I. DAS SHAKESPEARE-GEHEIMNISS UND DER SHAKESPEARE-MYTHUS.

Als mir die ehrenvolle Aufforderung zu Theil wurde, in der Deutschen

Shakespeare-Gesellschaft zu Weimar am heutigen Tage die Festrede zu

halten, war jüngst ein stattliches, bilderreiches, kostbares Werk

erschienen, das unter den litterarischen Tagesereignissen viel von

sich reden machte und, obwohl seitdem fast ein Jahr verflossen ist,

doch in unserer raschlebigen Zeit noch keineswegs zu den Verschollenen

gehört. Es trug die Aufschrift "Das Shakespeare-Geheimniß" und

darunter das Brustbild eines Mannes, das allen Lesern sogleich das

Geheimniß verkünden und zurufen sollte: "Ich bin es! So sah der Mann

aus, der Romeo und Julia, Hamlet, Lear und Othello, Julius Cäsar,

Coriolan u. s. w. gedichtet hat!" Das Bild aber war der Kopf Bacons

nach einem Portrait, welches ein niederländischer Maler im Jahre 1618

von dem damaligen Großkanzler Englands gemalt hat. [Fußnote: Edwin

Bormann. Das Shakespeare-Geheimniß. Leipzig, E. Bormanns Selbstverlag.

1894.]

Wie die Wahrheiten, so müssen auch die menschlichen Irrthümer, sobald

sie einmal die öffentliche Bahn betreten haben, alle Stadien der

Begründung durchlaufen, bis jene ihre Sache völlig gewonnen, diese

aber die ihrige völlig verloren haben. Die sogenannte "Bacon-Theorie",

nämlich die Ansicht, daß der Verfasser der nach Shakespeare genannten

weltberühmten Dichtungen nicht William Shakespeare, sondern Francis

Bacon sei, blickt heute auf eine fast vierzigjährige litterarische

Laufbahn zurück. Keine litterarische Controverse hat in der zweiten

Hälfte dieses Jahrhunderts ein breiteres Aufsehen erregt und mehr

Federn in Bewegung gesetzt, als diese Streitfrage, von der früher wohl

niemand geglaubt hätte, daß sie jemals ernstlich gestellt werden

könnte.

Freilich soll A. Gfrörer, damals Bibliothekar in Stuttgart, schon vor

mehr als fünfzig Jahren mündlich geäußert haben, daß nach einem halben

Jahrhundert von William Shakespeare die Rede sein werde, wie in der

neueren Geschichtsforschung von Wilhelm Tell. Indessen war Gfrörer

kein Prophet und ein Mann von äußerst wandelbaren Meinungen. Aus einem

sehr ungläubigen Protestanten, wie er damals war, wurde er zehn Jahre

später ein sehr fanatischer Katholik (1853).

Schon im Jahre 1884 hatte sich über die Bacon-Shakespeare-Controverse

eine solche Masse von Litteratur in größeren und kleineren Schriften

angehäuft, daß ihre Zahl auf 255 gestiegen war. Davon waren 161

amerikanischen, 69 englischen Ursprungs; 117 hatten sich für die

Autorschaft Shakespeares erklärt, 73 dawider. Im Jahre vorher (1883)

waren allein 61 Schriften über die Frage erschienen [Fußnote:

Bibliography of the Bacon-Shakespeare Controversy. By _W. H.

Wyman_. Cincinnati, P. G. Thomson. 1884.]

Es ist kein uninteressantes, auch kein der Aufmerksamkeit der

Shakespeare-Freunde und -Forscher unwürdiges Thema, den Ursprung, die

Art der Entstehung und Fortpflanzung einer so seltsamen, so irrigen

und gegenwärtig so verbreiteten Vorstellungsweise näher ins Auge zu

fassen und auf ihren Grund, ihre Beweisarten und ihre Resultate zu

prüfen. Wie ist es gekommen, daß in der zweiten Hälfte des 19.

Jahrhunderts, dieses Jahrhunderts der Kritik, wie man das unsrige mit

Recht genannt hat, mit einem Male die Idee von einem "Shakespeare-

Mysterium" auftaucht, daß man Bücher über den "Shakespeare-Mythus"

schreibt, welche beweisen wollen, daß der Dichter William Shakespeare

eine mythische Figur sei, die als "den süßen Schwan vom Avon" Ben

Jonson nur zum Schein besungen und verherrlicht habe? In Wahrheit sei

dieser William Shakespeare ein Bauernjunge aus Warwickshire, ein roher

und gemeiner Fleischergeselle in Stratford gewesen, der nach einer

Reihe thörichter und schlechter Jugendstreiche, nach einer eiligen und

unglücklichen Heirath, nach Wilddiebereien und boshaften Pamphleten

gezwungen war, seine Vaterstadt zu verlassen; flüchtig, arm und

verlumpt sei er nach London gekommen, bei den Theatern an der Themse

erst Pferdejunge, dann Theaterdiener, Statist, Schauspieler, zuletzt

Theaterdirector oder Unternehmer geworden und habe als solcher die

Stücke anderer bearbeitet, in Scene gesetzt und aufgeführt. Als ein

kluger und betriebsamer Geschäftsmann, der er war, habe er auf diesem

Wege viel Geld verdient, seinem heruntergekommenen Vater und dadurch

sich selbst ein Wappen erworben, seine Capitalien in Grundbesitz,

namentlich in Stratforder Häusern, Ländereien und Renten angelegt. Der

Name Shakespeare bedeute demnach nicht den Autor, sondern den

Bühnenbearbeiter und Regisseur, den Eigenthümer und Herausgeber,

gewissermaßen die Firma jener hochberühmten Schauspiele, welche die

Shakespeare-Dramen heißen, und deren erste Gesammtausgabe sieben Jahre

nach dem Tode Shakespeares erschien.

Dies ist kurz gefaßt der Kern des sogenannten Shakespeare-Mythus, wie

denselben Appleton Morgan, ein amerikanischer Advocat, in seinem Buche

darüber auszuführen gesucht hat (1881). Wer waren nun die Verfasser

der Stücke? Einer oder Viele? Bekannte oder unbekannte Männer? Nach

Morgans Ansicht waren es viele, bekannte und unbekannte. Es mag manche

dunkel gebliebene Gelehrte gegeben haben, deren Feder der findige

Unternehmer gebraucht hat. Wer weiß, wie sie hießen und in welchen

Dachstübchen Londons sie verkümmern mußten! Einer der Verfasser von

bekannter Größe sei Bacon gewesen.

Weil aber ein Orchester die Symphonie nicht macht, sondern das Werk

ausführt, welches ein Einziger erzeugt hat, so könne der Verfasser der

Shakespeare-Dramen auch nur einer gewesen sein. Dieser eine war Bacon:

so lautet die ausgemachte Bacon-Theorie.

Shakespeare und die Bacon-Mythen · 第 10 / 42 题