VII. BACONS GROSSE GEHEIMSCHRIFT: MYTHUS ODER HUMBUG?

Die ganze Bacon-Theorie würde mit einem Schlage feststehen, wenn sich

irgendwo eine verborgene oder versteckte Urkunde aufspüren ließe,

worin Bacon selbst berichtet hat: daß er der Dichter war, William

Shakespeare aber sein Werkzeug und ein Mensch von der Art, wie unsere

Baconianer ihn vorstellen. Und da Bacon, wie aus seiner Lehre

ersichtlich, sich mit der Kunst des Chiffrirens und Dechiffrirens

beschäftigt hat, so wird er diese Urkunde wohl chiffrirt und der

Nachwelt überlassen haben, den Schlüssel zu finden. Das große

Bacongeheimniß in Chiffern! Eine solche Urkunde dürfte man füglich

"die große Geheimschrift" nennen: _great kryptogramm_.

Aber wo sie finden? Am Ende hat sie Bacon in seinen eigenen Werken

versteckt und zwar in denjenigen, welche den Inhalt seines großen

Geheimnisses ausmachen, in seinen Shakespeare-Dramen, in deren erster

Gesammtausgabe, hauptsächlich in den beiden Theilen Heinrichs IV.

Nirgends steht hier der Name "Stratford", öfter dagegen der Name "St.

Alban", noch öfter der Name "Francis". "Franz! Franz!" "Gleich, Herr,

gleich!"--Wie Falstaff die Kaufleute plündert, schreit er: "Nieder mit

euch, ihr Speckfresser (_bacon-knaves_)!"Da haben wir schon

"Francis" und "Bacon", also "Francis Bacon"! Wie leicht sind die Worte

schütteln (_shake_) und Speer (_speare_) anzutreffen: da

haben wir Shakespeare. In einer Scene der "Lustigen Weiber" spielt der

Knabe William seine Rolle. Also F r a n c i s B a c o n und W i l l i

a m S h a k e s p e a r e wären da, die beiden Hauptagenten jener

tief verborgenen Geschichte, die das Bacon-Geheimniß ausmacht!

Nun wird es nicht schwer halten, in der Folio-Ausgabe Worte und

Wortklänge genug ausfindig zu machen, daraus die ganze Legende von

Bacon als dem Verfasser "Richards II.", von "Richard II." als einem

staatsgefährlichen Stück, von Hayward und dem Zorne der Königin, von

Shakespeare als dem Stratforder Taugenichts und dem Londoner

Schauspieler und Regisseur zu construiren und so zusammenzusetzen, wie

es die _fable convenue_ der Baconianer verlangt. Diese Geschichte

soll dann Bacon selbst als Denkschrift verfaßt und die letztere mit

seinen dramatischen Dichtungen dergestalt umwoben und durchsetzt

haben, daß sie im Dickicht derselben tief verborgen ruht.

Die einzelnen Worte und Wortklänge, woraus sie besteht, haben in den

Dramen eine andere Bedeutung als in der Denkschrift. In dieser sind

sie Chiffern, nach rückwärts und vorwärts durch Abstände getrennt, die

arithmetisch berechnet und durch Rechnung erkennbar sind oder sein

sollen. Die Rechnung enthält den Schlüssel zur Dechiffrirung.

So ist die große Geheimschrift entstanden, welche der Amerikaner

Ignatius Donnelly entdeckt haben will (1888), nachdem sie 265 Jahre

lang dem Auge der Welt verborgen geblieben. [Fußnote: Das Werk in zwei

Bänden hat viel Glück gemacht; es ist alsbald in 20000 Exemplaren

verkauft worden und hat 800000 Mark eingebracht. So heißt es.] Er hat

sie aufgefunden, nachdem er sie zuvor e r f u n d e n und nach der

Richtschnur der Legende, wie sie die Bacon-Theorie vorschreibt, aus

den Worten der Dramen zu componiren sich abgemüht hat; er hat eine

Anzahl incohärenter Bruchstücke mitgetheilt, den Schlüssel aber für

sich behalten. Seit sieben Jahren wartet man vergeblich auf die

Vollendung und die Lösung. Donnelly kann nicht geben, was er selbst

nicht hat. Wo keine Chiffern sind, da ist auch kein Schlüssel!

Die ganze Scheinenträthselung richtet sich selbst durch die Absurdität

ihrer Resultate. Diese Geheimschrift nämlich schildert William

Shakespeare als einen Menschen, der mit zwanzig Jahren bei seinen

Wilddiebereien einen Schuß in den Kopf bekommt und ein häßliches Loch

in der Stirn davonträgt; der dreizehn Jahre später, von Krankheiten

entstellt und entkräftet, unsicheren Ganges einherschwankt, zugleich

aber stark, groß, wohlbeleibt ist und den Falstaff unübertrefflich

spielt. Ein solcher Mensch existirt nicht.

Um die Industrie Donnellys richtiger zu bezeichnen, als das Wort

"Mythus" besagt, lassen wir uns einen Ausdruck dienen, den das

"Journal des Débats" schon zehn Jahre früher auf die Bacon-Theorie

überhaupt angewendet hat. "Man erlaube mir", schrieb damals Herr

Varagnac, "die Bacon-Theorie für nichts anderes zu halten, als was die

Leute da drüben mit einem charakteristischen Worte benennen, welches

in dem Vaterlande Barnums ebenso üblich ist, wie die Sache, die es

bezeichnet: das Wort heißt «Humbug»." [Fußnote: Nach der großen

Geheimschrift berichtet ein Buchhändler aus Stratford über die

dortigen Abenteuer und Jugendsünden William Shakespeares aus dem Jahre

1584; der Bischof von Worcester, in dessen Sprengel Stratford liegt,

berichtet dem Staatssecretär Cecil über den Schauspieler W.

Shakespeare aus dem Jahre 1597; Cecil aber berichtet der Königin über

Bacon und Essex, über die staatsgefährlichen und gottlosen Dramen

seines Vetters Bacon, den er St. Alban nennt, obwohl Bacon diesen

Titel erst viele Jahre später empfing.

Wenn Bacon über die Wilddiebereien Shakespeares und dessen Händel mit

dem Ritter Thomas Lucy hätte unterrichtet sein wollen, so stand ihm

der nächste Weg offen, weil er mit der Familie des Ritters sehr gut,

sogar verwandtschaftlich bekannt war, wie aus seinem Briefe an den

jüngeren Thomas Lucy auf Charlecote erhellt, den Spedding mitgetheilt

hat (_Works_ IX, p. 369).

Donnelly meint, daß Shakespeare den "Hamlet" schon deshalb nicht habe

schreiben können, weil ihm die Quelle in der dänischen Geschichte des

_Saxo Grammaticus_ verschlossen war, denn er habe kein Dänisch

verstanden! Als ob Saxo seine «_Historia Danica_» d ä n i s c h

geschrieben! Als ob Bacon Dänisch verstanden, da er doch an König

Christian IV. von Dänemark l a t e i n i s c h geschrieben!

(_Works_ XIV, p. 82.) Als ob es von der Hamletsage des Saxo nicht

die französische Bearbeitung des Belleforest gegeben!]

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 29 / 42 题