An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen
Türmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die
Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes. "Das
beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin,
habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine brüderliche
Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stürbe, dieses weite Erbe zu
sichern."
"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er.
"Fern oder nahe. Du bist ihr natürlicher Beschützer. Ich kann mein
Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen, denn sie sind ein
zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht. Ich bände sie an
den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der
nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in
einer Blutrache untergehen? Ja, fände ich für sie einen Guten und
Starken wie du bist, dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben, du
hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen. Ich weiß ihr keinen
Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der
Verheißung, als ein Sanftmütiger, kann es aber gegen die Gewalttätigen
nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Söhne werden
kraft meines Blutes Männer sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst
du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und
die Herrschaft führen müssen. Denn ewig reitest du nicht mit dem
Kaiser. Vielleicht auch, wer weiß, erhebt er dich zum Grafen über
diesen Gau, oder dann erhältst du von mir eine Burg, jene"--sie wies
auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen.
Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm
vertrauend die Hand auf die Schulter.
"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich
lebe, herrsche ich."
"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Daß der Schwester nichts
geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muß ich
reiten, heute! in einer Stunde!"
"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio
geschickt mit der sichern Kundschaft, daß die Lombarden sich am Mons
Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie
geführt werden müssen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen.
So braucht es dir nicht zu eilen."
"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bügel", sagte der
Höfling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir
noch diesen Tag. Ich sähe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum
Gnadenreich sich hier nicht blicken läßt? Er hält sich wohl in seinem
Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist,
obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weißt du was?
Geh und bring ihn. Oder wüßtest du deiner Schwester einen bessern
Mann?"
"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und
zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt.
Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast."
Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du
siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um
wie mit einer Puppe, du stößest sie weg, und dann hätschelst du sie
wieder. Du verdirbst mir das Mädchen. Wo hast du solche Sitte
gelernt?"
"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann
es nicht leiden, daß man sich an mich hängt. Sie läuft mir nach, und
wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muß ich sie wieder trösten. Es
ist unerträglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und großer
Räume--auf diesem Felsstück ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge
drückt, der Hof beengt, der Strom schüttert--an jeder Ecke, auf jeder
Treppe dieselben Gesichter! Verwünschtes Malmort! Hier hältst du
mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine
Rechnung, Frau."
"Du tust mir wehe", sagte sie.
Die harte Rede reute ihn. "Frau, laß mich ziehen!" bat er. "Und daß
du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und
wir verloben die Schwester. Wo haust er?"
"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in
Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, über welcher
eine grüne Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Führer. Den
Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich
damit beschäftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und
plauderte.
"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du führst deinen Herrn Wulfrin
nach Pratum."
"Den Höfling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube.
"Er träumt davon", erklärte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu
reiten. Besieh dir ihn."
"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt.
"Nein", sagte die Richterin.
"Bruder!" bat sie und streckte die Hände.
"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen füllten sich mit
Tränen. "So komm, Närrchen!"
Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen,
während ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu
Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: hüte sie!"
"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen.
Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach
Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere über die Alp."
Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so
nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es könnte
trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft."
"Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen
See zeigen", und leichtgeschürzt schlug sie sich über eine lichte
Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.
Leicht wie auf Flügeln, mit frei atmender Brust ging das Mädchen
bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine
springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude.
Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit
ihrem Blondhaar.
Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der
Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in
jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf
beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen
Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne,
daß der Knabe zu plaudern begann.
Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher der Richterin
beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den
Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen
sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten
Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder
lästern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe,
"und doch", endigte der Knabe, "sind sie gläubige Christen, denn sie
stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie
davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten
sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."
Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde
ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich
seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!
Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich
Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muß dabei sein, und der
Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und
Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes
Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjährige
Reich."
Nun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone,
den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das
kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Höflinge ihm
nachahmen", sagte er lachend.
"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne
Besinnen: "Milde."
Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem
Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht war, wo
sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel
jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gütig
spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem
gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem
Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie
umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten
Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie
so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Märchen erfüllt von dem Bruder
und der Schwester, die zusammen über Berg und Tal wandern. Alles ist
schön in Erfüllung gegangen."
"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb
die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Höfling nicht
bloßstellen.
"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben."
"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt
keine, nur darf man sie nicht mit wüsten Worten rufen oder gar ihnen
Steine ins Wasser schmeißen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn?
Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst."
"Es ist in den Strom gestürzt", fertigte ihn der Höfling ab.
"Das ist nicht gut", meinte der Knabe.
"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube
wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen,
kohlschwarz mit einem weißen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es
gehört nach Malmort."
Gabriel sprang mit einem Satz in die Höhe. "Heilige Mutter Gottes",
rief er, "das ist unsere Magra, der muß ich nach! Lieber Herr,
entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist
vernünftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort
den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiß die kleine
Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kümmern.
"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?"
"Mich würde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege,
erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser
mit der Zehe. Und dann ist mir, als löse ich mich von mir selbst, und
ich schwimme und plätschere in der Flut. Aber siehe!"
Sie deutete auf ein majestätisches Schneegebirge, das ihnen gegenüber
sich entwölkte. Seine verklärten Linien hoben sich auf dem lautern
Himmel rein und zierlich, doch ohne Schärfe, als wollten sie ihn nicht
ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und
Lieblichkeit, als hätten sie sich gebildet, ehe die Schöpfung in Mann
und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.
"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts,
wenn es mondhell ist, zieht er bläulich Gewand an und redet heimlich
und sehnlich. Da ich mich jüngst hier verspätete, machte sich der
süße Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Tränen und zog mir das
Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie.
Eine Wolke schwebte über den weißen Gipfeln, ohne sie zu berühren, ein
himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich
ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich
einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den
Finger an den Mund. "Still", flüsterte sie, "das sind Selige!"
Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen
Blicken belauschte himmlische Freude löste sich auf und zerfloß.
"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebärde, "Wir sind
selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen
Augen bis in den Grund der seinigen.
Es kam die schwüle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber.
Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte
seinem Gelocke wie die Luft und küßte ihn traumhaft wie der See zu
ihren Füßen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und
wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz
klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen...
Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in
der Tiefe umarmen!"
Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und
Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief
er.
"Wir, Bruder", sagte Palma schüchtern, und Wulfrin erschrak, daß er
die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschüttelt
sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem
Fuße folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt
eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu
halten schien.
"Grüß Gott! grüß Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne
einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Hände
entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben müssen", erklärte er,
"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden hütend
zu umwandeln, aber nicht zu überschreiten, denn Pratum ist ein Lehen
des Bistums, und die Kirche hält Frieden. Sei willkommen, Wulfrin,
und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem
Höfling und dem Mädchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es
auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie
schwiegen, begann er ein großes Geplauder.
"Sie haben dem guten Ohm böse mitgespielt", erzählte er. "Wir saßen
zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach
Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu
treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mußte. Frau
Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nüssen, wie sie zuweilen tun,
über die Güte der Menschennatur. Nun hatten sich kürzlich zwei arge
Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche
Bischof Felix gefirmelt hatte"--
"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben
dem Höfling schritt.
"Still!" sagte dieser ungebärdig, und das Mädchen lief nach einer
Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch
das Burgfenster geworfen. Wenige Tage später schlug der Schamser
mitten im Stiftshofe dem Bergüner nach kurzem Wortwechsel den Schädel
ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms
sich geküßt und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches
hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen
und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist
gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bißchen
Pelagianer, hi, hi!"
"Pelagianer?" fragte der Höfling zerstreut, denn sein Blick rief Palma,
die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung
griechischer Krieger?"
"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma
und der Ohm stritten über das Böse. Da sieht der Bischof, der
kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Höhe
gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den
Abzug der Lombarden", lächelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt
in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig
tanzten sie auf dem Hügel wie Dämonen um den Brand.
Da lärmt es auf dem Platz. Ein Bösewicht fällt mit der Türe ins Haus
und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock,
nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefüllt hast, denn deine
Mäntel haben wir in der Sakristei drüben schon gestohlen!' Der Ohm
erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im
Halbdunkel saß, 'Die Frau da', höhnt er, 'hat einen Heiligenschein um
das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und
durchbohrt den Menschen mit ihren fürchterlichen Augen: 'Unterstehe
dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der
arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief
ihn der Höllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit
nackten Fersen den schönsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne
Altardecke übergelegt--sich selbst hatte er ein Meßgewand umgehangen--,
und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur
einen solchen über den blanken Hinterbacken, daß er bolzgerade stieg
und der Stab in Trümmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der
Lombarde. Der Ohm in seiner Frömmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in
Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Hände.
'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!'
'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurück. "Ich hätte es
eigentlich nicht erzählen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es
hat den Ohm schrecklich erbost."
Palma hatte gelacht, auch der Höfling verzog den Mund, und Gnadenreich
wurde immer gesprächiger und zutulicher.
"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich
verließ Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt!
Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Büchlein im
Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf!
Fast zu schwer für den kleinen Körper! Was da alles drinnesteckt!
Kaum ein Viertelstündchen kostete ich den berühmten Mann, aber in
dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich für mein Lebtag in allem Guten
befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt
ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht.
Er aber war gnädig und ergötzte sich, denke dir! an deiner
Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzählen ließ"--
Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie
gerieten zwischen die Herden und das grüne Pratum wurde voller Geblöke
und Gebrülle. Einer der magern und wolfähnlichen Berghunde
beschnoberte den Höfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und
beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht
verwiesen hätte. Palma aber wurde von den Hirtenmädchen umringt und
mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war
leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden.
"Ich bin gewiß kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum
geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt--
haarklein mußte ich berichten von Horn und Becher, und zumal
die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen."
Der Höfling blickte verdrießlich.
"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Höhe des
Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin,
ich habe von den Höflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte,
etwas vernommen, das mich tief betrübt, etwas von einer gewissen
Regine... weißt du es?"
"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus.
"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes
Beispiel! Und die Karlstöchter?"
"Alle Wetter und Stürme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hüter
der Karlstöchter bestellt?"
"Die Karlstöchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der
Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heißen:
Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud.
Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rätischen Mädchen
wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter
jubelndem Gelächter die junge Herrin mit sich fort.
Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des
Höflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser
nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, daß
ich außer ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine große Meinung von
ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend
zu sein. Ein gutes Mädchen führe nicht schlecht mit mir. Du kennst
meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen
Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das
könnte die Stunde sein--wenn es dein Wille wäre"--
"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist
abgemacht."
Hätte einer der Gewalttätigen, welche auf den rätischen Felsen
nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin möchte ihm ins
Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben,
aber Graciosus war zu harmlos, als daß er ihm hätte zürnen können.
Und er selbst fühlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken
getrieben, die Schwester zu vermählen.
"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der
Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und
groß für mich?"
"Sei nicht blöde und fackle nicht länger! Willst du sie?"
Die Schreitenden hatten eine Hügelwelle überstiegen und erblickten
jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich
von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und
schnellströmenden Bäche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben
ihr irrte ein blökendes Lämmchen, das die Herde verloren hatte, und am
Uferrand sitzend, löste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen
von ihrem wunden Fuße und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch
entledigte sich das Mädchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem
mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete
mit ihm durch die Strömung und ließ es seiner Herde nachlaufen.
Da kam über Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme
sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"
"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde für dich werben.
Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem
Bezirke von Hürden und Ställen ein neugebauter Rundturm, über welchem
gerade der Föhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb.
Gnadenreich bog seitwärts, die Brücke suchend, während der Höfling den
reißenden Bach in einem Satze übersprang.