3. Unparteiische Stimmen für und wider.

Hören wir zuvor noch einige Stimmen von England her, die sich über die

Frage geäußert haben, ohne darüber zu streiten.

Nach dem Tode des Lord Palmerston (1865) hat man unter anderen

Merkwürdigkeiten von diesem Staatsmann erzählt, daß er gern mit

litterarischen Dingen Staat gemacht und öfter die paradoxe Meinung

hingeworfen habe: nicht Shakespeare, sondern Bacon sei der Verfasser

der nach jenem genannten Stücke gewesen; gelegentlich habe der Lord

das Buch einer amerikanischen Dame herbeigeholt, worin die Sache

bewiesen sei. Es war die Schrift der Ms. Delia Bacon, die, wohl von

ihrem Namen geblendet, die fixe Idee gefaßt hatte, daß Lord Bacon das

System feiner politischen Philosophie in einer Reihe von Schauspielen,

die der Hand Shakespeares anvertraut waren, der Zukunft offenbart

habe. Der "Hamlet" habe gleichsam das Programm der ganzen Serie

enthalten. Um ihre Idee zu beweisen und auszuführen, ist Ms. Delia

Bacon nach England gegangen und hat nach vielen Leiden und

Entbehrungen ihre Irrfahrten im Irrenhause geendet. Wenn es Märtyrer

des Irrthums giebt, so war diese unglückliche Frau ein solcher

Märtyrer. Sie ist durch ihre Schriften aus den Jahren 1856 und 1857

die Anfängerin, wenn nicht die Begründerin der Bacon-Theorie geworden.

Weit gewichtiger und interessanter als die Späße des Lord Palmerston

sind die Aussprüche eines Mannes, wie Thomas Carlyle, der die Heroen

des Geistes zu würdigen wußte und dazu den Ernst und die Tiefe der

Einsicht wie der Kenntnisse besaß. Er hat sich von Ms. Delia Bacon

besuchen lassen, ihre Ansichten angehört und darauf gesagt: "Ihr Bacon

hätte ebenso gut die Erde erschaffen können, wie den Hamlet!" Einem

gleichzeitigen Briefe an einen amerikanischen Freund hat

er die Nachschrift hinzugefügt: "Ihre Landsmännin ist verrückt". Viele

Jahre vorher, in seinen Vorlesungen über die Heroen und deren

Verehrung, hatte Carlyle auch von Bacon und Shakespeare gesprochen und

hier erklärt: daß jener mit allem Geist, den er gehabt und in seinen

Werken dargelegt habe, diesem gegenüber nur secundär sei, denn

Shakespeare war ein Schöpfer, was Bacon nicht war. Seit den Tagen

Shakespeares sei nur Einer erschienen, der an ihn erinnere: dieser

Eine und Einzige sei Goethe. [Fußnote: Wymann, Nr. 73 und 131. Vergl.

Carlyle: «On Heroes» (1889), p. 97. «The hero as poet.»]

Der jüngste Herausgeber der Gesammtwerke Bacons und sein Biograph,

James Spedding in Cambridge, gegenwärtig wohl die erste Autorität in

Sachen Bacons, ist wiederholt nach seiner Ansicht gefragt worden und

hat sich gegen die Bacon-Theorie völlig ablehnend verhalten. Er hat

einem ihrer Hauptvertreter geantwortet: wer auch die Stücke

Shakespeares geschrieben haben möge, einer gewiß nicht, nämlich Bacon.

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 14 / 42 题