I.

So lag er sehr lange da. Manchmal wachte er vom Schlafe auf und dann

bemerkte er, daß es schon längst Nacht war. Endlich nahm er wahr, daß es

schon heller Tag war. Er lag auf dem Diwan ausgestreckt, noch erstarrt

von der kaum überwundenen Bewußtlosigkeit. Schrill tönte fürchterliches

verzweifeltes Geheul von der Straße herauf, das er jede Nacht unter

seinem Fenster in der dritten Morgenstunde hörte. Das hatte ihn auch

jetzt wieder aufgeweckt.

»Ah! Es kommen die Betrunkenen schon aus den Kneipen,« dachte er. »Es

ist drei Uhr!« und er sprang auf, als hätte ihn jemand von dem Diwan

heruntergestoßen.

»Wie! Es ist schon drei!«

Er setzte sich -- und da fiel ihm alles ein! Plötzlich fiel ihm alles

ein!

Im ersten Augenblicke dachte er, er würde den Verstand verlieren. Eine

furchtbare Kälte erfaßte ihn, aber die Kälte kam vom Fieber, das schon

längst während des Traumzustandes angefangen hatte. Es packte ihn ein

Schüttelfrost, daß die Zähne zusammenschlugen, und alles zitterte an

ihm. Er öffnete die Türe und begann zu lauschen: im Hause schlief alles.

Erschreckt betrachtete er sich selbst und alles ringsum im Zimmer und

begriff nicht -- wie konnte er nur gestern die Türe nicht zuhaken und

sich nicht nur angekleidet, sondern sogar mit dem Hute auf den Diwan

werfen; der Hut war ihm heruntergefallen und lag dort auf der Diele in

der Nähe des Kissens.

»Wenn jemand gekommen wäre, was hätte er denken müssen? Daß ich

betrunken, aber ...«

Er stürzte zum Fenster. Es war genügend hell und er besah sich schnell

ganz vom Kopfe bis zu den Füßen, seine ganze Kleidung, ob nicht Spuren

daran waren. Aber man konnte so nichts sehen; zitternd vor Frost, zog er

alles aus und wieder betrachtete er es von allen Seiten. Er drehte alles

um bis zum letzten Faden und Fetzen, und da er sich selber nicht traute,

wiederholte er dreimal die Besichtigung. Aber er fand nichts, scheinbar

keine Spur; nur an einer Stelle, wo die Hosen unten abgerieben und in

Fransen hingen, waren an diesen Fransen dicke Flecken eingetrockneten

Blutes. Er nahm ein großes Taschenmesser und schnitt die Fransen ab.

Mehr schien es nicht zu sein. Da fiel ihm ein, daß der Beutel und die

Sachen, die er aus der Truhe bei der Alten herausgenommen, sich noch

immer in seinen Taschen befanden. Er hatte nicht mehr daran gedacht, sie

herauszunehmen und zu verstecken. Nicht einmal jetzt sogar hatte er sich

ihrer gleich erinnert, als er seine Kleider besah. War denn das möglich?

Hastig nahm er sie heraus und warf sie auf den Tisch. Nachdem er alles

herausgenommen und die Taschen umgekehrt hatte, um sich zu vergewissern,

daß nichts übriggeblieben war, brachte er den ganzen Haufen in eine

Ecke. Dort in der Ecke waren unten an einer Stelle die von der Wand

losgelösten Tapeten zerrissen; sofort begann er alles in dieses Loch

unter dem Papier hineinzustopfen.

»Es ist hineingegangen! Alles ist fort, sogar der Beutel!« dachte er

voller Freude, indem er aufstand und stumpf in die Ecke sah, auf das

Loch, wo die Tapete jetzt weiter abstand.

Da schrak er wieder zusammen.

»Mein Gott,« flüsterte er verzweifelt, »was ist mit mir? Ist denn das

versteckt? Versteckt man das so?«

Natürlich hatte er mit solchen Gegenständen gar nicht gerechnet; er

dachte, daß es nur Geld bei ihr geben würde und darum hatte er keinen

Platz vorher ausgesucht.

»Aber jetzt, jetzt, worüber freute ich mich denn?« dachte er. »Versteckt

man denn so? In der Tat, der Verstand verläßt mich!«

Erschöpft setzte er sich auf den Diwan und von neuem schüttelte ihn ein

unerträglicher Fieberanfall. Mechanisch hüllte er sich in seinen

früheren Studentenmantel, einen gefütterten, aber schon recht schäbigen

Winterüberzieher; er deckte sich mit ihm zu, und alsbald überfielen ihn

wieder Schlaf und Fieberträume.

Doch schon nach fünf Minuten sprang er wieder auf und stürzte außer sich

von neuem zu seinen Kleidern. »Wie konnte ich nur wieder einschlafen, wo

noch nichts getan ist! Da haben wir es, da haben wir es, die Schlinge

unter der Achsel habe ich noch nicht abgenommen! Ich habe es vergessen,

habe solch eine Sache vergessen! Solch ein Verdachtsmoment!«

Er riß die Schlinge ab und begann sie schnell in Stücke zu zerreißen und

versteckte sie unter dem Kissen in der Wäsche.

»Stücke von zerrissener Leinwand können in keinem Falle Verdacht

erregen; es scheint so, es scheint so!« wiederholte er, mitten im Zimmer

stehend, und begann von neuem mit schmerzhaft angespannter

Aufmerksamkeit ringsum, auf der Diele und überall, herumzuspähen, ob er

nicht noch etwas vergessen habe. Die Überzeugung, daß alles, sogar das

Gedächtnis, sogar das einfache Denken ihn verließ, -- begann ihn

unerträglich zu quälen.

»Was! fängt es schon jetzt an, kommt schon jetzt die Strafe? Sieh da,

sieh es stimmt!«

Die abgeschnittenen Fransen, die er von den Hosen abgetrennt hatte,

lagen in der Tat auf der Diele mitten im Zimmer, damit sie ja der erste

beste sehen konnte.

»Was ist denn nur mit mir!« rief er wieder aus, wie verloren.

Da kam ihm ein seltsamer Gedanke: vielleicht war auch seine ganze

Kleidung blutig, vielleicht hat sie viele Flecken, aber er sieht sie

bloß nicht, er bemerkt sie nicht, weil sein Denken geschwächt, verworren

... der Verstand verdüstert ist ... Plötzlich erinnerte er sich, daß an

dem Beutel auch Blut war.

»Bah, also muß in der Tasche auch Blut sein, da ich den noch feuchten

Beutel hineinsteckte!«

Schnell kehrte er die Hosentasche um, und -- tatsächlich, -- auf dem

Futter der Tasche waren Spuren, Flecken.

»Also hat mich der Verstand noch nicht ganz verlassen, also besitze ich

noch Urteilsfähigkeit und Gedächtnis, wenn ich mich hierauf besinnen

konnte!« dachte er triumphierend und atmete aus voller Brust tief und

freudig auf. »Es ist einfach fieberhafte Schwäche, eine vorübergehende

Anwandlung.«

Und er riß das ganze Futter aus der linken Hosentasche. In diesem

Augenblicke beleuchtete ein Sonnenstrahl seinen linken Stiefel; auf dem

Strumpfe, der aus dem Stiefel hervortrat, schienen Flecken zu sein. Er

zog den Stiefel aus, -- es waren wirklich Spuren. Die ganze Fußspitze

war mit Blut durchtränkt; wahrscheinlich war er unvorsichtigerweise in

die Pfütze getreten ... »Aber was nun damit tun? Wohin diesen Strumpf

tun? Wohin diesen Strumpf, die Franse, die Hosentasche?« Er knüllte

alles in der Hand zusammen und blieb mitten im Zimmer stehen. »In den

Ofen? Aber im Ofen wird man zuerst nachstöbern. Verbrennen? Ja, aber

womit brennen? Er hat nicht mal Streichhölzer. Nein, besser, irgendwo

hingehen und alles fortwerfen. Ja! das beste ist fortwerfen!«

wiederholte er und setzte sich von neuem auf den Diwan. »Und sofort muß

ich es tun, in diesem Augenblick, ohne Zeit zu verlieren! ...«

Indessen fiel sein Kopf von neuem auf das Kissen; wieder durchrüttelte

ihn eisig der unerträgliche Schüttelfrost; wieder zog er den

Wintermantel über sich. Und lange noch, ein paar Stunden, träumte er ab

und zu, »ich muß sofort ohne Zögern irgendwo hingehen und alles

fortwerfen, damit es schnell aus den Augen kommt!« Einigemal erhob er

sich vom Diwan, wollte aufstehn, konnte aber nicht mehr. Endlich weckte

ihn ein starkes Klopfen an der Türe.

»Öffne doch, lebst du oder nicht? Und immer schläft er!« schrie Nastasja

und schlug mit der Faust an die Türe. »Den ganzen geschlagenen Tag

schläft er wie ein Hund! Er ist auch ein Hund! Öffne doch. Es ist schon

elf Uhr.«

»Vielleicht ist er nicht zu Hause,« sagte eine männliche Stimme.

»Ha, das ist die Stimme des Hausknechtes ... Was will er?«

Er sprang auf und setzte sich auf den Diwan. Das Herz klopfte so stark,

daß es ihn schmerzte.

»Wer hat denn die Türe zugehakt?« erwiderte Nastasja. »Sieh mal, er

fängt an, sich einzuschließen! Fürchtet er, daß man ihn holen könnte?

Öffne. Mensch, wach auf!«

»Was wollen sie? Warum ist der Hausknecht da? Alles ist bekannt. Soll

ich Widerstand leisten oder öffnen? Mag alles zugrunde gehen ...«

Er erhob sich ein wenig, beugte sich nach vorn und nahm den Haken ab.

Das ganze Zimmer war nur so groß, daß man den Türhaken abnehmen konnte,

ohne vom Bette aufzustehen.

Er hatte richtig geraten, -- vor ihm standen Nastasja und der

Hausknecht. Nastasja blickte ihn eigentümlich an. Er warf dem

Hausknechte einen herausfordernden und verzweifelten Blick zu. Der

reichte ihm schweigend ein graues zusammengelegtes Stück Papier, das mit

gewöhnlichem Siegellack zugesiegelt war.

»Vorladung aus dem Bureau,« sagte er, indem er das Papier überreichte.

»Aus welchem Bureau? ...«

»Selbstredend vom Polizeibureau.«

»Von der Polizei! ... Warum?«

»Woher soll ich es wissen. Man verlangt es und da müssen Sie gehen.«

Er sah ihn aufmerksam an, warf einen Blick ins Zimmer und wandte sich,

um fortzugehen.

»Bist du ganz krank geworden?« bemerkte Nastasja, die ihre Augen nicht

von ihm abwandte.

Der Hausknecht drehte auch einen Augenblick seinen Kopf um.

»Seit gestern hat er Fieber,« fügte sie hinzu.

Er antwortete nichts und hielt das Schriftstück in den Händen, ohne es

zu öffnen.

»Bleib liegen,« fuhr Nastasja fort; sie wurde weicher gestimmt, als sie

sah, daß er die Füße vom Diwan herabließ.

»Da du krank bist, so gehe nicht hin: es brennt doch nicht. Was hast du

da in der Hand?«

Er blickte hin. In der rechten Hand hielt er die abgeschnittenen Fransen

von der Hose, den Strumpf und die Fetzen der ausgerissenen Tasche. So

hatte er mit ihnen geschlafen. Als er später darüber nachsann, erinnerte

er sich, daß er im Fieber aufwachend, dies alles nur fester in seiner

Hand zusammenballte und wieder einschlief.

»Sieh, was für Lumpen er gesammelt hat und schläft mit ihnen, als wären

sie ein kolossaler Schatz ...« Und Nastasja fiel in ihr lautes nervöses

Lachen.

Im Nu steckte er alles unter den Mantel und heftete auf sie einen

forschenden Blick. Obwohl er in diesem Augenblicke wenig mit Verstand

sich die Sache überlegen konnte, fühlte er doch, daß man einen Menschen

nicht in dieser Weise behandeln würde, wenn man ihn verhaften wollte ...

»Aber ... die Polizei?«

»Du solltest etwas Tee trinken. Willst du? Ich bringe ihn dir; es ist

etwas übriggeblieben ...«

»Nein ... ich will hingehen; ich will sofort hingehen,« murmelte er

aufstehend.

»Du kannst ja nicht mal die Treppe hinuntergehen.«

»Ich will hingehen ...«

»Wie du willst.«

Sie folgte dem Hausknechte.

Sofort stürzte er zum Licht, um den Strumpf und die Hosenfransen zu

besehen.

»Flecken sind da, aber kaum sichtbar. Alles ist beschmutzt, abgerieben

und verblichen. Wer es nicht weiß -- wird nichts bemerken. Nastasja

konnte wahrscheinlich von weitem nichts sehen. Gott sei Dank.« Dann

öffnete er mit Bangen die Vorladung und begann zu lesen; er las lange,

und schließlich begriff er. Es war eine gewöhnliche Vorladung, vom

Polizeirevier, heute um halb zehn in dem Bureau des Revieraufsehers zu

erscheinen.

»Das ist mir noch nie passiert. Ich habe nichts mit der Polizei zu tun.

Und warum gerade heute!«

Er wollte sich schon auf die Knie werfen, um zu beten, lachte dann aber

selbst darüber, -- nicht über das Beten, sondern über sich selbst. Er

begann sich eilig anzuziehen.

»Soll ich zugrunde gehen, na, dann ist nichts zu machen. Soll ich den

Strumpf anziehen!« dachte er plötzlich. »Er wird noch mehr im Staub

beschmutzt und die Spuren werden verschwinden.«

Kaum aber hatte er ihn angezogen, als er ihn voll Ekel und Schrecken

herunterriß. Er hatte ihn vom Fuß heruntergerissen, aber nachdem er

überlegt hatte, daß er keinen anderen hatte, zog er ihn wieder an -- und

lachte wieder.

»All das ist Vorurteil, alles ist nur wie man's nimmt, all das sind nur

Formen,« dachte er einem flüchtigen Gedanken nach und zitterte dabei am

ganzen Körper. »Ich habe ihn doch angezogen. Hab es fertig gebracht, ihn

anzuziehen.«

Aber das Lachen verwandelte sich sogleich in Verzweiflung.

»Nein, das ist über meine Kräfte ...« dachte er. Seine Füße zitterten.

»Aus Angst,« murmelte er vor sich hin. Der Kopf schwindelte ihm und

schmerzte vor Fieber.

»Eine List ist es! Sie wollen mich mit List hinlocken und mich plötzlich

aus der Fassung bringen,« fuhr er fort vor sich hinzumurmeln und ging

auf die Treppe hinaus. »Das ist schlimm, daß ich fieberig bin ... ich

kann irgendeine Dummheit machen ...«

Auf der Treppe besann er sich, daß er alle Sachen so in dem Loche unter

der Tapete liegen ließ. »Und gerade jetzt konnte absichtlich in seiner

Abwesenheit eine Haussuchung vorgenommen werden,« fiel es ihm ein, und

er blieb stehn. Aber solch eine Verzweiflung und solch ein, wenn man

sich so ausdrücken darf, -- Zynismus über seinen Untergang hatten ihn

gepackt, daß er unbekümmert weiterging.

»Möge es bloß schnell vorbei sein! ...« Auf der Straße war es wieder

unerträglich heiß; kein Regentropfen in all diesen Tagen. Wieder gab es

Staub von Ziegeln und Kalk, wieder den Gestank aus den Läden und

Wirtshäusern, wieder tauchten alle Augenblicke Betrunkene, finnische

Höcker und halbzerfallene Droschken auf. Die Sonne strahlte hell in

seine Augen, so daß es ihm weh tat, und der Kopf schwindelte ihm, -- das

gewöhnliche Gefühl eines Fieberkranken, der plötzlich auf die Straße an

einem heißen sonnigen Tage hinaustritt.

Als er um die Ecke in die _gestrige_ Straße einbog, blickte er dorthin,

auf _jenes_ Haus voll qualvoller Unruhe ... und wendete sogleich die

Augen ab.

»Wenn man mich frägt, werde ich es vielleicht sagen,« dachte er, indem

er sich dem Polizeibureau näherte.

Das Bureau war ein paar hundert Schritte von seinem Hause entfernt. Es

war kürzlich in neuen Räumen in einem neuen Hause im vierten Stocke

untergebracht worden. In dem alten Bureau war er einmal, aber vor

längerer Zeit, gewesen. Als er in das Tor eintrat, erblickte er zur

rechten Hand eine Treppe, von der ein Mann mit einem Buche in der Hand

herunterkam. »Ein Bureaudiener also; folglich ist auch hier das Bureau,«

und er begann aufs Geratewohl die Treppe hinaufzusteigen. Er wollte

niemanden um Auskunft fragen.

»Ich trete ein, werfe mich auf die Knie und erzähle alles ...« dachte

er, indem er die letzte Treppe zum vierten Stock hinaufstieg.

Die Treppe war sehr schmal, steil und voll Unrat. Alle Küchen von allen

Wohnungen in all den vier Stockwerken mündeten auf diese Treppe und

standen fast den ganzen Tag offen. Daher war dort eine furchtbare,

stickige Luft. Es kamen und gingen Hausknechte mit Büchern unter dem

Arm, Schutzleute und allerhand Volk beiderlei Geschlechts, die da zu tun

hatten. Die Türe zu dem Polizeibureau stand auch sperrweit auf. Er trat

ein und blieb im Vorzimmer stehn. Überall standen, überall warteten

Bauern. Auch hier war die Luft schrecklich dumpf und außerdem roch es

zum Übelwerden nach frischer, nicht ausgetrockneter Farbe mit ranzigem

Öl von den neugestrichenen Dielen. Er wartete ein wenig und beschloß,

weiter in das nächste Zimmer zu gehen. Alle Zimmer waren klein und

niedrig. Eine quälende Ungeduld zog ihn immer weiter und weiter. Niemand

beachtete ihn. In dem zweiten Zimmer saßen und schrieben einige

Schreiber, die vielleicht ein wenig besser gekleidet waren als er, dem

Äußeren nach komische Menschen. Er wandte sich an einen von ihnen.

»Was wünschest du?«

Er zeigte die Vorladung.

»Sie sind Student?« fragte der Schreiber, nachdem er einen Blick auf die

Vorladung geworfen hatte.

»Ja, ich bin gewesener Student.«

Der Schreiber blickte ihn ohne jegliche Neugier an. Er war ein besonders

zerzauster Mensch mit einem unbeweglichen Ausdruck im Blicke.

»Von diesem erfahre ich nichts, denn ihm ist es gleichgültig,« dachte

Raskolnikoff.

»Gehen Sie dorthin, zu dem Sekretär,« sagte der Schreiber und wies mit

dem Finger auf das allerletzte Zimmer.

Er trat in dieses Zimmer, das vierte der Reihe nach; es war eng und

vollgestopft von Menschen, die ein wenig besser gekleidet waren, als in

den ersten Zimmern. Unter den Besuchern waren auch zwei Damen. Die eine

in Trauer, ärmlich gekleidet, saß an einem Tisch gegenüber dem Sekretär

und schrieb etwas nach seinem Diktat. Die andere Dame, eine sehr dicke,

purpurrote, ansehnliche Frau mit Flecken im Gesichte, sehr auffällig

gekleidet, mit einer Brosche in der Größe einer Untertasse stand

seitwärts und schien auf etwas zu warten. Raskolnikoff schob dem

Sekretär seine Vorladung zu. Dieser besah sie flüchtig, sagte: »warten

Sie« und fuhr fort, sich mit der Dame in Trauer zu beschäftigen.

Raskolnikoff atmete erleichtert auf.

»Es ist sicher nicht das!« Allmählich begann er Mut zu fassen, er sprach

sich mit aller Macht zu, sich zusammenzunehmen und besonnen zu sein.

»Irgendeine Dummheit, irgendeine geringfügige Unvorsichtigkeit, und ich

kann mich verraten! Hm ... schade, daß hier keine frische Luft ist,«

fügte er hinzu, »diese Schwüle ... Der Kopf schwindelt mir noch mehr ...

und der Verstand auch ...«

Er fühlte in seinem ganzen Körper eine furchtbare Zerrüttung und

fürchtete auch, sich nicht beherrschen zu können. Nun versuchte er, sich

an etwas anzuklammern, und an irgend etwas vollkommen Nebensächliches zu

denken, aber das gelang ihm absolut nicht. Der Sekretär interessierte

ihn übrigens sehr stark, -- er wollte gern aus seinem Gesichte etwas

erraten und ihn durchschauen. Es war ein sehr junger Mann von etwa

zweiundzwanzig Jahren, mit einem beweglichen Gesichte von dunkler Farbe,

das ihn älter erscheinen ließ; er war nach der Mode und stutzerhaft

gekleidet, hatte einen Scheitel am Hinterkopf, war frisiert und

pomadisiert und trug eine Menge Ringe an den weißen, peinlich sauberen

Fingern und eine goldene Kette auf der Weste. Mit einem anwesenden

Ausländer wechselte er sogar ein paar Worte französisch, und tat es

ziemlich gut.

»Louisa Iwanowna, setzen Sie sich doch,« sagte er flüchtig zu der

geputzten purpurroten Dame, die die ganze Zeit dastand, als wage sie

nicht sich hinzusetzen, obwohl ein Stuhl neben ihr stand.

»Ich danke,« sagte sie deutsch und setzte sich, seiderauschend, auf den

Stuhl. Ihr hellblaues Kleid, mit weißen Spitzen besetzt, umgab gleich

einem Luftballon ihren Stuhl und nahm beinahe das halbe Zimmer ein. Ein

Duft von Parfüm verbreitete sich. Aber der Dame schien es peinlich zu

sein, daß sie das halbe Zimmer einnahm und daß sie so stark nach Parfüm

duftete, obgleich sie halb ängstlich, halb frech, jedoch voll deutlicher

Unruhe lächelte.

Die Dame in Trauer war endlich fertig und erhob sich von ihrem Platze.

Plötzlich trat mit einigem Geräusch, bei jedem Schritte sehr rasch und

eigentümlich die Schultern bewegend, ein Offizier ein, warf die Mütze

mit der Kokarde auf den Tisch und setzte sich in den Sessel. Bei seinem

Anblicke sprang die geputzte Dame von ihrem Platze auf und begann mit

besonderem Entzücken zu knixen, der Offizier aber schenkte ihr nicht die

geringste Beachtung und sie wagte es nicht mehr, sich in seiner

Gegenwart hinzusetzen. Es war der Gehilfe des Revieraufsehers, er hatte

einen horizontal abstehenden rötlichen Schnurrbart, sein Gesicht wies

unbedeutende Züge auf, die außer einer gewissen Frechheit nichts

ausdrückten. Er blickte von der Seite und unmutig auf Raskolnikoff;

dessen Anzug war schlecht, und dennoch entsprach seine Haltung nicht der

Ärmlichkeit seiner Kleidung. Raskolnikoff hatte aus Unvorsichtigkeit ihm

zu lange ins Gesicht gestarrt, so daß jener sich sogar beleidigt fühlte.

»Was willst du?« schrie er ihn an, entrüstet, daß solch ein zerlumpter

Mensch nicht daran dachte, vor seinem blitzesprühenden Blicke sich zu

verziehen.

»Man hat mich bestellt ... laut Vorladung ...« antwortete Raskolnikoff

zusammenhanglos.

»Es handelt sich um eine Geldforderung an ihn, _er ist Student_,«

beeilte sich der Sekretär zu bemerken, indem er von seiner Arbeit

aufschaute. »Da ist es!« und er warf Raskolnikoff ein Heft zu und zeigte

ihm die Stelle. »Lesen Sie es durch!«

»Geld? Was für Geld?« dachte Raskolnikoff, »aber, ... es ist also nicht

das!«

Und er fuhr vor Freude zusammen. Es wurde ihm urplötzlich unbeschreibbar

leicht. Alles war verflogen.

»Um welche Stunde aber sind Sie hierher bestellt, mein Herr!« schrie der

Leutnant, der sich aus unbekannten Gründen immer mehr ärgerte. »Man

bestellte Sie um neun und jetzt ist schon die zwölfte Stunde.«

»Man hat mir die Vorladung erst vor einer Viertelstunde zugestellt,«

antwortete laut und über die Schulter hinweg Raskolnikoff, der auch

plötzlich und unerwartet ärgerlich geworden war und darin ein gewisses

Vergnügen fand. »Es ist schon genug, daß ich trotz meines Fiebers

hergekommen bin.«

»Belieben Sie nicht zu schreien!«

»Ich schreie gar nicht, sondern spreche sehr ruhig, aber Sie schreien

mich an; ich bin Student und erlaube nicht, daß man mich anschreit.«

Der Gehilfe war so erregt, daß er im ersten Augenblick kein Wort

hervorbringen konnte, er zischte nur und sprang von seinem Platze auf.

»Schwei--gen Sie bitte! Sie stehen vor einer Behörde. Sie dürfen nicht

grob sein, mein Herr!«

»Auch Sie sind bei einer Behörde,« rief Raskolnikoff, »und Sie schreien

nicht allein, sondern rauchen auch, verletzen uns also in jeder Weise.«

Als Raskolnikoff dies gesagt hatte, empfand er einen unbeschreiblichen

Genuß. Der Sekretär blickte sie lächelnd an. Der hitzige Leutnant war

sichtbar verblüfft.

»Das geht Sie nichts an!« schrie er endlich unnatürlich laut. »Belieben

Sie aber besser eine Antwort auf die Forderung zu geben. Zeigen Sie sie

ihm, Alexander Grigorjewitsch. Klagen laufen gegen Sie ein! Sie zahlen

nicht! Schaut mal den noblen Herrn an!«

Raskolnikoff aber hörte nicht mehr, nahm aufgeregt das Papier vor und

suchte schnell die Lösung. Er las es einmal, ein zweites Mal, und

begriff nichts.

»Was ist es denn?« fragte er den Sekretär.

»Man verlangt von Ihnen Geld laut Schuldschein, eine Forderung ist es.

Sie müssen entweder die Summe mit allen Unkosten, Strafgeldern und so

weiter bezahlen oder eine schriftliche Erklärung abgeben, wann Sie

imstande sind zu bezahlen, gleichzeitig aber auch sich verpflichten, die

Hauptstadt bis zur Tilgung der Schuld nicht zu verlassen und Ihr

Eigentum weder zu veräußern noch zu verheimlichen. Der Gläubiger aber

hat das Recht, Ihr Eigentum zu verkaufen und mit Ihnen nach dem Gesetze

zu verfahren.«

»Ja ... aber ich schulde niemand etwas.«

»Das geht uns nichts an. Wir haben zur Einkassierung einen verfallenen

und gesetzlich protestierten Schuldschein auf hundertundfünfzehn Rubel

erhalten, den Sie der Witwe des Kollegienassessors Sarnitzin vor neun

Monaten ausgestellt haben und der von der Witwe Sarnitzin an den Hofrat

Tschebaroff durch Kauf übergegangen ist, und darum fordern wir von Ihnen

eine Erklärung.«

»Sie ist ja meine Zimmerwirtin!«

»Nun, und was ist dabei, daß sie Ihre Zimmerwirtin ist?«

Der Sekretär blickte ihn mit herablassendem mitleidigen Lächeln an,

gleichzeitig aber ein wenig triumphierend, wie über einen Neuling, den

man soeben beginnt zu rupfen, als wollte er sagen: »Nun, wie fühlst du

dich jetzt?«

Aber was kümmert ihn jetzt der Schuldschein, eine Forderung! Lohnt es

sich jetzt, darüber sich auch nur ein wenig aufzuregen, es auch nur zu

beachten! Er stand da, las, hörte, antwortete, fragte sogar selbst, aber

alles nur mechanisch. Der Triumph der Selbsterhaltung, die Rettung aus

der drohenden Gefahr, -- das erfüllte in diesem Augenblick sein ganzes

Wesen, ohne Ausblick, ohne Analyse, ohne Deutung und Enträtselung der

Zukunft, ohne Zweifel und ohne Fragen. Es war ein Augenblick

unmittelbarer, rein tierischer Freude. Aber in diesem Momente ereignete

sich im Bureau etwas wie die Entladung eines Gewitters. Der Leutnant,

immer noch aus dem Gleichgewicht wegen der Unehrerbietigkeit, ganz

aufgeregt und wahrscheinlich mit dem Wunsche, die gekränkte Ehre

herzustellen, stürzte sich mit seinem ganzen Zorn auf die unglückliche

»pompöse Dame,« die ihn seit seinem Eintritt mit einem äußerst dummen

Lächeln anblickte.

»Ach du, so eine,« schrie er sie plötzlich aus vollem Halse an (die Dame

in Trauer war schon fortgegangen), »was ist bei dir in der vorigen Nacht

passiert? Ah? Wieder gibt es bei dir Schimpf und Skandal in der ganzen

Straße? Wieder Schlägerei und Sauferei. Du träumst wohl vom

Arbeitshause! Ich habe dir doch schon gesagt, habe dich schon zehnmal

gewarnt, daß ich dir das elfte Mal nichts schenken werde! Und du tust es

wieder, du, du ...«

Das Papier entfiel den Händen Raskolnikoffs und er blickte entsetzt die

prachtvolle Dame an, mit der man so ungeniert herumsprang; aber bald

darauf begriff er, was los sei, und sofort gefiel ihm diese Sache

ausgezeichnet. Er hörte mit Vergnügen zu, so daß er Lust bekam, laut zu

lachen, zu lachen, zu lachen ... Alle seine Nerven zuckten.

»Ilja Petrowitsch!« versuchte der Sekretär zu besänftigen, aber er hielt

inne, um die rechte Zeit abzuwarten, denn den in Aufregung geratenen

Leutnant konnte man nicht anders beruhigen als durch Festhalten der

Hände, was er aus eigener Erfahrung kannte.

Was aber die prachtvolle Dame anging, so begann sie zuerst beim Donner

und Blitz zu beben; aber sonderbar, je zahlreicher und kräftiger die

Schimpfwörter wurden, um so liebenswürdiger wurde ihr Aussehen, um so

bezaubernder wurde ihr Lächeln dem zornigen Leutnant gegenüber. Sie

trippelte auf einem Fleck, knixte ununterbrochen und wartete voll

Ungeduld, daß sie endlich auch zu Wort kommen würde, was ihr schließlich

gelang.

»Gar kein Lärm und keine Schlägerei waren bei mir, Herr Kapitän,«

plapperte sie plötzlich los, so schnell, als schüttete man Erbsen aus,

-- mit einem stark deutschen Akzent, aber doch fließend russisch, --

»und gar kein Skandal, gar keiner, und sie kamen betrunken hin, und ich

will alles erzählen, Herr Kapitän, und ich bin nicht schuld ... ich habe

ein anständiges Haus, Herr Kapitän, und ein anständiger Ton ist bei mir,

Herr Kapitän, und ich will nie, will selbst nie einen Skandal haben. Sie

aber kamen ganz betrunken hin und haben dann drei Flaschen verlangt, und

dann erhob einer seine Füße und begann mit den Füßen auf dem Klavier zu

spielen, und das paßt sich gar nicht in einem anständigen Hause, und er

hat das ganze Klavier zerschlagen, und das ist doch keine Manier, und da

habe ich es ihm gesagt. Er aber nahm eine Flasche und begann alle von

hinten mit der Flasche zu stoßen. Und da habe ich den Hausknecht

gerufen, und als Karl kam, hat er Karl das Auge ausgeschlagen, und

Henriette hat er auch das Auge ausgeschlagen, und mich hat er fünfmal

auf die Backe geschlagen. Und das ist nicht fein in einem anständigen

Hause, Herr Kapitän, und ich habe geschrien. Und er hat das Fenster zu

dem Kanal geöffnet und hat wie ein kleines Schwein aus dem Fenster

gequiekt; das ist doch eine Schande. Wie kann man auch wie ein kleines

Schwein aus dem Fenster quieken? Pfui, pfui, pfui! Und Karl hat ihn an

seinem Frack vom Fenster gezogen, und das ist wahr, Herr Kapitän, daß er

ihm da seinen Rock zerrissen hat. Und da begann er zu schreien, daß man

ihm fünfzehn Rubel Strafe zahlen müsse. Und ich selbst habe ihm fünf

Rubel für seinen Rock bezahlt, Herr Kapitän. Und das ist ein

unanständiger Gast, Herr Kapitän, und er hat allen Skandal gemacht. Ich

werde, hat er gesagt, eine große Satire über Sie drucken lassen, denn

ich kann in allen Zeitungen über Sie schreiben.«

»Also ein Zeitungsschreiber?«

»Ja, Herr Kapitän, und welch ein unanständiger Gast, Herr Kapitän, wenn

er in einem anständigen Hause ...«

»Nun, nun, genug! Ich habe dir doch gesagt, habe dir doch gesagt ...«

»Ilja Petrowitsch!« sagte von neuem der Sekretär bedeutungsvoll.

Der Leutnant blickte ihn schnell an, der Sekretär nickte leicht mit dem

Kopfe.

»... Also es ist mein letztes Wort, verehrteste Louisa Iwanowna, und

auch zum letztenmal,« fuhr der Leutnant fort, »wenn in deinem

anständigen Hause nur noch ein einziges Mal ein Skandal vorkommt, so

werde ich dich selbst beim Wickel nehmen, wie man sich poetisch

ausdrückt. Hast du gehört? Also ein Literat, ein Schriftsteller war es,

der in einem >anständigen Hause< fünf Rubel für einen Rockschoß genommen

hat? So sind sie, diese Schriftsteller!« und er warf einen verächtlichen

Blick auf Raskolnikoff. »Vorgestern passierte in einem Restaurant

dieselbe Geschichte, -- hat einer zu Mittag gegessen, wünscht aber nicht

zu zahlen; >ich werde<, sagt er, >Sie in einer Satire schildern<. Ein

anderer wieder beschimpft mit den gemeinsten Worten in der vorigen Woche

auf einem Dampfschiffe die achtbare Familie eines Staatsrates, Frau und

Tochter. Vor ein paar Tagen hat man einen dritten aus einer Konditorei

herausgeschmissen. So sind sie alle, die Schriftsteller, Literaten,

Studenten, Großmäuler ... pfui! Und du kannst dich packen! Ich will mal

selbst dich aufsuchen ... dann nimm dich in acht! Hast du gehört?«

Louisa Iwanowna begann mit eiliger Liebenswürdigkeit nach allen Seiten

hin zu knixen und trippelte knixend bis zur Türe, hier aber stieß sie

von hinten auf einen stattlichen Offizier mit einem offenen frischen

Gesichte und schönem dichten, blonden Backenbart. Es war Nikodim

Fomitsch selbst, der Revieraufseher. Louisa Iwanowna beeilte sich einen

tiefen Knix zu machen und flog mit eiligen kleinen Schritten hüpfend aus

dem Bureau hinaus.

»Wieder Gepolter, wieder Donner und Blitz, Wirbelwind und Orkan!« wandte

sich Nikodim Fomitsch liebenswürdig und freundschaftlich an Ilja

Petrowitsch. »Wieder hat man Ihr Herz in Aufruhr gebracht, wieder sind

Sie erregt worden! Ich hab' es schon auf der Treppe gehört.«

»Ach, was!« sagte mit nobler Gleichgültigkeit Ilja Petrowitsch und ging

mit einigen Papieren zu einem anderen Tisch, wobei er bei jedem Schritt

elegant mit den Schultern zuckte. »Da, bitte sehen Sie es sich mal an --

der Herr Schriftsteller, pardon Student, ein gewesener wollte ich sagen,

zahlt nicht, stellt Wechsel aus, räumt die Wohnung nicht, fortwährende

Klagen laufen ein, -- er aber war doch gekränkt, daß ich in seiner

Gegenwart mir eine Zigarette ansteckte. Selbst aber gaunert diese Sorte,

bitte sehen Sie sich ihn doch an, -- da steht er in seinem reizenden

Aussehen.«

»Armut ist kein Laster, mein Freund, na, aber wozu reden. Es ist ja

bekannt, du bist wie Pulver, konntest eine Kränkung nicht ertragen. Sie

fühlten sich durch irgend etwas von ihm gekränkt und konnten sich nicht

beherrschen,« fuhr Nikodim Fomitsch fort, sich liebenswürdig an

Raskolnikoff wendend, »aber das war überflüssig, er ist der

an--stän--dig--ste Mensch, sage ich Ihnen, aber wie Pulver, wie Pulver!

Flammt auf, kocht über, brennt ab -- und Schluß. Und alles ist vorbei!

Und zu guter Letzt bleibt nur das goldene Herz! Man hat ihn schon im

Regiment >Leutnant Pulver< genannt!«

»Und was für ein Regiment es war!« rief Ilja Petrowitsch aus, sehr

zufrieden, daß man ihm so angenehm geschmeichelt hatte, aber immer noch

schmollend. Raskolnikoff bekam plötzlich Lust, ihnen allen etwas äußerst

Angenehmes zu sagen.

»Aber bitte, Herr Kapitän,« begann er ziemlich ungezwungen, sich

plötzlich an Nikodim Fomitsch wendend, »berücksichtigen Sie auch meine

Lage ... Ich bin sogar bereit, um Entschuldigung zu bitten, wenn ich

gegen etwas verstoßen habe. Ich bin ein armer und kranker Student,

erdrückt (er sagte >erdrückt<) von Armut. Ich bin ehemaliger Student, da

ich jetzt meinen Unterhalt nicht verdienen kann, aber ich erhalte Geld

... Ich habe Mutter und Schwester im --schen Gouvernement. Sie werden

mir Geld schicken und ich werde ... bezahlen. Meine Wirtin ist eine gute

Frau, aber sie ist so böse geworden, weil ich meine Stunden verloren

habe und ihr den vierten Monat nicht zahle, daß sie mir sogar kein

Mittagessen mehr schickt ... Und ich begreife gar nicht, was das für ein

Wechsel ist. Jetzt verlangt sie von mir, ihn einzulösen, aber wie kann

ich denn zahlen, urteilen Sie selbst!«

»Aber das geht ja uns nichts an ...« versuchte der Sekretär wieder zu

bemerken ...

»Erlauben Sie, erlauben Sie, ich bin mit Ihnen vollkommen einverstanden,

aber erlauben Sie, Ihnen klar zu machen,« unterbrach ihn Raskolnikoff,

indem er sich nicht an den Sekretär, sondern, wie schon die ganze Zeit,

an Nikodim Fomitsch wandte und dabei aus aller Kraft versuchte, sich

auch an Ilja Petrowitsch zu wenden, obgleich dieser sich hartnäckig den

Anschein gab, als wühle er in den Papieren und beachte ihn nicht,

»erlauben Sie mir auch meinerseits Ihnen zu erklären, daß ich schon drei

Jahre bei ihr wohne, seit meiner Ankunft aus der Provinz und früher ...

früher ... übrigens warum soll ich es nicht gestehen, gleich im Anfang

gab ich ihr das Versprechen, daß ich ihre Tochter heiraten werde, es war

ein mündliches, vollkommen freiwilliges Versprechen ... Sie war ein

junges Mädchen ... übrigens sie gefiel mir sogar ... obgleich ich nicht

in sie verliebt war ... mit einem Worte Jugend, d. h. ich will sagen,

daß meine Wirtin mir damals viel Kredit einräumte und ich führte

teilweise ein solches Leben ... ich war sehr leichtsinnig ...«

»Man verlangt von Ihnen gar nicht solche intime Geständnisse, mein Herr,

außerdem haben wir keine Zeit dazu,« unterbrach ihn grob und

triumphierend Ilja Petrowitsch, aber Raskolnikoff beeilte sich voll

Eifer weiter zu sprechen, obwohl es ihm plötzlich äußerst schwer fiel.

»Aber erlauben Sie, erlauben Sie mir, teilweise, alles zu erzählen ...

wie die Sache vor sich ging und ... wiederum ... obgleich es überflüssig

ist zu erzählen, ich bin darin mit Ihnen einverstanden, -- aber vor

einem Jahre starb dies junge Mädchen am Typhus, ich aber blieb in Miete,

wie vorher, und meine Wirtin sagte mir, als sie in ihre jetzige Wohnung

einzog, und ... sagte es mir freundschaftlich ... daß sie mir vollkommen

vertraue und daß alles ... aber ob ich ihr nicht einen Schuldschein von

hundertundfünfzehn Rubel ausstellen möchte, das war die Summe, die ich

ihr schuldete. Erlauben Sie, -- sie sagte mir nämlich, daß, wenn ich ihr

dies Papier ausgestellt habe, sie mir von neuem kreditieren würde,

soviel ich nur wünschte, und daß sie niemals, niemals -- das sind ihre

eigenen Worte -- von diesem Papier Gebrauch machen würde, bis ich selbst

bezahlen werde ... Und jetzt, wo ich meine Stunden verloren und nichts

zu essen habe, verklagt sie mich ... Was soll ich dazu sagen?«

»Alle diese rührenden Einzelheiten gehen uns gar nichts an, mein Herr,«

schnitt Ilja Petrowitsch dreist ab. »Sie müssen eine Erklärung abgeben

und eine Verpflichtung ausstellen, ob Sie aber verliebt waren, und all

diese tragischen Sachen gehen uns ganz und gar nichts an.«

»Nun, du bist aber ... auch zu grausam ...« murmelte Nikodim Fomitsch,

indem er sich an seinen Tisch setzte und Papiere zu unterschreiben

begann.

Er schien sich zu schämen.

»Schreiben Sie also,« sagte der Sekretär zu Raskolnikoff.

»Was soll ich schreiben?« fragte er besonders grob.

»Ich werde Ihnen diktieren.«

Raskolnikoff schien es, als wäre der Sekretär herablassender und

geringschätziger ihm gegenüber nach seiner Beichte geworden, -- aber

merkwürdig, -- ihm war plötzlich die Meinung eines anderen so vollkommen

gleichgültig, und dieser Umschwung hatte sich in einem Augenblick, in

einem Nu vollzogen. Wenn er nur ein wenig hätte nachdenken wollen, so

würde er sicher verwundert gewesen sein, wie er so mit ihnen vor einer

Minute hatte sprechen und sich sogar mit seinen Gefühlen hatte

aufdrängen können? Und woher kam dieses Gefühl? Jetzt, wenn das Zimmer

plötzlich nicht mit Revieraufsehern, sondern mit seinen besten Freunden

angefüllt wäre, würde er kein einziges menschliches Wort für sie finden,

so leer war plötzlich sein Herz geworden. Ein düsteres Empfinden der

qualvollen endlosen Einsamkeit und Entfremdung teilte sich plötzlich

bewußt seiner Seele mit. Nicht die Erniedrigung vor Ilja Petrowitsch

durch seine Herzensergießung, auch nicht die Erniedrigung durch den

Triumph des Leutnants hatten sein Herz plötzlich so umgewandelt. Oh, was

ging ihn jetzt die eigene Schuftigkeit an, all der Ehrgeiz, was gingen

ihn alle Leutnants, deutsche Frauen, Geldforderungen, Bureaus an und so

weiter und so weiter! Hätte man ihn in diesem Augenblicke zum

Scheiterhaufen verurteilt, er hätte sich auch dann nicht gerührt, hätte

kaum das Urteil aufmerksam angehört. In ihm vollzog sich etwas ihm

völlig Unbekanntes, Neues, Unerwartetes und Niedagewesenes. Er konnte es

nicht begreifen, aber fühlte es ganz klar mit der ganzen Kraft des

Empfindens, daß er von jetzt ab weder mit gefühlvollen Ereignissen, wie

vorhin, noch mit anderen Dingen sich an diese Menschen im Polizeibureau

wenden konnte; auch dann wäre es für ihn überflüssig, sich an sie jemals

im Leben zu wenden, wenn es sogar seine leiblichen Brüder und Schwestern

gewesen wären, und nicht Polizeileutnants. Er hatte bis zu diesem

Augenblick noch nie eine ähnliche seltsame und fürchterliche Empfindung

erlebt. Und das Quälendste dabei war, -- daß es ein Empfinden war, kein

bewußtes Begreifen, eine unmittelbare Empfindung, die qualvollste von

allen, die er im Leben gekostet.

Der Sekretär begann ihm die Form einer in diesem Falle gebräuchlichen

Erklärung zu diktieren, d. h. ich kann nicht zahlen, verspreche es in

der Frist (irgendwann) zu tun, werde die Stadt nicht verlassen und mein

Eigentum weder verkaufen, noch verschenken und dergleichen mehr.

»Sie können ja gar nicht schreiben, die Feder fällt Ihnen aus der Hand,«

-- bemerkte der Sekretär und blickte voll Neugier Raskolnikoff an. --

»Sie sind krank?«

»Ja ... der Kopf schwindelt mir ... diktieren Sie weiter.«

»Das ist alles. Unterschreiben Sie es.«

Der Sekretär nahm das Papier und wendete sich andern Besuchern zu.

Raskolnikoff gab die Feder zurück, aber anstatt aufzustehen und

wegzugehen, stützte er die Ellbogen auf den Tisch und preßte mit den

Händen den Kopf zusammen. Es war, als ob man ihm einen Nagel in die

Schläfe hineinschlüge. Ein wunderlicher Gedanke kam ihm plötzlich, --

sofort aufzustehen, zu Nikodim Fomitsch zu gehen und ihm das gestrige zu

erzählen, alles bis auf die letzte Einzelheit, dann mit ihm in seine

Wohnung zu gehen und ihm die Sachen in dem Winkel im Loche zu zeigen.

Der Drang war so stark, daß er sich schon erhob, um es auszuführen.

»Soll ich nicht einen Moment nachdenken?« -- fuhr es ihm durch den Kopf.

»Nein, besser nicht nachdenken und die Sache ist abgetan!«

Aber plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen: Nikodim Fomitsch sprach

voll Eifer mit Ilja Petrowitsch, und er vernahm folgende Worte:

»Es kann nicht sein, man wird beide freilassen. Erstens, widerspricht

alles der Annahme; urteilen Sie selbst, -- warum holten sie den

Hausknecht, wenn sie es getan haben? Etwa um sich selbst anzuzeigen?

Oder aus Schlauheit! Nein, das wäre schon zu schlau! Und schließlich,

den Studenten Pestrjakoff haben beide Hausknechte und eine Frau am Tore

im selben Momente gesehen, als er hineinging, -- er ging mit drei

Bekannten zusammen und verabschiedete sich von ihnen am Tore, und dann

fragte er die Hausknechte nach der Wohnung in Gegenwart seiner

Bekannten. Nun, wird jemand nach der Wohnung fragen, wenn er so eine

Absicht hat? Und Koch, -- der hat, bevor er zu der Alten ging, eine

halbe Stunde unten bei dem Silberarbeiter gesessen und er ist genau ein

viertel vor acht zu der Alten hinaufgegangen. Jetzt erwägen Sie ...«

»Aber erlauben Sie, woher denn der Widerspruch bei ihnen -- sie

behaupten selbst, daß sie geklopft haben, und daß die Türe verschlossen

war, und nach drei Minuten, als sie mit dem Hausknecht heraufkamen,

erwies sich, daß die Türe offen war?«

»Das ist ja der Haken, -- der Mörder saß unbedingt drinnen und hatte

sich eingeschlossen, und man hätte ihn sicher gefaßt, wenn Koch nicht

die Dummheit begangen hätte, selbst nach dem Hausknecht zu gehen. _Dem_

aber gelang es währenddessen, die Treppe hinunterzugehen und irgendwie

an ihnen vorbeizuschlüpfen. Koch bekreuzt sich mit beiden Händen: >wenn

ich geblieben wäre,< sagt er, >würde er herausgekommen sein und hätte

mich totgeschlagen<. Er will ein russisches Dankgebet abhalten lassen

... ha--ha!«

»Und den Mörder hat niemand gesehen?«

»Wie denn? Das Haus ist eine Arche Noah,« -- bemerkte der Sekretär, der

von seinem Platze zuhörte.

»Es ist ganz klar, es ist ganz klar!« wiederholte Nikodim Fomitsch

eifrig.

»Nein, die Sache ist sehr unklar,« blieb Ilja Petrowitsch bei seiner

Ansicht.

Raskolnikoff nahm seinen Hut und ging zur Türe, aber kam nicht so weit

... Als er zu sich kommt, sieht er, daß er auf einem Stuhl sitzt; daß

rechts ihn jemand stützt, links ein anderer steht mit einem gelben

Glase, gefüllt mit gelbem Wasser, und daß Nikodim Fomitsch vor ihm steht

und ihn unverwandt anblickt. Er stand vom Stuhle auf.

»Was ist Ihnen, sind Sie krank?« -- fragte Nikodim Fomitsch ziemlich

scharf.

»Schon als er unterschrieb, konnte er kaum die Feder führen,« bemerkte

der Sekretär, indem er seinen Platz einnahm und in seinen Papieren

wieder blätterte.

»Sind Sie schon lange krank?« rief Ilja Petrowitsch von seinem Platze

aus, indem er auch in Papieren blätterte.

Er hatte selbstverständlich auch den Kranken betrachtet, als er

ohnmächtig war, war aber sofort auf die Seite getreten, als jener zu

sich kam.

»Seit gestern ...« murmelte Raskolnikoff zur Antwort.

»Und sind Sie gestern ausgegangen?«

»Ja.«

»Krank?«

»Ja.«

»Um wieviel Uhr?«

»In der achten Stunde abends.«

»Und wohin, wenn man fragen darf?«

»Auf die Straße.«

»Kurz und bündig.«

Raskolnikoff antwortete scharf, kurz, bleich wie ein Taschentuch, ohne

seine schwarzen entzündeten Augen vor dem Blick Ilja Petrowitsch' zu

senken.

»Er kann kaum auf den Füßen stehen und du ...« versuchte Nikodim

Fomitsch zu bemerken.

»Tut nichts!« -- sagte Ilja Petrowitsch sehr eigentümlich.

Nikodim Fomitsch wollte noch etwas hinzufügen, schwieg aber, als er den

Sekretär anblickte, der ihn auch sehr aufmerksam ansah. Plötzlich

schwiegen alle. Es war merkwürdig.

»Nun gut!« -- schloß Ilja Petrowitsch.

»Wir halten Sie nicht auf.«

Raskolnikoff ging hinaus. Er konnte noch hören, wie nach seinem

Fortgange plötzlich ein lebhaftes Gespräch begann, in dem am lautesten

die fragende Stimme von Nikodim Fomitsch hervortrat ... Auf der Straße

kam er ganz zu sich.

»Eine Haussuchung, Haussuchung, sie werden sofort bei mir suchen!« --

wiederholte er vor sich hin, indem er sich beeilte nach Hause zu kommen.

-- »Räuber! Sie haben Verdacht!«

Wieder erfaßte ihn vom Kopf bis zu Füßen die Angst von vorhin.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 22 / 66 题