betastete und besah sich alles und blätterte und las in den

schönen Bilderbüchern und Märchenbüchern.

Und als es Mittag geworden, da klang eine helle Glocke, und der

Diener rief: "Herr, willst du allein essen oder in der großen

Gesellschaft?" Und Johann antwortete: "In der großen Gesellschaft."

Und der Diener führte ihn hinaus. Johann sah aber nichts als

einzelne von Edelsteinen erleuchtete Hallen und einzelne kleine

Männer und Frauen, die ihm aus Felsritzen und Steinklüften

herauszuschlüpfen schienen, und verwunderte sich, woher die Glocke

klänge, und sprach zu dem Diener: "Aber wo ist denn die

Gesellschaft?" Und als er noch fragte, so öffnete sich die Halle,

worin sie gingen, zu einer großen Weite und ward ein unendlicher Saal,

über welchen eine weite, gewölbte und mit Edelsteinen und Diamanten

geschmückte Decke gezogen war. Und in demselben Augenblick sah er

auch ein unendliches Gewimmel von zierlich gekleideten kleinen

Männern und Frauen durch viele geöffnete Türen hineinströmen, und tat

sich der Boden an vielen Stellen auf, und die niedlichsten, mit den

köstlichsten Gefäßen und schmackhaftesten Speisen und Früchten und

Weinen besetzten Tische stellten sich aneinander hin, und die Stühle

und Polster reiheten sich von selbst um die Tische, und die Männer

und Frauen nahmen Platz. Und die Vornehmsten des kleinen Völkchens

kamen und verneigten sich vor Johann und führten ihn mit sich an

ihren Tisch und setzten ihn zwischen ihre schönsten Jungfrauen, daß

er seine Lust hatte, mit den lieblichen Kindern zu sein, und es ihm

da über die Maßen wohlgefiel. Es war auch eine sehr fröhliche Tafel,

denn die Unterirdischen sind ein sehr lebendiges und lustiges

Völkchen und können nicht lange still sein. Dazu klang die

allerlieblichste Musik aus den Lüften, und die buntesten Vögel flogen

umher und sangen in gar anmutigen Tönen, die einem die Seele aus der

Brust holen konnten. Es waren aber keine lebendige Vögel, die da

sangen, sondern künstliche Vögel und künstliche Töne und von den

kleinen Männern so sinnreich gemacht, daß sie fliegen und singen

konnten. Und Johann erstaunte und entsetzte sich sehr über alle die

Wunder, die er sah, und freuete sich gewaltig. Die Diener und

Dienerinnen aber, welche bei Tische aufwarteten und Blumen streueten

und die Flur mit Rosenöl und andern Düften besprengten und die

goldenen Schalen und Becher herumtrugen und die silbernen und

kristallenen Körbe mit Früchten, waren Kinder der Menschen da droben,

welche aus Neugier oder von ungefähr unter die Kleinen geraten und

hier hinabgestiegen waren, ohne sich vorher eines Pfandes zu

bemeistern, und die also in die Gewalt der Kleinen gekommen waren,

oder die sich nächtlich und mitternächtlich unter ihre Sternenspiele

auf dem gläsernen Berge verirrt hatten. Diese waren anders gekleidet

als sie. Die Knaben und die Mädchen waren in schneeweiße Röckchen

und Jäckchen gekleidet und trugen feine gläserne Schuh, daß man ihren

Tritt immer hören konnte, und blaue Mützchen auf dem Kopfe; ihre

Leibchen aber hatten sie mit silbernen Gürteln umgürtet. Das war die

Tracht der Diener und Dienerinnen. Den kleinen Johann jammerten sie

anfangs wohl, als er sie sah, wie sie springen und den Unterirdischen

aufwarten mußten; aber weil sie munter aussahen und fein gekleidet

waren und rosenrote Wangen hatten, so dachte er: "Nun, es geht ihnen

doch so schlimm nicht, und ich habe es noch lange so gut nicht gehabt,

als ich hinter den Kühen und Ochsen laufen mußte. Ich bin nun

freilich ein Herr hier, und sie müssen als Diener laufen. Das kann

aber nicht anders sein: warum haben sie sich auch so dumm fangen

lassen und sich vorher kein Zeichen genommen? Es muß doch die Zeit

kommen, wo sie einmal erlöst werden, und länger als fünfzig Jahre

werden sie hier gewiß nicht bleiben." Damit tröstete er sich und

spielte und scherzte mit seinen kleinen Gesellinnen und aß und trank

in Freuden und ließ sich von seinem Diener und von den andern

allerlei unterirdische Geschichten erzählen; denn er wollte alles

genau wissen.

So saßen sie ungefähr zwei Stunden lustig beisammen und aßen und

tranken und horchten auf die liebliche Musik, die aus den Lüften

erklang. Da klingelte der Vornehmste mit einem Glöckchen, und in

einem Hui versanken die Tische und die Stühle wieder, und alle Männer

und Frauen und Jünglinge und Jungfrauen standen da wieder auf den

Füßen. Und wieder ein zweiter Klang mit einem zweiten Glöckchen, und

wo eben die Tafeln gestanden, erhoben sich grüne Orangen- und Palmen-

und Lorbeerbäume mit Blüten und Früchten, und andere, lustigere und

klangreichere Vögel als die vorher durch die Luft geflattert hatten,

saßen in ihren Zweigen und sangen. Und sie sangen alle wie in einer

Weise und in einem Maße, und Johann sah bald, woher dies kam; denn am

Ende des Saales hoch oben an der Decke saß in einer hohlen Wand ein

eisgrauer Greis und gab den Ton an, nach welchem sie singen mußten.

Sie nannten ihn ihren großen Ballmeister. Er war aber so ernst, als

er weise war, und verschwiegen wie die graue Zeit und sprach nie ein

Sterbenswort, da die andern alle wohl oft zuviel plapperten und

schwätzelten.

Der alte Eisgraue droben strich nun die Geige zum Tanze, und alle die

bunten Vögel klangen den Strich nach. Es war aber ein recht

fliegender Strich, denn ihr Tanz geht immer äußerst geschwind und

lebendig. Als nun der Reigen angeklungen war, siehe, da bewegten

sich die leichten und fröhlichen Scharen und sprangen und hüpften und

drehten sich, als wenn die Welt im Wirbel auseinanderfliegen sollte.

Und die kleinen hübschen und feinen unterirdischen Dirnen, die sich

neben Johann gesetzt hatten, faßten ihn auch und drehten ihn mit rund.

Und er ließ es gern geschehen und tanzte mit ihnen rund wohl zwei

Stunden lang. Und diesen lustigen Tanz hat er jeden Nachmittag

mitgehalten, solange er da unten geblieben ist, und in seinem

spätesten Alter noch immer mit vielem Vergnügen davon erzählt. Er

pflegte dann zu sagen, die himmlische Freude und der Gesang und das

Saitenspiel der Engel, welche die Seligen im Himmel einst zu hoffen

hätten, mögen wohl überschwenglich schön sein; er aber könne sich

nichts Schöneres und Lieblicheres denken als die Musik dieses

unterirdischen Reigens, die schönen und beseelten kleinen Menschen,

die wunderbaren Vögel in den Zweigen mit den allerzauberischesten

Tönen und die klingenden Silberglöckchen an den Mützen. Ein Mensch,

der das nicht gesehen und gehört, könne sich gar keine Vorstellung

davon machen.

Als die Musik schwieg und der Tanz geendigt war (das mochte wohl die

Zeit sein, die wir vier Uhr nachmittag nennen), verschwand das kleine

lustige Völkchen, die einen hiehin, die andern dahin, und jeder ging

wieder an sein Werk und seine Lust. Des Abends ward nach dem Essen

gewöhnlich ebenso gejubelt und getanzt. Des Nachts aber schlüpften

alle heraus aus den Bergen, besonders in schönen, sternhellen Nächten,

und wenn sie auf Erden etwas Besonderes zu tun hatten. Da ging aber

der kleine Johann immer ruhig schlafen und hielt, wie es einem

frommen christlichen Knaben geziemte, andächtig sein Abendgebet, und

auch des Morgens vergaß er nie zu beten.

Doch nun muß ich noch mehr erzählen von den Unterirdischen, ehe ich

weiter melde, wie es unserm kleinen Johann Dietrich da unten die

folgenden Wochen und Jahre ergangen ist.

Daß solche kleine Unterirdische, die man mit vielen Namen auch wohl

Braunchen, Weißchen, Elfen, Weißelfen, Schwarzelfen, Kobolde, Puke,

Heinzlein, Trolle nennt, seit uralten Zeiten unter den Bergen und

Hügeln wohnen und ihre wunderbaren kristallenen und gläsernen Häuser

haben, ist gewiß. Aber wie sie dahingekommen sind, und was es denn

eigentlich für Geister sind, und wozu der liebe Gott sie eigentlich

geschaffen hat, das hat uns bisher noch keiner sagen können. Sie

sind wohl gleich den Seelen und Herzen der Menschen von sehr

verschiedener Art, einige bös, andere gut, einige freundlich, andere

neckisch; das wird aber von allen ohne Unterschied gesagt, daß sie

sehr sinnreich und geschickt sind und die künstlichsten Werke und

Geschmeide machen können, die ihnen kein Mensch nachmachen kann, und

die von den Menschen deswegen oft für Zauberwerk und Hexenwerk

gehalten werden. Alles, was ich hier erzähle, hat Johann Dietrich

mitgebracht und es seinen Freunden erzählt und seinen Kindern so

hinterlassen. Von diesen haben es wieder andere gehört, und so hat

sich's weitererzählt bis diesen Tag.

Die Unterirdischen, zu welchen Johann hinabgestiegen war, gehörten zu

den Braunen. Sie hatten auch kleine Schelmstreiche im Herzen, waren

aber im ganzen doch gutmütiger und fröhlicher Art. Die Braunen

hießen sie, weil sie braune Jäckchen und Röckchen trugen und braune

Mützen auf dem Kopf mit silbernen Glöckchen; einige trugen schwarze

Schuh mit roten Bändern, die meisten aber feine gläserne, und beim

Tanze trugen sie alle keine anderen. Sie hatten ihre Häuschen in den

Bergen; aber damit waren sie sehr geheim, und Johann Dietrich,

solange er bei ihnen gewesen, hat keine einzige ihrer Kammern gesehen.

Er und der Diener hatten ihre Kammer hart bei der Stelle, wo der

herrliche Speise- und Tanzsaal immer kam und verschwand; er hat auch

an vielen andern Stellen schöne Hallen und offene Plätze und

liebliche Anger und Auen gesehen, aber nirgends Wohnungen; sondern

die Kleinen waren immer nur einzeln oder scharweise da, entweder daß

sie tanzten, lustwandelten oder auch geschwind vorübergingen. Und

wie sie aus den Steinen, worin sie wohnen, herauskamen und wieder

hinschwanden, das hat er mit seinen Augen nie sehen können, wie sehr

er auch oft darauf gelauscht hat; sondern sie kamen vor seinen Augen

und verschwanden wie Blitze und Scheine. Einige kleine Dirnen aber,

die ihn lieb hatten, haben ihm zugeflüstert: jeder habe sein eignes

Häuschen tief im Gestein, ein liebliches, helles, gläsernes Häuschen;

auch sei der ganze Berg durchsichtig von Anfang bis zu Ende und

eigentlich rings mit Glas umwachsen; das sei aber seinen Augen zu

sehen nicht möglich.

Von diesen kleinen Unterirdischen waren die größten kaum einer Elle

lang und die Knaben und Mädchen also gar klein; aber sie waren von

Gestalt und Gebärde freundlich und schön, mit hellen, lichten Augen

und mit gar feinen und anmutigen Händchen und Füßchen. Und eben

durch diese Lieblichkeit und Freundlichkeit haben sie manches

Menschenkind verführt, daß es zu ihnen heruntergekommen ist ohne

irgend ein Pfand und Zeichen und lange Jahre da hat bleiben und

dienen müssen. Denn wenn man ein Pfand von ihnen hat, schadet es

nichts, daß man mit in dem silbernen Tönnchen hinabsteigt, und sie

müssen einen immer wieder herauslassen. Sie geben aber nicht gern

ein Pfand. Das klügste und richtigste ist, daß man mit Listen ein

Pfand von ihnen nimmt; denn dann müssen sie einem dienen, da sie

sonst gern herrschen wollen. Denn sie sind sehr herrschsüchtig, und

das ist eigentlich ihr Hauptfehler; vorzüglich herrschen sie gern

über die Menschen und bilden sich etwas darauf ein, weil die soviel

stärker und größer sind, daß sie sie mit Listen zu ihren Dienern und

Knechten machen. Das beste Pfand, das man von ihnen gewinnen kann

und wodurch man am meisten Macht über sie bekommt, ist eine braune

Mütze mit dem Glöckchen; sehr gut ist auch ein gläserner Schuh oder

eine silberne Spange, womit sie ihren Leibgürtel zu schließen pflegen.

Wer die hat, der hat aller Freuden Fülle bei ihnen und ist ein

großer Gebieter.

Ob sie auch sterben, das weiß man nicht, oder ob sie, wie einige

erzählen, wann sie alt werden wollen, sich in Steine und Bäume

verkriechen und so sich verwachsen und zu wundersamen Klängen,

Ächzern und Seufzern werden, die sich zuweilen hören lassen, ohne daß

man weiß, woher sie kommen, oder zu abenteuerlichen Knorren und

verflochtenen Schlingen, wodurch die Hexen schlüpfen sollen, wann sie

von dem wilden Jäger gejagt werden. Eine Leiche von ihnen hat keiner

gesehen, und wenn man sie darnach gefragt hat, haben sie immer so

geantwortet, als verstanden sie das Wort gar nicht. Das ist gewiß,

daß manche von ihnen über zweitausend Jahre alt sind. Da ist es denn

kein Wunder, daß man so weise Leute unter ihnen findet.

Sie haben einen großen Vorteil voraus vor uns Menschenkindern, daß

sie nicht nötig haben, für das tägliche Brot zu sorgen und zu

arbeiten, denn Speise und Trank kommt ihnen von selber oder Gott weiß

durch welche wundersame Kunst, und es fehlt nie Brot und Wein und

Braten auf ihrem Tische. Auch sieht man dort unten, wo sie wohnen,

und wo hin und wieder auch weite Fluren und Felder sind, nirgends

Korn wachsen oder Vieh weiden oder Wild laufen, sondern bloß das

Allerlustigste ist zum Genuß da, nämlich die schönsten Bäume und

Reben, die mit den auserlesensten Früchten und Trauben prangen; auch

die lieblichsten Blumen in Menge, worauf so bunte Schmetterlinge

flattern, als man in dem Lande der Sonne und des Mondes nimmer sieht;

und die allerschönsten und schimmerndsten Vögel, die alle wie

Paradiesvögel und wie der Vogel Phönix aussehen, wiegen sich in den

Zweigen und singen süße Lieder. Anderes Lebendiges sieht man dort

nicht, wenn man das nicht etwas Lebendiges nennen will, daß hie und

da aus den Kristallwänden Quellen von Wein und Milch sich ergießen.

So scheint dies Völkchen denn sehr glücklich zu sein und bloß für die

Freude und Lust geboren, und sie verstehen sich sehr wohl auf die

Kunst, vergnügt zu sein und ihr Leben lustig zu gebrauchen. Doch muß

man nicht glauben, daß sie nichts weiter tun als Tafel, Spiel und

Tanz halten, dann in ihre Kammern schlüpfen und schlafen und etwa die

Mitternächte über der Erde verspielen--nein, sie sind wohl die

allerregsamsten und allerfleißigsten Wesen, die man je gesehen hat.

Niemand versteht so gut als sie das Innere der Erde und die geheimen

Kräfte der Natur und was in Bergen und Steinen und Metallen wächst,

und was in den Farben der Blumen und den Wurzeln der Bäume für Triebe

lauschen. Denn ihre Sinne sind die allerklarsten und die

allerfeinsten, viel feiner als des heitersten und hellesten Kindes,

von Menschen geboren; denn auch unsere kleinen Kindlein haben wohl

recht feine Sinne und Gedanken, welche die Erwachsenen nur nicht

immer verstehen, weil diese meistens schon wieder durch Stein und

Erde verhärtet und vergröbert sind. Die Unterirdischen haben viel

Freude an Silber und Gold und edlen Steinen und machen die

allerkünstlichsten Arbeiten daraus, so daß die besten Meister hier

oben erstaunen, wenn ein solches unterirdisches Werk hier mal gesehen

wird. Deswegen nennen viele sie auch wohl Hüter des Goldes und des

Silbers und meinen, daß sie von schlimmer Gier besessen und böse

metallische Geister sind. Die meisten, die das sagen, tun ihnen aber

unrecht, denn die weißen und braunen Unterirdischen sind wohl nicht

so gierig. Sie verschenken ja soviel Schönes an die Menschenkinder;

das würden sie aber nicht tun, wenn sie das Gold und die Edelsteine

zu lieb hätten. Sie haben es nur lieb wegen des Glanzes, denn Glanz

und Licht lieben sie über alles in der Welt. Die mit den schwarzen

Jacken und Mützen sind aber wohl geizig und überhaupt von schlimmerer

Natur als diese.

Wie die Unterirdischen des Nachts aus ihren gläsernen Bergen

schlüpfen und im Mondschein und Sternenschein tanzen und sich

erlustigen, habe ich schon erzählt. Sie können sich aber auch

unsichtbar in die Häuser der Menschen schleichen; denn wenn sie ihre

Mützen aufhaben, kann sie kein Mensch sehen, er habe denn selbst eine

solche Mütze. Da sagen die Leute denn, daß sie allerlei Schalkereien

treiben, die Kinder in den Wiegen vertauschen, ja gar wegstehlen und

mitnehmen. Das ist aber gewiß nicht wahr von den Weißen und Braunen.

Auch hat ihnen Gott über die Häuser und Wohnungen der Menschen keine

Gewalt gegeben, solcherlei schlimme Schalkerei zu treiben. Sie

kommen wohl in die Häuser der Menschen, sie können sich auch

verwandeln, so daß kein Schlüsselloch so klein ist, daß sie nicht

hindurchschlüpfen; aber sie tun den Menschen nichts Böses, sondern

wollen nur zuweilen sehen, was sie machen. Meistens bringen sie

ihnen was Schönes mit, besonders den Kindern, die sie sehr lieb haben.

Und wann die Kinder beim Spielen Dukaten oder goldene Ringe

gefunden haben, wie das wohl zuweilen geschieht, und mit zu Hause

bringen, oder wenn kleine, zierliche Schuhe oder ein neues Kleidchen

oder grüne Kränzlein, wann sie erwachen, auf ihren Wiegen und

Bettchen hangen, so haben das wohl nicht immer die himmlischen

Englein getan, sondern oft auch die kleinen Unterirdischen. Das

sagen aber viele Leute, die es wissen, daß sie oft unsichtbar um die

Kinder sind und sie behüten, besonders damit sie nicht im Feuer und

Wasser umkommen. Wenn sie ja jemand necken und schrecken, so sind es

faule Knechte und schmutzige Mägde, die sie mit bösen Träumen

ängstigen, als Alp drücken, als Flöhe stechen, als Hunde und Katzen

ungesehen beißen und kratzen, oder es sind Diebe und Buhler, welchen

sie, wenn sie des Nachts auf verbotenen Wegen schleichen, als Eulen

in den Nacken stoßen, oder die sie als Irrlichter in Sümpfe und

Moräste locken oder gar ihren Verfolgern entgegenbringen. Aber das,

denke ich, ist keine Sünde. Die Schwarzjacken aber sind bösartig und

üben gern arge Tücken. Die dürfen aber den Häusern der Menschen

nicht nahe kommen, auch überhaupt wenig auf der Erde sein, es sei

denn in Wüsten und Einöden, wohin selten Menschen kommen. Sie kommen

auch nicht zu den Menschen, außer wenn diese ihnen selbst die Gewalt

über sich gegeben oder sich ihnen verpfändet und verschrieben haben.

Denn darauf sinnen diese schwermütigen und grüblerischen Geister Tag

und Nacht, wie sie arme Narren und listige Schelme verstricken und

sich endlich an ihrer Not ergötzen mögen. Und diese schwarzen sind

auch nicht schön wie die andern Unterirdischen, sondern grundhäßlich,

haben trübe und triefende Augen wie die Köhler und Grobschmiede, sind

stumm und heimlich bei ihrer Arbeit, leben einsam und höchstens zu

zweien und dreien und kennen keinen Tanz und Musik, sondern nur

Geheul und Gewimmer. Und wenn es in Wäldern und Sümpfen schreit wie

eine Menge schreiender Kinder, oder wie ein Haufe Katzen miauen und

eine Schar Eulen kreischen und wehklagen würde--das sind ihre

nächtlichen Versammlungen, das ist ihre Musik, das sind sie.

Doch haben die Menschen vor allen Unterirdischen ein Grauen, und das

ist wohl natürlich. Denn dem Menschen ist das Licht angeboren und

die Liebe zu allem Lichten und Hellen, und es schaudert ihm vor dem

Dunklen und Verborgenen und vor allen geheimen Kräften, die

unsichtbar umherschleichen und walten. Auch wissen sie ja, daß die

Unterirdischen allenthalben sein und sich verwandeln und zaubern

können. Freilich erzählt man vielmehr von ihren Zaubereien, als wahr

ist; das meiste machen sie durch ihre Unsichtbarkeit und

Künstlichkeit, wodurch sie so feine Arbeit als Spinnen und Wespen

weben und wirken und den Menschen allerlei Gaukelei und Einbildung

vormachen können. Und wenn sie ja viel zaubern, tun sie es mehr zur

Freude und zum Spiel als zum Bösen. Die Schwarzen aber können auch

hexen und sind schlimme Hexenmeister, und wenn die sich verwandeln,

sind sie die scheußlichsten Tiere und Gewürme, Bären, Wölfe, Hyänen,

Tiger, Katzen, Schlangen, Kröten, Skorpione, Krähen und Eulen; und

wehe den armen Menschen, die sich mit ihnen eingelassen haben! Denn

von ihnen muß man dreifache Pfänder nehmen, und auch der Klügste wird

von ihnen betrogen, wenn er nicht kurzen Kauf mit ihnen hält. Daß

diese Hexenkappen und Nebelkappen weben, womit man sich unsichtbar

machen und in einem Hui über Land und Meer fahren kann, das ist wahr.

Dem Doktor Faust haben sie seinen Mantel gemacht, womit er in einer

Sekunde von Straßburg nach Rom und von Mainz nach Paris gefahren ist.

Aber wie ist es diesem armen Doktor Faust auch ergangen! Er ist mit

diesen schwarzen Künstlern, weil er zu weise werden wollte, ein

Schwarzkünstler geworden und endlich zu dem Allerschwärzesten

gefahren. Die Schwarzen machen auch Zauberwaffen, Harnische, die

gegen Stahl und Hieb fest sind, Degen, die nie Scharten bekommen

können und vor welchen sein Helm und Panzer aushält, dünne

Kettenhemde leicht wie Spinnweben, wodurch keine Kugel dringt. Der

Gebrauch derselben ist aber sehr abgekommen, seit die meisten

Menschen Christen sind, und war mehr in der heidnischen Zeit. Das

ist einmal wahr, künstliche Schmiede und Waffenschmiede sind sie und

wissen eine Härtung und zugleich eine Schmeidigung des Stahls, die

ihnen kein irdischer Schmied nachmachen kann; denn ihre Klingen sind

zugleich biegsam wie Rohrhalme und scharf wie Diamanten. Auch wirken

sie noch viel anderes Zaubergeschmeide aus Stahl und Eisen, das zu

mancherlei verborgenen Künsten gebraucht wird und zum Teil die

seltsamsten und unbegreiflichsten Eigenschaften hat. Die Braunen

sind aber die Juweliere der Berge, die mehr in Gold und Silber und

Edelsteinen arbeiten. Die feinsten und künstlichsten aller

Unterirdischen sind die Weißen; die wirken ihre Arbeiten so fein und

dünn wie die zartesten Blumen aus, so fein und zart, daß viele Augen

sie gar nicht sehen können; und sie können aus Silber und Gold

Röckchen weben, von denen man schwören sollte, sie seien aus

Sonnenstrahlen oder Mondschein gewebt; denn sie sind leichter als die

leichtesten Spinnweben.

Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem gläsernen Berge

verlebte, nicht weiter als in sein Kämmerchen und von dem Kämmerchen

in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurück. Er konnte gar kein

Ende finden, die schönen und köstlichen Sachen zu betrachten und zu

loben, die in seinem Zimmer und in dem Schränkchen aufgestellt waren.

Am meisten aber ergötzte er sich an den schönen Bildern und an

seinem Bücherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen

Bücher mit goldenem Schnitte nebeneinander standen, und in welchen er

die allerfeinsten und lustigsten Märchen fand, an welchen er sich

nicht satt lesen konnte. Als aber die ersten Wochen vergangen waren,

da spazierte er oft aus und ließ sich von seinem Diener alles zeigen

und erzählen. Es gab da unten aber die allerlieblichsten

Spaziergänge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit

wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie

unendlich groß der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und

doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Hügel, worauf

einige Bäume und Sträuche stehen. Und daraus kann man auch wissen,

wieviele Meilen seine Tiefe nach unten hinabgehen mußte. Das war

aber das Besondere, daß zwischen jeder Au und jedem Anger, die man

hier mit Hügeln und Bäumen und Blumen und Inseln und Seen durchsäet

in der größten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse

war, durch welche man wie durch eine kristallene Felsenmauer gehen

mußte, bis man zu etwas Neuem gelangte. Die einzelnen Anger und Auen

waren aber wohl oft eine Meile lang. Von den Bäumen habe ich schon

erzählt, wie sie voll köstlicher Früchte hingen, und von den Quellen,

in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte. Da konnten die

Wanderer sich nie so weit vergehen, sie fanden immer, womit sie sich

erquicken konnten. Aber das Allerlustigste waren die bunten Vögel,

die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische

Nachtigallen sangen, und die Blumen, so wunderschön von Farben und

Düften, daß Johann ihresgleichen nimmer auf Erden gesehen hatte.

Kurz, es war hier alles zauberisch, lustig und anmutig und bei aller

der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben. Es wehete, und man

fühlte keinen Wind; es schien hell, und man fühlte keine Hitze; die

Wellen brauseten, und man fand keine Gefahr, sondern die niedlichsten

Nachen und Gondeln, als schneeweiße Schwäne gestaltet, kamen, wann

man über einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und

führten an das jenseitige Ufer, und ebenso führten sie über die Seen

zu den Inseln. Woher das alles kam, wußte niemand, und der Diener

durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit

Händen greifen, daß die großen Karfunkel und Diamanten, womit die

hohe Decke statt des Himmels gewölbt war, und womit alle Wände des

Berges geschmückt standen, für Sonne, Mond und Sterne leuchteten.

Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam. Man sah wenige

Unterirdische auf ihnen, und die man sah, schienen immer nur so

vorüberzuschlüpfen, als hätten sie die größte Eile, davonzukommen.

Selten geschah es, daß einige hier im Freien einmal einen Reigen

aufführten, etwa zu dreien, höchstens zu einem halben Dutzend: mehr

hat Johann hier nie beisammen gesehen. Nur dann ging es lustig her,

wann die Schar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert

sein mochten, ausgelassen und spazieren geführt wurden. Das geschah

aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem

großen Saale oder in den anstoßenden Zimmern beschäftigt oder mußten

auch in der Schule sitzen.

Das war hier auch noch besonders, daß, wie die Diamanten und

Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen

mußten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft

war immer gleich, d. h. es war jahraus, jahrein eine milde, linde

Frühlingsluft, von Blütenatem durchwehet und von Vogelgesang

durchklungen. Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese

teilten sich wieder in vier Teile, in Morgen, Mittag, Abend und Nacht;

doch war der Mittag nicht wärmer als die anderen Tageszeiten. Das

aber hatte es hier besonders, daß die Nacht nie so dunkel und der Tag

nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind.

Johann hatte viele Monate hier verlebt (ich glaube, es waren zehn),

und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag. Da begegnete ihm etwas,

das ihn in die Schule brachte. Ich will erzählen, wie das zuging.

Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum. Da

sah er in der Abenddämmerung etwas Schneeweißes in eine kristallene

Felswand hineinschlüpfen und dann plötzlich verschwinden. Und es

hatte ihm gedeucht, daß es von den kleinen Leuten war und daß ihm

auch schneeweiße Locken von den Schultern herabhingen. Er fragte

denn seinen Begleiter: "Was war das? Gibt es auch unter euch, die in

weißen Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns

abgefangen habt?" Der Diener antwortete: "Ja, es gibt deren, aber

wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den großen

Tafeln außer einmal im Jahre, wann des großen Bergkönigs, der viel

tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist.

Darum hast du sie noch nie gesehen. Das sind die ältesten Männer

unter uns, und einige von ihnen sind wohl manches Jahrtausend alt und

wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzählen

und werden die Weisen genannt. Sie leben sehr einsam für sich und

kommen nur aus ihren Kammern, daß sie unsere Kinder und die Diener

und Dienerinnen unterweisen, für welche hier auch eine große Schule

ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und

himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchemie beschäftigt.

"--"Was? Gibt es hier auch Schulen?" rief Johann. "Das ist nicht

recht, Diener, daß du mir das verschwiegen hast; ich habe immer große

Lust gehabt, in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen.

"--"Das kannst du haben, wie du willst", antwortete der Diener; "du

bist hier der Herr, und was du haben willst, müssen wir dir schon zu

Gefallen tun. Du kannst dir einen der schneeweißen Weisen in die

Kammer kommen lassen, wenn dir das gefällt, oder kannst auch in eine

der Schulen gehen."--"Das will ich gleich morgenden Tages tun",

sprach Johann, "und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener

und Dienerinnen unterwiesen werden. Denn ich will mit denen lernen,

die auf der Erde geboren sind; ihr möchtet mir zu fein sein, und ich

käme nicht mit, und der hinterste zu sein wäre unlustig."

Und gleich den andern Morgen ließ Johann sich von dem Diener in die

Schule führen, und es gefiel ihm da so gut, daß er nachher nie einen

Tag versäumt hat. Das ist nämlich sehr löblich von den

Unterirdischen, daß die Kinder, welche zu ihnen herabkommen, immer

sehr gut unterwiesen werden, so daß sehr kluge und geschickte Leute

aus den Bergen gekommen sind, Männer und Frauen, die ihre

Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben. Hier waren

Meister in allerlei Künsten. Die Kinder lernten schreiben, lesen,

rechnen, zeichnen, malen, Geschichten und Märchen aufschreiben und

erzählen und wurden zugleich in mancherlei feiner und künstlicher

Arbeit unterwiesen. Die Größeren und Fähigeren erhielten auch

Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der

Dichtkunst und Rätselkunst geübt, welche beiden Künste die

Unterirdischen über alles lieben, und womit sie sich bei der Tafel

und bei Festen untereinander viel reizen und ergötzen. Der kleine

Johann war sehr fleißig und ward bald einer der geschicktesten

Zeichner und Maler; auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold

und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Früchte und Blumen

wirken, daß man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf

das schönste und künstlichste geschaffen hat, könne es kaum besser

machen; er machte auch hübsche Reimlein, und im Rätselkampf war er so

gewandt, daß er fast allen antworten konnte und ihm mancher die

Antwort schuldig blieb.

Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne daß er an seine

schöne Erde gedacht hätte und an diejenigen, welche er dort oben

zurückgelassen hatte; so angenehm verfloß ihm die Zeit, und es währte

nicht lange, daß er die Schule viel lieber hatte als den Tanzsaal und

alle seine anderen Freuden. Auch hatte er hier unter den Kindern

manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden. Nur war das

betrüblich, daß diese gewisse Stunden immer dienen mußten und dann

nicht mit ihm sein durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten

wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst

hatten, denn schwere und schmutzige und mühevolle Arbeit gab es hier

unten gar nicht.

Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand

lieber als ein kleines, blondes Mädchen, welches Lisbeth Krabbin hieß.

Diese war mit ihm aus demselben Dorfe; es war die Tochter des

Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin. Sie war als ein vierjähriges

Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr

erzählt hatten. Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen,

sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen.

Sie waren zu den Neun Bergen gegangen; da war die kleine Lisbeth

eingeschlafen und von den andern vergessen und des Nachts, als sie

erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde

gekommen. Johann aber hatte sie nicht bloß deswegen so lieb, weil

sie mit ihm aus einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein

ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen Äuglein und

blonden Löckchen und dem allerenglischesten Lächeln, und als sie groß

ward, war sie ausbündig schön.

Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht

lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, daß da oben über

den Bergen auch noch Leute wohnten. So war er achtzehn Jahre alt

geworden und Lisbeth sechzehn. Und was bis jetzt ein unschuldiges

Kinderspiel gewesen war, ward nun eine süße Liebe. Sie konnten nicht

mehr voneinander lassen und nannten sich Braut und Bräutigam und

waren lieber allein als unter den andern Gespielen. Die

Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn die hatten den Johann

alle sehr lieb und hätten ihn gern auch als ihren Diener gehabt--denn

Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden. Und sie dachten:

"Durch diese hübsche Dienerin werden wir ihn fangen, und er wird sich

um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen, bei Tische aufzuwarten

und Äpfel und Trauben von den Bäumen zu lesen und Blumen zu streuen

und das Estrich zu kehren." Sie irrten sich aber sehr. Der kleine

Diener, dem er die Mütze genommen und den die Langeweile oft bei ihm

geplagt, hatte ihm zuviel erzählt: daß er hier nur das Befehlen habe

und daß sie alles tun müßten, was er wolle; denn wer Meister von

einem Unterirdischen geworden, sei dadurch auch soweit Meister aller

übrigen, daß sie ihm alles zu Gefallen tun müssen, was in ihrer Macht

stehe.

Johann ging nun viel spazieren mit seiner süßen, kleinen Braut und

ließ den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und

Stege mehr, die er nicht kannte. Und sie spazierten viel in der

Dämmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne daß sie es

merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin,

die ihresgleichen nicht hat. Der Johann war bei diesen Spaziergängen

immer fröhlich und munter; aber die Lisbeth war oft stumm und traurig

und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen

und Sonne, Mond und Sterne scheinen. Weil er das aber immer wegschob

durch andere Gespräche, so verstummte sie wieder und seufzte still in

sich, vergaß es endlich auch wohl wieder durch das Glück, daß sie an

seinen Armen wandeln durfte. Nun begab es sich einmal, daß sie bei

einem Spaziergange über ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und

Geflüster derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott weiß wie

weit geschlendert waren. Es war schon nach Mitternacht, und sie

waren zufällig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des gläsernen

Berges sich aufzutun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu

schlüpfen pflegten. Als sie nun da wandelten, hörten sie mit einem

Male mehrere irdische Hähne laut krähen. Bei diesem süßen Klange,

den sie nun in zwölf Jahren nicht gehört hatte, ward der kleinen

Lisbeth gar wundersam um das Herz; sie konnte sich nicht länger

halten, sie umfaßte ihren Johann, als wollte sie ihn totdrücken, und

netzte ihm mit heißen Tränen die Wangen. So hing sie lange sprachlos

an seiner Brust; dann küßte sie ihn wieder und bat ihn, daß er ihnen

den unterirdischen Kerker doch aufschließen sollte. Sie sprach

ungefähr also zu ihm:

"Lieber Johann, es ist hier unten wohl schön, und die kleinen Leute

sind auch freundlich und tun einem nichts zuleide, aber geheimelt hat

es mir hier nie, sondern ist doch immer schauerlich zumute gewesen,

und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb

habe, und doch nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes

Leben, wie es für Menschen sein soll. Ich habe hier doch keine Ruhe

Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer

verschwiegen habe: alle Nacht träumt mir von meinem lieben Vater und

von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andächtig

an den Kirchtüren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es

dann so sehnsüchtig im Herzen, daß ich Blut weinen möchte, weil ich

nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und

preisen kann, wie Menschen sollen. Denn ein christliches Leben ist

hier unten einmal nicht, sondern nur so ein buntes, künstliches in

der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb

heidnisch ist. Und, lieber Johann, auch das mußt du bedenken, wir

können hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein

Priester, der uns vertrauen kann; und so müssen wir immerfort

Brautleute bleiben und können alt und grau darüber werden. Darum

denke darüber und mache Anstalt, daß wir von hier kommen; mich

verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen

Christen zu sein."

Auch für Johann hatten die Hähne ganz wunderbar gekrähet, und er

empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, nämlich

eine tiefe Sehnsucht nach dem schönen Sonnenlande, und er antwortete

seiner Braut:

"Liebe, süße Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht! Ich empfinde nun

auch, daß es Sünde ist für Christen, hier zu bleiben, und mir ist im

Herzen fast, als hätte der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei

als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder,

aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung! Kommt

herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts! Ja,

Lisbeth, mir ist zum erstenmal recht weh um das Herz geworden, und

ich sehe wohl, daß es ein großer Fürwitz und eine schreckliche Sünde

war, daß ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin. Das mag

Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht

wußte, was ich tat. Und nun will ich auch keinen Tag länger warten,

sondern geschwinde Anstalt machen, daß ich fortkomme. Mich dürfen

sie hier nicht halten."

Und er war sehr bewegt in seiner Seele und führte sein liebes Kind

eilends von dannen. So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm

lebendig war. Er hatte aber nicht bemerkt, daß Lisbeth bei seinen

letzten Worten totenblaß geworden war, und wie schwer sie ihr aufs

Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, daß sie

Dienerin war und ihre fünfzig Jahre aushalten mußte, und daß sie mit

ihm nicht fort konnte. Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, daß

sie endlich laut weinen und schluchzen mußte und er sie nun fragte,

was ihr sei; er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze

Welt mit ihr, wohin sie wolle. Da antwortete sie ihm: "Ach! Du bist

hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und muß nach

dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fünfzig Jahre

um sind. Und was soll ich dann auf der Erde tun, wenn Vater und

Mutter lange tot und die Gespielen alt und grau sind? Und du bist

dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, daß ich hier jung

bleibe und nicht älter werden kann als zwanzig Jahre? Ach, ich arme

Lisbeth!"

Sie sprach diese Worte so kläglich aus, daß sie einen Stein hätten

rühren können. Und in Johanns Ohren tönten sie wie Donnerschläge,

und er ward auch sehr traurig. Denn das fühlte er wohl, ohne sie

konnte er von hier nicht gehen--und er konnte doch in seiner Seele

nirgends einen Ausweg finden. Sie schieden also, als sie

heimgekommen waren, sehr traurig voneinander. Johann aber drückte

Lisbeths Hand an sein Herz und küßte sie viel tausendmal und sagte

ihr: "Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, das

glaube mir!" Und Lisbeth ward sehr getröstet durch diese Worte.

Johann wälzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und

konnte kein Auge zutun, denn die Gedanken ließen ihm keine Ruhe,

sondern flogen, wie aufgescheuchte Vögel, hinter welchen der Falke

ist, immer rundum in seiner Seele. Endlich, als der Morgen schon

grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor

Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie überlaut:

"Nun hab' ich's! Nun hab' ich's! Diener! Diener! Du hast mir

zuviel erzählt." Und er klingelte, und der Diener kam, und er befahl:

"Diener, geschwind! Geschwind! Bringe mir Lisbeth!" Und in einigen

Augenblicken war der Diener da und führte die schöne Lisbeth an der

Hand. Und er hieß den Diener hinausgehen und küßte seine Lisbeth und

sprach zu ihr: "Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir! Ich hab' es

gefunden! Ich hab' es gefunden! Wir werden nun beide bald wieder zu

Christen kommen, und sie können uns hier nicht festhalten. Verlaß

dich nur drauf, ich kann es machen. Und nun gehe, mein Herzchen, und

sei froh." Und er küßte sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und

hieß ihn die Lisbeth wieder heimführen und auf dem Rückwege die sechs

Vornehmsten zu ihm rufen. Der Diener aber verwunderte sich über

diese Sendung, und die sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen

die Mutung Johanns brachte, und munkelten und flüsterten

untereinander, gingen aber mit ihm.

Und als die sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr

freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische

zu sitzen pflegte, und sprach also zu ihnen:

"Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewußt, auf welche Weise ich

hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und Überlisteter oder

Diener, sondern als ein Herr und Meister über einen von euch und

dadurch über alle; nur daß dieser eine immer mein leiblicher und

stündlicher, ja sekundlicher Diener sein muß. Ihr habt mich die zehn

Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und

gehalten, und dafür bin ich euch Dank schuldig. Ihr seid mir aber

noch größern Dank schuldig, denn ich hätte euch mit allerlei Befehlen

und Einfällen manche Mühe und Arbeit, Neckerei und Plage antun, ja

ich hätte ein recht tückischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch

sein können, und ihr hättet es alles in Gehorsam leiden und tun

müssen und nicht mucksen dürfen. Ich habe das aber nicht getan,

sondern mich wie euresgleichen aufgeführt und mehr mit euch gejubelt

und gespielt, als daß ich unter euch geherrscht hätte. Nun bitte ich

euch, seid wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen

bin, und gewähret mir eine Bitte. Es ist hier unter den Dienerinnen

eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo

auch ich geboren bin. Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen!

Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug

ins Feld geht. Weiter begehre ich nichts, als dieses schöne Kind und

den Geschmuck und das Gerät meines Zimmers mitzunehmen."

So sprach er mit sehr lebendigem und kräftigem Ton, daß sie den Ernst

wohl fühlten. Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen

Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der älteste unter

ihnen das leise Wort und lispelte: "Herr, du begehrst, was wir nicht

geben können; es tut uns leid, daß du Unmögliches verlangest. Es ist

ein unverbrüchliches Gesetz, daß nie ein Diener oder eine Dienerin

entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit. Brächen wir

das Gesetz, so würde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall tun.

Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwert; aber die

Lisbeth können wir dir nicht herausgeben." "Ihr könnt die Lisbeth

herausgeben, und ihr sollt sie herausgeben!" rief Johann im Zorn.

"Nun geht und bedenkt euch bis morgen! Ich wißt meinen Befehl; es

ist keine Bitte mehr. Morgen kommt zu dieser Stunde wieder. Ich

will euch zeigen, ob ich über eure schmeichlischen und füchsischen

Listen herrschen kann."

Die sechs verneigten sich und gingen; den begleitenden Diener aber

schalten sie, daß er zuviel erzählt habe. Er aber entschuldigte sich

und verneinte es und sagte: "Ich wißt ja, wie klug er mich überlistet

hat mit der Mütze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft

alles gewußt hat durch den alten Kuhhirten aus Rothenkirchen; er hat

ihm dies auch erzählt." Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht

mehr.

Als die sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen,

empfing Johann sie doch freundlich und sprach: "Ich habe euch gestern

hart angeredet; aber ich habe es nicht so schlimm gemeint, als ich

ausgesehen habe. Aber die Lisbeth will und muß ich haben; dabei

bleibt es! Und ich weiß wohl, daß ihr auch mich nicht gern misset,

weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich

und lustig sind, wie ich bin. Aber ich kann's nun einmal nicht

helfen, ich muß wieder zu Christen und wie ein Christ leben und

sterben, und es ist eine große Sünde, wenn ich hier länger säume.

Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Haß.

Und meine liebe Lisbeth will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es!

Und nun gebärdet euch nicht länger widerwärtig und widerspenstig und

tut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Not tun müsset und

gebet mir die schöne Dirne heraus und lasset uns freundlich

voneinander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in

den Herzen bewahren!"

Und die sechs taten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem

andern und machten sehr schöne Wendungen und Schlingungen der Worte,

womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr

geschickt. Auch hatten sie sich heute vorbereitet, daß sie wußten,

was sie sprechen wollten. Aber es half ihnen nichts, und ihre Worte

verflogen sich in den Winden und berührten Johann nicht stärker, als

hätten sie Spreu aus dem Munde geblasen. Und das Ende vom Liede war

wieder, nachdem er alle die schönen und künstlichen Worte angehört

hatte: "Gebt die Lisbeth heraus! Ich gehe nicht ohne die Lisbeth."

Denn Johann war zu sterblich verliebt, als daß er die schöne Dirne

hier gelassen hätte. Die sechs aber verweigerten es standhaft und

gebärdeten sich, als hätten sie recht und würden es nimmer tun.

Johann aber sagte ihnen lächelnd: "Geht nun! Fahrt wohl bis morgen!

Morgen seid ihr wieder zu dieser Stunde hier! Ich gebe euch nun das

dritte und letzte Mal. Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Güte

erfüllen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe, Herr zu sein." Er hatte

aber, da er sie so hartnäckig sah, in sich beschlossen, sie durch

Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf

bessere Gedanken kämen.

Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und

strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern

fragte kurz: "Ja oder nein?" Und sie antworteten einstimmig nein.

Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vierundvierzig der

Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Töchter mitkommen heißen

und auch die Frauen und Töchter von diesen sechsen, die vor ihm

standen. Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen

Minuten standen die vierundvierzig da mit ihren Frauen und Töchtern

und auch die Frauen und Töchter der sechse, und waren in allem wohl

fünfhundert Männer, Frauen und Kinder da. Und Johann ließ sie

hingehen und Hauen, Karsten und Stangen holen und dann flugs

wiederkommen. Und sie taten, wie er befohlen hatte, und waren bald

wieder da. Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Not

täten, was sie aus Liebe nicht tun wollten.

Er führte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag. Da

mußten diese feinen und zarten Wesen, die für schwere Arbeit nicht

geschaffen waren, Steine hauen, sprengen und schleppen. Sie taten

das ganz geduldig und ließen sich nichts merken, sondern gebärdeten

sich, als sei es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel. Er aber

ließ sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie mußten

schwitzen und arbeiten, daß ihnen der Atem fast ausging, denn er

stand immer dabei und trieb sie an. Sie aber hofften, er werde die

Geduld verlieren, und der Jammer werde ihn überwinden, daß er sie und

ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so

schön und lustig waren. Und wirklich war Johann zu keinem König

Pharao und Nebukadnezar geboren, denn nachdem er es einige Wochen so

getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, daß er die

schönen kleinen Menschen so mißhandeln mußte, tat auch sein Teil dazu.

Sie aber wurden nicht mürb, denn es ist ein gar eigensinniges

Völkchen. Sie brauchten aber immer die List, daß die schönsten unter

ihnen immer zunächst bei Johann arbeiten mußten; besonders stellten

sie die niedlichen, kleinen Dirnen dahin, die sonst seine

Tischgesellinnen waren, und die mußten auf seine Mienen und Gebärden

achtgeben und hatten bald bemerkt, daß er sich oft verstohlen

wegwendete und eine Träne aus den Augen wischte. Johann dachte nun

darauf, wie er eine Plage erfände, die ihn geschwinder zum Ziele

führte.

Und er machte sich hart und gebärdete sich noch viel härter und rief

sie einen Abend zusammen und sprach: "Ich sehe, ihr seid ein

hartnäckiges Geschlecht; so will ich denn viel hartnäckiger sein,

denn ihr seid. Morgen, wann ihr zur Arbeit kommt, bringe sich jeder

eine neue Geißel mit!" Und sie gehorchten ihm und brachten die

Geißeln mit. Und er hieß sie sich alle entkleiden und einander mit

den Geißeln zerhauen, bis das Blut danach floß; und er sah grimmig

und grausam dabei aus, als hätte ihn eine Tigerin gesäugt oder ein

schwarzer Galgenvogel das Futter zugetragen. Aber die kleinen Leute

zerhieben sich und bluteten und hohnlachten dabei und taten ihm doch

nicht den Willen. So taten sie drei, vier Tage.

Da konnte er es nicht länger aushalten; es jammerte und ekelte ihn,

und er hieß sie ablassen und schickte sie nach Hause. Und er dachte

auf viele andere Plagen und Martern, die er ihnen antun könnte. Da

er aber von Natur weich und mitleidig war und diese Wochen wirklich

mehr ausgestanden hatte, daß er sie plagen mußte, als sie, die

geplagt wurden, so gab er den Gedanken daran ganz auf; für sich und

für seine Lisbeth wußte er aber auch gar keinen Rat und ward so

traurig, daß sie ihn oft trösten und aufrichten mußte, der sonst

immer so fröhlich und beherzt war. So lieb er die kleinen Leute

sonst gehabt hatte, so unlieb wurden sie ihm jetzt. Er schied sich

ganz aus ihrer Gesellschaft und von ihren Festen und Tänzen und lebte

einsam mit seiner Dirne und aß und trank einsam in seinem Zimmer, so

daß er fast ein Einsiedler ward und ganz in Trübsinn und Schwermut

versank.

Als er einmal in dieser Stimmung in der Dämmerung spazierte, warf er

im Unmut, wie man zu tun pflegt, kleine Steine, die ihm vor den Füßen

lagen, gegeneinander, daß sie zersprängen. Vielleicht erquickte es

seinen schweren Mut auch, daß er die Steine sich so aneinander

zerschlagen sah, denn wenn ein Mensch in sich uneins und zerrissen

ist, möchte er im Unmut oft die ganze Welt zerschlagen. Genug,

Johann, der nichts Besseres tun mochte, zerwarf die armen Steine, und

da geschah es, daß aus einem ziemlich großen Stein, der

auseinandersprang, ein Vogel schlüpfte, der ihn erlösen sollte. Es

war dies eine Kröte, deren Haus in dem Stein mit ihr gewachsen war,

und die vielleicht seit der Schöpfung der Welt darin gesessen hatte.

Kaum sah Johann die Kröte springen, so ward er ganz freudenfroh und

sprang hinter sie drein und haschte sie und rief ein Mal über das

andere: "Nun, hab' ich sie! Nun hab' ich meine Lisbeth! Nun will

ich euch schon kirr machen, nun sollt ihr's kriegen, ihr tückischen

kleinen Gesellen! Habt ihr euch mit Ruten nicht wollen zum Gehorsam

geißeln lassen, so will ich euch mit Kröten und Skorpionen geißeln."

Und er barg die Kröte wie einen kostbaren Schatz in seiner Tasche und

lief eilends nach Hause und nahm ein festes, silbernes Gefäß und

setzte sie darein, damit sie ihm nicht entrinnen könnte. Und in

seiner Freude sprach er überlaut für sich viele Worte und gebärdete

sich so wunderlich, als sei er närrisch geworden, und sprang dann ins

Freie hinaus. "Komm mit, mein Vöglein", rief er, "nun will ich dich

versuchen, ob du echt bist!" Und er nahm das Gefäß mit der Kröte

unter den Arm und lief hin, wo ein paar Unterirdische in der

Einsamkeit des Weges gingen. Und als er ihnen näher kam, stürzten

sie wie tot auf den Boden hin und winselten und heulten jämmerlich.

Er aber ließ flugs von ihnen und rief: "Lisbeth, Lisbeth, nun hab'

ich dich! Nun bist du mein!" Und so stürmte er zu Hause, schellte

den Diener herein und ließ ihn Lisbeth holen.

Und als Lisbeth kam, war sie ganz erstaunt, daß sie ihn so munter

fand, denn seit einem halben Jahre hatte sie ihn nicht mehr froh

gesehen. Und er lief auf sie zu und umhalsete sie und sprach:

"Lisbeth! Süße Lisbeth! Nun bist du mein, nun nehme ich dich mit;

übermorgen soll der Auszug sein, und juchhe, wie bald die lustige

Hochzeit!" Sie aber erstaunte noch mehr und sagte: "Lieber Johann, du

bist geck geworden? Wie soll das möglich sein?" Er aber lächelte und

sprach: "Ich bin nicht geck geworden, aber die kleinen Schlingel will

ich geck machen, wenn sie sich nicht zum Ziele legen wollen. Sieh

hier! Hier ist dein und mein Erlöser." Und er nahm das silberne

Geschirr und öffnete es und zeigte ihr die Kröte, vor deren

Garstigkeit es ihr fast geschwunden hätte. Nun erzählte er ihr, wie

er zu dem seltenen Vogel gekommen war, und wie herrlich ihm die Probe

geglückt war, die er mit ihm an den Unterirdischen angestellt hatte,

und wohlgefällig rief er noch einmal: "Sei froh, meine liebe Lisbeth!

Du sollst es sehen, wie ich sie mit dieser zu Paaren treiben will."

Nun muß ich auch das Geheimnis erzählen, das in der Kröte steckte.

Klas Starkwolt hatte dem kleinen Johann oft erzählt, daß die

Unterirdischen keinen Gestank vertragen könnten, und daß sie bei dem

Anblick, ja bei dem Geruch von Kröten sogleich in Ohnmacht fielen und

die entsetzlichsten Schmerzen litten; mit Gestank und mit diesen

garstigen und scheußlichen Tieren könne man sie zu allem zwingen.

Daher findet man auch nie etwas Stinkendes in dem ganzen gläsernen

Reiche, und die Kröten sind dort etwas Unerhörtes, und man muß daher

diese Kröte, die so wunderbar in einem Stein eingehäuft und fast

ebenso wunderbar aus diesem ihrem steinernen Hause herausgekommen war,

fast ansehen als von Gott von Ewigkeit her zu solcher geheimen

Wohnung verdammt, damit Johann und Lisbeth zusammen aus dem Berge

kommen und Mann und Frau werden könnten.

Johann und Lisbeth glaubten auch gern an ein solches Wunder,

besonders Lisbeth, die Gottes liebes, frommes Kind war. Und als

Johann ihr alles erzählt und erklärt hatte, was er ferner tun und wie

er die Kleinen endlich zu seinem Willen zwingen wollte, da fiel sie

ganz entzückt und gerührt auf ihr Gesichtchen zur Erde und betete und

dankete Gott, daß er sie endlich von den kleinen Heiden erlösen und

wieder zu Christenmenschen bringen wolle. Und sie ging ganz fröhlich

heim und faltete ihre Händchen im Bette noch viel zum Gebete und

hatte die Nacht die allersüßesten Träume. Johann legte sich auch

nicht traurig nieder, und er überdachte und überlegte sich alles, wie

er die Kleinen erschrecken und endlich mit seiner geliebten Braut aus

dem Berge ziehen wollte.

Und den folgenden Morgen, als es getagt hatte, rief er seinen Diener

und hieß ihn die fünfzig Vornehmsten holen mit ihren Frauen und

Töchtern. Und sie erschienen alsbald vor Johann, und er sprach zu

ihnen:

"Ihr wisset alle, und ist euch nicht verborgen, wie ich hierher

gekommen bin, und wie ich diese manchen Jahre mit euch gelebt habe,

nicht als ein Herr und Gebieter, sondern als ein Freund und Genosse.

Und ich habe es wohl gewußt, wie ich hätte Herr sein und meiner

Herrschaft gegen euch gebrauchen können; und das habe ich nicht getan,

sondern nur einen einzigen von euch hab' ich als Diener gebraucht,

und auch nicht als Diener, sondern mehr als Freund. Und ihr schienet

mit mir zufrieden zu sein und mich lieb zu haben; als es aber dahin

gekommen ist, daß ich endlich eine einzige kleine Freundlichkeit von

euch begehren mußte, habt ihr euch gebärdet, als forderte ich Leben

und Reich von euch, und mir sie trotzig abgeschlagen. Ihr wisset

auch, was ich da ergriffen habe, und wie ich angefangen habe, euch

mit Arbeit und Streichen zu plagen, damit ihr einsähet, daß ihr

unrecht hättet, und mir die Liebe tätet. Aber ihr seid trotziger und

hartnäckiger gewesen, als ich strenge, und aus Barmherzigkeit habe

ich ablassen müssen von der Strafe. Ihr habt das aber nicht erkannt,

sondern habt mich ausgelacht als einen Dummen, der keinen Rat wisse,

euch zum Gehorsam zu zwingen. Ich aber weiß wohl Rat und will es

euch bald zeigen, wenn ihr in eurer Verstocktheit bleibet und mir die

Lisbeth nicht losgeben wollt. Darum zum letzten Male, besinnet euch

noch eine Minute, und sagt ihr dann nein, so sollt ihr die Pein

fühlen, die euch und euren Kindern von allen Peinen die

fürchterlichste ist!"

Und sie säumten nicht lange und sagten mit einer Stimme nein und

dachten bei sich: "Welche neue List hat der Jüngling erdacht, womit

er so weise Männer einzuschrecken meint?" Und sie lächelten, als sie

nein sagten. Dies Lächeln ärgerte Johann mehr als alles andere und

voll Zorns rief er: "Nun denn, da ihr nicht hören wollt, sollt ihr

fühlen", und lief geschwind wie ein Blitz einige hundert Schritt weg,

wo er das Gefäß mit der Kröte unter einem Strauch versteckt hatte.

Und er kam zurück, und als er sich ihnen auf hundert Meter genahet

hatte, stürzten sie alle hin, als wären sie mit einem Schlage

zugleich vom Donner gerührt, und begannen zu heulen und zu winseln

und sich zu krümmen, als ob sie von den entsetzlichsten Schmerzen

gefoltert würden. Und sie streckten die Hände aus und schrien einer

um den andern: "Laß ab, Herr! Laß ab, und sei barmherzig! Wir

fühlen, daß du eine Kröte hast, und daß kein Entrinnen ist. Nimm die

greulichen Plagen weg; wir wollen ja alles tun, was du befiehlst."

Und er ließ sie noch einige Sekunden zappeln; dann entfernte er das

Gefäß mit der Kröte, und sie richteten sich wieder auf, und ihre Züge

erheiterten sich wieder, denn die Pein war weg, wie das Tier

weggenommen war.

Johann behielt nur die sechs Vornehmsten bei sich und ließ die Weiber

und Kinder und die übrigen Männer alle gehen, wohin jeder wollte. Zu

den sechsen aber sprach er seinen Willen also aus:

"Diese Nacht zwischen zwölf und ein Uhr ziehe ich mit der Lisbeth von

dannen, und ihr beladet mir drei Wagen mit Silber und Gold und edlen

Steinen. Wiewohl ich alles nehmen könnte, was ihr in den Bergen habt,

da ihr so widerspenstig und ungehorsam gegen mich gewesen seid, will

ich euch doch so hart nicht strafen, sondern barmherziger gegen euch

sein, als ihr gegen mich und die Lisbeth gewesen seid. Auch alle

meine Herrlichkeiten und Kostbarkeiten und Bilder und Bücher und

Geräte, die in meinem Zimmer sind, werden auf zwei Wagen geladen,

also daß in allem fünf Frachtwagen bereit gemacht werden. Mir selbst

aber rüstet ihr den schönsten Reisewagen, den ihr in euren Bergen

habt, mit sechs schwarzen Rappen, worauf ich und meine Braut sitzen

und zu den Unsrigen einfahren wollen. Zugleich befehle ich euch, daß

von den Dienern und Dienerinnen alle diejenigen freigelassen werden,

welche solange hier gewesen sind, daß sie droben zwanzig Jahre und

drüber alt sein würden; und ihr sollt ihnen soviel Silber und Gold

mitgeben, daß sie auf der Erde reiche Leute heißen können. Und das

soll künftig ein ewiges Gesetz sein, und ihr sollt mir es hier diesen

Augenblick beschwören, daß nimmer ein Menschenkind hier länger

festgehalten werden soll als bis zu seinem zwanzigsten Jahre."

Und die sechse leisteten ihm den Schwur und gingen dann traurig weg;

er aber nahm jetzt die Kröte und vergrub sie tief in die Erde. Und

sie und die übrigen Unterirdischen rüsteten alles zu, und auch Johann

und Lisbeth bereiteten sich zur Reise und schmückten sich festlich

gegen die Nacht, damit sie als Braut und Bräutigam erscheinen könnten.

Es war aber jetzt beinahe dieselbe Zeit, in welcher er einst in den

Berg hinabgestiegen war, die Zeit der längsten Tage, also

Mittsommerszeit, die sie die Sonnengicht nennen. Und er war etwas

über zwölf Jahre in dem Berge gewesen und Lisbeth etwas über dreizehn,

und er ging in sein einundzwanzigstes Jahr und Lisbeth in ihr

achtzehntes. Die kleinen Leute taten mit großem Gehorsam, aber sehr

still alles, wie er ihnen befohlen hatte; desto lauter aber war die

Schar der Diener und Dienerinnen, welche sein neues Gesetz über das

zwanzigste Jahr mit erlöset hatte. Diese jubelten um ihn und um

seine Lisbeth her und freueten sich sehr, daß sie mit ihnen auf die

Oberwelt ziehen durften.

Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erlöseten Diener

und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzten Johann und seine

Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und ließen sich

hinaufziehen. Es mochte wohl eine Stunde nach Mitternacht sein. Und

es deuchte ihnen ebenso als vormals, wie sie hinabgefahren waren.

Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtönt, und endlich klang

es über ihren Köpfen, und sie sahen den gläsernen Berg sich öffnen,

und die ersten Himmelsstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so

manchen Jahren, und bald waren sie draußen und sahen das Morgenrot

schon im Osten dämmern. Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um

ihn und Lisbeth und die Wagen geschäftig waren, dort hin und her

wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl; dann nahm er seine

braune Mütze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter

sie. Und in demselben Augenblick sah er nichts mehr von ihnen,

sondern erblickte nun nichts weiter als einen grünen Hügel und

bekannte Büsche und Felder und hörte die Glocke vom Rambiner

Kirchturme eben zwei schlagen. Und als es still geworden war und er

von dem unterirdischen und überirdischen Getummel nichts weiter hörte

als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel

er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Knie, und sie beteten beide

recht andächtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil

er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte. Und alle

Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterlöset waren, taten

desgleichen.

Darauf erhuben sie sich alle, und die Sonne ging eben auf, und Johann

ordnete nun den Zug seiner Wagen. Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit

vier Rotfüchsen bespannt, die waren mit eitel Gold und Dukaten

beladen, so schwer, daß die Pferde von der Last stöhneten; diesen

folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweißen Pferden, welche alles

Silber und Kristall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen,

jeder mit vier Grauschimmeln bespannt, und diese waren mit den

herrlichsten Geräten und Gefäßen und Edelgesteinen und mit der

Bibliothek Johanns beladen. Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in

einem offenen Wagen aus lauter grünem Smaragd, dessen Decke und

Vorderseite mit vielen großen Diamanten besetzt waren, und sechs

mutige, wiehernde Rappen zogen ihn. Er war aber nebst seiner Braut

auf das kostbarste geschmückt, damit sie den Ihrigen auch durch den

Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kämen. Denn

beide waren von ihnen lange als tot betrauert und wer hätte wohl

gedacht, daß sie jemals wiederkommen würden? Die erlösten Diener und

Dienerinnen in gläsernen Schuhen und weißen Kleidern und Jäckchen mit

silbernen Gürteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und

geleiteten sie; einige führten auch die Pferde. Denn sie wollten sie

alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen.

Es waren ihrer in allem zwischen fünfzig und sechzig. Und sie

jauchzeten vor Freuden, und einige, welche Geigen und Pfeifen und

Trompeten mit hatten, spielten lustig auf. So zogen sie mit Jauchzen

und Klingen die Hügel hinab auf die Straße, welche von Rambin nach

Garz führt. Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam

zumute, als sie den Turm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden

von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder

soviel gespielt hatten. Als sie vor Rothenkirchen hinzogen, kam eben

die Kuhherde über den Berg, und Klas Starkwolt mit seinem treuen

Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach. Johann sah ihn und erkannte

ihn stracks und dachte bei sich: "Den treuen Alten wirst du nicht

vergessen." Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle

Leute, die auf der Straße waren, hielten oder standen still, und

viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in

Rambin, welche blanke und prächtige Wagen dort auf der Landstraße

führen, und brachten das ganze Dorf auf die Beine. Der Zug ging aber

sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen.

So zogen sie etwa um vier Uhr morgens in Rambin ein und hielten still

mitten im Dorf, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann geboren

war. Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Häusern

gegangen, damit sie die glänzende Herrlichkeit mit eigenen Augen

sähen. Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und

erkannte unter den vielen auch seinen Bruder Andres und seine

Schwester Trine. Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen

Pantoffeln und einer weißen Schlafmütze, wie er eben aus dem Bette

gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannt ihn

nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg

entführt worden. So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich

etwas merken zu lassen. Und man kann wohl sagen, daß in dem Dorfe

Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht

erscheinen wird bis an der Welt Ende. Johann und seine Braut

funkelten von Diamanten und edlen Steinen; die Wagen, die Pferde, die

Geschirre waren auf das prächtigste geziert, die Begleiter und

Begleiterinnen alle in der Blüte der Jahre, mit den schönen, weißen

Kleidern angetan und den sonderbaren Mützen und gläsernen Schuhen.

Alles war wie aus einer andern Welt, so daß der Küster, seines

Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach

Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: "Sind es keine

tatarische und persische und asiatische Prinzen, so müssen sie vom

Mond heruntergekommen sein, denn in dem Lande Europa habe ich

dergleichen nie gesehen und bin doch auch in vielen Städten gewesen,

wo Kaiser und Könige wohnen!" Der gute Küster irrte sich aber; sie

kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der

Nähe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt.

Als Johann nun glaubte, es sei genug, und sie hätten ihre Augen bis

zur Sättigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein

schönes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm

ehrerbietig Platz machte. Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er

zu dem niedrigen, strohenen Häuschen, wo Jakob Dietrich mit seiner

Frau stand, und umhalsete sie beide und küssete sie, die sich vor ihm

zur Erde werfen und seine Knie küsse wollten. Er aber wehrte ihnen

und sprach: "Mitnichten! Das darf nicht sein! Kennt ihr mich denn

nicht? Ich bin euer verlornen Sohn Johann Dietrich, und diese hier

ist meine Braut." Und die beiden Alten erstaunten und wußten nicht,

ob sie wachten oder träumten; alles Volk aber, das dies sah und hörte,

verwunderte sich und rief: "Johann Dietrich, der verlorne Johann

Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen, und seht, was er

mitgebracht hat!"

Johann Dietrich aber stand dort nicht lange müßig bei seinen Eltern,

sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weißen Schlafmütze

erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei;

denn der alte Mann wußte nicht, was der ungestüme Jüngling im Sinn

hatte. Und er führte den alten, ehrwürdigen Herrn zu Lisbeth und

fragte ihn: "Kennst du diese?" Ehe er aber noch antworten konnte, zog

er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: "Dies ist deine verlorene

Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder. Und nun sollst

du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so

wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind." Und der alte

Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und

weinte vor Freude; denn sie war sein einziges Kind, und er hatte sie

lange als eine Tote beweint. Und als er sich besonnen hatte von dem

ersten Erstaunen, nahm er die Hände seines Kindes und legte sie in

die Hände Johanns und hieß Jakob Dietrich und seine Frau auch

hinzutreten und sprach: "So segnet euch denn der Gott des Friedens

und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat,

und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht

wandeln bis ans Ende eures Lebens! Siehe, ich preise ihn, daß er

mich diesen Tag hat sehen lassen."

Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzählt war, und als die

Nachbarn und die Gespielen und Gespielinnen sich den Johann und die

Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen

wieder erkannt hatten, da gingen die beiden zu den Eltern in die

Häuser. Johann aber säumte nicht mit der Hauptlust, mit der Hochzeit,

die binnen acht Tagen sein sollte. Und er schickte viele hundert

Wagen in den Wald, welche Bäume und Zweige in unendlicher Menge

herbeifuhren. Und er ließ viele Zimmerleute und Schreiner und

Tapezierer kommen. Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert

Schritt vor dem Dorfe, da ließ er einen hohen und weiten Laubsaal

bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine

Tanzbühne, und der Saal war so groß, daß er wohl fünftausend Menschen

fassen konnte. Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und

Greifswald und ließ ganze Böte von Wein, Zucker und Kaffee laden;

auch wurden ganze Herden Ochsen, Schweine und Schafe zur Hochzeit

hergetrieben, und wieviele Hirsche, Rehe und Hasen dazu geschossen

sind, das ist nicht zu sagen, sowenig als die Fische zu zählen sind,

die dazu bestellt wurden. In ganz Rügen und Pommern ist auch kein

einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde. Denn

Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen. Auch

hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch alle die

schönen, weißen Jünglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erlöset

hatte, und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten.

Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war,

gingen alle Gäste in die Kirche, und der alte Krabbe dankete Gott und

erzählte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der

Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen.

Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den großen Laubsaal, so

daß Jakob Dietrich und seine Frau Lisbeth zwischen sich führten,

Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt

ging. Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich

beschenkt, so daß er für seine übrigen Lebenstage geborgen war; auch

hatte er ihm die schönsten Hochzeitskleider anmessen lassen. Und

Klas hatte ihm versprechen müssen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu

leben, so oft und viel er wollte; und das hat er redlich gehalten.

Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weißen aus dem Berge Paar

um Paar, und darauf die ganze übrige Freundschaft, Nachbarschaft und

Kirchspielschaft, nach Stand und Würden und Alter, wie es sich

gebührte. Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie

wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzählen wissen.

Vierzehn ausschlagene Tage und Nächte ist geschmaust und getanzt

worden, und da hat man über vierzig Paare auf gläsernen Schuhen

tanzen sehen, was seitdem etwas Unerhörtes gewesen. Und die Leute

haben sich über die Tänzerinnen gewundert, so anmutigen Tanz haben

sie gehalten; denn die Unterirdischen sind die ersten Tanzmeister in

der Welt, und da hatten sie ja tanzen gelernt.

Und als die Hochzeit vorbei war, da ist Johann herumgereist im Lande

mit seiner schönen Lisbeth, und sie haben sich viele Städte und

Dörfer und Güter gekauft, und er ist Herr von beinahe ganz Rügen

geworden und ein sehr vornehmer Graf im Lande. Und auch der alte

Jakob, sein Vater, ist ein Edelmann geworden, und Johanns Brüder und

Schwestern haben Junker und Fräulein geheißen. Denn was kann man

sich nicht alles für Silber und Gold schaffen? Schier alles, nur

nicht die Seligkeit; sonst hätte der arme Mensch auf Erden auch gar

keinen Trost. Johann aber hat in all seinem Reichtum nie vergessen,

auf welche wunderbare Weise Gott seine Jugend geführt hat, und ist

ein sehr frommer, christlicher Mann gewesen. Und seine Frau Lisbeth

ist noch fast frommer gewesen als er. Und beide haben Kirchen und

Armen viel Gutes getan, auch selbst viele Kirchen gebauet und sind

endlich, von allen, die sie kannten, gesegnet, seliglich im Herrn

verschieden. Und diese Kirche, die jetzt in Rambin steht, hat der

Graf Johann Dietrich auch bauen lassen und hat sie sehr reich

beschenkt von seinem vielen Gelde. Und sie ist zum ewigen Andenken

an seine Geburt da gebaut, wo Jakob Dietrichs Häuschen gestanden hat.

Und er hat viele kostbare Geräte dahin geschenkt, goldene Becher und

silberne Schalen von der allerkünstlichsten Arbeit, wie die

Unterirdischen sie in ihren Bergen machen, nebst seinen und der

Lisbeth gläsernen Schuhen, zum ewigen Andenken, was ihnen in der

Jugend geschehen war. Diese sind aber weggekommen unter dem großen

König Karolus XII. von Schweden, als die Russen hier auf die Insel

kamen und schlimm hauseten. Da haben die Kosaken auch die Kirche

geplündert und das alles mitgenommen.

So war der kleine Johann Dietrich aus einem armen Hirtenknaben ein

reicher und vornehmer Herr geworden, weil er das Herz gehabt hatte,

hinabzusteigen und sich die Schätze zu holen. Aber viele sind schon

dadurch reich geworden, daß sie nur irgendein Pfand von den

Unterirdischen gewonnen haben. Dadurch haben sie sie soweit in ihre

Macht gekommen, daß sie ihnen etwas haben schenken oder zuliebe tun

müssen. Manchen schenken sie auch freiwillig etwas und lehren sie

schöne Künste und allerlei Geheimnisse; aber diesen, die ein Pfand

oder etwas Verlornes von ihnen haben, müssen sie aus Not dienstbar

und gefällig werden.

Kater Martinchen · 第 8 / 24 题