Frei sein und leer sein und weniger als elend sein --

-- Fräulein Ruth sollen zum Frühstück kommen. -- Ruth sah das große

überkräftige Stubenmädchen mit der hohen vergnügten Stimme. Und wußte:

heute abends geht sie aus, da wartet einer unten auf sie, vielleicht der

vom letztenmal oder auch ein anderer.

-- Ruth, rief die Mutter aus dem Nebenzimmer. -- Ich komme, antwortete

sie mit einer Stimme, die voll Musik und Jubel war.

Mutter stand in der Sonne. Und Mutter war lebendigstes Gewesensein.

* * * * *

Mutter ging alle Morgen nachsehen, ob das Mädchen gut aufgeräumt habe.

Sie ließ keinen Stuhl so stehen, wie diese ihn gestellt hatte. Mutter

wollte ein eigenes Haus haben, wie sie sagte. Ob dieses Haus besser war,

als alle anderen, ist nicht bestimmt. Aber daß es anders war als alle

anderen, daß es ihr eigen war und nur durchtränkt von der kindhaften

Unruhe ihrer zu langen Finger, die niemals jung gewesen sein konnten,

daß ihr Haus fremd und versperrt war allen, die nicht ihres Blutes

waren, das hatte sie erreicht. Und Ruth empfand es mit einem Stolz, der

sich selbst nicht anerkennen will.

Mutter küßte Ruth, wie man ein Stück Eigentum küßt oder ein Stück von

sich selbst. Und Ruth fühlte die Schmerzen der vergangenen Nacht ganz

klein werden und wollte weinen.

Mutter frühstückte nicht mit. Sie war nie imstande eine Mahlzeit durch

sitzen zu bleiben. Sie mußte immer rasch noch etwas anderes tun.

Mutter war groß. Aber nicht groß genug für das, was sie der Welt zeigen

wollte. Deshalb schien sie fast klein.

Und auch ihre Wohnung war groß. Aber zu klein, um sich vor allen

zurückziehen zu können. Denn das wollte sie. Deshalb waren die hohen

Räume eng und drückend.

Als Ruth mit dem schmalen, silbernen Brotmesser das Brot schnitt,

empfand sie einen seltsamen Besitzerstolz und dachte: zuhause sein.

Sie hatte keinen anderen Wunsch, als Mutters Kleid zwischen beide Hände

fassen zu können, ganz, ganz fest. Wie gut war es, daß Mutter immer so

alte Kleider trug. Und schon wollte sie aufspringen und Mutter alles

sagen --

Da kam Richard herein. Nein, sie konnte nicht. Richard war zu klug. Und

Richard war Mutters Sohn. Von so etwas konnte sie nie zu Mutter

sprechen.

Und Martha war Mutters Tochter. Martha war häßlich und verbittert. Wenn

sie die Tür aufmachte, war das Zimmer voll Lärm. Da konnte Ruth von so

etwas doch nie zu Mutter sprechen.

Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nicht

eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil

sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.

Mutter war so klug, daß sie die Dinge nicht wirklich sah, sondern in

Karikatur auf dem Hintergrund ihrer Wünsche und Vorurteile. Aber sie sah

sie alle bis auf eines: Das war sie selbst. Sie wußte so wenig von ihrer

eigenen Existenz wie ein ganz kleines Kind. Und ahnte nicht, daß sie

selber auch etwas beigetragen habe in der Symphonie der Ereignisse, die

ihr enges, tiefes Dasein bildeten.

In ihrer Jugend hatte sie nur eines gekannt: Die Pose. Die Verwandten

und Freunde, ja selbst der Kutscher ihres väterlichen Hauses sprachen

mit Handbewegungen, wie Schauspieler in ihren Rollen. Das hatten sie von

ihrem Vater gelernt. Dessen ganzes Leben ein großer Faltenwurf war.

Hinter dem steckte nichts als Jagd und Rausch und etwas Verwesung. Aber

ihre Mutter war träge.

Sie hatte nie den Mann gefunden, den sie lieben konnte. Das wäre auch

nicht so nötig gewesen, nur hätte sie sich Zeit nehmen sollen, ihn zu

suchen. Denn nur dann hätte sie sich entwickeln können.

Aber sie zerschnitt sich alle Möglichkeit weiterzukommen, indem sie in

früher Jugend einen Mann heiratete, der vielleicht ein Heiliger geworden

wäre, wenn sie ihn unter Menschen gelassen hätte. Denn er liebte die

Welt mit der zarten, naiven Freude junger Knaben, die an einem

Frühlingstag ein blühendes Tal durchstreifen. Aber sie hielt ihn als

Eigentum, wie ihr Vater Pferde und Bediente gehalten hatte. Sie sperrte

ihn ein in Räume, die von ihren Atemzügen übersättigt waren. Daß seine

weiche Menschlichkeit zur Seite treten mußte und sein säurenscharfer

Verstand allein ihn beherrschte. Er rechnete Tage und Monate und Jahre.

Als seine große Erfindung fast fertig war, starb er. Aber noch eine

Stunde vor seinem Tod erzählte er das Märchen vom Schneewittchen. Denn

er hatte immer Königstöchter geliebt, die eigentlich kleine Mädchen

waren und in rote Äpfel bissen. Die ein bißchen Puppentheater an sich

hatten.

Ruth hatte Vater gegenüber ein schlechtes Gewissen. Weil Mutter alles

war, weil Mutters große, vielgliedrige Hände auf ihren Augen gelegen

waren, wenn sie zu Vaters Schreibtisch sehen wollte.

Als sie noch ganz klein war, hatte er sie einmal in eine Konditorei

geführt. Es war ein schneidend kalter Wintertag und ein elendes

Geschäftchen in der Vorstadt. Dort kaufte er Bonbons, einen großen Sack

voll großer, dicker, gelber, malziger Bonbons. Und gab sie ihr mit dem

vergessen gütigen Lächeln, mit dem Christus das Brot an die

Zehntausenden verteilt. Da wurde sie traurig. Am Abend saß er an seinem

Schreibtisch und Mutter schalt mit der Köchin. Ruth ging in das dunkle

Vorzimmer, steckte den Kopf in seinen Winterrock und küßte, küßte das

weiche, kalte Tuch. Später sagte Richard: -- Gib mir davon. -- Sie hielt

den Sack fest zu. -- Du bist geizig, sagte Richard. -- Gib! -- Sie

preßte den Sack an sich. Da schlug er sie. Sie weinte. Er zerriß das

Papier. Aber sie kämpfte um jedes einzelne Bonbon. Und legte alle unter

ihren Kopfpolster. So war Vater. Aber Richard konnte das nie verstehen.

Und sie hatte viel Respekt vor Richard. Fast noch mehr als vor Mutter.

Am Abend sagte Mutter: -- Warum bist du noch nicht angezogen. In einer

Stunde müssen wir im Theater sein.

Ruth dachte an den Kleiderkasten. An den dunklen Duft, der aus ihm

herausströmen soll. Und sie empfindet das dunkle Band, das von weither

kommt und sich um alle ihre Glieder legt, schmiegt, sich einschneidet in

die furchtsame Haut.

Und sie weiß, wenn sie das blaue Seidenkleid anzieht, ist sie morgen

wieder bei ihm.

-- Ich gehe nicht ins Theater, antwortete sie. Und blieb allein in der

Wohnung. Da geht sie aus, sich zu suchen. Sie schleicht, sie kriecht

fast durch die Zimmer. Sie betastet die Stühle mit den verbogenen Füßen,

die überflüssigen Vasen, den Samt der Vorhänge. Überall war Mutter. Und

noch Richards Bücher. Und ein paar gestopfte Handschuhe von Martha. Aber

Ruth war nirgends.

Da überfiel sie eine Qual, die sie zu Boden schlug, sich wie ein Strick

um ihren Hals legte und würgte ...

Mutter kam von Lohengrin und war entzückt, wie immer. Sie liebte derbe

Romantik und laute Musik. Dann sang sie den Hochzeitsmarsch mit ihrer

kräftigen Stimme. Ruth sah sie an wie eine Fremde.

Richard war zufrieden, wie nach einer gut überstandenen Prüfung. Und

Martha jammerte, daß ihr Schal ein Loch bekommen hatte. Ruth war nur

ganz verwundert.

Aber dann setzte sie sich auf Mutters Bett, tief hinein. Sie starrte in

das schläferige Weiß des Linnens und wünschte sich klein zu sein und

Fieber zu haben.

Mutter sagte: -- Aber jetzt geh schlafen. Und warum bist du heute so

blaß? Was hast du denn? Geh nur schlafen und gib mir noch vorher meinen

Roman.

Richard meinte gähnend: -- Möchte nur wissen, warum du deinen Sitz hast

verfallen lassen. So was Dummes.

Ruth wußte nur: -- Wenn ich den Kasten aufmachen muß, werde ich

wahnsinnig. Da ist ein Abgrund drinnen, der stürzt über mich, der

erdrückt mich durch seine Leere. Und dann wissen sie alles. Oh, die

Schande. Dann bin ich ausgezogen. Nackt vor allen. Auf der Straße. Mein

Körper ist voll eiternder Wunden, oh, die Schande.

Der liebe, lichte Kirschholzkasten stand glatt in ihrem dunklen Zimmer.

Nach zwei Tagen sagte das Stubenmädchen: -- Wenn Fräulein Ruth nicht den

Kasten aufmachen, kann ich den grauen Mantel nicht zum Putzen tragen.

Die Schande.

Und Mutter sagte: -- Wenn du den Schlüssel verloren hast, lasse ich den

Schlosser holen.

Die Schande.

Sie weinte heraus: -- Ich will nicht.

-- Ich glaube wirklich, du bist krank, meinte Mutter.

Aber Richard rief aus dem Nebenzimmer: -- Geh, mach dich nur nicht

interessant.

Oh, die entsetzliche Schande.

Und sie wird sich zwingen lassen.

Was tut sie nur den ganzen Tag. Sie geht herum und erklärt es ihm, ihm,

zu dem sie nie mehr kommen wird. Sie macht ihm alles begreiflich, er

versteht es, er weiß es, er weiß ja alles. Wie kommt es nur, daß er ihr

so ähnlich ist. Oder sie ihm --

Sie nimmt zum zehntenmal ein neues Staubtuch und wischt alle Möbel ihres

Zimmers ab. Damit sein Duft doch endlich weggehe. Und wäscht sich dann

die Hände mit kochend heißem Wasser.

Am nächsten Abend sagte die Mutter: -- Wenn du dir morgen nicht ein

anderes Kleid anziehst und den Kasten aufsperrst, so hol ich den

Schlosser. Also überleg es dir.

Ruth stand an ihrem Fenster und sah in die schmutziglaue Sommernacht

hinunter und fühlte: Warum kann Mutter, die den Lohengrin so gern hat,

die so nobel ist, wenn Gäste kommen, so zu mir sein? Warum stehe ich

hier und schau auf eine staubige Straße, wo doch draußen die vielen

Felder sind mit den endlosen Schienen -- in die Ferne gleiten -- und

warum --

-- Ich muß jetzt Bett machen, sagte das Stubenmädchen und zündete das

grelle elektrische Licht an. Ruth sah auf sie. Auf ihre kräftigen Arme,

die fast aus der Bluse quollen, ihre übermütig starken Hüften, ihre

brennend heißen Wangen. -- Hören sie, Agnes, sagte sie heiser und ging

ganz nahe zu ihr ... Sie waren jetzt unten, da beim Haustor und er war

dabei, o bitte, sagen Sie nicht nein, ich habe Sie ja gesehen ... Nein,

Sie müssen nicht schreien, aber sagen Sie mir doch bitte, war es der

selbe, mit dem ich Ihnen begegnet bin, damals, Sie wissen schon, wie ich

im Konzert war, aber so sagen Sie doch. -- Nein, sagte Agnes, mehr

verblüfft als verlegen. -- Aber eines, Agnes, müssen Sie mir noch sagen.

War es schön, unten jetzt, meine ich, war das schön -- Oh Gott, sagte

Agnes, nein, das ist nichts für Sie, Fräulein. -- Hören Sie, Agnes, und

Ruth kämpfte mit ihrem Atem, Sie haben so starke Arme. Agnes, liebe

Agnes, ich habe meinen Kastenschlüssel verloren. Mama ist sehr böse.

Nehmen Sie das Küchenmesser, das große, und machen Sie mir den Kasten

auf, nicht wahr, Sie tun es. Aber leise, ich geh einstweilen in das

Speisezimmer. Und kein Wort davon, Agnes, Sie verstehen. Die Kleider

hängen Sie über Nacht ins Vorzimmer, aber es darf niemand davon wissen,

und zeitlich früh wieder herein, o ja, Agnes, Sie verstehen, sie tun es

gleich --

-- Ich verstehe schon, Fräulein Ruth, sagte Agnes mit blödem Lachen.

Die Vergiftung · 第 5 / 30 题