hartes, schwarzes Brot essen, und, o Großvater! Nun ist doch alles so
schön wie noch gar nie, seit wir leben!«, und Heidi hüpfte hoch auf
an der Hand des Großvaters und jauchzte in die Luft hinauf wie die
fröhlichen Vögel des Himmels. Aber auf einmal wurde es ganz ernsthaft
und sagte: »Oh, wenn nun der liebe Gott gleich auf der Stelle getan
hätte, was ich so stark erbetete, dann wäre doch alles nicht so
geworden, ich wäre nur gleich wieder heimgekommen und hätte der
Großmutter nur wenige Brötchen gebracht und hätte ihr nicht lesen
können, was ihr wohl macht; aber der liebe Gott hatte schon alles
ausgedacht, so viel schöner, als ich es wusste; die Großmama hat es
mir gesagt, und nun ist alles so gekommen. Oh, wie bin ich froh, dass
der liebe Gott nicht nachgab, wie ich so bat und jammerte! Aber jetzt
will ich immer so beten, wie die Großmama sagte, und dem lieben Gott
immer danken, und wenn er etwas nicht tut, das ich erbeten will, dann
will ich gleich denken: Es geht gewiss wieder wie in Frankfurt, der
liebe Gott denkt gewiss etwas viel Besseres aus. Aber wir wollen auch
alle Tage beten, gelt Großvater, und wir wollen es nie mehr vergessen,
damit der liebe Gott uns auch nicht vergisst.«
»Und wenn's einer doch täte?«, murmelte der Großvater.
»Oh, dem geht's nicht gut, denn der liebe Gott vergisst ihn dann auch
und lässt ihn ganz laufen, und wenn es ihm einmal schlecht geht und er
jammert, so hat kein Mensch Mitleid mit ihm, sondern alle sagen nur:
Er ist ja zuerst vom lieben Gott weggelaufen, nun lässt ihn der liebe
Gott auch gehen, der ihm helfen könnte.«
»Das ist wahr, Heidi, woher weißt du das?«
»Von der Großmama, sie hat mir alles erklärt.«
Der Großvater ging eine Weile schweigend weiter. Dann sagte er, seine
Gedanken verfolgend, vor sich hin: »Und wenn's einmal so ist, dann ist
es so; zurück kann keiner, und wen der Herrgott vergessen hat, den hat
er vergessen.«
»O nein, Großvater, zurück kann einer, das weiß ich auch von der
Großmama, und dann geht es so wie in der schönen Geschichte in meinem
Buch, aber die weißt du nicht; jetzt sind wir aber gleich daheim, und
dann wirst du schon erfahren, wie schön die Geschichte ist.«
Heidi strebte in seinem Eifer rascher und rascher die letzte Steigung
hinan, und kaum waren sie oben angelangt, als es des Großvaters Hand
losließ und in die Hütte hineinrannte. Der Großvater nahm den Korb
von seinem Rücken, in den er die Hälfte der Sachen aus dem Koffer
hineingestoßen hatte, denn den ganzen Koffer heraufzubringen wäre
ihm zu schwer gewesen. Dann setzte er sich nachdenklich auf die Bank
nieder. Heidi kam wieder herbeigerannt, sein großes Buch unter dem
Arm: »Oh, das ist recht, Großvater, dass du schon dasitzt«, und mit
einem Satz war Heidi an seiner Seite und hatte schon seine Geschichte
aufgeschlagen, denn die hatte es schon so oft und immer wieder
gelesen, dass das Buch von selbst aufging an dieser Stelle. Jetzt las
Heidi mit großer Teilnahme von dem Sohne, der es gut hatte daheim, wo
draußen auf des Vaters Feldern die schönen Kühe und Schäflein weideten
und er in einem schönen Mäntelchen, auf seinen Hirtenstab gestützt,
bei ihnen auf der Weide stehen und dem Sonnenuntergang zusehen konnte,
wie es alles auf dem Bilde zu sehen war. »Aber auf einmal wollte er
sein Hab und Gut für sich haben und sein eigener Meister sein und
forderte es dem Vater ab und lief fort damit und verprasste alles. Und
als er gar nichts mehr hatte, musste er hingehen und Knecht sein bei
einem Bauer, der hatte aber nicht so schöne Tiere, wie auf seines
Vaters Feldern waren, sondern nur Schweinlein; diese musste er hüten,
und er hatte nur noch Fetzen auf sich und bekam nur von den Trebern,
welche die Schweinchen aßen, ein klein wenig. Da dachte er daran, wie
er es daheim beim Vater gehabt und wie gut der Vater mit ihm gewesen
war und wie undankbar er gegen den Vater gehandelt hatte, und er
musste weinen vor Reue und Heimweh. Und er dachte: >Ich will zu meinem
Vater gehen und ihn um Verzeihung bitten und ihm sagen, ich bin nicht
mehr wert, dein Sohn zu heißen, aber lass mich nur dein Tagelöhner
bei dir sein.< Und wie er von ferne gegen das Haus seines Vaters kam,
da sah ihn der Vater und kam herausgelaufen - was meinst du jetzt,
Großvater?«, unterbrach sich Heidi in seinem Vorlesen; »jetzt meinst
du, der Vater sei noch böse und sage zu ihm: >Ich habe dir's ja
gesagt!<? Jetzt hör nur, was kommt: Und sein Vater sah ihn und es
jammerte ihn und lief und fiel ihm um den Hals und küsste ihn, und der
Sohn sprach zu ihm: >Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und
vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu heißen.< Aber der Vater
sprach zu seinen Knechten: >Bringt das beste Kleid her und zieht es
ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an die Füße,
und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und lasst uns
essen und fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder
lebendig geworden, und er war verloren und ist wieder gefunden
worden.< Und sie fingen an, fröhlich zu sein.«
»Ist denn das nicht eine schöne Geschichte, Großvater?«, fragte Heidi,
als dieser immer noch schweigend dasaß und es doch erwartet hatte, er
werde sich freuen und verwundern.
»Doch, Heidi, die Geschichte ist schön«, sagte der Großvater; aber
sein Gesicht war so ernsthaft, dass Heidi ganz stille wurde und seine
Bilder ansah. Leise schob es noch einmal sein Buch vor den Großvater
hin und sagte: »Sieh, wie es ihm wohl ist«, und zeigte mit seinem
Finger auf das Bild des Heimgekehrten, wie er im frischen Kleid neben
dem Vater steht und wieder zu ihm gehört als sein Sohn.
Ein paar Stunden später, als Heidi längst im tiefen Schlafe lag, stieg
der Großvater die kleine Leiter hinauf; er stellte sein Lämpchen neben
Heidis Lager hin, so dass das Licht auf das schlafende Kind fiel.
Es lag da mit gefalteten Händen, denn zu beten hatte Heidi nicht
vergessen. Auf seinem rosigen Gesichtchen lag ein Ausdruck des
Friedens und seligen Vertrauens, der zu dem Großvater reden musste,
denn lange, lange stand er da und rührte sich nicht und wandte kein
Auge von dem schlafenden Kinde ab. Jetzt faltete auch er die Hände,
und halblaut sagte er mit gesenktem Haupte: »Vater, ich habe gesündigt
gegen den Himmel und vor dir und bin nicht mehr wert, dein Sohn zu
heißen!« Und ein paar große Tränen rollten dem Alten die Wangen herab.
-
Wenige Stunden nachher in der ersten Frühe des Tages stand der
Alm-Öhi vor seiner Hütte und schaute mit hellen Augen um sich. Der
Sonntagmorgen flimmerte und leuchtete über Berg und Tal. Einzelne
Frühglocken tönten aus den Tälern herauf, und oben in den Tannen
sangen die Vögel ihre Morgenlieder.
Jetzt trat der Großvater in die Hütte zurück. »Komm, Heidi!«, rief er
auf den Boden hinauf. »Die Sonne ist da! Zieh ein gutes Röcklein an,
wir wollen in die Kirche miteinander!«
Heidi machte nicht lange; das war ein ganz neuer Ruf vom Großvater,
dem musste es schnell folgen. In kurzer Zeit kam es heruntergesprungen
in seinem schmucken Frankfurter Röckchen. Aber voller Erstaunen blieb
Heidi vor seinem Großvater stehen und schaute ihn an. »O Großvater,
so hab ich dich nie gesehen«, brach es endlich aus, »und den Rock mit
den silbernen Knöpfen hast du noch gar nicht getragen, oh, du bist so
schön in deinem schönen Sonntagsrock.«
Der Alte blickte vergnüglich lächelnd auf das Kind und sagte: »Und du
in dem deinen; jetzt komm!« Er nahm Heidis Hand in die seine, und so
wanderten sie miteinander den Berg hinunter. Von allen Seiten tönten
jetzt die hellen Glocken ihnen entgegen, immer voller und reicher, je
weiter sie kamen, und Heidi lauschte mit Entzücken und sagte: »Hörst
du's, Großvater? Es ist wie ein großes, großes Fest.«
Unten im Dörfli waren schon alle Leute in der Kirche und fingen eben
zu singen an, als der Großvater mit Heidi eintrat und ganz hinten auf
der letzten Bank sich niedersetzte. Aber mitten im Singen stieß der
zunächst Sitzende seinen Nachbar mit dem Ellenbogen an und sagte:
»Hast du das gesehen? Der Alm-Öhi ist in der Kirche!«
Und der Angestoßene stieß den Zweiten an und so fort, und in kürzester
Zeit flüsterte es an allen Ecken: »Der Alm-Öhi! Der Alm-Öhi!«, und die
Frauen mussten fast alle einen Augenblick den Kopf umdrehen, und die
meisten fielen ein wenig aus der Melodie, so dass der Vorsänger die
größte Mühe hatte, den Gesang schön aufrechtzuerhalten. Aber als dann
der Herr Pfarrer anfing zu predigen, ging die Zerstreutheit ganz
vorüber, denn es war ein so warmes Loben und Danken in seinen Worten,
dass alle Zuhörer davon ergriffen wurden, und es war, als sei ihnen
allen eine große Freude widerfahren. Als der Gottesdienst zu Ende war,
trat der Alm-Öhi mit dem Kinde an der Hand heraus und schritt dem
Pfarrhaus zu, und alle, die mit ihm heraustraten und die schon draußen
standen, schauten ihm nach, und die meisten gingen hinter ihm her,
um zu sehen, ob er wirklich ins Pfarrhaus eintrete, was er tat. Dann
sammelten sie sich in Gruppen zusammen und besprachen in großer
Aufregung das Unerhörte, dass der Alm-Öhi in der Kirche erschienen
war, und alle schauten mit Spannung nach der Pfarrhaustür, wie der Öhi
wohl wieder herauskommen werde, ob in Zorn und Hader oder im Frieden
mit dem Herrn Pfarrer, denn man wusste ja gar nicht, was den Alten
heruntergebracht hatte und wie es eigentlich gemeint sei. Aber doch
war schon bei vielen eine neue Stimmung eingetreten, und einer sagte
zum andern: »Es wird wohl mit dem Alm-Öhi nicht so bös sein, wie man
tut; man kann ja nur sehen, wie sorglich er das Kleine an der Hand
hält.« Und der andere sagte: »Das hab ich ja immer gesagt, und zum
Pfarrer hinein ginge er auch nicht, wenn er so bodenschlecht wäre,
sonst müsste er sich ja fürchten; man übertreibt auch viel.« Und der
Bäcker sagte: »Hab ich das nicht zuallererst gesagt? Seit wann läuft
denn ein kleines Kind, das zu essen und zu trinken hat, was es will,
und sonst alles Gute, aus alledem weg und heim zu einem Großvater,
wenn der bös und wild ist und es sich zu fürchten hat vor ihm?« Und
es kam eine ganz liebevolle Stimmung gegen den Alm-Öhi auf und nahm
überhand, denn jetzt nahten sich auch die Frauen herzu, und diese
hatten so manches von der Geißenpeterin und der Großmutter gehört, das
den Alm-Öhi ganz anders darstellte, als die allgemeine Meinung war,
und das ihnen jetzt auf einmal glaublich schien, dass es mehr und
mehr so wurde, als warteten sie alle da, um einen alten Freund zu
bewillkommnen, der ihnen lange gemangelt hatte.
Der Alm-Öhi war unterdessen an die Tür der Studierstube getreten
und hatte angeklopft. Der Herr Pfarrer machte auf und trat dem
Eintretenden entgegen, nicht überrascht, wie er wohl hätte sein
können, sondern so, als habe er ihn erwartet; die ungewohnte
Erscheinung in der Kirche musste ihm nicht entgangen sein. Er ergriff
die Hand des Alten und schüttelte sie wiederholt mit der größten
Herzlichkeit, und der Alm-Öhi stand schweigend da und konnte erst kein
Wort herausbringen, denn auf solchen herzlichen Empfang war er nicht
vorbereitet. Jetzt fasste er sich und sagte: »Ich komme, um den Herrn
Pfarrer zu bitten, dass er mir die Worte vergessen möchte, die ich zu
ihm auf der Alm geredet habe, und dass er mir nicht nachtragen wolle,
wenn ich widerspenstig war gegen seinen wohlmeinenden Rat. Der Herr
Pfarrer hat ja in allem Recht gehabt und ich war im Unrecht, aber ich
will jetzt seinem Rate folgen und auf den Winter wieder ein Quartier
im Dörfli beziehen, denn die harte Jahreszeit ist nichts für das Kind
dort oben, es ist zu zart, und wenn auch dann die Leute hier unten
mich von der Seite ansehen, so wie einen, dem nicht zu trauen ist, so
habe ich es nicht besser verdient, und der Herr Pfarrer wird es ja
nicht tun.«
Die freundlichen Augen des Pfarrers glänzten vor Freude. Er nahm noch
einmal des Alten Hand und drückte sie in der seinen und sagte mit
Rührung: »Nachbar, Ihr seid in der rechten Kirche gewesen, noch eh Ihr
in die meinige herunterkamt; des freu ich mich, und dass Ihr wieder zu
uns kommen und mit uns leben wollt, soll Euch nicht gereuen, bei mir
sollt Ihr als ein lieber Freund und Nachbar alle Zeit willkommen sein,
und ich gedenke manches Winterabendstündchen fröhlich mit Euch zu
verbringen, denn Eure Gesellschaft ist mir lieb und wert, und für das
Kleine wollen wir auch gute Freunde finden.« Und der Herr Pfarrer
legte sehr freundlich seine Hand auf Heidis Krauskopf und nahm es bei
der Hand und führte es hinaus, indem er den Großvater fortbegleitete,
und erst draußen vor der Haustür nahm er Abschied, und nun konnten
alle die herumstehenden Leute sehen, wie der Herr Pfarrer dem Alm-Öhi
die Hand immer noch einmal schüttelte, gerade als wäre das sein bester
Freund, von dem er sich fast nicht trennen könnte. Kaum hatte dann
auch die Tür sich hinter dem Herrn Pfarrer geschlossen, so drängte die
ganze Versammlung dem Alm-Öhi entgegen, und jeder wollte der Erste
sein, und so viele Hände wurden miteinander dem Herankommenden
entgegengestreckt, dass er gar nicht wusste, welche zuerst ergreifen,
und einer rief ihm zu: »Das freut mich! Das freut mich, Öhi, dass Ihr
auch wieder einmal zu uns kommt!«, und ein anderer: »Ich hätte auch
schon lang gern wieder einmal ein Wort mit Euch geredet, Öhi!« Und so
tönte und drängte es von allen Seiten, und wie nun der Öhi auf alle
die freundlichen Begrüßungen erwiderte, er gedenke, sein altes
Quartier im Dörfli wieder zu beziehen und den Winter mit den alten
Bekannten zu verleben, da gab es erst einen rechten Lärm, und es war
gerade so, wie wenn der Alm-Öhi die beliebteste Persönlichkeit im
ganzen Dörfli wäre, die jeder mit Nachteil entbehrt hatte. Noch weit
an die Alm hinauf wurden Großvater und Kind von den meisten begleitet,
und beim Abschied wollte jeder die Versicherung haben, dass der
Alm-Öhi bald einmal bei ihm vorspreche, wenn er wieder herunterkomme;
und wie nun die Leute den Berg hinab zurückkehrten, blieb der Alte
stehen und schaute ihnen lange nach, und auf seinem Gesichte lag ein
so warmes Licht, als schiene bei ihm die Sonne von innen heraus. Heidi
schaute unverwandt zu ihm auf und sagte ganz erfreut: »Großvater, heut
wirst du immer schöner, so warst du noch gar nie.«
»Meinst du?«, lächelte der Großvater. »Ja, und siehst du, Heidi, mir
geht's auch heut über Verstehen und Verdienen gut, und mit Gott und
Menschen im Frieden stehen, das macht einem so wohl! Der liebe Gott
hat's gut mit mir gemeint, dass er dich auf die Alm schickte.«
Bei der Geißenpeter-Hütte angekommen, machte der Großvater gleich
die Tür auf und trat ein. »Grüß Gott, Großmutter«, rief er hinein;
»ich denke, wir müssen einmal wieder ans Flicken gehen, bevor der
Herbstwind kommt.«
»Du mein Gott, das ist der Öhi!«, rief die Großmutter voll freudiger
Überraschung aus. »Dass ich das noch erlebe! Dass ich Euch noch einmal
danken kann für alles, das Ihr für uns getan habt, Öhi! Vergelt's
Gott! Vergelt's Gott!«
Und mit zitternder Freude streckte die alte Großmutter ihre Hand aus,
und als der Angeredete sie herzlich schüttelte, fuhr sie fort, indem
sie die seinige fest hielt: »Und eine Bitte hab ich auch noch auf dem
Herzen, Öhi: Wenn ich Euch je etwas zuleid getan habe, so straft mich
nicht damit, dass Ihr noch einmal das Heidi fortlasst, bevor ich unten
bei der Kirche liege. Oh, Ihr wisst nicht, was mir das Kind ist!«,
und sie hielt es fest an sich, denn Heidi hatte sich schon an sie
geschmiegt.
»Keine Sorge, Großmutter«, beruhigte der Öhi; »damit will ich weder
Euch noch mich strafen. Jetzt bleiben wir alle beieinander und, will's
Gott, noch lange so.«
Jetzt zog die Brigitte den Öhi ein wenig geheimnisvoll in eine Ecke
hinein und zeigte ihm das schöne Federnhütchen und erzählte ihm, wie
es sich damit verhalte, und dass sie ja natürlich so etwas einem Kinde
nicht abnehme.
Aber der Großvater sah ganz wohlgefällig auf sein Heidi hin und sagte:
»Der Hut ist sein, und wenn es ihn nicht mehr auf den Kopf tun will,
so hat es Recht, und hat es ihn dir gegeben, so nimm ihn nur.«
Die Brigitte war höchlich erfreut über das unerwartete Urteil. »Er ist
gewiss mehr als zehn Franken wert, seht nur!«, und in ihrer Freude
streckte sie das Hütchen hoch auf. »Was aber auch dieses Heidi für
einen Segen von Frankfurt mit heimgebracht hat! Ich habe schon
manchmal denken müssen, ob ich nicht den Peterli auch ein wenig nach
Frankfurt schicken solle; was meint Ihr, Öhi?«
Dem Öhi schoss es ganz lustig aus den Augen. Er meinte, es könnte dem
Peterli nichts schaden; aber er würde doch eine gute Gelegenheit dazu
abwarten.
Jetzt fuhr der Besprochene eben zur Tür herein, nachdem er zuerst mit
dem Kopf so fest dagegen gerannt war, dass alles erklirrte davon; er
musste pressiert sein. Atemlos und keuchend stand er nun mitten in der
Stube still und streckte einen Brief aus. Das war auch ein Ereignis,
das noch nie vorgekommen war, ein Brief mit einer Aufschrift an das
Heidi, den man ihm auf der Post im Dörfli übergeben hatte. Jetzt
setzten sich alle voller Erwartung um den Tisch herum, und Heidi
machte seinen Brief auf und las ihn laut und ohne Anstoß vor. Der
Brief war von der Klara Sesemann geschrieben. Sie erzählte Heidi, dass
es seit seiner Abreise so langweilig geworden sei in ihrem Hause, sie
es nicht lang hintereinander so aushalten könne und so lange den Vater
gebeten habe, bis er die Reise ins Bad Ragaz schon auf den kommenden
Herbst festgestellt habe, und die Großmama wolle auch mitkommen, denn
sie wolle auch das Heidi und den Großvater besuchen auf der Alm. Und
weiter ließ die Großmama noch dem Heidi sagen, es habe Recht getan,
dass es der alten Großmutter die Brötchen habe mitbringen wollen, und
damit sie diese nicht trocken essen müsse, komme gleich der Kaffee
noch dazu, er sei schon auf der Reise, und wenn sie selbst nach der
Alm komme, so müsse das Heidi sie auch zur Großmutter führen.
Da gab es nun eine solche Freude und Verwunderung über diese
Nachrichten und so viel zu reden und zu fragen, da die große Erwartung
alle gleich betraf, dass selbst der Großvater nicht bemerkte, wie
spät es schon war, und so vergnügt und fröhlich waren sie alle in der
Aussicht auf die kommenden Tage und fast noch mehr in der Freude über
das Zusammensein an dem heutigen, dass die Großmutter zuletzt sagte:
»Das Schönste ist doch, wenn so ein alter Freund kommt und uns wieder
die Hand gibt, so wie vor langer Zeit; das gibt so ein tröstliches
Gefühl ins Herz, dass wir einmal alles wieder finden, was uns lieb
ist. Ihr kommt doch bald wieder, Öhi, und das Kind morgen schon?«
Das wurde der Großmutter in die Hand hinein versprochen; nun aber war
es Zeit zum Aufbruch, und der Großvater wanderte mit Heidi die Alm
hinan, und wie am Morgen die hellen Glocken von nah und fern sie
heruntergerufen hatten, so begleitete nun aus dem Tale herauf das
friedliche Geläut der Abendglocken sie bis hinauf zur sonnigen
Almhütte, die ganz sonntäglich im Abendschimmer ihnen entgegenglänzte.
Wenn aber die Großmama kommt im Herbst, dann gibt es gewiss noch
manche neue Freude und Überraschung für das Heidi wie für die
Großmutter, und sicher kommt auch gleich ein richtiges Bett auf den
Heuboden hinauf, denn wo die Großmama hintritt, da kommen alle Dinge
bald in die erwünschte Ordnung und Richtigkeit, nach außen wie nach
innen.
End of Project Gutenberg's Heidis Lehr- und Wanderjahre, by Johanna Spyri