VI.

Diesen ganzen Abend bis zehn Uhr zog er in allerhand Wirtshäusern und

Spelunken umher. Irgendwo traf er auch Katja, die einen anderen

Gassenhauer sang, von einem »Schuft und Tyrannen,« der

»Fing Katja an zu küssen«.

Sswidrigailoff gab Katja und dem Leiermann, den Chorsängern, den

Kellnern und zwei Schreibern zu trinken. Diese Schreiber hatte er

eigentlich bloß aufgefordert, weil sie beide schiefe Nasen besaßen, --

die Nase des einen stand nach rechts, die des anderen nach links. Das

hatte Sswidrigailoffs Aufmerksamkeit erregt. Zuletzt schleppten sie ihn

in eine Gartenwirtschaft mit, wo er für sie das Eintrittsgeld bezahlen

mußte. Dieser Garten bestand aus einer dünnen dreijährigen Tanne und

drei Sträuchern. Das Restaurant war im Grunde genommen nur ein

Ausschank, man konnte aber auch Tee erhalten und es standen einige grüne

Tische und Stühle dort. Ein Chor minderwertiger Sänger und ein

betrunkener Deutscher aus München, eine Art Clown, mit roter Nase, der

aber aus irgend einem Grunde sehr niedergeschlagen war, amüsierten das

Publikum. Die Schreiber fingen mit einigen anderen Schreibern einen

Streit an und schickten sich schon an, handgreiflich zu werden.

Sswidrigailoff wurde von ihnen zum Schiedsrichter gewählt. Er waltete

über eine Viertelstunde seines Amtes, aber sie schrien derartig, daß es

nicht die geringste Möglichkeit gab, irgend etwas zu verstehen. Am

wahrscheinlichsten war die Sache so -- einer von ihnen hatte etwas

gestohlen und hatte Zeit gefunden, es sofort an Ort und Stelle einem

Juden zu verkaufen, der sich zufällig eingefunden hatte, aber er wollte

das Geld mit seinem Kameraden nicht teilen; es ergab sich schließlich,

daß der verkaufte Gegenstand ein Teelöffel war, der dem Restaurant

gehörte; man vermißte dort den Löffel und die Sache begann eine

unangenehme Wendung zu nehmen. Sswidrigailoff bezahlte den Löffel, erhob

sich und verließ den Garten. Es war gegen zehn Uhr. Er selbst hatte

während der ganzen Zeit keinen einzigen Tropfen Wein getrunken und hatte

in der Gartenwirtschaft sich nur Tee bestellt, und das nur, um überhaupt

etwas zu nehmen. Der Abend war schwül und düster. Gegen zehn Uhr hatte

sich der Himmel mit dunklen Wolken überzogen; es fing an zu donnern und

der Regen strömte nieder. Das Wasser fiel nicht in Tropfen, sondern

peitschte in ganzen Strömen die Erde. Es folgte Blitz auf Blitz. Ganz

durchnäßt kam Sswidrigailoff nach Hause, schloß sich ein, öffnete seinen

Schreibtisch, nahm sein ganzes Geld an sich und zerriß einige Papiere.

Er steckte darauf das Geld in die Tasche, wollte seine Kleider wechseln,

aber nachdem er zum Fenster hinausgeblickt und dem Gewitter und dem

Regen gelauscht hatte, tat er es doch nicht, ergriff seinen Hut und ohne

seine Wohnung abzuschließen, ging er hinaus und direkt zu Ssonja. Sie

war zu Hause.

Sie war nicht allein; sie hatte die vier Kinder von Kapernaumoff um

sich. Ssofja Ssemenowna gab ihnen Tee zu trinken. Sie begrüßte

Sswidrigailoff schweigend und ehrerbietig, warf einen erstaunten Blick

auf seine durchnäßten Kleider, sagte aber kein Wort. Die Kinder liefen

sofort in unbeschreiblicher Furcht davon.

Sswidrigailoff setzte sich an den Tisch und bat Ssonja, neben ihm Platz

zu nehmen. Sie schickte sich schüchtern an, ihm zuzuhören.

»Ssofja Ssemenowna, ich reise vielleicht nach Amerika,« sagte

Sswidrigailoff, »und da wir uns wahrscheinlich zum letzten Male sehen,

bin ich gekommen, einige Anordnungen zu treffen. Haben Sie heute diese

Dame gesehen? Ich weiß, was sie Ihnen gesagt hat, Sie brauchen es mir

nicht zu erzählen,« -- (Ssonja machte eine Bewegung und errötete.) --

»Diese Leute haben eine bestimmte Manier. Was Ihre Schwestern und Ihren

Bruder anbetrifft, so sind sie untergebracht und das ihnen zukommende

Geld habe ich für jeden gegen Quittung in sicherer Hand deponiert.

Nehmen Sie übrigens diese Quittungen für jeden Fall an sich. Nehmen Sie

sie! Das ist also erledigt. Hier sind drei fünfprozentige Obligationen,

im ganzen dreitausend Rubel. Nehmen Sie das für sich, für sich ganz

allein, und mag es unter uns bleiben, damit niemand etwas davon erfährt.

Das Geld wird Ihnen von Nutzen sein, denn, Ssofja Ssemenowna, ein Leben,

wie Sie es bisher lebten, ist schlimm und Sie haben es nicht nötig.«

»Sie haben mich mit so vielen Wohltaten überschüttet; auch die Waisen

und die Verstorbene,« stammelte Ssonja, »wenn ich Ihnen bis jetzt so

wenig gedankt habe, so ... halten Sie es nicht ...«

»Aber bitte, es ist nicht der Rede wert.«

»Und für dieses Geld danke ich Ihnen sehr, Arkadi Iwanowitsch, aber ich

brauche es jetzt wirklich nicht. Ich kann immer für mich allein sorgen,

halten Sie es nicht für Undank, -- wenn Sie schon gütig sind, so soll

dieses Geld ...«

»Ihnen, Ssofja Ssemenowna, Ihnen soll es gehören, und bitte ohne viele

Worte, denn ich habe auch keine Zeit dazu. Es wird Ihnen sehr von Nutzen

sein. Rodion Romanowitsch hat zwei Auswege, -- entweder eine Kugel durch

den Kopf oder Sibirien.« -- (Ssonja blickte ihn wild an und erbebte.) --

»Seien Sie ruhig, ich weiß alles von ihm selbst und bin kein Schwätzer;

werde es niemand sagen. Sie haben gut daran getan, indem Sie ihm

vorschlugen, -- er möge hingehen und sich selbst anzeigen. Das wird ihm

bedeutend nützlicher sein. Nun, wenn der Ausweg Sibirien sein wird,

werden Sie ihm doch folgen? Nicht wahr? Nicht wahr? Und dann wird Ihnen

auch das Geld von Nutzen sein. Für ihn selbst werden Sie es brauchen,

verstehen Sie? Indem ich es Ihnen überreiche, gebe ich es damit doch

ihm. Außerdem haben Sie versprochen, auch die frühere Wirtin Amalie

Iwanowna zu bezahlen; ich habe es gehört. Warum übernehmen Sie immer,

Ssofja Ssemenowna, unüberlegt solche Verpflichtungen? Katerina Iwanowna

war es doch dieser Deutschen schuldig geblieben, und nicht Sie, also

sollten Sie auf die Deutsche pfeifen. In dieser Weise kann man auf der

Welt nicht weiterkommen. Und wenn jemand morgen oder übermorgen nach mir

fragen sollte, -- und man wird sich an Sie wenden, -- so erwähnen Sie

nicht, daß ich jetzt bei Ihnen gewesen bin, und zeigen Sie in keinem

Falle das Geld und sagen Sie niemandem, daß ich es Ihnen gegeben habe.

Und jetzt auf Wiedersehen.« -- Er stand auf. -- »Grüßen Sie Rodion

Romanowitsch. Nebenbei gesagt, -- übergeben Sie vorläufig das Geld

meinetwegen Herrn Rasumichin zur Aufbewahrung. Kennen Sie Herrn

Rasumichin? Sie kennen ihn sicher. Das ist ein kluger Bursche. Bringen

Sie das Geld ihm morgen oder ... wenn Sie Zeit haben, hin. Vorläufig

verstecken Sie es gut.« Er erhob sich.

Ssonja sprang ebenfalls vom Stuhle auf und blickte ihn erschrocken an.

Sie wollte etwas sagen, etwas fragen, aber sie wagte es nicht gleich und

wußte auch nicht, wie sie es anfangen sollte.

»... Wie, wollen Sie denn jetzt in solchem Regen ausgehen?«

»Nun, ich will nach Amerika reisen und soll mich vor einem Regen

fürchten, he! he! Leben Sie wohl, liebe Ssofja Ssemenowna! Leben Sie und

leben Sie lange, Sie werden anderen von Nutzen sein. Ja ... sagen Sie

bitte Herrn Rasumichin, daß ich ihn grüßen lasse. Sagen Sie ihm, --

Arkadi Iwanowitsch Sswidrigailoff läßt Sie grüßen, -- mit diesen Worten

sagen Sie es ihm. Sagen Sie es unbedingt.«

Er ging fort und hinterließ Ssonja erstaunt und erschrocken in einer

unklaren und drückenden Ahnung zurück.

Man erfuhr später, daß er am selben Abend, in der zwölften Stunde, noch

einen sehr exzentrischen und unerwarteten Besuch gemacht hatte. Der

Regen hatte noch immer nicht aufgehört. Ganz durchnäßt, trat er zwanzig

Minuten nach elf in die kleine Wohnung der Eltern seiner Braut ein. Mit

großer Mühe hatte er sich Einlaß verschafft und zuerst alle in große

Aufregung versetzt; aber Arkadi Iwanowitsch konnte, wenn er wollte, ein

Mann von bezauberndem Benehmen sein, so daß die ursprüngliche, übrigens

sehr naheliegende Annahme der Eltern der Braut, daß Arkadi Iwanowitsch

wahrscheinlich sich irgendwo stark berauscht habe und seiner selbst

nicht mächtig sei, -- von selbst zunichte wurde. Den gelähmten Vater

rollte in einem Sessel die mitleidige Mutter der Braut selbst zu Arkadi

Iwanowitsch herein und begann nach ihrer Gewohnheit mit weitausholenden

Fragen. Diese Frau stellte nie direkte Fragen, sondern lächelte und rieb

sich die Hände zuerst, dann aber, wenn sie etwas unbedingt erfahren

wollte, wie z. B., -- wann Arkadi Iwanowitsch den Wunsch habe, die

Hochzeit zu bestimmen, so begann sie mit den neugierigsten Fragen über

Paris und das dortige Hofleben, um schließlich langsam bis zu ihrer

Wohnung in Petersburg zu gelangen. Zu anderer Stunde wurde dies alles

ruhig hingenommen, aber jetzt war Arkadi Iwanowitsch zu ungeduldig und

wünschte kategorisch seine Braut zu sehen, obgleich man ihm schon bei

seinem Eintritt erklärt hatte, daß sie schon schlafe. Die Braut erschien

selbstverständlich, und Arkadi Iwanowitsch teilte ihr sofort mit, daß er

wegen einer sehr wichtigen Angelegenheit auf eine Zeit lang Petersburg

verlassen müsse, und aus diesem Grunde ihr fünfzehntausend Rubel in

allerhand Papieren mitgebracht habe; er bat sie, dies als ein Geschenk

von ihm anzunehmen, da er schon längst die Absicht gehabt habe, ihr

diese Kleinigkeit schon vor der Hochzeit zu überreichen. Ein besonderer

logischer Zusammenhang zwischen dem Geschenk und der unverzüglichen

Abreise und der Notwendigkeit, deswegen in der Nacht bei Regen

herzukommen, zeigte sich in keiner Weise bei seinen Erklärungen, jedoch

es verlief alles sehr gut. Sogar die unvermeidlichen Ausrufe von »ach«

und »wie,« das Fragen und Staunen wurden rasch gemäßigt und

zurückgehalten; dafür aber wurde eine überströmende Dankbarkeit an den

Tag gelegt und sogar von den Tränen der vernünftigsten aller Mütter

unterstützt. Arkadi Iwanowitsch stand auf, lachte, küßte die Braut,

streichelte ihre Wangen, wiederholte noch einmal, daß er bald

zurückkommen werde, und als er in ihren Augen eine zwar kindliche

Neugier, aber zugleich eine sehr ernste stumme Frage bemerkte, sann er

eine Weile nach, küßte sie zum zweitenmal und ärgerte sich darüber, daß

das Geschenk unverzüglich zur Aufbewahrung der vernünftigsten aller

Mütter übergeben werden würde. Er ging fort und hinterließ alle in einer

ungewöhnlichen Aufregung. Aber die gutherzige Mama löste sofort im

Flüstertone einige sehr wichtige Bedenken, und zwar, daß Arkadi

Iwanowitsch ein Mann der großen Welt, ein Mann mit Unternehmungen und

großen Verbindungen, ein reicher Mann sei; weiß Gott, was in seinem

Kopfe vorgehe, er habe plötzlich den Entschluß gefaßt, abzureisen, habe

eben plötzlich den Gedanken bekommen, das Geld gegeben, man soll sich

nicht darüber wundern. Gewiß sei es merkwürdig, daß er ganz durchnäßt

war, aber die Engländer seien z. B. noch exzentrischer, überhaupt alle

Menschen aus der höchsten Gesellschaft achteten nicht darauf, was man

von ihnen sagen werde, und genierten sich nicht. Vielleicht gehe er

absichtlich in dieser Weise herum, um zu zeigen, daß er nichts fürchte.

Die Hauptsache aber sei, niemand ein Wort davon zu sagen, denn Gott

weiß, was dabei noch herauskommen könne, das Geld müsse sofort

eingeschlossen werden, und sicher sei es das beste, daß das Mädchen in

der Küche war und nichts gesehen habe, noch wichtiger sei es aber,

nichts, gar nichts dieser Spitzbübin, dieser Rößlich davon zu sagen, und

so ging es in gleicher Weise fort. Sie blieben bis zwei Uhr sitzen und

flüsterten die ganze Zeit. Nur die Braut ging etwas früher schlafen,

über die ganze Sache verwundert und ein wenig traurig.

Sswidrigailoff wanderte indessen punkt zwölf Uhr über die K.sche Brücke

in der Richtung nach dem --schen Stadtteil. Es hatte zu regnen

aufgehört, jedoch der Wind wehte noch stark. Sswidrigailoff begann zu

zittern, und einen Augenblick sah er mit einer auffallenden Neugier und

fragend das schwarze Wasser der Kleinen Newa an. Als er so über das

Wasser geneigt dastand, fühlte er auf einmal ein unangenehmes

Kältegefühl, er drehte sich um und ging den X.schen Prospekt entlang. Er

wanderte lange, fast eine halbe Stunde, durch diesen endlosen Prospekt,

stolperte ein paarmal in der Dunkelheit auf dem hölzernen Trottoir und

hörte nicht auf, etwas auf der rechten Seite der Straße aufmerksam zu

suchen. Er hatte hier, fast am Ende des Prospekts kürzlich im

Vorbeifahren ein hölzernes, aber geräumiges Gasthaus bemerkt, und sein

Name, soweit er sich erinnern konnte, hatte etwas mit »Adrianopel« zu

tun. Er hatte sich nicht getäuscht, -- dieses Gasthaus in dieser

abgelegenen Gegend war so auffallend, daß es selbst in der Dunkelheit

unmöglich übersehen werden konnte. Es war ein langes hölzernes,

schwarzgewordenes Gebäude, in dem trotz der späten Stunde noch Lichter

brannten und ein gewisses Leben zu bemerken war. Er trat ein und fragte

einen im Korridor stehenden, zerlumpten Kerl nach einem Zimmer. Der warf

einen Blick auf Sswidrigailoff, nahm sich zusammen und führte ihn in ein

dumpfes, enges Zimmer, das am Ende des Korridors an einer Ecke unter der

Treppe lag. »Es ist kein anderes da, alle Zimmer sind besetzt.« Der Kerl

blickte ihn fragend an.

»Gibt es Tee?« fragte Sswidrigailoff.

»Kann besorgt werden.«

»Was gibt es noch?«

»Kalbfleisch, Schnaps, Aufschnitt.«

»Bring mir Kalbfleisch und Tee.«

»Sonst keine Wünsche?« fragte der Kerl erstaunt.

»Nichts mehr.«

Der Kerl verschwand, ganz verwundert.

»Das muß ein guter Ort sein,« dachte Sswidrigailoff, »wie kam mir das

nicht in den Sinn. Ich habe wahrscheinlich auch das Aussehen eines

Menschen, der irgendwo aus einem Café chantant kommt und auf dem Wege

schon etwas erlebt hat. Es wäre interessant, zu erfahren, wer hier alles

absteigt und übernachtet.«

Er zündete ein Licht an und besah sich das Zimmer genauer. Es war eine

ganz kleine Kammer, so niedrig, daß Sswidrigailoff beinahe an die Decke

stieß, mit einem Fenster; ein sehr schmutziges Bett, ein einfacher,

gestrichener Tisch und ein Stuhl nahmen fast den ganzen Raum ein. Die

Wände hatten das Aussehen, als wären sie aus Brettern zusammengeschlagen

und mit alten abgerissenen Tapeten beklebt worden, die so staubig und

beschmutzt waren, daß man ihre Farbe, ursprünglich gelb, erraten mußte,

das Muster aber nicht mehr unterscheiden konnte. Der eine Teil der Wand

und der Decke war schräg abgeschnitten, wie man es gewöhnlich in

Mansarden sieht, hier aber war es wegen der Treppe. Sswidrigailoff

stellte das Licht auf den Tisch, setzte sich auf das Bett und versank in

Gedanken. Aber ein eigentümliches und ununterbrochenes Flüstern im

Nebenzimmer, das zuweilen fast in ein Schreien überging, lenkte seine

Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Flüstern hatte seit dem Augenblicke, als

er im Zimmer eingetreten war, nicht aufgehört. Er begann zu lauschen, --

jemand schimpfte und machte einem anderen fast weinend Vorwürfe, man

hörte nur eine Stimme; Sswidrigailoff stand auf, verdeckte mit der einen

Hand das Licht und an der Wand zeigte sich sofort eine Ritze; er trat

drauf zu und begann hindurchzusehen. In dem Zimmer, das ein wenig größer

war, als das seine, befanden sich zwei Menschen. Einer von ihnen ohne

Rock, mit einem lockigen Kopfe und rotem erregten Gesichte, stand in

Rednerpose; er hatte die Beine auseinandergespreizt, um das

Gleichgewicht zu bewahren, schlug sich vor die Brust und warf dem

anderen pathetisch vor, daß er ein Bettler sei und daß er nicht mal

einen Rang habe, daß er ihn aus dem Schmutz herausgezogen habe, und daß

er ihn, wenn er wolle, fortjagen könne und dies alles sehe der Finger

Gottes allein. Der angeschnauzte Genosse saß auf einem Stuhl und hatte

das Aussehen eines Menschen, der sehr gern niesen möchte, aber es

absolut nicht fertig brachte. Er sah zuweilen mit einem trüben

Schafsblicke den Redenden an, aber augenscheinlich hatte er keinen

Begriff davon, worüber jener sprach und höchstwahrscheinlich hörte er es

nicht einmal. Auf dem Tische brannte der Rest eines Lichtes, und eine

fast leere Karaffe Branntwein mit Gläsern, Brot, Gurken und ein

Teegeschirr standen darauf. Nachdem Sswidrigailoff dieses Bild

aufmerksam betrachtet hatte, verließ er teilnahmslos die Ritze in der

Wand und setzte sich wieder auf das Bett hin.

Der Kerl, der mit Kalbfleisch und Tee gekommen war, konnte sich nicht

enthalten, noch einmal zu fragen, ob nichts weiter gewünscht würde, und

nachdem er wieder eine verneinende Antwort erhalten hatte, ging er

endgültig aus dem Zimmer. Sswidrigailoff stürzte sich über den Tee, um

sich zu erwärmen, und leerte ein Glas, essen konnte er nichts, da er den

Appetit völlig verloren hatte. Er begann sichtlich zu fiebern. Er nahm

seinen Mantel und Jacke ab, hüllte sich in die Decke ein und legte sich

auf das Bett. Er ärgerte sich, -- »es wäre diesmal doch besser, gesund

zu sein,« dachte er und lächelte bitter. Es war im Zimmer dumpf, das

Licht brannte trübe, draußen heulte der Wind, irgendwo in einer Ecke

nagte eine Maus, im ganzen Zimmer überhaupt roch es nach Mäusen und nach

Leder. Er lag und träumte, -- ein Gedanke löste den anderen ab. Es

schien, als wolle er seiner Phantasie eine bestimmte Richtung geben.

»Hinter dem Fenster muß ein Garten sein,« -- dachte er, -- »Bäume

rauschen; was ich in der Nacht nicht liebe, im Sturme und in der

Dunkelheit bringt das Rauschen der Bäume ein unangenehmes Gefühl

hervor!« Und er erinnerte sich, wie er vorhin im Vorbeigehen mit

Widerwillen an den Petrowski-Park gedacht hatte. Dann tauchte in seiner

Erinnerung auch die K.sche Brücke und die Kleine Newa auf, und wieder

überrieselte es ihn kalt, wie vorhin, als er über das Wasser geneigt

stand.

»Ich habe niemals im Leben das Wasser, nicht mal auf Bildern, geliebt,«

dachte er und lächelte über einen sonderbaren Gedanken. »Jetzt müßte mir

doch diese ganze Ästhetik und der Komfort gleichgültig sein, aber nein,

jetzt gerade werde ich wählerisch, wie ein Tier, das sich seine Stelle

... in ähnlichem Falle aussucht. Ich sollte vorhin in den Petrowski-Park

einbiegen! Ist mir aber zu dunkel, zu kalt erschienen, he! he! Als

suchte ich angenehme Gefühle dabei! ... Ja, warum lösche ich das Licht

nicht aus?« Und er löschte das Licht. »Meine Nachbarn haben sich auch

schlafen gelegt,« dachte er, als er keinen Schein mehr durch die Ritze

sah. -- »Nun, Marfa Petrowna, jetzt wäre es Zeit für Sie, zu erscheinen,

-- es ist dunkel, der Ort sehr passend und ein origineller Augenblick.

Jetzt werden Sie sicher nicht kommen ...«

Es kam ihm auch in den Sinn, daß er vorhin, eine Stunde bevor Dunja in

seiner Wohnung war, Raskolnikoff empfohlen hatte, sie der Obhut

Rasumichins anzuvertrauen. »Ich habe es damals wirklich mehr gesagt, um

mich selbst zu reizen, was Raskolnikoff auch erraten hat. Dieser

Raskolnikoff ist ein feiner Kopf. Er hat vieles durchgemacht und kann

mit der Zeit etwas Großes werden, wenn der Unsinn in ihm vergangen sein

wird, jetzt aber hat er noch ein _zu großes_ Verlangen zu leben. In

diesem Punkte sind alle diese Leute -- Feiglinge. Nun, mag ihn der

Teufel holen, mag er tun, was er will, was geht es mich an.«

Er konnte immer noch nicht einschlafen. Allmählich begann vor ihm das

Bild von Dunetschka aufzutauchen, wie sie vorhin aussah, und ein Zittern

fuhr durch seinen Körper. -- »Nein, das muß man jetzt schon lassen,«

dachte er zu sich kommend, »ich muß an etwas anderes denken. Es ist

sonderbar und lächerlich, -- ich habe niemals jemand stark gehaßt, habe

auch niemals besonders gewünscht, an jemand Rache zu nehmen, das ist

doch ein schlimmes Zeichen, ein schlimmes Zeichen! Habe auch nicht

geliebt, mich herumzustreiten und war nie heftig gewesen, -- ist auch

ein schlechtes Zeichen! Und was habe ich ihr vorhin versprochen, --

pfui, Teufel! Sie hätte aus mir doch etwas machen können! ...«

Er verstummte wieder und preßte die Zähne aufeinander, -- wieder

erschien ihm Dunetschkas Bild, wie sie nach dem ersten Schuß erschrocken

war, den Revolver sinken ließ und leichenblaß ihn ansah, so daß er sie

zweimal hätte greifen können, ohne daß sie die Hand zur Gegenwehr hätte

erheben können, wenn er selbst sie nicht daran erinnert hätte. Er

erinnerte sich, wie sie ihm in diesem Augenblicke so leid tat, und wie

sich sein Herz zusammengeschnürt hatte ... »Ah! Zum Teufel! Wieder diese

Gedanken, man muß sie alle fallen lassen, ja, fallen lassen!«

Er verfiel wieder in Schlaf, -- das fieberhafte Zittern ließ nach; da

schien etwas unter der Decke über seine Hand und seinen Fuß zu laufen.

Er zuckte zusammen, -- »pfui, Teufel, das ist ja eine Maus!« dachte er,

»ich habe das Fleisch auf dem Tische stehen gelassen ...« Er wollte

nicht die Decke abwerfen, aufstehen und frieren, da stach ihn schon

wieder etwas am Fuße; er riß die Decke von sich und zündete das Licht

an. Zitternd vor fieberhafter Kälte, bückte er sich, um im Bette

nachzusuchen, -- es war nichts da; er schüttelte die Decke und plötzlich

sprang eine Maus auf das Bettlaken. Er wollte sie fangen; die Maus aber

sprang vom Bette nicht herunter, sondern lief im Zickzack nach allen

Seiten hin, glitt ihm durch die Finger, lief über seine Hand und

verschwand plötzlich unter dem Kissen; er warf das Kissen herunter und

fühlte sogleich, wie sie ihm unter das Hemd sprang und auf seinem Rücken

herumkrabbelte. Er erbebte nervös und erwachte. Im Zimmer war es dunkel,

er lag wie vorhin in der Decke eingewickelt auf dem Bette, hinter dem

Fenster heulte der Wind. »Wie schaurig!« dachte er ärgerlich. Er stand

auf und setzte sich mit dem Rücken gegen das Fenster auf das Bett.

»Lieber schlafe ich gar nicht,« beschloß er. Vom Fenster kam Kälte und

Feuchtigkeit herein; ohne aufzustehen zog er die Decke über sich und

hüllte sich ein. Das Licht steckte er nicht an. Er dachte an nichts und

wollte auch an nichts denken; doch ein Phantasiegebilde nach dem andern

stand vor ihm auf, abgerissene Gedanken ohne Anfang und Ende und ohne

Zusammenhang schwebten ihm vor. Er verfiel in einen Halbschlummer. War

es die Kälte oder die Dunkelheit, war es die Feuchtigkeit oder der Wind,

der hinter dem Fenster heulte und die Bäume rüttelte, -- die in ihm eine

hartnäckige phantastische Neigung und den Wunsch nach Blumen

hervorriefen, -- mit Blumen beschäftigte sich seine Phantasie

ausschließlich. Ihm schwebte ein reizendes Bild vor, -- ein lichter,

warmer, beinahe heißer Tag, ein Festtag, ein Pfingsttag; ein reiches

prachtvolles Landhaus, im englischen Geschmack, bewachsen mit duftenden

Blumen, und umgeben von Blumenbeeten, die um das Haus sich herumzogen,

eine Treppe, umrankt von Schlingpflanzen und umringt von Rosenbüschen;

eine lichte kühle Treppe, bedeckt mit einem prächtigen Teppich und

ringsum geziert mit seltenen Blumen in chinesischen Vasen. Er hatte auf

den Fenstern Sträuße von weißen und zarten Narzissen in Glasvasen,

gefüllt mit Wasser, bemerkt, die auf ihren hellgrünen, dicken und langen

Stengeln starken aromatischen Duft verbreiteten. Er wollte sich gar

nicht mehr von ihnen trennen, endlich stieg er aber doch die Treppe

hinauf und trat in einen großen hohen Saal, und wieder standen hier

überall auf den Fenstern, an der geöffneten Türe nach der Terrasse, auf

der Terrasse selbst, Blumen über Blumen. Die Diele war mit frisch

gemähtem, duftendem Heu bestreut, die Fenster waren geöffnet, eine

frische leichte kühle Luft drang in das Zimmer, Vögel zwitscherten unter

den Fenstern, und mitten im Saale auf einem mit weißem Atlas bezogenen

Tische stand ein Sarg. Dieser Sarg war mit weißem Taft ausgeschlagen und

mit weißen dichten Rüschen benäht. Girlanden aus Blumen umrankten ihn

auf allen Seiten. Ganz in Blumen gebettet lag ein kleines Mädchen in

weißem Tüllkleide; ihre wie aus Marmor gemeißelten Hände waren gefaltet

und an die Brust gepreßt. Ihr aufgelöstes Haar, ein helles Blondhaar,

war naß; ein Kranz aus Rosen umgab ihren Kopf. Das strenge und schon

erstarrte Profil ihres Gesichts war auch wie aus Marmor gemeißelt, in

dem Lächeln auf ihren blassen Lippen lag ein nicht kindliches

grenzenloses Weh, eine stille, herzzerreißende Klage. Sswidrigailoff

kannte dieses Mädchen; weder ein Gottesbild noch brennende Kerzen

standen an diesem Sarge und man vernahm keine Gebete. Das kleine Mädchen

war eine Selbstmörderin, -- sie hatte sich ertränkt. Sie war erst

vierzehn Jahre alt und hatte schon ein gebrochenes Herz, sie war

zugrunde gerichtet durch eine schändliche Tat, die dieses junge

kindliche Bewußtsein mit Entsetzen erfüllt und überfallen, die ihre

engelreine Seele mit unverdienter Schmach bedeckt hatte, und die ihr

einen letzten Schrei der Verzweiflung entriß, der nicht erhört, sondern

mit kaltem Herzen und harter Hand in einer dunklen Nacht, in tiefer

Finsternis, in Kälte, in feuchtem Tauwetter unterdrückt wurde, als der

Wind heulte.

Sswidrigailoff kam zu sich, stand auf und trat an das Fenster. Er fand

tastend den Riegel und öffnete es. Der Wind stürmte mit aller Kraft in

sein enges Zimmer hinein und bedeckte mit einem Frosthauch sein Gesicht

und die nur mit dem Hemde bedeckte Brust. Hinter dem Fenster war

wirklich ein Garten und zwar ein Vergnügungsetablissement; am Tage

traten wohl hier Sänger auf und es wurde an Tischen Tee serviert. Jetzt

flogen Regentropfen von den Bäumen und Sträuchern zum Fenster herein,

und es war eine Dunkelheit wie in einem Keller, so daß man kaum einige

dunkle Flecken, die Gegenstände vorstellten, unterscheiden konnte.

Sswidrigailoff hatte die Ellenbogen auf das Fensterbrett gestützt und

sich hinausgebeugt, und blickte nun schon fünf Minuten, ohne sich

losreißen zu können, in diese Finsternis. Da ertönte in die Nacht hinein

ein Kanonenschuß, ihm folgte ein zweiter. »Ah, das Signal! Das Wasser

steigt!« dachte er. -- »Gegen Morgen wird das Wasser die Straßen

überfluten und die Kellerwohnungen und die Gewölbe überschwemmen, die

Kellerratten werden aus ihren Schlupfwinkeln hervorschwimmen und die

Menschen werden in Wind und Regen, durchnäßt und schimpfend, ihren Kram

in die oberen Stockwerke schleppen ... Um welche Zeit ist es nun?« --

Und kaum hatte er so gedacht, als aus der Nähe, tickend und wie sich

mächtig beeilend, eine Wanduhr drei Uhr schlug. -- »Aha, nach einer

Stunde wird es schon hell werden! Warum soll ich länger warten? Ich will

lieber sofort hier fort und direkt in den Petrowski-Park gehen; dort

will ich mir ein großes Gebüsch aussuchen, mit Regentropfen so benetzt,

daß, wenn man nur mit einer Schulter drankommt, Millionen von Tropfen

den ganzen Kopf mir überströmen werden ...« Er trat vom Fenster zurück,

schloß es, zündete das Licht an, zog seine Weste und den Mantel an,

setzte den Hut auf und ging mit dem Lichte auf den Korridor hinaus, um

in einer Kammer zwischen allerhand Kram und Lichtstumpfen den

schlafenden Kerl aufzusuchen, ihm das Zimmer zu bezahlen und dann das

Gasthaus zu verlassen. -- »Es ist der beste Augenblick, man könnte ihn

nicht besser wählen!«

Er ging lange in dem schmalen und langen Korridor herum, ohne jemand zu

finden und wollte schon laut rufen, als er plötzlich in einer dunklen

Ecke, zwischen einem alten Schrank und einer Türe, einen sonderbaren

Gegenstand, anscheinend etwas Lebendes, erblickte. Er beugte sich mit

dem Lichte darüber und sah ein Kind, -- ein kleines Kind, -- ein kleines

Mädchen, nicht älter als fünf Jahre, in einem völlig durchnäßten

Kleidchen, zitternd und weinend, daliegen. Sie schien vor Sswidrigailoff

keine Furcht zu haben, blickte ihn mit ihren großen schwarzen Äuglein

voll stillen Staunens an und schluchzte ab und zu, wie Kinder, die lange

geweint, doch aufhören und sich getröstet haben. Das kleine Gesicht des

Mädchens war bleich und abgemagert; sie war vor Kälte fast erstarrt,

aber -- »wie war sie hierher gekommen? Sie mußte sich hier versteckt und

die ganze Nacht nicht geschlafen haben?« Er begann sie auszufragen. Das

Kind wurde plötzlich lebhaft und stammelte etwas sehr schnell in seiner

kindlichen Sprache. Es kam darin etwas von »Mamachen« und das »Mama

Ruten geben wird,« von einer Tasse, die sie zerschlagen habe, vor. Das

Mädchen sprach ununterbrochen; einiges konnte man aus ihrer ganzen

Erzählung herausfinden, -- daß sie nicht geliebt werde, daß ihre Mutter,

eine ewig betrunkene Köchin, wahrscheinlich im Gartenhause selbst, sie

zumeist prügele und ihr Schrecken eingejagt habe; daß das Mädchen der

Mutter eine Tasse zerschlagen habe und so erschrocken wäre, daß sie seit

gestern Abend weggelaufen sei; wahrscheinlich hatte sie sich lange auf

dem Hofe im Regen versteckt, endlich sich ins Haus hineingeschlichen,

sich hinter dem Schrank verkrochen und hatte hier in der Ecke, weinend

und in Nässe, Dunkelheit und Angst davor zitternd, daß man sie tüchtig

verprügeln würde, die ganze Nacht gesessen. Sswidrigailoff nahm sie auf

die Arme, ging in sein Zimmer, setzte sie auf das Bett hin und begann

sie auszukleiden. Ihre zerlöcherten Stiefel auf die nackten Füße

angezogen, waren so feucht, als hätten sie die ganze Nacht in einer

Pfütze gelegen. Nachdem er sie entkleidet hatte, legte er sie ins Bett,

bedeckte und hüllte sie ganz bis zum Kopfe in die Decke. Sie schlief

sofort ein. Nachdem er damit fertig war, versank er wieder in sein

düsteres Nachdenken.

»Was fällt mir auch ein, mich damit abzugeben!« dachte er plötzlich mit

einem schweren und bitteren Gefühl. -- »Was für ein Unsinn!« Voll Ärger

nahm er das Licht, um hinauszugehen und um jeden Preis den Kerl zu

finden und schneller von hier wegzukommen. -- »Ach, so ein Mädel!«

dachte er fluchend und öffnete schon die Türe, als er sich umkehrte, um

noch einmal zu sehen, ob das Mädchen schlafe und wie sie schlafe? Er hob

vorsichtig die Decke auf. Das Mädchen lag im festen und seligen Schlafe.

Sie war unter der Decke warm geworden, und das Blut war wieder in ihre

blassen Wangen gestiegen. Aber sonderbar, -- diese Röte war greller und

auffallender, als sonst bei Kindern. »Das ist eine fieberhafte Röte,«

dachte Sswidrigailoff, »das ist die Röte nach Weingenuß, es ist, als

hätte man ihr ein ganzes Glas zu trinken gegeben. Ihre roten Lippen

brennen, scheinen zu flammen, aber was ist das?« Ihm schien es

plötzlich, als ob ihre langen schwarzen Wimpern zuckten und blinzelten,

als ob sie sich erhöben, als ob unter ihnen ein schelmisches, scharfes,

nicht in kindlicher Weise zwinkerndes Auge hervorblickte, als ob das

Mädchen nicht schliefe, sich nur so anstelle. Ja, es war auch so, --

ihre Lippen verziehen sich zu einem Lächeln, die Mundwinkel zucken, es

ist, als ob sie das Lächeln noch zurückhalten wollte. Nun aber hört sie

auf, sich zurückzuhalten, sie lacht schon, sie lacht deutlich; etwas

Freches und Herausforderndes leuchtet in diesem gar nicht kindlichen

Gesichte; das ist das Laster; das ist das Gesicht einer Kokotte, das

freche Gesicht einer verkäuflichen französischen Kokotte. Jetzt öffnen

sich, ohne jede Verstellung, die beiden Augen, -- sie ruhen auf ihm mit

einem feurigen und schamlosen Blick, sie locken ihn, sie lachen ...

Etwas unendlich Widerliches und Beleidigendes lag in diesem Lachen, in

diesen Augen, in diesem ganzen schamlosen Gesichte des Kindes. »Wie!

Eine fünfjährige!« flüsterte Sswidrigailoff mit wahrem Entsetzen. --

»Was ... was ist denn das?« -- Nun wendet sie sich ihm mit dem

brennenden Gesichtchen ganz zu, streckt die Arme aus ... »Ah,

Verfluchte!« rief Sswidrigailoff voll Entsetzen und holte seine Hand zum

Schlage aus ... Aber im selben Augenblick erwachte er.

Er lag im Bette, eingehüllt in die Decke; das Licht war nicht angezündet

und durch das Fenster leuchtete der volle Tag hinein.

»Ein Albdrücken die ganze Nacht!« Er erhob sich zornig und fühlte, daß

er ganz zerschlagen war; seine Knochen schmerzten ihn. Draußen war ein

dichter Nebel und man konnte nichts unterscheiden. Die Uhr ging auf

fünf; er hatte sich verschlafen! Er stand auf und zog seine Jacke und

den Mantel an, die beide noch feucht waren. Er fühlte in der Tasche nach

dem Revolver, zog ihn heraus und setzte die Kapsel zurecht; dann setzte

er sich hin, nahm aus der Tasche ein Notizbuch hervor und schrieb auf

der ersten Seite mit großer Schrift ein paar Zeilen. Er las sie nochmals

durch, stützte sich auf den Tisch und sann nach. Der Revolver und das

Notizbuch lagen neben seinem Ellbogen. Die erwachten Fliegen krochen auf

den Kalbfleischstücken herum, die er nicht angerührt hatte und die auf

dem Tische standen. Er schaute den Fliegen lange zu und versuchte mit

der freien rechten Hand eine zu fangen. Er bemühte sich lange, konnte

sie aber nicht kriegen. Als er sich zuletzt bei dieser interessanten

Beschäftigung ertappte, kam er zu sich, fuhr zusammen, stand auf und

ging entschlossen aus dem Zimmer. Nach einer Minute war er schon auf der

Straße.

Ein weißer dichter Nebel lag über der Stadt. Sswidrigailoff ging die

klebrige schmutzige Straße in der Richtung der Kleinen Newa zu. Ihm

schwebten das über Nacht stark gestiegene Wasser der Kleinen Newa, der

Petrowski-Park, nasse Wege, feuchtes Gras, feuchte Bäume und Sträucher,

und schließlich _jenes_ Gebüsch vor ... Voll Ärger begann er die Häuser

zu betrachten, um an etwas anderes zu denken. Weder einen Menschen, noch

eine Droschke traf er auf dem Wege. Trostlos und schmutzig sahen ihn die

grellgelben hölzernen Häuschen mit den geschlossenen Fensterläden an.

Kälte und Feuchtigkeit durchzogen seinen ganzen Körper und ihn begann zu

frösteln. Zuweilen fiel sein Blick auf die Schilder der Kaufläden und

Gemüsekeller, er las jedes aufmerksam. Der hölzerne Fußsteg war schon zu

Ende. Er ging an einem großen steinernen Hause vorbei. Ein schmutziger

durchfrorener Hund mit eingezogenem Schwanze lief ihm über den Weg. Ein

total betrunkener Mann in einem Uniformmantel lag mit dem Gesichte nach

unten quer über den Fußweg. Er betrachtete ihn und ging weiter. Ein

hoher Feuerwehrturm zeigte sich linker Hand. -- »Bah!« dachte er, »das

ist die beste Stelle, wozu der Petrowski-Park? Es geschieht wenigstens

in Gegenwart eines offiziellen Zeugen ...« Er lächelte bei diesem neuen

Gedanken und bog in die N.sche Straße ein. Hier stand ein großes Haus

mit dem Turm. An dem mächtigen verschlossenen Tore des Hauses stand mit

der Schulter daran gelehnt ein kleines Menschenkind in einen grauen

Soldatenmantel eingehüllt und mit einem glänzenden Helm. Es schielte mit

schlaftrunkenem Blick den herantretenden Sswidrigailoff an. Auf seinem

Gesichte sah man den ewigen verdrießlichen Kummer, der sich ausnahmslos

auf allen Gesichtern des jüdischen Volkes eingeprägt hat. Beide,

Sswidrigailoff und der Soldat, betrachteten einander schweigend eine

Weile. Dem Soldaten erschien es schließlich nicht in der Ordnung zu

sein, daß ein Mann nicht betrunken drei Schritte vor ihm stehen blieb,

ihn unverwandt anblickte und nichts sagte.

»Was wollen Sie denn hier?« sagte er, ohne sich zu rühren und seine

Stellung zu verändern.

»Ja, nichts, Bruder, guten Tag!« antwortete Sswidrigailoff.

»Hier ist kein Platz, stehen zu bleiben.«

»Ich reise, Bruder, ins Ausland.«

»Ins Ausland?«

»Nach Amerika.«

»Nach Amerika?«

Sswidrigailoff zog den Revolver heraus und spannte den Hahn. Der Soldat

zog die Augenbrauen nach oben.

»Was, solche Scherze sind hier nicht am Platze!«

»Warum denn nicht?«

»Weil das kein Ort dazu ist.«

»Nun, Bruder, das ist einerlei. Der Ort ist gut; wenn man dich fragen

wird, antworte bloß, daß ich nach Amerika gereist bin.«

Er legte den Revolver an seine rechte Schläfe an.

»Man darf das nicht, hier ist nicht der Ort!« sagte der Soldat, und

seine Augen erweiterten sich immer mehr.

Sswidrigailoff drückte den Hahn ab.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 58 / 66 题