Was ist dort oben, nahe der Decke und doch tief unten --

Ist es der Rauch aus Onkel Gustavs ewig ausgehender Zigarre. Aber nein,

der raucht ja doch nicht. Man ist erst bei der Mehlspeise. Große, gelbe

Patzen, glitschig in einer lichten Eiersauce.

Nein, es ist nicht Rauch, aber grau und massig, ineinander überlaufend,

ohne Grenzen. Schwergewichtig und doch oben schwebend. Zu bleich, um es

wirklich sehen zu können. Und doch da. Verbunden mit allen Adern, allen

Sehnen, durch die Fingerspitzen hindurch --

Es steigt auf aus Richards kühlen, vorsichtigen Gelenken, wie er langsam

die Mehlspeise zerlegt.

Aus den hundetreu furchtsamen Augen des Fremden.

Aus Marthas abgetragener Samtbluse.

Aus Onkel Gustavs rundem Rücken, aus Mutters lauten Reden.

Es steigt auf aus ihr selbst, aus Ruth, aus ihrem farblos

schlafsuchenden Vormittag. Und dort oben ist es eng hineingefügt,

schlangenartig umwickelt von all dem anderen, festgebissen.

Hier um den Tisch herum glaubt jeder, daß er etwas für sich ist. Richard

vor allem, der so klug ist, daß Mutter immer sagt, er muß Bankdirektor

werden oder Finanzminister. Aber das ist gar nicht wahr. Richard gehört

dazu, genau so wie alle anderen, die hier um den runden Tisch schwatzen.

Die sich ähnlicher sind als die eintönigen Ledersessel, auf denen sie

sitzen.

Da oben ballt es sich zusammen. Viele Kleinschicksale -- ein

Kleinschicksal.

Da oben schwingt es in einem kraftlosen Rhythmus. Selbstbewußt. In dem

selben Rhythmus, in dem man in das Geschäft geht oder in das Amt oder in

die Schule, wenn man brav gelernt hat. In dem man zum Traualtar geht, wo

man eine anständige Partie macht, in dem man Sonntags am Korso seinen

neuen Hut zeigt, in dem man sich zum Geburtstag gratuliert, in dem man

hinter dem Sarg seiner Lieben geht, in dem man ins Himmelreich hinein

trottet, in dem man --

Agnes zerbrach ein Glas. Ein flüchtiger Sonnenstrahl stahl sich durch

den feinen sprühenden Regen über das verschobene Tischtuch.

Gott sei Dank. Es schadet auch nichts, daß Mutter und Martha böse

Gesichter machten. Auch nichts, daß sie drei Tage darüber unglücklich

sein werden. Gott sei Dank.

Ruth nickte dem Herrn Norbert von -- und dann kommt etwas mit »berg«,

strahlend zu. Der brauchte doch nicht auch betrübt sein über das

zerbrochene Glas. Er sah sehr unglücklich drein. Wahrscheinlich mehr aus

Höflichkeit. Oder vielleicht wegen irgend etwas anderem.

Diese Agnes war doch wirklich nicht salonfähig. Zu kräftig. Wenn sie bei

der Tür hereinkam, mußte eigentlich etwas umfallen in den hohen,

schmächtigen Räumen. Durch die bloße Anwesenheit ihrer saftvollen Arme.

Sicher hatte sie an den Kerl gedacht mit den aufgewirbelten, schwarzen

Schnurrbartspitzen. Der immer in der Küche steckte und den Hut nie

herunternahm. Einen riesengroßen, hellgrauen Deckel, der schief über dem

linken Ohr saß, immer ganz gleichmäßig schief über dem linken Ohr. Toll

einfach. Morgen ist Sonntag, sie geht mit ihm zum Karussel, mit

knallblauem Seidenhut und das Werkel spielt --

Ruth pfiff, wie man von Tisch aufstand, einen Gassenhauer und konnte

trotz Mutters Entsetzen so nicht aufhören, daß sie in ihr Zimmer lief,

um weiter zu pfeifen. Dort riß sie das Fenster auf. Die Sonne schien

hell.

Norbert sagte mit seiner zu leisen, fast näselnden Stimme zu Gustav: --

Deine Nichte Ruth scheint etwas -- nun -- etwas aus der Art zu schlagen.

-- Ruth? ... Gustav war ungeheuer erstaunt -- Ruth, die ist doch wie wir

alle. Er betonte das »wir« mit einer gewissen gesättigten Befriedigung.

Allerdings, sie ist sehr kindisch und ganz unreif, eigentlich viel zu

unreif für ihr Alter, denk nur, schon zwanzig Jahre. Man weiß gar nicht,

was mit ihr anfangen. Übrigens, findest du, daß sie mir ähnlich ist? --

Nein.

Die Vergiftung · 第 10 / 30 题