Pescara lächelte mühsam. "Karl traut zu leicht", sagte er. "Das
könnte ihn zu Schaden bringen mit einem andern, als ich bin.
Aber--seltsam--er hat meinen Genius erblickt."
"Jetzt nenne mir deine Gottheit!" flehte Victoria. "Ich beschwöre
dich, Pescara, nenne sie mir!"
"Ich glaube, da ist sie selbst", keuchte er heiser. Immer schwerer
begann er zu atmen, er stöhnte, er ächzte, er röchelte. Ein
furchtbarer Krampf beklemmte seine Brust. Er sank, mit der Hand nach
dem gepeinigten Herzen langend, auf die Ottomane und rang nach Atem.
Da kniete sich Victoria neben ihn nieder, hielt und stützte ihn mit
ihren Armen und litt mit ihm. Sie wollte Ippolito rufen und den
Knaben nach seinem Großvater, dem Arzte, schicken, er verbot es mit
einer Gebärde. Endlich entschlummerte er, aufs tiefste erschöpft,
nachdem Victoria geglaubt hatte, er stürbe ihr. Da sie sich der
Tränen gesättigt, entschlummerte auch sie. Dann erlosch die Ampel.
Als Victoria erwachte, lag ihr Haupt auf einem leeren Pfühle, und
durch das geöffnete Fenster strömte die Morgenluft. Sie sprang auf,
den Gatten zu suchen, und fand ihn, der die Terrasse auf und nieder
schritt und den der Schlummer erfrischt und wie neu belebt hatte.
Sie wurde ungläubig an den nächtlichen grausamen Kampf in ihren Armen,
er war ihr wie ein Traum.
Da begann Pescara: "Gestern, liebe Herrin, habet Ihr mich um den
Namen meines Genius befragt, und mir bangte, ihn vor Euch
auszusprechen. Endlich hättet Ihr mir mein Geheimnis fast entrissen,
denn es ist schwer, einem geliebten Weibe etwas vorzuenthalten. Da
erschien er selbst und berührte mich. Ihr kennet ihn nun, und der
gefürchtete Name bleibe unausgesprochen. Keine Tränen! Ihr habet
sie gestern vergossen. Sondern saget mir jetzt, wohin wünschet Ihr
Euch zu begeben, während ich das Heer des Kaisers gegen Mailand
führe?"
"Wie konntest du es mir so lange verbergen, Ferdinand?"
"Zuerst--nicht lange--verheimlichte ich es mir selbst... doch nein,
ich wußte mein Los schon am Schlachtabend von Pavia. Mit jener
blutigen Wintersonne bin ich untergegangen. Meines Zieles und meiner
gezählten Tage gewiß, wie hätte ich die deinigen vorzeitig
verfinstern dürfen? Du sagtest mir zuweilen, es sei grausam, eine
süß Schlummernde zu wecken, und littest es nicht. Ich aber bin nicht
grausam." "Du bist es", erwiderte sie, "sonst hättest du mich nicht
so bitter getäuscht, sondern mich gerufen und dich von mir pflegen
lassen."
"Niemand durfte darum wissen", sagte er.
"Und dein Arzt? Der mußte es wissen, und ich zürne ihm, daß er mich
belogen hat, da ich an ihn schrieb und ihn beschwor, mir die Wahrheit
zu sagen!"
"Der arme Numa!" sagte der Feldherr. "Er ist schon unglücklich genug,
daß er mich nicht heilen kann. Er riet mir damals eine lange Ruhe
auf Ischia, ich aber sagte ihm: Es ist umsonst. Doch wozu dies
alles?... Wohin gedenkst du zu gehen, Victoria?"
"Nein, Ferdinand, sprich! Verheimliche mir nichts mehr!"
"Es ist umsonst, sagte ich ihm, die Lunge ist durchbohrt und das Herz
leidet. Friste mich, Numa! Ziehe mich hinaus, in den Sommer, in den
Herbst, bis zu den ersten Flocken! So viel Zeit brauche ich, meinen
Sieg zu vollenden. Und vor allem, sagte ich, halte reinen Mund!
Niemand erfahre unser Geheimnis! Es würde die Kräfte des Feindes
verdreifachen und mich und mein Heer verderben. Noch einmal,
schweige! Ich will es! gebot ich ihm... Und ich habe das Leben
geheuchelt, so gut, daß mir Italien den Brautring bot!" Er lächelte.
"Und ich werde noch einmal zu Pferde sitzen! Du aber, Victoria,
gelobst mir--doch kein Gelübde, du tust es mir zuliebe--, nicht
ungerufen mir nachzueilen durch die Staubwolke meines Marsches und
über blutgetränkte Felder. Auch würdest du dem Kriegsvolke zu
spotten geben, nicht über dich, gut und schön wie du bist, sondern
über den verhätschelten Feldherrn. Also du bleibst. Aber wo? Hier?"
Victoria besann sich, trostloses Leid in den Zügen. Dann sagte sie:
"Gestern, wie ich herritt, kam ich, schon im Weichbilde der Stadt, an
einem kleinen Frauenkloster vorüber. Es heißt, wie ich erfuhr,
Heiligenwunden. Dort will ich deines Rufes harren, Buße thun und für
deine Genesung beten."
"Für meine Genesung?" lächelte er. "Tue das. Auch wirst du dich in
Heiligenwunden nicht langweilen; das Kloster, höre ich, hat herrliche
Stimmen und ist berühmt wegen seines Chorgesanges. Reiten wir hin,
bald, jetzt da es frisch und der Staub der Heerstraße noch nicht
aufgewühlt ist." Er ging leichten Schrittes durch den Park nach dem
alten Schlosse hinüber, um satteln zu lassen.
Victoria folgte mit langsamen Schritten, und da sie Numa den Arzt
erblickte, der sich nach der Nacht des Feldherrn zu erkundigen kam,
ging sie auf ihn zu mit schmerzlich bewegter Miene: sie wollte ihm
vorwerfen, daß er ihr die Wirklichkeit verhehlt, und zugleich ihn
beschwören, mit den letzten Mitteln und Geheimnissen seiner Kunst das
geliebte Leben zu fristen. Da aber der Arzt die Colonna kommen sah,
streckte er in dem Gefühle seiner Ohnmacht die zitternden Hände
abwehrend gegen sie aus, als flehe er: Schone meiner, ich vermag
nichts! Sie verstand die Gebärde und ging ihres Weges, an Ippolito
vorüber, der das Knie vor ihr bog und den sie nicht gewahr wurde, zum
großen Herzeleid des Knaben.
Im Schloßhofe fand sie den schwer und kostbar geschirrten Rappen
Pescaras und ihren ebenfalls gesattelten falben Berber. Der Feldherr
hob sie zu Pferde, und sie ritten unter grüßendem Trommelwirbel über
die sich senkende Zugbrücke hinaus in die unabsehbaren Reisfelder der
lombardischen Ebene. Ihnen folgte in gemessener Entfernung ein
Reitknecht des Pescara, ein von südlicher Sonne geschwärzter
Kalabrese, und auf einem Maultier die römische Zofe Victorias.
Hinter den Reisenden verhallten im Schloßhof die ungehörten Hilfrufe
des vergessenen Kanzlers. Er war aus schlimmen Träumen erwacht und
schon in der Frühe durch die Gärten geirrt, immer wieder an Mauern
und Wälle gelangend, hier von deutschen, dort von spanischen
Wachtposten beobachtet. Die Schwaben ergötzten sich weidlich an
seinem ausschweifenden Gebärdenspiel, während die Spanier
einverstandene schadenfrohe Blicke tauschten: sie zweifelten nicht,
der Feldherr habe den Minister des Feindes in die Falle gelockt, und
versprachen sich, ihn morgen, wenn er dem Heere nachgeschleppt würde,
nach Herzenslust zu quälen und gründlich auszuplündern. Endlich war
er in das Rondell gekommen und erschöpft auf dieselbe Bank gesunken,
wo er gestern den schlummernden Pescara gefunden und belauscht hatte.
Da vernahm er den Salut der Torwache, rannte nach dem Schloßhof und
wollte über die Brücke nachstürzen. Von dem Posten mit
vorgestreckten Hellebarden empfangen, sah er jammernd den Feldherrn
und Victoria in den Dunst der Ferne entschwinden.
Es war nach einem leuchtenden ein trüber Tag. Kein Windhauch und
nicht der leiseste Versuch einer Wolkenbildung. Keine Lerche stieg,
kein Vogel sang, es dämmerte ein stilles Zwielicht wie über den
Wiesen der Unterwelt. Das Frauenkloster wurde sichtbar und
vergrößerte langsam seine friedlichen Mauern. Freilich ritten die
beiden fast nur im Schritte, die verwitwende Victoria in tiefem
Schweigen, während, durch einen wunderbaren Gegensatz, das Gedächtnis
des jetzt ausruhenden Feldherrn auf leichten und liebenden und
inbrünstigen Schwingen in die Jugend zurückkehrte und die an seiner
Seite Trauernde wieder in die reizenden und rührenden Gestalten des
knospenden Mädchens und der zärtlichen Braut verwandelte. Er
enthielt sich nicht, sie an kleine Dinge jener glücklichen Tage zu
erinnern, aber er gewann ihrer Kümmernis kein Lächeln ab. Er war
seines lastenden Geheimnisses ledig, dessen Bitterkeit sie jetzt auf
einmal und in vollen Zügen kostete.
Nun waren sie schon so nahe, daß sie Chorgesang im Kloster vernahmen.
"Was singen sie dort?" fragte er gleichgültig. "Ich meine, ein
Requiem", sagte sie.
Wie sie vor dem Kloster abstiegen, da siehe, trat ihnen aus der
Pforte die Äbtissin entgegen, hinter sich zwei bescheidene Nonnen.
Sie mochte irgendein Kind in ein Reisfeld auf die Lauer gelegt haben,
das nun auf schnellen nackten Füßen vorausgelaufen war. Die Äbtissin
hatte die Ankunft Donna Victorias in Novara schon gestern in
Erfahrung gebracht und sich gleich geschmeichelt, die gottesfürchtige
und leutselige Frau werde Heiligenwunden nicht unbesucht lassen, denn
das Kloster besaß neben den geschulten Stimmen seines Chores noch
eine größere Auszeichnung: die mystische und täglich sterbende
Schwester Beate, welche die blutigen Male an ihrem kranken und
abgezehrten Leibe trug. Die unternehmende und beherzte Äbtissin
hatte sich vorgenommen, von der Colonna, der sie Macht über den
Gatten zutraute, den Nachlaß einer schweren Kriegssteuer zu erbitten,
welche der gottlose und habgierige Feldherr--dieses Rufes genoß
Pescara bei der italienischen Klerisei--zuwider den kanonischen
Sätzen und gegen alle Billigkeit auf die Güter des Klosters gelegt
hatte. Daß aber der Feldherr, der es vermied, eine christliche
Stätte zu betreten, Madonna Victoria begleiten würde, war der
Äbtissin nicht im Traume eingefallen.
Sie begrüßte, eine angenehme Frau mit dunkeln, klugen Augen und
blassen, gefälligen Zügen, das hohe Paar in wenigen gewählten Worten.
Dann schwieg sie aufmerksam, die Rede Pescaras erwartend, dessen
edle Erscheinung ihr Eindruck machte.
"Ehrwürdige", begann der Feldherr, "Donna Victoria wünscht während
des Feldzuges, den ich morgen beginne und dessen Dauer ich auf eine
Woche berechne, ein paar ruhige und fromme Tage hier in Eurem
Konvente zu genießen, bis ich sie nach Mailand rufen werde, nach
vollendetem Kampfe. Habet Ihr ein schickliches Gemach zu vergeben?"
Rasch erwiderte die Äbtissin, das ihrige stehe zu Gebote.
"Ich verlange eine einfache Zelle wie die der geringsten Schwester,
mit dem gewöhnlichen Geräte", sagte Victoria, deren Blässe die
Äbtissin befremdete. Aber sie schrieb dieselbe der begreiflichen
Sorge um den zu Felde ziehenden Gatten zu.
"Wenn sich Donna Victoria eingerichtet hat", schloß Pescara, "werde
es mir gemeldet. Ich habe noch mit ihr zu sprechen und bitte,
Klausur und Zelle betreten zu dürfen. Ausnahmsweise, da ich dem
Kloster wohlwill. Ihr findet mich in der Kirche." Er verneigte sich
und schritt auf diese zu.
Victoria fragte, was die Nonnen gesungen hätten, und erhielt die
Antwort: "Ein Requiem. Für die junge Julia Dati, die Enkelin unsers
greisen Arztes, welche in Rom gestorben ist." Dann folgte sie der
Äbtissin, während die beiden Nonnen zugeflüsterte Befehle
auszurichten gingen. Indessen durchmaß der Feldherr, ohne das Haupt
zu entblößen oder irgendeine der üblichen Devotionen zu verrichten,
die Länge der Kirche mit festem Gange, die Arme über dem Panzer
kreuzend. Er hatte sich, da er auf dem Heimritte seinen in Novara
feldmäßig einrückenden Truppen begegnen mußte, leicht behelmt und
beharnischt und schritt wie ein Held und Herrscher auf der Stätte des
Gebetes und der Demut.
"Nein", sprach er zu sich mit geschlossenem Munde, "es sei heute das
letztemal. Ich will von ihr Abschied nehmen als ein Lebender. Ich
will es ihr ersparen, mich leiden zu sehen. Sie soll mich
wiederfinden, wenn ich ruhe."
Sich allein glaubend, wurde er durch das Gitter des Chores belauscht.
Diesen hatten die Nonnen wieder betreten, auf das Geheiß der
Äbtissin, denn Pescara sollte die Stimmen ihres Klosters hören.
Selbst die mystische Beate war gekommen und vereinigte ihren
schwärmerischen Blick mit demjenigen vieler feurig braunen oder
schwarzen Augen, welche die Heldengestalt verschlangen. Alle
versammelten Himmelsbräute priesen die Colonna selig und beneideten
ihre irdische Lust, während die glücklich Geglaubte nicht ferne davon
in einer Zelle mit gerungenen Händen verzweifelte. Auch Schwester
Beate erlag der Versuchung, diesen stolzen Herrn der Welt zu
bewundern, überwand sich aber tapfer und flehte den Himmel inbrünstig
an, der Colonna zum Heil ihrer Seele ihren Abgott zu entreißen. Aber
diese heftigen Gefühle wichen dem harmloseren der Eitelkeit. Nach
dem Geflüster einer kleinen Beratung und einem leisen Räuspern
intonierten die Schwestern jubelnd ihr Prachtstück, ein Tedeum, das
sich auch für den Sieger von Pavia besser eignete als irgendeine
andere Prosa oder Sequenz.
Und er hätte wohl gelauscht, aber er stand regungslos, wie gebannt
vor dem gekreuzigten und schon entseelten Christus eines großen
Altarbildes, dessen helle Farben noch in voller Frische leuchteten.
Doch es war nicht das göttliche Haupt, das er beschaute, sondern er
betrachtete den Kriegsknecht, der seine Lanze in den heiligen Leib
stieß. Dieser war offenbar ein Schweizer; der Maler mußte die Tracht
und Haltung eines solchen mit besonderer Genauigkeit studiert oder
frisch aus dem Leben gegriffen haben. Der Mann stand mit gespreizten
Beinen, von denen das linke gelb, das rechte schwarz behost war, und
stach mit den behandschuhten Fäusten von unten nach oben derb und
gründlich zu. Kesselhaube, Harnischkragen, Brustpanzer, Arm- und
Schenkelschienen, rote Strümpfe, breite Schuhe, nichts fehlte. Aber
nicht diese Tracht, die er zur Genüge kannte, fesselte den Feldherrn,
sondern der auf einem Stiernacken sitzende Kopf. Kleine blaue,
kristallhelle Augen, eingezogene Stumpfnase, grinsender Mund, blonder,
krauser Knebelbart, braune Farbe mit rosigen Wangen, Ohrringe in
Form einer Milchkelle, und ein aus Redlichkeit und Verschmitztheit
wunderlich gemischter Ausdruck. Pescara wußte gleich, mit dem
Gesichtergedächtnis des Heerführers, daß er diesen kleinen,
breitschultrigen, behenden Gesellen, dessen schwarzgelbe Hose den
Urner bedeutete, schon einmal gesehen habe. Aber wann und wo? Da
schmerzte ihn plötzlich die Seite, als empfinge er einen Stich, und
jetzt wußte er auch, wen er da vor sich hatte: es war der Schweizer,
der ihm bei Pavia die Brust durchbohrt. Kein Zweifel. Den
Lanzenstoß des neben ihm an die Erde Geduckten empfangend, hatte er
einen Moment in dieses kristallene Auge geblickt und diesen Mund
vergnüglich grinsen gesehen. Nach der Erkennung machte das
unerwartete Wiederfinden auf den Feldherrn weiter keinen Eindruck,
und mit freundlicher Miene fragte er die Äbtissin, die jetzt neben
ihm stand, um ihn zu Donna Victoria abzuholen, wer das gemalt hätte.
Sie antwortete, die Augen flüchtig niederschlagend: "Zwei Mantovaner,
begabte junge Leute, aber von bedenklichen Sitten, die das Kloster
gerne wieder scheiden sah."
Da Pescara die Zelle öffnete, sah er Victoria auf den Knien liegen.
Eine Weile schaute er schweigend, als wolle er nicht stören, durch
ein Fenster des gekuppelten Rundbogens, in dessen Brüstung er sich
gesetzt hatte, auf Rasenhügel und Grabkreuze, endlich fragte er: "Was
tust du, Victoria?"
"Buße", sagte sie.
"Für wen?"
Sie erhob sich und antwortete mit noch gefalteten Händen: "Ich tue
Buße für mich und Euch und Italien. Für dieses seiner stolzen Frevel
und ungewöhnlichen Sünden wegen, an denen es zugrunde gehen wird, da
Ihr der einzige waret, der es retten konnte. Für mich, weil ich
gekommen bin, Euch in Versuchung zu führen. Für Euch, da Ihr diese
Erde verlassen wollet. Ich habe gebetet für Euer unvergängliches
Teil, aber der Himmel"--sie schüttelte traurig das Haupt--"hat mich
noch nicht erhört."
Er zog sie auf die Bank der Fensterbrüstung und nahm sie bei der Hand,
wie der Bruder die Schwester. Eine Lust, sich hinzugeben, überkam
ihn, sei es, weil das Geheimnis zwischen ihm und seinem Weibe
weggenommen war, oder in dem unbewußten Wunsche, das letzte
Beisammensein zu verlängern.
"Kleingläubige", begann er heiter, "überlasse mich meinem dunkeln
Beschützer! Als ein Knabe glaubte ich mit der Mutter, die eine
Heilige war, an das, was die Kirche verheißt; jetzt sehe ich rings
das Fluten der Ewigkeit. Der Todesengel war mir nahe, schon in
meiner ersten Schlacht, da, von ihm bezeichnet, mein
Zeltgenosse--dein Bruder, Victoria--lautlos, eine Kugel im Herzen,
zusammenbrach. Ich habe ihm manche Hekatombe geschlachtet, und auch
er hat mich oft, fast auf jeder Walstatt, grüßend berührt; denn es
scheint, ich bin verwundbarer als andere. Aber Zeit hat es gebraucht,
bis ich den Schnitter lieben lernte. Noch in den Wochen nach Pavia,
da ich wußte, daß er mich erwählt hatte, habe ich mich gegen ihn
gesträubt und aufgebäumt und empört wie ein trotziger Jüngling.
Allmählich aber ahnte ich, und jetzt bin ich gewiß, daß er die rechte
Stunde kennt. Der Knoten meines Daseins ist unlösbar, er
zerschneidet ihn."
Die bleiche Victoria hing an seinen Lippen und staunte mit starren
Augen, als sehe sie den herrlichsten Palast brennen und von der
lodernden Flamme jeden Säulenknauf beleuchtet.
"Ich sage dir, Weib", fuhr er fort, "mein Pfad versinkt vor mir! Ich
gehe unter an meinen Siegen und an meinem Ruhme. Wäre ich ohne meine
Wunde, dennoch könnte ich nicht leben. Drüben in Spanien Neid,
schleichende Verleumdung, hinfällige und endlich untergrabene
Hofgunst, Ungnade und Sturz; hier in Italien Haß und Gift für den,
der es verschmäht hat.
Wäre ich aber von meinem Kaiser abgefallen, so würde ich an mir
selbst zugrunde gehen und sterben an meiner gebrochenen Treue, denn
ich habe zwei Seelen in meiner Brust, eine italienische und eine
spanische, und sie hätten sich getötet. Auch glaube ich nicht, daß
ich ein lebendiges Italien hätte schaffen können. Zwar es trägt die
strahlende Ampel des Geistes, doch es hat sich aufgelehnt in der
unbändigen Lust eines strotzenden Daseins gegen ewige Gesetze. Es
büße, du hast es gesagt, Victoria; in Fesseln leidend, lerne es die
Freiheit. Dieses spanische Weltreich aber, das in blutroten Wolken
aufsteigt jenseits und diesseits des Meeres, erfüllt mich mit Grauen:
Sklaven und Henker. Ich spüre die grausame Ader in mir selbst. Und
das Entsetzlichste: ich weiß nicht, welcher mönchische Wahnsinn!
Dein verderbtes Italien aber ist wenigstens menschlich."
Victorias Augen verklärten sich, da sie sah, daß Pescara Italien
liebte. "Du hättest ihm Freiheit und Freiheit ihm Tugend gegeben!"
rief sie, doch Pescara fuhr fort, als hätte er nicht gehört: "Nun
aber bin ich aus der Mitte gehoben, ein Erlöster, und glaube, daß
mein Befreier es gut mit mir meint und mich sanft von hinnen führen
wird. Wohin? In die Ruhe. Und jetzt laß uns scheiden, Victoria."
Er wollte ihr die Tränen vom Auge küssen, fand aber den zärtlichsten
Mund, der ihm entgegenkam.
"Noch eines", sagte er, "Laß die Welt über mich urteilen, wie sie
will. Ich bin jenseits der Kluft. Lebe wohl! Begleite mich nicht!
Besuche mich in Mailand, aber nicht, bevor ich rufe!"
Victoria versprach, um nicht Wort zu halten.
Da Pescara sich bei der Äbtissin verabschiedete, brauchte sie ihr
Anliegen gar nicht auszusprechen. Der Feldherr gewährte den Nachlaß
der Kriegssteuer als ein selbstverständliches Gegengeschenk für die
seinem Weibe gegebene Herberge. Über dieses Ende einer ökonomischen
Bedrängnis und eines schmalen Tisches ward eine solche Freude im
Kloster, daß die Schwestern zu Ehren ihres Gastes die Tafel mit den
ausgesuchtesten Leckerbissen besetzten. Doch Victorias Platz blieb
leer. Sachte ritt Pescara, von den Segnungen des Klosters begleitet,
gegen die Thürme der Stadt zurück. Sein feuriger Rappe schien sich
über den gemessenen Gang zu wundern. Die auf der Ebene gellende
Feldmusik und die überall marschierenden Truppen verrieten ihm den
Beginn eines Feldzuges. Er schnoberte, als wittere er schon den
Pulverdampf, und schritt stolz, als trage er den Sieg.
Abschied ist schwer, dachte der Feldherr, ich möchte ihn nicht
wiederholen. Noch einmal hatte sich das Leben an ihn gedrängt und er
das Beste des Daseins, Schönheit und Herzenskraft, in den Armen
gehalten. Der Jüngling war in ihm aufgelodert, und wenige
Augenblicke, nachdem er Viktorien so erbaulich zugeredet, lehnte er
sich auf gegen die Vernichtung. Das edle Blut, das in den
sterblichen Adern rinnt, die Thatkraft, empörte sich gegen den ewigen
Frieden. Ein Zorn blitzte auf in seinen hellen grauen Augen gegen
seinen Mörder, den er im Bilde wiedererblickt, und er schlug mit der
gepanzerten Rechten gegen seine Brust, als zerdrücke er darauf die
Wespe, die ihn gestochen hatte. Jetzt wieherte auch der Rappe und
setzte sich in kurzen Galopp, von dem Feldherrn unwissentlich mit der
Ferse berührt oder so verwachsen mit ihm, daß er seinen Unmut
mitfühlte.
In dieser Stimmung gewahrte Pescara auf einem nahen Reisfelde die
wechselnden Stellungen eines tollen Kampfes, welcher dasselbe
zerstampfte. Ein einzelner wehrte sich verzweifelt gegen eine
Übermacht. Der zerlumpte kleine Kerl in gelben und schwarzen Fetzen
focht wütend mit seiner Speerhälfte wider ein Dutzend Spanier. Zweie
hatte er hingestreckt, wurde jetzt aber von den übrigen überwältigt,
und schon saß ihm eine Schwertspitze an der Kehle, als der auf ihm
kniende Spanier von einem andern zurückgerissen wurde, welcher auf
den heransprengenden Feldherrn deutete.
Pescara winkte, und der Trupp mit dem Gefangenen folgte ihm unter
eine mächtige Eiche, die an der Landstraße stand, weitum der einzige
Baum in der schwülen Ebene. Der Feldherr stieg ab und lehnte sich an
den bemoosten Riesenstamm. Seine Brust keuchte von dem raschen Ritt,
und es kam ihm gelegen, sie zu beruhigen, Rast haltend unter dem
Vorwand eines Verhöres.
Der spanische Wachtmeister berichtete: sie hätten einen Schweizer
durch das Getreide laufen sehen, wohl einen Versprengten von Pavia,
welcher bislang sich irgendwo untergeduckt, und ihn gehascht, da es
möglicherweise ein mailändischer Spion sei. Seinen Vortrag
beendigend, blickte der spanische Spitzbart zu einem starken Aste auf,
welchen die Eiche waagerecht hervorstieß.
Pescara deutete die Spanier weg, die sich in einiger Entfernung
wachehaltend verteilten, und musterte dann den Schweizer vom Wirbel
zur Zehe. So verrostet der Harnisch und so zerlumpt das schwarzgelbe
Unterkleid war, erkannte er doch gleich die Tracht des Klosterbildes
und nicht minder die glitzernden Äuglein, und jetzt, wahrhaftig,
verzog der vor ihm Stehende sein Gesicht zu jenem lächelnden Grinsen,
sei es aus Angst, sei es, weil auch er sich den Feldherrn ins
Gedächtnis zurückrief.
"Heb auf und gib", befahl dieser und zeigte auf den Lanzenstumpf,
welchen einer der Kriegsknechte zu den Füßen des Gefangenen geworfen
hatte, als Beweisstück für die Verwundung seiner Kameraden. Es war
eine vordere Spießhälfte, deren Spitze blutete. Der Schweizer
gehorchte, und der Feldherr betastete prüfend die Spitze mit dem
Finger; dann warf er den Stummel weg.
"Wie heißest du?" fragte er.
"Bläsi Zgraggen aus Uri", war die Antwort.
Der Feldherr verzichtete darauf, diesen unmundlichen Geschlechtsnamen
zu wiederholen, der von dem zerrissenen Kamm eines Schweizergebirges
zu stammen schien, und bediente sich des Vornamens, welchen er
italianisierte. "Biagio", sagte er, "du hast mir zwei Leute
verwundet; ich denke, ich lasse dich hier aufknüpfen."
Bläsi Zgraggen versetzte trotzig: "Lasset Ihr mich henken, so ist es
weniger wegen dieses letzten Handels, sondern eher, weil ich--"
"Schweig!" gebot der Feldherr. Er konnte sich rächen, indem er dem
Kriegsrechte freien Lauf ließ, aber eine solche Rache weder sich
selbst noch seinem Opfer eingestehen. "Wie bist du hier
zurückgeblieben?" fragte er.
Zgraggen, der ein geläufiges Lombardisch sprach, begann herzhaft:
"Auf dem Felde von Pavia wurde ich verwundet und niedergeritten und
lag, den geknickten Spieß neben mir. Nächtlicherweise schleppte ich
mich dann den Bergen zu, hungernd und bettelnd. Herr, sehet Ihr
rechts von den zwei Pappeln das lange, rote Dach? Dort haust die
Narracivallia mit ihrem Manne. Dieser dingte mich zur
Feldarbeit--bis sich der Krieg verzogen hätte, jetzt käme ich doch
nicht über die Grenze. Hernachmals machte mir die Narracivallia
Augen. Da erschienen mir im Schlaf der Vater und die beiden
Großväter, die mir alle noch daheim leben, wenn auch die Ahnen in
großer Schwachheit. Zuerst kam der Vater, hob den Finger und sagte:
'Nimm dich in acht, Bläsi!' Dann kam der väterliche Ahn, faltete die
Hände und sagte: 'Denk an deine Seele, Bläsi!' Zuletzt kam der
mütterliche Ahn, zeigte die Tür und sagte: 'Lauf, Bläsi!' Da schoß
ich auf und suchte meine Kleider. Freilich meine seidenen Handschuhe
und meinen gekettelten Kragen hatte mir die Narracivallia
abgeschwatzt, um damit in der Kirche Staat zu machen. Ich war nur
noch meines halben Verstandes mächtig und verlor auch diesen, da ich
im Morgenlicht bei Heiligenwunden eintrete zum Englischen Gruß
und--denket Euch meinen Schrecken--mich selber erblicke, wie ich
leibe und lebe und Gott ersteche!"
"Ei", lächelte Pescara.
"Ein Schelmstück!" zürnte Zgraggen. "Wisset, Herr, ein paar Pinsler
hatten sich zeither mit ihrem Zeuge da herumgetrieben und ließen sich
einmal in der Meierei ein Glas Milch geben. Der eine faßte mich ins
Auge. 'Da haben wir, den wir brauchen', sagt er und beschaut mein
Schwarzgelb. 'Mann, holt Euern Spieß und Harnisch.' Ich tue ihm den
Willen. Jetzt heißt mich der Pinsler die Beine spreiten, spreitet
sie gleichfalls und reißt mich ab auf ein Stück Leinwand. Dann
versprachen mir die Spitzbuben, mein Konterfei zu hohen Ehren zu
bringen, ich aber stehe in Heiligenwunden und steche in den Salvator!"
Der Feldherr empfand ein gewisses Wohlwollen für den ehrlichen
Gesellen. "Nimm", rief er in einer seltsamen Laune und streckte dem
Urner seinen vollen Beutel entgegen. Dieser nahm ihn mit der Rechten
und ließ die Goldstücke zählend in die Linke gleiten, ernsthaft und
bedächtig. Dann schob er die Dukaten in die Tasche und wollte den
Beutel dem Feldherrn zurückstellen.
"Behalte! Er hat goldene Schleifen!"
Der Urner schickte den Beutel den Dukaten nach. "Wo stellet Ihr mich
ein, Herr?" fragte er. Er konnte sich nichts denken, als daß ihn
Pescara geworben und ihm Handgeld gegeben habe.
Pescara erwiderte: "Ich habe dich nicht gedingt, und ich meine,
nachdem dich die dreie so ernst vermahnt haben, kehrst du am besten
in deine Heimat zurück und nährst dich redlich, wie es im Sprichwort
heißt."
"Aber warum denn schenkt Ihr mir so viel Geld, wo ich Euch nichts
zuliebe gethan habe?" fragte Zgraggen. Sondern viel Leides, setzte er
in Gedanken hinzu. Diese Vergeltung Pescaras überstieg das
Fassungsvermögen des Urners und beängstigte seine Rechtlichkeit.
"Aus Großmut", scherzte der Feldherr.
Bläsi kannte das Wort nicht. Da fiel ihm ein, es werde Großtun
bedeuten, und da er im Lager oft gesehen hatte, wie Prahlerei das
Geld mit vollen Händen wegwirft, beruhigte er sich dabei. "Ja so",
sagte er. Pescara aber winkte, sein Roß vorzuführen.
"Und damit du durchkommst", sprach der Feldherr schon im Bügel, "nimm
noch das." Er warf ihm eine Passiermarke zu, und wenig fehlte,
Zgraggen hätte gedankt. Wenigstens wollte er noch langes Leben
wünschen; aber den Feldherrn zum Abschied anschauend, erkannte er das
Siechtum in diesem Antlitze mit seinen Älpleraugen, welche das alle
Welt täuschende geistige Leben desselben nicht bestach.
Unwillkürlich wünschte er: "Gott gebe Euch selige Urständ, Herr!"
Dann über seine eigene Rede und ihre böse Bedeutung bestürzt, lief er
querfeldein mit seinem halben Spieße, den er sorglich aufgehoben und
nun als Reisestab führte. Die Spanier hatten verwundert zugesehen,
der alte Wachtmeister aber schüttelte bedenklich und abergläubisch
den Kopf über die seltsame Freigebigkeit seines sparsamen Feldherrn.
Der Trupp, welcher den Urner gefangen hatte, gehörte zu dem
Heerhaufen, der jetzt in einer Staubwolke hinter schlagenden Trommeln
heranrückte. Der Feldherr ritt seinen Tapfern entgegen, von
brausendem Jubel empfangen, und lenkte das Roß zwischen die Feldmusik
und die erste Kompanie, deren Hauptmann ehrerbietig Raum gab.
Eine Weile blieb er allein an der Spitze der Truppen. Da nahte von
Novara ein Reitender in weißem Mantel und gesellte sich zu ihm.
Zusammen ritten sie durch das Schloßtor. Schweigend folgte der
Begleiter dem Gange Pescaras und überschritt hinter ihm die Schwelle
des Gemaches.
Pescara wendete sich. "Was wollt Ihr, Moncada?" fragte er, und
dieser antwortete: "Eine Unterredung ohne Zeugen, die Ihr mir nicht
zum zweiten Male verweigern werdet."
"Ich stehe zu Diensten."
"Erlaucht", begann der Ritter, "ich habe, wie Ihr erlaubtet, den
Kanzler drüben gesprochen. Er war voller Angst und Blässe und
beteuerte mit tausend Eiden, er sei gekommen, Aufschub und leichtere
Bedingungen zu erlangen, nur dieses habe ihn nach Novara geführt.
Dann schwatzte er wild durcheinander wie das böse Gewissen. Dieser
Mensch ist ein Abgrund von Lüge, in welchem der Blick sich verliert.
Ich bin sicher, daß er im Namen der Liga hier ist."
"Nicht anders", sagte der Feldherr.
"Und daß er Euch die Führung derselben angeboten hat?"
"Nicht anders."
Jetzt entstand Lärm im Vorzimmer. Ippolito beiseite werfend,
verwildert, mit rasenden Mienen und verrückten Augen stürzte der
Kanzler herein. Ihm folgten auf dem Fuße, beide schon gepanzert,
Bourbon und Del Guasto, denen er auf dem Gange begegnet und die ihn
zurückhalten wollten. In Verzweiflung warf er sich dem Feldherrn zu
Füßen, während Moncada langsam in den Hintergrund zurückwich.
"Mein Pescara", schrie der Geängstigte, "alle Geduld nimmt ein Ende!
Ich kann die Marter nicht länger ertragen. Jede Minute dehnt sich
mir zur qualvollen Ewigkeit. Ich vergehe. Sei barmherzig und gib
mir deine Antwort!"
Pescara erwiderte mit Ruhe: "Vergebet, Kanzler, wenn ich Euch habe
warten lassen. Meine Zeit war nicht frei, doch eben wollte ich nach
Euch schicken. Eure gestrige Rede hat mich beschäftigt, denn das Los
eines Volkes ist keine Kleinigkeit--aber bitte, setzet Euch, ich kann
nicht sprechen, wenn Eure Gebärden so heftig dareinreden."
Der Kanzler packte krampfhaft die Lehne eines Sessels.
"Ich habe die Sache gewogen... doch, Kanzler, lassen wir zuerst alles
Persönliche, denket weg von Euch selbst und von mir, es bleibt die
Frage: Verdient Italien zu dieser Stunde die Freiheit und taugt es,
so wie es jetzt beschaffen ist, sie zu empfangen und zu bewahren?
Ich meine nein." Der Feldherr sprach langsam, als prüfe er jedes
seiner Worte auf der Waage der Gerechtigkeit.
"Zweimal hat Freiheit in Italien gelebt, zu verschiedenen Zeiten. In
der beginnenden römischen Republik, da das Staatswohl alles war.
Dann in jenen herrlichen Gemeinwesen, Mailand, Pisa und den andern.
Jetzt aber steht es an der Schwelle der Knechtschaft, denn es ist los
und ledig aller Ehre und jeder Tugend. Da kann niemand helfen und
retten, weder ein Mensch noch ein Gott. Wie wird verlorene Freiheit
wiedergewonnen? Durch einen aus der Tiefe des Volkes kommenden Stoß
und Sturm der sittlichen Kräfte. Ungefähr wie sie jetzt in Germanien
den Glauben erobern mit den Flammen des Hasses und der Liebe.
Aber hier! Wo in Italien ist, ich sage nicht Glaube und Gewissen, da
das für euch veraltete Dinge sind, sondern nur Rechtssinn und
Überzeugung? Nicht einmal Ehre und Scham ist euch geblieben, nur die
nackte Selbstsucht. Was vermöget ihr Italiener? Verführung, Verrat
und Meuchelmord. Worauf zählet ihr? Auf die Gunst der Umstände, auf
die Würfel des Zufalls, auf das Spiel der Politik. So gründet, so
erneuert sich keine Nation. Wahrlich, ich sage dir, Kanzler"--und
Pescara erhob die Stimme wie zu einem Urteilsspruch--"dein Italien
ist willkürlich und phantastisch, wie du selbst es bist und deine
Verschwörung!"
"Wahrheit", ließ sich die Stimme Moncadas vernehmen.
"Auch der Held, Morone, den ihr euch erwählt habet, entbehrt des
Daseins."
Doch diese leisen letzten Worte Pescaras wurden überschrien. Morone
hatte schnell den Kopf gewendet und den Ritter erblickt: wie er
seinen Anschlag dem Spanier preisgegeben sah, geriet er in Wut, seine
Züge verzerrten sich, und er tobte wie ein Besessener. "Falsch und
grausam! Falsch und grausam! O ich mit Blindheit Geschlagener!"
Dann von sinnloser Rachgier überwältigt, schrie er gegen Moncada:
"Wisset es, Ritter, dieser"--er wies auf den Feldherrn--"ist der
Schuldige! Seinetwillen die ganze Verschwörung! Ich bin seine
Kreatur, und nun opfert mich der Unmensch!"
Jetzt sprang der Herzog dazwischen, der mit Del Guasto hinter Pescara
stehend den leidenschaftlichen Auftritt genoß. "Saute, Paillasse mon
ami, saute pour tout le monde!" verhöhnte er Morone. "Ja, wenn wir
nicht gelauscht hätten, wir zweie, hinter dem roten Vorhang und der
goldenen Quaste dort! Ich muß dir das mal erzählen, Schatz, es ist
zum Totlachen. Hörtest du nicht, wie ich dich auspfiff?" Dann
plötzlich ernst werdend, richtete er den Blick fest auf Moncada,
legte die Hand auf die Brust und beteuerte: "Bei meinem königlichen
Blute, der Feldherr hat in jener gestrigen Stunde nicht haarbreit
geschwankt in seiner Ehre und Treue!"
Morone war vernichtet. Del Guasto legte Hand an ihn und zog ihn mit
sich fort. "Herr Kanzler", spottete er, "bedanket Euch, unser
Lauschen erspart Euch die Folter." Auch der Herzog ging, einer
bittenden Gebärde Pescaras gehorchend.
"Erlaucht", begann Moncada, "hier bin ich überzeugt. Mit diesem
habet Ihr nur Euer Spiel getrieben, vielleicht herablassender, als
für spanischen Stolz sich geziemte. Mit einem solchen Menschen
konspiriert kein Pescara. Aber, Erlaucht, in seiner ohnmächtigen Wut
hat dieser Verlogene Wahrheit gesprochen, wenn er Euch beschuldigte,
der Urheber der italienischen Verschwörung zu sein. Nicht der
Urheber, aber der Begünstiger. Sie nicht entmutigend, habet Ihr sie
genährt und großgezogen. Es war leicht, ein entschiedenes Wort zu
sprechen und ihr Halt zu gebieten mit einer entrüsteten und weithin
sichtbaren Gebärde. Das habet Ihr nicht gethan. Ihr stundet als eine
dunkle und deutbare Gestalt."
"Ritter", unterbrach ihn Pescara, "nicht Euch habe ich Rechenschaft
zu geben von meinem Thun und Lassen, sondern allein meinem Kaiser."
"Eurem Könige", versetzte Moncada. "Ihn so zu nennen, gebietet Euch
die Ehrfurcht, denn ein König von Spanien ist mehr als der Kaiser.
Und der Enkel Ferdinands wird ein König von Spanien werden. Karl
entwickelt sich langsam, unter verschiedenen und streitenden
Einflüssen, aber sein spanisches Blut wird erstarken und sein
deutsches aufsaugen bis auf den letzten Tropfen. Er verabscheut die
Ketzerei, und seine Frömmigkeit wird ihn zum Spanier machen." Er
sagte das mit einem stillen Lächeln und schwärmerisch erglänzenden
Augen.
"Avalos", fuhr er fort, "deine Väter haben für den Glauben gegen die
maurischen Heiden gekämpft, bis dein Ahn mit jenem Alfons nach Neapel
schiffte. Kehre zu deinem Ursprung zurück! Das edelste Blut fließt
in deinen Adern. Wie kannst du, der das Große liebt, zaudern
zwischen dem spanischen Weltgedanken und den erbärmlichen
italienischen Machenschaften? Unser ist die Erde, wie sie einst den
Römern gehorchte. Siehe die wunderbaren Wege Gottes: Kastilien und
Aragon vermählt, Burgund und Flandern erworben, das gewonnene
Kaisertum, eine entdeckte und eroberte neue Welt, und, das alles
beherrschend, ein gestähltes Volk mit, einem gesegneten, zwiefach in
Heidenblut getauften Schwerte! Was dir jener Elende bot, Spanien
gibt es dir tausendfältig: Schätze, Länder, Ruhm und--den Himmel!
Denn für den Himmel kämpfen wir und für den katholischen Glauben, daß
eine Kirche herrsche auf Erden. Sonst wäre Gott vergeblich Mensch
geworden. Voraussehend, wie in diesen Tagen die Hölle den
Apostolischen Stuhl besudeln und ihre letzte Ketzerei, den
germanischen Mönch, ausspeien werde, erschuf er den Spanier, jenen zu
reinigen und diese zu zertreten. Darum gibt er uns die Welt zur
Beute, denn alles Irdische hat himmlische Zwecke. Ich habe lange
darüber gesonnen in meinem sizilischen Kloster und wähnte, wohl
selbst der Auserwählte zu sein zu diesem geistlichen Kriegsdienste.
Da wurde er mir in einem Gesichte gezeigt, der andere, der Berufene.
Ich war solcher Ehre unwürdig, meiner Sünde wegen, und trat in die
Welt zurück." Pescara schwieg und betrachtete den Verzückten.
"Aber ich wirke, solange es Tag ist. Kein Jahr ist um, ich stand
hinter Ferdinand Cortez, da ihm auf dem Berge der Dämon die goldenen
Zinnen Mexikos zeigte, wie er dir, Pescara, jetzt Italien zeigt.
Diese Hand hielt den Strauchelnden zurück, und nun strecke ich sie
gegen dich, Pescara, daß du ein Sohn Spaniens bleibest, welches die
Welt ist und das der in der Glorie schwebende katholische Ferdinand
beschützt."
Jetzt brach der Feldherr sein Schweigen und zürnte: "Nenne mir jenen
nicht, er hat mir den Vater getötet!"
Moncada seufzte schwer.
"Du bereust?"
Der Ritter schlug sich zerknirscht die Brust und murmelte, mit sich
selbst sprechend: "Meine Sünde... meine Sünde... ungebeichtet und
ungespeist!"
Da erriet Pescara, daß dieser Fromme nicht seinen Mord bereue,
sondern daß er ihn vollbracht an einem geistlich Unvorbereiteten.
"Weiche von mir!" gebot er.
Moncada trat zurück bis zur Schwelle, wie aus einem Traum erwachend.
Dann sammelte er sich und sagte: "Verzeihung, Erlaucht! Ich war
abwesend. Noch ein nüchternes Wort. Ich kenne Euer Ziel nicht.
Noch bin ich nicht Euer Feind. So oder so werdet Ihr Mailand nehmen.
Dieser erste Schritt enthält weder Treue noch Untreue. Ich erwarte
Euern zweiten, ob Ihr den Herzog absetzet und die Empörung strafet.
Tut Ihr es nicht, so verratet Ihr Spanien und Euern König!" Und er
verschwand.
Pescara zog sich zurück und genoß Speise. Dann empfing er vor seinem
flackernden Kaminfeuer, das an einem Herbstabende nicht fehlen durfte,
den Herzog mit Del Guasto und gab ihnen seine letzten Befehle. Den
Rest der Zeit benützte er, um seine geheimen Papiere zu sichten: was
sich um einen Mächtigen dreht, eine Welt von Schlechtigkeit. Er
vernichtete das meiste, es in den Herd werfend: er wollte niemanden
verderben. Auch das Geheimschreiben des Kaisers sollte verschwinden,
doch seine Asche nicht mit der übrigen sich vermengen. Er ließ ein
glimmendes Kohlenbecken bringen, in dessen bläulichen Flämmchen er
den Brief seines Kaisers verbrannte. Als er zu Ende war, hatten sich
seine Kerzen schon zur Hälfte verzehrt: es ging auf Mitternacht.
Pescara kreuzte die Arme über der Brust und verfiel in ein so tiefes
Sinnen, daß er die Schritte eines Eintretenden nicht vernahm. Da
sprach es zu ihm: "Was ist dein Ziel, Avalos?" Er erblickte Moncada.
Der Feldherr griff mit der Hand in das erloschene Kohlenbecken,
schloß sie und streckte sie gegen Moncada. "Mein Ziel?" sagte er und
öffnete die Hand: Staub und Asche.
Jetzt gellten Drommetenrufe durch das Schloß. Trommelwirbel folgten.
Alles geriet in Bewegung. Der Feldherr ließ sich von seiner
Dienerschaft waffnen. Als er bei flackerndem Fackellicht, das sich
auf Speeren und Rüstungen spiegelte, die gepflasterte Halle des
Erdgeschosses betrat, erblickte er sein schwarzes Tier, welches,
kostbar geschirrt, mit ungeduldigen Hufen Funken aus dem Boden schlug,
daneben eine Sänfte mit zwei leichten Trabern. Beide hatte er
befohlen, die Wahl dem Augenblicke vorbehaltend. Mit einem Seufzer
bestieg er die Sänfte, seine wiederbeginnenden Schmerzen darin zu
verbergen, und verschwand durch das Tor, während sein verschmähtes
Schlachtroß sich zornig gebärdete und den Reitknecht, welcher es
besteigen wollte, abwarf. Es mußte seinem Herrn ledig nachgeführt
werden.
Nun wurde auch der gefangene Kanzler gebracht. Spanische Soldaten
umringten ihn, beraubten ihn seiner Kette, seiner Ringe, seines
Beutels und setzten ihn nicht auf sein edles Maultier aus dem
mailändischen Marstalle, sondern rücklings auf einen armseligen Esel,
dessen Schwanz sie ihm nach ihrer grausamen Art durch die gefesselten
Hände zogen. Dann ging es durch das Tor unter einem höllischen
Gelächter, in welches der Kanzler aus Verzweiflung mit einstimmte.