Jörg Schuh stand breit am Baugerüst, lachte zugleich mit dem kreischen Ton
des Stichels, kaute sein Brot und wußte, daß er Stukkatör. Scharf war Wind
in dieser Vogelperspektive. Mit einem Aug am Gesims ornamentierend, mit
andrem aufs Pflaster vierzig Stock tief hinabblinzelnd auf sonnbeklexten
Asfalt, der grell herauf schrie. Trotzdem straßerasendes Gemensch sehr
winzig unten wimmelte, sah er dennoch den großen Busen der Magd Hanne aus
dem Wolkenkratzer gegenüber Nr. 69.
Der Busen, der Bubusen ist prächtig plastisch, als hätte ihn ein Stukkatör
geformt! entriß sich ekstatischer Satz aus Jörgs bewundernder Kehle mit
oberhalb geilen Glotzaugen, die überkegelten, Planke schaukelte, Kopf, Füße
wankten quer durcheinander, _Wind pfiff_ . . . . . . . . . . . . . . . . .
. .
* * *
(kroloscho su krolo su su suuuuu huih -- -- -- iiihh! die Ewigkeit! in die
Ewigkeit! Fahr mr Euer Gnadn? grüßte spiegliger Zylinder gelbblauen Mannes
einladend, billig, der Kilometer drei Halsbrüche und neun Tode. Ich bin
Ekstatiker aufm Kubus, im letzten Leben war ich Mathematikprofessor und da
auf der großen Milchstraßn bin ich jetzt Droschkenkutscher. Also fahr mr
Euer Gnadn? -- Nein ich danke, ich nehme prinzipiell nur Taxameter! -- Aber
ich hab Gummireifen an den Radln, oh Marke »Gigant«. -- Gehns in ein
Bordell! -- Bittäähh!
* * *
Guten Abend Jörg, lachte es an sein eines Ohr, als er apollenähnlich,
kraftschenklig durch raketenhaft erleuchteten Spiegelraum mit seitlichen
Flüster- und Zeugungsecken schritt, nun das gertenschlanke Mädchen eng an
den Neger gedrückt sah. Komm Jörg, schau zu, wie Du gemacht wirst, roch es
betrunken, wie nun Schwarz und Weiß in kleines diwangeschmücktes Gemach
torkelten, und das Weib sich seufzend an den muskelharten Lenden des
Mohrenathleten rieb, so ein Mysterium abkeuchte. Auch die Porzellanteller,
die Zinnkrüge waren sehr schön.
Siehst Du, Jörg, das ist es. Schwarz traf ins Weiß. Darum ist auch Dein
andres Ohr schwarz. Das weiße ist dumm wie der Acker Europa, hört nichts.
Das schwarze hingegen hört alles: Vergangnes und Zukünftiges, bis sich der
Kreis schließt. Es hört so genau, daß es weiß. Und vernimms: es gibt keine
Gerade, was grad deucht, ist Stück vom Kreis. Darum ewiges Symbol die
Schlange, deren Kopf den Schwanz beißt, so sich frißt. Aber laß die
Filosofie, Jörg, die ist nur ein Käsezuber. Im besten Fall. Denn sonst
fehlt auch der Käse.
Als sie akterschöpft halb schläfrig lag, hüpfte der Nigger hinaus, tanzte
im elektrischen Lichtgewog vor bezechten Ministern, griechischen und
tschechischen Dirnen wilden Tanz, daß alle im Halbkreis ineinanderverbogen
den Urwald brüllen hörten. Staunen goß über Fallobus herab: der Neger, der
hier nackt trampelte, daß ihm Schweiß bächefloß. Das war Parföm für die
schnuppernden Nasen der geilen Huren. Und sie griffen sich selbst. Denn die
Minister hatten ihre Klemmer verloren. Fallobus wuchtete Beine durch Luft,
trat klitschend aufs Parkett, ließ Muskel, Geschlecht zucken, war und
verhieß: Stärke, Zeugung, Koloß, Kraft zur höchsten Potenz. Und wieder
brüllte Urwald.
Drinnen lag die Begattete und schlief fast glücklich.
Urwaldtanz und Urwaldsang umwob die ersten werdenden Zellen Jörgs. Auch
blökte der Kriegsminister wie ein Schaf. Ein Schampanjerglas klirrte und
löste seine Scherben in Wohlgefallen über einen fraulichen Unterleib aus,
der entblößt herrlich gurrte. Damit nur nichts passiert, schrie der
Kriegsminister. Dann lassen sie halt ihre Kanone los.
Auf einen Flaschenrund leuchteten imaginäre Haare zwischen Fleisch herab
Warum grüßen denn nur die Pferde so devot? Und man hörte einen Bach
rieseln.
Der Nigger grinste bleckend Zähne.
* * *
Nun schaute Jörg zu, wie er in Finsternis Zelle an Zelle setzte: So ward.
Überbald im siebenten Monat zerbrach sie das gläserne Gefäß und die Bäurin
stieß Frau mit Keim hinaus. Nun kam durch die Nacht der rotschlitzige
Sklavenaufseher und striemte mutterndes Weib, bis sich ihr Blut mit dem
Salz ihrer Tränen vermischte. So ward endlich der Maure gerührt und barg
über die Blasse den Mantel. Immerhin freute der Heide sich bald über die
dreizehn Füchse, die sich gülden in seiner Hand drehten, als der Portugiese
doldige Frau wegschleppte.
Dann saß er dabei und hauchte der Mutter wärmend auf die Scham, als er auf
einer andalusischen Barke im Hafen Lissabons zur Welt sich schrie. Drei
Matrosen, wütend, weil aus heißem Kartenspiel gerissen, stießen herbei,
sahen kreischendes Weib, das sich in Blut suhlte. Man griff Jörg, dann die
Mutter, die schon Augen geschlossen, steif gekrampft so erkaltete. Schnell
warf einer die Tote über die Reeling. Der große Steuermann setzte Jörg die
Bulle an, ersoff ihm erstes Geschrei im Branntwein.
Die zwei Andern lachten endlos über die Scheckigkeit der Ohren des
Neugebornen: das eine weiß, das andre schwarz.
* * *
Dann tobte Straße um ihn. Spielzeug war Kot. Labung Prügel. Steuermanns
Haus schnapste Budike. Pflegvater selbst war auf See. Seine ihm
unangetraute Frau Hafenhure. Auch Zwischenhändlerin für feine Leute mit
seltenen Genüssen. Alles ist bei Coma zu haben, war Parole und Schild. Doch
am meisten pflog Coma am eignen Körper edles Handwerk. Litt gern orkane
Passion. Sie, gar massiv schnellte sich besonders an massive Männer. Oft
sah Jörg zwischen zerschlagnen Fenstern wundersame Vorgänge, die Wärme
überprickelten. Einmal frug wissenwollender Knabe qualles Weib: warum
liegen immer die fremden Männer in Deiner Stube? und fühlte schon den
Schlag, der sein Gesicht benetzte. Da frug er nicht mehr. Spielte weiter
mit Kot und den andren stinkenden Kindern der Gosse, sah einmal, und sah
einmal betroffen auf, als elegantes Gig von vornehmer sehr schlanker Dame
gezügelt, knapp vor mittagsöder Budike hielt, energisch den Rappen bremste,
vom Sitz mit leichter Lassobewegung sprang, dabei ein kleines Weiß unter
flutendem Rock sehen ließ, doch nur für den Schwung eines Moments, schon
stand, beschattet durch livreeierten Diener vor dreckbeschmiertem Jörg, dem
mauloffnem Jungen mit Gerte gering über Backe fuhr und tönte: Ich brauche
einen jungen Athleten. Die Coma handelt doch damit. Führ mich zu ihr! --
Jörg faßte durchaus nicht, schrie aber kreischend: die Königin! die
Königin! rannte damit weg. Ziehmutter Coma indes trat vor die Tür, glänzte
in Verneigerei, offerierte drinnen ihre Ware: starke Burschen, die sie
teils selbst schon erprobt. Drei Goldstücke erlechzte Coma für angepriesnen
Mann, auf den die Wahl der Dame fiel. Für ein halbes gab sie noch ihren
Jörg darauf. Dann scholl Stimme durch das Gerümpel, scharf: Jörg! -- Halb
scheu, halb dummfrech angeschlichen ward Jörg geheißen, der Dame zu folgen.
Der starke Mann kommt abends um acht, betonte Coma. Mit der Königin soll
ich gehen? stürmte Jörg. Schaf! es ist Rahel, die Tochter des erzreichen
Börsianers. Sie bezahlt mir gut für Männer, die etwas treffen, setzte sie
noch klein für sich hinzu.
* * *
Nun war Zeit umrahmt von Mayonnäs, kandierten Früchten gebackenen Hühnern.
Körper entlaust schwoll in guter Wäsche. Spiegel warf Bild eines vornehmen
Knaben. Jörg hielt Rahels Haus für Traumland künftigen Paradieses. Wenn
nicht gerade schon jetzt Paradies, so doch immerhin Paradiesbett. Wonne
wars ihm, täglich gegen Abend zusammen mit Rahel zu baden. Sie spielte mit
ihm, doch wußte er noch nicht, was es bedeute. Nur leicht dämmerte ihm
erste Geografie: Halbkugel, Gebirg, Bucht, Schlucht, Waldung, See und
wieder Bucht mit äquatorialer Wärme. Bei Nacht lag er Wache vor Tür ihres
Gemachs, wenn ein Mann über die Schwelle in Schwüle getreten. Rahel liebte
Abwechslung. Aber viele rochen nach Fusel. Alle aber waren Hünen. Erste
Zeit blieb Jörg in Entwicklung zurück, deshalb wollte ihn Rahel zum
Eunuchen bestimmen. Dann aber schoß er hoch. Bekam Muskelansätze. Brannte
schon immer mit ihr zu baden. Schon des Morgens genoß er davon im Geiste.
Es überkroch ihn etwas wie Wohlgefühl. Rahel leitete langsam über. Und da
entsann er sich dunkel, in der Budike Ähnliches belauscht zu haben. Und er
lernte gut: war Stier an Wucht, doch geschmeidig, ausdauernd. Da trat Rahel
badentstiegen nackt zu Nacktheit sprechend, nochmals den Jüngling Jörg
kritisch überprüfend arabeskenhaften Ausspruch: es wäre mir leid, soviel
Talent und Kraft zu beschneiden. Nein, Du paßt nicht zum Eunuchen, Du bist
Künstler Deines leibbeseligenden, ach, ganz wunderbaren Instruments, das Du
wie einen Meißel gebrauchst, sicher, straff, bestimmt. Wenn Du schon kein
Bildhauer wirst, so gewiß ein Frauentröster. Du bist Goliath, mein Goliath!
Da trat Jörg ungemein fest auf, daß der Lüster erschrocken von Decke
niederbrach. Man hörte aber keinen Zerlärm, denn er, Jörg, schrie wie
Urwald.
* * *
Auf einer Lustfahrt schwand Lissabon, portugiesische Küste im Hintergrund,
böende Winde trieben über Deck, dann waren Elemente heimtückisch ruhig, bis
es blies und nächtens die edle Privatbarkasse in Gottergebenheit kenterte,
Rahel mit Anhang vergluckste im Gewog, Jörg allein schlug mit Kraft das
Wasser, wild, nun beharrlich lange, einen Tag hindurch, den zweiten und
spuckte sich abends an Land mit Hafenlärm: Genua.
Fremd umklang ihn Sprache, sein portugiesisch Geschrei blieb unverstanden.
Doch Athletengestalt gefiel: ein Mann kurzstirnig, berußt, dang ihn als
Baggerer. Mit Genossen im Schlamm von Hafenrinnen stehend, schleimte er
genuesische Laute nach, bald. Rammte die Pflöcke, platzte so im Gestemm
schier vor Kraft, Entzücken und Wasserzusammenlauf auf zuschauende
Schiffsdirnen, auch Kapitänsfrauen abwälzend. Bekanntes profezeihtes Glück
längst seliger Rahel stülpte sich um seine Lenden. Die Herzogin Giova sah
Jörg von weitem, brach in Sehnsucht aus, ging pralle Mannesmuskelkraft,
Geschlecht sich stets erotisch vermengt vor Augen verlangend heim, schickte
noch nachts ergebne Sbirren zum Hafenarm, wo sie vormittags den Starken
geschaut, ließ Jörg aufgreifen. Noch vor der Gleiche lag er gefesselt zu
ihren Füßen im sinnlichen, seltner Gerüche durchdufteten Gemach und beugte
Haupt in Erwartung des Todes. Sie faßte jedoch geübt, vor Gier kaum lächeln
könnend, riß ihm die Kittel vom Leib. Ward verrückt vom Geruch seines
Schweißes, verschnob sich schier, lechzte, trank, biß. In kleinem Zimmer
hielt sie ihn tagsüber versteckt. Einmal schmeckten ihm ihr Leib, ihre
Lüste nicht mehr, sprang auf, schlug klirrend durchs Fenster, fiel weh aufs
Kreuz, schon auf, über Parkmauer im Schwung, landeinwärts lief. Früchte von
Bäumen gerissen, ihm Nahrung. Durch Staub, der weißlich durch alle Winde
goß, an Klostereien vorbei, Sbirren ausweichend, die scharlachrot bemützt
auf Heeresstraßen nach ihm suchten, endlich bei Sonnensunk er laute
breitdurchstraßte Stadt betrat. Einer Höklerin warf er ins einfältige
Gesicht Frage nach Namen dieses Orts: Milano. -- Gebrechlicher Mann frug
plötzlich, kaum neben ihm, mit hartem Italisch. Jörg schlug ein, ging mit
Messer Sebaldo, ranzte sich hin, schlief morgenzu, erwacht stand als
Holzschnitzer auf. Staunte noch über plötzliches Spaltel in der Hand, das
ungefüg Ritzen ins Holz querte. Schaute auf, traf Sebaldos Blick, erinnerte
sich, daß er gestern auf Straße wegmüde von jenem Gütigen aufgegriffen,
versprochen hatte, Gottesschnitzerei zu lernen. Der Messer war, so kramte
er aus Rederei zusammen, nicht Mailänder sondern war aus Deutschland ins
Welsche zugewandert. Jörg lernte schnell, zeigte Geschick, ja sogar Gefühl,
fing auch etliche deutsche Brocken auf, sang, war zufrieden. Zumal ihm noch
junges Weib des Messers Feierabend mit Busen und andrem vergnügte. Nach
Jahresablauf sauste unerhoffte Freude über schwächlichen Messer Sebaldo
hinweg: seine Frau warf einen kräftigen Knaben ans Licht. Da dem Gesell
mütterliches Weib nicht behagte, auch er nicht Ähnlichkeitstheorien in
bezug auf Neugebornen für später abwarten wollte, nahm er Abschied, ging
seines Wegs, ein Stück Hammelkeule als letzten, gar nicht so sentimentalen
Liebesgruß im Felleisen.
Alpenzu er schritt.
* * *
Am St. Gotthard warf er seine beschmutzten Füße in das Kloster, sagte, er
sei vom Himmel gefallen, früher Abt in Rom gewesen, jetzt hierher gekommen,
um klösterliche Küche zu inspizieren. Die Brüder schlugen die Mönchskutten
über ihre Scham und freuten sich sehr. Haha, dada, allelujah. Zu beten
vergaß man. In großer Küche rastete Jörg. O das schön geputzte
Messinggeschirr, die prachtvollen »Weck«gläser! Nahm Kienholz von der Butte
beim Herd, griff Rundmesser, schnitzte schnell, sehr schnell ein Kruzifix.
Da fielen die Mönche nieder, kredenzten Wein, gelobten ob des Wunders sich
nunmehr zu kasteien mit Kastanien, aus ihren Bäuchen, Faßbäuchen leere
Schläuche zu machen. Denn ein Abt ist vom Himmel gefallen. Mit einem Topf,
gefüllt von Quark. Jörg aß, aß, aß. Blieb. Aß. Doch da ihm die Küchenmägde
durch die Dauer der Klosterjahre, noch mehr aber durch die guten Brüder
schon zu arg verbraucht, die einzige junge, kürzlich erst aufgenommen, er
in einer Nacht gesprengt, daß sie sich in Blut vergaß, machte er sich auf,
hielt sich zwanzig Hühner und fünfzig Falernerflaschen in seinen Ranzen,
nahm einen bedeutenden Kranz von zweihundert Pasteten um den Hals, ging aus
dem Kloster, von den Mönchen Hosianna über Kopf und Rücken nachberufen und
von den Mägden schmerzlich bedauert, besser gesagt betrauert.
* * *
Auf der Landstraße östreichzu, hing sich ihm ein Mann mit Boxkalfschuhen
und Zylinder an: Kommis aus Wien. Der Jüngling sprach ein wenig Italisch,
auch hatte er d' Annunzio gelesen. Jörg griff dagegen Bissen von Deutsch
auf und schonglierte bald damit, daß der Kommis gut erstaunte. Auf dem Weg
tummelten sie Kurzweil. So steckten sie einer Bauerndirne, die beladen mit
Eierkorb ging, einen ranzigen Fisch unter die jedenfalls keuschen
steifgebügelten Röcke, daß der Korb kippte, sie bedrääängt nach dem Herrn
Pfarrer schrie, Eier in klägliches Gemeng von Gelb zerbrachen. Noch ganz
Gebliebne haschten sie sich zu, gingen gesittet weiter, filosofisch Lied
frisch und freudig singend: Beim Schwanewirt ist Musik, beim Schwanewirt
ist Tanz! Kutschen mit feinen Leuten als Insassen grüßten sie frech.
Hirsche sprangen durch die hochrote Au, ein mit Zyankali angepfropfter
Frosch zwinkerte unmerklich, aber aristokratisch Als sie einmal jemand
befrug, wer sie denn seien, sagten sie imponierend stolz: wir sind zwei
Professoren und suchen den Punkt. Jawohl den Punkt! -- Dann, es war schon
im Steiermärkischen, klopften sie Steine auf einen Wagen, der mit Porzellan
fuhr. Und alle Töpfe zerbrachen laut schreiend. Es waren nächtliche Gefäße,
bestimmt für den Freiherrn von Pospischil, der an allem Möglichen litt,
monatlich mindestens dreihundert Stück solch nützlichen Geschirrs zerbrach.
Das Geld hiezu wurde bei den p. t. Untertanen von einer k. k. Steuerbehörde
noch zum Überprozent hereingebracht. Dafür zogen alle Leute demütig, auch
freudig ergriffen den Hut, wenn sie den guten Freiherrn sahen. Manche
Mädchen sangen dazu: Lang leb unser gnädger Franz!
Jörg und dem Kommis war's behaglich. Da bügelte sich schon der Stefansdom
in die Luft. Mit einem: wir san woas! betraten sie walzerumtakte Stadt. Bei
der Theres herbergten sie. Knapp, ehe sie ihr Haus beschlüpften, fiel Jörg
vor einem Mann in kostbar verschnörkelter Kleidung und schwarzem Tschako in
die Knie. -- Was machst denn Jörg? -- Ich dacht, das war der Herr Kaiser!
-- Kalb! das war doch ner ä Briefträger! -- Angegessen schliefen sie. Früh
war der Kommis weg. Auch Jörgs Felleisen und wenge Sechserln. Dafür lag ein
Zettel da, worauf stand: Behüt Dich der Himmel. Ich fahre nach Ägypten, um
mir den Clemenceau zu besternen, zu bestaunen, wie er sich vor mir
erbrechen soll. Oha! -- Jörg wollte sich schöne inhaltsreiche Epistel auf
Portugiesisch übersetzen, traf es nicht, hätte aber trotzdem gern einen
Regenschirm gehabt. Zum Aufspannen bloß. Doch die Wirtin, die noch schwer
an ihrem Busen trug, erließ ihm für eine gute Arbeit lachend die Zeche,
sagte sichtlich bewegt: Komm bald wieder! -- Da kannst Du lange warten, Du
Bottich, grunzte Jörg halb portugiesisch, halb italisch bei sich, laut aber
sagte er deutsch: Grüß Gott!
* * *
Als er Hämmern hörte, trat er bei dem Steinmetz ein, bat um Arbeit, bekam
zugesagt. Abends schaute er am Güterbahnhof zu, den Zügen, es rollte an,
vorüber, wieder, im Taumel der Sekunde tat er Sprung, fiel auf Säcke, fuhr,
duckte sich zurück in Wagen an Stationen. Nach dreißig Stunden stockte Zug.
Jörg turnte ab, spürte Nacht, rannte gen fernes Licht. War an sächsischer
Grenze. Sah im Trübschein des Zollwächterhauses einen Karren mit Milch.
Packte eine Kanne, soff sie aus, schlief, morgens schritt er
erzgebirglichen Hang hinab ins Tal.
* * *
Da er nichts Beßres wußte, ging er von kleiner Stadt umdrängt zum
Gymnasium, schrieb sich dort zum Erstaunen der Professoren und Schüler in
die genaue Liste ein, lächelte dann sanft, und bat um Empfehlung für ein
moralisch gediegnes Kosthaus. Er war genug schlechter Schüler, aber
Erfüllung aller Frauen der Stadt. Kannte die abgelegensten Winkel. Das
hielt man für sehr scharmant. Da er zum Schluß fand, daß er überall vor und
nach getaner, überaus präziser Arbeit gut aß, ließ er endlich sein
Schülertum, sagte sich: Du bist schon über zwanzig! zog den Hut, ging auf
seinen Mathematikprofessor, der durch feiertägliche Straße lustwandelte, zu
und erkühnte sich barsch diese Frage: Was ist ein Punkt? -- Betroffner
ältrer Mann leierte Nervenschwach, ganz blaß den pythagoräischen Lehrsatz
ab, meinte aber die Schlacht bei Austerlitz, dabei voll Inbrunst an das
Kaiserbild im sonntäglichen verlassnen Klassenzimmer denkend. Jörg drauf
fest und klar: Ich bin aus Religion durchgefallen, Sie aber sind ein
Trottel, fragens Ihre Frau! ging sieggewiß ab und bekam von wartend
lauschenden Jungfraun, auch Ehegattinnen sämtlicher Mittelschullehrer der
Stadt Zigaretten, ja sogar diverse Spezialitäten geschenkt. Er konnte sich
jetzt schon elegant verbeugen.
* * *
Nachdem er in einem Krawattengeschäft Freund des dortigen Ladenjünglings
Naz Propper gewesen, war unterdes schon der Winter hereingebrochen und böte
stark durch die Thermenstadt, in der früher Göthe vorübergehend gewohnt,
die Johannes dem Täufer gewidmet war, beßres Wahrzeichen der Stadt aber
wäre wohl statt eines Denkmals auf den Syrakuspilger Seume eine Statue des
herrlichen Jünglings Naz Propper gewesen. Jörg wußte aber diese
Freundschaft wirklich nicht gebührend zu schätzen, sondern trieb mit der
ganzen Weiberkolonne zum Erzgebirge. Dort rodelte er. Auch lief Schi. Blieb
draußen, feierte mit ehrbaren Fraun und Mädchen Sylvester bei einer
Henny-Porten-Leinwand. Die Betten waren sehr elastisch. Machte um die
Zwölferstunde komische Gebärden und schrie:
Ich bitte nicht drängen meine Damen!
* * *
Zur Sommerszeit war Jörg Matador der Sportplätze und schoß wahre Parafrasen
im Fußball, daß alle entzückt schrien: Oooo! Jörg! riefs übers Feld, Jörg!
hallte es wider. Nach Spiel vom Publikum begafft, umjubelt, von Fraun
herausgetragen und schenkelbeklopft, das war sein Leben. Da entschloß sich
Jörg, einem allgemein dringendem Wunsche entgegenkommend, liebenswürdig,
seine Biografie vom Stapel zu lassen und kündigte daher einen Vortrag an,
betitelt: