Zur Einführung in die Ausgabe

Wir brauchen in Deutschland die voraussetzungslose russische

Geistigkeit. Wir brauchen sie als ein Gegengewicht gegen ein Westlertum,

dessen Einflüssen auch wir ausgesetzt waren, wie Rußland ihnen

ausgesetzt gewesen ist, und das auch uns dahin gebracht hat, wohin wir

heute gebracht sind. Nachdem wir solange zum Westen hinübergesehen

haben, bis wir in Abhängigkeit von ihm gerieten, sehen wir jetzt nach

dem Osten hinüber -- und suchen die Unabhängigkeit. Aber wir werden sie

nicht im Osten, wir werden sie immer nur bei uns selbst finden.

Der Blick nach dem Osten erweitert unsern Blick um die Hälfte der Welt.

Die Fragen des Ostens sind für uns zunächst eine Frage der geistigen

Universalität. Und wenn wir uns mit ihnen beschäftigen, dann handeln wir

nur im Geiste unserer besten Überlieferung. Aber diese Fragen sind noch

mehr. Sie sind zugleich eine Frage der geistigen Souveränität. Nachdem

wir sie im neunzehnten Jahrhundert an den Westen verloren haben, wollen

wir sie im zwanzigsten Jahrhundert für Deutschland zurückerringen.

Es wird immer zu unseren Unbegreiflichkeiten gehören, daß wir es dahin

kommen ließen, daß wir uns dem Westen bis zu dieser völligen

Selbstvergessenheit hingaben. Es ist um so unbegreiflicher, als wir im

Gegensatze zu Rußland, das sich seine geistigen Werte erst erringen

mußte, die unseren im festen Besitze hielten, und als unter ihnen nicht

wenige waren, die wir noch nicht einmal vor der eigenen Nation

aufgeschlossen und ihr mitgeteilt hatten. Doch wir bevorzugten die

fremden Werte. Heute sehen wir die Wirkung. Und wir leben unter den

Folgen.

Wir haben im Verlaufe unserer langen Bildungsgeschichte schon manches

fremde und ferne Bildungsgebiet einbezogen, ob es das griechische war,

oder das italienische. Aber noch nie wurde eines so gefährlich, wie das

westliche geworden ist. Wir werden uns hüten müssen, daß nicht auch der

Osten zu einer Gefahr wird.

Es ist kein anderes Verhältnis zu ihm möglich als das des völligen

Vertrautseins, aber auch des sicheren Abstandes. Wenn wir unsere

geistige Souveränität, und aus ihr folgend unsere politische

Souveränität, wiedergewonnen haben, dann wird auch Rußland nicht mehr

und nicht weniger für uns sein, als eines jener großen Bildungsgebiete,

die uns reicher machten, aber auch selbständiger.

Bis dahin teilen wir mit Rußland, aus verschiedenen Gründen, das gleiche

Schicksal.

Sämtliche Werke 1-2 · 第 8 / 66 题