Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
Im Original kursiver Text ist ~so ausgezeichnet~.
Im Original fetter Text ist =so ausgezeichnet=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
WEGWEISER
DURCH DAS
SÄCHSISCH-BÖHMISCHE
ERZGEBIRGE
VON
B. BERLET,
OBERLEHRER AN DER REALSCHULE ZU ANNABERG.
[Illustration]
1 ÜBERSICHTSKARTE, 1 HÖHENKARTE UND
27 ROUTENNETZE.
[Illustration]
ANNABERG, 1872.
HERMANN GRASER.
Vorwort.
Seit Jahren war mündlich und schriftlich die Klage zu vernehmen, dass
es an einem brauchbaren Reisehandbuche für das sächsisch-böhmische
Erzgebirge fehle. Der Unterzeichnete meinte, ein recht Berufener werde
schon diesem Mangel abhelfen; da dies aber nicht geschah, so musste er
sich selbst an's Werk machen. Freilich ward er bei Ausarbeitung des
Schriftchens bald inne, dass die Schwierigkeit, von einer Landschaft
und deren Bewohnern überhaupt das Wichtigste und Charakteristische
hervorzuheben, sich bei dem Erzgebirge noch steigerte, weil hier ausser
der Bodengestaltung und den üblichen wirthschaftlichen Interessen noch
ein ungemeiner Reichthum an industriellen Beziehungen und eine kaum
wiederherzufindende Mannichfaltigkeit der gewerblichen Verhältnisse
in Frage kam. Doch scheute er keine Mühe, die entgegentretenden
Schwierigkeiten zu überwinden und etwas nur einigermassen
Befriedigendes zu Stande zu bringen.
Treffliche Dienste leisteten hierbei: +Leupold's+ Wanderbuch durch
Sachsen, +Elfried's von Taura+ Wanderung durch's Erzgebirge,
+Sigismund's+ Lebensbilder vom sächsischen Erzgebirge und
+Engelhardt's+ Vaterlandskunde vom Königreiche Sachsen.
Nichtsdestoweniger war etwas Vollständiges oder gar Erschöpfendes --
namentlich in unserer Alles umgestaltenden Zeit, wo der Wechsel rasch
wieder einen Wechsel und das Neue bald wieder ein Neues gebiert
-- nicht zu leisten, auch werden in dem Gegebenen noch mehrerlei
Versehen und Unrichtigkeiten enthalten sein. Der freundliche Leser möge
beides entschuldigen! Indess kann der Verfasser für eine etwaige 2te
Auflage die Ergänzung manches Mangels und die Richtigstellung mancher
Ungenauigkeit versprechen, da ihm von verschiedenen Seiten und aus
verschiedenen Theilen des Erzgebirges eine aufmerksame Durchsicht und
Prüfung des »Wegweisers« zugesagt worden ist.
Die Höhenangaben sind meist aus H. +Lange's+ Atlas von Sachsen
entnommen und beziehen sich bei Ortschaften immer auf die Lage der
Hauptkirche. Die beigebogene Reisekarte ist ein Werk meines werthen
Kollegen, des Herrn Oberlehrers +Göpfert+.
Der Verfasser würde sich freuen, wenn der »Wegweiser« vielen Reisenden
zu einer angenehmen -- Erholung und Belehrung gewährenden -- Tour im
Erzgebirge verhülfe und die Einheimischen merken liesse, dass ihm bei
Ausarbeitung des Schriftchens die »Liebe zum Erzgebirge« zur Seite
gesessen.
+Annaberg+, im April 1872.
=B. Berlet.=
Inhaltsverzeichniss.
Einleitung.
Seite
Fremdenbesuch 1
Reisezeit 2
Sonnen-Auf- und Untergang 3
Reisekleidung 3
Reiseutensilien 4
Geld 4
Reisekosten 5
Transportmittel 6
Pass und Mauth 7
Gasthausregeln 7
Sommeraufenthalt 8
Fussreisen 8
Reisepläne 9
Das Erzgebirge.
1. Ausdehnung und Gestaltung 10
2. Eintheilung 10
3. Gebirgsarten 11
4. Berge 12
5. Waldungen 13
6. Flüsse 13
7. Klima 14
8. Einwohnerzahl und Staatsangehörigkeit 15
9. Menschenschlag 16
10. Volkstracht 17
11. Volkscharakter 17
12. Geschichtliches 18
13. Angabe der Industriebezirke 24
14. Baudenkmäler 27
Reisepläne.
A. Haupttouren.
I. Von Dresden durch das ganze Erzgebirge 29
II. Von Zwickau durch das ganze Erzgebirge 32
III. Von Chemnitz durch das mittlere Erzgebirge 34
IV. Von Dresden in das östliche Erzgebirge 36
V. Von Zwickau in das westliche Erzgebirge 38
B. Spezialtouren.
VI. Von Dresden nach dem Mückenthürmchen 40
VII. Von Dresden nach dem Spitz- od. Sattelberg 41
VIII. Von Dresden in's Thal der rothen Weisseritz 42
IX. Von Dresden in's Thal der Bobritzsch 43
X. Von Freiberg nach dem Mückenthürmchen 44
XI. Von Freiberg nach Nossen (Grabentour) 45
XII. Von Freiberg durch's Zschopau- u. Flöhathal
nach Rothenhaus 46
XIII. Von Chemnitz über Frankenberg und Hainichen
nach Freiberg 48
XIV. Von Chemnitz nach der Prinzenhöhle und
dem Greifenstein 49
XV. Von Annaberg über Wiesenthal nach
Johanngeorgenstadt 50
XVI. Von Annaberg nach Kupferberg; über den
Fichtelberg nach dem Mittweidathal 51
XVII. Von Annaberg nach Hauenstein und
Joachimsthal; heimwärts Besuch des Pöhlthales
bei Rittersgrün 52
XVIII. Von Annaberg ins Pressnitzthal, nach der
Ruine Hassenstein, in's Egerthal 53
XIX. Von Annaberg über den Greifenstein nach
der Prinzenhöhle 54
XX. Von Annaberg nach dem Teltschthal bei
Olbernhau 55
XXI. Von Olbernhau nach Rothenhaus 56
XXII. Von Schwarzenberg nach dem Auersberg 57
XXIII. Von Zwickau nach dem oberen Mulden- und
Zwotathal 58
C. Nebentouren.
XXIV. Von Zwickau in die voigtländische Schweiz 59
XXV. Von Döbeln auf den Rochlitzer Berg 60
XXVI. Von Döbeln nach Schloss Kriebstein 61
XXVII. Von Waldheim in das Muldenthal zwischen
Rochlitz und Waldenburg 62
Routen.
I. Route: Von Dresden nach dem Mückenthürmchen 63
1. Ueber Pirna, Gottleuba, Schönwalde 63
2. Ueber Mügeln, Glashütte, Lauenstein 67
3. Ueber Mügeln, Liebstadt, Schönwalde 68
II. Route: Von Dresden nach Dippoldiswalde 70
1. Ueber Tharandt und Rabenau 70
2. Ueber goldene Höhe und den Wilisch 71
III. Route: Von Dippoldiswalde nach dem
Mückenthürmchen 72
IV. Route: Von Dippoldiswalde nach Sayda 74
1. Ueber Sadisdorf, Hennersdorf und
Frauenstein 74
2. Ueber Schmiedeberg, Schellerhau u.
Frauenstein 74
V. Route: Vom Mückenthürmchen nach Teplitz 76
VI. Route: Vom Mückenthürmchen nach Stift Osseg 78
VII. Route: Von Altenberg nach Oberleitensdorf 79
VIII. Route: Von Stift Osseg nach Sayda 79
IX. Route: Von Oberleitensdorf nach Olbernhau 81
X. Route: Von Teplitz nach Rothenhaus 82
XI. Route: Von Rothenhaus nach Klösterle 84
XII. Route: Von Klösterle nach Hauenstein 86
XIII. Route: Von Sayda nach Zschopau 87
XIV. Route: Von Olbernhau nach Rothenhaus und
Eisenberg 88
XV. Route: Von Zschopau über den Greifenstein
nach Geyer 91
XVI. Route: Von Olbernhau über Zöblitz nach
Marienberg 95
XVII. Route: Von Marienberg über Wolkenstein nach
Annaberg und Buchholz 97
XVIII. Route: Von Annaberg über Satzungen nach
Kommotau 106
XIX. Route: Von Annaberg über Jöhstadt,
Pressnitz, Sonnenberg und den Hassenstein
nach Brunnersdorf 108
XX. Route: Von Annaberg über Weipert nach
Kupferberg und Klösterle 109
XXI. Route: Von Annaberg nach Karlsbad 112
1. Ueber Weipert und Hauenstein 112
2. Ueber Oberwiesenthal und Joachimsthal 114
XXII. Route: Von Karlsbad nach Eger 117
XXIII. Route: Von Eger über Franzensbad n.
Elster 119
XXIV. Route: Von Annaberg nach Schwarzenberg 121
1. Ueber Scheibenberg und Raschau 121
2. Ueber Elterlein und den Fürstenberg 124
3. Ueber Grünhain 125
XXV. Route: Von Oberwiesenthal n. Schwarzenberg 125
1. Ueber Rittersgrün 125
2. Ueber die Crottendorfer Marmorbrüche
und Markersbach 126
XXVI. Route: Von Schwarzenberg über
Johanngeorgenstadt nach Wildenthal 126
XXVII. Route: Von Wildenthal über Graslitz und
Markneukirchen nach Bad Elster 128
XXVIII. Route: Von Wildenthal n. Karlsfeld,
Klingenthal, Schöneck und Falkenstein 130
XXIX. Route: Von Schwarzenberg nach Eibenstock 132
1. Ueber Jägerhaus und Sosa 132
2. Ueber Aue und Bockau 133
3. Ueber Niederschlema und Schneeberg 135
XXX. Route: Von Eibenstock über Schönhaide und
Auerbach nach Lengenfeld 136
XXXI. Route: Von Elster über Oelsnitz,
Falkenstein, Auerbach, Lengenfeld, Treuen,
Herlasgrün, Netzschkau und Reichenbach nach
Zwickau 137
XXXII. Route: Von Geyer über Zwönitz,
Hartenstein und Schloss Stein nach Zwickau 143
XXXIII. Route: Von Zwickau über Glauchau und
Hohenstein-Ernstthal nach Chemnitz 144
XXXIV. Route: Von Geyer üb. Stollberg n.
Chemnitz 152
XXXV. Route: Von Zschopau über Augustusburg
und Lichtenwalde nach Frankenberg und
Hainichen 153
XXXVI. Route: Von Chemnitz über Oederan nach
Freiberg 156
Einleitung.
=Fremdenbesuch.= -- Das Erzgebirge ist bislang fast nur von
Geschäftsreisenden und solchen Leuten besucht worden, die mit
möglichster Schnelle durch Sachsen nach den böhmischen Kurorten
eilten. Erst neuerdings sieht man zur Sommerzeit auf Strassen und
Pfaden, in Thälern und auf Höhen Wanderer mit Seitentasche, Plaid
und handfestem Regenschirm -- sogenannte +Touristen+. Der Grund für
die frühere Vernachlässigung des Erzgebirges mag einestheils darin
gesucht werden, dass die Reiselust vormals überhaupt nicht so gross
war, als heut zu Tage, und anderntheils darin, dass bis zur Eröffnung
der erzgebirgischen Eisenbahnen diese Landschaft dem Fremden als
schwer zugänglich erschien; wahrscheinlich aber hat dazu auch die
Beschaffenheit des Gebirges mit beigetragen. Denn der Verfasser »der
Lebensbilder aus dem Erzgebirge« hat Recht, wenn er sagt: »Der Harz
hat des Wilden und Schaurigschönen unvergleichlich mehr als das
Erzgebirge, auch ist dieses nicht ein süsses, anmuthiges Idyll, wie
der Thüringer Wald.« Trotzdem findet sich im Erzgebirge genug des
Schönen, sind doch Berg und Thal traulich und gemüthlich, wenn auch
nicht gross und wild angelegt! Freilich bietet sich das Sehenswerthe
hier nicht so von selbst dar und ist nicht auf einem engen Raum
vereinigt; es will vielmehr gekannt und aufgesucht sein. Wer sich
daher an der erzgebirgischen Landschaft laben will, darf sich nicht
begnügen, nach Besuch guter Aussichtspunkte, die Thäler auf den
angelegten Heerstrassen zu durchkreuzen, sondern muss sie flussaufwärts
durchwandern; erst dann wird er deren Annehmlichkeiten inne werden. Das
Muldenthal von Zwickau bis Schwarzenberg, das Zschopauthal von Flöha
bis Annaberg zeigen schon von den Wagen der Eisenbahn, welche eifrigst
den Windungen der Flüsse folgt, saftige Wiesen, schattige Wälder und
reizend gelegene Ortschaften! Und überdies hat das Erzgebirge noch
etwas vor den andern deutschen Mittelgebirgen voraus: es wird von einem
fleissigen und anstelligen Völkchen bewohnt und ist der Sitz einer
hervorragenden Industrie. Die Fabrik im stillen Thal, das Kunstgezeug
auf rauher Höh', jedes Dörfchen, jedes Städtchen wird solches
bezeugen! Ueberhaupt kann man in keinem Gebirge die Betrachtung des
Gewerbefleisses so mit der Freude an der Natur -- mithin das Nützliche
so mit dem Angenehmen verbinden, als im Erzgebirge. Für Lehrer und
Schüler, für Polytechniker und Bergstudenten, überhaupt für alle
die, welche neben der Schönheit der Landschaft auch die gewerblichen
Leistungen der Bewohner kennen lernen wollen, ist keine Reise mehr zu
empfehlen, als die ins Erzgebirge.
=Reisezeit.= -- Die günstigste Zeit zum Bereisen des Erzgebirges ist
von Mitte Juni bis Ende September; letztgenannter Monat hat gewöhnlich
die reinste Luft und die beständigste Witterung, auch zeigt sich in ihm
eine Eigenthümlichkeit des Gebirges am besten: während im Niederlande
Felder und Bäume schon kahl erscheinen, sind sie im Obergebirge noch
mit frischem Grün bedeckt.
=Sonnen-Auf- und Untergang.= -- Die Zeit des Sonnen-Auf- und Untergangs
stellt sich in den Monaten Juni bis October folgendermassen:
===============================================================
| Juni || Juli
+-------+-------+-------++-------+-------+-------
| 1. | 16. | 26. || 1. | 16. | 26.
==============+=======+=======+=======++=======+=======+=======
Sonnenaufgang | 3.55. | 3.49. | 3.51. || 3.53. | 4.6. | 4.18.
--------------+-------+-------+-------++-------+-------+-------
Untergang | 8.0. | 8.11. | 8.14. || 8.13. | 8.5. | 7.53.
==============+=======+=======+=======++=======+=======+=======
| August || September
+-------+-------+-------++-------+-------+-------
| 1. | 16. | 26. || 1. | 16. | 26.
==============+=======+=======+=======++=======+=======+=======
Aufgang | 4.27. | 4.49. | 5.5. || 5.16. | 5.37. | 5.53.
--------------+-------+-------+-------++-------+-------+-------
Untergang. | 7.45. | 7.18. | 6.58. || 6.45. | 6.12. | 5.50.
| | | || | |
Die beste Aussicht auf Höhepunkten wird man im Frühsommer zwischen 6
und 7, im Spätsommer zwischen 5 und 6 Uhr Nachmittags haben.
=Reisekleidung.= -- Die Kleidung sei dauerhaft und praktisch. Am
geeignetsten ist ein wollener Anzug von nicht zu knappem Schnitt und
nicht zu heller Farbe. Ausser der nöthigen Wäsche wird man alsdann
einen Filzhut mit breiter Krämpe und Sturmband, einen nicht zu kleinen
Regenschirm und bequemes Schuhwerk -- womöglich derbe kalblederne
Stiefel mit Doppelsohlen -- nöthig haben. Weil es auf Bergen, die
den Brocken an Höhe übertreffen, selbst im August oft empfindlich
kühl ist, so versehe man sich endlich mit einem guten Plaid oder mit
einem leichten Ueberzieher; nach Sonnenuntergang wird man fast immer
Veranlassung haben, davon Gebrauch zu machen. -- Wer mehr fährt als
geht, kann sich neben dem leichten noch ein wärmeres Gewand mit nehmen;
will der Tourist einen Reserveanzug haben, so muss er ihn gut verpacken
und mit der Post von Hauptstation zu Hauptstation voraussenden.
=Reiseutensilien.= -- Die aus Leder oder wasserdichtem Baumwollenzeug
gefertigte Seitentasche habe -- wie die +Bädekersche Reisetasche+ --
unten zwei Ringe, so dass sie durch Hindurchziehen des Tragbandes
leicht zum Rückentornister umgewandelt werden kann. Der Plaid wird
entweder mittelst eines Lederriemens auf die Reisetasche geschnallt,
oder zusammengerollt über die Schulter gehangen. Der Handstock sei fest
und mit guter Zwinge versehen; in neuerer Zeit hat man starkstabige
Regenschirme, welche bequem die Stelle des Stockes vertreten können.
Die Reisetasche enthalte ausser der Wäsche einen ledernen, zum
Zusammenklappen eingerichteten Trinkbecher, ein Stück Seife, Scheere,
Nadel und Zwirn, etwas Bindfaden und -- um für alle Fälle gerüstet zu
sein, -- ein Fläschchen mit Opiumtinctur. Dann trage man ein Messer und
ein Etui voll Streichhölzer bei sich und nehme von Station zu Station
etwas Semmel oder Brod und einen Schluck Rum oder Kirschwasser mit.
Die Semmel ist bestimmt, vor Heisshunger zu schützen und das geistige
Getränk dazu, durch Beimischung kaltes Gebirgswasser trinkbar zu machen.
=Geld.= -- In Sachsen wird nach Thalern, Neugroschen und Pfennigen
(1 Thlr. = 30 Neugr., 1 Ngr. = 10 Pf.), in Böhmen nach Gulden und
Neukreuzern (1 Gulden = 100 Neukreuzer) gerechnet. Sächsischerseits
werden übliche Münzsorten und Cassenscheine ohne Beanstandung genommen;
in Böhmen thut man wohl, mit österreichischen Banknoten zu bezahlen,
die man in jeder Grenzstadt einwechseln[1] kann.
=Reisekosten.= -- Im Erzgebirge ist es nicht theurer als in anderen
Gegenden Mitteldeutschlands; doch lebt man auf böhmischer Seite
billiger als auf sächsischer Seite. Die Gasthöfe in den grösseren
und kleineren sächsischen Städten sind gut; öfters ausgezeichnet; in
Böhmen muss man sich schon an grosse Ortschaften halten und auch da ein
aufmerksames Auge für Betten und Bettwäsche haben. In Sachsen trinkt
man fast überall ein gutes Lager- und bayrisches Bier; das »böhmische«
Bier ist heller und leichter, aber gesund und schmackhaft. Wein soll
man nur in den besseren sächsischen Gasthäusern verlangen; in Böhmen
erhält man dagegen schon in kleineren Restaurationen preiswürdigen
österreichischen und Ungarwein; nur begehre man da ja nicht Rhein- oder
überhaupt ausländischen Wein, denn der ist mittlerer Beschaffenheit
und sehr theuer. Kaffee und Gebäck sind in Böhmen musterhaft. -- Im
Herbste bieten beide Theile des Gebirges Reichthum an Wildpret, wie
Hasen, Rehe, Krammetsvögel und Rebhühner; auch erhält man in den
höher gelegenen Gegenden fast allerwärts treffliche Forellen. --
Die täglichen Reisekosten richten sich selbstverständlich nach den
Ansprüchen und Gewohnheiten eines Fremden: wer in den ersten Hôtels
wohnt, mit schweren Koffern reist und viel Aufmerksamkeiten verlangt,
wird täglich 4--6 Thlr. brauchen, während der Fusswanderer, der sich
nur halbwege beschränkt, mit 1--2 Thlr. auskommt.
=Transportmittel.= -- Unter grossen Anstrengungen ist es dem Erzgebirge
gelungen, sich mehrere Eisenbahnen zu verschaffen. Ein Schienenstrang
geht am Fusse des Nordabhangs von +Dresden+ über +Freiberg+ und
+Chemnitz+ nach +Zwickau+, zweigt die Linie +Chemnitz-Hainichen+ ab und
sendet zwei Ausläufer: +Chemnitz-Annaberg+ und +Zwickau-Schwarzenberg+
in das Herz des Gebirges. Von Zwickau braust die Locomotive,
+Reichenbach+, +Falkenstein+ und +Oelsnitz+ berührend, über den
Rücken des Gebirges nach +Eger+. Und im Egerthale geht der eherne
Weg westlich von Eger bis +Karlsbad+ und östlich von Aussig über
+Teplitz+ nach +Kommotau (Priesen)+. Ausserdem sind mehrere Linien im
Bau begriffen und sehen in den Jahren 1871 und 1872 ihrer Eröffnung
entgegen: so +Annaberg-Weipert-Kommotau+; +Kommotau (Priesen)-Karlsbad+
und +Dux-Bodenbach+; andere Linien sind projectirt und werden
bald begonnen werden, wie +Nossen-Freiberg+, +Aue-Jägersgrün+ und
+Chemnitz-Marienberg-Kommotau+, und noch andere befinden sich in den
Vorbereitungsstadien, wie +Freiberg-Dux+ und +Schwarzenberg-Karlsbad+.
Ausser den fertigen Eisenbahnen stehen dem Reisenden noch zahlreiche
Fahrposten, die zwischen den Städten meist täglich mehrmals verkehren,
zu Gebote; auch sind fast überall Miethgeschirre zu haben.
=Pass= und =Mauth=. -- Seit 1860 gilt auch in Oesterreich eine
Passkarte als hinreichende Reiselegitimation. -- Die Untersuchung
des Gepäcks beim Ueberschreiten der böhmischen Grenze geschieht mit
Höflichkeit und besteht oft nur in der Anfrage, ob der Reisende etwas
Zollbares habe. Zu versteuern sind alle ungebrauchten Sachen; nicht
übergeführt werden dürfen: Spielkarten, Kalender und versiegelte
Briefe; Bücher, ausser Reisehandbüchern, können Unannehmlichkeiten
bereiten. An +Tabak+ hat der Reisende gegen 2 Loth und 10 Cigarren
frei; im Uebrigen muss das Pfund Tabak mit etwa 1 Fl., das Pfund
Cigarren mit 3 Fl. verzollt werden. Der Tabak ist in Oesterreich
Monopol und wird nur in sogenannten Trafiks verkauft; Cigarren sind
theuer und nicht sehr behaglich.
=Gasthausregeln.= -- Ohne Noth treffe man nicht zu spät, jedenfalls
vor einbrechender Dunkelheit in seinem Nachtquartier ein. Sobald man
ein Zimmer bezogen hat, untersuche man den Zustand des Bettes und der
Bettwäsche. Bedarf man irgend einer +Auskunft+, so wende man sich nicht
an das untergeordnete Dienstpersonal, sondern an den Wirth selbst, und
wenn dieser »unsichtbar« sein sollte, an den Oberkellner. Bei längerem
Aufenthalte mag man alle 2--3 Tage die Rechnung bezahlen, jedoch
zuvor deren Inhalt und Summe prüfen, da sich »Irrthümer« gar leicht
einschleichen. Will man am andern Morgen früh weiterreisen, so fordere
man am Abend vorher die Rechnung, berichtige sie jedoch nebst den
Trinkgeldern erst beim Weggehen.
=Sommeraufenthalt.= -- Als Sommerfrischen sind bisher nur die
erzgebirgischen Bäder +Grünthal+, +Hohenstein+, +Schwarzenberg+,
+Wiesenbad+ und +Wolkenstein+ benutzt worden, doch eignen sich dazu
auch Erdmannsdorf bei Augustusburg und besonders Olbernhau.
=Fussreisen.= -- Zu Wanderungen verwendet man nicht neues, sondern
schon etwas getragenes Schuhwerk. Wer mit den Fussnägeln Mühe hat,
muss dieselben einige Tage vor der Reise in besondere Pflege nehmen,
sie mässig beschneiden und etwa zu starke Nägel nach einem Fussbade
in überschlagenem Wasser (17--18° R) wiederholt mit einem Glasstücke
etwas dünner schaben. Auf der Reise selbst wird früh aufgebrochen und
die grössere Hälfte des Weges Vormittags zurückgelegt. Während der
Mittagsstunden, d. i. vor und nach der Mittagsmahlzeit, sei Rast. In
den ersten Reisetagen stelle man seine physischen Kräfte nicht auf eine
zu harte Probe; später kann man grössere und anstrengendere Touren
zurücklegen. Beim Marschiren hat sich von jeher die Regel bewährt,
dass man gleichmässig und nicht zu schnell ausschreite, sich aber
auch nicht zu oft der Ruhe hingebe, sondern in möglichst abgemessenen
Entfernungen pausire. Auf solche Art geräth Puls und Lunge in nicht
zu schlimme Aufregung. Bergan wähle man daher ein langsames Tempo:
ein von Anfang an gleichmässig anhaltender, wenn auch gemächlicher
Schritt, bringt schneller und besser zum Ziele, als zu grosse Hast.
Auf einer Höhe angelangt, werde der Rock fest zugeknöpft und der Plaid
umgehangen; findet man droben ein Wirthshaus, so kühle man sich darin
durch langsames Herumgehen eine Viertelstunde ab; erst dann setze man
sich der Zugluft aus. Jeder rasche Uebergang von grosser Anstrengung
zur Ruhe -- wie das plötzliche Niederlegen nach starken Tagesmärschen
-- ist zu vermeiden. Die Abkühlung will angebahnt, die Ruhe vermittelt
sein; fühlt man sich dann ja einmal sehr erschöpft, so wird Waschen mit
kaltem Wasser, Einreiben der Waden und Füsse mit Kornbranntwein oder
Rum gute Dienste leisten. Sind die Füsse wund geworden, so bestreiche
man sie mit Hirschtalg, doch werden auch einige Tropfen Collodium
hierbei, wie auch bei Schnittwunden, erfolgreich wirken. Blasen dürfen
nicht aufgeschnitten, sondern nur vermittelst einer Nadel mit wollenem
Faden durchzogen werden.
=Reisepläne.= -- Die später mitgetheilten Reisepläne sollen für den
Wanderer nichts als unmassgebliche Vorschläge sein, doch werden sie ihm
das Material bieten, sich eine seiner Zeit und Absicht entsprechende
Tour zusammenzustellen. Die Bereisung des ganzen Erzgebirges erfordert
3--4 Wochen. Als geeigneter Eintrittspunkt ist im Osten +Dresden+, im
Westen +Zwickau+ und im Centrum +Chemnitz+ zu empfehlen. Interessante
Ausflüge lassen sich von jedem erzgebirgischen Orte aus machen. Die
angegebenen »Nebentouren« werden am besten in +Döbeln+ begonnen.
Damit der »Wegweiser durch's Erzgebirge« nicht zu stark und theuer
wurde, musste die Beschreibung der einzelnen Routen und Ortschaften
etwas knapp gehalten werden; eben darum wurden etwaige Sagen nur
angedeutet, nicht ausführlich mitgetheilt.
[Illustration]
Das Erzgebirge.
=1. Ausdehnung und Gestaltung.= -- Das Erzgebirge ist ein mächtiger
18--20 Meilen langer Gebirgszug des mittleren Deutschland. Bei
ostnordöstlicher Richtung erstreckt es sich von den Quellen der
(weissen) Elster, wo es durch das voigtländische Hügelland mit dem
Frankenwalde und dem Fichtelgebirge zusammenhängt, bis zu den Quellen
der Gottleuba, wo es in das Elbsandsteingebirge übergeht. Im Süden
fällt es steil wie eine Mauer ab und findet seine Begrenzung bis Kaden
durch die Eger und, nach der kurzen Strecke Kralup-Kommotau-Görkau,
durch den Bielafluss, welcher über Brüx, Bilin und Aussig der Elbe
zurinnt. Im Norden dacht es sich allmälig zum sächsischen Tieflande ab,
wobei Hügelwelle hinter Hügelwelle erscheint und das ganze Gelände sich
als eine von vielen Flussfurchen durcharbeitete Berglehne darstellt.
=2. Eintheilung.= -- Der Hauptrichtung nach zerfällt das Erzgebirge in
3 Theile: in das +westliche+, in das +Central-+ und in das +östliche+
Erzgebirge. Das +westliche+ Erzgebirge liegt zwischen der oberen
Elster und dem Schwarzwasser, beziehentlich der Zwickauer Mulde; das
+Central-Erzgebirge+ zwischen dem Schwarzwasser und der Freiberger
Mulde und das +östliche Erzgebirge+ zwischen der Freiberger Mulde und
der Gottleuba, beziehentlich der Elbe.
In der Richtung von Süd nach Nord unterscheidet man das +obere+ und das
+niedere+ Erzgebirge; jenes reicht von dem zusammenhängenden Kamme, der
eine durchschnittliche Höhe von 2500 Fuss hat, etwa bis Falkenstein,
Schneeberg, Thum, Wolkenstein, Frauenstein und Schmiedeberg; dieses
von den genannten Orten bis in die Gegend von Zwickau, Lichtenstein,
Chemnitz, Frankenberg, Hainichen, Siebenlehn und Tharandt. -- Im
Centralgebirge kommt der jähe Absturz des Kammes nach Süden und die
sanfte Abdachung nach Norden am meisten zur Geltung.
=3. Gebirgsarten.= -- Das Erzgebirge besteht vornehmlich aus
+Urgebirgsarten+, d. h. aus Thon- und Glimmerschiefer, Gneis und
Granit. Am verbreitetsten zeigt sich der +Gneis+. Er ist nicht nur
vorherrschend im ganzen östlichen Gebirge, sondern reicht auch weit
in's Centralgebirge hinein, und zwar bis Schlettau, Wolkenstein
und Schellenberg. Ihm sind zugleich die wichtigsten Erzgänge[2]
eingelagert, welche von dem sächsischen Bergmanne abgebaut werden.
Am mächtigsten ist darnach der +Glimmer-+ und +Thonschiefer+. Diese
Gebirgsarten bilden besonders den südwestlichen Theil des Gebirges und
den Südrand des Steinkohlenbeckens zwischen Zwickau und Chemnitz. Das
dritte Gestein, der +Granit+, tritt nur an mehreren Stellen aus dem
Glimmer- und Thonschiefer heraus und hat seine grösste Ausdehnung um
Eibenstock und Kirchberg. Ausser diesen Hauptgebirgsarten zeigt sich
an mehreren Orten +Porphyr+, +Syenitporphyr+ und +Quadersandstein+;
wie denn auch der häufig vorkommende +Basalt+ daran erinnert, dass im
Erzgebirge einst bedeutende vulkanische Durchbrüche stattgefunden haben.
=4. Berge.= -- Auf dem Rücken des Erzgebirges erheben sich mehrere
Gipfel, welche zum Theil an Höhe sogar die obersten Spitzen des
Thüringer Waldes und des Harzes übertreffen. Wenn sie trotzdem nicht so
gewaltig als diese erscheinen, so hat dies seinen Grund darin, dass sie
auf einer sehr hohen Unterlage ruhen.
Als die ansehnlichsten, aus Urgebirge bestehenden Gipfel sind zu
nennen: der +Keilberg+ und der +Fichtelberg+ bei Oberwiesenthal
(jener 3812, dieser 3708 P. F. hoch); der +Spitzberg+ bei Gottesgabe
(3444´), der +Eisenberg+ bei Unterwiesenthal (3166´), der +Auersberg+
bei Wildenthal (3120´), der +Hirschkopf+ bei Karlsfeld (2992´),
der +Rammelsberg+ bei Sachsenberg (2972´), der +Wieselstein+ bei
Langewiese (2944´), der +Kahlberg+ bei Altenberg (2803´), der
+Kupferhügel+ bei Kupferberg (2790´), der +Lugstein+ bei Zinnwald
(2752´), der +Schneckenstein+ bei Gottesberg (2690´), der +Rabenberg+
bei Johanngeorgenstadt (2636´), der +Eselsberg+ bei Sosa (2635´), die
+Morgenleite+ bei Schwarzenberg (2488´), der +Kuhberg+ bei Stützengrün
(2426´), der +Schwartenberg+ bei Seifen (2394´), der +Kapellenberg+
bei Schönberg (2337´), die +Tellkuppe+ bei Bärenburg (2323´) und der
+Greifenstein+ bei Geyer (2234´).
Daneben giebt es mächtige Basaltberge, welche als hohe, freistehende
Pyramiden oder Kegel erscheinen. Wir erwähnen: den +Hassberg+
bei Pressnitz (3051´) den +Bärenstein+ bei Weipert (2762´), den
+Pöhlberg+ bei Annaberg (2567´), den +Geising+ bei Altenberg (2534´),
den +Scheibenberg+ bei der gleichnamigen Stadt (2470´), den +Spitz-+
oder +Sattelberg+ bei Schönwald (2235´), den +Luchberg+ bei Glashütte
(1782´) und den +Wilisch+ bei Reinhardsgrimma (1466´). -- Eine schöne
Aussicht gewähren ausser den genannten Bergen noch: der +Reischberg+
bei Pressnitz, die +Luisensteine+ bei Brandau, der +Glöselsberg+
bei Niklasberg, das +Mückenthürmchen+ bei Graupen (2511´), die
+Nollendorfer Höhe+ bei Peterswalde (2142´), der +Stein+ in Schöneck
(2301´), Schloss +Augustusburg+, die +Schönerstädter Höhe+ bei Oederan,
die +Saydaer Höhe+, die Burgruine +Frauenstein+, der +Burgberg+ bei
Lichtenberg und die +goldene Höhe+ zwischen Dippoldiswalde und Dresden
(1054´).
=5. Waldungen.= -- Reichlich die Hälfte des Erzgebirges ist mit Wald
bedeckt. Die grössten Forste befinden sich in den Revieren +Auerbach+,
+Schöneck+, +Schwarzenberg+ und +Crottendorf+. Vorherrschend
ist Nadelholz; doch treten neben Fichtenwald zusammenhängende
Buchenbestände auf: so bei Tharandt, Olbernhau, Marienberg und
Steinbach. Der grösste Theil der Waldungen ist Eigenthum des Staates
und wird musterhaft bewirthschaftet.
=6. Flüsse.= -- Das Erzgebirge ist der Quellort für zahlreiche Flüsse,
Flüsschen und Bäche, welche allesammt dem Elbgebiete angehören. Die
wenigsten von ihnen haben den Abfluss nach Süden, wie die +Zwota+
und +Biela+; bei weitem die meisten rinnen nach Norden und münden
unmittelbar in die Elbe, wie die beiden +Mulden+ als vereinigte Mulde,
die +Weisseritz+, +Müglitz+ und +Gottleuba+, oder fallen zuvor in die
Saale, wie die +Elster+ und +Pleisse+, oder in die Mulden, wie alle
übrigen.
Die nordwärts laufenden Gewässer haben beim Herabgleiten die im Boden
vorhanden gewesenen Spalten nach und nach erweitert und zahlreiche
Vertiefungen und Kessel, Gründe und Thäler gebildet und so der
Landschaft besondere Reize verliehen. Am anmuthigsten sind die Thäler
der +Elster+, der +Zwickauer Mulde+, +des Schwarzwassers+, der +Sehma+,
der +Zschopau+ und der +Müglitz+; am wildesten die der +schwarzen
Bockau+ im schwarzen Grund bei Pobershau und der +rothen Weisseritz+ im
Rabenauer Grunde.
=7. Klima.[3]= -- Während gewöhnlich die Temperatur von Norden
nach Süden zunimmt, ist es im Erzgebirge wegen des Ansteigens des
Bodens umgekehrt. Dieser Umstand wirkt ungünstig auf das Klima ein.
Engelhardt's Vaterlandskunde von Sachsen sagt: »Lange Winter mit viel
Schnee, späte Einkehr des Frühlings und rascher Uebergang aus diesem
zum Sommer, schöner klarer Herbst, Spätfröste noch im Mai, frühzeitige
schon im September -- das sind die Hauptkennzeichen des Klimas;
ganz wesentlich hat jedoch zu dessen Verbesserung die Entwässerung
der Sümpfe beigetragen.« Dabei sind aber die Thäler mild und die
Höhen eigentlich nur wenig kälter, als die entsprechenden anderer
deutschen Mittelgebirge. Auch ist die Luft leicht und rein und für
Brustkranke, deren Leiden noch nicht zu weit fortgeschritten, sehr
zuträglich. Cholera ist dem obern Erzgebirge bisher fern geblieben, und
Wechselfieber gehören allda zu den seltensten Fällen.
Für das erzgebirgische Klima spricht auch, dass der Getreidebau bis
weit in die Berge hinauf reicht. Bei einer Höhe von 1800 bis 2000 Fuss
erntet man noch Raps, Roggen und Weizen; am rauhen Gebirgskamme, wie
bei Gottesgab und Oberwiesenthal, allerdings nur Hafer, Flachs und
Kartoffeln. Am ergiebigsten zeigen sich die Kartoffeln. Sie sind auch
gegen Ende des 17. Jahrhunderts zuerst in dem Dorfe +Würschnitz+ bei
Adorf angebaut und von dort aus erst später weithin verbreitet worden.
-- Wer Näheres über die Pflanzenwelt des Erzgebirges wissen will,
dem empfehlen wir: Dr. +Stössner+: Die Vegetationsverhältnisse von
Annaberg und Umgegend, Annaberger Realschulprogramm vom Jahre 1859;
+A. Israel+: Schlüssel zum Bestimmen der bei Annaberg und Buchholz
wild wachsenden Pflanzen, und +O. Wünsche+: Excursionsflora für das
Königreich Sachsen.
=8. Einwohnerzahl und Staatsangehörigkeit.= -- Das Erzgebirge gehört zu
den dicht bevölkertsten Gegenden Sachsens, ja Deutschlands. Was urbar
zu machen war, hat man urbar gemacht; man verfuhr nach dem Grundsatze:
»Wo der Pflug kann gehn, soll der Wald nicht stehn!« und half, wenn
der Pflug wegen der Steilheit des Bodens doch nicht gehen konnte, auch
noch mit Grabscheit und Hacke nach. Daher findet man, wo man schlichte
Bauerndörfer vermuthet, ansehnliche Städte, und wo man in waldigem Thal
kleine Weiler voraussetzt, langgedehnte Dörfer. Dabei hat jedes Haus
zahlreiche Insassen: auf die Quadratmeile kommen im Gebirge eben mehr
als 10,000 Einwohner.
Die Bevölkerung des Erzgebirges erscheint viel gleichartiger als die
von anderen deutschen Mittelgebirgen. Abgesehen von der geringen
Gliederung des Bodens, welche ein Abschliessen nicht begünstigt,
und von dem regsamen Handel, welcher unwillkürlich ein Annähern der
Leute herbeiführt, trägt dazu sicherlich bei, dass die Landschaft
nur zwei Staaten angehört und dadurch einen angenehmen Gegensatz
zu Thüringen und dem Harze bildet, wo die politischen Grenzen so
merkwürdig ausgezackt und vielfach verschlungen sind. Der Südabhang
des Erzgebirges und ein Theil des Kammes gehören zu Böhmen, der andere
Theil des Kammes und die Nordabdachung zu Sachsen. Dabei stellt die
staatliche Grenze zugleich die Scheidung zweier Kirchengebiete dar: wer
aus dem protestantischen Sachsen über die böhmische Grenze schreitet,
wird an den errichteten Kreuzen und Heiligenbildern bald merken, dass
er auf gut katholischem Boden wandert.
=9. Menschenschlag.= -- Der erzgebirgische Menschenschlag ist ein
ursprünglich kräftiger, wie man ihn heute noch am Südabhange und in den
Wald- und Ackerbaudistrikten antrifft; in den Fabrikgegenden aber ist
er durch Stubenarbeit oder allzu geringe Nahrung, welche fast nur aus
Kartoffeln und dünnem[4] Kaffee besteht, mehrfach verkümmert.
=10. Volkstracht.= -- Eine eigentliche +Volkstracht+ ist im Erzgebirge
nicht mehr vorhanden. Namentlich auf der nördlichen Seite »hat die
Kultur fast Alles beleckt« und die Mode beinahe jedes altväterische
Kleidungsstück beseitigt. Unter den Männern haben nur die Bergleute
noch einen besonderen Anzug und unter den Frauen tragen nur die
Bäuerinnen, welche in den entlegensten Dörfern wohnen, noch
faltenreiche Röcke und steife Haubenschleifen oder glatte Pelzmützen.
=11. Volkscharacter.= -- Der Erzgebirger ist höflich, gefällig und
äusserst genügsam. Gern steht er dem Fremden Rede und im Zwiegespräch
sucht er unaufgefordert das Beste zur Unterhaltung beizutragen. Von
seiner Genügsamkeit zeugen die einfache Wohnung und die noch einfachere
Kost. Dazu kommt Frohsinn, eine ungemeine Verträglichkeit und grosse
Liebe zur Reinlichkeit. Im Erzgebirge wird eifrig gesungen und noch
eifriger musicirt; Breitenbrunn und Klostergrab, Kupferberg und
Gottesgabe, vor allen aber Pressnitz, senden Schaaren von Musikern
hinaus in die Welt. Während es anderwärts oft nicht gut thut, wenn
zwei Familien in demselben Hause wohnen, so hausen im Erzgebirge
oft drei bis vier Familien in einer Stube, ohne dass man viel von
unfriedfertigen Auftritten hört; sicherlich ein Beweis, dass die
Bewohner sanft und schmiegsam sind. Der Sinn für Reinlichkeit tritt
dem Fremden ungesucht entgegen. Die steinernen Gebäude gefallen meist
schon durch ihren gut erhaltenen Bewurf und Anstrich und das Innere
der Häuser und Hütten erfreut noch mehr durch die daselbst herrschende
Sauberkeit. Die Zimmerwände sind reinlich getüncht, die Dielen weiss
gescheuert, die Haus- und Küchengeräthe blank geputzt! Und wenn der
Maassstab Liebig's richtig ist, dass man die Kultur von Volksgruppen
nach dem von ihnen verbrauchten Quantum Seife beurtheilen könne, so
wird den Erzgebirgern eine bevorzugte Stellung einzuräumen sein; denn
nirgends wird wohl mehr, als bei ihnen gewaschen und gescheuert. In der
That macht auch der geringe Mann im Erzgebirge eher den Eindruck eines
verarmten Gebildeten, denn eines armen Natursohnes.
Fragt man den Erzgebirger selbst, was er für die wesentliche
Eigenschaft seiner Landsleute halte, so wird man sicher zur Antwort
bekommen: »Die Gemüthlichkeit!« Ein vieldeutiges Wort! worunter man
aber im Allgemeinen das Streben zu verstehen hat, sich und Anderen das
Leben angenehm zu machen. Im Gebirge wird eben aufmerksam beachtet,
nicht nur +was+ man sagt und +was+ man thut, sondern auch +wie+ man es
sagt und +wie+ man es thut. Gewandte Personen gelten als »manierlich«
und erhalten leicht Beifall; eckige Naturen werden mit zweifelhaftem
Auge, Störenfriede mit Widerwillen betrachtet. Durch die genannte
»Gemüthlichkeit« wird allerdings die Geselligkeit erhöht und ein
angenehmer Ton im gegenseitigen Umgang geschaffen, doch auch die
Thatkraft und der Trieb zur Selbstverwaltung etwas abgeschwächt.
=12. Geschichtliches.= -- Vor Alters war das Erzgebirge ein grosser
zusammenhängender Wald, der +Miriquidi+ genannt wurde. In der
Völkerwanderung nahmen die +Sorben+, ein slavischer Volksstamm, Besitz
von dem Lande zwischen Saale und Elbe und siedelten sich auch an dem
Fusse des Erzgebirges an. Mit der Gründung der Mark Meissen (928)
begannen jedoch die Deutschen, sich als Eroberer in dem genannten
Gebiete festzusetzen und Burgwarten und Klöster anzulegen. Dadurch
wurden die Sorben genöthigt, bergaufwärts zu rücken und sich in dem
unwirthlichen, aber für sie freien Miriquidiwald niederzulassen. Sie
gründeten um jene Zeit die Städte Lössnitz, Zwönitz, Zöblitz, Chemnitz,
Schlettau, und Zschopau, so wie mehrere darum liegende Dörfer, deren
Namen sich auf itz, itzsch, ig, en, und au endigen.[5] Noch rascher
ging der Anbau des Erzgebirges von statten, als die Silbergänge in der
Gegend des heutigen Freiberg fündig wurden (1163). Zahlreiche Bergleute
aus dem Harze, aus Franken (aus dem »Reiche«) und Böhmen strömten
herbei und legten neben den Gruben verschiedene Flecken und Dörfer an.
Freiberg wurde der Mittelpunkt eines regen Bergmannslebens, dessen
wohlthätige Wirkungen, zumal man an mehreren Orten Zinn brach, sich
auch nach Westen hin verbreiteten. Im obern Erzgebirge entstanden im
12--14. Jahrhundert die Städte Wolkenstein, Elterlein, Schwarzenberg,
Aue, Grünhain, Ehrenfriedersdorf, Thum und Geyer. Einen besonderen
Aufschwung aber nahm das Gebirge, als man nun 1471 in der Nähe des
Kammes zahlreiche Silbergruben erschürfte. Der Abbau wurde eifrigst
betrieben; die Ausbeute war gross und so lange der Bergsegen reichlich
floss -- was bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts geschah -- nahm
auch die Bevölkerung bedeutend zu. In einem Zeitraum von ungefähr 60
Jahren wurden nicht weniger als 11 neue Bergstädte gegründet, nämlich:
Schneeberg 1477, Annaberg 1496, Buchholz 1504, Joachimsthal 1516,
Gottesgabe, Eibenstock und Jöhstadt 1517, Marienberg 1521, Scheibenberg
1522, Wiesenthal 1526 und Platten 1532. -- Von Einfluss dabei war,
dass die Erzgebirger, wie fast alle Bergleute Deutschlands, auf die
Seite der Reformation traten und mit Begeisterung die Lehren des kühnen
Bergmannsohnes annahmen.
Sobald aber die Silbergruben sich nicht mehr »so höflich und
freundlich«, als früher zeigten und manche Zechen geradezu »versagten«,
da stellte es sich heraus, dass die dichter gewordene Bevölkerung
von dem Bergbau allein nicht zu leben vermöge. Waren doch die edlen
Metalle seit der Eroberung Mexiko's und Peru's überdies sehr im Werthe
gesunken! Man musste sich daher nach anderen Erwerbsquellen umsehen.
Zunächst griff man zur Verarbeitung der einheimischen Roherzeugnisse
und so entstand die Blech-, Löffel- und Nagelschmiederei, die
Herstellung von Gold- und Silberdrahtwaaren, die Holzschnitzerei,
die Serpentindrechselei, die Bereitung von Feuerschwamm und die
Gewinnung von Arzneimitteln. Aber hierbei wurden immer nur wenig Leute
beschäftigt. Da führte im 16. Jahrhundert (1561) +Barbara Uttmann+,[6]
die Frau eines reichen Bergherrn zu Annaberg, im Erzgebirge das
+Spitzenklöppeln+ ein, welches sie der Sage nach von einer flüchtigen
Brabanterin erlernt hatte. Die neue Kunst verbreitete sich rasch
unter den erzgebirgischen Frauen und legte den Grund zu einer echten
Hausindustrie, die sich darnach auch bei noch anderen Erwerbszweigen
herausbildete. In demselben (16.) Jahrhundert verpflanzten
ausgewanderte Schweizer auch die +Musselin-+ und +Schleierweberei+
nach dem Voigtlande und dem daranliegenden Erzgebirge, ebenso liess
sich (1589) der erste Posamentier +Georg Einenkel+ aus Dinkelsbühl
in Schwaben zu Buchholz nieder und gab da die Anregung zur
+Posamentenfabrikation+.
So gedieh das Gebirge, bis es von den Drangsalen des 30jährigen
Krieges arg zu leiden hatte. Dörfer und Städte, besonders Freiberg
wurden verwüstet; mehr als die Hälfte der Einwohner starb durch
Schwert, Hunger oder Krankheit; das Gewerbe war zum Stillstand, der
Bergbau fast zum Erliegen gekommen. Nichts desto weniger erholte
sich darnach die Bevölkerung hier eher wieder, als in anderen, weit
besser gelegenen Landschaften. Wesentlich trug dazu die Einwanderung
von böhmischen Protestanten bei, welche, ihres Glaubens wegen aus
der Heimath vertrieben, sich in den verödeten erzgebirgischen Orten
ansiedelten und neuen Unternehmungsgeist und neue Arbeitskraft
mitbrachten. Während in anderen Bezirken damals manches zerstörte Dorf
als »Wustung« liegen blieb, entstand im Erzgebirge sogar eine neue
Stadt, Johanngeorgenstadt; denn dieses ist nur wenig Jahre nach dem
Westphälischen Friedensschluss, im Jahre 1654, von böhmischen Exulanten
angelegt worden.
Doch half auch zur Hebung des Gebirges, dass in den nächsten
Jahrzehnten +neue+ Erwerbszweige aufkamen. Gegen Ende des 17.
Jahrhunderts wurde Chemnitz und Umgegend der Sitz einer bedeutenden
+Baumwollindustrie+, der sich später die +Wollenindustrie+ anschloss.
Der damalige Faden war Handgespinnst, und es mussten Tausende von
Leuten sich rühren, um den Bedarf an Garn zu decken. Später fertigte
man den Faden auf Handmaschinen, von denen jede 10--30 Spulen zählte;
noch zu Anfang unseres Jahrhunderts gab es 18,000 Menschen, welche auf
solche Art Baumwolle spannen. -- Zu der Spinnerei gesellte sich die
+Weberei+ und +Strumpfwirkerei+. Vor dem 30jährigen Kriege hatte in
Chemnitz ausser der Leinweberei die von Niederländern eingebürgerte
Tuchmacherei geblüht; nunmehr wandte man sich mit Erfolg der
Baumwollenweberei zu und fertigte anfangs (1715) Barchent und dann
(1725) Musseline und Kattune und allerlei bunte Waaren. Fünfzig Jahre
nach dem Betreten der neuen industriellen Bahn mögen in und um Chemnitz
2000 Handstühle in Thätigkeit gewesen sein. Die Strumpfwirkerei war
in Chemnitz schon 1728 eingeführt worden; sie gewann aber erst grosse
Bedeutung als es dem Kaufmann +Esche+ in Limbach (1776) gelungen war,
mit Hülfe zweier geschickten Arbeiter den von dem Engländer Lee
erfundenen Strumpfwirkerstuhl nachzubauen.
Auch die erzgebirgische Frauenindustrie erhielt im Laufe des 18.
Jahrhunderts eine Zugabe. Die aus Bialystock gebürtige +Clara
Angermann+, welche sich mit dem Förster Nollain in Eibenstock
vermählte, hatte in einem polnischen Kloster das +Tambouriren+ -- das
Sticken mit der Häkelnadel -- gelernt und verpflanzte es (1775) nach
Eibenstock.
Rechnet man zu dem Allen, dass der Bergbau durch die 1765 in Freiberg
errichtete Bergakademie zur Wissenschaft erhoben wurde und man nun
im Stande war, in grösseren »Teufen« abzubauen und minder edle Erze
zu verhütten, so wird man begreifen, dass schon im verflossenen
Jahrhundert das Erzgebirge ein +Hauptindustriegebiet+ für +Sachsen+, ja
für ganz +Deutschland+ wurde. Dabei ist jedoch anzuerkennen, dass die
+Grossindustrie+ erst seit Anwendung der Maschinen und der Einführung
des fabrikmässigen kaufmännischen Betriebes entstanden ist. Der
Gebrauch der Spinnmaschine (erfunden 1775 durch +Richard Arkwright+ in
England), die Anwendung des Jacquard- und des Kraft- oder mechanischen
Webstuhles und die Benutzung des Rundstuhles (Strumpfstuhles) wirkten
entscheidend. Wurde auch die Handspinnmaschine in die Rumpelkammer
verwiesen, wurde auch das Webeschifflein der Hand des Arbeiters
entzogen und der gewöhnliche Strumpfwirkerstuhl auf gewisse Arbeiten
beschränkt, so wuchs die Production doch ungemein und wurden bei ihr
überhaupt vielmehr Leute beschäftigt, denn früher.
Auch bei der Klöppelei und Stickerei traten Maschinen auf; so dort die
1809 von Heathcoat in Nottingham erfundene und rasch vervollkommnete
Bobbinetmaschine, welche einfache Spitzen sehr billig herstellt, und
hier die von den Schweizern aufgebrachte Stickmaschine, welche 200--500
Nadeln durch einen Hebeldruck in Bewegung setzt und darum nicht zu
verwickelte Garnituren um einen geringen Preis liefert. Beide Maschinen
machten der Frauenarbeit gefährliche Concurrenz, drückten die Löhne
herab und drohten, der weiblichen Hand, welche früher das Spinnrad und
neuerdings durch die Strick- und Nähmaschine fast das Strick- und
Nähzeug verloren hat, auch den Klöppel und die Sticknadel zu entwinden;
aber durch den Uebergang zu künstlicheren Mustern und die Verbindung
von Maschinen- und Handarbeit ist es ihr dennoch gelungen, sich neben
und mit den Maschinen zu behaupten.
=13. Angabe der Industriebezirke.= -- Wie anderwärts, so hat sich auch
im Erzgebirge fast jeder einzelne Industriezweig auf einem bestimmten
Gebiete heimisch gemacht und wird da mit verwandten Beschäftigungen
beinahe ausschliesslich betrieben. Je nach der Wichtigkeit des Gewerbes
nimmt ein solches Gebiet mehrere Quadratmeilen ein, oder beschränkt
sich auf einen kleineren, ja oft sehr kleinen Flächenraum. Die
+Holzschleifereien+ und +Sägemühlen+, die +Baumwoll-+, +Woll-+ und
+Flachsspinnereien+, kurz alle Fabriken, welche Wasserkraft benutzen,
folgten erklärlicher Weise den Flussläufen und finden sich besonders in
den Thälern der Sehma, der Zschopau, der Flöha, der Chemnitz, sowie der
Zwota und Biela.
Als die wichtigsten Industriebezirke haben wir zu nennen:
=a) den Metallbergbau-Bezirk.= Man baut auf allerlei Metalle, besonders
auf Zinn, Eisen und Silber. Für den Silberbergbau ist Freiberg und
Umgegend massgebend; Zinn wird namentlich in Altenberg, Eisen um
Schwarzenberg gegraben. Zur guten Verwerthung der geförderten Erze hat
man mehrere Hüttenwerke angelegt, so: die +Silber- oder Obermuldner
Hütten+ bei Freiberg, die grossartigsten metallurgischen Anstalten des
Erzgebirges; die +Marienhütte+ in Zwickau, das bedeutendste Eisenwerk
von Sachsen; +Hohöfen+ -- meist mit Giessereien, Hammer- und Walzwerken
verbunden -- in der Nähe von Döhlen und Kallich, sowie von Eibenstock
und Schwarzenberg; die +Zinnhütten+ im Marienberger und Altenberger
Reviere; die +Gifthütte+ bei Altenberg, die +Saigerhütte+ zu Grünthal
und die +Blaufarben+werke zu Oberschlema und Pfannenstiel.
=b) den Kohlenbergbau-Bezirk.= Dieser umfasst das Erzgebirgische
und Potschappler Kohlenbassin; für jenes ist Zwickau, für dieses
Potschappel selbst Mittelpunkt. Die Kohlenförderung hat in neuester
Zeit ungemein zugenommen; man kann rechnen, dass jährlich 40,000,000
Centner Steinkohlen ausgebracht werden, wovon ¾ auf Zwickau und
Umgegend und ¼ auf den Plaueschen Grund entfallen. -- In der Nähe der
Kohlenwerke sind meist bedeutende Coaksbrennereien entstanden.
=c) den Waldbezirk.= Hierzu gehören alle grösseren Waldungen des
Erzgebirges, besonders die bedeutenden Forste um Auerbach und
Schöneck, um Schwarzenberg und Crottendorf. Schon im Walde selbst
sind viele Leute thätig, so: die Holzhauer, Köhler, Pechsieder
und Russbrenner; noch mehr aber beschäftigen sich in dem Hause
mit Verarbeitung des vom Walde gelieferten Holzes. In Lauter (bei
Schwarzenberg) fertigt man Körbe (Spannkörbe) aus Fichtenholz, in
Waldkirchen und Grünhainichen allerlei Haus- und Küchengeräth;
Johanngeorgenstadt liefert feine Tischlerwaaren; Klingenthal sowie
Markneukirchen musikalische Instrumente; in Rabenau betreibt man
Stuhlbauerei und um Olbernhau und Seifen allgemein die Fabrikation von
Spielwaaren.
=d) den Weberbezirk.= Hauptort hierfür ist +Chemnitz+, doch hat
sich die Weberei von da auch nach Glauchau, Meerane, Frankenberg,
Ernstthal, Hohenstein und dem Mülsener Grund, sowie nordwärts selbst
bis Lunzenau und Rochlitz verbreitet. Im Voigtlande herrscht die
Weissbaumwollenweberei vor. -- Die Weberei hat in den meisten Orten
auch Färberei, Zeugdruck und Appretur hervorgerufen.
=e) den Strumpfwirkerbezirk=, welcher seine Anhaltspunkte in Chemnitz,
Limbach und Stollberg findet.
=f) den Posamentierbezirk= mit den Ortschaften Annaberg, Buchholz,
Schlettau, Scheibenberg, Geyer, Ehrenfriedersdorf und Wolkenstein.