Der Tierkopf schleckt --

Ruth saß schreiend im Bett. Mutter kam hereingestürzt. Ruth konnte nicht

sagen was ihr fehle. Daß das lange, armselige Tiermaul alles war, die

ganze Welt und immer weiter an der Wand saugen mußte. Nein, das konnte

man nicht sagen und sie ließ sich fortwährend von den anderen die

wichtigsten Zeitungsereignisse erzählen.

Damals sehnte sie sich maßlos nach allen Menschen, die sie je gesehen

hatte, am meisten nach einem kleinen, verwachsenen Stubenmädchen, das

ihr vor Jahren Geschichten aus einem böhmischen Dorf erzählt hatte, wo

die Kinder im Hemd im Dorfteich schwammen.

Sie bettelte sich hinter der grauesten Alltäglichkeit durch. Sie

verdurstete vor Sehnsucht, wieder in sie aufgenommen werden zu dürfen.

In eine Sphäre von Geschäftsbesen, Kaffeetassen und Nachtwächtern. Ihr

war jeder Schuhriemen wichtig.

Norbert kam am nächsten Mittwoch. Aber ohne Onkel Gustav. Der lag wieder

elend in seiner Dachkammer.

Norbert war avanciert in seinem Amt. Er unterstand dem Vater seiner

Braut. Alle gratulierten ihm. Ruth schüttelte ihm beide Hände. Er sah

sie an, hundetreu, traurig.

Nach dem Essen setzte er sich in ihr Zimmer auf das kleine, wacklige

Kindersofa. Sie saß neben ihm und dachte: Warum bin ich jetzt nicht in

Australien oder auf einem großen Schiff.

-- Nicht wahr, Ruth, Sie verachten mich? ... -- Ruth sah auf. -- Nein,

warum denn? -- Weil ich avanciert bin. -- Was meinen Sie damit? -- Ach

Ruth, Sie wissen ganz gut was ich meine.

Ruth sah in den winterblauen Nachmittag hinaus und wußte auf einmal, was

er meinte. Sie dachte: Und dann nach Australien mit einem großen Schiff.

Sonnenuntergang weit hinten im Meer und weiße, wehende Schleier. Das

wäre freilich etwas.

Dann sah sie seine graue Weste und dachte an den Spitzeneinsatz der

Braut und mußte fast lachen. -- Nein, Norbert, sagte sie hochmütig, ich

verstehe Sie nicht.

Aber sie sah ihn in der flimmernden Sonne eingezäunt in einer streng

gekrümmten Linie. Seine Grenze. Über die durften seine treuen Hände

nicht hinaus. Wenn er stirbt, dann wird die Linie zum Viereck und macht

Wände und ist der Sarg.

Ruth schauderte und einen Augenblick dachte sie: Ich muß ihm helfen,

vielleicht ihn lieben. Aber sie verstand seinen beamtenbrav

geschniegelten Kopf und ekelte sich vor der schnurgeraden Scheitellinie.

Unmöglich. Da war die Grenze.

-- Wissen Sie schon, daß mein Freund, der Leutnant fast gestorben ist,

sagte Norbert. -- Nein, wieso? -- In einem Duell wegen einer

Ballettänzerin. Zwei Schüsse durch die Lunge.

Ruth sah vor sich dicke rosa Schminke, rosa Ballettröckchen und rosa

glatte Füße. Dazwischen blutend aufgedunsen die Lunge des Leutnants.

Seine schwarzen Zähne. Das war der Tod.

Am nächsten Tag kam die alte Friseurin heulend. Der Arzt habe gesagt,

wenn ihr Bub nicht bald in eine Anstalt käme, sei seine Tuberkulose

nicht mehr heilbar. Ruth schnitt sich mit den Nägeln in die Hände. Was

schreit sie so, Thomas ist doch schon lange tot und das kleine

Ungeheuer, die Nähmaschine ist ein Leichnam, der sich aufbläht mit den

Erlebnissen anderer. Und was will der grüne Bub vom Leben. In einer

Schreibstube geometrische Zeichnungen machen. Keiner kommt bis

Australien.

Mutter versprach, ihr Möglichstes zu tun. Am Abend sagte Ruth

verzweifelt: -- Mutter, müssen wir denn alle sterben?

Richard hatte sich verlobt. Mit Norberts Schwester. Ruth erinnerte sich:

aufgestülpte Nase, aristokratisch tiefe Stimme, dicke kleine Freundin.

Auch gut. Im übrigen war es ihr ziemlich gleichgültig.

Einmal, während des Mittagessens, kam ein Mädchen, bleich, trostlos, das

Richard sprechen wollte. Ruth hatte ihr die Türe geöffnet. Richard war

bei seiner Verlobten. Das Mädchen stöhnte auf. Sie packte Ruth beim Arm:

Helfen Sie mir. Ruth sah ihr in die hübschen Kinderaugen, die voll

Tränen standen und führte sie in den Salon.

Mutter kam dazu. Die alte Geschichte. Das Kanzleimädchen. Mutter weinte

auf und versprach fast flehend zu helfen. Aber sie müsse schweigen, um

Gottes willen.

Als das Mädchen gegangen war, fragte Ruth: Wie willst du ihr helfen?

Mutter sagte: Geld. Und Ruth haßte sie. Sie dachte an das winzige

Geschöpf, das schon im Mutterleib erwürgt wurde von fremden Händen.

Wirklich fremden Händen --

Mutter weinte den ganzen Nachmittag durch: Daß sie keine Ahnung haben

konnte. -- Mir hätte er es doch sagen können, mir, immer habe ich alles

von ihm gewußt, seit er ein ganz kleiner Bub war. Da ist auch nur dieses

Frauenzimmer schuld. Aber er hat mir ja geschworen --

Ruth kam es lächerlich vor, daß Mutter jemals glauben konnte, Richards

Vertraute zu sein. Aber Mutters Augen waren wieder so zerbrochen. Mit

zornbebender Stimme sagte sie: -- Dazu bin ich doch da, um von euch

alles zu wissen. Ruth ging aus dem Zimmer, etwas in ihr rief: Und dann

bist du eben tot.

Wo war Mutters Leben -- bei ihren drei Kindern, in Vaters Grab -- bei

den gelben Phiolen --

Ruth sagte zu Martha: -- Da bekommt Richard ein Kind und Mutter weiß es

nicht einmal. Das ist wirklich eine Schmach, aber sie wird ja alles mit

Geld gutmachen. -- Woher weißt du, daß das Kind zur Welt kommt? sagte

Martha, lehrerinnenhaft überlegen. -- Martha, du gehörst auf den

Scheiterhaufen.

In der Nacht sah Ruth Martha auf der Straße, im Sonnenlicht, mit einem

langen grauen Regenmantel. Ernst, streng und emsig, mit toten Augen und

blauen Nägeln.

So war sie denn von lauter Toten umgeben. Richard war ja auch tot. Er

tat nur so überlegen. Aber sein Leben lag im Leib jenes jungen Mädchens

und seine eigenen Finger erdrosselten es.

Er steckte auch in einer Grenze, wie Norbert. Die lief weiter weg von

ihm als bei diesem, aber sie war tief eingegraben. Er verstand sieben

Sprachen. Er kannte alle Wagner-Opern. Er heiratete Norberts Schwester.

Er eroberte sich einen guten Platz in der Welt. Er hatte einen großen

Sarg.

Ruth sehnte sich wieder unsäglich danach, tot zu sein wie Thomas. Nicht

mehr scheinlebendig. Aber nur nicht sterben. Sterben tat ja sicher

entsetzlich weh. Schon lange tot sein. Ohne denken, ohne Verantwortung

für den nächsten Tag --

An Onkel Gustav hatte man über Richards Verlobung ganz vergessen. Eines

Tages kam seine Hausmeisterin mit sensationslüsternen Augen. Es gehe ihm

sehr schlecht, er röchle furchtbar.

Mutter weinte zuerst, ehe sie sich ankleidete, um hinzugehen. Ruth ging

empört in ihr Zimmer.

Sie wollte Onkel Gustav nicht mehr sehen. Was liegt ihr überhaupt an

Onkel Gustav. Sie hat ihn immer verachtet. Sie wird sich heute nichts

vormachen, so wie Mutter. Gewiß nicht.

Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und versuchte eine italienische

Übersetzung zu schreiben. Ihr Geist war dabei. Aber in ihren Händen

kochte ein fremder, fieberhafter Puls.

Durch die Fasern des Fleisches gräbt sich, stößt sich blühende

Lebenskraft. Aber ganz innen in ihrem Leib fällt etwas ab, bröckelt

etwas ab, mürb und müde. Wer preßt ihr die Brust zusammen und würgt sie,

daß sie husten muß -- Ist das Schleim und Blut -- Ist das ihre eigene

Kehle --

Über Ruths italienisches Übersetzungsbuch steigt wie Frühlingsatem empor

die freche Liebe der jungen Wilden, die Gustav einmal an sich reißen

wollte. Von der sie nie etwas gehört hat. Und es riecht nach faden,

blonden Madonnenhaaren, Ansichtskarten mit weißen Kaninchen. In weiter

Ferne leuchtet ein lichtes Ährenfeld im Juliwind, eine marmorbleiche

Haut. Und die alte Geige lehnt an dem rußigen Eisenofen.

In Ruths Knochen bricht etwas. Das Mark wird zerrissen. Ein Leben

stirbt, das sie nie gekannt hat. Ein Leben, das sie mitgetragen hat in

ahnungslosen Händen. Onkel Gustav stirbt.

Ruth steht auf in erstarrtem Entsetzen. -- Agnes, ruft sie in die Küche

hinein, singen sie nicht so laut, wir sterben heute.

Sie geht durch die weißerstarrten Gassen. Deren grelles Gefunkel in der

Sonne schmerzt. Der Himmel ist tief dunkelblau. Onkel Gustavs höchster

Wunsch war immer, einmal nach Italien zu kommen. Der Schnee zerbricht

unter ihren Schritten.

Vor Gustavs Haustor will sie noch umkehren. Mutter wird sicher weinen.

Richard und Martha machen traurige Gesichter. Norbert ist gewiß auch da.

Nein, es ist unmöglich hinaufzugehen. Aber da ist noch Onkel Gustavs

Hund. Sie kriecht über die Treppen.

Onkel Gustav hat das Gesicht zur Wand gekehrt. Der Hund liegt auf seinen

Füßen. Den läßt er nicht von sich. Aber sonst kennt er niemanden.

Ruth will die weinenden, die gefaßten, die wichtigen Gesichter nicht

sehen. Sie geht an das Fenster. Sie möchte es aufmachen. Aber sie ist

gelähmt. Auf dem Fensterbrett steht eine halbgefüllte Teetasse mit

schief abgebröckeltem Rand. Und ein rostiger Löffel. Es ist doch gut,

daß Onkel Gustav stirbt.

Der Arzt unterhandelte mit Richard und Martha, wie man Mutter am besten

aus dem Zimmer bringen könne. Er hatte seine geschäftsmäßig traurige

Miene. Ruth wollte sich nicht umwenden.

Die Sonne war untergegangen, draußen in ferner Ebene.

Onkel Gustav röchelte.

Norbert trat zu ihr: Ruth -- Lassen Sie mich. -- Aber Ruth -- So lassen

Sie mich doch, was wollen Sie von mir. Gehen Sie hin zu ihm. Legen Sie

sich auf seine Füße. Wärmen Sie ihn.

Onkel Gustav röchelte.

Blut und Schleim.

Es wurde ganz dunkel.

Mutter war von Martha weggebracht worden. Der Arzt war fort. Norbert

auch. Richard saß in einem Sessel, den Kopf in die Hände gestützt. Die

schmierige Hausmeisterin machte sich an Gustavs Bett zu schaffen. Ruth

stand unbewegbar erstarrt an dem Fenster.

Da schrie der Hund.

Ruth war bei Gustav. Aus seinem herabgefallenen Kiefer quoll das Blut

auf die sterbende Brust. Ruth legte die Hand darauf. In Liebe. Dann

brach sie zusammen. In Ekel ...

Alles roch nach dem Leichenbitter, der vor Gustavs Türe stand. Auch die

Blumen in der Blumenhandlung. Mutters schwarzgerändertes Taschentuch.

Und das italienische Übersetzungsheft. Die dumpfen Kreppschleier.

Alle sprachen lieb von Onkel Gustav. Ruth haßte alle. Nicht weil sie ihn

gemordet hatten. Aber weil sie mit ihrem bißchen kläglichen Gernehaben

protzten. Keiner kannte das große Erbarmen. Auch sie nicht mehr. Eine

Sekunde lang hatte sie es empfunden. Seither war ihr, als trügen ihre

Hände vernarbt Kreuzeswunden, mit rostigen Nägeln durchschlagen. Aber

vernarbt.

Sie trauerte nicht. Kam nicht einmal mit zum Leichenbegängnis. Ging zur

selben Stunde mit dem namenlosen Hund spazieren. In einer blauen Bluse,

durch taubelebte, klatschende Gassen.

Sie bürstete den Hund und fütterte ihn. Aber sie hatte eine furchtbare

Angst vor seiner langen, spitzigen Schnauze. Die dem schmalen Tiermaul

an der weißgetünchten Wand immer ähnlicher wurde. Ach Gott, wie so

ähnlich --

In den verständnislosen, angstvollen Augen des Hundes lag der Schmerz

einer geprügelten Welt. Und unendliche Sehnsucht. Wonach -- Nach dem

Schluck Wasser --

Wie einsam mußte Onkel Gustav gewesen sein.

Ruth fürchtete sich vor den langen, spitzen Zähnen des Hundes. Er lief

ihr nach auf Schritt und Tritt. Und sie konnte ihn nicht zu den andern

zwingen. Die riefen ihn bei dem englischen Namen, den Mutter ihm gegeben

hatte.

In der Nacht lief er winselnd vor ihrer Türe hin und her, bis sie ihn in

das Zimmer ließ. Dann schlief er in einer Ecke. Sie aber hielt die Augen

weit offen vor Grauen. Dort lag das Tier.

Fell, gierige Zähne, saugende Zunge.

Das Tier atmete lauter und rascher als sie. Zerstörte den Rhythmus ihres

Zimmers. Das war zum Stall geworden.

Alle riefen den Hund bei dem englischen Namen. Er gehorchte keinem.

Einmal riß sie ihn an dem Halsband zurück, als er aus dem Kübel trinken

wollte. Da schnappte er nach ihr. Das Blut tropfte aus drei großen,

tiefen Löchern in ihrer Hand. Ihrer schmalen, braunen, suchenden Hand.

Wie sie diese Hand liebte. Ihre Hand. Ihre glatte Menschenhand.

Sie bekümmerte sich nicht mehr um den Hund. Er folgte niemandem und

Mutter ließ ihn vertilgen.

An diesem Abend saßen sie alle unter der Speisezimmerlampe. Und Mutters

Rechenbücher beherrschten die Mitte. Richard sagte: -- Der arme Kerl.

Eigentlich bist du schuld an seinem Tod, Ruth. -- An Onkel Gustavs Tod?

-- Nein doch, ich meine den Hund. -- Ach so.

-- Hilf mir, Richard, sagte Mutter über den Tisch herüber. Ich kenne

mich da nicht aus. -- Richard beugte sich über ihre Schulter. Dann sagte

er mit traurigem Gesicht: -- Diese Rubrik können wir jetzt streichen.

Und zog mit rotem Bleistift einen dicken Strich über eine halbe Seite.

Ruth sah oben den Namen Gustav.

Nein, das war unmöglich, nein, das konnte man doch nicht tun, mit rotem

Bleistift, rotem Bleistift --

Ruth sagt noch immer: Roter Bleistift, vor sich hin. Sie geht durch

dunkle, frostdumpfe Gassen. Sie läuft. Sie fliegt.

Jemand ist geschändet worden. Wer ist geschändet worden. Der Tod ist

geschändet worden. Christus ist am Kreuz gestorben und man betet zu ihm

um gutes Wetter. Gustav ist gestorben und man streicht die Ausgaben für

ihn mit rotem Bleistift aus dem Einschreibebuch.

Sie will nie mehr nachhause zurück. Lieber in ein Freudenhaus.

Wer will nicht zurück -- Ihre Glieder tragen Mutters Ungeduld und Vaters

Leiden. Richards Hochmut und Marthas Resignation geben ihr ihre

Kopfhaltung, ihre kindische Würde. Als Onkel Gustav sterben mußte, war

etwas in ihrem innersten Mark zerrissen.

Jedes einzelne Blutgefäß spinnt einen langen Faden aus sich heraus in

Mutters Hände hinein, die ja so fremd sind, so in sich zerbrochen. Aber

eine Stimme schreit aus Ruths Kehle, die ist ganz neu. Vielleicht kommt

sie von den Obstbäumen auf den wilden Feldern, die alle in ein paar

Monaten blühen werden.

Noch preßte die Kälte die Häuser zusammen. Und alle Menschen steckten in

wollenen Jacken, deren Farbe nicht schön war.

Ruth kauerte tagelang vor ihrem kleinen Ofen. Ihr Körper war steif

geworden und ihr selber unbekannt. Vor diesem Ofen war Thomas an seinem

letzten Abend gelegen. Und sie selbst. Und vielleicht noch ein dritter.

Nun ist sie müde, nicht zum Sagen müde. Sie möchte sich die Haut von den

Armen streifen. Sie möchte sich in sich hinein verkriechen und in einer

dunklen Ecke verstecken. Allein sein. Sie kennt niemanden mehr. Was

wollen alle diese von ihr, diese Lügner, die nur zum Schein ganz leben

und an hundert Stellen getötet sind. Diese heimlichen Mörder

untereinander.

Wo ist ihre Grenze. Sie kann sie nicht erblicken. Sie späht um sich mit

leeren Augen. Wer sieht aus ihr heraus? Wer wühlt mit bleichen,

schweren, kraftlos vollen Händen in ihrem Hirn? Das alles kann sie doch

allein so ganz unmöglich verstehen. Sie ist ja jung, in ihren Zehen

federt die Sprungkraft ihrer Jahre.

Sie möchte schon lange tot sein. Aber sie wird jetzt nicht sterben. Sie

genießt nur die süße Müdigkeit und darf sie doch nicht bis an das Ende

kosten. In ihr lebt ein Fremder, Mächtiger. Und denkt.

So kauert sie vor dem verglühenden Ofen. Der immer weiter brennt.

Die Vergiftung · 第 25 / 30 题