Am nächsten Morgen wartete Weltschaninoff in eigentümlicher Stimmung auf
Pawel Pawlowitsch, der ihm noch ausdrücklich versprochen hatte,
rechtzeitig bei ihm vorzusprechen, um sich mit ihm zu Pogorjelzeffs zu
begeben. Weltschaninoff ging im Zimmer auf und ab, trank dazwischen
schluckweise seinen Kaffee, rauchte und gestand sich jeden Augenblick,
daß er einem Menschen gleiche, der am Morgen erwacht ist und nun
immerwährend daran denken muß, daß er am Abend vorher eine Ohrfeige
erhalten hat.
„Hm! ... er begreift nur zu gut, um was es sich dabei handelt, und wird
sich durch Lisa an mir rächen!“ dachte er fast angstvoll.
Der ganze rührende Eindruck, den das bleiche traurige Kind auf ihn
gemacht hatte, erwachte wieder in ihm und sein Herz begann schneller zu
schlagen bei dem Gedanken, daß er heute noch, schon bald, schon nach
zwei Stunden _seine_ Lisa wiedersehen werde.
„Ach, wozu da viel Worte verlieren!“ meinte er plötzlich und schlug sich
energisch die Sorgen aus dem Kopf. „Jetzt ist das mein Lebensinhalt,
mein Ziel! Was sind dagegen all die Ohrfeigen und Erinnerungen, was
gehen die mich an! ... Wozu habe ich bisher überhaupt gelebt? Was war
mein ganzes Leben? Unordnung und Trübsal ... jetzt aber – wird alles
anders werden, alles ganz anders!“
Trotz seiner gehobenen Stimmung kamen aber doch immer wieder trübe,
bange Gedanken, die ihm Sorgen machten.
„Er will mich mit Lisa quälen – das ist klar! Er wird mich noch krank
machen! Und Lisa gleichfalls. Ja, das ist es, auf diese Weise will er
mir dann _alles_ heimzahlen. Hm! ... jedenfalls darf ich ihm solche
Ausfälle wie gestern abend nicht wieder erlauben,“ sagte er sich
plötzlich und errötete bei dem Gedanken an den Abend, „und ... aber was
ist denn das, er kommt ja noch immer nicht und die Uhr geht schon auf
zwölf!“
Er wartete und wartete – wartete bis halb eins, und seine Stimmung wurde
immer gedrückter. Pawel Pawlowitsch erschien nicht. Schließlich sagte er
sich – dieser Gedanke hatte sich übrigens schon ein paarmal in ihm zu
regen begonnen, – daß er gewiß absichtlich nicht kommen werde, und zwar
einzig deshalb nicht, um ihn, ganz wie gestern, nochmals „zum Narren“ zu
halten. Das aber brachte ihn dann endgültig auf.
„Er weiß, daß ich von ihm abhängig bin! Aber was wird jetzt mit Lisa
geschehen? Wie kann ich ohne ihn hinfahren?“
Um ein Uhr hielt er das Warten nicht mehr aus und fuhr zu Pawel
Pawlowitsch. Dort erfuhr er, daß dieser überhaupt nicht in seiner
Wohnung geschlafen habe und erst um neun Uhr morgens auf ein
Viertelstündchen nach Haus gekommen sei – um dann wieder fortzugehen,
ohne zu sagen, wohin. Weltschaninoff stand vor des Abwesenden Zimmer,
während die Stubenmagd ihm das alles erzählte, und bewegte ganz
gedankenlos die Klinke der verschlossenen Tür, drückte, zog und rüttelte
an ihr – alles ganz mechanisch. Plötzlich kam er aus seiner
Gedankenversunkenheit zu sich, unterdrückte einen Fluch, ließ die Klinke
fahren und bat, ihn zu Marja Ssyssojewna zu führen. Doch diese hatte ihn
schon gehört und kam ihm selbst entgegen.
Marja Ssyssojewna war ein gutmütiges Frauenzimmer, „ein Weib mit
vernünftigen Anschauungen“, wie sich Weltschaninoff zu Klawdia Petrowna
über sie äußerte. Sie fragte zuerst, wie er denn das „Mädchen
hingebracht“ habe, begann dann aber sogleich und ganz unaufgefordert von
Pawel Pawlowitsch zu erzählen. Nach ihren Worten hätte sie ihn „schon
längst vor die Tür gesetzt“, wenn nicht das Mädchen bei ihm gewesen
wäre. „Ist er doch auch aus dem Gasthof deshalb hinausgejagt worden,
weil er es dort gar zu unanständig getrieben hat. Nu, ist es denn nicht
eine wahre Schande, wenn er nachts ein liederliches Frauenzimmer
mitbringt, während das Kindchen doch schon was begreifen kann! Und dabei
schreit er noch: ‚Sieh, das hier wird deine Mutter sein, wenn ich es
will!‘ Und was glauben Sie, er trieb es doch so, daß selbst diese
Person, was sie da auch ist, ihm ins Gesicht spie. Und der Kleinen
schreit er zu: ‚Du bist nicht meine Tochter, bild’ du dir nur das nicht
ein! Ein ... bist du!‘“
Weltschaninoff fuhr zusammen bei diesem gemeinen Wort.
„Nicht möglich!“ stieß er ganz entsetzt hervor.
„Ich habe es selbst gehört. Er war ja wohl betrunken, als er das sagte,
also nicht bei klarem Bewußtsein, aber immerhin ist das doch nichts für
Kinderchen: wenn auch das Mädchen noch klein ist, begreifen tut es doch
schon was, und es behält doch solche Wörter und denkt darüber nach und
macht sich seine eigenen Gedanken! Und immer weinte das Mädchen, ganz
krank hatte er es gemacht. Und vor ein paar Tagen noch, da war hier im
Hause ein Verbrechen geschehen: ein Kommissar, oder was da die Leute
sagten, hatte im Gasthof am Abend ein Zimmer genommen und gegen Morgen
sich dann erhängt. Er soll fremdes Geld durchgebracht haben, heißt es.
Nu, alles lief natürlich hin! Pawel Pawlowitsch war wieder nicht zu
Hause und das Kindchen hatte er ohne Aufsicht zurückgelassen. Da sehe
ich: auch das Mädchen steht dort unter all den Leuten im Korridor und
guckt auch auf den Erhängten – so, wissen Sie, mit solchen Augen! Ich
brachte sie schnell von dort fort, hierher zu mir. Aber was glauben Sie
wohl, sie zitterte wie’n Espenblatt, ganz blau war sie im Gesicht, und
kaum hatte ich sie wieder hier, da fiel sie auch schon hin und lag in
Krämpfen. Ich hatte zu tun, daß sie wieder zu sich kam! Gott weiß, was
das nu war – Fallsucht oder Kinderkrämpfchen oder was – aber seit der
Zeit fing sie an zu kränkeln. Als er es dann erfuhr, am Abend, nachdem
er zurückgekommen, da begann er von neuem, sie zu kneifen – denn er
schlug sie ja nicht, er kniff gewöhnlich nur, – darauf soff er sich
natürlich wieder voll, am selben Abend noch, kam wieder zurück, na, und
da ging’s dann los mit dem Bangemachen: ‚Ich werde mich ebenso
aufknüpfen, deinetwegen werde ich mich aufhängen,‘ sagte er, ‚an dieser
selben Schnur‘ – dort, die vom Rouleau, sagt’ er, an dieser Schnur werde
er sich aushängen. Und er machte sogar die Schlinge fertig, alles vor
ihren Augen! Und die zittert sowieso schon, daß Gott erbarm’, und weiß
nicht, wo sie sich lassen soll – schreit und weint und klammert sich mit
ihren Ärmchen an ihn und jammert nur noch: ‚Ich werde nicht, ich werde
nicht!‘ Daß Gott erbarm’!“
Weltschaninoff hatte sich zwar auf manches Seltsame gefaßt gemacht,
diese Mitteilungen aber machten ihn so betroffen, daß er seinen Ohren
nicht trauen wollte. Marja Ssyssojewna erzählte ihm noch vieles andere.
Einmal zum Beispiel hätte sich Lisa „um ein Haar“ aus dem Fenster
gestürzt, wenn sie, Marja Ssyssojewna, nicht dazwischen gekommen wäre.
Fast wie ein Betrunkener verließ er ihr Zimmer: „Ich werde ihn
totschlagen, mit einem Knüppel totschlagen, wie einen Hund!“ fuhr es ihm
durch den Kopf und lange noch wiederholte er in Gedanken diese Worte,
als könnten sie ihn beruhigen.
Er nahm einen Wagen und fuhr zu Pogorjelzeffs. Doch noch war er aus der
Stadt nicht hinausgefahren, als der Wagen plötzlich an einer
Straßenkreuzung bei einer Kanalbrücke, über die sich ein langer
Leichenzug bewegte, halten mußte. An beiden Enden der Brücke wurde der
Verkehr dadurch aufgehalten und die Zahl der wartenden Gefährte wuchs
mit jedem Augenblick. Fußgänger blieben schaulustig stehen und drängten
sich näher. Es war ein vornehmes Begräbnis und die Reihe der
nachfolgenden Equipagen daher sehr lang. Und plötzlich war es
Weltschaninoff, als habe er in einem der Kutschenfenster das Gesicht
Pawel Pawlowitschs erblickt. Einen Moment hielt er es für eine
Täuschung, und er hätte seinen Augen auch wohl nicht getraut, – wenn
nicht Pawel Pawlowitsch selbst seinen Kopf zum Fenster hinausgesteckt
und ihm lächelnd zugenickt hätte. Offenbar war er riesig froh darüber,
daß er Weltschaninoff erblickt und erkannt hatte, ja, er winkte ihm zum
Gruß sogar mit der Hand. Weltschaninoff sprang aus dem Wagen und drängte
sich trotz der Menge, der Schutzleute und ungeachtet dessen, daß Pawel
Pawlowitschs Equipage bereits auf die Brücke fuhr, an den Wagenschlag
heran. Pawel Pawlowitsch saß allein in seiner Kutsche.
„Was fällt Ihnen ein!“ schrie Weltschaninoff, „weshalb sind Sie nicht
gekommen? Wie kommen Sie hierher?“
„Ich erweise dem Toten die letzte Ehre – schreien Sie nicht, schreien
Sie nicht – ich muß meine Schuld tilgen!“ erwiderte Pawel Pawlowitsch
kichernd und mit vergnügtem Zwinkern. „Ich geleite die irdischen
Überreste meines aufrichtigen Freundes Stepan Michailowitsch!“
„Blödsinn! Betrunken sind Sie, verrückt!“ schrie Weltschaninoff, der im
ersten Augenblick etwas gestutzt hatte. „Sie steigen sofort aus und
setzen sich in meinen Wagen, sofort!“
„Ich kann nicht, meine Pflicht ...“
„Ich ziehe Sie am Kragen heraus und schleppe Sie hin!“ schrie
Weltschaninoff.
„Aber ich werde schreien, ich werde schreien!“ kicherte mit derselben
Vergnügtheit Pawel Pawlowitsch, ganz als scherze man nur mit ihm, zog
sich jedoch in den fernsten Winkel der Kutsche zurück ...
„Achtung! Heda! Aufgepaßt!“ rief der Schutzmann.
In der Tat hatte, als der Wagen von der Brücke herabfuhr, eine fremde
Kutsche die Reihe des Leichenzuges durchbrochen, was eine große
Verwirrung und ein noch gefährlicheres Gedränge hervorrief.
Weltschaninoff war gezwungen, zur Seite zu springen, und andere Kutschen
und die Volksmenge drängten ihn noch weiter fort. Vor Ärger spie er aus
und kehrte zu seinem Wagen zurück.
„Gleichviel, in diesem Zustande hätte man ihn doch nicht hinbringen
können!“ suchte er sich zu beruhigen, aber er wurde trotzdem eine
gewisse erregende Verwunderung nicht los.
Als er Klawdia Petrowna die Mitteilungen Marja Ssyssojewnas
wiedergegeben und von der Begegnung unterwegs erzählt hatte, wurde sie
sehr nachdenklich.
„Ich muß gestehen, daß ich für Sie fürchte,“ sagte sie, „Sie müssen jede
Beziehung zu ihm abbrechen, je früher, um so besser.“
„Ein betrunkener Narr ist er und nichts weiter!“ rief Weltschaninoff
heftig. „Das fehlte noch, daß ich den zu fürchten beginne! Und wie soll
ich denn die Beziehungen zu ihm abbrechen – Sie vergessen Lisa! Denken
Sie doch an Lisa!“
Und nun hörte er erst, daß Lisa ernstlich erkrankt sei. Seit dem Abend
war das Fieber bedeutend gestiegen und man erwartete mit Ungeduld einen
hervorragenden Arzt aus der Stadt, nach dem man schon in aller Frühe
geschickt hatte. Diese Nachrichten gaben Weltschaninoff natürlich noch
den Rest! Klawdia Petrowna führte ihn zur Kranken.
„Ich habe sie gestern aufmerksam beobachtet,“ sagte sie zu ihm, bevor
sie ins Krankenzimmer traten. „Sie ist ein stolzes und düsteres Kind;
sie schämt sich, daß sie bei uns ist und daß der Vater sie verlassen
hat. Es ist das, meiner Meinung nach, die ganze Ursache ihrer
Krankheit.“
„Wieso verlassen? Weshalb glauben Sie, daß er sie verlassen habe?“
„Nun schon – ich meine die Tatsache, daß er sie so ohne weiteres in ein
fremdes Haus hat bringen lassen und noch dazu von einem Menschen ... der
doch fast fremd ist – oder wenigstens ...“
„Aber ich habe sie ihm doch selbst fortgenommen, einfach mit Gewalt
fortgenommen! Ich finde nicht, daß ...“
„Ach, mein Gott, aber Lisa, das Kind, findet es! Und von ihm – nun, von
ihm glaube ich, daß er überhaupt nicht kommen wird.“
Lisa war durchaus nicht erstaunt, als sie Weltschaninoff ohne den Vater
erblickte. Sie lächelte nur traurig und wandte ihr fieberglühendes
Gesichtchen zur Wand. Auf die fast schüchternen Trostversuche
Weltschaninoffs und auf seine eifrigen Versicherungen, daß er morgen
unter allen Umständen den Vater zu ihr bringen werde, antwortete sie
nichts. Als er sie endlich verließ und die Tür des Krankenzimmers hinter
sich schloß, brach er plötzlich in Tränen aus.
Der Arzt kam erst gegen Abend. Nachdem er die Kleine untersucht hatte,
äußerte er sich zum Schrecken aller dahin, daß da wohl überhaupt nichts
mehr zu machen sei. Als man ihm sagte, daß die Kleine erst am Abend
vorher erkrankt sei, wollte er es zunächst gar nicht glauben.
„Alles hängt jetzt nur davon ab,“ meinte er schließlich, „wie sie diese
Nacht überstehen wird.“ Darauf traf er noch seine Anordnungen und
verabschiedete sich, mit dem Versprechen, am nächsten Morgen möglichst
früh wiederzukommen. Weltschaninoff wollte unbedingt zur Nacht bei ihnen
bleiben, doch Klawdia Petrowna bat ihn, noch einmal den Versuch zu
machen, „diesen Unmenschen“ dazu zu bewegen, zu seiner kranken Tochter
zu kommen.
„Noch einmal?“ stöhnte Weltschaninoff. „Ja!! Ich werde ihn binden, ich
werde ihn knebeln, und wenn ich ihn auch auf meinen Armen herschleppen
müßte –!“
Der Gedanke, Pawel Pawlowitsch „zu binden und zu knebeln“ und mit Gewalt
zu Pogorjelzeffs zu bringen, bemächtigte sich seiner in dem Maße, daß er
vor Ungeduld, es buchstäblich so auszuführen, ganz nervös wurde.
„In nichts, in nichts fühle ich mich jetzt noch ihm gegenüber schuldig!“
sagte er beim Abschied zu Klawdia Iwanowna. „Ich leugne alles, was ich
da gestern an Sentimentalitäten gesagt habe,“ fügte er im größten
Unwillen über sich selbst hinzu.
Lisa lag mit geschlossenen Augen im Bettchen und schien zu schlafen. Es
war möglich, daß eine Besserung eintrat. Als Weltschaninoff sich
behutsam zu ihr niederbeugte, um zum Abschied wenigstens die Spitzen
ihrer blonden Haare zu küssen, schlug sie plötzlich die Augen auf, als
habe sie nur auf ihn gewartet, und flüsterte:
„Bringen Sie mich fort!“
Es war eine stille, traurige Bitte, ohne jede Spur von dem früheren
Eigensinn und Trotz, doch gleichzeitig klang aus ihr eine unendliche
Hoffnungslosigkeit, als wisse sie selbst, daß man ihre Bitte unter
keiner Bedingung erfüllen werde. Und kaum begann Weltschaninoff, dem die
Verzweiflung die Kehle zuschnürte, alles zu erklären, mit dem trostlosen
Versuch, sie davon zu überzeugen, daß es jetzt wirklich nicht möglich
sei, da schloß sie ganz still wieder die Augen und sagte kein Wort
weiter, als höre sie nichts und als habe sie nichts gewollt.
Als Weltschaninoff in die Stadt zurückgekehrt war, ließ er sich sogleich
zum Gasthof in der Nähe der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte fahren.
Es war bereits zehn Uhr. Pawel Pawlowitsch war aber noch nicht
zurückgekehrt. Weltschaninoff wartete auf ihn eine halbe Stunde, die er
damit zubrachte, daß er in krankhafter Ungeduld im Korridor auf- und
abging. Marja Ssyssojewna versicherte ihm zu guter Letzt, daß Pawel
Pawlowitsch erst am Morgen, frühestens bei Tagesanbruch, zurückkehren
werde.
„Nun gut, dann werde auch ich bei Tagesanbruch wieder hier sein!“
entschied Weltschaninoff und begab sich in größter Erregung nach Hause.
Wie groß aber war sein Erstaunen, als er, noch bevor er seine Wohnung
betreten hatte, von Mawra erfuhr, daß der „gestrige Gast“ bereits seit
zehn Uhr auf ihn warte.
„Auch Tee hat der Herr oben getrunken und auch nach Wein hat er
geschickt, nach demselben, den ich gestern brachte. Einen
Fünfrubelschein gab er mir.“