III.

Gestern sprach sie, ganz wider meine Erwartung, kein Wort zu mir vom

Spiel. Und überhaupt vermied sie es gestern, mit mir zu sprechen. Ihr

Benehmen gegen mich hat sich nicht im geringsten verändert. Im Verkehr

wie überhaupt bei jeder kurzen Begegnung immer dieselbe Geringschätzung,

in die sich mitunter sogar so etwas wie Verachtung und Haß mischt. Ja,

sie scheint sogar die Abneigung, die sie doch augenscheinlich für mich

empfindet, nicht einmal verbergen zu wollen. Das sehe ich. Dabei gibt

sie sich aber gar keine Mühe, zu verbergen, daß sie meiner bedarf und

mich zu irgendeinem Zweck „noch am Leben läßt“, d. h. also, mich noch

„aufspart“. Es haben sich zwischen uns seltsame Beziehungen gebildet,

die mir in mancher Hinsicht unverständlich sind – wenn ich ihren Stolz

und Hochmut gegen alle in Betracht ziehe.

Sie weiß zum Beispiel, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, sie erlaubt

mir sogar, von meiner Leidenschaft zu sprechen – und, versteht sich,

könnte mir ihre Verachtung durch nichts deutlicher zu verstehen geben,

als durch diese gleichgültige Erlaubnis, so viel und wie immer ich nur

will, mit aller Zensurfreiheit, von meiner Liebe zu ihr zu sprechen. Was

kann sie damit anders sagen wollen, wenn nicht: „Deine Gefühle schätze

ich viel zu gering, als daß es mich nicht vollkommen gleichgültig ließe,

was du da zu mir sprichst oder für mich fühlst.“

Von ihren eigenen Angelegenheiten hat sie auch früher schon viel mit mir

gesprochen, aber doch niemals mit ganzer Offenherzigkeit. Ja, mehr noch

als das: in ihrer Geringschätzung für mich kam mitunter noch eine ganz

besondere Raffiniertheit zum Ausdruck, wie zum Beispiel:

Sie weiß, sagen wir, daß mir irgendein Umstand aus ihrem Leben bekannt

ist, oder irgend etwas, was sie sehr beunruhigt, sie erzählt mir sogar

selbst einiges davon – wenn ich ihr etwa wie ein Sklave oder Laufbursche

einen Dienst erweisen kann – erzählt mir dann aber nur genau so viel,

wieviel ein Sklave oder Laufbursche zu wissen braucht, um den Dienst

erweisen zu können. Und wenn sie auch sehr gut sieht, daß es mich quält,

nicht den ganzen Zusammenhang der Dinge erraten zu können, wenn sie auch

tausendmal sieht, wie ihre Unruhe und ihre Sorgen mich quälen und

aufregen, so wird sie mich doch nie dessen würdigen, daß sie mich durch

volle Offenheit beruhigt. Und sie hat mir oft genug nicht nur

schwierige, sondern direkt mit Gefahr verbundene Aufträge gegeben, was

ihr doch, wenigstens meiner Meinung nach, geradezu zur Pflicht machen

müßte, vollkommen aufrichtig zu sein. Doch ... lohnt es sich denn, sich

überhaupt um meine Gefühle zu kümmern, und darum, daß ich gleichfalls

besorgt und unruhig bin, und daß ihre, nur ihre Sorgen und ihr

Mißgeschick mich vielleicht noch dreimal mehr quälen als sie selbst?

Ich wußte schon drei Wochen vorher um ihre Absicht, Roulette zu spielen.

Sie hatte mich darauf vorbereitet, daß ich für sie werde spielen müssen,

da es sich für sie selbst nicht schicke. Und aus dem Ton ihrer Worte

glaubte ich schon damals zu erraten, daß eine wirklich ernste Sorge sie

bedrücke und aus ihr nicht etwa der Wunsch sprach, nur so für sich Geld

zu gewinnen. Was ist ihr denn Geld! Nein, sie muß eine ganz besondere

und ernste Absicht haben, es muß etwas geschehen sein, was ich nur halb

erraten kann, ohne deshalb den ganzen Zusammenhang auch nur zu ahnen.

Natürlich kann ich diese Sklaverei, in der sie mich hält, sehr wohl

insofern ausnutzen, als sie mir doch gewissermaßen erlaubt, ganz

ungeniert und ohne Umschweife Fragen zu stellen: wenn ich in ihren Augen

so nichtswürdig bin, so darf sie sich doch durch meine unhöfliche

Neugier nicht verletzt fühlen. Und so habe ich sie bisweilen ganz

unumwunden gefragt. Nun war aber die Sache die, daß sie mir zwar diese

Fragen erlaubte, doch deshalb noch lange nicht auf dieselben zu

antworten geruhte. Mitunter aber überhörte sie sie einfach. Das ist nun

unser Verhältnis zueinander!

Gestern wurde viel von einem Telegramm gesprochen, das schon vor vier

Tagen nach Petersburg abgegangen und auf welches seltsamerweise noch

keine Antwort eingetroffen war. Dies regte den General nicht wenig auf,

weshalb er denn recht wortkarg und nachdenklich wurde. Natürlich handelt

es sich um die Babuschka. Auch der Franzose ist aufgeregt. Gestern zum

Beispiel hatte er gleich nach Tisch eine sehr lange und ernste

Unterredung mit dem General. Das Benehmen des Franzosen gegen uns alle

läßt viel zu wünschen übrig, da er mit jedem Tage hochmütiger wird und

immer geringschätziger auf uns herabblickt. Auf ihn paßt vorzüglich das

Sprichwort: „Setzt du ihn an den Tisch, so setzt er auch schon die Füße

auf den Tisch.“ Sogar gegen Polina benimmt er sich bis zur Unhöflichkeit

nachlässig, doch hindert ihn das nicht, mit Vergnügen an den gemeinsamen

Spaziergängen im Kursaal oder an den Ausfahrten in die Umgegend

und den Spazierritten teilzunehmen. Einzelne Motive der

^soi-disant^-Freundschaft, die den General mit dem Franzosen verknüpft,

sind mir bekannt. In Rußland wollten sie zusammen eine Fabrik gründen,

nur weiß ich nicht, ob das Projekt bereits endgültig vergessen ist oder

ob von ihm mitunter noch gesprochen wird. Außerdem habe ich zufällig

noch ein gewisses Familiengeheimnis erfahren: der Franzose hat nämlich

im vorigen Jahr dem General wirklich einmal aus der Verlegenheit

geholfen, und zwar, indem er ihm mit dreißigtausend unter die Arme

griff, als dieser bei Übergabe seines Amtes auch die ihm anvertrauten

Staatsgelder übergeben mußte, von denen rund dreißigtausend abhanden

gekommen waren. Selbstverständlich hat er den General jetzt am

Gängelbande. Doch jetzt, gerade jetzt spielt die Hauptrolle in der

ganzen Geschichte nur Mademoiselle Blanche – darin täusche ich mich

gewiß nicht.

Wer Mademoiselle Blanche ist? Nun, hier bei uns heißt es, sie sei eine

vornehme Französin, die in Begleitung ihrer Mutter reist und ein

kolossales Vermögen besitzt. Bekannt ist ferner, daß sie mit unserem

Marquis verwandt ist, oder sein soll, jedoch nur ziemlich entfernt:

Kusine oder noch um einen Grad weiter, oder so ungefähr. Man sagt aber,

daß der Franzose und Mademoiselle Blanche vor meiner Fahrt nach Paris im

Verkehr miteinander bedeutend zeremonieller gewesen seien, sich

wenigstens weit rücksichtsvoller und diskreter vor der Gesellschaft

gegeben hätten, während sich ihre Bekanntschaft, Freundschaft und

Verwandtschaft jetzt viel plumper und gewissermaßen intimer äußerte.

Vielleicht erscheint ihnen unsere finanzielle Lage bereits so schlecht,

daß sie sich die Mühe größerer Zeremonien sparen.

Schon vorgestern fiel es mir auf, wie kritisch Mister Astley

Mademoiselle Blanche und deren Mutter betrachtete. Es ist fast

anzunehmen, daß er sie früher gekannt hat. Und plötzlich schien es mir,

daß er sogar unserem Franzosen bereits früher irgendwo begegnet sein

müsse. Übrigens ist Mister Astley so schüchtern, menschenscheu und

schweigsam, daß man sich wohl unter allen Umständen auf ihn verlassen

kann, – der wird nichts auf die Straße tragen! Wenigstens grüßt ihn der

Franzose kaum und sieht ihn auch kaum an, folglich fürchtet er ihn

nicht. Das Benehmen des Franzosen ist noch begreiflich, aber warum

beachtet auch Mademoiselle Blanche den Engländer kaum? Das ist noch um

so verwunderlicher, als der Franzose gestern im allgemeinen Gespräch –

ich entsinne mich nicht mehr, wovon gerade die Rede war – die Bemerkung

machte, daß Astley kolossal reich sei, er, der Marquis, wisse es ganz

genau. Da hätte doch Mademoiselle Blanche den Mister ansehen müssen!

Kurz, der General fühlt sich sehr beunruhigt. Na, es ist ja begreiflich,

wenn man bedenkt, was für ihn ein Telegramm mit der Nachricht vom Tode

der Tante im Augenblick bedeuten würde!

Obschon ich mit Sicherheit zu bemerken glaubte, daß Polina absichtlich

ein Gespräch mit mir zu vermeiden suchte, als verfolge sie damit einen

bestimmten Zweck, so trug doch vielleicht auch ich einen Teil der

Schuld, indem ich möglichst kühl und gleichgültig tat. Im geheimen aber

hoffte ich die ganze Zeit, daß sie sich im nächsten Augenblick an mich

wenden werde. Dafür habe ich gestern und heute meine Aufmerksamkeit

hauptsächlich Mademoiselle Blanche zugewandt. Der arme General! Jetzt

ist er doch so gut wie verloren. Im fünfundfünfzigsten Lebensjahr sich

mit solch einer brennenden Leidenschaft zu verlieben – das ist natürlich

mehr als ein Unglück. Und jetzt füge man noch hinzu, daß er als Witwer

Kinder hat, daß sein Gut über und über verschuldet ist, und denke dann

an das Frauenzimmer, in das er sich – ausgerechnet – verlieben mußte!

Mademoiselle Blanche ist hübsch. Nur ... ich weiß nicht, ob ich mich

verständlich ausdrücke, wenn ich sage, daß sie eines jener Gesichter

hat, die einem unheimlich werden können. Ich wenigstens habe solche

Frauenzimmer von jeher etwas gefürchtet. Sie wird mindestens ihre

fünfundzwanzig Jahre alt sein, ist hoch gewachsen, mit breiten, vollen

Schultern; ihr Hals und ihre Büste sind wundervoll. Ihre Gesichtsfarbe

hat den gelblich-bräunlichen Schimmer der Südländerin, ihr Haar ist

schwarz wie Tusche und in solcher Überfülle vorhanden, daß es für zwei

Frisuren ausreichen würde. Ihre Augen sind braunschwarz und das Weiße im

Auge ist etwas gelblich. Ihr Blick ist frech. Die Zähne sind blendend

weiß und die Lippen stets geschminkt. Ihr Lieblingsparfüm ist ^musc^,

das ihre Gestalt immer als leise Duftwolke umgibt. Sie kleidet sich sehr

effektvoll, chic, doch zugleich mit viel Geschmack. Ihre Hände und Füße

sind wundervoll. Sie hat eine Altstimme, die mitunter etwas belegt

klingt. Wenn sie lacht, sieht man fast ihr ganzes Gebiß, doch lacht sie

eigentlich selten. Gewöhnlich sitzt sie schweigend da und blickt frech

die Anwesenden an, – wenigstens pflegt sie in Polinas und Marja

Filippownas Gegenwart nur äußerst wenig zu sprechen. Übrigens, eine

seltsame Neuigkeit: es heißt, Marja Filippowna werde nach Rußland

zurückreisen. Mir scheint, daß Mademoiselle Blanche ganz ungebildet ist,

wenigstens was ihr Wissen betrifft, und vielleicht ist sie auch nicht

mal von Natur klug, wenn man so sagen darf, doch dafür ist sie

argwöhnisch und folglich vorsichtig, und außerdem scheint sie über viel

instinktive Schlauheit zu verfügen. Ich glaube, ihr bisheriges Leben

wird nicht ganz ohne Abenteuer abgelaufen sein. Ja, wenn ich aufrichtig

sein soll, so glaube ich sogar, daß der Marquis überhaupt nicht ihr

Cousin oder sonstwie ein Verwandter von ihr ist, und ihre Mutter auch

nicht ihre leibliche Mutter. Doch wie man hört, sollen beide Damen in

Berlin, wo wir sie kennen lernten, ziemlich vornehme Bekannte besitzen.

Und was den Marquis betrifft, so scheint es doch wahr zu sein, obschon

ich es immer noch stark bezweifle, daß er wirklich ein Marquis ist.

Jedenfalls soll seine Zugehörigkeit zur anständigen Gesellschaft,

wenigstens bei uns in Moskau und in einzelnen Städten Deutschlands,

keinem Zweifel unterworfen sein. Nur weiß ich nicht, wie es sich damit

in Frankreich verhält. Es heißt, er habe dort ein ^château^.

Ich dachte, während dieser zwei Wochen werde viel Wasser den Fluß

hinabfließen, wollte sagen, es werde vieles geschehen, doch erscheint es

mir heute noch immer sehr fraglich, ob es zwischen Mademoiselle Blanche

und dem General endlich zu einer entscheidenden Aussprache gekommen ist.

Wie gesagt, es hängt jetzt alles von unserem Vermögensstande ab, d. h.

wieviel Geld der General ihnen zeigen kann. Wenn jetzt z. B. die

Nachricht käme, die alte Dame sei nicht gestorben und werde

voraussichtlich nicht so bald sterben, so wird Mademoiselle Blanche –

davon bin ich überzeugt – binnen kürzester Zeit verschwinden.

Wirklich, ich muß mich selbst darüber wundern, was für eine Klatschbase

ich doch geworden bin. Wie lächerlich! Und wie mich das doch alles

anekelt! Mit welchem Vergnügen würde ich hier allen und allem den Rücken

kehren, oh! mit welch einem erlösenden Wonnegefühl ich es täte! Aber –

kann ich mich denn von Polina trennen, kann ich es denn lassen, um sie

herumzuspionieren? Zur Spionage gehört natürlich immer eine gewisse

Gemeinheit, doch – was kümmert das mich?

Sehr interessiert hat mich gestern und heute auch Mister Astley. Ja, ich

bin positiv überzeugt, daß er in Polina verliebt ist! Es ist ganz

merkwürdig und sogar zum Lachen, wieviel mitunter der Blick eines

verschämten und fast schon krankhaft keuschen Menschen, den plötzlich

die Liebe gepackt hat, zu verraten vermag, und zwar gerade dann, wenn

dieser Mensch lieber in die Erde versinken als durch einen Blick oder

ein Wort etwas von seinen Gefühlen verraten möchte. Mister Astley

begegnet uns sehr oft auf unseren Spaziergängen. Er grüßt und geht

vorüber, äußerlich wie ein gleichgültiger Fremder, doch innerlich,

versteht sich, vergeht er fast vor Verlangen, sich uns anzuschließen.

Fordert man ihn aber dazu auf, so lehnt er es mit einer Entschuldigung

sofort ab. An allen Ruhepunkten, im Kursaal, beim Springbrunnen oder vor

dem Musikpavillon, kurz, wo wir uns gerade befinden, wird er unfehlbar

irgendwo in unserer Nähe stehen bleiben; und wo wir auch sonst sein

mögen, im Walde, auf der Promenade, im Park oder auf dem Schlangenberge

– man braucht nur einmal aufzuschauen oder sich umzuschauen und mit

tödlicher Sicherheit wird man in nächster Nähe oder hinter einem Gebüsch

oder auf einem Nebenwege einen Zipfel von Mister Astley erblicken. Mir

scheint, er sucht eine Gelegenheit, unter vier Augen mit mir zu

sprechen. Heute morgen begegneten wir uns zufällig nicht in Gegenwart

der anderen und wechselten ein paar Worte. Mitunter spricht er förmlich

in abgerissenen Brocken. Noch hatte er mir nicht guten Tag gesagt, als

er schon ohne Einleitung von Mademoiselle Blanche zu sprechen begann –

wohl im Anschluß an die Gedanken, die ihn gerade beschäftigt haben

mochten.

„Ja, Mademoiselle Blanche! ... Ich habe viele solche Damen gesehen! ...

und ähnliche! ...“

Ein bedeutsamer Seitenblick sollte wohl als Erläuterung dienen, doch bin

ich wahrscheinlich dieser Redeweise gegenüber etwas schwer von Begriff,

denn was er damit sagen wollte, habe ich mir noch immer nicht ganz zu

erklären vermocht. Auf meine Frage, was er damit meine, erwiderte er nur

mit listigem Lächeln und mit dem Kopfe nickend:

„Das ist schon so.“

Und nach kurzer Pause fragte er plötzlich ganz unvermittelt:

„Liebt Miß Polina Blumen?“

„Das weiß ich nicht. Keine Ahnung,“ erwiderte ich.

„Wie? Auch das wissen Sie nicht?“ rief er höchst verwundert aus.

„Nein, in der Tat, ich weiß es nicht. Es ist mir nicht aufgefallen,“

sagte ich lachend.

„Hm! Das bringt mich auf einen besonderen Gedanken.“

Und damit nickte er mir zu und ging weiter. Er sah übrigens sehr

zufrieden aus. Wir sprachen Französisch miteinander, obwohl er diese

Sprache sehr schlecht spricht.

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