Bevor man zu Tische ging, rückte Mutter alle Teller noch einmal zurecht
und die Stühle mit den ledergepreßten Lehnen. Dann stand alles schief.
Ruth haßte unaufgeräumte Zimmer. Wie schmutziges Wasser, Ungeziefer,
weggeworfene Zahnstocher. Ihr war jeden Morgen übel. Sie konnte nie das
Frühstück essen. Immer empfand sie eine dumpfe Verantwortung in sich:
mach' es gut, mach' es rein, mach' es hell. Aber der Widerwille ihrer
braunen Kinderfinger, die sich weiche Öle wünschten, hinderte sie an
jedem Handgriff. Wenn das Mädchen dann aufgeräumt hatte, fand sie alles
kalt, leer und fremd. Mutter sagte: -- Warum hilfst du nie mit? -- Sie
gab mit ihren ungemessenen Bewegungen der Wohnung »den letzten
Anstrich«, wie sie es nannte. Und dann -- nun dann stand eben alles
schief. Aus den Dingen heraus kroch eine seltsame verborgene Unruhe.
Alle Ecken wurden zu lang, Ruths Gestalt zu schmal, zu knochig in den
hohen Räumen -- tastend und auch schon verzeichnet.
Wie hatte Onkel Gustav gesagt: -- nimm dich in acht! Vor wem, vor Mutter
-- vor Onkel Gustav -- dunklen Zimmern -- dämmernden Spätsommergärten --
vor ihrem eigenen flüchtenden Spiegelbild -- vor wem?
Was war geschehen? Mutter rückte heute die Teller zurecht. Die große
Speisezimmeruhr, mit ihrem lichtmetallisch harten Klang streckte den
langen Zeiger auf fünf bis vier Minuten vor Eins. Also genau wie immer.
Sie, Ruth, stand beim Fenster, die Zeitung in der Hand, die sie doch nie
las -- genau wie immer.
Kann man denn da gar nichts machen? Die breite, bürgerlich grüne
Hängelampe zerschlagen, etwas in sie hineinwerfen. Am liebsten die
eigene lebendige Faust. Oder die dummen Suppenlöffel neben den
geduldigen Suppentellern. Etwas machen, das hineinfährt, wie ein Blitz,
wie ein Schrecken, wie eine Erlösung in dieses Wie-immer.
Und sie hatte es ja nie gewußt. Sie saß dort an dem großen
Familientisch, immer an demselben Platz. Viele Jahre hindurch. Und war
klein und zart und viel zu jung -- ganz wie immer. Sie hatte es nie
gewußt.
Als Kind hatte sie geweint in der Frühlingsdämmerung. Und sich geekelt,
wenn Mutter beim Essen über die schlechte Köchin gejammert hatte. Aber
dann kam das große, das einzige Gefühl. Noch lag der Druck der grauen
Alltäglichkeit tief in ihr eingegraben in weichem Grund. Aber hoch
darüber hinaus jauchzte eine selige Hingabe. Was sonst um sie vorging,
ließ sie ruhig, kostbar verantwortungslos ruhig. Ihr Leben war ein
Rahmen geworden, der sich fest und unwillkürlich krampfhaft um das seine
schloß, zärtlich, ohne nachdenken zu müssen, kostbar verantwortungslos.
Wer hat ihr jetzt eine Maschine in den Kopf gesetzt? Die arbeitet und
wühlt, denkt, denkt, denkt. Aus müdem Halbdunkel herausgerissen, sieht
sie alles mit lichtgepeinigten Augen, grell, schreiend grell, laut.
Höhnend scharfe, wilde Konturen, zu lange Ecken, zu runde Bogen --
Es ist ein Verbrechen begangen worden. Etwas Schlimmeres. Etwas noch nie
Geschehenes. Ein Mensch hat sich verloren und sucht sich. Und weiß es
und denkt das durch, ganz durch ...
Noch einmal ging Mutter um den Tisch und rückte die Teller zurecht und
die ledergepreßten Stühle. Und alles stand schief.
Sie, Ruth, lehnte am Fenster. Sie wußte es. Und wußte, warum Onkel
Gustav nichts weiter geworden war, als ein trauriger Narr. Wußte, daß
sie selbst, wenn sie jetzt mithelfen wollte bei den Tellern, es genau so
machen müßte wie Mutter, so ungeschickt und doch selbstzufrieden. Daß
sie Mutters ungeduldige Nasenflügel hatte, Mutters dunkle Brauen.
Sie fürchtet Mutter maßlos. Sie fürchtet sich. Sie möchte sich schlagen,
weil sie Mutters Kind ist.
Onkel Gustav war da. Wie jeden Samstag. Er hatte einen Freund
mitgebracht. Der war so unscheinbar, daß Ruth ihn erst nach der Suppe
bemerkte und auch da nur, weil Mutter gar so höflich war. Man nannte ihn
von und dann etwas mit »-berg«. Gustav sagte Norbert und du. Er hatte
tadellos gepflegte Nägel und einen festgeklebten hellbraunen Scheitel.
Richard erzählte vom Geschäft. Die geringste Kleinigkeit war wichtig und
wurde mit Aufmerksamkeit angehört.
Draußen fällt ein grauer, dünner Regen. So sitzen jetzt an jedem
Mittagstisch die Männer und erzählen ihre Wichtigkeiten. Am Abend gehen
sie in das Kaffeehaus und erzählen sie ihren Freunden. Das ist alles.
Onkel Gustav sollte den Kopf nicht so vorsichtig zur Seite legen. Das
ist eine Gemeinheit. Wie sagte er vorgestern: Nimm dich in acht. Das hat
er gewagt. Er hat es gewagt, sie zu durchschauen. Dumm wie er ist. Und
jetzt schielt er nur so mitleidig auf sie her.
Sie senkt den Kopf tief über den Teller. Sinkt ganz in sich zusammen.
Und ißt irgend was, das schmeckt wie graugrüner Kohl. Ist aber etwas
anderes. Sie hört das Klappern der Bestecke und das sinnlose, etwas
faule Durcheinander der anderen über sich. So daß sie wieder fühlt, sie
ist ganz klein und krank und liegt im Nebenzimmer in Mutters riesigem
Bett. Die Tür ist offen, damit man sie schreien hört, wenn sie etwas
braucht. Sie wundert sich über das Aufschlagen der Gabeln in dem
Porzellan, das die kaum verständlichen Redebrocken drinnen begleitet.
Sie möchte schreien und etwas verlangen und traut sich doch nicht.
Sie fragte Onkel Gustav, ob er letztesmal gut nach Hause gekommen sei.
Es war doch zu gemütlich im Park. Überdies hätte sie einen Haufen
Knochen für seinen Terrier gesammelt. Er solle sie nur vor dem Fortgehen
daran erinnern. Sie wird ihm auch ein Buch zeigen --
Sie fragte Martha, was die Schneiderin von ihrem neuen Kleid gesagt
habe. Ob es bald fertig sei. Und wie es aussehe so auf dem Kleiderhaken.
Ob es ihr schon ein bißchen ähnlich sehe --
Sie erzählte Richard, daß sein Buch, das er gestern gesucht habe, in
ihrem Zimmer liege, sie wisse selbst nicht wieso --