II.

Der verhängnißvolle Brief.

Des andern Morgens kam die alte +Balzerswäs+ zu mir, beiläufig bemerkt:

die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. Sie hatte etwas Wichtiges, denn

sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze an und machte mir einen Teller

voll rother Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung

über das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich

heraus.

Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« in J. gewesen, um

ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte so lange Jahre immer die Lehrer

in Kost und Logis gehabt, daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer

ihrer Söhne sich auch dem Lehrerstande widme.

Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr ermüdet, wie

sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen gesäumt.

Und des andern Morgens lag sie noch in guter Ruhe, als ihr Sohn schon

wieder »auf das Seminario« mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell

herausgemacht. Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu

thun wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber

einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, wurden auch

alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück nach dem andern

vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche Mutter mußte sie Alles

wissen und kennen, was ihren Sohn anging. So hatte sie auch eine

Weste in die Hand bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in

dem schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr leid

gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne Brille konnte

sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte sie doch nicht ruhen

lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und sich an's Fenster gestellt

und endlich nach langem Buchstabiren die Unterschrift herausgebracht.

Sie wollte aber ihren Augen nicht trauen, denn die lautete höchst

sonderbar: +Deine Dich bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger+.

Da war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als an des

versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber erst so recht

klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes erinnerte, über das ihr

jetzt erst ein Licht aufging, wurde es ihr bald heiß, bald kalt und sie

meinte, sie bekäme das Gallenfieber. Sie konnte es kaum erwarten, bis

ihr Sohn heimkam. Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn,

sie hätte es ihm tüchtig gesagt. --

»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte nicht an

Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« --

»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und um es noch

kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche Rede keinen Erfolg

gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues Haupt und sprach mehrmals

hintereinander: »Nein, er gab sich nicht -- nein, er gab sich nicht.

Er sagte, er würde nicht von dem Mädchen lassen und wenn wir ihn

enterbten. Nur der Tod könne sie scheiden.«

Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde in einen

Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen Schürze abwischte.

Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den Brief, dessen

sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! Da können Sie

sehen, was das heilige Babettchen für ein sauberes Mensch ist! Wenn

Gerechtigkeit wäre, müßte solch' eine Verführerin in das Zuchthaus.«

Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete

aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener

jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen war. Es wäre

die größte Grausamkeit gewesen, hier störend einzugreifen, selbst wenn

man ein Feind von solchen Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß

ich sogar eine starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und

mir die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt hatte.

Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte schon oft im Stillen

gedacht, was das ein herrliches Paar gäbe, wenn das leidige Geld,

Stand und Verwandtschaftsverhältnisse nicht wären. Darum sagte ich:

»Aber liebe Frau Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses

und Schlechtes.« »Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch

einmal! Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt Nichts« --

und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und immer lauter schreiend, als

könnte sie mir das schreckliche Verbrechen desto klarer machen, rief

sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie

desto mehr,« erwiderte ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen

Eifer und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und haben

den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann man's Ihnen nicht so

übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, daß wir einen schönen Wohlstand

haben. Glauben Sie, man hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von

den Fingern gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel

das Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten nicht

gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden lassen, um ihn hernach an

das Bettelmensch wegzuwerfen? Ich darf gar nicht daran denken, was es

uns schon gekostet hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel

mit Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart

hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die Wurst, die Butter und Eier

erst rechnen wollte, die ich oder der Hanjost hinübergeschleppt haben

und die feine Montur und das Weißzeug -- es macht ja ein Heidengeld

zusammen. Aber man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig

einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon ganz stolz

und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist wahrhaftig gut, daß

er diese Geschichte mit dem Ernst nicht mehr erlebt hat. Es hätte

ein Unglück gegeben! -- Aber ich sage es immer: er ist nicht schuld

daran; er war ja sonst immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding

hat ihn verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer,

und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über seine

Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den Ernst aufgibt.

Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern heiße!«

Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das durchaus nicht

thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der Babette Heimerdinger

mit mehr Achtung zu reden, denn diese verdiene es. Wenn die zwei

jungen Leute ein Vorwurf träfe, so wäre es der, daß sie mit mehr

Ueberlegung hätten zu Werk gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse

bedenken und bei Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen.

Sie hätten sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer

könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? Nun sei es

wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht hindern, das Ihrige

zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts die Hand reichen. Sie würde

auch wahrscheinlich durch alle ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur

noch stärker anblasen. Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand

ihren Lauf zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne

sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle auch ja

nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders wohlgefällig

wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses Urtheil seien vielmehr durchaus

unchristlich.

Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. Sie

sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so unbefriedigtem Gesicht

hinweg, daß durchaus nichts Günstiges für die Liebenden darin zu lesen

war.

Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, war etwa

folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß verlassen kann:

Theurer Ernst!

Vielgeliebter Schatz!

Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu

antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße

siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist

so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich

bin doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir

Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du kannst

einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß man gar

nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar zu gern. --

Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß Du fragst,

ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern Buben nicht

besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr Babette

und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu lieben.

Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für einander

geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander

gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen werden

könnten, in alle Ewigkeit nicht.

Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach J.!

Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit einem

scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, wenn

Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest mir gelobt,

Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn Gott uns

auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit so Vieles

denken. Und meine Gedanken waren so anders, als früher. Abends

sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter dem alten

Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich gemacht hattest

und mit Moos gepolstert. Und Niemand hat es entdeckt. Aber wenn

dann der Abendwind so durch den Wald hinrauscht und über das

Gras fährt und die Unken rufen und die Eulen schreien, dann

wird mir's so grausig und ich muß an's Sterben denken und daß

es uns noch schlimm, recht schlimm gehen kann.

Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und mein

Vater -- mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. Ich

fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich Dir

auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war doch viel

besser und schöner, als wir noch Kinder waren, wenn wir uns

dort im Hüttchen über Alles besprachen und Du immer die schönen

Geschichten wußtest aus den Büchern, die Dir die Schullehrer

gaben. Ich mußte immer die verwunschene Prinzessin sein und

Du warst dann der Prinz, der die Zauberer und Ungeheuer todt

machte. Ein andermal wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und

Ritter werden und dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und

dann hast Du mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch

Alles so werden und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst

Du noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir

zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren schon

fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: »Du bist

mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein Schatz, aber ich

will's nicht machen, wie die Andern -- Du sollst auch meine

Frau werden.« Und als ich Dir sagte: »das geht nicht, Deine

Eltern leiden's nicht und Du kannst als Lehrer keine Holzdiebin

heirathen;« da sagtest Du: »Du bist ja unschuldig, Deine Eltern

zwingen Dich dazu, und meine Eltern müssen nachgeben. Ich lasse

Dich nicht. Lieber werde ich gar kein Lehrer.« -- Damals habe

ich Wochen lang geglaubt, ich wäre gar nicht mehr auf Erden,

ich lebte im Himmel. -- Doch ich bin recht einfältig, daß ich

lauter solche Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich

muß Dir recht kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß

immer an diese Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht

nicht, es kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder,

was Du für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so

glücklich, so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so

unglücklich, daß ich Dir's gar nicht sagen mag.

Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. So

ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich denke, Du

wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen habe ja Nichts und

wollte doch Etwas mitschicken. Da habe ich die Wolle genommen,

die mir meine Goth' vom Hauserhof zu Weihnachten geschenkt hat

und habe sie Abends im Hüttchen gestrickt. -- Weißt Du auch

schon, daß der alte Fink, der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe

ist. Es wundert mich nur, daß so einen schlechten Menschen

das Meer nicht verschlingt. Er war in Californien und hat

erstaunlich viel Geld mitgebracht. Und die Mädchen, die mit

waren, haben alle seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß

wie! Und sie tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.

Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern nicht

auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. -- Ich

glaube, ich würde es nicht erleben.

Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit

oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück

geschehen. Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse Dich

vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.

Hurdy-Gurdy: Bilder aus einem Landgängerdorfe · 第 4 / 15 题