I.

Raskolnikoff erhob sich und setzte sich auf das Sofa. Er winkte mit der

Hand schwach Rasumichin ab, damit er dem Strome seiner eifrigen

Trostspendung an Mutter und Schwester ein Ende mache, nahm beider Hände

und blickte etwa zwei Minuten schweigend bald die eine, bald die andere

an. Die Mutter erschrak vor seinem Blick. In diesem Blicke lag ein bis

zur Qual gesteigertes Gefühl, aber gleichzeitig etwas Starres, fast

Irrsinniges. Pulcheria Alexandrowna begann zu weinen.

Awdotja Romanowna war bleich, ihre Hand zitterte in der des Bruders.

»Geht nach Hause ... mit ihm,« sagte er mit stockender Stimme und wies

auf Rasumichin, »bis morgen; morgen wird alles ... Seid ihr schon lange

angekommen?«

»Heute abend, Rodja,« antwortete Pulcheria Alexandrowna, »der Zug hat

sich schrecklich verspätet. Rodja, ich will aber jetzt um keinen Preis

der Welt von dir gehen! Ich schlafe hier neben dir ...«

»Quält mich nicht!« sagte er und machte eine gereizte Bewegung mit der

Hand.

»Ich bleibe bei ihm!« rief Rasumichin. »Ich will ihn keinen einzigen

Augenblick verlassen, und hol der Teufel alle meine Gäste, mögen sie

außer sich sein! Mein Onkel mag dort repräsentieren.«

»Wie, wie soll ich Ihnen danken!« begann Pulcheria Alexandrowna und

drückte von neuem Rasumichin die Hand, aber Raskolnikoff unterbrach sie.

»Ich kann nicht, kann nicht,« wiederholte er gereizt, »quält mich nicht!

Genug, geht weg ... Ich kann nicht! ...«

»Gehen wir, Mama, gehen wir wenigstens auf einen Augenblick aus dem

Zimmer heraus,« flüsterte die erschrockene Dunja, »wir martern ihn, man

sieht's doch.«

»Soll ich denn gar nicht bei ihm sein, nach drei Jahren langer

Trennung!« weinte Pulcheria Alexandrowna.

»Wartet!« hielt Raskolnikoff sie zurück, »ihr unterbrecht mich immer,

und meine Gedanken verwischen sich ... Habt ihr Luschin gesehen?«

»Nein, Rodja, aber er weiß schon, daß wir angekommen sind. Wir haben

gehört, Rodja, daß Peter Petrowitsch so gut war und dich heute besucht

hat,« fügte ein wenig schüchtern Pulcheria Alexandrowna hinzu.

»Ja ... er war so gut ... Dunja, ich habe vorher Luschin gesagt, daß ich

ihn die Treppe hinunterwerfen werde und habe ihn zum Teufel gejagt ...«

»Rodja, was ist dir! Du hast sicher ... du willst doch nicht sagen,«

begann Pulcheria Alexandrowna erschreckt, hielt aber vor einem Blick

Dunjas inne.

Awdotja Romanowna sah den Bruder aufmerksam an und wartete auf das, was

er weiter sagen würde. Beide waren schon von dem Streite durch Nastasja

benachrichtigt, so weit sie es selber begriffen hatte und mitteilen

konnte, und hatten unter der Ungewißheit und Erwartung gelitten.

»Dunja,« fuhr Raskolnikoff mit Mühe fort, »ich wünsche diese Heirat

nicht, und darum mußt du morgen noch Luschin absagen, damit er völlig

verschwinde.«

»Mein Gott!« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Bruder, überlege, was du sprichst!« begann Awdotja Romanowna erregt,

aber hielt sofort an sich. »Du bist vielleicht jetzt nicht imstande, du

bist müde,« fügte sie sanft hinzu.

»Gar im Fieber? Nein ... Du heiratest Luschin um meinetwillen. Ich aber

nehme das Opfer nicht an. Und darum schreibe morgen den Brief ... mit

der Absage ... Gib ihn mir morgen früh zu lesen, und Schluß damit!«

»Ich kann es nicht tun!« rief das gekränkte Mädchen aus. »Mit welchem

Recht ...«

»Dunetschka, du bist zu hitzig, hör auf, morgen ... Siehst du denn nicht

...« suchte die erschrockene Mutter zu beruhigen. »Ach, gehen wir besser

fort!«

»Er redet im Fieber!« rief der berauschte Rasumichin. »Sonst würde er

das nicht sagen! Morgen ist dieser ganze Unsinn verschwunden ... Heute

hat er ihn wohl hinausgejagt. Das ist wahr. Nun, und jener wurde böse

... Er hat hier schöne Reden gehalten, seine Kenntnisse ausgekramt und

ging dann mit eingezogenem Schwanz weg ...«

»Also, es ist wahr?« rief Pulcheria Alexandrowna aus.

»Bis auf morgen, Bruder!« sagte Dunja mitleidsvoll. »Gehen wir, Mama ...

Leb wohl, Rodja!«

»Hörst du, Schwester,« rief er ihnen mit letzten Kräften nach, »ich

phantasiere nicht; diese Heirat ist eine Schuftigkeit. Mag ich ein

Schuft sein, du aber darfst nicht ... einer von beiden ... und wenn ich

auch ein Schuft bin, aber so eine Schwester will ich nicht als Schwester

anerkennen. Entweder ich oder Luschin! Geht ...«

»Du bist verrückt geworden! Despot!« brüllte Rasumichin, aber

Raskolnikoff antwortete nicht mehr, vielleicht hatte er auch nicht mehr

die Kraft, zu antworten.

Er hatte sich auf das Sofa gelegt und sich in völliger Ermattung der

Wand zugekehrt. Awdotja Romanowna blickte Rasumichin voll Interesse an;

ihre schwarzen Augen funkelten, -- Rasumichin zuckte unter diesem Blicke

zusammen. Pulcheria Alexandrowna stand, wie vom Donner gerührt, da.

»Ich kann nicht weggehen!« flüsterte sie fast verzweifelt Rasumichin zu,

»ich bleibe hier, irgendwo ... begleiten Sie Dunja.«

»Und Sie werden die ganze Sache verderben!« flüsterte Rasumichin außer

sich. »Gehen wir wenigstens auf die Treppe hinaus. Nastasja, leuchte

uns! Ich schwöre Ihnen,« fuhr er im Flüstertone fort, als sie schon auf

der Treppe waren, »daß er vorhin beinahe mich und den Arzt verprügelt

hätte! Verstehen Sie! Selbst den Arzt! Und der gab nach, um ihn nicht zu

reizen und ging fort, ich aber blieb unten, um auf ihn aufzupassen, er

hatte sich aber inzwischen angekleidet und entschlüpfte mir. Er wird uns

auch jetzt entschlüpfen, wenn Sie ihn reizen werden, und es ist Nacht,

und er kann sich etwas antun ...«

»Ach, was sagen Sie?«

»Und Awdotja Romanowna kann auch nicht ohne Sie allein in diesen

möblierten Zimmern bleiben! Denken Sie nach, wo Sie abgestiegen sind!

Dieser Schuft Peter Petrowitsch konnte Ihnen doch eine bessere Wohnung

... Übrigens, wissen Sie, ich bin ein wenig betrunken und habe darum ...

ihn geschimpft; beachten Sie es nicht ...«

»Ich gehe zu seiner Wirtin,« bestand Pulcheria Alexandrowna auf ihrer

Absicht, »ich will sie bitten, mir und Dunja einen Platz für diese Nacht

zu geben. Ich kann ihn nicht so verlassen, ich kann nicht!«

Während sie darüber sprachen, standen sie auf dem Treppenabsatz vor der

Türe zu der Wohnung der Wirtin. Nastasja leuchtete ihnen von der letzten

Stufe herab. Rasumichin war ungewöhnlich erregt. Vor einer halben Stunde

noch, als er Raskolnikoff nach Hause begleitete, war er wohl übermäßig

geschwätzig und wußte es auch, er war aber völlig munter und ganz

frisch, ungeachtet des fürchterlichen Quantums Wein, das er an diesem

Abend getrunken hatte. Jetzt aber geriet er in Ekstase und der ganze

Wein schien mit einem Male mit verstärkter Macht ihm zu Kopf gestiegen

zu sein. Er stand vor den beiden Damen, hatte sie beide an den Händen

gefaßt, redete auf sie ein und machte ihnen mit erstaunlicher Offenheit

Vorstellungen und wahrscheinlich, um sie besser zu überzeugen, preßte er

bei jedem Worte, wie mit Klammern, ihre Hände, daß ihnen die Tränen

kamen und schien Awdotja Romanowna mit den Augen zu verschlingen, ohne

sich dabei groß zu genieren. Vor Schmerz suchten sie ihre Hände aus

seiner großen und knochigen Hand zu befreien, aber er merkte den Grund

nicht und zog beide noch stärker zu sich. Wenn sie ihm in diesem

Augenblicke befohlen hätten, ihnen zuliebe sich von der Treppe kopfüber

hinabzustürzen, er hätte es getan, ohne sich zu besinnen und zu zögern.

Pulcheria Alexandrowna, ganz aufgeregt im Gedanken an ihren Rodja,

fühlte wohl, daß der junge Mann sehr exzentrisch sei und zu schmerzhaft

ihre Hand drücke, aber da er doch für sie ein Stück Vorsehung war, so

wollte sie alle diese exzentrischen Einzelheiten nicht bemerken. Trotz

ihrer Aufregung wegen des Bruders und obwohl sie nicht ängstlicher Natur

war, bemerkte Awdotja Romanowna doch voll Staunen und fast mit Schrecken

die in wildem Feuer funkelnden Augen des Freundes ihres Bruders, und

bloß das grenzenlose Vertrauen, das ihr die Erzählung Nastasjas über

diesen sonderbaren Menschen eingeflößt hatte, hielt sie ab, wegzulaufen

und die Mutter von ihm wegzubringen. Sie begriff aber auch, daß sie von

ihm jetzt nicht loskommen könne. Nach etwa zehn Minuten aber hatte sie

sich schon gefaßt, -- Rasumichins Art war es, sich schnell restlos zu

zeigen, in welcher Stimmung er auch war, so daß alle sehr bald wußten,

mit wem sie es zu tun hatten.

»Bei der Wirtin ist es unmöglich, und ein greulicher Unsinn ist es!«

fiel er Pulcheria Alexandrowna in die Rede. »Mögen Sie auch die Mutter

sein, wenn Sie aber hier bleiben, versetzen Sie ihn in Raserei und dann

weiß der Teufel, was folgen wird! Hören Sie, ich will es so machen, --

jetzt bleibt bei ihm Nastasja sitzen, ich aber begleite Sie beide zu

Ihrer Wohnung, denn Sie können nicht allein auf der Straße gehen. Bei

uns in Petersburg ist es in dieser Hinsicht ... Nun, lassen wir das ...

Ich laufe dann sofort hierher zurück und bringe Ihnen nach einer

Viertelstunde, mein heiliges Ehrenwort darauf, Rapport, -- wie es mit

ihm steht, ob er schläft oder nicht und dergleichen. Dann, hören Sie

weiter! Dann laufe ich von Ihnen auf einen Sprung zu mir, -- ich habe

Gäste, alle sind betrunken, -- nehme Sossimoff -- das ist der Arzt, der

ihn behandelt, er sitzt jetzt bei mir, ist nicht betrunken, er ist nie

betrunken. Ich schleppe ihn zu Rodja und bin wieder sofort bei Ihnen,

also im Laufe von einer Stunde haben Sie zwei Rapporte über ihn, -- und

vom Arzte, verstehen Sie, vom Arzte selbst, das ist mehr wert als von

mir! Sollte es schlimmer sein, ich schwöre Ihnen, so bringe ich Sie

selbst hierher, steht aber alles gut, so gehen Sie schlafen. Ich aber

werde diese Nacht hier schlafen, im Flure, er wird nichts hören, und

Sossimoff werde ich sagen, er soll bei der Wirtin schlafen, damit er da

ist, wenn man ihn braucht. Nun, was ist für ihn jetzt besser, -- Sie

oder der Arzt? Der Arzt ist doch nützlicher, nützlicher. Nun, gehen Sie

also nach Hause! Zu der Wirtin ist es unmöglich; mir ist es möglich,

Ihnen aber nicht, -- sie wird Sie nicht hereinlassen, weil ... weil sie

eine Närrin ist. Sie wird auf Awdotja Romanowna meinetwegen eifersüchtig

sein, wenn Sie es wissen wollen, und auch auf Sie selbst ... Auf Awdotja

Romanowna aber unbedingt. Sie ist ein vollkommen, vollkommen

unberechenbarer Charakter! Übrigens, ich bin auch ein Narr ... Ich

pfeife darauf! Gehen wir! Glauben Sie mir? Nun, glauben Sie mir oder

nicht? ...«

»Gehen wir, Mama,« sagte Awdotja Romanowna, »er wird bestimmt so tun,

wie er versprochen hat. Er hat schon einmal den Bruder zum Leben

erweckt, und wenn der Arzt wirklich damit einverstanden ist, hier zu

schlafen, dann ist es am besten so.«

»Sehen Sie ... Sie ... Sie verstehen mich, weil Sie ein Engel sind!«

rief Rasumichin entzückt aus. »Gehen wir! Nastasja! Schnell herauf und

setze dich mit dem Lichte zu ihm; ich komme in einer Viertelstunde ...«

Obwohl Pulcheria Alexandrowna nicht ganz überzeugt war, widersetzte sie

sich nicht mehr. Rasumichin bot ihnen beiden seinen Arm und zog sie die

Treppe hinab. Es beunruhigte sie übrigens eins -- »obwohl er flink und

gut ist, kann er aber auch erfüllen, was er verspricht? Er ist doch in

solchem Zustande! ...«

»Sie haben Angst, weil Sie glauben, daß ich nicht ganz klar im Kopfe

bin!« unterbrach Rasumichin ihren Gedankengang, als ob er ihn erraten

hätte, während er mit Riesenschritten weiterging, ohne zu bemerken, daß

die beiden Damen ihm kaum folgen konnten. »Unsinn! das heißt ... ich bin

wie ein Stück Holz betrunken, aber das hat nichts zu sagen; denn ich bin

nicht vom Wein betrunken. Als ich Sie erblickte, da stieg mir das Blut

zu Kopfe ... Aber pfeifen Sie auf mich! Achten Sie nicht darauf, -- ich

lüge; ich bin Ihrer unwürdig! ... Wenn ich Sie nach Hause gebracht habe,

gieße ich mir schleunigst hier aus diesem Kanal zwei Eimer Wasser über

den Kopf, damit ich wieder zur Besinnung komme ... Wenn Sie nur wüßten,

wie ich Sie beide liebe! ... Lachen Sie nicht und seien Sie mir nicht

böse! ... Seien Sie auf alle böse, aber auf mich sollen Sie nicht böse

sein! Ich bin sein Freund, also bin ich auch Ihr Freund. Ich will es so

... Ich habe es geahnt, ... im vorigen Jahre gab es so einen Augenblick

... Übrigens, ich habe gar nichts geahnt, denn Sie sind wie vom Himmel

gefallen. Ich werde vielleicht auch die ganze Nacht nicht schlafen ...

Dieser Sossimoff fürchtete vorhin, daß er den Verstand verlieren könnte

... Darum muß man ihn nicht reizen ...«

»Was sagen Sie?« rief die Mutter aus.

»Hat das der Arzt gesagt?« fragte erschrocken Awdotja Romanowna.

»Er hat gesagt, aber nicht das, sondern ganz was anderes. Er hat ihm

auch eine Arznei gegeben, ein Pulver, ich habe es gesehen, und da kamen

Sie ... Ach! ... Es wäre besser, Sie wären morgen gekommen! Insofern ist

es gut, daß wir weggingen. Nach einer Stunde wird Ihnen Sossimoff selbst

über alles Rapport erstatten. Sehen Sie, der ist nicht betrunken! Auch

ich wäre nicht betrunken ... Warum aber habe ich so viel getrunken? Wie

sie mich in eine Diskussion hineingebracht haben, die Verfluchten! Ich

habe mir selbst das Versprechen gegeben, nicht zu streiten! ... Nun

redeten sie aber so einen Blödsinn zusammen! Ich habe mich beinahe mit

ihnen geprügelt! Ich habe nun meinen Onkel als Präsidium hinterlassen

... Können Sie es glauben, -- sie verlangen völlige Unpersönlichkeit des

einzelnen und finden darin den Sinn des Lebens! Bloß nicht für sich

selbst sein, möglichst wenig eigenartig sein! Und das halten sie für den

allergrößten Fortschritt. Und wenn sie wenigstens auf eigene Art lügen

würden, so aber ...«

»Hören Sie,« unterbrach ihn schüchtern Pulcheria Alexandrowna, aber das

brachte ihn noch mehr in Eifer.

»Ja, was meinen Sie?« rief Rasumichin und erhob seine Stimme noch mehr.

»Meinen Sie, ich rede so, weil sie lügen? Unsinn! Ich liebe es, wenn man

lügt. Das Lügen ist das einzige menschliche Privilegium vor allen

Organismen. Wenn du lügst, -- kommst du zur Wahrheit! Ich bin darum auch

Mensch, weil ich lüge. Keine einzige Wahrheit ist erreicht, ohne daß man

vorher vierzigmal, vielleicht auch hundertundvierzigmal gelogen hat, und

das ist in seiner Art höchst ehrenvoll. Wir aber verstehen nicht einmal,

auf eigene Art zu lügen! Lüge mir vor, aber lüge in deiner Weise, und

ich gebe dir dann einen Kuß. In seiner eigenen Weise zu lügen ist besser

noch als Wahrheit nur aus fremder Quelle; im ersten Falle bist du ein

Mensch, im letzteren bist du bloß ein Papagei. Die Wahrheit wird nicht

fortlaufen, das Leben aber kann man dabei mit Brettern zunageln; wir

haben Beispiele dafür. Nun, was sind wir jetzt? Wir alle, alle ohne

Ausnahme, sitzen in bezug auf Wissenschaft, Entwicklung, Denken,

Erfindungen, Ideale, Wünsche, Liberalismus, Vernunft, Erfahrung und

alles, alles, alles und alles noch in der ganz untersten Klasse des

Gymnasiums! Uns hat es genügt, mit fremder Weisheit auszukommen, -- wir

haben Geschmack daran gefunden! Ist es nicht so? Habe ich recht?«

»Oh, mein Gott, ich weiß es nicht,« sagte die arme Pulcheria

Alexandrowna.

»Es ist so, so ... obwohl ich mit Ihnen nicht in allem einverstanden

bin,« fügte Awdotja Romanowna ernst hinzu, aber gleich darauf schrie sie

auf, weil er ihr diesmal zu stark die Hand gedrückt hatte.

»So? Sie sagen, es sei so? Ach, dann sind Sie ... Sie ...« rief er voll

Entzücken aus. »Sie sind die Quelle der Güte, Reinheit, der Vernunft und

... der Vollkommenheit! Geben Sie mir Ihre Hand, geben Sie ... geben

auch Sie Ihre Hand, ich will Ihnen beiden die Hände küssen, hier,

sofort, auf den Knien!«

Und er warf sich mitten auf dem Trottoir, das zum Glück leer war, auf

die Knie hin.

»Hören Sie auf, ich bitte Sie, was machen Sie?« rief die äußerst

betroffene Pulcheria Alexandrowna.

»Stehen Sie doch auf, stehen Sie doch auf!« lachte Dunja, aber mit einer

gewissen Unruhe.

»In keinem Falle, Sie müssen erst Ihre Hände gegeben haben! So ist es

gut, nun genug, ich bin aufgestanden und nun wollen wir weitergehen! Ich

bin ein unglückseliger Tolpatsch, ich bin Ihrer unwürdig und bin

betrunken und schäme mich ... Ich bin nicht wert, Sie zu lieben, aber

die Knie vor Ihnen zu beugen ist die Pflicht eines jeden, wenn er nicht

ein vollkommenes Tier ist! Und ich habe vor Ihnen die Knie gebeugt ...

Da sind auch Ihre möblierten Zimmer, und schon ihretwegen allein war

Rodion im Rechte, als er vorhin Ihren Peter Petrowitsch hinauswarf! Wie

durfte er es wagen, Sie in solchen Zimmern unterzubringen? Das ist ein

Skandal! Wissen Sie, wer hier absteigt? Sie sind doch seine Braut! Sie

sind seine Braut, nicht wahr? Und nun sage ich Ihnen, daß Ihr Bräutigam

nach diesem ein Schuft ist!«

»Hören Sie, Herr Rasumichin, Sie haben vergessen ...« begann Pulcheria

Alexandrowna.

»Ja, ja, Sie haben recht, ich habe mich vergessen, ich schäme mich!«

rief Rasumichin erschrocken. »Aber ... aber ... aber ... Sie können mir

nicht böse sein, daß ich so rede! Denn ich sage es aufrichtig und nicht

weil ... hm! das wäre gemein; mit einem Worte, nicht weil ich Sie ...

hm! ... nun, also, es ist nicht nötig, ich will nicht sagen, warum, ich

darf es nicht! ... Wir hatten alle vorhin gleich begriffen, als er

hereinkam, daß dieser Mensch nicht zu uns paßt. Nicht weil er mit

gebrannten Locken vom Friseur kam, nicht weil er sich beeilte, seinen

Verstand zu zeigen, sondern weil er ein Aushorcher und Spekulierer ist,

weil er ein Jude und Gauner ist, und das sieht man. Sie denken, er ist

klug? Nein, er ist ein Dummkopf! Nun, paßt er denn zu Ihnen? Oh, mein

Gott! Sehen Sie, meine Damen,« er blieb plötzlich auf der Treppe stehen,

»wenn sie alle bei mir auch betrunken sind, dafür aber sind sie alle

ehrlich, und obgleich wir auch lügen, denn ich lüge auch, aber wir

werden uns schließlich bis zur Wahrheit durchlügen, weil wir auf einem

anständigen Wege gehen, Peter Petrowitsch jedoch ... geht nicht auf

einem anständigen Wege. Ich habe wohl soeben sie alle tüchtig

geschimpft, aber ich achte sie alle; sogar Sametoff, wenn ich ihn auch

nicht achte, so liebe ich ihn doch, denn er ist noch wie ein junger

Hund! Selbst dieses Vieh von Sossimoff, weil er auch ehrlich ist und

seine Sache versteht ... Aber genug, alles ist gesagt und wird

verziehen. Ist es verziehen? Ist es wirklich? Nun, gehen wir. Ich kenne

diesen Korridor, bin hier ein paarmal gewesen; sehen Sie hier, in Nummer

drei, war einmal ein Skandal ... Nun, wo wohnen Sie? Welche Nummer?

Acht? Nun, schließen Sie sich für die Nacht ein, lassen Sie niemand

herein. Nach einer Viertelstunde kehre ich mit einer Nachricht zurück

und dann noch einmal nach einer halben Stunde mit Sossimoff, Sie werden

sehen! Leben Sie wohl, ich springe!«

»Mein Gott, Dunetschka, was wird geschehen?« sagte Pulcheria

Alexandrowna und wandte sich voll Unruhe und Angst an die Tochter.

»Beruhigen Sie sich, Mama,« antwortete Dunja, indem sie ihren Hut und

die Mantille abnahm. »Uns hat Gott selbst diesen Mann gesandt, obgleich

er direkt von einer Kneiperei kommt. Man kann sich auf ihn verlassen,

ich versichere Sie. Was hat er alles schon für den Bruder getan ...«

»Ach Dunetschka, Gott weiß, ob er kommen wird? Wie konnte ich mich dazu

entschließen, Rodja allein zu lassen! ... Und ich habe es mir nicht,

durchaus nicht vorgestellt, ihn so zu finden! Wie ernst er war, als wäre

er um uns nicht froh ...«

Tränen zeigten sich in ihren Augen.

»Nein, das ist nicht wahr, Mama. Sie konnten ihn nicht gut sehen, weil

Sie fortwährend weinten. Er ist von einer schweren Krankheit sehr

mitgenommen, -- das ist der ganze Grund.«

»Ach, diese Krankheit! Was soll noch werden, was soll daraus werden! Und

wie er mit dir sprach, Dunja!« sagte die Mutter und blickte schüchtern

der Tochter in die Augen, um ihre Gedanken zu erraten, und teilweise

schon dadurch getröstet, weil Dunja ihren Bruder in Schutz nahm, somit

ihm verziehen habe. »Ich bin überzeugt, daß er morgen seinen Sinn ändern

wird,« fügte sie hinzu, sie weiter auszuforschen.

»Und ich dagegen bin überzeugt, daß er auch morgen dasselbe sagen wird

...« schnitt Awdotja Romanowna ab, und man sprach nicht mehr darüber,

denn es berührte einen Punkt, über den jetzt zu sprechen Pulcheria

Alexandrowna sich zu sehr fürchtete.

Dunja trat an die Mutter heran und küßte sie. Diese umarmte sie

schweigend und innig. Dann setzte sie sich in unruhiger Erwartung

Rasumichins hin, begann scheu die Tochter zu beobachten, die mit

gekreuzten Armen und selbst voll Erwartung in Gedanken versunken im

Zimmer auf und ab ging. Das Auf- und Abgehen in Gedanken war die

Angewohnheit von Awdotja Romanowna, und die Mutter hütete sich immer,

ihr Nachdenken zu stören.

Rasumichin war selbstverständlich lächerlich mit seiner plötzlichen, in

der Trunkenheit entflammten Leidenschaft zu Awdotja Romanowna. Aber wenn

man Awdotja Romanowna gesehen hatte, besonders jetzt, wo sie mit

gekreuzten Armen, traurig und nachdenklich auf und ab ging, würden

vielleicht viele ihn entschuldigt haben, ganz abgesehen von seinem

exzentrischen Zustande. Awdotja Romanowna war sehr schön, --

hochgewachsen, wundervoll schlank, kräftig und selbstbewußt, -- das

äußerte sich in jeder ihrer Bewegungen, tat aber der Weichheit und

Grazie derselben in keiner Weise Eintrag. Ihr Gesicht ähnelte dem des

Bruders, man konnte sie mit Recht eine Schönheit nennen. Ihr Haar war

dunkelblond, ein wenig heller als das des Bruders; die Augen waren fast

schwarz, ihr Blick stolz und doch wieder zuweilen von ungewöhnlicher

Güte. Sie war bleich, aber nicht krankhaft; ihr Gesicht hatte vielmehr

die Frische der Gesundheit. Ihr Mund war etwas klein, die Unterlippe,

frisch und rot, stand kaum merklich hervor; ebenso das Kinn, das war

aber auch die einzige Unregelmäßigkeit in diesem schönen Gesichte und

verlieh ihm dafür eine besondere Eigentümlichkeit und vielleicht auch

etwas wie Hochmut. Der Ausdruck ihres Gesichtes war in der Regel mehr

ernst und sinnend als fröhlich; wie stand aber dafür ein Lächeln diesem

Gesichte, wie kleidete sie ein lustiges, junges und sorgloses Lachen! Es

war begreiflich, daß der hitzige, offene, schlichte, ehrliche,

reckenhafte und betrunkene Rasumichin, der noch nie etwas Ähnliches

gesehen hatte, beim ersten Blick den Kopf verlor. Außerdem zeigte ihm

der Zufall gleich zuerst Dunja, wie absichtlich, in dem schönen Momente

der Liebe zum Bruder und der Freude des Wiedersehens. Er sah dann, wie

ihre Unterlippe vor Entrüstung gegenüber den ungestümen und undankbar

grausamen Wünschen des Bruders zuckte, -- und er konnte nicht mehr

widerstehen.

Er hatte übrigens die Wahrheit gesagt, als er vorhin in seiner

Trunkenheit auf der Treppe damit herausplatzte, daß die exzentrische

Wirtin Raskolnikoffs, Praskovja Pawlowna, nicht bloß wegen Awdotja

Romanowna, sondern vielleicht auch wegen Pulcheria Alexandrowna auf ihn

eifersüchtig sein würde. Trotzdem Pulcheria Alexandrowna schon

dreiundvierzig Jahre alt war, wies ihr Gesicht immer noch Zeichen der

früheren Schönheit auf und außerdem erschien sie bedeutend jünger als

sie war, was so oft der Fall ist bei Frauen, die die Klarheit des

Geistes, die Frische der Eindrücke und das ehrliche, reine Feuer des

Herzens bis zum Alter sich bewahrten. Wir wollen in Parenthese

hinzufügen, daß dies zu bewahren das einzige Mittel ist, auch seine

Schönheit bis ins Alter zu behalten. Ihr Haar zwar begann grau und dünn

zu werden, kleine strahlenartige Runzeln hatten sich schon lange um die

Augen gelegt, die Wangen waren eingefallen und vor Kummer und Sorgen

hager geworden, und dennoch war dieses Gesicht schön. Es war Dunetschkas

Abbild, nur zwanzig Jahre älter und ohne den besonderen Ausdruck der

Unterlippe, die bei ihr nicht hervorstand. Pulcheria Alexandrowna war

empfindsam, aber nicht bis zur Süßlichkeit, sie war schüchtern und

nachgiebig, aber nur bis zu einer gewissen Grenze, -- sie konnte in

vielem nachgeben, konnte mit vielem sich abfinden, selbst wenn es ihrer

Überzeugung widersprach, aber zur Verleugnung der Ehrlichkeit und ihrer

tiefsten Überzeugungen konnten sie keine Umstände bringen.

Genau nach zwanzig Minuten, seit Rasumichin weggegangen war, wurde

zweimal nicht laut, aber hastig an die Türe geklopft; er war

zurückgekehrt.

»Ich komme nicht herein, habe keine Zeit!« sagte er hastig, als die Türe

geöffnet wurde. »Er schläft einen Herkulesschlaf, ausgezeichnet, ruhig

und geb's Gott, daß er zehn Stunden fortschläft. Nastasja sitzt bei ihm;

ich habe ihr befohlen, nicht wegzugehen, bis ich zurückgekommen bin.

Jetzt schleppe ich Sossimoff her, er wird Ihnen Rapport erstatten, und

dann legen Sie sich schlafen; ich sehe, Sie sind abgespannt bis zum

äußersten ...« Und er lief den Korridor hinab.

»Welch ein flinker und ... ergebener junger Mann!« rief die Pulcheria

Alexandrowna außerordentlich erfreut aus.

»Er scheint ein prächtiger Mensch zu sein!« antwortete Awdotja Romanowna

mit einem gewissen Eifer und begann von neuem im Zimmer hin und her zu

wandern.

Fast nach einer Stunde vernahm man Schritte auf dem Korridor, und bald

darauf wieder ein Klopfen an der Türe. Beide Frauen warteten, diesmal

vollkommen dem Versprechen Rasumichins vertrauend, -- und er hatte auch

tatsächlich Sossimoff mitgeschleppt. Sossimoff hatte sich sofort bereit

erklärt, das Fest zu verlassen und Raskolnikoff zu besuchen, aber zu den

Damen ging er unwillig und mißtrauisch, da er dem betrunkenen Rasumichin

nicht geglaubt hatte. Seine Eigenliebe war aber sofort beruhigt und er

fühlte sich sogar geschmeichelt, -- er sah, daß man wirklich auf ihn,

wie auf einen Propheten, gewartet hatte. Er blieb genau zehn Minuten und

hatte es verstanden, Pulcheria Alexandrowna vollkommen zu beruhigen. Er

sprach voll ungewöhnlicher Teilnahme, aber zurückhaltend und sehr ernst,

ganz wie ein siebenundzwanzigjähriger Arzt bei einer wichtigen

Konsultation, mit keinem Worte schweifte er vom Gegenstande ab und

zeigte nicht den geringsten Wunsch, mit den Damen in ein persönlicheres

und privates Verhältnis zu kommen. Als er beim Eintritt gesehen hatte,

wie blendend schön Awdotja Romanowna war, vermied er, sie zu beachten

und wandte sich während des ganzen Besuches ausschließlich an Pulcheria

Alexandrowna. Dies alles gewährte ihm eine außerordentliche innere

Genugtuung. Über den Kranken äußerte er, daß er ihn gegenwärtig in

durchaus befriedigendem Zustande gefunden habe. Seinen Beobachtungen

nach, habe die Krankheit des Patienten, außer der schlechten materiellen

Lage in den letzten Monaten, noch einige seelische Ursachen, »sie ist

sozusagen das Resultat vieler komplizierter, moralischer und materieller

Einflüsse, Aufregungen, Sorgen, gewisser Ideen ... und dergleichen«. Als

er zufällig bemerkte, daß Awdotja Romanowna besonders aufmerksam

zuzuhören begann, ging er auf dieses Thema näher ein. Auf die aufgeregte

und schüchterne Frage Pulcheria Alexandrownas, wegen seines »gewissen

Verdachts von geistiger Störung,« antwortete er mit ruhigem und offenem

Lächeln, daß man seine Worte übertrieben habe, daß man bei dem Kranken

wohl eine fixe Idee, etwas, das auf Monomanie deute, konstatieren könne,

-- er, Sossimoff, verfolge jetzt besonders diesen äußerst interessanten

Zweig der Medizin, -- aber man dürfe auch nicht vergessen, daß der

Kranke bis heute in fieberhaften Phantasien befangen war, und ... und,

selbstverständlich werde die Ankunft der Verwandten auf ihn kräftigend,

zerstreuend und heilbringend wirken, »wenn nur neue, besondere

Erschütterungen vermieden würden,« fügte er bedeutungsvoll hinzu. Dann

erhob er sich, verabschiedete sich einfach und freundlich, begleitet von

Segnungen, heißer Dankbarkeit und Bitten; das Händchen Awdotja

Romanownas streckte sich sogar, ohne daß er es suchte, zum Abschied ihm

entgegen, und er ging fort, außerordentlich zufrieden mit seinem Besuche

und noch mehr mit sich selbst.

»Morgen wollen wir weiter sehen; legen Sie sich jetzt unbedingt nieder!«

sagte Rasumichin, indem er mit Sossimoff fortging. »Morgen bin ich

möglichst früh mit einem Rapport bei Ihnen.«

»Welch ein reizendes kleines Mädchen diese Awdotja Romanowna ist!«

bemerkte Sossimoff und schnalzte mit der Zunge, als sie beide auf die

Straße hinaustraten.

»Reizend? Du hast reizend gesagt!« brüllte Rasumichin, stürzte sich

plötzlich auf Sossimoff und packte ihn an der Kehle. »Wenn du es noch

einmal wagst ... Verstehst du? Verstehst du?« schrie er, schüttelte ihn

am Kragen und drückte ihn an die Wand. »Hast du gehört?«

»Laß mich los, betrunkener Teufel!« wehrte sich Sossimoff, blickte ihn

dann, nachdem Rasumichin ihn losgelassen hatte, aufmerksam an und

schüttelte sich plötzlich vor Lachen.

Rasumichin stand mit gesenkten Armen und in düster ernstem Nachdenken

vor ihm.

»Selbstverständlich bin ich ein Esel,« sagte er finster, wie eine

Gewitterwolke, »aber auch du ... bist einer.«

»Nein, Bruder, nein, ich bin keiner. Ich träume nicht von Dummheiten.«

Sie gingen schweigend weiter und erst, als sie sich der Wohnung

Raskolnikoffs näherten, unterbrach Rasumichin mit sorgenvollem Gesichte

das Schweigen.

»Höre,« sagte er zu Sossimoff, »du bist ein prächtiger Bursche, aber du

bist, außer all deinen üblen Eigenschaften, noch ein Stromer, das weiß

ich, und außerdem einer von den ärgsten. Du bist ein nervöser, schwacher

Lappen, hast verrückte Anwandlungen, hast Fett angesetzt und kannst dir

nichts versagen, -- und das nenne ich schon gemein, denn es führt zum

Gemeinen. Du hast dich so verwöhnt, daß ich -- offen gesagt, -- nicht im

geringsten verstehe, wie du dabei ein guter und sogar aufopfernder Arzt

sein kannst. Du -- ein Arzt -- schläfst auf einem Pfühle und stehst für

einen Kranken in der Nacht auf! Nach drei Jahren wirst du nicht mehr

wegen eines Kranken aufstehen ... Nun, zum Teufel damit, das ist es

nicht, sondern folgendes, -- du schläfst heute Nacht in der Wohnung der

Wirtin, -- ich habe sie mit Mühe dazu überredet, -- und ich in der

Küche, -- da habt ihr Gelegenheit, einander näher kennenzulernen! Nicht

etwa, wie du meinst, um ...! Davon ist keine Rede!«

»Ich meine auch gar nichts.«

»Hier findest du, Bruder, Schamhaftigkeit, Schweigsamkeit,

Schüchternheit, eine gräßliche Keuschheit und dabei -- Seufzer, und sie

schmilzt wie Wachs! Befreie mich von ihr, im Namen aller Teufel in der

Welt! Sie ist sehr ansprechend! ... Ich vergelte es dir, tausendfach

vergelte ich es dir!«

Sossimoff lachte noch stärker als vorher.

»Sieh mal, wie du aus dem Häuschen bist! Was soll ich denn mit ihr?«

»Ich versichere dich, du brauchst dich wenig mit ihr abzugeben, rede

bloß irgendeinen Unsinn, sprich, was du willst, setze dich aber neben

sie und rede frisch drauf los. Du bist ja auch Arzt, fange an, sie zu

behandeln. Ich schwöre dir, du wirst es nicht bereuen. Sie hat ein

Klavier; du weißt, ich klimpere ein bißchen; ich habe bei ihr ein

kleines Lied, ein echtes russisches Lied liegen, >Ich vergieße bittre

Tränen ...< Sie liebt echte Volkslieder, -- nun, mit einem Liede fing es

auch an; und du spielst doch Klavier, wie ein Virtuos, wie ein Meister,

wie Rubinstein ... Ich versichere, du wirst es nicht bereuen! ...«

»Hast du ihr denn etwas versprochen? Hast du ihr etwas Schriftliches

gegeben? Hast du ihr versprochen, sie zu heiraten ...«

»Nein, nichts, rein gar nichts! Und sie ist gar nicht so; Tschebaroff

wollte ihr einen Antrag ...«

»Nun, so laß sie doch laufen!«

»Man kann sie nicht so ohne weiteres laufen lassen!«

»Warum denn nicht?«

»Man kann es nicht tun, und basta! Es ist da etwas, was mich festhält.«

»Warum hast du sie denn verleitet?«

»Ich habe sie gar nicht verleitet, ich habe mich selbst vielleicht aus

Dummheit verleiten lassen, ihr aber wird es gleichgültig sein, ob du

oder ich, nur, daß jemand neben ihr sitzt und seufzt. Es ist Bruder ...

Ich kann es dir nicht erklären, es ist ... nun, du kannst doch gut

Mathematik, und beschäftigst dich noch jetzt damit, soviel ich weiß ...

fang an mit ihr die Integralrechnung durchzunehmen, bei Gott, ich

scherze nicht, ich spreche im Ernst, ihr wird es vollkommen gleich sein,

-- sie wird dich ansehen und seufzen, und so wird es ein Jahr dauern.

Ich habe ihr unter anderem sehr lange, zwei Tage nacheinander, von dem

Herrenhaus in Preußen erzählt, -- denn was soll man mit ihr reden? --

sie seufzte bloß und schwitzte! Nur über Liebe sprich nicht, -- sie wird

furchtbar verlegen, -- aber zeige doch, daß du nicht weggehen kannst, --

das genügt. Es ist sehr komfortabel dort; man ist ganz wie zu Hause, --

kann lesen, sitzen, liegen oder schreiben ... Man kann sogar einen Kuß

geben, mit Vorsicht jedoch ...«

»Was soll ich aber mit ihr?«

»Ach, ich kann dir es nicht erklären. Siehst du, -- ihr paßt

ausgezeichnet zueinander! Ich habe schon früher an dich gedacht ... Du

wirst schon damit enden! Ist es denn dir nicht einerlei, -- ob früher

oder später? Hier ist, Bruder, so etwas wie ein Pfühl, -- ach! und auch

nicht das allein! Hier lockt es einen und zieht, hier ist das Ende der

Welt, hier wirft man den Anker, hat einen stillen Zufluchtsort,

sozusagen das Zentrum der Erde, die Essenz von Pfannkuchen,

Abendsamowars, stillen Seufzern und warmen gestrickten Jacken und

geheizten Ofenbänken -- nun, es ist, als ob du gestorben wärest und

gleichzeitig am Leben bist, von beidem die Vorteile auf einen Schlag!

Nun, Bruder, zum Teufel, ich habe zu viel geschwätzt, es ist Zeit,

schlafen zu gehen! Höre, -- ich wache in der Nacht zuweilen auf, und da

will ich nach ihm sehen. Es ist aber nichts, Unsinn, alles ist gut.

Beunruhige dich nicht besonders, wenn du aber willst, sieh auch mal

nach. Wenn du aber etwas merken solltest, Fieber zum Beispiel oder

Phantasieren oder etwas anderes, weck mich sofort auf. Übrigens, es wird

nichts passieren ...«

Sämtliche Werke 1-2 · 第 31 / 66 题