Liebe

Amors Arsenal.

*

Ich ging im Frühling aus,

Da stachen die Gräser hervor,

Da schlugen die Bäume aus,

Da schossen die Halme empor.

Ihr Herrn, ich lachte nicht,

Ich kam verwundert zurück.

Das ist -- ich wette! -- vom Wicht,

Dem Amor, ein Schelmenstück!

Und sie gefielen mir beide.

Zur Morgenfrüh' hab' ich erlebt

Wohl eine liebe Freude,

Zwei Mägdlein standen am Gartenzaun,

Das eine war blond, das andere braun;

Und sie gefielen mir beide.

Das eine war ernst gegürtet und blaß,

Gehüllt in dunkle Seide,

Das andre leicht geschürzt und bunt,

Mit Veilchenaug' und Rosenmund;

Und sie gefielen mir beide.

Da scholl von der Kirche Glockenklang

Zum Jubel oder zum Leide,

Die eine erglüht und betet leis,

Die andre trillert muntere Weis';

Und sie gefielen mir beide.

Da scherzten zu Paaren in Liebeslust

Die Schäflein auf grüner Weide,

Die eine senkt das Auge mild,

Die andre hüpft und jauchzet wild;

Und sie gefielen mir beide.

Da kam ein Vöglein geflogen herbei,

Sich bergend im nahen Getreide,

Die eine horcht dem fröhlichen Sang,

Die andre hebt den Arm zum Fang;

Und sie gefielen mir beide.

Da neigte ich, bettelnd um einen Kuß,

Mich über des Zaunes Scheide;

Die eine blickte mit strafendem Stolz,

Die andere blinzelte gegen das Holz;

Und sie gefielen mir beide.

Eine Jungfrau wollt' er suchen.

Ein Knab' ging hinaus

Von Vaters Haus,

Eine Jungfrau wollt' er suchen.

Er schritt fürbaß

Die Heeresstraß',

Auf der Straßen lagen die Steine.

Er nahm den Pfad

Wohl in die Stadt,

Eine Jungfrau wollt' er suchen.

Er sah mit Gier

Viel goldne Zier,

Viel hohe Türme ragen.

Drauf zog er bald

Zum grünen Wald,

Eine Jungfrau wollt' er suchen.

Im Schattenland

Manch Blümlein stand,

Auf den Bäumen die Vögel sangen.

Zu Berg und Tal,

Auf Burg und Wall

Eine Jungfrau wollt' er suchen.

Sein Wanderstab,

Der schliff sich ab,

Neun Paar Schuh hat er zertreten.

Mit bloßem Fuß

Und müdem Gruß

Er ging in eine Hütten.

Er sah in der Wiegen

Ein Mägdlein liegen,

Die Jungfrau hat er gefunden.

Das bestohlene Hannchen.

O Herr, des Nachbars Valentin

Der stahl mir gestern meinen Hafer,

Er -- stahl ihn mir -- er -- stahl mir ihn,

Es war nur -- eine Handvoll -- aber --

Am Hafer hing mein kleines Huhn,

Es hat so gern von ihm geklaubt;

So hat er mir den Hafer nun

Und auch mein kleines Huhn geraubt.

Mein ganzes Herz hing an dem Tier,

Es war so fett und schwarz wie Kohlen:

Jetzt hat der Strolch das Hühnchen mir

Und auch -- mein ganzes Herz gestohlen.

Die Einfältigen.

Du fragst, warum ich gewinkt dir hab',

Du fragst, warum ich das Röslein dir gab?

-- Ei, das solltest du wissen!

Du fragst, warum man jung sein muß,

Du fragst, wozu so verstohlen der Kuß?

-- Ei, das solltest du wissen!

»Mein Knab', daß Mägdlein fragen gern

Und tun, als läg' ihnen alles fern --

Ei, das solltest du wissen!«

Er will mich nicht verstehen.

Er will mich nicht verstehen.

Und wenn ich ihm nicke

Mit glühendem Blicke

Den Morgengruß zu;

Und wenn ich ihm pflücke

Ein Blümlein, und schicke

Ein Bändchen dazu;

So fragt er noch: Warum?

Und will mich nicht verstehen!

Er will mich nicht verstehen.

Und wenn ich die lose

Und blühende Rose

Gar minniglich küß';

Und ich ihm dann sage,

Halb klage, halb frage:

Ist küssen nicht süß?

So fragt er kalt: Warum?

Und will mich nicht verstehen!

Er will mich nicht verstehen!

Und sag' ich auch innig:

Ich habe so sinnig

Geträumt von dir;

Als hätt' ich am Raine

Das Häuschen, das kleine,

Bewohnt mit dir!

So fragt er leis': Warum?

Und will mich nicht verstehen!

Er mag mich nicht verstehen.

Und wenn ich die Arme

Ihm reich', Gott erbarme!

Er ist viel zu blöd'! --

-- Ei! wäre ich Mädchen

Des Nachbars jung' Gretchen,

Er tät nicht so spröd';

Er fragte nicht: Warum?

Er würde mich verstehen!

Der Stern im See.

Ein schöner Stern

Ganz lockend licht

Erglänzt im See so wunderlich.

-- Ein Mädchen lacht

So süß und spricht:

Ich liebe dich!

Gib acht, gib acht,

Der See ist kalt,

Er =spiegelt= nur

Das Himmelslicht --

Ein falscher Stern,

Ein falsches Herz;

Vertrau ihm nicht!

Vertrau ihm nicht,

Wenn es zu bunt

In fremder Pracht will blühen voll.

Ein echtes Herz

Darf funkeln nicht,

Muß tief und still erglühen wohl.

Deine schönen Augen.

*

Oh nichts gibt es auf Erden,

Was mich so sehr entzückt,

Als deine schönen Augen,

Seit sie mich angeblickt.

Sie sind meine Himmelssterne,

Die ich so selig schau;

Sie sind mein Sonnenschein;

Sie sind mein Morgentau;

Sie sind meine Frühlingsblumen;

Sie sind mein Alpensee,

Wo mein Schifflein schaukelt,

Und wo ich untergeh'.

Zur Rosenblühzeit.

Noch nie ein so wüster April, wie dies Jahr.

Und nie ein so holder Mai.

Und nie im Wandern so stolz ich war,

So königlich fessellos frei.

Wie weit bleibt alles zurück, wie weit,

Was sonst mich bekümmert, beschwert.

Zur Rosenblühzeit, zur Rosenblühzeit

Ist es nicht des Umschauens wert.

Das Haupt blüht weiß, die Wange blüht rot,

Das Herz aller Freuden voll!

Ich frag' mit dem Dichter fast bang, o Gott,

»Was da noch werden soll!«

Wenn ich der Himmel wär'.

*

Wenn ich der Himmel wär',

Blieb' ich dir klar,

Legt' dir die Sonne ins

Goldige Haar.

Käme der Abend dann,

Tät' ich zu Ehrn,

Mädchen, dir leuchten den

Glänzendsten Stern.

Wenn ich die Erde wär',

Tät ich schön blühn;

Gäb' ich die holde Blum',

Mädchen, dir hin!

Hätt' ich dann Früchte, recht

Süß und recht groß,

Legt' ich die schönsten wohl

Dir in den Schoß!

Wenn ich die Hölle trüg'

Feurig in mir,

Tät ich nur brennen aus

Liebe zu dir:

Müßte dich holen der

Teufel herein;

Würde die Hölle ein

Himmelreich sein!

Weißt du, Mädchen, daß ich sterbe?

*

Weißt du, Mädchen, daß ich sterbe,

Sterben muß an deinem Blicke,

Wenn er weg von mir sich wendet?

Weißt du, Mädchen, daß ich sterbe,

Daß dein Mündchen mich vergiftet,

Wenn es keinen Hauch mir sendet?

Weißt du, Mädchen, daß ich sterbe,

Und an deinen Armen sterbe,

Wenn mich diese nicht umschlingen?

Mädchen, schenke mir mein Leben,

Daß ich dir dasselbe schenke,

Soll das deine ich erringen!

Wenn ich durch den Winter geh'.

Wenn ich durch den Winter geh',

Denk' ich mir, es gibt auf Erden

Doch nichts Schöneres, als den Schnee,

Und er muß zu Wasser werden.

Ruht im Hag die Jungfrau mild,

Denk' ich mir, es gibt auf Erden

Doch nichts Schöneres, als dies Bild!

-- Und sie muß zum Weibe werden.

Tau ich auf dem Röslein seh',

Tau an ihrem Augenstern.

Tauf' mit Wasser Freud' und Weh,

So gewillt es Gott dem Herrn.

Frage.

Mädchen, wenn ich sehnend flehe,

Hörst du nichts?

Mädchen, wenn das Aug' du senkest,

Siehst du nichts?

Mädchen, wenn ich sterben gehe,

Willst du nichts?

Mädchen, wenn du mein gedenkest,

Fühlst du nichts?

Was du dir denkst ...

Was du dir denkst, ist längst gedacht,

Was ich dich frag', ist längst gefragt,

Wenn Wange glüht und Auge lacht,

Ist alles, was uns blüht, gesagt.

Oh, sag nicht nein und sag nicht ja,

Wenn ich an deinem Busen ruh',

Zum Plaudern sind wir uns zu nah,

Drum =schweig= mir deine Liebe zu.

Waldabenteuer.

Ich geh' durchs Tal am Waldessaum,

Tief unten rauscht der Fluß,

Oh, wie ist doch das Wandern, traun,

Im Wald ein Hochgenuß!

Dort seh' ich stehn ein Mädel fein,

Ich wink' ihm meinen Gruß

Und ruf' es an: »Feins Liebchen mein,

Komm, gib mir einen Kuß!

Du hast ein braunes Röckel an,

Es deckt kaum deinen Fuß,

Das zarte, runde Wädchen kaum,

Geh, gib mir einen Kuß.

Du hast ein blaues Augenpaar

Und Haare wie von Ruß,

Dein rosenroter Mund -- ich merk's --

Hat Durst nach einem Kuß.

Nur scheint die Sonne viel zu heiß,

Mir fällt was ein, ich tu's,

Ich führ' dich ins Gehege hin

Und geb' dir -- --« fällt ein Schuß.

»Juchhe!« schreit jetzt das Mädchen auf,

»Das ist Hieronymus!«

Ihr Liebster war's, der Jägersmann,

Und damit Schluß.

Der Verlassenen Fluch.

Vor des Ewigen Angesichte

Klag' ich ihn, o Himmel, richte!

Ach, wie hab' ich ihn geliebt,

Während er den Tod mir gibt!

Möge ihm in dunkeln Tagen

Auch die grause Stunde schlagen!

Möge er in Qual sich winden,

Und kein Herz, kein treues, finden!

Mög' der Mensch zum Teufel werden,

Dem er hoffend sich auf Erden

Voll Vertraun zu eigen gibt!

-- Ach, wie hab' ich ihn geliebt!

Ein Verworfner mög' er lungern

Auf der Heide und verhungern.

Welche Lust mir, wenn er schmachtet,

Glückverlassen, notumnachtet!

Und ich dürfte ihm begegnen,

Wie wollt' ich die Stunde segnen!

Ihn an meinem Herzen haben,

Ihn mit meinem Blute laben!

-- Wärst du =meiner= Qual versunken,

Hättest =mein= Leid du getrunken,

Wüßtest du, was Hölle ist.

-- Wollte dich so lange küssen,

Bis du wieder selig bist.

Amor, dieser Wicht.

Ich mach' in meinem Leben kein Gedicht mehr an ein Mädchen,

Das ich nicht darf lieben.

Es ist zu gefährlich, um das Licht zu schwärmen,

Das bestimmt ist, andere zu wärmen.

Wer hatt' mich auch dazu getrieben? --

Wo Auserwählter war mein liebster Freund,

Und sie des liebsten Freundes Auserwählte.

Und ich? Ich war nebstbei so da, und wie es scheint

Ein wenig lecker auch. Und sieh, da stellte

Der Knirps von einem Amor mir die Falle.

Dem Freund zulieb und seiner Maid zu Ehre

Gedacht ich ein Gedichtchen ihr zu weihn.

Aus Eigennutz war's nicht, denn ich begehre,

So dachte ich, dafür das bißchen Heiligenschein

Des Ruhmes nur. War noch erklecklich eitel

Und meint', mit einem Vers müßt' ich beglücken

Ein Mädel von der Zehe bis zum Scheitel,

Und mindestens dem Erdball es entrücken.

Gedacht, getan, ich schrieb ihr ein Gedicht

In leichten Jamben. Für eines andern Liebe

Sind Jamben gut genug. Schweres tauget nicht.

Was anders, wenn ich eine Ode schriebe

Im tiefen Seufzertakte eines Romeo!

Dann allerdings schwerschreitende Trochäen.

Doch, was wollt' ich nur sagen? -- Ei ja so!

Ich schrieb der Liebsten meines Freunds,

Um mich verbindlich bei ihr einzustellen.

Sie war zu herzig, traun, sie war's wohl wert,

Der holden Muse warm sie zu empfehlen.

Begann zu dichten, wie's ein Herz begehrt,

Beschrieb die zarten Reize, sagte ihr auf Ehre,

Wie ich an ihrem Glücke Anteil nähme,

Und daß als Freund ich gar imstande wäre,

Dergleichen selber -- wenn die Stunde käme --

Zu gönnen mir. Doch müßte auch mein Püppchen

So lieblich sein wie sie. Es stünde immer

Mein Sinn nach solchen Wänglein, solchen Grübchen

Und solchen Äuglein auch, wie man sonst nimmer

Sie gesehn auf dieser Welt, als -- im Vertrauen

Nur sei's gesagt -- an ihr, der Treuen

Meines lieben, einzigen Freundes, sind zu schauen.

Unmöglich, sang ich, wäre zu bereuen

Eine Wahl, wie diese. Ließ es ihr auch merken,

Daß sie, nur sie allein, die Schönste sei der Schönen.

Und es gelang mir, solches zu bestärken,

So gründlich, daß -- bevor ich es konnt' wähnen --

Diese kunstvoll hübsch gedrehten Liebesphrasen

Ich selber treulich glaubte. Und bevor

Das Liedchen fertig noch, begann ich schon zu rasen,

Aus purer Leidenschaft, die bis ans Ohr

Mir tückisch heiß tat steigen -- --

Was dann geschah! -- Ach, laßt mich schweigen. --

Und hast du einen Freund, das lehret die Moral,

So schicke seinem Liebchen nie ein Liedel,

Auch wenn er's selbst erlaubt, wie's hier der Fall,

Sonst gibt es einen Tanz nach seiner Fiedel.

Und hast du weidlich Pfeile zu verschießen,

Ich gratulier' dazu, doch mußt du wissen,

Auf welche Scheibe du mit Recht darfst zielen,

Denn Amor, dieser Wicht, er läßt mit sich nicht spielen.

Diese Mädels!

Als ich dem Liebel im Stübel gestand,

Ich würd' es küssen müssen,

Da gab's ein Bildchen mir in die Hand,

Daß ich was hätt' zum Küssen.

Es war der heilige Antonius,

Der Findpatron zum Glücke;

Hatt' ich verloren des Liebchens Herz,

So bracht' er mir's zurücke.

Dann, als sie sah, wie glühend ich

Das Amulett tat küssen,

Da hat sie's heftig, zornig, wild

Mir aus der Hand gerissen.

Nun hab' ich gewußt, was zu geschehn,

Die Eifersucht zu kühlen.

Die Mädels, die mögen das Küssen nicht sehn,

Aber fühlen, fühlen, fühlen.

Belehrung für einen Dichter.

Du beklagst dich, daß dein Weibchen

Nicht will deine Lieder lesen.

Schreib in Küssen, statt in Versen,

Wird sie's immer wieder lesen.

Bist du ferne, wird sie gerne

Lieder unterm Flieder lesen.

Doch, wenn selber singt der Vogel,

Wozu im Gefieder lesen?

Wisse, sie hat nicht die Richtung

Literarisch weiser Richter;

Lieber, als die größte Dichtung,

Ist dem Weib der junge Dichter.

Deshalb ist, seid ihr beisammen,

Nicht die Zeit zum Liederlesen.

Amors Rat.

Wenn du, mein Freund, zur wonnigen Mundlust

Den kühlen Schnabel des Krugs an den Mund tust,

So halte zur lieblichen, süßen Geleitschaft

Den glühenden Schnabel der Maid in Bereitschaft.

Gewohnheit.

Der Hüttenrauch[B], das Küssen auch,

Das sind zwei schlimme Dinge.

Wer's einmal tut genießen auch,

Der kann es nicht mehr missen auch,

Selbst wenn er am gewissen Brauch

Zuletzt zugrunde ginge.

[B] Arsenik.

Schon dreißig Jahre bin ich alt!

Schon dreißig Jahre bin ich alt,

Und noch allein geblieben.

Und seh' die Knaben mannigfalt

Wohl ihre Schätzlein lieben.

Ich seh', wie sie sich froh einand

Die Hochzeitskränze winden;

Ich wandre durch das weite Land

Und kann meinen Schatz nicht finden.

Ich such' ihn, wo bei Herdesglanz

Die holden Mädlein blühen,

Ich such' ihn, wo bei Kirmestanz

Die Dirnen alle glühen.

Ich seh' die Jahre rascher ziehn

Und fühl' die Jugend schwinden,

Und suche ihn und rufe ihn,

Und kann meinen Schatz nicht finden.

Und sie, die mir bestimmt muß sein

Für meine Lebensfahrten,

Wird irgendwo allein, allein

Mit Bangen auf mich warten.

Der Alte hier, die Alte dort

Wird einsam einst begraben,

Zwei, die sich treu und heiß geliebt

Und nie gesehen haben.

Ein Rosenblatt.

Was das Rosenblatt bedeutet,

Das in sich zusammenkauernd

Vor dem Hauch des Mundes schauernd

Auf der Hand mir liegt gebreitet?

Kann ich nicht dem toten, süßen

Rosenblatt mit Sehnsuchtsbeben

Noch einmal ein junges Leben

Minnend in die Adern gießen?

Oh, vor meinem heißen Kusse

Wird es nimmer frischen können,

Wird es, ach, nur still verbrennen,

Asche, Asche sein zum Schlusse.

Rosenblatt, warum alleine

Kommst du mir von =ihr= geflogen,

Ach, daß du nicht mitgezogen

Sie, die Holde, die ich meine!

Jene Süße, von den Musen

Ahnend mir so lang verheißen.

Nächtig, wenn die Sterne gleißen,

Möcht' ich ruhn an ihrem Busen.

Möcht' ins scheue Aug' ihr sehen,

Ihr ins tiefe Herz mich graben,

Möcht' in heißer Glut mich laben

Und in Liebeslust vergehen.

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Soll ich warten, bis die Tage

Wachsen und die Nächte schwinden,

Die so lockend, Lieb' zu finden?

Rosenblatt, flieg hin und frage.

Soll ich warten auf die Tage,

Wo zur Form wird, was heut Kuß ist,

Und zur Pflicht, was heut Genuß ist?

Rosenblatt, flieg hin und frage.

Denk an deine Maientage,

Rosenblatt, du kennst das Leben;

Kennst der Liebe Pein und Beben.

Nun, so flieg zu ihr und frage.

Was in deiner Seele spinnt ...?

Wie nah, mein schönes, süßes Kind,

Ist mir dein holdes Angesicht,

Ich trinke deinen Atemhauch

Und deines Auges lächelnd Licht;

Doch was in deiner Stirne sinnt,

Und was in deiner Seele spinnt,

Ich weiß es nicht.

Ich weiß den von Jahrtausenden

Emporgebauten Erdengrund,

Ich kenne das mit Sternenwelten

Reich geschmückte Himmelsrund;

Doch was in deiner Stirne sinnt,

Und was in deiner Seele spinnt,

Ist mir nicht kund.

Entzückt von deiner Zunge Klang,

Und doch in tiefster Einsamkeit,

Mein Lippenpaar an deins gepreßt:

Und dennoch mir unendlich weit

Ist, was in deiner Stirne sinnt,

Und was in deiner Seele spinnt

Für alle Zeit.

Denn das, worauf ich wollte baun,

Hat mich getäuscht, die Träne dein. --

Es müßte denn dein Herzblut, traun,

Der opferfrohe Bote sein,

Daß Lieb' mir deine Seele spinnt

Und Treu mir deine Stirne sinnt,

Dann bin ich dein.

Sie liebt dich von Herzen!

Einst tat ich im Walde spazieren gehn,

Da sah ich im Wald ein Maßlieb stehn.

O Herzlieb, du bist mein Entzücken!

Doch Maßliebchen, die kann man pflücken.

Ich tat's und fragt' es inniglich:

Verrat's, mein Schätzel, liebt es mich?

Da log es mir frech ins Angesicht:

Dein feines Schätzel, das liebt dich nicht. --

Ich grub mit dem Messer ein tiefes Grab

Und warf das böse Blümlein hinab,

Und wälzte darauf einen schweren Stein,

Sollst ewig und ewig vergessen sein.

Dann tat ich sinnend weitergehn

Und sah ein Schlüsselblümlein stehn.

O Mädel, du bist mein Entzücken!

Und Blumen die kann man zerpflücken.

Ich tat's und fragte inniglich:

Verrat's, meine Traute, liebt sie mich?

Die Blume in Sterbensschmerzen:

Sie liebt dich, sie liebt dich von Herzen! --

Ich grub mit der Hand ein Beetlein auf

Und tat die zerrissene Blume darauf.

Doch als sie lag auf der Totenbahr,

Da ward sie lebendig, erhob sich gar,

Das eine Blättchen, es jauchzte aufs neu:

Sie liebt dich von Herzen, sie liebt dich treu! --

Dann wuchsen der Blume in Kranzesflor

Die Blätter all von neuem hervor,

Schneeblendend weiß, die Spitzen rot,

Wie Unschuld und Liebesmärtyrertod.

Und jegliches blinkte mir traulich zu:

Sie liebt dich von Herzen! O Glücklicher, du! --

Nun kam ein Sturm und knickte die Bäume,

Und Blitze durchzuckten die himmlischen Räume;

Die Blume wiegte ihr Haupt und rief mich:

Sie liebt dich von Herzen! Sie liebt dich, sie liebt dich! --

Dann nahte der Winter und senkte im Schnee

Auf alle Gefilde ein eisiges Weh.

Doch sieh, die Blume hold und weiß,

Sie blühte hervor aus Schnee und Eis,

Und nickte mir zu in Ernsten und Scherzen:

Sie liebt dich von Herzen! Sie liebt dich von Herzen! --

Und als von neuem der Frühling kam,

Da führte zum Wald mich ein tödlicher Gram,

Ein tödlicher Gram, eine höllische Pein,

O selig, glückselig, gestorben zu sein! --

Auf grünendem Beete die Blume stand,

In üppiger Blüte mir zugewandt,

Und winkte und flüsterte süß und innig:

Sie liebt dich von Herzen! Sie liebt dich unsinnig! --

Ich hob meinen Fuß und trat sie tot,

Die gleißnerisch Blume, so weiß und rot.

Und ging noch tiefer in den Wald hinein,

Und suchte das Grab mit dem schweren Stein,

Und habe geweint und habe geklagt:

=Du= hast es gesagt! =Du= hast es gesagt!

Rosen pflanzt man nicht auf Herzen.

Ach, du klagst, daß deine Schöne

Nicht dein Herz auf Rosen bette,

Sondern statt mit Blumenkette

Es mit spitzen Dornen kröne.

Nur Geduld, einst wird sie kosen

Deinen Strauß bei Grabeskerzen,

Rosen pflanzt man nicht auf Herzen,

Nur auf =Erde= pflanzt man Rosen.

Heb dich weg und küß mich nicht!

*

Heb dich weg und küß mich nicht!

Du nicht, ich bitte dich,

Ein Kuß von dir -- o küß mich nicht!

Ein Kuß, er wär' mein Tod.

Kleine Schelmin, lächle nicht!

Du nicht; -- blick mich nicht an!

Das traute Du, o nenn es nicht!

Sprich nichts, kein Wort zu mir!

O laß mich gehn, berühr mich nicht!

Ich weiß, mein Kind, du liebst mich nicht.

Und ist nicht auch die Seele mein,

Den Leib allein, den mag ich nicht.

In alten grauen Tagen.

In alten grauen Tagen,

Da hat sich's zugetragen,

Da tat ein Knab' das Maidlein schaun,

Das Maidlein tat dem Knaben traun,

In alten, grauen Tagen.

Der Knab' tat nit lang bitten,

Nahm 's Mädl um die Mitten

Und hub mit ihr ein Tänzlein an,

Der Atem tat ihr stille stahn

In alten grauen Tagen.

Und als er satt am Tanzen,

Da nahm er seinen Ranzen,

Und ließ die Maid zu zwein -- allein. --

Das Märchen soll geschehen sein

In alten grauen Tagen.

Weib.

Schicksal im langen Haar,

Herrin, mir graut vor dir!

Reiß von der Heimat mich,

Raube die Freunde mir.

Brich meinen Tatenmut.

Höhne, verrate mich,

Schände die Ehre mir,

Hass' und verkaufe mich.

Foltere die Seele mir,

Hetz in die häßlichsten

Laster des Lebens mich,

Stürz in die ewigen

Peinen der Hölle mich:

Anbeten! Anbeten!

Anbeten muß ich dich,

Wonniger, göttlicher

Dämon -- ich liebe dich!

Die Schrift im Sande.

Als man dem Herrn

Die Sünderin verklagt,

Da hat er bloß gesagt:

Wer selber sich weiß rein,

Der werfe seinen Stein!

Dann schrieb er etwas in den Sand ...

Sie gingen hin und guckten, was da stand.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Verstanden hat's wohl jeder,

Der's geschaut.

Doch keiner hat sich's

Zu sagen getraut.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Mit erbarmendem Lieben

Hat er es auf Sand geschrieben,

Wo es der Wind verweht.

Huldigung.

Die Frauen,

Sie bauen

An unserm Vertrauen

Im Spinnen

Und Sinnen

Am schneeweißen Linnen.

Die Süßen,

Wir müssen

Sie ehren und küssen.

Die Feinen

Und Reinen

Sind es, die wir meinen.

Bei mir stimmt's einzig nicht.

»Bei mir stimmt's einzig nicht, was steht geschrieben,

Daß Lieb' und Leidenschaft sich einig wissen.

Die ich genoß, war mir zu schlecht, zu lieben,

Und die ich liebt, zu =wert=, sie zu genießen.«

Seelisch Liebe.

Ich lieb' an einem Weib

Nicht bloß den feinen Leib,

Noch mehr die reine Seele.

Ist ihre Seel' nicht mein,

Auf ihren Leib allein

Verzicht' ich leicht und schnelle.

Als ich um sie gefreit

War's für die Ewigkeit

Und nicht für kurze Blüte;

Die wahre Liebe keusch

Plangt nicht so sehr nach Fleisch,

Vielmehr nach Herz und Güte.

Wer für Gestalt nur Sinn,

Für den sind bald dahin

Des süßen Glückes Triebe.

Doch auf der Jahre Höhn

Wird erst die =Seele= schön

In Ahnung =ewiger Liebe=.

Schon fleißig, lieber Goldschmied?

Schon fleißig, lieber Goldschmied? Guten Morgen!

Ein bißchen, Herr Nachbar, guten Morgen!

-- Klopf, klopf!

Was wird denn geschmiedet so laut?

Ich schmiede ein Ringlein meiner Braut.

Das Ringlein wird glänzend und klar,

Ich führe sie bald zum Altar,

-- Klopf, klopf, klopf!

Noch fleißig, lieber Goldschmied, guten Abend!

Ich bin nicht mehr Goldschmied, guten Abend!

-- Klopf, klopf!

Was wird denn geschmiedet so laut?

Ich schmiede ein Kreuzlein meiner Braut,

Ein eisernes Kreuzlein fürs Grab,

Wir senken sie morgen hinab.

Klopf, klopf, klopf!

Wenn du gehst von mir ...

Wenn du gehst, wenn du gehst von mir, mein Lieb,

So ist es aus mit mir,

Ich wandre dir nach durch die halbe Welt,

Und such' und ruf' nach dir.

Ich frage den Jäger im grünen Wald,

Den Schäfer auf blumiger Au:

Hast du nicht gesehn eine schöne Maid

Mit hellen Äuglein blau?

Ich frage den Vogel im Tannenhag,

Den Fisch im Meeresgrund:

Hast du nicht gesehn eine schöne Maid

Mit rosenrotem Mund?

Ich frage den Gräber am Kirchhoftor,

Den Priester am hohen Altar:

Hast du nicht getraut eine schöne Braut

Mit krausem, güldnem Haar?

Und weiß ich dich schlafen im tiefen See,

Dann jauchz' ich mit hellem Mut,

Und tauche, mein Lieb, zu dir hinab

In die weiche, kühlende Flut.

Und weiß ich dich eines andern Braut

Mit runden Wängelein rot,

Dann leg' ich mich auf die Erden hin

Und weine, und weine mich tot.

Und wenn ich an Lieb' gestorben bin,

So graben sie ein tiefes Grab,

Und legen ein Kreuz mir auf die Brust,

Und senken mich still hinab.

So hast du dich, Kind, von mir gewend't,

Und ich bin blieben dein.

Gott mit dir, Gott mit dir, du hartes Lieb!

Ich leb' und sterb' allein.

Halbverklungene Heldenkunde.

Halbverklungene Heldenkunde

Weiß zu sagen von dem Paare,

Das nach grausen Hunnenschlachten

Auf dem Roß, dem kampfesmüden,

Vor den grimmen Türken fliehet.

Unterwegen rast der Flüchtling

Ob des Vaterlandes Jammer.

Angstvoll hütet er sein Weib noch

Vor der wilden Gier der Feinde.

Sieh, da stürzt das treue Rößlein.

»O verdammt!« so ruft der Reiter,

»Daß sie höhnend mich ermorden,

Ist beim Himmel nicht das Schlimmste,

Doch in ihre Hände fallend

=Du=, mein Weib, du Heißgeliebte ...«

»Das wird nimmermehr geschehen,

Ich bin dein und will's verbleiben!«

So das Weib, die Brust entblößend.

»Zieh den Dolch und rette, Liebster,

Freudig mich vor den Barbaren.«

Nächtige Brände fester Burgen

Glühn am schwerbewölkten Himmel.

Schnaubend nahn die wüsten Horden,

Sehn zwei purpurrote Brünnlein

Springen auf der dürren Heide.

Des Landmanns Saat.

Der Landmann säet das Weizenkorn.

»O Maid, ich bin dir gut!«

Er mäht das reife Weizenkorn

Und küßt sie bis aufs Blut.

Der Stein zermalmt das Weizenkorn,

Die Maid liegt auf der Bahr'.

Als Hostie thront das Weizenkorn

Auf heiligem Altar.

Wie stiegst du hoch, mein Weizenkorn!

Und wer und wo blieb ich!

O Brot, der ewigen Liebe Born,

Erbarme dich!

O sei mir gegrüßet, du grünender Baum!

O sei mir gegrüßet, du grünender Baum,

Wo ich mein Liebchen sah,

Die Myrt' in den Locken, auf blumigem Saum,

So nah! So nah! So nah!

Wie küßte ich heiß ihren rosigen Mund!

Am Baum ein Vöglein sang.

O Wonne des Herzens, glückselige Stund'!

Wie lang, wie lang -- wie lang!

Sie fällten den Baum, und sie bauten den Sarg,

Im Mai, im holden Mai.

Sie schlossen den Schrein, der mein Himmelreich barg.

Vorbei, vorbei, vorbei!

Gedenken.

Aller Sonnenschein auf Erden

Ist ein traurig Ding,

Wenn nicht schwebt der Einzigen Schatten

Auf dem Wiesenring.

Könnt' ich einmal noch vernehmen

Ihrer Stimme Klang,

Wollt' ich gerne stumm und taub sein

Auf mein Leben lang.

Alle Rosendüfte, welche

Da den Mai durchziehn,

Gäbe ich für einen Hauch

Ihres Mundes hin.

Alles, was ich noch genieße,

Was ich bin und hab',

Ist nicht wert des blassen Staubs

Auf ihrem Grab.

O Herrgott, wieviel an Liebe!

Es sinken vom Baum die Blätter,

Der Sommer ist vorbei.

Mein Mund ist noch rot und will küssen

Wie einst im Mai.

Es fallen vom Haupt die Locken,

Mich schrecket der Eule Schrei,

Ich flüchte bange zum Mädel,

Wie einst im Mai.

O Herrgott, wieviel an Liebe,

Und ach, wie wenig Zeit!

Die Lieb' ist nicht auszuschöpfen

In Ewigkeit.

Mein Lied · 第 8 / 21 题