In solchen Gewässern sucht man am besten, wenn der Sonnensch

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FAUNA

DER

NASSAUISCHEN MOLLUSKEN

VON

DR. WILHELM KOBELT,

ARZT IN SCHWANHEIM AM MAIN.

Mit IX lithographirten Tafeln.

Aus den Jahrbüchern des Nassauischen Vereins für Naturkunde,

Jahrg. XXV u. XXVI.

Wiesbaden.

~Julius Niedner~,

Verlagshandlung.

1871.

Vorrede.

Die Weichthierfauna unseres Vereinsgebietes, obwohl literarisch

besser bedacht, als die vieler anderer deutschen Bezirke, ist noch

weit davon entfernt, ganz erforscht zu sein; vielmehr ist der grösste

Theil von Nassau in malacologischer Beziehung noch eine vollständige

terra incognita. Es muss dies Wunder nehmen, wenn man bedenkt, dass

in keinem Zweige der Naturgeschichte die Ausbeutung einer bestimmten

Gegend so verhältnissmässig rasch und leicht möglich ist, wie in

der Conchyliologie, während dieselbe doch andererseits auch nach

Jahre langem Studium immer Neues und Interessantes bietet und nie

zum vollständigen Abschluss kommen lässt, also für den Dilettanten,

der sich wissenschaftlich beschäftigen will, ganz besonders geeignet

ist. Der Hauptgrund für die Vernachlässigung dieses Zweigs der

Naturgeschichte scheint mir in dem Mangel billiger und dabei doch

ausreichender literarischer Hilfsmittel zu liegen. Während es genug

gute Bücher über die deutschen Pflanzen, Käfer und Schmetterlinge gibt,

fehlt es noch ganz an einer Molluskenfauna von Mitteldeutschland mit

guten Abbildungen und Berücksichtigung der anatomischen Verhältnisse;

wer die Conchylien seiner nächsten Umgebung studiren will, ist auf

dieselben kostspieligen Hilfsmittel angewiesen, wie der, welcher die

Mollusken von ganz Europa und selbst des Auslandes zu seinem Studium

macht.

Diese Erwägung veranlasste mich, nicht, wie es ursprünglich mein

Plan war, nur die über verschiedene Gegenden unseres Vereinsgebietes

veröffentlichten Arbeiten, durch meine eigenen mehrjährigen

Beobachtungen und die Fundortsangaben zuverlässiger Freunde vermehrt zu

einem Verzeichniss der Conchylien des gesammten Nassau zu verschmelzen,

sondern auch durch Beigabe ausführlicher Beschreibungen und eine

möglichst vollständige Zusammenstellung alles dessen, was über inneren

Bau, Entwicklung und Lebensweise bekannt ist, eine Grundlage zu bieten,

von der aus der Anfänger die Fauna seiner Gegend studiren und sich die

Fähigkeit zu eigenen Beobachtungen und Untersuchungen erwerben kann.

Der Vorstand des nassauischen Vereins für Naturkunde billigte meinen

Plan und machte es mir möglich, auf neun Tafeln Abbildungen unserer

sämmtlichen Schnecken, mit Ausnahme der Nacktschnecken, zu geben.

Für die Form des Werkes im Grossen und Ganzen diente mir die zweite

Auflage der Fauna von Siebenbürgen von E. A. ~Bielz~ zum Vorbild; doch

glaubte ich die lateinischen Diagnosen, deren Inhalt ja doch in den

deutschen Beschreibungen wiederholt wird, füglich weglassen zu können

und habe lieber den anatomischen Verhältnissen und der Lebensweise

mehr Raum gegönnt. Die Beschreibungen sind in der Regel fast wörtlich

die ~Rossmässlers~; es kann eben nur eine richtige Beschreibung geben,

und da es unmöglich ist, bessere als die ~Rossmässler~’schen zu

geben, so hätte der Versuch dazu nur zu einer Verschlechterung oder

im günstigsten Falle zu einer mühsamen Umschreibung führen können.

Auch eine Anzahl Abbildungen sind aus der Iconographie oder aus den

Clausiliengruppen von ~Schmidt~ copirt; doch sind dies nur Arten, die

überall gleich sind und deren Abbildungen ganz unseren nassauischen

Formen entsprechen, oder solche, deren Ausführung meine technische

Fertigkeit überstieg, wie bei den Clausilien und Pupen. Die sämmtlichen

Wassermollusken mit Ausnahme einiger Planorben und der nach ~Baudon~

copirten Pisidien, sowie der grössere Theil der Heliceen, sind

Originalabbildungen, theils von meiner Frau, theils von mir gezeichnet.

Die Abbildungen der Vitrinen verdanke ich meinem Freunde Dr. Carl

~Koch~.

Ich verkenne nicht, dass meine Arbeit nur mit Unrecht eine Fauna von

~Nassau~ genannt werden kann, während sie doch nur einzelne Theile

desselben umfasst; ich hoffe aber, dass sie den Anstoss zu einer

regeren Beschäftigung mit unseren Mollusken gibt, und dass es dadurch

in nicht zu ferner Zeit möglich sein wird, an eine wirklich umfassende

und erschöpfende Fauna von Nassau zu gehen. Ich bitte desshalb

diejenigen Mitglieder unseres Vereins, welche Lust haben, sich mit

der Fauna ihrer Umgegend zu beschäftigen, dringend, sich mit mir in

Verbindung zu setzen; ich bin gern bereit, ihnen durch Mittheilung

von Exemplaren unserer nassauischen Arten und durch Bestimmung der

gefundenen Arten das Studium zu erleichtern.

Es liegt mir noch die angenehme Pflicht ob, den zahlreichen Freunden,

welche mich bei meiner Arbeit unterstützt haben, meinen herzlichsten

Dank abzustatten, besonders den Herrn Professor ~Kirschbaum~, Hofrath

~Lehr~ und Conservator ~Römer~ in Wiesbaden, D. F. ~Heynemann~, Dr.

Carl ~Koch~, ~Dickin~ und Dr. ~Noll~ in Frankfurt, ~Trapp~ auf der

Obermühle bei Giessen und ~Ickrath~ in Schwanheim, die mir ihre

Beobachtungen freundlichst zur Veröffentlichung mittheilten, und den

Herrn Professor ~Dunker~ in Marburg, Professor ~Sandberger~ in Würzburg

und Ed. ~von Martens~ in Berlin, welche mich in anderer Weise mit

Rath und That unterstützten. Herrn Dr. Carl ~Koch~ bin ich noch ganz

besonders verbunden für die Freundlichkeit, mit welcher er mir die auf

Nassau bezüglichen Theile seiner noch ungedruckten Arbeit über die

Vitrinen, nebst den dazu gehörigen Originalabbildungen überliess.

~Schwanheim~ a/Main, 12. Juni 1870.

$Dr. W. Kobelt.$

ALLGEMEINER THEIL.

Erstes Capitel.

Umgränzung, Literatur und Vorarbeiten.

Wenn wir die vorliegende Arbeit eine Fauna von Nassau nennen, wollen

wir damit durchaus nicht sagen, dass wir gesonnen sind, uns ängstlich

innerhalb der Gränzen des ehemaligen Herzogthums Nassau zu halten; auch

die etwas weiteren des Regierungsbezirks Wiesbaden respectiren wir

nicht überall, obschon sie sich besser den natürlichen Verhältnissen

anpassen; wir nehmen vor allem das linke Rheinufer mit der reichen

Fauna der Sümpfe und Haiden von Mombach, das Lahnthal von Marburg bis

Wetzlar und den oberen Theil der Mainebene bis nach Hanau hinauf hinzu,

und wo sichere Fundorte seltener Arten aus nicht zu weiter Entfernung

bekannt sind, stehen wir nicht an, auch diese anzuführen.

Unser Gebiet enthält somit ein ziemliches Stück Rheingebiet, das

Rheinthal mit seinen kleinen Seitenthälchen zwischen Mainz und Coblenz,

das untere Mainthal nebst der Wetterau, dem Gebiete der Nidda, und ganz

besonders das Thal der Lahn bis zu ihrer Quelle hinauf. Der Taunus,

der Westerwald, die letzten Ausläufer des rheinisch-westphälischen

Schiefergebirges und der südliche Theil des Vogelsberges machen

seinen grössten Theil zu einem reich abwechselnden Hügellande, in dem

alle Arten von Boden vertreten sind. Dem entsprechend ist auch die

Weichthierfauna eine sehr reiche, und nur wenige der bis jetzt in

Mitteldeutschland aufgefundenen Arten werden bei uns vermisst. Ueber

ihre Vertheilung im Verhältniss zur Bodenbeschaffenheit reden wir

ausführlich später.

Der erste Naturforscher, welcher die einheimischen Conchylien des

Herzogthums Nassau einer genaueren Beachtung würdigte, war der

auch sonst in vielfacher Beziehung um die Erforschung von Nassau

hochverdiente Dr. C. ~Thomae~; im Jahre 1841 veröffentlichte er mit

einem Doublettencatalog des Landesmuseums ein Verzeichniss der in der

Umgegend von Wiesbaden gefundenen Binnenconchylien, und 1849 liess er

im vierten Bande der Jahrbücher des nassauischen Vereins für Naturkunde

S. 206-226 ein ausführliches „~Verzeichniss der im Herzogthum Nassau,

insbesondere in der Umgegend von Wiesbaden lebenden Weichthiere~“

erscheinen, welches besonders die Gegenden des Rheinthals, des unteren

Lahnthals und den Südabhang des Taunus umfasst und sehr zahlreiche,

meist sehr genaue Fundortsangaben enthält. Es werden darin 64 Land-, 30

Süsswasserschnecken und 16 Muscheln angeführt.

Zwei Jahre später veröffentlichten die Herren Fridolin ~Sandberger~

in Weilburg und Carl ~Koch~ in Dillenburg in dem siebenten Band der

Jahrbücher S. 276-282 „Beiträge zur Kenntniss der Mollusken des oberen

Lahn- und Dillgebietes“. Es berücksichtigt diese Arbeit besonders

die Umgebungen von Weilburg und von Dillenburg und enthält 55 Arten

Landschnecken, 17 Süsswasserschnecken und 9 Muscheln; 8 davon sind

bei Thomae nicht angeführt. In unmittelbarem Anschluss daran folgt

dann noch ein Nachtrag zu dem Thomae’schen Verzeichniss von Dr. Frid.

~Sandberger~, meist auf die genauen Nachsuchungen des Conservators

~Römer~ gegründet und einige Berichtigungen, zahlreiche neue Fundorte

und acht für Nassau neue Arten enthaltend. Einen ferneren Nachtrag

lieferte derselbe für die Jahre 1851-52 im achten Heft der nassauischen

Jahrbücher, Abth. II. pag. 163, ebenfalls wieder neue Fundorte und 12

für Nassau neue Arten enthaltend, von denen freilich die meisten auf

Najadeen entfallen und wohl wieder zu streichen sind.

Die Angaben dieser beiden Verzeichnisse, mit einigen neuen Fundorten

vermehrt und revidirt von dem Herrn Apotheker ~Scholtz~ aus Jatroschin

in Russland, finden wir wieder in der 1861 in Wetzlar erschienenen

Badeschrift von Dr. L. ~Spengler~: „Der Kurgast in Ems“; es werden

daselbst im Ganzen 45 Arten aus der Umgegend von Ems erwähnt und einige

davon durch Holzschnitte, die freilich sehr viel zu wünschen übrig

lassen, veranschaulicht.

Endlich ist noch eine neueste Arbeit von Dr. G. ~Servain~ zu

nennen: _Malacologie des Environs d’Ems et de la vallée de la Lahn_,

eine Aufzählung der von ihm im August 1869 in der Umgebung von Ems

gesammelten Conchylien. Ausser den von ~Spengler~ angeführten Arten

finden wir noch vier ~Bourguignat~’sche Arten oder besser Un-Arten:

_Limax xanthius_, _Zonites subnitens_, _Dutaillyanus_, _Balia Rayana_

und _Ancylus gibbosus_, sowie _Anodonta Rossmässleriana Dupuy_. Der

Autor möge uns verzeihen, wenn wir diese, nur einem Franzosen _de la

nouvelle école_ unterscheidbaren Species vorläufig auf sich beruhen

lassen.

Getrennt von der Literatur über die nassauische Fauna war bisher die

über die Gegend von Frankfurt und Hanau. Hier begegnen wir schon

früher conchyliologischen Forschungen. Schon 1814 veröffentlichte der

um die Erforschung der Wetterau hochverdiente G. ~Gärtner~ in Hanau

einen „~Versuch einer systematischen Beschreibung der in der Wetterau

bis jetzt entdeckten Conchylien~“ in den Annalen der Wetterauischen

Gesellschaft III. Heft 2. pag. 281-318; es enthält diese Arbeit bereits

60 Species.

Eine Aufzählung der im Gebiete von Frankfurt vorkommenden Mollusken

veröffentlichte 1827 Herr ~Römer-Büchner~ in seinem „~Verzeichniss der

Steine und Thiere, welche in dem Gebiet der freien Stadt Frankfurt

und deren nächsten Umgebung gefunden werden~“, S. 63-67. Es enthält

dasselbe 39 Land- und 38 Süsswassermollusken, ist aber sehr flüchtig

und ungenau und ohne alle Kritik geschrieben, so dass seine Angaben nur

mit Vorsicht aufzunehmen sind.

Zuverlässiger und reichhaltiger ist die im Jahresbericht der

Wetterauischen Gesellschaft für die gesammte Naturkunde 1847-50 auf

Seite 41-73 enthaltene Arbeit von ~Oscar Speyer~ „~Systematisches

Verzeichniss der in der Provinz Hanau und nächster Umgebung

vorkommenden Land- und Süsswasserconchylien~“. Die Frankfurter Angaben

beruhen darin grossentheils auf den Beobachtungen des verstorbenen

Schöffen C. ~von Heyden~. Daran schliessen sich als Anhang neue

Fundortsangaben aus der Wetterau, der Umgebung von Gelnhausen etc. von

D. F. ~Heynemann~.

Seit dem Anfange dieses Decenniums herrscht ein regeres Leben in der

naturwissenschaftlichen Ausbeutung der Umgegend von Frankfurt, an dem

die Malacologie nicht wenig Antheil nimmt. Insbesondere sind es die

Arbeiten von D. F. ~Heynemann~ über die Nacktschnecken, veröffentlicht

in verschiedenen Jahrgängen der Malacozoologischen Blätter, durch

welche zuerst die unbeschalten Weichthiere Nassaus, die bis dahin nur

ganz oberflächlich behandelt worden waren, einer genaueren Untersuchung

unterzogen wurden, welche unsere Fauna nicht unerheblich bereicherte.

Fernere Mittheilungen über die Mollusken des unteren Maingebietes

finden wir in der Inauguraldissertation von Dr. C. ~Noll~, „~Der Main

in seinem unteren Laufe~“, Frankfurt 1866. Es werden darin besonders

die im Main und an seinen Ufern lebenden Arten besprochen, sowie die

im Geniste angeschwemmt vorkommenden, zusammen 24 Arten Land- und 22

Süsswassermollusken.

Die neueste hierher gehörende Arbeit ist der von D. F. ~Heynemann~

in dem neunten Jahresberichte des Offenbacher Vereins für Naturkunde

veröffentlichte Vortrag „~Die Molluskenfauna Frankfurts~“, weniger eine

Aufzählung der einzelnen Arten und ihrer Fundorte, als eine Schilderung

des Gesammtbildes der Fauna mit zahlreichen interessanten Beobachtungen

und Bemerkungen. Im Ganzen werden 110 Arten aufgeführt, nämlich 69

Landschnecken, 26 Süsswasserschnecken und 15 Muscheln.

Zerstreute Fundortsangaben finden sich ausserdem noch an verschiedenen

Stellen, bei ~Schröter~, Carl ~Pfeiffer~, ~Rossmässler~, in den

~Malacozoologischen Blättern~, im ~Zoologischen Garten~ etc. Eine

Zusammenstellung derselben durch Ed. ~von Marten~s findet sich im

ersten Jahrgang des Nachrichtsblattes der deutschen malacozoologischen

Gesellschaft Nro. 8 und 9, und ein Nachtrag dazu von ~Heynemann~ in

Nro. 13.

Die übrigen Punkte unseres Gebietes sind in der Literatur noch gar

nicht vertreten und noch sehr mangelhaft untersucht; es gilt diess

besonders auch von den Umgebungen der Universitäten Giessen und

Marburg. Auch das Gränzgebiet nach Süden hin, die in der Provinz

Starkenburg gelegenen Theile der Rheinebene und der Odenwald, sind noch

kaum untersucht. Nur über die nächste Umgebung von Darmstadt finden

wir in Nro. 3 des Nachrichtsblattes von 1870 eine Aufzählung der dort

gesammelten Arten von ~Hugo Ickrath~.

Ausser den genannten Conchyliologen haben noch die Herren Hofrath

~Lehr~ und Conservator ~Römer~ in Wiesbaden, ~Dickin~ in Frankfurt

und ~Trapp~ in Biedenkopf, jetzt auf der Obermühle am Dünsberg, die

Faunen einzelner Gebiete von Nassau gesammelt und mir mündlich

oder schriftlich zur Benutzung gütigst mitgetheilt. Auch den Herren

Professor ~Dunker~ in Marburg und ~Leuckart~ in Giessen, jetzt in

Leipzig, bin ich für manche Beobachtung verpflichtet.

Zweites Capitel.

Stellung der Weichthiere im Thierreich, allgemeiner Bau, Eintheilung.

Die Weichthiere, _~Mollusca~_ oder _~Malacozoa~_, bilden eine der

grossen Unterabtheilungen im Reiche der Thiere ohne inneres Scelett,

eine Stellung, die ihnen schon ~Aristoteles~ anwies. Freilich galt im

Mittelalter mehr das System des ~Plinius~, der alles, was im Wasser

lebt, Fische, Muscheln, Krebse etc., als Wasserthiere, _Aquatilia_,

zusammenfasste und demgemäss wurden die Landschnecken entweder bei den

Würmern oder mit diesen als Anhang bei den Insecten abgehandelt. Nur

~Gesner~ unterscheidet die _Pisces_ und die _Aquatilia_ und handelt

auch die Landnacktschnecken bei den Wasserthieren ab. -- Schon ~Wotten~

1552, ~Aldrovandi~ 1605, ~Jonston~ 1632 und ~Ray~ 1693 kehren aber

darin zu ~Aristoteles~ zurück, dass sie die Thiere in blutführende

und blutleere, unseren Wirbelthieren und Wirbellosen entsprechend,

eintheilen und die Mollusca als eigene Abtheilung behandeln.

~Linné~ rechnete sie zu seiner sechsten, so viel Ungleichartiges

umfassenden Classe, den Würmern. Durch ~Cuvier~ erhielten sie endlich

die ihnen gebührende Stellung als gleichberechtigte Abtheilung neben

den Gliederthieren und Strahlthieren, und in dieser Stellung sind sie

seitdem auch geblieben.

Im Allgemeinen finden wir bei allen Mollusken, mögen sie nun einen vom

übrigen Körper abgesetzten Kopf mit Sinnesorganen besitzen oder nicht,

ein mehr oder minder vollständig entwickeltes ~Gefässsystem~, das aus

Schlag- und Blutadern besteht, zwischen denen aber fast immer Lücken

in Gestalt wandungsloser Räume, Lacunen, sich finden, und das ein

Herz -- bei einer Abtheilung auch mehrere -- zur Bewegung des Blutes

besitzt; -- ein ~Nervensystem~ aus einzelnen Nervenknoten bestehend,

die durch Fäden verbunden, aber nirgends zu einem Rückenstrang

zusammengereiht sind; -- ~Athmungsorgane~, je nach der Lebensweise

für Luft- oder Wasserathmung eingerichtet; -- stark entwickelte

~Verdauungsorgane~, die bei allen Kopfträgern mehr oder minder

entwickelte Fresswerkzeuge, bei allen Mund, Magen, Darmcanal und After

zeigen; -- einen sehr complicirt gebauten ~Fortpflanzungsapparat~, der

meistens beide Geschlechter in einem Individuum vereinigt, doch so,

dass zur Befruchtung Begattung mit anderen Individuen nöthig ist; --

mehr oder minder entwickelte ~Sinnesorgane~, die sich allerdings bei

unseren Kopflosen auf Tastapparate und Gehörorgane reduciren, während

bei den Kopfträgern noch Augen und sehr wahrscheinlich auch Organe für

Geruch und Geschmack hinzukommen; -- und endlich ~Fortbewegungsorgane~,

welche, meist in der Mittellinie, selten paarig seitlich angebracht,

nur einigen der niedersten, nur im Meere lebenden Formen, und auch

diesen nur in ihren späteren Entwicklungsstadien, fehlen, aber bei

vielen Muscheln stark verkümmert sind.

Die Körperbedeckung besteht bei allen Weichthieren aus einer musculösen

Haut, welche den ganzen Körper einschliesst; sie zeigt meistens eine

faltenförmige Verlängerung, welche einen grösseren oder kleineren

Theil des Körpers mantelartig einschliesst und desshalb auch ~Mantel~

(_Pallium_) genannt wird. In dem Raum zwischen Mantel und Körper liegen

bei vielen Mollusken die Athmungsorgane. Bei fast allen Arten sondert

der Mantel, zuweilen in seiner Substanz, noch häufiger auf der äusseren

Fläche, einen kalkhaltigen Schleim ab, aus dem sich das Gehäuse bildet.

Dieses ~Gehäuse~ (_Cochlea_ oder _Concha_) besteht aus kohlensaurem

Kalk in Form von Arragonit oder Kalkspath, mit einer, freilich geringen

Beimengung einer organischen Substanz, Muschelleim oder Conchiolin,

die bei den Schnecken 1%, bei den Muscheln etwa 2-4% der Masse

ausmacht. Bei den sogenannten nackten Schnecken liegt das Gehäuse, oder

wenigstens ein aus Kalkkörnern gebildetes Rudiment desselben innerhalb

des Mantels, bei den Gehäuseschnecken dagegen wird es, wenigstens

sobald sie das Ei verlassen haben, frei getragen; einige Arten umhüllen

es aber auch später noch mit einem Fortsatz des Mantels. Die äussere

Schale ist dann mit einer organischen ~Oberhaut~ (~_Epidermis_~)

überzogen, welche vor Ablagerung der Schale gebildet wird und diese vor

dem Einfluss von Luft und Wasser schützt.

Da man im Anfang nur die Gehäuse, als den am meisten in die Augen

fallenden und am leichtesten aufzubewahrenden Theil der Weichthiere,

beachtete, ist es natürlich, dass auch die ersten Eintheilungsversuche

nur die Gehäuse berücksichtigten. Bis auf ~Cuvier~ galt im Allgemeinen

die alte Eintheilung des ~Aristoteles~ in einschalige und zweischalige,

oder Schnecken und Muscheln, denen man meist noch die unnatürliche

dritte Categorie der vielschaligen beifügte, welche ~Aristoteles~

nicht hat und bessere Systematiker schon frühe verwarfen. ~Poli~ und

~Cuvier~ dagegen gründeten auf die Thiere und besonders auf deren

Fortbewegungsorgane die noch jetzt geltende Eintheilung. Andere fügten

noch fernere Untergattungen hinzu, und jetzt nimmt man ziemlich

allgemein sechs, mitunter auch sieben Gruppen an, die ~Cephalopoden~,

~Pteropoden~, ~Heteropoden~, ~Gastropoden~, ~Pelecypoden~ und

~Brachiopoden~, zu denen dann noch in neuester Zeit als siebente

Unterabtheilung die Meerzähne als _~Solenoconchae~_ kommen. Von

diesen Gruppen leben die drei ersten, die sechste und die siebente

nur im Meer, und es kommen für uns also nur zwei in Betracht, die

~Bauchfüsser~, ~Gastropoden~, mit einschaligem Gehäuse oder nackt, und

die ~Beilfüsser~, ~Pelecypoden~, auch Blattkiemer, _Lamellibranchiata_

(~Cuvier~), oder Muschelthiere, _Conchifera_ (~Lamarck~) genannt, mit

zweischaligem Gehäuse. Erstere nennen wir Schnecken, letztere Muscheln.

Der Bau dieser beiden Gruppen ist so durchaus verschieden, dass wir

jede für sich allein betrachten müssen. Der Hauptunterschied der Thiere

besteht darin, dass die Schnecken einen mehr oder weniger deutlich

abgesetzten Kopf mit Sinnesorganen und einen Fuss mit breiter, zum

Kriechen eingerichteter Sohle haben, während den Muscheln der Kopf

als formell gesonderter Abschnitt ganz fehlt und ihr Fuss beilförmig

zusammengedrückt oder cylindrisch oder ganz verkümmert ist.

Drittes Capitel.

Sammeln, Reinigen, Aufbewahren und Ordnen.

~Wo finden wir Mollusken?~

Die Mollusken des süssen Wassers sind so ziemlich überall verbreitet;

es dürfte kaum ein Bach zu finden sein, in dem nicht Schnecken oder

Muscheln vorkämen, selbst in warmen Quellen finden sich hier und

da Schnecken, z. B. _Bithynia thermalis_ in den Bädern von Lucca,

_Hydrobia aponensis_ in den Quellen von Abano. Im Allgemeinen sind

schnellfliessende, kalte Gebirgsbäche mit steinigem Grund viel ärmer,

als langsam fliessende oder gar die reich mit Pflanzen bewachsenen

stehenden Gewässer der Ebene. Während jene nur einige Unionen und

2-3 Limnäen und Ancylus enthalten, liefern uns die Gewässer der

norddeutschen Ebene 78 Arten; manche Gattungen, z. B. _Physa_ und

_Paludina_, und die grossen Planorben, scheinen sich, wenigstens in

unserem Gebiete, nie in’s Gebirge zu versteigen, während _Hydrobia_ nur

dem gebirgigen Theile desselben angehört.

Die ergiebigsten Fundorte für Süsswasserconchylien sind stehende

Gewässer mit schlammigem, aber nicht moorigem Grund, Gräben,

Flussbuchten, verwachsene Teiche und ganz besonders die durch

Stromregulirungen abgeschnittenen Altwasser, die oft förmlich von

_Limnaea_, _Planorbis_, _Physa_, _Valvata_, _Bithynia_, _Paludina_,

_Cyclas_, _Pisidium_, _Anodonta_, _Unio_ wimmeln. Auch in Tümpeln, die

von allen anderen isolirt ohne äusseren Ab- und Zufluss mitten im Felde

liegen, findet man nicht selten Schnecken; wie sie dorthin gekommen,

ist mitunter schwer begreiflich. Früher nahm man zur Entstehung

durch Urzeugung seine Zuflucht, aber in neuerer Zeit, wo man lieber

beobachtet als philosophirt, hat man gelernt, es auf andere Weise zu

erklären. ~Heynemann~ hat an einer aus Mexico stammenden Wasserwanze

ein Pisidium fest anhängend gefunden; hier ist also die Möglichkeit

einer Uebertragung auf weite Strecken hin durch Insecten direct

nachgewiesen. In ähnlicher Weise kann es jedenfalls auch durch Vögel

geschehen, besonders durch die oft stundenlang unbeweglich im Wasser

stehenden Reiher. Endlich ist es mir durchaus nicht unwahrscheinlich,

dass kleine Muscheln und selbst gedeckelte Wasserschnecken mitunter,

wenn lebendig verschluckt, den Darmcanal unverdaut passiren und so

verpflanzt werden können.

In solchen Gewässern sucht man am besten, wenn der Sonnenschein die

seichten Uferstrecken recht durchwärmt hat; es sammeln sich dann die

Weichthiere oft in grossen Mengen an der Sonnenseite, um die Wärme zu

geniessen. Ausserdem sucht man die Wasserpflanzen ab und fischt den

Schlamm des Bodens mit einem feinmaschigen, an einen Stock geschraubten

Netz aus. Kleine Arten erhält man mitunter in grosser Menge durch die

Larven der Köcherfliegen, Phryganeen, die, im Wasser lebend, sich aus

Steinen, Holzstückchen u. dergl., an schneckenreichen Localitäten aber

auch aus den Gehäusen kleiner Planorben, Limnäen, Valvaten, Pisidien

und _Ancylus lacustris_ Röhren bauen, was dem Sammler natürlich viele

Mühe spart. Mitunter findet man sogar noch lebende Schnecken an den

Röhren. Wo man keine Schnecken an den Phryganeengehäusen findet,

braucht man auf Ausbeute an kleineren Schnecken nicht zu hoffen.

Muscheln sucht man am besten im seichten Wasser mit der Hand vom Ufer

oder von einem Kahn aus. Als Anhalt dienen dabei die Furchen, welche

sie im Schlamm des Bodens ziehen: am einen Ende derselben steckt die

Muschel. Will man in tieferem, undurchsichtigem Wasser fischen, so thut

man gut, den Boden erst tüchtig mit einem Rechen aufzulockern, ehe

man mit dem Netz sucht, da die Muscheln sonst zu fest stecken. Reiche

Ausbeute macht man, wenn ein Teich oder ein Mühlgraben abgelassen wird;

es sind das Festtage für den Schneckensammler wie für den Käfersammler,

der dabei seine Ernte an Wasserkäfern hält.

Die Mainmuscheln kann man sehr bequem erhalten, da die Thiere an

vielen Orten zum Mästen der Schweine verwandt werden. Besonders in der

Umgegend von Schwanheim findet man ganze Haufen frischer, vollkommen

sauber ausgeleerter und unversehrter Schalen, und kann sich in aller

Bequemlichkeit die interessantesten Formen herauslesen.

Auch am Rande der Gewässer ist eine reiche Ausbeute zu machen. Auf dem

Boden und an Wasserpflanzen kriechen die Bernsteinschnecken umher,

unter Steinen, Holz u. dergl. finden sich viele Hyalinen, kleine

Helices, Pupen und Carychien; auch eine Nacktschnecke, der kleine

_Limax brunneus_, entfernt sich nicht weit vom Wasser. Man kann

sich, wie an allen schneckenreichen Localitäten, das Sammeln sehr

erleichtern, wenn man an passenden Stellen alte halbfaule Holzstücke,

Steine u. dergl. auslegt; bei trockenem Wetter sammeln sich die

Schnecken der ganzen Umgegend darunter und können dann einfach in

die Schachtel gekehrt werden. Auch Rohrhalme und selbst Glasröhrchen

kann man mit Erfolg auslegen. Nach ~Dumont~ und ~Mortillet~ kann man

namentlich den _Limax_ durch Auslegen von Knochen, deren Gelatine ihn

anzieht, leicht bekommen.

Viele kleine Arten, die man sonst nur mit Mühe einzeln erhält, kann

man bequem und in Menge, aber freilich immer nur leer finden, wenn

man im Frühjahr unmittelbar nach der ersten Fluth das von den Bächen

und Flüssen angeschwemmte Geniste durchsucht. Man nimmt sich eine

grössere Quantität mit nach Hause, wobei man berücksichtigen muss,

dass die grösste Anzahl der leeren, schwimmenden Gehäuse sich immer

auf der Oberfläche der Genisthaufen findet; dann sucht man zunächst

die grösseren Arten aus und entfernt gleichzeitig die grösseren

Holzstückchen, Rohrhalme u. dergl., den feineren Rest siebt man dann

durch und durchsucht das Durchgesiebte in kleinen Portionen auf weissem

Papier. Die kleinen _Vertigo_, _Pupa muscorum_, _Hel. costata_ und

ganz besonders _Cionella acicula_, die sonst nicht leicht zu bekommen

ist, erhält man dann in grosser Menge. Genaueres über die im Geniste

vorkommenden Schneckenarten folgt am Schlusse.

Beim Sammeln von Landschnecken müssen wir vor Allem bedenken, dass

alle Schnecken mehr oder weniger die Feuchtigkeit lieben. Nur wenige

Arten leben an trockenen Stellen und dann meist gesellig, z. B.

_Helix ericetorum_, _candidula_, _costulata_, _Bulimus detritus_ und

_tridens_, _Pupa frumentum_; aber auch diese sind bei Regen munterer

und sitzen bei trocknem Wetter wenigstens den Tag über unbeweglich.

Im Uebrigen ist es schwer, hier bestimmte Regeln aufzustellen; ich

muss für das Genauere auf den speciellen Theil verweisen. Immer ist

unter sonst gleichen Bedingungen Kalkboden reicher an Schnecken, als

kalkarmer, weil es den Thieren dort viel leichter ist, den zum Bau

ihrer Schalen nöthigen Kalk aufzunehmen.

Wo man in kalkarmen Gegenden auffallend viel Schnecken beisammen

findet, ist fast immer Kalk in der Nähe, sei es als unterirdisches

Kalklager, das den Quellen einen grösseren Kalkgehalt mittheilt, sei

es als Mörtel an alten Mauern und Ruinen. Besonders die Ruinen sind

immer reiche Fundgruben für Schnecken, die hier ausser dem Kalk in

den Trümmerhaufen auch sichere Verstecke und genügenden Schutz vor

Sommerhitze und Winterkälte finden. Sehr häufig findet man an solchen

Punkten Schnecken, die auf weit und breit in der Gegend nicht mehr

vorkommen, z. B. _Claus. lineolata_ und _Pupa doliolum_ auf den

Schlossruinen des Taunus, _Amalia marginata_ auf denen des rheinischen

Schiefergebirgs. Ja, man kann behaupten, dass fast ohne Ausnahme alle

isolirt vorkommenden, in der Fauna einer Gegend wie fremd dastehenden

Arten an solche Fundorte gebunden sind.[1]

Andere reiche Localitäten sind Hecken und bewachsene Raine. Unsere

grösseren Helixarten, _pomatia_, _hortensis_, _nemoralis_, _fruticum_

finden sich mit Vorliebe an solchen Stellen.

Der Hauptfundort für den Sammler bleibt immer der Laubwald, besonders

der Buchenwald, wenn er nicht zu trocken ist und genug Unterholz hat.

Auf den Randgebüschen und unter denselben, im feuchten Moos und auf

und unter der Bodendecke treiben sich eine Menge kleiner Arten herum,

und stundenlang kann man, an einer Stelle liegend, Laub und Moos

durchwühlen und immer neue Beute machen. Auch an den Stämmen sind Arten

von _Helix_, _Bulimus_, _Clausilia_ und _Limax_ mitunter in Menge

zu finden. Waldreiche Gegenden sind nie ganz arm an Schnecken, wenn

sie nicht rein aus Nadelholz bestehen, das, ausser vielleicht an den

Küsten des Mittelmeeres (_Hel. Homeyeri_) von den Schnecken fast ganz

gemieden wird. -- Feuchte quellige Stellen in Buchenwäldern, besonders

die Anfänge der Waldthälchen, sind fast immer sehr reich an Schnecken.

Man sucht hier zunächst die Unterseite der Steine und das Gras in deren

nächster Umgebung ab und nimmt dann von dem feuchten Laub am besten

eine tüchtige Portion mit nach Hause, um es dort zu trocknen und bequem

auszulesen. Auslegen von faulem Holz und Steinen rentirt auch hier sehr

gut. -- Ueberhaupt muss man es sich zum Gesetz machen, auf Excursionen

jeden halbwegs grossen Stein umzudrehen, da man unter ihnen meistens

die reichste Ausbeute macht.

~Seibert~ in Eberbach empfiehlt in Nro. 6 des Nachrichtsblattes für

1870 mit Recht, den Boden der halb ausgetrockneten Wiesengräben

zur Zeit der Heuernte zu untersuchen. Auch hier kann man das

Moos ausstechen und mit nach Hause nehmen, um es dort in aller

Bequemlichkeit zu durchsuchen.

Was nun die Tageszeit anbelangt, so sind bei trockenem Wetter die

Schnecken fast nur zu finden, so lange der Thau im Grase liegt, und

wenn man eine reiche Ernte von Nacktschnecken halten will, muss man

Abends nach Sonnenuntergang oder in den ersten Tagesstunden gehen.

Man findet dann oft Schnecken in Masse an Stellen, an denen man sonst

nie eine einzige gesehen hat. Bei feuchtem, regnerischem Wetter und

bedecktem Himmel bleiben die Schnecken auch bei Tag ausser ihrem

Versteck. Im Allgemeinen kann man mit ~Rossmässler~ annehmen, dass, je

trockner das Wetter, desto näher am Boden oder desto tiefer unter der

Bodendecke die Schnecken sich aufhalten.

Noch viel grösser ist natürlich der Einfluss der Jahreszeit. Man

findet freilich Schnecken zu allen Jahreszeiten, wenn nicht der Boden

ganz fest gefroren ist, und die Daudebardien, Vitrinen und _Cionella

acicula_ findet man sogar vorzugsweise im Herbst und im ersten

Frühjahr, selbst unter dem schmelzenden Schnee. Die meisten Schnecken

aber lieben die Wärme, und wenn man sie nicht in ihren Winterquartieren

aufsuchen will, muss man mit dem Sammeln warten bis nach dem ersten

tüchtigen warmen Frühlingsregen, der sie aus dem Winterschlafe weckt.

Die Wasserschnecken erscheinen nur, wenn das Wasser nicht zu kalt ist;

sonst verbergen sie sich, wie auch die Muscheln, im Schlamm. -- Im

Frühjahr findet man sehr häufig unausgewachsene Gehäuse, oder solche,

welche bei der Ueberwinterung gelitten haben, denn auch am lebenden

Thiere verwittern die Gehäuse, wie man sich besonders an den Campyläen

und Clausilien des Hochgebirgs, aber auch schon an unseren Schnecken

überzeugen kann. Ich erinnere mich z. B. kaum jemals im Frühjahr ein

glänzendes, unverwittertes Exemplar von _Clausilia laminata_ in der

Umgegend von Biedenkopf gefunden zu haben, während sie doch im Herbst

vollständig durchsichtig und rein waren, und auch an den überwinterten

_Helix nemoralis_ sah man meistens Spuren des Winters. Die beste Zeit

zum Sammeln ist desshalb im Nachsommer und im ersten Herbst; auch die

Wasserschnecken findet man dann meistens ausgewachsen.

Die zum Sammeln nöthigen Instrumente sind äusserst einfach. Ein paar

Schachteln von Holz oder Blech, ein paar Gläser mit weiter Oeffnung

oder starke Glasröhren genügen zur Aufbewahrung. Ich führe gewöhnlich

ein blechernes, zum Umhängen eingerichtetes Gefäss, in das oben im

Deckel eine 1″ weite, durch einen Kork verschliessbare und nach beiden

Seiten vorragende Blechröhre eingesetzt ist. Zweckmässig sind auch

eine Anzahl flacher Blechschachteln von gleicher Grösse, die man zu

einer Rolle zusammenpacken kann, so dass sie in der Umhängetasche nur

wenig Raum einnehmen. Complicirtere Apparate sind durchaus unnöthig.

Nur einige sehr zarte Arten, wie _Daudebardia_, _Vitrina_ und die

Nacktschnecken müssen vorsichtiger behandelt werden, wenn man sie

lebend nach Hause bringen will, besonders bei trockenem Wetter.

Man thut dann die kleinen Arten am besten in Glasröhren, die man

oben und unten gut verkorkt, die grösseren in eine gut schliessende

Blechschachtel mit etwas ~lebendem~ Moos, das aber nicht zu feucht

sein darf. Wasserschnecken bleiben in Gläsern ohne Wasser sehr lange

am Leben, während sie im Wasser rasch absterben; man nimmt sie also am

besten trocken mit. Nur bei den gedeckelten Kiemenathmern thut man gut,

eine Portion feuchter Wasserlinsen beizugeben.

Um die ganz kleinen Schnecken, die in Moder und Mulm leben und mit

den Fingern nicht gut erfasst werden können, zu sammeln, nimmt man am

zweckmässigsten ein weithalsiges Glas, dessen Kork mit einer Federspule

durchbohrt ist; mit dem freien Ende derselben kann man dann die

Schneckchen aufschöpfen und sie gleich in das Glas hinabrollen lassen.

Was man nicht lebend nach Hause bringen will, kann man gleich lebend

in ein Glas mit Spiritus werfen, das man um den Hals hängt, wie

Käfersammler zu thun pflegen.

Zum Suchen auf dem Lande gebraucht man zweckmässig einen kleinen,

starken Handrechen, den man des bequemen Unterbringens halber auch

zum Anschrauben einrichtet; es schont die Finger sehr, wenn man

damit, statt mit ihnen, die Bodendecke aufkratzt. Auch ein paar gute

Handschuhe sind an dicht mit Brennesseln bewachsenen Stellen von

entschiedenem Werthe.

Für die Wasserjagd braucht man ein starkes Netz aus einem

dichtmaschigen Zeug, das man an einen starken Stock anschrauben kann;

des Rostes wegen ist eine Vorrichtung zum Anstecken auch durchaus nicht

unpraktisch. E. A. ~Bielz~ empfiehlt statt des Netzes ein Drahtsieb mit

2″ hohem Rande aus starkem Leinen, mit dem es an dem Draht befestigt

ist; man kann es dann in trockenem Zustande wie einen Klapphut

zusammenlegen und in die Tasche stecken.

Derbe, möglichst wasserdichte Stiefeln und Kleider, auf deren

Reinerhaltung man nicht zu sehr zu sehen braucht, erklärt ~Rossmässler~

nicht mit Unrecht für Haupterfordernisse zu einer erfolgreichen

Excursion.

Hat man nun seine Ausbeute von einer Excursion glücklich nach Hause

gebracht, so beginnt die Hauptarbeit, das Reinigen der Gehäuse und das

Entfernen der Thiere aus denselben. Nur die mit den Thieren gesammelten

Gehäuse haben noch den vollständigen Glanz; leere sind schon nach

wenigen Tagen verwittert und verblichen, was besonders hervortritt,

sobald sie trocken werden. Man muss desshalb, wo es möglich ist,

immer nur lebende sammeln. Die Schnecken sind in ihrem Gehäuse durch

einen sehnigen Bandstreifen angewachsen; um denselben abzulösen und

zugleich die Schnecken zu tödten, wirft man sie in siedendes Wasser

und lässt sie darin, bis es sich soweit abgekühlt hat, dass man die

Schnecken bequem mit den Fingern herausholen kann. Dann fasst man das

Thier mit einer gekrümmten Nadel oder einem Drahthäkchen und zieht es

vorsichtig heraus. Bei vielen Arten reisst sehr gerne der hintere Theil

des Thieres, welcher die Leber enthält, ab, besonders wenn man es zu

früh aus dem Wasser genommen hat. Solche Exemplare legt man an einen

kühlen, schattigen Ort in’s Freie; Käfer und Fliegenlarven besorgen

die Reinigung dann sehr rasch und gründlich, und der Speckkäfer mit

seinen Verwandten, der Schrecken der Insectensammler, wird in den

Conchyliensammlungen gern geduldet. Bei vielen Helices mit gezahnter

Mündung und bei den Pupen ist man von vornherein auf dieses Verfahren

angewiesen, Clausilien lassen sich fast gar nicht aus dem Gehäuse

entfernen, und der Schliessapparat sperrt auch nach dem Tode noch

den Insecten den Zugang; diese lässt man einfach eintrocknen. Die

Wasserschnecken sind alle sehr leicht zu reinigen, selbst die dünnen,

vielgewundenen Planorben und die zerbrechlichen Physen.

Die Muscheln sind nicht durch ein Band, sondern durch ihre

Schliessmuskel an den Schalen befestigt. Man tödtet sie durch siedendes

Wasser, muss sie aber darin kochen lassen, damit das Wasser im Innern

der Schalen auch genügend erhitzt wird. Sobald das Thier todt ist,

klaffen die Schalen; man löst dann mit einem stumpfen Falzbein die

Muskeln von ihren Ansatzstellen und nimmt das Thier heraus.

Die ungedeckelten Schnecken sind dann zum Aufbewahren fertig; bei den

gedeckelten löst man den Deckel, der meist für die Bestimmung sehr

wichtig ist, vom Fusse ab, bestreicht seine Unterseite mit etwas Gummi

und klebt ihn auf ein Bäuschchen Baumwolle, das man in die Mündung

gesteckt hat.

Viele Wasserschnecken sind mit einer mehr oder weniger fest

aufsitzenden Schmutzkruste überzogen, die sich nur durch scharfes

Bürsten mit einer weichen Zahnbürste und Seifenwasser entfernen lässt.

Bei den sehr zerbrechlichen Arten, besonders den Limnäen, thut man gut,

die Reinigung noch am lebenden Thiere vorzunehmen, da dann das Gehäuse

weniger leicht zerbricht. Immer kann es aber nichts schaden, wenn man

auch ein ungereinigtes Exemplar von jedem Fundort in die Sammlung

legt, denn die Schmutzkruste zeigt nicht selten charakteristische

Eigenthümlichkeiten.

Auch die Muscheln bedürfen stets einer sehr gründlichen Reinigung

und ihre wahre Farbe kommt nicht selten erst heraus, wenn man sie

mit starkem Essig oder einer schwachen Mineralsäure überstreicht. Um

den charakteristischen Ueberzug zu erhalten, kann man sich begnügen,

eine Schale zu putzen. Nach dem Reinigen drückt man die beiden

Schalen zusammen und wickelt einen Faden darum, um sie in dieser

Lage zu halten, bis sie trocken sind. Um auch das Innere jederzeit

betrachten zu können, durchschneidet man das Schlossband mit einem

scharfen Messer. Der Sicherheit halber pflege ich dann beide Klappen am

Vorderrande mit einem Papierstreifen zu verbinden und Namen und Fundort

in’s Innere zu schreiben.

Ueber die Art der Aufstellung und Aufbewahrung in der Sammlung kann

man keine Vorschriften machen; es muss sich da Jeder selbst seinen

Weg suchen und die für ihn zweckmässigste Art der Aufstellung selbst

herausprobiren. Man thut gut, alle kleineren Arten aufzukleben, und

Namen und Fundort auf die Rückseite des Streifens zu schreiben; passirt

dann einmal ein Unglück und wird eine Schublade voll durcheinander

geworfen, so kann man sie leicht wieder auseinander lesen. -- Eins kann

man aber dem angehenden Sammler nicht dringend genug an’s Herz legen,

nämlich von Anfang an gleich seine Conchylien sorgfältig nach den

Fundorten getrennt zu halten, denn es ist sehr unangenehm, wenn man bei

einer Revision einmal eine interessante Varietät oder selbst eine neue

Art unter anderen findet und dann nicht mehr weiss, woher sie stammt.

Ich glaube kaum, dass ich der Einzige bin, der schliesslich im Aerger

seine früher gesammelten Sachen sämmtlich wegwarf und von Neuem anfing.

Es ist nicht zu verkennen, dass das Aufbewahren der Gehäuse nur ein

Nothbehelf ist, da es leider noch kein Mittel gibt, die für unsre

Wissenschaft viel wichtigeren Thiere bequem und mit Beibehaltung ihrer

Form aufzubewahren. Sie halten sich nur in Weingeist und schrumpfen

darin schnell zu einer formlosen Masse ein oder ziehen sich ganz in

ihr Gehäuse zurück. Will man die Thiere aufbewahren, -- und für unsre

Nacktschnecken gibt es ja kein anderes Mittel, sie unseren Sammlungen

einzuverleiben, so muss man sie in kaltem Wasser ersticken, allerdings

ein etwas grausames Verfahren. Die Thiere kriechen dann möglichst weit

aus dem Gehäuse, aber sie schwellen unnatürlich an und ziehen die

Fühler halb ein. Doch habe ich im Museum zu Leipzig Präparate, von

Herrn ~Nitsche~ angefertigt, gesehen, die ganz die natürliche Gestalt

bewahrten; dieselben wurden alsbald nach dem Tode mit Nadeln auf einer

Wachsplatte in natürlicher Stellung befestigt, die Fühler ausgestreckt

etc., und dann in starkem Weingeist gehärtet. Ich muss gestehen, dass

mich diese Präparate, die sich in Nichts von dem Thiere im lebenden

Zustande unterschieden, im höchsten Grade überraschten. Immerhin

bleibt es aber für einen Privatmann eine ziemlich kostspielige Sache.

-- Man darf hier nicht vergessen, die Thiere nach einigen Tagen aus

dem Spiritus herauszunehmen, von dem anklebenden Schleim zu reinigen

und dann in frischen Spiritus zu legen; versäumt man es, so sehen die

Schnecken schmutzig aus und der Spiritus wird rasch trüb.

Viertes Capitel.

Zucht lebender Mollusken.

Um die Lebensweise der Mollusken beobachten zu können, muss

man dieselben lebend aufbewahren und züchten, was bei einiger

Aufmerksamkeit durchaus nicht schwierig ist. Am einfachsten ist die

Zucht der Wasserschnecken und Muscheln: die jetzt als Zimmerzierde

so beliebten Aquarien sind das bequemste Mittel, um sie lebend zu

beobachten; sie verlangen darin gar keine weitere Pflege und vermehren

sich sehr stark, vorausgesetzt, dass man nicht gleichzeitig auch Fische

darin hält. Als Futter scheinen die meisten Arten Wasserschnecken

Wasserlinsen, _Ceratophyllum_ und _Hydrocharis_ zu lieben; doch

sind es eigentlich nur _Limnaea stagnalis_, _Planorbis corneus_ und

_marginatus_, welche frische Pflanzen abfressen; die anderen halten

sich mehr an die abgestorbenen Blattreste und an Algen und die sogen.

~Priestley~’sche Materie; bringt man eine mit Algen bedeckte Limnäe

aus der Freiheit in’s Aquarium, so kommen die übrigen Schnecken sofort

herbei und weiden sie förmlich ab. Im Winter kann man auch Brodkrumen

und selbst Fleischstückchen füttern. -- Die Muscheln bedürfen ausser

den im Wasser suspendirten organischen Theilchen und vielleicht den

microscopischen Algen gar keiner Nahrung; ich habe alle unsere Arten,

~Unio~, _Anodonta_, _Cyclas_, _Pisidium_ und selbst _Tichogonia_ Jahre

lang im Aquarium gehabt, ohne mich weiter um sie zu kümmern. Doch darf

man die Pflanzen darin nicht zu üppig werden lassen; im Frühjahr 1870

brachte ich einige Exemplare _Hottonia palustris_ in mein Aquarium, die

sich sehr rasch vermehrten und einen dichten Rasen bildeten; in Folge

davon gingen sämmtliche Muscheln, die zum Theil schon 1½ Jahre darin

gelebt, binnen wenigen Tagen zu Grunde. Uebereinstimmend damit findet

man in stark bewachsenen Gewässern selten Muscheln.

Etwas vorsichtiger muss man bei der Zucht der Landschnecken sein, da

man hier einerseits zu grosse Nässe, andererseits zu grosse Trockenheit

zu vermeiden hat. ~Rossmässler~ empfiehlt zur Zucht grosse Gläser, die

man unten abschneidet und mit einem groben Drahtsieb zubindet; man

füllt sie bis zu einem Drittel mit Erde und Laub, unter die man ein

paar Kalksteine legt, und stellt das Ganze in einen irdenen Untersatz,

von welchem aus man die Feuchtigkeit regulirt. Ebenso gut kann man aber

auch eine irdene Blumenscherbe nehmen, die man mit einer Glasplatte

zudeckt. Auch in Terrarien und, wie ~Seibert~ im Nachrichtsblatt 1870

bemerkt, auf dem Felsen von Aquarien, kann man mit dem besten Erfolg

Schnecken züchten. Man muss nur immer besonders darauf achten, dass

kein Schimmel entsteht.

Als Futter verwendet man am besten dünne Scheibchen Obst, Gemüse,

Rüben, Salat, Bohnen und Gurken; namentlich die letzteren werden sehr

begierig von ihnen gefressen und _Cyclostoma elegans_ wollte in der

Gefangenschaft gar kein anderes Futter anrühren. Die Daudebardien,

Vitrinen und mehrere Nacktschnecken muss man mit lebenden Schnecken

oder rohem Fleisch füttern. Im Winter stellt man sie in ein frostfreies

Zimmer und gibt ihnen durchaus kein Wasser; im Sommer stellt man sie am

besten an einen schattigen Ort im Garten.

Sorgt man dafür, dass der Untersatz immer etwas Wasser bekommt, dass

die Zahl der Exemplare in einem Topf nicht zu gross wird, und dass

kein schimmeliges Futter liegen bleibt, so kann man Jahre hindurch

immer neue Generationen züchten, wie es die Herren ~Mühlenpfordt~ in

Hannover, ~Sporleder~ in Rheden, ~Sterr~ in Donaustauf u. andere mit

dem besten Erfolge gethan haben.

Auch im Freien kann man ganz gut Schnecken züchten, indem man durch

einen Drahtkorb ihr Entweichen verhindert; man muss aber vorsichtig

sein, denn manche Arten, namentlich Nacktschnecken, graben sich mit

grosser Geschicklichkeit unter der Wand durch und entfliehen. Dagegen

hat es seine Schwierigkeit, sie im Freien an Orten, wo sie sonst nicht

vorkommen, zu acclimatisiren, auch wenn man in der Wahl der Localitäten

und der Zeit noch so vorsichtig ist und grosse Massen aussetzt.

Andererseits kommen wieder Verschleppungen unter den anscheinend

ungünstigsten Umständen nicht selten vor.

Fünftes Capitel.

Terminologie, Kunstsprache.

Um ein Conchyl mit wenig Worten genau und treffend zu beschreiben, ist

es nöthig, jeden einzelnen Theil des Gehäuses mit einem bestimmten

Namen zu belegen und auch für die verschiedenen Formen bestimmte

Ausdrücke ein für allemal zu wählen. Es ist diess natürlich von

allem Anfang an geschehen und so ist nach und nach eine bestimmte

Kunstsprache entstanden, welche namentlich von ~Rossmässler~, L.

~Pfeiffer~ u. A. ausgebildet worden ist. Wir wollen, um Anfängern

das Verständniss der späteren Beschreibungen zu erleichtern, die

wichtigsten Kunstausdrücke hier kurz mittheilen. Doch können wir,

da wir die Beschreibungen nur deutsch, ohne die gebräuchlichsten

lateinischen Diagnosen geben, die lateinischen Kunstausdrücke in den

meisten Fällen füglich übergehen.

Fauna der Nassauischen Mollusken · 第 1 / 25 段