Wie man Mörder mietet

Am 3. Juli 1922 wurde Maximilian Harden in der Nähe seiner Wohnung im

Grunewald von dem ehemaligen Leutnant Walter Ankermann und dem

landwirtschaftlichen Beamten Herbert Weichhard aus Oldenburg überfallen

und mit einer schweren Eisenstange niedergeschlagen. Harden wurde aus

mehreren Wunden blutend von Passanten gefunden. »Nach der Festnahme

Weichhards fand man in den Wohnungen der Beiden Stücke eines zerrissenen

Telegramms, das auf Albert Wilhelm Grenz in Oldenburg als Anstifter

hindeutete. Grenz und seine Frau wurden verhaftet. Nach anfänglichem

Leugnen gestand er seine Beteiligung. Grenz vertreibt antisemitische

Schriften und ist Leiter und Vorsitzender der deutschvölkischen

Organisation in Ostfriesland, ebenso Vorsitzender des deutschen

Treubundes. In seiner Behausung wurde eine Liste aller deutschvölkischen

Anhänger, die zu Taten bereit wären, und eine Liste der in Ostfriesland

wohnenden Juden gefunden. Wie Grenz angab, erhielt er Anfang März einen

anonymen Brief aus München, der die Aufforderung enthielt, zwei junge,

tatenfrohe Männer zu suchen, die bereit seien, für ihr Vaterland alles

zu tun. Ihre Sicherstellung werde erfolgen. Antwort umgehend unter

A.W.G. 500, Hauptpostamt München. Grenz trat an Weichard heran, der sich

sofort zur Tat bereit erklärte und kurz darauf mit Ankermann bei Grenz

erschien. Nun schrieb Grenz an die angegebene Adresse nach München, er

habe zwei brave deutsche Männer gefunden. Schon wenige Tage darauf kam

aus München ein brieflicher Dank für Grenz und für die beiden Männer.

Und die weitere Mitteilung, sofort nach Frankfurt a. M. zu fahren, wo

unter A.W.G. 500 hauptpostlagernd weitere Nachricht für Grenz liege.

Diesem Verlangen kam Grenz nach; und bei seinem Eintreffen in Frankfurt

a. M. lag dort ein Brief, in dem es heißt, daß zur Ausführung der Tat

eine Summe beiliege, die entsprechend zu verteilen sei. Auch solle Grenz

die beiden Leute förmlich verpflichten. Nach der Tat würde den beiden

eine weitere Summe gezahlt werden, die die anliegende (es waren 23_000

oder 25_000 M.) erheblich übersteige. Außerdem wird beiden Leuten, wenn

sie Wert darauf legen, durch Vermittlung _Anstellung im bayerischen

Staatsdienst in Aussicht gestellt_. Ein beigefügter Zettel in

Maschinenschrift enthielt nur die Worte »Maximilian Harden«. Ein anderer

Zettel gab folgende Verhaltungsmaßregeln: »Keine Briefe und keine

Telegramme senden, tunlichst Auto benutzen, nicht viel reden, alles auf

die Sache Bezügliche vernichten, nach der Tat nach verschiedenen

Himmelsrichtungen auseinandergehen.« Grenz fuhr nach Oldenburg zurück

und benachrichtigte die beiden in Aussicht genommenen Täter. Er

verpflichtete sie in seiner Wohnung durch Handschlag förmlich und machte

sie darauf aufmerksam, daß den Verräter die gleiche Strafe treffen

würde, die Maximilian Harden zugedacht sei. Ankermann erhielt 10_000

Mark, Weichard 7000 bis 8000 Mark. Die beiden reisten ab, führten aber

nicht, wie verabredet, noch Ende März oder Anfang April die Tat aus,

trieben sich vielmehr zuerst in Berlin herum, besuchten Bars und

schrieben erst nach der Ermordung Rathenaus an Grenz, daß trotz der

ungünstigen Konjunktur das Geschäft binnen kurzem perfekt gemacht werde.

Der Brief, der die Ermordung »spätestens Dienstag« melden sollte, lag in

der Wohnung der Täter fertig. Hier sein Wortlaut: »Sehr geehrter Herr,

wir teilen Ihnen hiermit höflichst mit, daß uns trotz ungünstigster

Konjunktur der Geschäftsabschluß geglückt ist.

Wir sehen nunmehr Ihrem persönlichen schnellmöglichsten Kommen hierher

entgegen und bitten höflichst und dringendst, alles Nötige zur

Aufrechterhaltung der einmal eingegangenen Geschäftsverbindungen in die

Wege zu leiten und mitzubringen.

Nach dem jeweiligen Stand unserer Valuta halte ich baldmöglichstes

Anbahnen der beabsichtigten Geschäftsverbindung mit der pp. Firma im

Süden für unbedingt erforderlich. Ich verstehe darunter vorzugsweise die

geplante baldigste Festanstellung unserer beiden Herren bei der pp.

Firma, die ihnen ja auch vertragsmäßig in Aussicht gestellt ist. Für

ihre und ihrer Familien Uebersiedlung ist naturgemäß Sorge zu tragen.

Gleichzeitig bitten wir, bei Einlösung der Devisen dafür Sorge tragen zu

wollen, daß die vereinbarte Anzahlung auch die entstandenen Unkosten und

Verpflichtungen decken kann, also mindestens sechzigtausend Mark.

Wünschenswert wäre, wenn unser Chef sich dazu verstehen könnte, die

Schuldsumme in Höhe von dreißigtausend Mark extra auszuwerfen, sodaß die

Herren Agenten keine Einbuße des ihnen Zustehenden erleiden.

In der Hoffnung, daß unserem Bericht Ihrerseits der genügende Nachdruck

verliehen wird, zeichnen wir mit ganz vorzüglicher Hochachtung -- immer

die Alten.

Da Ihnen unsere Anschrift bekannt ist, bitten wir, die

Duplikatfrachtbriefe uns so schnell wie möglich zukommen zu lassen.

Mündlich mehr.«

»Duplikatfrachtbriefe«: falsche Pässe und Prämien, »Firma im Süden«:

Organisation »Consul«. Ankermann, einst Couleurstudent mit weißem

Stürmer, dann Oberleutnant mit Eisernem Kreuz erster Klasse, Liebling

und Kostgänger öffentlich umlaufender Mädchen, trat am Morgen nach dem

völkisch-heldischen Versuch, von hinten, »ohne Risiko«, einem Wehrlosen

den Schädel einzuschlagen, in das Berliner Büro der deutschnationalen

Partei und fragte nach dem Herrn von Dryander. Nicht anwesend. Wer denn?

Graf York. Zu diesem Grafen sprach der Herr Oberleutnant: »Ich habe

gestern befehlsgemäß Harden erledigt, muß deshalb verschwinden und

komme, mir Reisegeld zu holen.« Antwort: »Ich kann da nichts machen,

glaube aber, daß wir Herrn von Dryander im Meister-Saal finden werden;

kommen Sie mit.« Das bekundet Graf York; behauptet, in der Etage allein,

drum außerstande zur Sistierung gewesen zu sein; die Meisterfalle habe

Ankermann gerochen und sei ausgerückt. Die drei Herren blieben auf

freiem Fuß.« (»Zukunft«, 8. Juli 1922.)

Vier Jahre Politischer Mord · 第 130 / 146 题