Der verhängnißvolle Brief.
Des andern Morgens kam die alte +Balzerswäs+ zu mir, beiläufig bemerkt:
die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. Sie hatte etwas Wichtiges, denn
sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze an und machte mir einen Teller
voll rother Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung
über das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich
heraus.
Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« in J. gewesen, um
ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte so lange Jahre immer die Lehrer
in Kost und Logis gehabt, daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer
ihrer Söhne sich auch dem Lehrerstande widme.
Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr ermüdet, wie
sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen gesäumt.
Und des andern Morgens lag sie noch in guter Ruhe, als ihr Sohn schon
wieder »auf das Seminario« mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell
herausgemacht. Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu
thun wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber
einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, wurden auch
alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück nach dem andern
vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche Mutter mußte sie Alles
wissen und kennen, was ihren Sohn anging. So hatte sie auch eine
Weste in die Hand bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in
dem schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr leid
gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne Brille konnte
sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte sie doch nicht ruhen
lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und sich an's Fenster gestellt
und endlich nach langem Buchstabiren die Unterschrift herausgebracht.
Sie wollte aber ihren Augen nicht trauen, denn die lautete höchst
sonderbar: +Deine Dich bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger+.
Da war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als an des
versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber erst so recht
klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes erinnerte, über das ihr
jetzt erst ein Licht aufging, wurde es ihr bald heiß, bald kalt und sie
meinte, sie bekäme das Gallenfieber. Sie konnte es kaum erwarten, bis
ihr Sohn heimkam. Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn,
sie hätte es ihm tüchtig gesagt. --
»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte nicht an
Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« --
»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und um es noch
kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche Rede keinen Erfolg
gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues Haupt und sprach mehrmals
hintereinander: »Nein, er gab sich nicht -- nein, er gab sich nicht.
Er sagte, er würde nicht von dem Mädchen lassen und wenn wir ihn
enterbten. Nur der Tod könne sie scheiden.«
Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde in einen
Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen Schürze abwischte.
Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den Brief, dessen
sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! Da können Sie
sehen, was das heilige Babettchen für ein sauberes Mensch ist! Wenn
Gerechtigkeit wäre, müßte solch' eine Verführerin in das Zuchthaus.«
Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete
aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener
jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen war. Es wäre
die größte Grausamkeit gewesen, hier störend einzugreifen, selbst wenn
man ein Feind von solchen Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß
ich sogar eine starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und
mir die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt hatte.
Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte schon oft im Stillen
gedacht, was das ein herrliches Paar gäbe, wenn das leidige Geld,
Stand und Verwandtschaftsverhältnisse nicht wären. Darum sagte ich:
»Aber liebe Frau Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses
und Schlechtes.« »Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch
einmal! Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt Nichts« --
und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und immer lauter schreiend, als
könnte sie mir das schreckliche Verbrechen desto klarer machen, rief
sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie
desto mehr,« erwiderte ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen
Eifer und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und haben
den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann man's Ihnen nicht so
übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, daß wir einen schönen Wohlstand
haben. Glauben Sie, man hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von
den Fingern gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel
das Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten nicht
gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden lassen, um ihn hernach an
das Bettelmensch wegzuwerfen? Ich darf gar nicht daran denken, was es
uns schon gekostet hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel
mit Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart
hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die Wurst, die Butter und Eier
erst rechnen wollte, die ich oder der Hanjost hinübergeschleppt haben
und die feine Montur und das Weißzeug -- es macht ja ein Heidengeld
zusammen. Aber man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig
einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon ganz stolz
und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist wahrhaftig gut, daß
er diese Geschichte mit dem Ernst nicht mehr erlebt hat. Es hätte
ein Unglück gegeben! -- Aber ich sage es immer: er ist nicht schuld
daran; er war ja sonst immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding
hat ihn verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer,
und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über seine
Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den Ernst aufgibt.
Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern heiße!«
Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das durchaus nicht
thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der Babette Heimerdinger
mit mehr Achtung zu reden, denn diese verdiene es. Wenn die zwei
jungen Leute ein Vorwurf träfe, so wäre es der, daß sie mit mehr
Ueberlegung hätten zu Werk gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse
bedenken und bei Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen.
Sie hätten sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer
könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? Nun sei es
wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht hindern, das Ihrige
zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts die Hand reichen. Sie würde
auch wahrscheinlich durch alle ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur
noch stärker anblasen. Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand
ihren Lauf zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne
sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle auch ja
nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders wohlgefällig
wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses Urtheil seien vielmehr durchaus
unchristlich.
Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. Sie
sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so unbefriedigtem Gesicht
hinweg, daß durchaus nichts Günstiges für die Liebenden darin zu lesen
war.
Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, war etwa
folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß verlassen kann:
Theurer Ernst!
Vielgeliebter Schatz!
Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu
antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße
siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist
so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich
bin doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir
Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du kannst
einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß man gar
nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar zu gern. --
Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß Du fragst,
ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern Buben nicht
besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr Babette
und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu lieben.
Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für einander
geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander
gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen werden
könnten, in alle Ewigkeit nicht.
Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach J.!
Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit einem
scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, wenn
Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest mir gelobt,
Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn Gott uns
auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit so Vieles
denken. Und meine Gedanken waren so anders, als früher. Abends
sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter dem alten
Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich gemacht hattest
und mit Moos gepolstert. Und Niemand hat es entdeckt. Aber wenn
dann der Abendwind so durch den Wald hinrauscht und über das
Gras fährt und die Unken rufen und die Eulen schreien, dann
wird mir's so grausig und ich muß an's Sterben denken und daß
es uns noch schlimm, recht schlimm gehen kann.
Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und mein
Vater -- mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. Ich
fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich Dir
auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war doch viel
besser und schöner, als wir noch Kinder waren, wenn wir uns
dort im Hüttchen über Alles besprachen und Du immer die schönen
Geschichten wußtest aus den Büchern, die Dir die Schullehrer
gaben. Ich mußte immer die verwunschene Prinzessin sein und
Du warst dann der Prinz, der die Zauberer und Ungeheuer todt
machte. Ein andermal wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und
Ritter werden und dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und
dann hast Du mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch
Alles so werden und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst
Du noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir
zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren schon
fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: »Du bist
mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein Schatz, aber ich
will's nicht machen, wie die Andern -- Du sollst auch meine
Frau werden.« Und als ich Dir sagte: »das geht nicht, Deine
Eltern leiden's nicht und Du kannst als Lehrer keine Holzdiebin
heirathen;« da sagtest Du: »Du bist ja unschuldig, Deine Eltern
zwingen Dich dazu, und meine Eltern müssen nachgeben. Ich lasse
Dich nicht. Lieber werde ich gar kein Lehrer.« -- Damals habe
ich Wochen lang geglaubt, ich wäre gar nicht mehr auf Erden,
ich lebte im Himmel. -- Doch ich bin recht einfältig, daß ich
lauter solche Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich
muß Dir recht kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß
immer an diese Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht
nicht, es kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder,
was Du für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so
glücklich, so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so
unglücklich, daß ich Dir's gar nicht sagen mag.
Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. So
ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich denke, Du
wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen habe ja Nichts und
wollte doch Etwas mitschicken. Da habe ich die Wolle genommen,
die mir meine Goth' vom Hauserhof zu Weihnachten geschenkt hat
und habe sie Abends im Hüttchen gestrickt. -- Weißt Du auch
schon, daß der alte Fink, der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe
ist. Es wundert mich nur, daß so einen schlechten Menschen
das Meer nicht verschlingt. Er war in Californien und hat
erstaunlich viel Geld mitgebracht. Und die Mädchen, die mit
waren, haben alle seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß
wie! Und sie tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.
Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern nicht
auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. -- Ich
glaube, ich würde es nicht erleben.
Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit
oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück
geschehen. Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse Dich
vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.