Gestern sprach sie, ganz wider meine Erwartung, kein Wort zu mir vom
Spiel. Und überhaupt vermied sie es gestern, mit mir zu sprechen. Ihr
Benehmen gegen mich hat sich nicht im geringsten verändert. Im Verkehr
wie überhaupt bei jeder kurzen Begegnung immer dieselbe Geringschätzung,
in die sich mitunter sogar so etwas wie Verachtung und Haß mischt. Ja,
sie scheint sogar die Abneigung, die sie doch augenscheinlich für mich
empfindet, nicht einmal verbergen zu wollen. Das sehe ich. Dabei gibt
sie sich aber gar keine Mühe, zu verbergen, daß sie meiner bedarf und
mich zu irgendeinem Zweck „noch am Leben läßt“, d. h. also, mich noch
„aufspart“. Es haben sich zwischen uns seltsame Beziehungen gebildet,
die mir in mancher Hinsicht unverständlich sind – wenn ich ihren Stolz
und Hochmut gegen alle in Betracht ziehe.
Sie weiß zum Beispiel, daß ich sie bis zum Wahnsinn liebe, sie erlaubt
mir sogar, von meiner Leidenschaft zu sprechen – und, versteht sich,
könnte mir ihre Verachtung durch nichts deutlicher zu verstehen geben,
als durch diese gleichgültige Erlaubnis, so viel und wie immer ich nur
will, mit aller Zensurfreiheit, von meiner Liebe zu ihr zu sprechen. Was
kann sie damit anders sagen wollen, wenn nicht: „Deine Gefühle schätze
ich viel zu gering, als daß es mich nicht vollkommen gleichgültig ließe,
was du da zu mir sprichst oder für mich fühlst.“
Von ihren eigenen Angelegenheiten hat sie auch früher schon viel mit mir
gesprochen, aber doch niemals mit ganzer Offenherzigkeit. Ja, mehr noch
als das: in ihrer Geringschätzung für mich kam mitunter noch eine ganz
besondere Raffiniertheit zum Ausdruck, wie zum Beispiel:
Sie weiß, sagen wir, daß mir irgendein Umstand aus ihrem Leben bekannt
ist, oder irgend etwas, was sie sehr beunruhigt, sie erzählt mir sogar
selbst einiges davon – wenn ich ihr etwa wie ein Sklave oder Laufbursche
einen Dienst erweisen kann – erzählt mir dann aber nur genau so viel,
wieviel ein Sklave oder Laufbursche zu wissen braucht, um den Dienst
erweisen zu können. Und wenn sie auch sehr gut sieht, daß es mich quält,
nicht den ganzen Zusammenhang der Dinge erraten zu können, wenn sie auch
tausendmal sieht, wie ihre Unruhe und ihre Sorgen mich quälen und
aufregen, so wird sie mich doch nie dessen würdigen, daß sie mich durch
volle Offenheit beruhigt. Und sie hat mir oft genug nicht nur
schwierige, sondern direkt mit Gefahr verbundene Aufträge gegeben, was
ihr doch, wenigstens meiner Meinung nach, geradezu zur Pflicht machen
müßte, vollkommen aufrichtig zu sein. Doch ... lohnt es sich denn, sich
überhaupt um meine Gefühle zu kümmern, und darum, daß ich gleichfalls
besorgt und unruhig bin, und daß ihre, nur ihre Sorgen und ihr
Mißgeschick mich vielleicht noch dreimal mehr quälen als sie selbst?
Ich wußte schon drei Wochen vorher um ihre Absicht, Roulette zu spielen.
Sie hatte mich darauf vorbereitet, daß ich für sie werde spielen müssen,
da es sich für sie selbst nicht schicke. Und aus dem Ton ihrer Worte
glaubte ich schon damals zu erraten, daß eine wirklich ernste Sorge sie
bedrücke und aus ihr nicht etwa der Wunsch sprach, nur so für sich Geld
zu gewinnen. Was ist ihr denn Geld! Nein, sie muß eine ganz besondere
und ernste Absicht haben, es muß etwas geschehen sein, was ich nur halb
erraten kann, ohne deshalb den ganzen Zusammenhang auch nur zu ahnen.
Natürlich kann ich diese Sklaverei, in der sie mich hält, sehr wohl
insofern ausnutzen, als sie mir doch gewissermaßen erlaubt, ganz
ungeniert und ohne Umschweife Fragen zu stellen: wenn ich in ihren Augen
so nichtswürdig bin, so darf sie sich doch durch meine unhöfliche
Neugier nicht verletzt fühlen. Und so habe ich sie bisweilen ganz
unumwunden gefragt. Nun war aber die Sache die, daß sie mir zwar diese
Fragen erlaubte, doch deshalb noch lange nicht auf dieselben zu
antworten geruhte. Mitunter aber überhörte sie sie einfach. Das ist nun
unser Verhältnis zueinander!
Gestern wurde viel von einem Telegramm gesprochen, das schon vor vier
Tagen nach Petersburg abgegangen und auf welches seltsamerweise noch
keine Antwort eingetroffen war. Dies regte den General nicht wenig auf,
weshalb er denn recht wortkarg und nachdenklich wurde. Natürlich handelt
es sich um die Babuschka. Auch der Franzose ist aufgeregt. Gestern zum
Beispiel hatte er gleich nach Tisch eine sehr lange und ernste
Unterredung mit dem General. Das Benehmen des Franzosen gegen uns alle
läßt viel zu wünschen übrig, da er mit jedem Tage hochmütiger wird und
immer geringschätziger auf uns herabblickt. Auf ihn paßt vorzüglich das
Sprichwort: „Setzt du ihn an den Tisch, so setzt er auch schon die Füße
auf den Tisch.“ Sogar gegen Polina benimmt er sich bis zur Unhöflichkeit
nachlässig, doch hindert ihn das nicht, mit Vergnügen an den gemeinsamen
Spaziergängen im Kursaal oder an den Ausfahrten in die Umgegend
und den Spazierritten teilzunehmen. Einzelne Motive der
^soi-disant^-Freundschaft, die den General mit dem Franzosen verknüpft,
sind mir bekannt. In Rußland wollten sie zusammen eine Fabrik gründen,
nur weiß ich nicht, ob das Projekt bereits endgültig vergessen ist oder
ob von ihm mitunter noch gesprochen wird. Außerdem habe ich zufällig
noch ein gewisses Familiengeheimnis erfahren: der Franzose hat nämlich
im vorigen Jahr dem General wirklich einmal aus der Verlegenheit
geholfen, und zwar, indem er ihm mit dreißigtausend unter die Arme
griff, als dieser bei Übergabe seines Amtes auch die ihm anvertrauten
Staatsgelder übergeben mußte, von denen rund dreißigtausend abhanden
gekommen waren. Selbstverständlich hat er den General jetzt am
Gängelbande. Doch jetzt, gerade jetzt spielt die Hauptrolle in der
ganzen Geschichte nur Mademoiselle Blanche – darin täusche ich mich
gewiß nicht.
Wer Mademoiselle Blanche ist? Nun, hier bei uns heißt es, sie sei eine
vornehme Französin, die in Begleitung ihrer Mutter reist und ein
kolossales Vermögen besitzt. Bekannt ist ferner, daß sie mit unserem
Marquis verwandt ist, oder sein soll, jedoch nur ziemlich entfernt:
Kusine oder noch um einen Grad weiter, oder so ungefähr. Man sagt aber,
daß der Franzose und Mademoiselle Blanche vor meiner Fahrt nach Paris im
Verkehr miteinander bedeutend zeremonieller gewesen seien, sich
wenigstens weit rücksichtsvoller und diskreter vor der Gesellschaft
gegeben hätten, während sich ihre Bekanntschaft, Freundschaft und
Verwandtschaft jetzt viel plumper und gewissermaßen intimer äußerte.
Vielleicht erscheint ihnen unsere finanzielle Lage bereits so schlecht,
daß sie sich die Mühe größerer Zeremonien sparen.
Schon vorgestern fiel es mir auf, wie kritisch Mister Astley
Mademoiselle Blanche und deren Mutter betrachtete. Es ist fast
anzunehmen, daß er sie früher gekannt hat. Und plötzlich schien es mir,
daß er sogar unserem Franzosen bereits früher irgendwo begegnet sein
müsse. Übrigens ist Mister Astley so schüchtern, menschenscheu und
schweigsam, daß man sich wohl unter allen Umständen auf ihn verlassen
kann, – der wird nichts auf die Straße tragen! Wenigstens grüßt ihn der
Franzose kaum und sieht ihn auch kaum an, folglich fürchtet er ihn
nicht. Das Benehmen des Franzosen ist noch begreiflich, aber warum
beachtet auch Mademoiselle Blanche den Engländer kaum? Das ist noch um
so verwunderlicher, als der Franzose gestern im allgemeinen Gespräch –
ich entsinne mich nicht mehr, wovon gerade die Rede war – die Bemerkung
machte, daß Astley kolossal reich sei, er, der Marquis, wisse es ganz
genau. Da hätte doch Mademoiselle Blanche den Mister ansehen müssen!
Kurz, der General fühlt sich sehr beunruhigt. Na, es ist ja begreiflich,
wenn man bedenkt, was für ihn ein Telegramm mit der Nachricht vom Tode
der Tante im Augenblick bedeuten würde!
Obschon ich mit Sicherheit zu bemerken glaubte, daß Polina absichtlich
ein Gespräch mit mir zu vermeiden suchte, als verfolge sie damit einen
bestimmten Zweck, so trug doch vielleicht auch ich einen Teil der
Schuld, indem ich möglichst kühl und gleichgültig tat. Im geheimen aber
hoffte ich die ganze Zeit, daß sie sich im nächsten Augenblick an mich
wenden werde. Dafür habe ich gestern und heute meine Aufmerksamkeit
hauptsächlich Mademoiselle Blanche zugewandt. Der arme General! Jetzt
ist er doch so gut wie verloren. Im fünfundfünfzigsten Lebensjahr sich
mit solch einer brennenden Leidenschaft zu verlieben – das ist natürlich
mehr als ein Unglück. Und jetzt füge man noch hinzu, daß er als Witwer
Kinder hat, daß sein Gut über und über verschuldet ist, und denke dann
an das Frauenzimmer, in das er sich – ausgerechnet – verlieben mußte!
Mademoiselle Blanche ist hübsch. Nur ... ich weiß nicht, ob ich mich
verständlich ausdrücke, wenn ich sage, daß sie eines jener Gesichter
hat, die einem unheimlich werden können. Ich wenigstens habe solche
Frauenzimmer von jeher etwas gefürchtet. Sie wird mindestens ihre
fünfundzwanzig Jahre alt sein, ist hoch gewachsen, mit breiten, vollen
Schultern; ihr Hals und ihre Büste sind wundervoll. Ihre Gesichtsfarbe
hat den gelblich-bräunlichen Schimmer der Südländerin, ihr Haar ist
schwarz wie Tusche und in solcher Überfülle vorhanden, daß es für zwei
Frisuren ausreichen würde. Ihre Augen sind braunschwarz und das Weiße im
Auge ist etwas gelblich. Ihr Blick ist frech. Die Zähne sind blendend
weiß und die Lippen stets geschminkt. Ihr Lieblingsparfüm ist ^musc^,
das ihre Gestalt immer als leise Duftwolke umgibt. Sie kleidet sich sehr
effektvoll, chic, doch zugleich mit viel Geschmack. Ihre Hände und Füße
sind wundervoll. Sie hat eine Altstimme, die mitunter etwas belegt
klingt. Wenn sie lacht, sieht man fast ihr ganzes Gebiß, doch lacht sie
eigentlich selten. Gewöhnlich sitzt sie schweigend da und blickt frech
die Anwesenden an, – wenigstens pflegt sie in Polinas und Marja
Filippownas Gegenwart nur äußerst wenig zu sprechen. Übrigens, eine
seltsame Neuigkeit: es heißt, Marja Filippowna werde nach Rußland
zurückreisen. Mir scheint, daß Mademoiselle Blanche ganz ungebildet ist,
wenigstens was ihr Wissen betrifft, und vielleicht ist sie auch nicht
mal von Natur klug, wenn man so sagen darf, doch dafür ist sie
argwöhnisch und folglich vorsichtig, und außerdem scheint sie über viel
instinktive Schlauheit zu verfügen. Ich glaube, ihr bisheriges Leben
wird nicht ganz ohne Abenteuer abgelaufen sein. Ja, wenn ich aufrichtig
sein soll, so glaube ich sogar, daß der Marquis überhaupt nicht ihr
Cousin oder sonstwie ein Verwandter von ihr ist, und ihre Mutter auch
nicht ihre leibliche Mutter. Doch wie man hört, sollen beide Damen in
Berlin, wo wir sie kennen lernten, ziemlich vornehme Bekannte besitzen.
Und was den Marquis betrifft, so scheint es doch wahr zu sein, obschon
ich es immer noch stark bezweifle, daß er wirklich ein Marquis ist.
Jedenfalls soll seine Zugehörigkeit zur anständigen Gesellschaft,
wenigstens bei uns in Moskau und in einzelnen Städten Deutschlands,
keinem Zweifel unterworfen sein. Nur weiß ich nicht, wie es sich damit
in Frankreich verhält. Es heißt, er habe dort ein ^château^.
Ich dachte, während dieser zwei Wochen werde viel Wasser den Fluß
hinabfließen, wollte sagen, es werde vieles geschehen, doch erscheint es
mir heute noch immer sehr fraglich, ob es zwischen Mademoiselle Blanche
und dem General endlich zu einer entscheidenden Aussprache gekommen ist.
Wie gesagt, es hängt jetzt alles von unserem Vermögensstande ab, d. h.
wieviel Geld der General ihnen zeigen kann. Wenn jetzt z. B. die
Nachricht käme, die alte Dame sei nicht gestorben und werde
voraussichtlich nicht so bald sterben, so wird Mademoiselle Blanche –
davon bin ich überzeugt – binnen kürzester Zeit verschwinden.
Wirklich, ich muß mich selbst darüber wundern, was für eine Klatschbase
ich doch geworden bin. Wie lächerlich! Und wie mich das doch alles
anekelt! Mit welchem Vergnügen würde ich hier allen und allem den Rücken
kehren, oh! mit welch einem erlösenden Wonnegefühl ich es täte! Aber –
kann ich mich denn von Polina trennen, kann ich es denn lassen, um sie
herumzuspionieren? Zur Spionage gehört natürlich immer eine gewisse
Gemeinheit, doch – was kümmert das mich?
Sehr interessiert hat mich gestern und heute auch Mister Astley. Ja, ich
bin positiv überzeugt, daß er in Polina verliebt ist! Es ist ganz
merkwürdig und sogar zum Lachen, wieviel mitunter der Blick eines
verschämten und fast schon krankhaft keuschen Menschen, den plötzlich
die Liebe gepackt hat, zu verraten vermag, und zwar gerade dann, wenn
dieser Mensch lieber in die Erde versinken als durch einen Blick oder
ein Wort etwas von seinen Gefühlen verraten möchte. Mister Astley
begegnet uns sehr oft auf unseren Spaziergängen. Er grüßt und geht
vorüber, äußerlich wie ein gleichgültiger Fremder, doch innerlich,
versteht sich, vergeht er fast vor Verlangen, sich uns anzuschließen.
Fordert man ihn aber dazu auf, so lehnt er es mit einer Entschuldigung
sofort ab. An allen Ruhepunkten, im Kursaal, beim Springbrunnen oder vor
dem Musikpavillon, kurz, wo wir uns gerade befinden, wird er unfehlbar
irgendwo in unserer Nähe stehen bleiben; und wo wir auch sonst sein
mögen, im Walde, auf der Promenade, im Park oder auf dem Schlangenberge
– man braucht nur einmal aufzuschauen oder sich umzuschauen und mit
tödlicher Sicherheit wird man in nächster Nähe oder hinter einem Gebüsch
oder auf einem Nebenwege einen Zipfel von Mister Astley erblicken. Mir
scheint, er sucht eine Gelegenheit, unter vier Augen mit mir zu
sprechen. Heute morgen begegneten wir uns zufällig nicht in Gegenwart
der anderen und wechselten ein paar Worte. Mitunter spricht er förmlich
in abgerissenen Brocken. Noch hatte er mir nicht guten Tag gesagt, als
er schon ohne Einleitung von Mademoiselle Blanche zu sprechen begann –
wohl im Anschluß an die Gedanken, die ihn gerade beschäftigt haben
mochten.
„Ja, Mademoiselle Blanche! ... Ich habe viele solche Damen gesehen! ...
und ähnliche! ...“
Ein bedeutsamer Seitenblick sollte wohl als Erläuterung dienen, doch bin
ich wahrscheinlich dieser Redeweise gegenüber etwas schwer von Begriff,
denn was er damit sagen wollte, habe ich mir noch immer nicht ganz zu
erklären vermocht. Auf meine Frage, was er damit meine, erwiderte er nur
mit listigem Lächeln und mit dem Kopfe nickend:
„Das ist schon so.“
Und nach kurzer Pause fragte er plötzlich ganz unvermittelt:
„Liebt Miß Polina Blumen?“
„Das weiß ich nicht. Keine Ahnung,“ erwiderte ich.
„Wie? Auch das wissen Sie nicht?“ rief er höchst verwundert aus.
„Nein, in der Tat, ich weiß es nicht. Es ist mir nicht aufgefallen,“
sagte ich lachend.
„Hm! Das bringt mich auf einen besonderen Gedanken.“
Und damit nickte er mir zu und ging weiter. Er sah übrigens sehr
zufrieden aus. Wir sprachen Französisch miteinander, obwohl er diese
Sprache sehr schlecht spricht.