Im Jahre 1867 ist in der Bibliothek des Grafen Northumberland zu
London ein altes handschriftliches Buch aufgefunden worden,
verstümmelt, defect, angebrannt, welches Abschriften baconischer,
shakespearischer und anderer Werke enthalten hat. Es enthält noch vier
Reden Bacons vollständig (wenn auch etwas beschädigt), von denen
bisher nur ein Theil bekannt war. Diese Reden hatten den Zweck, die
Königin am Queensday, dem Jahrestage ihrer Krönung, zu feiern. Es galt
die Feier des 17. November 1592, als Elisabeth 34 Jahre glorreich
regiert hatte.
Bacon componirt das aufzuführende Festspiel. Vier Personen berathen
die Feier: die erste Rede gilt dem Preise der Tapferkeit, die zweite
dem der Liebe, die dritte dem der Erkenntniß, die vierte der Königin
selbst, die alle diese Tugenden in sich vereinige. Die Rede «_The
praise of knowledge_» ist höchst interessant. Man erkennt darin den
neuerungslustigen Philosophen, den Verfasser des "Neuen Organon", das
erst 28 Jahre später erschien. Das Festspiel heißt «_A conference of
pleasure_». Unter diesem Namen hat Spedding das Northumberland-
Manuscript herausgegeben (1870). [Fußnote: _Works_ VIII (1862),
p. 119-126. Vgl. XIV (1874), _preface_. Diese Sonderausgabe ist
gegenwärtig vergriffen.]
Auf dem ersten Blatte dieses paper book steht die Angabe des Inhalts,
worunter sich auch die Titel: "Richard II." und "Richard III."
befinden. Aus demselben Blatte stehen gekritzelt einigemale der Name
"Francis Bacon" und acht- bis neunmal der Name "William Shakespeare",
offenbar von der Hand des Abschreibers, der nach Speddings positiver
Erklärung Bacon nicht war. Stammt das Manuscript, wie Spedding meint,
aus dem Zeitalter der Elisabeth, so ist dies vielleicht die einzige
handschriftliche Stelle aus jenen Tagen, wo die beiden Namen Bacon und
Shakespeare unmittelbar neben einander gestellt sind. Das ist recht
interessant, beweist aber für die Bacon-Theorie nicht das Mindeste.
Von "Richard II." und "Richard III." findet sich nichts als die Namen
im Inhaltsverzeichniß. Nun meinen die Baconianer, daß dieses
Manuscript unmittelbar oder mittelbar von Bacon selbst herrühre, daß
es den handschriftlichen Text jener beiden Historien enthalten habe,
noch bevor dieselben gedruckt waren, ja sogar, wie einige zu glauben
scheinen, nicht bloß enthalten habe, sondern noch enthalte!
Wenn man diese Fictionen addirt, so ergiebt sich als Totalsumme der
Mythus: daß Bacon die Shakespearischen Historien verfaßt habe, denn
wer die erste und letzte vor dem Drucke aufgezeichnet hat, wird wohl
den ganzen Cyklus geschrieben haben.