VIII.

Als er zu Ssonja eintrat, begann es schon zu dämmern. Ssonja hatte den

ganzen Tag in schrecklicher Aufregung auf ihn gewartet; schon mit Dunja

zusammen. Dunja war am frühen Morgen zu ihr gekommen, als sie sich der

Worte von Sswidrigailoff erinnerte, daß Ssonja »darüber alles weiß«. --

Wir wollen der Einzelheiten der Unterhaltung zwischen den beiden Frauen,

ihrer Tränen und dessen, wie weit sie einander näher gekommen waren,

nicht gedenken. Dunja hatte bei dieser Zusammenkunft wenigstens den

Trost gefunden, daß ihr Bruder nicht allein sein werde -- zu ihr, zu

Ssonja, war er zuerst mit seiner Beichte gegangen; in ihr hatte er einen

Menschen gesucht, als er einen Menschen brauchte; sie würde ihm auch

überall folgen, wohin das Schicksal ihn führen sollte. Sie fragte auch

nicht, aber sie wußte, daß es so kommen werde. Sie begegnete Ssonja

sogar mit Ehrfurcht und machte sie zuerst dadurch ganz verwirrt. Ssonja

war anfangs nahe daran, zu weinen; sie hielt sich für unwürdig, Dunja

nur anzublicken. Das Bild Dunjas, als sie sich so aufmerksam und

achtungsvoll bei ihrem ersten Zusammentreffen in Raskolnikoffs Wohnung

von ihr verabschiedet, hatte sich seitdem für immer in ihrer Seele

eingegraben, als einer der schönsten und höchsten Augenblicke in ihrem

Leben.

Dunetschka hatte es schließlich nicht mehr ausgehalten, sie war von

Ssonja gegangen, um den Bruder in seiner Wohnung zu erwarten; sie

glaubte, daß er dorthin schließlich zuerst gehen würde. Als Ssonja

allein geblieben war, begann sie sich mit dem Gedanken, daß er wirklich

ein Leid sich antun würde, zu quälen. Dasselbe fürchtete auch Dunja.

Aber beide übertrafen sich den ganzen Tag in dem Bestreben, einander zu

überzeugen, daß es nicht der Fall sein könne, und waren ruhiger, solange

sie beisammen waren. Jetzt aber, wo sie getrennt waren, dachte die eine

wie die andere nur noch daran. Ssonja erinnerte sich, daß Sswidrigailoff

ihr gestern gesagt hatte, Raskolnikoff habe nur zwei Wege, -- entweder

Sibirien, oder ... Sie kannte zudem seinen Ehrgeiz, seinen Stolz, seine

Eigenliebe und seinen Unglauben.

»Kann nur der Kleinmut und die Furcht vor dem Tode ihn zwingen, zu

leben?« dachte sie schließlich in Verzweiflung. Und die Sonne ging schon

unter. Sie stand traurig vor dem Fenster und blickte unverwandt hinaus,

-- aber man sah hier bloß die ungeweißte Grundmauer des Nachbarhauses.

Als sie schon von dem Tode des Unglücklichen völlig überzeugt war, --

trat er in ihr Zimmer.

Ein freudiger Schrei entrang sich ihrer Brust. Aber als sie aufmerksam

sein Gesicht ansah, erbleichte sie sofort.

»Nun, ja!« sagte Raskolnikoff mit bitterem Lächeln, »ich komme, mir dein

Kreuz zu holen, Ssonja. Du hast mich doch selbst auf den Kreuzweg

geschickt; was, bist du etwa bange geworden, da es zur Ausführung

kommt?«

Ssonja blickte ihn fassungslos an. Dieser Ton erschien ihr merkwürdig,

-- ein kaltes Frösteln durchzog ihren Körper, nach einer Minute aber

erriet sie, daß der Ton, wie auch die Worte nur angenommen waren. Er

sprach auch mit ihr so sonderbar, indem er zur Seite blickte und

vermied, ihr ins Gesicht zu sehen.

»Ich habe, -- siehst du, Ssonja, -- eingesehen, daß es in dieser Weise

auch vielleicht vorteilhafter sein wird. Es gibt hier einen Umstand ...

Es ist lange zu erzählen und lohnt sich auch nicht. Weißt du, was mich

bloß ärgert? Mir ist es ärgerlich, daß alle diese dummen tierischen

Fratzen mich gleich umringen, mich anglotzen, mir ihre dumme Frage

vorlegen werden, die man beantworten muß, -- und daß man auf mich mit

Fingern zeigen wird ... Pfui! Weißt du, ich will nicht zu Porphyri

Petrowitsch gehen; er langweilt mich. Ich gehe lieber zu meinem Freunde

Pulver, der wird erstaunen, da werde ich einen Effekt in seiner Art

erringen. Man müßte kaltblütiger sein; ich bin in der letzten Zeit zu

erbittert geworden. Glaubst du mir, -- ich habe soeben meiner Schwester

fast mit der Faust gedroht und bloß aus dem Grunde, weil sie sich

umwandte, um mich zum letzten Male zu sehen. So ein Zustand ist eine

Schweinerei! Ach, wie weit ist es mit mir gekommen! Nun, wo ist das

Kreuz?«

Er war wie ausgewechselt. Er konnte nicht mal einen Augenblick auf einem

Flecke ruhig stehen, konnte seine Aufmerksamkeit auf keinen Gegenstand

konzentrieren, seine Gedanken übersprangen einander, er redete wirr;

seine Hände zitterten leicht.

Ssonja nahm schweigend aus einem Kasten zwei Kreuze -- eins aus

Zypressenholz und das andere aus Kupfer; sie bekreuzte sich selbst,

bekreuzte ihn und legte um seinen Hals das Kreuzlein aus Zypressenholz.

»Das ist also ein Symbol, daß ich das Kreuz auf mich nehme, he! he! Als

hätte ich bis jetzt wenig gelitten! Aus Zypressenholz, also wie das Volk

es trägt; das kupferne, das von Lisaweta, nimmst du, zeige mir. Also sie

hatte es ... in dem Augenblicke um? Ich kenne auch zwei ähnliche Kreuze,

ein silbernes und ein Heiligenbildchen. Ich warf sie damals der Alten

auf die Brust. -- Die würden jetzt passen, wirklich, die sollte ich auch

umlegen ... übrigens, ich lüge die ganze Zeit, vergesse immer die

Angelegenheit, die mich herführte, ich bin ein wenig zerstreut ...

Siehst du, Ssonja, -- ich bin eigentlich gekommen, um dir es vorher zu

sagen, damit du es weißt ... Das ist auch alles ... Ich bin bloß

deswegen gekommen. Hm! ich dachte übrigens, daß ich dir mehr sagen werde

... Du wolltest doch selbst, daß ich hingehe; nun, jetzt werde ich im

Gefängnis sitzen und dein Wunsch wird erfüllt sein. Warum weinst du

denn? Auch du weinst? Höre auf, laß es, ach, wie schwer mir alles ist!«

Eine weichere Empfindung überkam ihn doch; sein Herz schnürte sich bei

ihrem Anblicke zusammen. -- »Warum weint sie denn?« dachte er, »was bin

ich ihr? Warum weint sie, warum nimmt sie von mir Abschied, wie meine

Mutter oder Dunja? Sie wird mein Kindermädchen sein!«

»Bekreuze dich, bete wenigstens einmal,« bat ihn Ssonja mit zitternder,

schüchterner Stimme.

»Oh, bitte, soviel du wünschst! Und ich tue es mit aufrichtigem Herzen,

Ssonja, mit aufrichtigem Herzen ...«

Er wollte etwas ganz anderes sagen.

Er bekreuzte sich einige Male. Ssonja nahm ein Tuch und warf es um die

Schulter. Es war ein großes grünes Tuch, wahrscheinlich dasselbe, von

dem Marmeladoff damals gesprochen hatte. Raskolnikoff kam der Gedanke,

aber er fragte nicht danach. Er begann in der Tat selbst zu fühlen, daß

er schrecklich zerstreut und eigentümlich beunruhigt war. Er erschrak

darüber. Es setzte ihn auch plötzlich in Erstaunen, daß Ssonja mit ihm

gehen wolle.

»Was ist? Wohin willst du? Bleibe, bleibe zu Hause! Ich gehe allein,«

rief er in kleinmütigem Ärger und ging beinahe erzürnt zu der Türe. --

»Und wozu ein ganzes Gefolge!« murmelte er hinaustretend.

Ssonja blieb mitten im Zimmer stehen. Er hatte nicht mal Abschied von

ihr genommen, er hatte sie schon vergessen; ein brennender und sich

empörender Zweifel wogte in seiner Seele.

»Ist es auch das Richtige, ist auch alles richtig?« dachte er wieder,

als er die Treppe hinunterging, »kann man denn nicht stehen bleiben und

alles wieder gutmachen ... und nicht hingehen?«

Er ging aber doch den Weg. Er sagte sich endgültig, daß es sich nicht

lohne, weitere Fragen an sich zu stellen. Auf der Straße fiel es ihm

ein, daß er sich von Ssonja nicht verabschiedet hatte, daß sie mitten im

Zimmer in ihrem grünen Tuche stehen geblieben war, ohne zu wagen, sich

zu rühren, als er sie angeschrien hatte, -- und er blieb eine Weile

stehen. Im selben Augenblick durchzuckte ihn plötzlich ein Gedanke, --

als hätte er nur gewartet, um ihn vollständig verwirrt zu machen.

»Wozu, warum bin ich jetzt bei ihr gewesen? Ich sagte ihr, -- in einer

Angelegenheit; was war es für eine Angelegenheit? Es war absolut nichts!

Um ihr mitzuteilen, daß ich _hingehe_; was ist denn dabei? War es

notwendig, das ihr zu sagen? Liebe ich sie etwa? Nein, doch gar nicht?

Ich habe sie doch soeben wie einen Hund von mir gestoßen. Brauchte ich

etwa ihre Kreuze? Oh, wie tief ich gesunken bin! Nein, -- ich brauchte

ihre Tränen, ich mußte ihr Erschrecken sehen, ich mußte sehen, wie ihr

das Herz schmerzt und sie sich quält! Ich mußte mich an irgend etwas

anklammern, es in die Länge ziehen, einen Menschen sehen! Und ich habe

es gewagt, so auf mich zu hoffen, so von mir zu träumen, ich Bettler,

ich unbedeutender Schuft, Schuft!«

Er ging am Kanale entlang und hatte nicht mehr weit. Als er aber bis zur

Brücke kam, blieb er einen Augenblick stehen, bog dann zur Seite ab und

ging über die Brücke zum Heumarkte.

Er blickte neugierig rechts und links um sich, betrachtete aufmerksam

jeden Gegenstand und konnte auf nichts die Aufmerksamkeit konzentrieren;

alles entglitt ihm. -- »Nach einer Woche, nach einem Monat wird man mich

in einem Gefängniswagen irgendwohin über diese Brücke führen, wie werde

ich dann diesen Kanal ansehen, -- ich müßte es mir merken,« durchfuhr es

ihn. »Dieses Aushängeschild dort, -- wie werde ich dann diese Buchstaben

lesen? Da steht geschrieben -- _Genossenschaft_, -- nun, ich sollte mir

dieses >o<, diesen Buchstaben o merken, und nach einem Monat dieses o

ansehen, -- wie werde ich es dann ansehen? Was werde ich dann empfinden

und denken? ... Mein Gott, wie dies alles gemein sein muß, alle meine

jetzigen ... Sorgen! Gewiß, dies alles muß interessant ... in seiner Art

sein ... ha! ha! ha! ... worüber ich bloß denke! Ich werde wie ein Kind,

ich spiele mit mir selbst; nun, warum halte ich mir dieses vor? Pfui,

wie sie stoßen! Dieser Dicke da, -- wahrscheinlich ein Deutscher, -- der

mich soeben gestoßen hat; nun, weiß er, wen er gestoßen hat? Eine Frau

mit einem Kinde bettelt, es ist amüsant, daß sie mich für glücklicher

als sich selbst hält. Was, sollte ich der Kuriosität wegen ihr auch ein

Almosen geben? Bah, ich habe ja volle fünf Kopeken in der Tasche, woher

bloß? Na ... nimm es, Mütterchen!«

»Gott schütze dich!« ertönte die weinerliche Stimme der Bettlerin.

Er trat auf den Heumarkt. Ihm war es unangenehm, sehr unangenehm sogar,

mit Leuten zusammenzukommen, er ging aber gerade dorthin, wo man am

meisten Menschen sah. Er hätte alles in der Welt hingegeben, um allein

zu bleiben, aber er fühlte selbst, daß er keinen einzigen Augenblick

allein sein konnte. In einer Menge trieb ein Betrunkener sein Wesen, er

wollte die ganze Zeit tanzen, fiel aber immer hin. Man hatte ihn

umringt. Raskolnikoff drängte sich durch die Menge hindurch, blickte

einige Augenblicke den Betrunkenen an und lachte plötzlich kurz und

abgerissen auf. Nach einer Minute hatte er ihn schon vergessen, bemerkte

ihn nicht mehr, obwohl er ihn noch anblickte. Er ging schließlich

zurück, ohne sich zu erinnern, wo er sich befand; als er aber bis zur

Mitte des Platzes gekommen war, vollzog sich mit ihm plötzlich eine

Veränderung, eine Empfindung packte ihn mit einem Male, nahm ihn

vollständig körperlich und seelisch -- gefangen.

Er erinnerte sich plötzlich der Worte von Ssonja, »geh zu einem

Kreuzweg, verneige dich vor den Menschen, küsse die Erde, weil du vor

ihr gesündigt hast, und sage laut der ganzen Welt: -- Ich bin ein

Mörder!«

Er zitterte am ganzen Körper, als er sich daran erinnerte. Und so stark

hatte ihn schon der aussichtslose Gram und die Unruhe der ganzen Zeit,

besonders aber der letzten Stunden erdrückt, daß er sich dieser neuen

Empfindung vollkommen und ungeteilt hingab. Wie ein Anfall war es

plötzlich über ihn gekommen; durch einen Funken entzündete es sich in

seiner Seele und erfaßte ihn mit einem Male, wie ein Feuer, ganz und

gar. Alles wurde in ihm weich und Tränen stürzten hervor. Wie er stand,

so fiel er auch zu Boden ...

Er kniete mitten auf dem Platze nieder, verneigte sich bis zur Erde und

küßte diese schmutzige Erde voll Genuß und Glück. Er stand auf und

verneigte sich zum zweiten Male ...

»Sieh, wie der sich vollgesoffen hat!« bemerkte ein Bursche in seiner

Nähe.

Lachen ertönte.

»Er geht nach Jerusalem, nimmt Abschied von seinen Kindern, seiner

Heimat, verneigt sich vor der ganzen Welt und küßt die Residenzstadt

Sankt Petersburg und seinen Boden,« fügte ein betrunkener Kleinbürger

hinzu.

»Er ist noch jung, der Bursche!« bemerkte ein dritter.

»Einer von den Adeligen!« sagte jemand mit gesetzter Stimme.

»Heutzutage erkennt man nicht mehr, wer von Adel ist, und wer nicht.«

Alle diese Zurufe und Bemerkungen hielten Raskolnikoff zurück, und das

Bekenntnis »ich habe getötet!,« das er abzulegen bereit war, unterblieb.

Die Zurufe nahm er in Ruhe hin, ging ohne sich umzusehen, durch eine

Gasse zum Polizeibureau. Unterwegs bemerkte er, daß ihm jemand folgte,

aber er war darüber nicht erstaunt; er hatte es geahnt. Als er auf dem

Heumarkte sich zum zweiten Male bis zur Erde verneigte und sich links

wandte, erblickte er fünfzig Schritte entfernt Ssonja. Sie verbarg sich

vor ihm hinter einer der hölzernen Buden, die auf dem Markte standen,

also hatte sie ihn auf seinem ganzen Leidensweg begleitet. Raskolnikoff

fühlte und begriff in diesem Augenblicke ein für allemal, daß Ssonja

ewig bei ihm sein und ihm bis ans Ende der Welt folgen werde, was ihm

das Schicksal auch senden würde. Und sein Herz wandte sich ... aber, --

er war schon an der verhängnisvollen Stelle angelangt ...

Ziemlich sicher trat er in den Hof. Er mußte in den dritten Stock. --

»Es dauert noch eine Weile, bis ich hinaufkomme,« dachte er. Überhaupt

schien es ihm, als wäre es noch weit bis zu dem entscheidenden

Augenblicke, als hätte er noch viel Zeit und könne sich vieles noch

überlegen.

Wieder derselbe Schmutz, dieselben Schalen auf der sich windenden

Treppe, wieder waren die Türen zu den Wohnungen weit offen, wieder

dieselben Küchen, aus denen Dunst und Gestank herausdrang. Raskolnikoff

war seit damals nicht mehr hier gewesen. Seine Beine erstarben und

knickten zusammen, aber sie trugen ihn vorwärts. Er blieb einen

Augenblick stehen, um Atem zu holen, um sich in Ordnung zu bringen, um

als _Mensch_ einzutreten.

»Wozu aber? Warum?« dachte er plötzlich, als er seiner Bewegung gewahr

wurde. -- »Wenn man schon diesen Kelch leeren muß, ist dann nicht alles

gleichgültig? Je häßlicher, um so besser!«

In seiner Erinnerung tauchte in diesem Momente die Gestalt von Ilja

Petrowitsch Pulver auf. »Soll ich tatsächlich zu ihm gehen? Kann ich

nicht zu einem anderen? Nicht zu Nikodim Fomitsch? Oder sofort umkehren

und zum Kommissar selbst in seine Wohnung gehen? Alles wird wenigstens

dann in angenehmerer Weise ... Nein, nein! Zu Pulver, zu Pulver! Wenn

ich ihn schon leeren soll, so alles auf einmal ...«

Erstarrt vor Kälte und kaum seiner mächtig, öffnete er die Türe zum

Polizeibureau. Diesmal waren sehr wenig Leute da, ein Hausknecht und

noch ein Mann. Der Wächter schaute nicht einmal aus seiner Kammer

heraus. Raskolnikoff ging in das andere Zimmer. -- »Vielleicht läßt es

sich noch vermeiden,« schwirrte es ihm durch den Kopf. In diesem Zimmer

begann gerade irgend ein Schreiber in Zivilkleidung etwas auf seinem

Pulte zu schreiben. In einer Ecke setzte sich ein anderer Schreiber hin.

Sametoff war nicht da. Nikodim Fomitsch selbstverständlich auch nicht.

»Ist niemand da?« fragte Raskolnikoff, sich an den Schreiber am Pulte

wendend.

»Wen wünschen Sie?«

»Ah -- ah! Man hört nichts, man sieht nichts, bloß der russische Geist

... wie heißt es doch in jenem Märchen ... habe es vergessen! M--m--mein

Kompliment!« rief plötzlich eine bekannte Stimme.

Raskolnikoff erbebte. Vor ihm stand Pulver; er war unbemerkt aus dem

dritten Zimmer eingetreten.

»Das ist das Schicksal,« dachte Raskolnikoff, »warum ist er hier?«

»Zu uns? In welcher Angelegenheit?« rief Ilja Petrowitsch aus. (Er war

offenbar in ausgezeichneter und sogar ein wenig erregter Stimmung.)

»Wenn Sie in einer geschäftlichen Angelegenheit kommen, so ist es dazu

noch zu früh. Ich selbst bin nur zufälligerweise hier ... Übrigens stehe

ich zu Ihren Diensten. Ich muß gestehen ... Wie? Wie? Entschuldigen Sie

...«

»Raskolnikoff.«

»Aha, Raskolnikoff? Konnten Sie glauben, daß ich Ihren Namen vergessen

habe! Bitte, halten Sie mich nicht für so einen ... Rodion Ro... Ro...

Rodionytsch, nicht wahr, es ist doch richtig?«

»Rodion Romanowitsch.«

»Ja, ja, ja! Rodion Romanowitsch, Rodion Romanowitsch! Das wollte ich

gerade wissen. Habe mich sogar mehrere Male nach Ihnen erkundigt. Ich

muß Ihnen gestehen, seit der Zeit war ich aufrichtig betrübt, als wir

damals mit Ihnen so ... man hat mir nachher alles erklärt, ich erfuhr,

daß Sie ein junger Literat und sogar Gelehrter ... und sozusagen, die

ersten Schritte ... oh, mein Gott! Ja, wer von den Literaten und

Gelehrten hat im Anfange nicht originelle Schritte getan! Ich und meine

Frau, -- wir beide schätzen die Literatur, meine Frau sogar

leidenschaftlich! ... Literatur und Kunst! Wenn einer nur anständig ist,

alles übrige aber kann er durch Talent, Wissen, Verstand, Genie

erwerben! Ein Hut -- nun, was bedeutet z. B. ein Hut? Ein Hut ist ein

Deckel, ich kann ihn im besten Laden kaufen; was aber unter dem Hute

steckt und mit dem Hute verdeckt wird, das kann ich nicht kaufen! ...

Ich muß gestehen, wollte sogar zu Ihnen kommen, Ihnen eine Erklärung

abgeben, aber ich dachte, daß Sie vielleicht ... Jedoch ich vergesse

ganz, Sie zu fragen, -- brauchen Sie tatsächlich etwas von uns? Man

sagte mir, Sie haben Besuch von Ihren Verwandten?«

»Ja, meine Mutter und Schwester.«

»Ich hatte sogar die Ehre und das Glück, Ihre Schwester zu treffen, --

eine gebildete und reizende Dame. Ich muß gestehen, ich bedauerte sehr,

daß wir damals beide so hitzig wurden. Ein Zufall! Und daß ich Sie

damals infolge Ihrer Ohnmacht, mit einem gewissen Blicke ansah, -- das

hat sich doch sofort in glänzendster Weise aufgeklärt! Grausamkeit und

Fanatismus! Ich begreife Ihre Entrüstung. Sie werden wohl infolge der

Ankunft Ihrer Familie in eine andere Wohnung ziehen und wollen uns wohl

das anmelden?«

»N--nein, ich bin bloß ... Ich bin gekommen, zu fragen ... ich dachte,

daß ich Herrn Sametoff hier antreffen werde.«

»Ach, ja! Sie sind ja Freunde geworden; ich habe davon gehört. Nein,

Sametoff ist nicht bei uns, -- den haben Sie verfehlt. Wir haben Herrn

Sametoff verloren! Seit gestern ist er nicht mehr bei uns; er ist in

einen anderen Dienst übergetreten ... und hat sich zum Abschied mit

allen gezankt ... er war zuletzt noch sehr unhöflich ... Er war ein

leichtsinniger Junge, mehr nichts; er berechtigte wohl zu Hoffnungen;

ja, aber so geht es mit unserer glänzenden Jugend! Er will ein Examen

ablegen, wir kennen das, -- sind bloß Redensarten, Wichtigtuerei und das

wird das ganze Examen sein. Es ist doch nicht, wie bei Ihnen z. B. der

Fall oder bei Herrn Rasumichin, Ihrem Freunde! Ihre Karriere ist die

eines Gelehrten, und Mißerfolge werden Sie nicht verstimmen. Für Sie

sind dies alles Reize des Lebens -- nihil. Sie sind ein Asket, ein

Mönch, ein Einsiedler! ... für Sie hat nur ein Buch Bedeutung, die

Feder, die Gelehrten und Untersuchungen, -- darin schwelgt Ihr Geist!

Ich bin teilweise selbst so ... Haben Sie das Buch von Livingstone

gelesen?«

»Nein.«

»Ich habe es gelesen. Heutzutage gibt es übrigens viel zu viel

Nihilisten; es ist auch begreiflich; die Zeiten sind auch danach, nicht

wahr? Übrigens ich ... Sie sind doch selbstverständlich kein Nihilist!

Sagen Sie es mir aufrichtig, ganz offen.«

»N--nein ...«

»Nein, ach, seien Sie doch mir gegenüber ganz offen, genieren Sie sich

nicht, tun Sie, als wären Sie allein mit sich! Der Dienst ist ein Ding

für sich, ein anderes Ding ... Sie meinten, ich wollte _Freundschaft_

sagen, nein, Sie haben es nicht erraten! Nicht Freundschaft, sondern das

Gefühl eines Mitbürgers und Mitmenschen, das Gefühl der Humanität und

der Liebe zum Allmächtigen. Ich kann eine offizielle Stellung und ein

Amt einnehmen, aber ich bin dennoch verpflichtet, den Bürger und

Menschen in mir stets zu fühlen, und muß mir darüber Rechenschaft

abgeben ... Sie beliebten Sametoff zu erwähnen. Sametoff ist imstande,

auf französische Art, in einem unanständigen Lokale beim Glas Champagner

oder moussierendem Wein loszulegen, -- sehen Sie, das ist Ihr Sametoff!

Ich aber bin sozusagen in Ergebenheit und hohen Gefühlen ganz

aufgegangen, habe außerdem einen Rang, eine Position, bekleide ein Amt!

Bin verheiratet und habe Kinder. Ich erfülle meine Pflichten als Bürger

und Mensch, wer aber ist er, gestatten Sie mir die Frage? Ich wende mich

an Sie, als einen durch Bildung geadelten Menschen. Sehen Sie, auch sehr

viel gelehrte Hebammen haben wir in letzter Zeit.«

Raskolnikoff zog fragend die Augenbrauen empor. Die Worte von Ilja

Petrowitsch, der anscheinend vor kurzem erst vom Mittagstische

aufgestanden war, schwirrten an seinem Ohre vorbei! Einen kleinen Teil

davon hatte er wohl aufgefangen. Er blickte ihn fragend an und wußte

nicht, wo er hinaus wollte.

»Ich spreche von diesen kurzgeschorenen Mädchen,« fuhr der redselige

Ilja Petrowitsch fort, »ich habe sie selbst gelehrte Hebammen benannt

und finde, daß diese Benennung sehr treffend ist. He! he! Sie kriechen

in die medizinische Akademie, lernen Anatomie; und, sagen Sie mir,

glauben Sie, wenn ich krank werde, daß ich mir etwa ein solches Mädchen

hole ließe, daß sie mich behandele? He! he!«

Ilja Petrowitsch lachte, sehr zufrieden mit seinen eigenen Witzen.

»Es ist wohl wahr, der Durst nach Bildung ist grenzenlos; aber nachdem

einer sich gebildet hat, muß es für ihn genug sein. Warum denn es

mißbrauchen? Warum denn ehrenhafte Personen beleidigen, wie es dieser

Schurke Sametoff tut? Warum hat er mich beleidigt, frage ich Sie? Und

wie die Selbstmorde jetzt zunehmen, -- Sie können es sich gar nicht

vorstellen. Alle verprassen ihr letztes Geld und töten sich dann. Kleine

Mädchen, Jungen, Greise ... Heute früh noch erhielten wir Mitteilung

über einen vor kurzem zugereisten Herrn Nil Pawlytsch, ah, Nil

Pawlytsch! Wie hieß doch dieser Gentleman, der sich erschossen hat, über

den wir die Mitteilung vorhin erhielten?«

»Sswidrigailoff,« antwortete jemand aus dem anderen Zimmer laut und

teilnahmslos.

Raskolnikoff zuckte zusammen.

»Sswidrigailoff! Sswidrigailoff hat sich erschossen?« rief er aus.

»Wie! Sie kannten Sswidrigailoff?«

»Ja ... ich kannte ihn ... Er war vor kurzem hierher gekommen ...«

»Nun, ja, er ist vor kurzem zugereist, hat seine Frau verloren, führte

ein ausschweifendes Leben, und hat sich plötzlich erschossen, und so

skandalös, daß man es sich nicht vorstellen kann ... hat in seinem

Notizbuche ein paar Worte hingeschrieben, daß er bei vollem Verstande

sterbe, und bittet, niemanden wegen seines Todes zu beschuldigen. Er

hatte Geld, sagt man. Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?«

»Ich ... kannte ihn ... meine Schwester war in seinem Hause als

Gouvernante ...«

»Ah ... Sie können uns also über ihn einiges mitteilen. Sie ahnten gar

nichts davon?«

»Ich habe ihn gestern gesehen ... er ... trank Wein ... ich ahnte

nichts.«

Raskolnikoff fühlte sich so niedergeschmettert, als wäre etwas auf ihn

heruntergefallen und drücke ihn zu Boden.

»Sie sind blaß geworden. Bei uns ist die Luft sehr stickig ...«

»Ja, es ist für mich Zeit zu gehen,« murmelte Raskolnikoff, --

»entschuldigen Sie, daß ich Sie gestört habe ...«

»Oh, bitte sehr! Es war mir ein Vergnügen und ich bin froh, Ihnen zu

sagen ...«

Ilja Petrowitsch reichte ihm die Hand.

»Ich wollte bloß ... zu Sametoff ...«

»Ich begreife, begreife. Es war mir ein Vergnügen.«

»Ich ... freue mich sehr ... auf Wiedersehen ...« lächelte Raskolnikoff.

Er ging hinaus; schwankend. Der Kopf schwindelte ihm. Er fühlte seine

Füße nicht mehr. Langsam begann er die Treppe hinabzusteigen und stützte

sich dabei mit der rechten Hand an der Wand. Es schien ihm, daß ein

Hausknecht mit einem Buche in der Hand ihn gestoßen habe, daß ein Hund

im unteren Stockwerke ununterbrochen belle und daß ein Weib ein

Holzscheit nach dem Hunde werfe und ihn anschreie. Er ging die Treppe

hinunter und trat in den Hof. Hier auf dem Hofe, unweit vom Ausgange,

stand Ssonja, totenbleich, starr, und sah ihn fassungslos an. Er blieb

vor ihr stehen. Ihr Gesicht zeigte einen schmerzlichen, abgequälten,

verzweifelten Ausdruck. Sie schlug die Hände zusammen. Ein bitteres,

verlorenes Lächeln erschien für einen Moment auf seinen Lippen. Eine

Weile blieb er stehen, betrachtete sie und ging dann wieder hinauf in

das Polizeibureau.

Ilja Petrowitsch hatte sich gesetzt und wühlte in allerhand Papieren.

Vor ihm stand derselbe Mann, der vorhin Raskolnikoff gestoßen hatte.

»Ah! Sie sind es wieder! Haben Sie etwas vergessen? ... Aber was ist mit

Ihnen?«

Raskolnikoff näherte sich ihm mit blassen Lippen, mit verglasten Augen,

langsam trat er an den Tisch heran, stützte sich mit der Hand darauf,

wollte etwas sagen, aber konnte nicht; man hörte bloß unzusammenhängende

Töne.

»Ihnen ist schlecht, ein Stuhl! Hier, setzen Sie sich auf den Stuhl,

setzen Sie sich! Wasser!«

Raskolnikoff ließ sich auf den Stuhl nieder, wandte aber die Augen von

dem Gesichte des äußerst unangenehm überraschten Ilja Petrowitsch nicht

ab. Beide blickten eine Minute lang einander an und warteten. Das Wasser

wurde gebracht.

»Ich habe ...« begann Raskolnikoff.

»Trinken Sie Wasser.«

Raskolnikoff wehrte mit der Hand das Wasser ab und sagte leise mit

Pausen, aber deutlich:

»_Ich habe damals die alte Beamtenwitwe ... und ihre Schwester Lisaweta

... mit dem Beile erschlagen ... und beraubt._«

Ilja Petrowitsch öffnete den Mund vor Staunen. Von allen Seiten kamen

die Menschen gelaufen.

Raskolnikoff wiederholte sein Geständnis.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 60 / 66 题