Drittes Kapitel

An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen

Türmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die

Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes. "Das

beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin,

habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine brüderliche

Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stürbe, dieses weite Erbe zu

sichern."

"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er.

"Fern oder nahe. Du bist ihr natürlicher Beschützer. Ich kann mein

Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen, denn sie sind ein

zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht. Ich bände sie an

den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der

nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in

einer Blutrache untergehen? Ja, fände ich für sie einen Guten und

Starken wie du bist, dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben, du

hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen. Ich weiß ihr keinen

Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der

Verheißung, als ein Sanftmütiger, kann es aber gegen die Gewalttätigen

nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Söhne werden

kraft meines Blutes Männer sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst

du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und

die Herrschaft führen müssen. Denn ewig reitest du nicht mit dem

Kaiser. Vielleicht auch, wer weiß, erhebt er dich zum Grafen über

diesen Gau, oder dann erhältst du von mir eine Burg, jene"--sie wies

auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen.

Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm

vertrauend die Hand auf die Schulter.

"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich

lebe, herrsche ich."

"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Daß der Schwester nichts

geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muß ich

reiten, heute! in einer Stunde!"

"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio

geschickt mit der sichern Kundschaft, daß die Lombarden sich am Mons

Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie

geführt werden müssen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen.

So braucht es dir nicht zu eilen."

"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bügel", sagte der

Höfling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir

noch diesen Tag. Ich sähe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum

Gnadenreich sich hier nicht blicken läßt? Er hält sich wohl in seinem

Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist,

obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weißt du was?

Geh und bring ihn. Oder wüßtest du deiner Schwester einen bessern

Mann?"

"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und

zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt.

Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast."

Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du

siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um

wie mit einer Puppe, du stößest sie weg, und dann hätschelst du sie

wieder. Du verdirbst mir das Mädchen. Wo hast du solche Sitte

gelernt?"

"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann

es nicht leiden, daß man sich an mich hängt. Sie läuft mir nach, und

wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muß ich sie wieder trösten. Es

ist unerträglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und großer

Räume--auf diesem Felsstück ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge

drückt, der Hof beengt, der Strom schüttert--an jeder Ecke, auf jeder

Treppe dieselben Gesichter! Verwünschtes Malmort! Hier hältst du

mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine

Rechnung, Frau."

"Du tust mir wehe", sagte sie.

Die harte Rede reute ihn. "Frau, laß mich ziehen!" bat er. "Und daß

du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und

wir verloben die Schwester. Wo haust er?"

"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in

Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, über welcher

eine grüne Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Führer. Den

Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich

damit beschäftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und

plauderte.

"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du führst deinen Herrn Wulfrin

nach Pratum."

"Den Höfling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube.

"Er träumt davon", erklärte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu

reiten. Besieh dir ihn."

"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt.

"Nein", sagte die Richterin.

"Bruder!" bat sie und streckte die Hände.

"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen füllten sich mit

Tränen. "So komm, Närrchen!"

Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen,

während ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu

Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: hüte sie!"

"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen.

Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach

Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere über die Alp."

Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so

nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es könnte

trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft."

"Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen

See zeigen", und leichtgeschürzt schlug sie sich über eine lichte

Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.

Leicht wie auf Flügeln, mit frei atmender Brust ging das Mädchen

bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine

springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude.

Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit

ihrem Blondhaar.

Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der

Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in

jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf

beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen

Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne,

daß der Knabe zu plaudern begann.

Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher der Richterin

beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den

Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen

sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten

Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder

lästern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe,

"und doch", endigte der Knabe, "sind sie gläubige Christen, denn sie

stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie

davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten

sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."

Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde

ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich

seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!

Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich

Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muß dabei sein, und der

Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und

Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes

Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjährige

Reich."

Nun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone,

den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das

kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Höflinge ihm

nachahmen", sagte er lachend.

"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne

Besinnen: "Milde."

Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem

Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht war, wo

sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel

jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gütig

spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem

gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem

Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie

umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten

Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie

so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Märchen erfüllt von dem Bruder

und der Schwester, die zusammen über Berg und Tal wandern. Alles ist

schön in Erfüllung gegangen."

"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb

die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Höfling nicht

bloßstellen.

"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben."

"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt

keine, nur darf man sie nicht mit wüsten Worten rufen oder gar ihnen

Steine ins Wasser schmeißen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn?

Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst."

"Es ist in den Strom gestürzt", fertigte ihn der Höfling ab.

"Das ist nicht gut", meinte der Knabe.

"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube

wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen,

kohlschwarz mit einem weißen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es

gehört nach Malmort."

Gabriel sprang mit einem Satz in die Höhe. "Heilige Mutter Gottes",

rief er, "das ist unsere Magra, der muß ich nach! Lieber Herr,

entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist

vernünftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort

den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiß die kleine

Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kümmern.

"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?"

"Mich würde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege,

erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser

mit der Zehe. Und dann ist mir, als löse ich mich von mir selbst, und

ich schwimme und plätschere in der Flut. Aber siehe!"

Sie deutete auf ein majestätisches Schneegebirge, das ihnen gegenüber

sich entwölkte. Seine verklärten Linien hoben sich auf dem lautern

Himmel rein und zierlich, doch ohne Schärfe, als wollten sie ihn nicht

ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und

Lieblichkeit, als hätten sie sich gebildet, ehe die Schöpfung in Mann

und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.

"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts,

wenn es mondhell ist, zieht er bläulich Gewand an und redet heimlich

und sehnlich. Da ich mich jüngst hier verspätete, machte sich der

süße Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Tränen und zog mir das

Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie.

Eine Wolke schwebte über den weißen Gipfeln, ohne sie zu berühren, ein

himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich

ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich

einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den

Finger an den Mund. "Still", flüsterte sie, "das sind Selige!"

Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen

Blicken belauschte himmlische Freude löste sich auf und zerfloß.

"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebärde, "Wir sind

selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen

Augen bis in den Grund der seinigen.

Es kam die schwüle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber.

Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte

seinem Gelocke wie die Luft und küßte ihn traumhaft wie der See zu

ihren Füßen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und

wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz

klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen...

Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in

der Tiefe umarmen!"

Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und

Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief

er.

"Wir, Bruder", sagte Palma schüchtern, und Wulfrin erschrak, daß er

die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschüttelt

sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem

Fuße folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt

eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu

halten schien.

"Grüß Gott! grüß Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne

einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Hände

entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben müssen", erklärte er,

"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden hütend

zu umwandeln, aber nicht zu überschreiten, denn Pratum ist ein Lehen

des Bistums, und die Kirche hält Frieden. Sei willkommen, Wulfrin,

und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem

Höfling und dem Mädchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es

auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie

schwiegen, begann er ein großes Geplauder.

"Sie haben dem guten Ohm böse mitgespielt", erzählte er. "Wir saßen

zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach

Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu

treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mußte. Frau

Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nüssen, wie sie zuweilen tun,

über die Güte der Menschennatur. Nun hatten sich kürzlich zwei arge

Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche

Bischof Felix gefirmelt hatte"--

"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben

dem Höfling schritt.

"Still!" sagte dieser ungebärdig, und das Mädchen lief nach einer

Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch

das Burgfenster geworfen. Wenige Tage später schlug der Schamser

mitten im Stiftshofe dem Bergüner nach kurzem Wortwechsel den Schädel

ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms

sich geküßt und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches

hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen

und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist

gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bißchen

Pelagianer, hi, hi!"

"Pelagianer?" fragte der Höfling zerstreut, denn sein Blick rief Palma,

die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung

griechischer Krieger?"

"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma

und der Ohm stritten über das Böse. Da sieht der Bischof, der

kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Höhe

gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den

Abzug der Lombarden", lächelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt

in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig

tanzten sie auf dem Hügel wie Dämonen um den Brand.

Da lärmt es auf dem Platz. Ein Bösewicht fällt mit der Türe ins Haus

und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock,

nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefüllt hast, denn deine

Mäntel haben wir in der Sakristei drüben schon gestohlen!' Der Ohm

erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im

Halbdunkel saß, 'Die Frau da', höhnt er, 'hat einen Heiligenschein um

das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und

durchbohrt den Menschen mit ihren fürchterlichen Augen: 'Unterstehe

dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der

arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief

ihn der Höllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit

nackten Fersen den schönsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne

Altardecke übergelegt--sich selbst hatte er ein Meßgewand umgehangen--,

und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur

einen solchen über den blanken Hinterbacken, daß er bolzgerade stieg

und der Stab in Trümmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der

Lombarde. Der Ohm in seiner Frömmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in

Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Hände.

'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!'

'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurück. "Ich hätte es

eigentlich nicht erzählen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es

hat den Ohm schrecklich erbost."

Palma hatte gelacht, auch der Höfling verzog den Mund, und Gnadenreich

wurde immer gesprächiger und zutulicher.

"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich

verließ Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt!

Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Büchlein im

Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf!

Fast zu schwer für den kleinen Körper! Was da alles drinnesteckt!

Kaum ein Viertelstündchen kostete ich den berühmten Mann, aber in

dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich für mein Lebtag in allem Guten

befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt

ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht.

Er aber war gnädig und ergötzte sich, denke dir! an deiner

Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzählen ließ"--

Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie

gerieten zwischen die Herden und das grüne Pratum wurde voller Geblöke

und Gebrülle. Einer der magern und wolfähnlichen Berghunde

beschnoberte den Höfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und

beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht

verwiesen hätte. Palma aber wurde von den Hirtenmädchen umringt und

mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war

leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden.

"Ich bin gewiß kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum

geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt--

haarklein mußte ich berichten von Horn und Becher, und zumal

die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen."

Der Höfling blickte verdrießlich.

"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Höhe des

Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin,

ich habe von den Höflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte,

etwas vernommen, das mich tief betrübt, etwas von einer gewissen

Regine... weißt du es?"

"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus.

"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes

Beispiel! Und die Karlstöchter?"

"Alle Wetter und Stürme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hüter

der Karlstöchter bestellt?"

"Die Karlstöchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der

Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heißen:

Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud.

Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rätischen Mädchen

wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter

jubelndem Gelächter die junge Herrin mit sich fort.

Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des

Höflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser

nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, daß

ich außer ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine große Meinung von

ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend

zu sein. Ein gutes Mädchen führe nicht schlecht mit mir. Du kennst

meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen

Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das

könnte die Stunde sein--wenn es dein Wille wäre"--

"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist

abgemacht."

Hätte einer der Gewalttätigen, welche auf den rätischen Felsen

nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin möchte ihm ins

Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben,

aber Graciosus war zu harmlos, als daß er ihm hätte zürnen können.

Und er selbst fühlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken

getrieben, die Schwester zu vermählen.

"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der

Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und

groß für mich?"

"Sei nicht blöde und fackle nicht länger! Willst du sie?"

Die Schreitenden hatten eine Hügelwelle überstiegen und erblickten

jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich

von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und

schnellströmenden Bäche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben

ihr irrte ein blökendes Lämmchen, das die Herde verloren hatte, und am

Uferrand sitzend, löste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen

von ihrem wunden Fuße und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch

entledigte sich das Mädchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem

mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete

mit ihm durch die Strömung und ließ es seiner Herde nachlaufen.

Da kam über Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme

sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"

"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde für dich werben.

Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem

Bezirke von Hürden und Ställen ein neugebauter Rundturm, über welchem

gerade der Föhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb.

Gnadenreich bog seitwärts, die Brücke suchend, während der Höfling den

reißenden Bach in einem Satze übersprang.

Die Richterin · 第 7 / 13 题