»Sie wissen vielleicht, -- ich habe es Ihnen übrigens selbst erzählt,«
begann Sswidrigailoff, »daß ich hier im Schuldgefängnis wegen ungeheurer
Schulden saß, ohne die geringste Aussicht, sie zu tilgen. Es lohnt sich
nicht, die Einzelheiten zu erwähnen, wie mich damals Marfa Petrowna
loskaufte; wissen Sie, bis zu welcher Bewußtlosigkeit eine Frau sich
zuweilen verlieben kann? Sie war eine ehrliche, ziemlich kluge, obwohl
vollkommen ungebildete Frau. Stellen Sie sich vor, daß diese
eifersüchtige und ehrliche Frau nach vielen schrecklichen Wutausbrüchen
und Vorwürfen sich entschlossen hatte, mit mir sozusagen einen Vertrag
abzumachen, den sie während unserer Verheiratung erfüllte. Die Sache war
die, daß sie bedeutend älter war als ich, und außerdem ständig eine
Gewürznelke im Munde hatte. Ich hatte in meiner Seele trotz aller
Gemeinheit so viel Ehrlichkeit, ihr offen zu erklären, daß ich ihr
vollkommene Treue nicht halten könne. Dieses Geständnis versetzte sie in
Wut, aber meine grobe Offenheit schien ihr in gewisser Weise gefallen zu
haben. >Er will also selbst nicht betrügen,< dachte sie, >wenn er im
voraus es in dieser Weise erklärt,< -- nun, und für eine eifersüchtige
Frau ist es das wichtigste. Nach vielen Tränen kam zwischen uns
folgender mündlicher Vertrag zustande, -- erster Punkt, ich werde Marfa
Petrowna nie verlassen und stets ihr Mann bleiben; zweitens, ohne ihre
Erlaubnis werde ich nirgendwohin verreisen; drittens, eine ständige
Geliebte werde ich mir nie anschaffen; viertens, dagegen gestattet mir
Marfa Petrowna, mir zuweilen eine von den Stubenmädchen auszusuchen,
jedoch nicht anders, als mit ihrem geheimen Wissen; fünftens, Gott soll
mich behüten, daß ich mich in eine Frau aus unserem Stande verliebe;
sechstens, falls aber, was Gott verhüte, mich irgend eine große und
ernste Leidenschaft heimsuchen sollte, muß ich mich Marfa Petrowna
anvertrauen. In Bezug auf den letzten Punkt war Marfa Petrowna übrigens
die ganze Zeit ziemlich ruhig; sie war eine kluge Frau, und folglich
konnte sie mich nicht anders, als für einen liederlichen und
lasterhaften Menschen, betrachten, der nicht imstande ist, sich
ernstlich zu verlieben. Aber eine kluge Frau und eine eifersüchtige Frau
sind zwei verschiedene Dinge, und das ist ein Unglück. Übrigens, um
unparteiisch über einige Menschen urteilen zu können, muß man sich
vorher von manchen voreingenommenen Ansichten und von der alltäglichen
Gewöhnung an die uns umgebenden Menschen und Gegenstände lossagen. Ich
habe ein Recht, auf Ihr Urteil mehr, als von jemanden anderen, zu
hoffen. Vielleicht haben Sie schon sehr viel lächerliches und unsinniges
über Marfa Petrowna gehört. In der Tat, sie hatte manche lächerliche
Angewohnheit, aber ich will Ihnen offen sagen, daß ich die zahllosen
Bekümmernisse, die ich ihr verursacht habe, aufrichtig bedauere. Das
scheint für einen sehr anständigen _Oraison funèbre_{[17]} der
zärtlichsten Frau von dem zärtlichsten Manne zu genügen. Bei unseren
Streitigkeiten schwieg ich meistenteils und war nicht gereizt, und
dieses gentlemanlike Benehmen erreichte fast stets das Ziel; es wirkte
auf sie und gefiel ihr sogar; es gab auch Fälle, wo sie sogar auf mich
stolz war. Aber Ihr Fräulein Schwester hat sie trotzdem nicht ertragen.
Und wie war es möglich, daß sie riskiert hatte, solch eine Schönheit in
ihr Haus als Gouvernante zu nehmen! Ich erkläre es mir dadurch, daß
Marfa Petrowna eine feurige und empfängliche Frau war, und daß sie sich
ganz einfach selbst in Ihre Schwester verliebt, -- buchstäblich verliebt
hatte. Nun, und Awdotja Romanowna hat selbst den ersten Schritt getan,
-- ob Sie mir glauben oder nicht? Können Sie sich denken, daß Marfa
Petrowna sogar zuerst auf mich wegen meines ständigen Schweigens über
Ihre Schwester böse wurde, weil ich mich gegen ihre ewigen und
verliebten Lobsprüche auf Awdotja Romanowna gleichgültig verhielt? Ich
begreife selbst nicht, was sie eigentlich wollte! Und selbstverständlich
erzählte Marfa Petrowna alles, meine ganze Vergangenheit Awdotja
Romanowna. Sie hatte die unglückliche Eigenschaft, allen unsere ganzen
Familiengeheimnisse zu erzählen und vor allen ständig über mich zu
klagen; wie sollte sie da solch eine neue und schöne Freundin damit
verschonen? Ich nehme selbst an, daß zwischen ihnen kein anderes
Gespräch geführt wurde, als über mich, und zweifellos bekam Awdotja
Romanowna alle diese finsteren geheimnisvollen Märchen zu hören, die
über mich im Umlauf sind ... Ich wette, daß Sie auch irgend etwas
derartiges schon gehört haben.«
»Ich habe etwas gehört. Luschin beschuldigte Sie, daß Sie sogar die
Ursache des Todes eines Kindes waren. Ist es wahr?«
»Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie mich mit allen diesen
Abgeschmacktheiten in Ruhe,« sagte Sswidrigailoff mit Abscheu und Ekel,
»wenn Sie unbedingt wünschen, über diesen ganzen Unsinn näheres zu
erfahren, will ich es Ihnen einmal erzählen, jetzt aber ...«
»Man sprach auch von einem Diener auf Ihrem Gute und daß Sie angeblich
auch die Ursache ...«
»Tun Sie mir den Gefallen, genug davon!« unterbrach ihn Sswidrigailoff
von neuem mit sichtbarer Ungeduld.
»Ist das nicht derselbe Diener, der Ihnen nach seinem Tode die Pfeife
stopfen wollte ... Sie haben mir noch selbst davon erzählt?« fuhr
Raskolnikoff immer gereizter fort.
Sswidrigailoff blickte Raskolnikoff aufmerksam an, und jenem schien es,
daß in diesem Blicke, gleich einem Blitze, ein boshaftes Lächeln
aufzuckte, Sswidrigailoff aber bemeisterte sich und antwortete sehr
höflich:
»Es ist derselbe. Ich sehe, daß auch dies alles Sie außerordentlich
interessiert, und werde es für meine Pflicht halten, bei der ersten
besten Gelegenheit Ihre Neugier in allen Punkten zu befriedigen. Zum
Teufel! Ich sehe, daß ich tatsächlich jemand als eine romantische Person
erscheinen kann. Beurteilen Sie selbst, wie dankbar ich der verstorbenen
Marfa Petrowna sein muß, daß sie Ihrem Fräulein Schwester so viel
Geheimnisvolles und Interessantes über mich erzählt hatte. Ich nehme mir
nicht die Freiheit, über den Eindruck zu urteilen, aber in jedem Falle
war es für mich vorteilhaft. Bei dem ganzen natürlichen Widerwillen
Awdotja Romanownas gegen mich und trotz meines ständigen finsteren und
abstoßenden Aussehens -- tat ich ihr endlich leid, tat ihr der verlorene
Mensch leid. Wenn aber dem Herzen eines jungen Mädchens etwas _leid
tut_, ist dies selbstverständlich für sie am gefährlichsten. Da bekommt
man unbedingt Lust >zu retten<, aufzurütteln, zu überzeugen, zu edleren
Zielen zu rufen und zu neuem Leben und neuer Tätigkeit zu erwecken, --
nun, es ist bekannt, was man in dieser Art zusammenträumen kann. Ich
habe sofort gemerkt, daß das Vögelchen selbst ins Netz fliegt, und habe
mich meinerseits vorbereitet. Sie scheinen mir das Gesicht zu verziehen,
Rodion Romanowitsch? Hat nichts auf sich, die Sache hat, wie Sie wissen,
mit Kleinigkeiten geendet. -- Zum Teufel, wie viel Wein ich heute
trinke! -- Wissen Sie, ich bedauerte immer von Anfang an, daß es Ihrer
Schwester nicht vergönnt war, im zweiten oder dritten Jahrhundert
unserer Zeitrechnung irgendwo als Tochter eines kleinen regierenden
Fürsten oder eines Regenten oder eines Prokonsuls in Kleinasien zur Welt
zu kommen. Sie würde zweifellos eine von jenen gewesen sein, die das
Martyrium erduldet haben, und sie hätte sicher gelächelt, wenn man ihr
die Brust mit glühenden Zangen gebrannt hätte. Sie hätte dies
absichtlich auf sich genommen, im vierten oder fünften Jahrhundert aber
würde sie in eine Wüste von Ägypten gegangen sein, hätte dort dreißig
Jahre gelebt und sich von Wurzeln, Verzückung und Erscheinungen genährt.
Sie dürstet bloß und verlangt darnach, irgend eine Marter für jemand auf
sich zu nehmen, wenn man ihr aber diese Marter nicht geben wird, so
springt sie möglicherweise zum Fenster hinaus. Ich habe etwas von einem
Herrn Rasumichin gehört. Man sagt, er sei ein vernünftiger Bursche,
worauf auch sein Familienname deutet, wahrscheinlich aus dem geistlichen
Stande, nun mag er Ihre Schwester hüten. Mit einem Worte, mir scheint
es, ich habe sie verstanden, was ich auch mir als eine Ehre anrechne.
Damals aber, das heißt am Anfang der Bekanntschaft, wie Sie selbst
wissen, ist man immer leichtsinniger und dümmer, sieht vieles im
falschen Lichte, sieht nicht das richtige. Zum Teufel, warum ist sie
auch so schön? Ich habe keine Schuld! Mit einem Worte, es begann bei mir
mit einer sehr starken wollüstigen Neigung. Awdotja Romanowna ist
unbeschreiblich und unerhört keusch. Merken Sie sich, ich teile Ihnen
dieses als eine Tatsache über Ihre Schwester mit. Sie ist vielleicht bis
zur Krankhaftigkeit keusch, trotz ihres ganzen großen Verstandes, und
das wird ihr schaden. Bei uns tauchte ein Mädchen Parascha, die
schwarzäugige Parascha auf, die man soeben von einem anderen Gute zu uns
gebracht hatte, als Stubenmädchen, und die ich vorher nie gesehen hatte,
-- sie war sehr hübsch, aber unglaublich dumm, -- sie weinte, erhob über
den ganzen Hof ein Geheul und es passierte ein Skandal. Eines Tages
suchte Awdotja Romanowna nach dem Essen mich absichtlich allein in einer
Allee im Garten auf und _verlangte_ von mir mit blitzenden Augen, daß
ich die arme Parascha in Ruhe lassen sollte. Das war beinahe unser
erstes Gespräch zu zweien. Ich hielt es selbstverständlich für eine
Ehre, ihrem Wunsche nachzukommen, versuchte mich überrascht, beschämt zu
stellen, nun, mit einem Worte, ich spielte meine Rolle nicht übel. Es
begannen Beziehungen, geheimnisvolle Gespräche, Moralpredigten, Bitten,
Flehen, sogar Tränen, -- können Sie es glauben, sogar Tränen! Sehen Sie,
wie stark und weit bei manchen jungen Mädchen die Leidenschaft
Propaganda machen geht! Ich schob selbstverständlich alles auf mein
Schicksal, stellte mich hin als einen nach Erleuchtung Hungernden und
Dürstenden, und schließlich machte ich von dem größten und
unerschütterlichen Mittel, Frauenherzen zu erobern, Gebrauch, von dem
Mittel, das nie und nimmer trügt und das entschieden auf alle, ohne jede
Ausnahme, wirkt. Es ist ein bekanntes Mittel -- die Schmeichelei. Es
gibt nichts schwereres in der Welt, als offener Freimut, und nichts
leichteres, als Schmeichelei. Wenn im Freimut bloß ein hundertster Teil
des Tones falsch ist, so tritt sofort eine Dissonanz und nach ihr -- ein
Skandal ein. Wenn aber in der Schmeichelei alles, bis zum geringsten
Tone falsch ist, auch dann ist sie angenehm und wird mit Vergnügen
angehört, und wenn auch mit grobem Vergnügen, so doch mit Vergnügen. Und
mag die Schmeichelei noch so derb sein, so wird doch unbedingt
wenigstens die Hälfte als Wahrheit geglaubt. Und das gilt für alle
Entwicklungsstufen und Schichten der Gesellschaft. Sogar eine Vestalin
kann man durch Schmeichelei verführen. Von gewöhnlichen Menschen lohnt
sich nicht mal zu reden. Ich kann mich nicht ohne Lachen daran erinnern,
wie ich einmal eine Dame, die ihrem Manne, ihren Kindern und ihren
Tugenden ergeben war, verführt habe. Wie amüsant es war und wie wenig
Arbeit es mir machte! Die Dame war tatsächlich tugendhaft, wenigstens in
ihrer Art. Meine ganze Taktik bestand darin, daß ich jeden Augenblick
von ihrer Keuschheit einfach erdrückt war und mich davor in den Staub
warf. Ich schmeichelte ihr gottlos und kaum, wenn ich von ihr einen
Händedruck, selbst einen Blick erhaschte, machte ich mir Vorwürfe, daß
ich dies ihr mit Gewalt abgenötigt habe, daß sie sich dem widersetzt,
sich dem so widersetzt habe, daß ich sicher nie etwas von ihr erlangt
hätte, wenn ich selbst nicht so verdorben wäre, daß sie in ihrer
Unschuld meine Arglist nicht vorgesehen habe und unabsichtlich, ohne es
selbst zu wissen und zu ahnen, mir entgegengekommen wäre, und
dergleichen mehr. Mit einem Worte, ich erreichte alles, meine Dame aber
blieb im höchsten Grade davon überzeugt, daß sie unschuldig und keusch
wäre und alle Pflichten und Schuldigkeiten erfüllt habe, daß sie aber
zufällig gefallen war. Und wie böse wurde sie auf mich, als ich ihr zu
guter Letzt erklärte, daß meiner aufrichtigen Überzeugung nach, sie
ebenso, wie ich, einen Genuß gesucht habe. Die arme Marfa Petrowna war
auch schrecklich empfänglich für Schmeichelei, wenn ich nur gewollt
hätte, so hätte sie sicher ihr ganzes Vermögen auf meinen Namen noch bei
ihren Lebzeiten umgeschrieben. -- Jedoch, ich trinke viel Wein und
schwatze. -- Ich hoffe, Sie werden nicht böse werden, wenn ich jetzt
erwähne, daß sich auch bei Awdotja Romanowna dasselbe Resultat zu zeigen
begann. Ich war aber selbst dumm und ungeduldig und habe die ganze Sache
verdorben. Awdotja Romanowna mißfiel furchtbar der Ausdruck meiner
Augen, schon einige Male vorher, -- das eine Mal aber ganz besonders, --
glauben Sie es? Mit einem Worte, in meinen Augen leuchtete immer stärker
und unvorsichtiger ein gewisses Feuer, das sie bange machte und ihr
schließlich verhaßt wurde. Die Einzelheiten lohnen sich nicht zu
erzählen, aber wir kamen auseinander. Da machte ich wieder eine
Dummheit. Ich begann in der gröbsten Weise alle diese Propaganda und
Bekehrungen zu verhöhnen; Parascha erschien wieder auf der Bildfläche,
und nicht allein sie, -- mit einem Worte, es begann ein Sodom. Ach,
Rodion Romanowitsch, wenn Sie nur ein einziges Mal im Leben die Augen
Ihrer Schwester gesehen hätten, wie sie zuweilen zu blitzen verstehen!
Es tut nichts, daß ich jetzt betrunken bin und schon ein ganzes Glas
Wein getrunken habe, ich sage die Wahrheit; ich versichere Sie, daß ich
von diesem Blicke träumte; ich konnte schließlich nicht mehr das
Rauschen ihres Kleides ertragen. Ich dachte in der Tat, daß ich die
Fallsucht bekomme, nie habe ich es mir träumen lassen, daß ich so außer
mir geraten könne. Mit einem Worte, es war notwendig Frieden zu
schließen, aber es war schon unmöglich. Und stellen Sie sich vor, was
ich dann tat? Bis zu welchem Stumpfsinn die rasende Wut einen Menschen
bringen kann! Unternehmen Sie niemals etwas in rasender Wut, Rodion
Romanowitsch. In der Annahme, daß Awdotja Romanowna im Grunde genommen
bettelarm ist -- (ach, entschuldigen Sie, ich wollte nicht das sagen ...
ist es aber nicht einerlei, wenn es nur einen Begriff wiedergibt?) --
mit einem Worte, daß sie von ihrer Hände Arbeit lebt, -- daß sie ihre
Mutter und Sie unterhalten muß -- (ach, zum Teufel, Sie verziehen wieder
Ihr Gesicht ...) -- beschloß ich ihr mein ganzes Geld anzubieten, -- ich
konnte damals etwa dreißigtausend realisieren, -- damit sie mit mir --
nun, meinetwegen, -- hierher nach Petersburg fliehen solle. Es versteht
sich, daß ich ihr dabei ewige Liebe, Seligkeit und dergleichen mehr
geschworen habe. Können Sie mir glauben, daß ich damals so von ihr
benommen war, daß, hätte sie zu mir gesagt, -- ermorde oder vergifte
Marfa Petrowna und heirate mich, -- ich es sofort getan hätte! Alles
aber endete mit der Ihnen schon bekannten Katastrophe, und Sie können
sich selbst ausmalen, in was für eine Wut ich geriet, als ich erfuhr,
daß Marfa Petrowna damals diese gemeine Schreiberseele Luschin
aufgegabelt und beinahe die Heirat zustande gebracht hatte, -- was im
Grunde genommen dasselbe gewesen wäre, was auch ich anbot. Ist es etwa
nicht so? Ist es nicht dasselbe? Nicht wahr, es ist dasselbe? Ich merke,
daß Sie mir zu aufmerksam zuhören ... interessierter junger Mann ...«
Sswidrigailoff schlug voll Ungeduld mit der Faust auf den Tisch. Er war
rot geworden. Raskolnikoff sah deutlich, daß das eine oder die
anderthalb Glas Champagner, den er unmerklich in kleinen Schlucken
getrunken hatte, krankhaft auf ihn gewirkt hatten, -- und beschloß diese
Gelegenheit wahrzunehmen. Sswidrigailoff erschien ihm sehr verdächtig.
»Nach all dem Gesagten bin ich völlig überzeugt, daß Sie auch hierher
gereist sind, weil Sie meine Schwester im Auge haben,« sagte er zu
Sswidrigailoff offen und ohne sich zu verstellen, um ihn nur noch mehr
zu reizen.
»Ach, lassen Sie es,« Sswidrigailoff schien sich plötzlich
zusammenzunehmen, »ich habe Ihnen schon gesagt ... und außerdem kann
Ihre Schwester mich gar nicht leiden.«
»Ja, davon bin ich auch überzeugt, daß sie es nicht kann, aber es
handelt sich jetzt nicht darum.«
»Sind Sie wirklich überzeugt, daß sie mich nicht leiden kann?«
Sswidrigailoff kniff die Augen zusammen und lächelte spöttisch. -- »Sie
haben recht, sie liebt mich nicht, aber übernehmen Sie nie eine
Gewährleistung in Dingen, die zwischen einem Manne und einer Frau oder
zwischen einem Liebhaber und seiner Geliebten vorgefallen sind. Es gibt
hier stets einen Winkel, der immer der ganzen Welt verborgen bleibt, und
der nur den beiden bekannt ist. Übernehmen Sie die Gewährleistung, daß
Awdotja Romanowna mich stets mit Widerwillen angeschaut hat?«
»Ich merke aus einigen Ihrer Worte und Andeutungen während Ihrer
Erzählung, daß Sie auch jetzt noch unbedingt Absichten gegen Dunja
haben, und selbstverständlich gemeiner Natur.«
»Wie! Mir sollten solche Worte und Andeutungen entschlüpft sein?« sagte
erschreckt Sswidrigailoff und in der naivsten Weise, ohne dem Epitheton,
der seinen Absichten beigelegt worden war, die geringste Beachtung zu
schenken.
»Auch jetzt entschlüpften sie Ihnen. Warum fürchten Sie sich so? Worüber
erschraken Sie jetzt plötzlich?«
»Ich soll mich fürchten und erschrocken sein? Soll ich etwa vor Ihnen
erschrocken sein? Eher haben Sie Grund, mich zu fürchten, _cher
ami_{[18]}. Ach, was für Unsinn ... Ich bin berauscht, ich sehe es;
beinahe hätte ich mich wieder versprochen. Der Teufel soll den Wein
holen! Heda, Wasser!«
Er packte die Flasche und schleuderte sie ohne viel Federlesens zum
Fenster hinaus. Philipp brachte ihm Wasser.
»Dies alles ist Unsinn,« sagte Sswidrigailoff, indem er ein Handtuch
anfeuchtete und es an den Kopf hielt, -- »ich kann Sie aber mit einem
einzigen Worte zurückweisen und Ihren ganzen Verdacht zunichte machen.
Wissen Sie zum Beispiel, daß ich heirate?«
»Sie haben es mir schon erzählt!«
»Habe ich es? Das hatte ich vergessen. Damals aber konnte ich es noch
nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ich hatte die Braut gar nicht
gesehen; ich hatte bloß die Absicht. Jetzt aber habe ich schon eine
Braut und die Sache ist beschlossen, und wenn ich bloß nicht etwas
Unaufschiebbares zu tun hätte, würde ich Sie unbedingt und sofort zu
einem Besuche dort mitnehmen, -- denn ich möchte Sie um Rat fragen. Ach,
zum Teufel! Ich habe bloß zehn Minuten übrig. Sie sehen selbst nach der
Uhr; ich will es Ihnen übrigens erzählen, denn meine Heirat ist auch
eine interessante Sache, in ihrer Art, versteht sich, -- wohin wollen
Sie? Wollen Sie wieder fortgehen?«
»Nein, jetzt gehe ich schon nicht mehr fort.«
»Sie wollen gar nicht fortgehen? Nun, wir wollen es sehen! Ich werde Sie
mitnehmen und Ihnen die Braut zeigen, das ist wahr, aber bloß nicht
jetzt; es ist bald Zeit für Sie zu gehen. Sie gehen nach rechts und ich
nach links. Kennen Sie diese Rößlich? Ich meine, dieselbe Rößlich, bei
der ich jetzt wohne, -- ah? Hören Sie? Nein, denken Sie sich, ich meine
dieselbe, von der man erzählt, daß das kleine Mädchen damals im Winter
... Nun, hören Sie! Hören Sie? Sie ist es auch, die mir diese Geschichte
arrangiert hat; du langweilst dich, -- sagte sie, -- zerstreue dich ein
wenig. Ich bin aber ein finsterer, langweiliger Mensch. Sie meinen, ich
sei fröhlich? Nein, ich bin finster, -- ich füge niemandem Schaden zu,
sitze in der Ecke, und zuweilen kann man mich drei Tage nicht zum Reden
bringen. Die Rößlich ist eine Spitzbübin, sage ich Ihnen; sie hat dabei
folgendes im Sinn, -- mir wird es überdrüssig werden, ich werde meine
Frau verlassen und fortreisen, meine Frau wird dann ihr zufallen, und
sie wird sie in unseren Kreisen und höher hinauf in Umsatz bringen. Sie
sagte mir, -- es gibt solch einen gelähmten Vater, einen verabschiedeten
Beamten, der im Sessel sitzt und das dritte Jahr die Beine nicht rühren
kann; auch eine Mutter ist da, eine sehr vernünftige Dame; der Sohn
dient irgendwo in der Provinz, hilft ihr aber nicht; die eine Tochter
ist verheiratet, sucht aber die Eltern nicht mehr auf; die Eltern haben
für zwei kleine Neffen zu sorgen -- da sie an ihren eigenen Sorgen nicht
genug hatten, -- und haben ihre letzte Tochter, ohne daß sie den Kursus
absolviert hat, aus der Schule genommen; sie werde nach einem Monat erst
sechzehn Jahre alt, also könnte man sie auch nach einem Monat
verheiraten. Ich sollte sie also heiraten. Wir fuhren hin; wie bei ihnen
alles lächerlich zuging; ich stellte mich vor, -- Gutsbesitzer, Witwer,
aus bekannter Familie, mit den und den Verbindungen, vermögend, -- nun,
was ist dabei, daß ich fünfzig Jahre alt bin und jene nicht mal
sechzehn? Wer achtet darauf? Nun, es ist doch verlockend, ah? Nicht
wahr, es ist verlockend, ha! ha! ha! Sie sollten mich gesehen haben, wie
ich mich mit dem Papa und der Mama unterhalten habe! Man müßte etwas
dafür bezahlen, um mich nur damals gesehen zu haben. Sie kommt endlich,
macht einen Knicks, nun, können Sie sich vorstellen, sie war noch in
kurzem Kleidchen, eine noch unaufgebrochene Knospe, sie errötete,
flammte wie die Morgenröte auf -- man hat ihr selbstverständlich alles
mitgeteilt. Ich weiß nicht, wie Sie sich zu Frauengesichtern stellen,
aber meiner Ansicht nach sind diese sechzehn Jahre, diese noch
kindlichen Augen, diese Verlegenheit und Tränen der Beschämtheit --
besser als jede Schönheit, und sie ist außerdem wie ein Bild. Hellblonde
Haare, in kleinen Locken gekräuselt, volle, rote kleine Lippen, Füßchen
-- mit einem Worte reizend! ... Nun, ich wurde also dort bekannt,
erklärte, daß ich es infolge häuslicher Angelegenheiten eilig habe, und
am anderen Tage, also vorgestern, erhielten wir den Segen. Seit dem
Tage, wenn ich bloß hinkomme, nehme ich sie sofort auf meinen Schoß und
lasse sie nicht herunter ... Nun, sie errötet, ich aber küsse sie alle
Augenblicke; die Mama sagt ihr selbstverständlich, daß ich ihr Mann sei
und daß es sich so gehöre, mit einem Worte, ich habe es dort
ausgezeichnet. Und meine jetzige Lage als Bräutigam ist vielleicht auch
besser, als die eines verheirateten Mannes. Hier ist, was man _la nature
et la vérité_{[19]} nennt! Ha! Ha! Ich habe mich mit ihr ein paarmal
unterhalten, -- das Mädel ist gar nicht dumm; zuweilen blickt sie mich
so verstohlen an, -- daß es mich einfach durchschauert. Wissen Sie, sie
hat ein Gesicht wie die Madonna von Raphael. Die Sixtinische Madonna hat
doch ein phantastisches Gesicht, das Gesicht einer leidenden, im
heiligen Wahne befangenen, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Nun, sie hat
ein Gesicht von dieser Art. Kaum hatte man uns den Segen erteilt, als
ich am anderen Tage ihr für anderthalb Tausend Geschenke mitbrachte, --
einen Brillantenschmuck, ein Perlenhalsband und einen silbernen
Toilettenkasten für Damen -- von dieser Größe, mit allerhand Dingen
darin, so daß ihr Gesichtchen, das Madonnengesichtchen, errötete. Ich
setzte sie gestern auf meinen Schoß hin, habe es aber wahrscheinlich zu
ungeniert getan, -- sie errötete ganz und gar und Tränen kamen zum
Vorschein, sie wollte sich aber nicht verraten und brannte wie im
Fieber. Alle gingen auf einen Augenblick, ich blieb mit ihr ganz allein
zurück, plötzlich fiel sie mir -- zum ersten Male von selbst -- um den
Hals, umarmte mich mit ihren Händchen, küßte mich und schwur, daß sie
mir eine folgsame, treue und gute Frau sein werde, daß sie mich
glücklich machen wolle, daß sie ihr ganzes Leben, jeden Augenblick ihres
Lebens dazu verwenden und alles, alles opfern werde, dafür wünscht sie
bloß _meine Achtung allein_ zu besitzen und weiter, -- sagte sie
>brauche ich nichts, gar nichts, keine Geschenke.< Geben Sie selbst zu,
daß ein derartiges Geständnis unter vier Augen von solch einem
sechzehnjährigen Engel mit jungfräulicher Schamröte und enthusiastischen
Tränen in den Augen anzuhören, -- ziemlich verlockend ist? Nicht wahr,
es ist verlockend? Es ist doch etwas wert, ah? Nicht wahr? Nun ... nun
hören Sie ... fahren wir zu meiner Braut hin ... aber nicht sofort!«
»Mit einem Worte, dieser unerhörte Unterschied im Alter und in der
Entwicklung erregt gerade in Ihnen die Wollust! Und Sie wollen sie
tatsächlich heiraten?«
»Wieso? Ich heirate sie unbedingt. Jeder sorgt für sich selbst, und am
lustigsten von allen lebt der, welcher es am besten von allen versteht,
sich selbst zu betrügen. Ha! ha! Haben Sie sich in die Tugend denn ganz
vernarrt? Erbarmen Sie sich meiner, Väterchen, ich bin ein sündhafter
Mensch. He! he! he!«
»Sie haben doch die Kinder von Katerina Iwanowna untergebracht und
versorgt. Übrigens ... übrigens Sie hatten dazu Ihre Gründe ... ich
begreife jetzt alles.«
»Kinder habe ich überhaupt gern, ich liebe Kinder sehr,« lachte
Sswidrigailoff. -- »In dieser Hinsicht kann ich Ihnen sogar ein sehr
interessantes Erlebnis erzählen, das auch jetzt noch nicht zu Ende ist.
Am ersten Tage nach meiner Ankunft ging ich in all diesen Kloaken herum,
nun -- nach sieben Jahren stürzte ich mich hinein. Sie haben
wahrscheinlich gemerkt, daß ich keine Eile habe, den Verkehr mit den
früheren Freunden und Bekannten aufzunehmen. Und ich will noch möglichst
lange ohne sie auskommen. Wissen Sie, -- bei Marfa Petrowna auf dem
Lande haben mich die Erinnerungen an alle diese geheimnisvollen Orte und
Winkel, in denen einer vieles finden kann, der es kennt, bis zu Tode
gequält. Hol der Teufel! Das Volk säuft, die gebildete Jugend geht vor
Nichtstun in unmöglichen Träumen und Phantasien auf, wird vor lauter
Theorien zum Krüppel; irgendwoher sind Juden herbeigeströmt und sammeln
Geld, alles übrige aber ergibt sich der Unzucht. Von den ersten Stunden
an wehte mich auch von dieser Stadt ein bekannter Geruch an. Ich geriet
zu einem sogenannten Tanzabend, -- in einer entsetzlichen Kloake -- ich
liebe aber gerade die Kloaken mit etwas Schmutz, -- und
selbstverständlich wurde kankaniert, wie man eigentlich nirgends
kankaniert, und wie man es zu meiner Zeit noch nicht tat. Ja, darin ist
Fortschritt. Plötzlich sehe ich ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren,
sehr nett angezogen, wie sie mit einem Subjekt tanzt; ein anderer, als
ihr vis-a-vis. An der Wand auf einem Stuhle sitzt ihre Mutter. Sie
können sich vorstellen, wie kankaniert wurde! Das Mädchen wurde
beschämt, verlegen, errötete, schließlich faßte sie es als Kränkung auf
und begann zu weinen. Das Subjekt erfaßt sie, fängt an sie
herumzuschwenken und vor ihr zu tanzen, ringsum lachen alle und -- ich
habe das Publikum in solchen Augenblicken gern, mag es auch ein
kankanierendes Publikum sein, -- schreien, -- >Geschieht mit Recht! Man
soll keine Kinder hierherbringen!< Nun, ich pfiff darauf und mich ging
es auch nichts an, ob sie sich logisch oder unlogisch, diese Menschen
da, trösteten! Ich hatte mir meinen Plan sofort zurechtgelegt, setzte
mich neben die Mutter hin und begann damit, daß ich auch fremd wäre, daß
hier alle so unerzogen wären, daß sie nicht verstünden, wahre Vorzüge zu
unterscheiden und die gebührende Achtung zu bewahren. Ich gab zu
verstehen, daß ich viel Geld hätte, schlug vor, in meinem Wagen sie nach
Hause zu bringen. Ich geleitete sie nach Hause und wurde mit ihnen
bekannt, sie sind soeben angekommen und leben in einem kleinen
möblierten Zimmer. Man teilte mir mit, daß sie meine Bekanntschaft, wie
sie, so auch die Tochter bloß als eine große Ehre auffassen könnten; ich
erfuhr, daß sie weder Haus noch Hof haben, und daß sie gekommen sind, um
in irgend einer Behörde eine Sache durchzuführen; ich bot ihnen meine
Dienste und Geld an; ich erfuhr auch, daß sie irrtümlicherweise zu
diesem Tanzabend hingefahren sind, in der Annahme, daß man dort
tatsächlich tanzen lehre. Ich bot meinerseits an, zu der Erziehung des
jungen Mädchens beizutragen, sie französischen Unterricht und
Tanzstunden nehmen zu lassen. Man nimmt es mit Begeisterung auf, hält es
für eine Ehre, und ich verkehre bei ihnen noch immer. -- Wollen Sie mit
mir zu ihnen hinfahren? -- Aber nicht gleich.«
»Lassen Sie, lassen Sie Ihre niederträchtigen, gemeinen Anekdoten, Sie
verdorbener, gemeiner, wollüstiger Mensch!«
»Sehen Sie mal den Schiller, unsern Schiller! _Où va-t-elle la vertu se
nicher?_{[20]} Wissen Sie, ich will Ihnen absichtlich solche Dinge
erzählen, um Sie aufschreien zu hören. Es ist ein Genuß!«
»Und ob, bin ich mir denn jetzt nicht selbst lächerlich?« murmelte
Raskolnikoff voll Wut.
Sswidrigailoff lachte aus vollem Halse; schließlich rief er Philipp,
bezahlte seine Rechnung und begann sich fertig zu machen.
»Ich bin jetzt betrunken, _assez causé_!« sagte er, »es ist ein Genuß!«
»Das glaube ich,« rief Raskolnikoff aus, sich auch erhebend, »ist es
denn für einen abgebrühten Wüstling kein Genuß, von solchen Erlebnissen
zu erzählen, -- wobei er sich schon wieder mit unerhörten Absichten von
derselben Art trägt, -- außerdem unter diesen Umständen und vor solch
einem Menschen, wie ich es bin, ... das muß ein Genuß sein ... Es muß
ihn förmlich heiß machen.«
»Und wenn die Sache so ist,« antwortete Sswidrigailoff ein wenig
verwundert und betrachtete Raskolnikoff, »wenn dem so ist, so sind Sie
auch selbst ein großer Zyniker. Sie enthalten wenigstens in sich ein
ungeheures Material dazu. Sie können vieles verstehen, vieles ... und,
Sie können auch vieles tun. Jedoch, genug darüber. Ich bedauere
aufrichtig, daß ich mich nicht länger mit Ihnen unterhalten kann, aber
Sie entgehen mir nicht ... Warten Sie nur ...«
Sswidrigailoff verließ das Restaurant. Raskolnikoff folgte ihm.
Sswidrigailoff war nicht sehr stark berauscht; der Wein war ihm bloß auf
einen Augenblick zu Kopf gestiegen und der Rausch verschwand mit jedem
Augenblick mehr. Er hatte etwas äußerst wichtiges vor und sein Gesicht
verfinsterte sich. Eine Erwartung regte ihn augenscheinlich auf und
beunruhigte ihn. In den letzten Minuten ihres Zusammenseins wurde er
plötzlich gegen Raskolnikoff gröber und spöttischer. Raskolnikoff hatte
alles gemerkt und war auch in Unruhe geraten. Sswidrigailoff schien ihm
sehr verdächtig; er beschloß ihm nachzugehen.
Sie gelangten auf das Trottoir.
»Sie müssen nach rechts, ich aber nach links, oder vielleicht auch
umgekehrt, also -- _adieu bon plaisir_{[21]}, auf freudiges
Wiedersehen!«
Und er ging nach rechts dem Heumarkte zu.