Eine wesentliche Ursache an diesen Zuständen ist auch die
imperialistische Politik der Entente. Dem besiegten kaiserlichen
Deutschland des 5. Oktober stellte die Entente mit Recht die denkbar
schärfsten Waffenstillstandsbedingungen. Aber auch nach der Revolution
hat die Entente die ursprünglichen Bedingungen aufrecht erhalten, ja sie
noch verschärft. Dies war für eine mögliche deutsche Revolution ein
schwerer Schlag. Denn es war die Hoffnung aller geistig Selbständigen
in Deutschland, die Entente werde beim Sieg ihr Wort wahr machen, dieser
Krieg gelte nicht dem deutschen Volke, er gelte nur einem innerlich
zermürbten Feudalismus, der den Frieden der Welt bedrohe. Die Mehrzahl
der Deutschen muß also der Opposition mißtrauen, die ihnen die Sache der
Entente als gerecht darstellte. Die Entente hat nichts getan, um die
ehrlichen Kämpfer auf der anderen Seite, wie Eisner, zu unterstützen.
Dadurch hat sie die Reaktion verstärkt und selbst dazu beigetragen, daß
nach der Revolution vielfach die alten Leute an der Spitze blieben.
Auch nach dem Waffenstillstand hat die Entente ihre Politik, Unmögliches
zu fordern, fortgesetzt und damit dazu beigetragen, daß Deutschland
nicht bereit war, das Mögliche zu leisten. Denn diese Forderungen
rechtfertigen in den Augen der Deutschen wieder die Politik der alten
Regierung, und so treiben Verschärfungen der Ententebedingungen
einerseits, und Anwachsen eines neuen deutschen Chauvinismus
andrerseits, sich gegenseitig in die Höhe.
Am stärksten hat der Friedensvertrag von Versailles den Nationalismus
wieder geweckt. Was man ihm vor allem vorwerfen muß, ist die Tatsache,
daß er ein Diktatfrieden ist, daß er Deutschland mehr schädigt, als er
der Entente nützt. Der Idee des verletzten Rechtes ist keineswegs Genüge
geleistet worden, indem Elsaß-Lothringen auf Grund des angeblichen
historischen Rechtes an Frankreich kam. Eine Volksabstimmung hätte den
lebendigen Willen der Bevölkerung ergeben und hätte gleichzeitig den
imperialistischen Schreiern in Deutschland den Mund gestopft. Posen und
Westpreußen sind ohne Abstimmung an Polen gekommen. Die Abstimmung in
Ostpreußen, wo die Verhältnisse ähnlich liegen wie in den beiden
Provinzen, ergab 95 Prozent für Deutschland. Danzig und Memel wurden
gegen ihren Willen von Deutschland abgetrennt. Eupen und Malmedy kamen
ohne Abstimmung an Belgien. Die Bevölkerung hatte ein Recht zum Protest,
das natürlich wegen der zu erwartenden Ausweisung von niemand ausgeübt
wurde. Deutsch-Oesterreich, das in Volksabstimmungen in überwältigender
Mehrheit den Anschluß an Deutschland forderte, wurde der Anschluß
verboten. Wegen Oberschlesien hat man sich drei Jahre lang nicht zu
einer definitiven Lösung entschließen können. Vielleicht wäre jede
Lösung besser gewesen, als das Hinziehen und Warten und die dadurch
entstandene Spannung.
Endlich hat die Entente so ziemlich in allen Punkten nachgegeben, wo sie
nicht hätte nachgeben sollen und nicht nachgegeben in allen Punkten, wo
sie hätte nachgeben sollen. Als Beispiel diene die Auslieferungsfrage.
Die Entente hätte diese Forderung niemals stellen sollen. Wenn sie aber
schon gestellt war, so hätte sie auch durchgeführt werden müssen, da
sonst alle nationalen Instinkte erweckt wurden, ohne daß dem verletzten
Recht Genüge geworden ist. Auch in der Entwaffnungsfrage hätte die
Entente schärfer vorgehen dürfen. Dagegen hätte man die riesigen
Besatzungskosten weit besser zum Wiederaufbau Nordfrankreichs verwenden
können. In den wirtschaftlichen Forderungen hat die Entente Deutschland
sicher Unmögliches zugemutet, wie der katastrophale Sturz der Mark
bewiesen hat. Jede ungerechte oder unmögliche Belastung Deutschlands
stärkt aber den Nationalismus.