I.

Endlich bin ich nach vierzehntägiger Abwesenheit wieder hier

eingetroffen. Die Unsrigen sind schon seit drei Tagen in Roulettenburg.

In meiner Annahme, daß sie mich Gott weiß wie sehnsüchtig erwarteten,

täuschte ich mich sehr. Der General blickte höchst selbstbewußt drein,

als er mich empfing, sprach mit mir nur in herablassendem Ton und

schickte mich dann zu seiner Schwester. Jedenfalls ist es klar, daß sie

inzwischen irgendwo Geld aufgetrieben haben. Dennoch wollte es mir

scheinen, daß der General sich trotz all seines Selbstbewußtseins ein

wenig vor mir schämte und meinem Blick auswich. Marja Filippowna war

sehr beschäftigt und sprach nur flüchtig mit mir. Das Geld nahm sie

jedoch in Empfang, zählte es nach und hörte sogar meinen ganzen Bericht

an. Zu Tisch wurden Mesenzoff und der jämmerliche Franzose erwartet, und

außer ihnen noch ein Engländer. Natürlich: haben sie Geld, so muß doch

sofort ein Diner gegeben werden. Sie werden doch nicht die Moskowiter

verleugnen! Polina Alexandrowna fragte mich nur ^en passant^, weshalb

ich so lange fortgeblieben sei, worauf sie, ohne meine Antwort

abzuwarten, an mir vorüberging. Selbstverständlich lag Absicht in diesem

Benehmen. Wir sind uns übrigens noch Erklärungen schuldig. Es hat sich

mit der Zeit zu viel angesammelt.

Für mich war im vierten Stockwerk des Hotels ein kleines Zimmer

reserviert worden. Hier weiß man, daß ich zur „Suite“ des Generals

gehöre. Aus allem ist zu ersehen, daß sie bereits zu imponieren

verstanden haben. Der General wird hier für einen der reichsten

russischen Aristokraten gehalten. Vor Tisch bat er mich, für ihn zwei

Tausendfrankennoten zu wechseln. Ich wechselte sie im Büro des Hotels.

Jetzt wird man uns wenigstens eine Woche lang für Millionäre halten.

Darauf wollte ich mit Mischa und Nadjä einen Spaziergang machen, wurde

jedoch auf der Treppe zurückgerufen: der General ließ mich zu sich

bitten. Es fiel ihm plötzlich ein, sich bei mir zu erkundigen, wohin ich

die Kinder führen wolle. Nein, dieser Mensch ist entschieden nicht

imstande, mir offen in die Augen zu sehen! Er würde es ja mehr als gern

tun, doch erwidere ich seinen Blick jedesmal so offen und kühl, d. h. so

unehrerbietig, daß er sogleich verwirrt zur Seite blicken muß. In sehr

hochtrabenden Ausdrücken, eine Phrase an die andere gereiht – weshalb er

sich denn zum Schluß total verwirrte – gab er mir zu verstehen, daß ich

mit den Kindern möglichst weit weg vom Kurhaus spazieren solle, am

besten wohl irgendwo in den entlegeneren Teilen des Parks. Plötzlich

ärgerte er sich über sich selbst und fügte schroff hinzu:

„Sonst bringen Sie sie womöglich noch in die Spielsäle und spielen mit

ihnen Roulette ... Das heißt, pardon,“ unterbrach er sich, „Sie

entschuldigen wohl meine Bemerkung, aber Sie sind ja als junger Mann

noch ziemlich leichtsinnig und am Ende gar fähig, zu spielen. Jedenfalls

habe ich, obschon ich nicht Ihr Mentor bin und diese Rolle auch durchaus

nicht zu übernehmen wünsche, wohl das Recht, wenigstens den Wunsch zu

äußern, daß Sie mich hier nicht etwa kompromittieren ...“

„Zum Spielen gehört Geld,“ versetzte ich ruhig „und da ich das nicht

habe ...“

„Sie werden es im Augenblick erhalten,“ sagte er, leicht errötend, und

wandte sich sogleich zum Schreibtisch, um nach seinem Notizbuch zu

suchen. Es zeigte sich, daß ich noch hundertundzwanzig Rubel bei ihm

zugute hatte.

„Wie berechnen wir denn das?“ fragte er stirnrunzelnd. „Wir müssen es in

Taler übersetzen ... Hm! ... Nun, nehmen Sie hier hundert Taler, eine

runde Summe – das übrige wird natürlich nicht verloren gehen.“

Schweigend nahm ich das Geld.

„Übrigens ... bitte sich durch meine Worte nicht gekränkt zu fühlen ...

Sie sind so leicht verletzt ... Wenn ich diese Bemerkung gemacht habe,

so tat ich es gewissermaßen nur, um vorzubeugen, um Sie zu warnen, und

dieses Recht werden Sie mir doch wohl zugestehen ...“

Als ich, noch am Vormittage, mit den Kindern vom Spaziergang

zurückkehrte, begegnete mir unterwegs eine ganze Kavalkade: es waren die

Unsrigen, die eine Ausfahrt machten, um irgendwelche berühmte Ruinen zu

besichtigen. Die Damen, Mademoiselle Blanche, Marja Filippowna und

Polina, fuhren in einem schönen Wagen, den unsere drei Herren, der

Franzose, der Engländer und der General, hoch zu Roß begleiteten. Die

Vorübergehenden blieben stehen, um die elegante Gesellschaft

anzustaunen. Also hatten sie wieder einmal Aufsehen erregt! Nur wird der

General seinem Schicksal doch nicht entgehen können. Zusammen mit den

viertausend Franken, die ich ihm gebracht und mit allem, was sie hier

augenscheinlich noch aufgetrieben haben, können sie jetzt höchstens

sieben- bis achttausend Franken besitzen. Das aber ist viel zu wenig für

Mademoiselle Blanche.

Mademoiselle Blanche ist gleichfalls in unserem Hotel abgestiegen,

zusammen mit ihrer Mutter. Und auch der Franzusischka soll sich hier

irgendwo niedergelassen haben. Die Bedienten nennen ihn „^Monsieur le

comte^“ und die Mutter der Mademoiselle Blanche heißt „^Madame la

comtesse^“. Nun, wer kann’s schließlich wissen, vielleicht sind sie auch

wirklich ^comte et comtesse^.

Ich wußte es im voraus, daß dieser ^Monsieur le comte^ mich nicht

erkennen würde, wenn wir uns in Gegenwart anderer begegnen sollten. Dem

General fiel es natürlich nicht ein, uns miteinander bekannt zu machen

oder wenigstens mich ihm vorzustellen; ^Monsieur le comte^ aber ist in

Rußland gewesen und weiß daher ganz genau, wie gering der Vogel ist, den

sie „^un outchitel^“[1] nennen. Übrigens kennt er mich sehr gut. Doch um

die Wahrheit zu gestehen: ich erschien völlig unaufgefordert zum Diner.

Ich glaube, der General hatte mich ganz vergessen, denn sonst hätte er

mich sicherlich an die Table d’hote geschickt. Ich erschien also

ungebeten und fing daher einen sehr erfreuten Blick des Generals auf.

Die gute Marja Filippowna wies mir sogleich einen Platz an. Und die

Anwesenheit Mister Astleys rettete mich vollends: ich gehörte nun ohne

mein Zutun gleichfalls zur Gesellschaft.

Diesen seltsamen Engländer habe ich in Preußen kennen gelernt. Wir saßen

im Kupee einander gegenüber, als ich den Unsrigen nachreiste. Und dann

bin ich ihm nachher noch einmal in der Schweiz begegnet, gleichfalls auf

der Reise, unweit der französischen Grenze. Ich war aber nicht wenig

überrascht, ihn plötzlich hier in Roulettenburg anzutreffen.

Noch nie in meinem Leben habe ich einen so schüchternen Menschen

gesehen! Er ist bis zur Unglaublichkeit, geradezu bis zur

unglaublichsten Dummheit schüchtern, was er natürlich selbst ganz genau

weiß; denn daß er nicht dumm ist, sieht man ihm auf den ersten Blick an.

Im übrigen ist er ein sympathischer, stiller Mensch. Bei unserer ersten

Begegnung hatte ich ihn sogar zum Reden gebracht: er hatte mir erzählt,

daß er in diesem Sommer am Nordkap gewesen sei und sehr gern die Messe

in Nishnij Nowgorod besucht hätte. Wie er mit dem General bekannt

geworden ist, weiß ich nicht. Jedenfalls scheint er in Polina grenzenlos

verliebt zu sein. Als sie eintrat, wurde er feuerrot. Offenbar war er

sehr froh darüber, mich zum Tischnachbar zu haben und wie es scheint,

hält er mich bereits für seinen besten Freund.

Bei Tisch führte der Franzusischka das große Wort; er benahm sich allen

gegenüber nachlässig, wenn nicht gar geringschätzig, und zeigte wieder

mal unverhohlen, wie sehr er von sich eingenommen ist. In Moskau,

entsinne ich mich, blies er noch auf einer ganz anderen Flöte. Diesmal

sprach er unendlich viel von Finanzen und von der russischen Politik.

Der General wagte mitunter, ihm zu widersprechen, doch tat er es nur

sehr vorsichtig und bescheiden, offenbar nur deshalb, um seine

vermeintliche Autorität nicht gänzlich einzubüßen.

Ich war ziemlich verstimmt. Natürlich stellte ich mir schon nach dem

ersten Gang wie gewöhnlich die Frage: „Wozu plagst du dich überhaupt mit

diesem General, weshalb hast du ihm und ihnen allen nicht schon längst

den Rücken gekehrt?“

Hin und wieder blickte ich zu Polina Alexandrowna hinüber: sie übersah

mich jedoch vollkommen. Das Spiel endete damit, daß ich wütend wurde und

mich entschloß, einfach – frech zu werden. Ich wollte mich ungebeten in

ihr Gespräch einmischen, nur um mit dem Franzosen anzubändeln. So wandte

ich mich plötzlich an den General und bemerkte laut – ich glaube, ich

unterbrach ihn sogar –, daß es den Russen in diesem Sommer nahezu

unmöglich sei, irgendwo an einer Table d’hote zu speisen. Der General

sah mich verwundert an.

„... Wenn Sie sich als Mensch eine gewisse Selbstachtung nicht

versagen,“ fuhr ich unbekümmert fort, „so setzen Sie sich damit direkt

Beleidigungen aus und müssen sich eine geradezu kränkende Behandlung

gefallen lassen. In Paris und am Rhein, ja sogar in der Schweiz sitzen

an der Table d’hote unter dem unvermeidlichen Polengesindel soviele

Französchen, die mit diesem sympathisieren, daß es einem ganz unmöglich

ist, auch nur ein Wort zu sagen, wenn man eben das Unglück hat, _bloß_

Russe zu sein.“

Ich sagte es auf französisch. Der General sah mich an, als wisse er

nicht, ob er sich ärgern oder nur wundern sollte: darüber, daß ich mich

so vergessen konnte.

„Dann haben Sie wohl schlimme Erfahrungen gemacht,“ warf unser

Franzusischka nachlässig und spöttisch hin.

„Ja, aber dafür habe ich dann in Paris einem Polen und einem

französischen Offizier, der dem Polen beistand, einmal um so

aufrichtiger meine russische Meinung gesagt. Das änderte die Sachlage

sogleich bedeutend zu meinen Gunsten. Und als ich dann noch einmal bei

Tisch zum besten gab, wie wenig ehrerbietig ich mich über den Kaffee des

päpstlichen Prälaten geäußert, ging ein Teil der Franzosen sogar auf

meine Seite über.“

„Über den Kaffee? ...“ fragte der General in würdevollem Erstaunen und

blickte fast die ganze Tischgesellschaft fragend an. Der Franzose

musterte mich mißtrauisch.

„Ja, über den Kaffee,“ bestätigte ich. „Da ich zwei Tage lang überzeugt

war, daß ich in unserer Angelegenheit auf kurze Zeit nach Rom würde

reisen müssen, begab ich mich in die Kanzlei der Gesandtschaft des

heiligen Vaters zu Paris, um meinen Paß visieren zu lassen. Dort empfing

mich ein kleiner Abbé, ein hageres Kerlchen von etwa fünfzig Jahren, mit

frostiger Physiognomie. Er hörte mich höflich an und bat mich darauf nur

trocken, etwas zu warten. Ich hatte zwar wenig Zeit, doch setzte ich

mich hin, zog die ‚^Opinion nationale^‘ hervor und begann zu lesen. Der

Leitartikel war ein einziges großes Geschimpf über Rußland. Inzwischen

hörte ich, wie durch das Nebenzimmer jemand zum Monseigneur geführt

wurde; ich sah, wie der Abbé ihn begrüßte. Ich wandte mich zum

zweitenmal mit meiner Bitte an ihn; er bat mich in noch trockenerem

Tone, mich zu gedulden. Nach kurzer Zeit trat wieder ein Unbekannter ins

Zimmer – es schien ein Österreicher zu sein. Der Abbé hörte ihm

aufmerksam zu, während dieser sein Anliegen vorbrachte und ließ ihn dann

sogleich nach oben führen. Das ärgerte mich nicht wenig. Ich erhob mich,

trat auf ihn zu und sagte in nicht mißzuverstehendem Tone, daß

Monseigneur, da er doch augenscheinlich empfange, wohl auch mein

Anliegen ohne Aufschub erledigen könne. Mein Abbé aber prallte förmlich

zurück vor Verwunderung und maß mich mit einem unbeschreiblichen Blick.

Er konnte es einfach nicht fassen, daß ein nichtswürdiger Russe sich mit

den anderen, die sein Monseigneur empfing, gleichstellen wollte! Er maß

mich mit unendlicher Verachtung vom Kopf bis zu den Füßen und sagte in

einem Tone, dem man die Freude, mich verletzen zu können, sehr deutlich

anhörte:

‚Ja, glauben Sie denn etwa, daß Monseigneur _Ihretwegen_ seinen Kaffee

wird kalt werden lassen?‘

Da wurde ich wütend und sagte zu ihm, daß der Teufel seinen Kaffee holen

könne, ich schere mich nicht drum, ‚und wenn Sie mir nicht im Augenblick

meinen Paß mit der Visa zurückbringen, so gehe ich selbst zum

Monseigneur,‘ schloß ich.

‚Was! Während bei ihm der Kardinal sitzt!‘ schrie das Kerlchen, entsetzt

vor mir zurückweichend, und plötzlich stürzte er zur Tür, vor der er

sich mit ausgebreiteten Armen wie ein Kreuz hinstellte und eine Miene

aufsetzte, die mir sagen sollte, daß er eher zu sterben gewillt sei als

von seinem Platz zu weichen.

Da sagte ich ihm, ich sei ein Ketzer und Barbar und alle seine

Erzbischöfe, Kardinäle, Monseigneurs und wie sie da hießen, gingen mich

absolut nichts an. Kurz ich gab ihm zu verstehen, daß ich meinen Willen

unbedingt durchsetzen würde. Er blickte mich haßerfüllt an, riß mir

meinen Paß aus der Hand und brachte ihn nach oben zum Monseigneur. Nach

einer Minute kam er zurück: der Paß war visiert. Hier, wenn’s gefällig

ist, sich davon zu überzeugen ...“ Ich nahm den Paß aus meiner

Brusttasche und zeigte die römische Visa.

„Sie haben indes ...“ begann der General, doch der Franzose unterbrach

ihn halb lachend:

„Was Sie rettete, war, daß Sie sich für einen ^hérétique^ und ^barbare^

ausgaben. ^Cela n’était pas si bête.^“

„Ja, wie sollte es denn auch anders sein, wer könnte denn hier unsere

Russen achten?“ fuhr ich fort. „Die wagen ja hier, wenn sie an einer

Table d’hote sitzen, kein Wort zu sagen, und sind womöglich sofort

bereit, falls jemand es wünschte, ihre Nationalität zu verleugnen und

sich von ganz Rußland loszusagen! In Paris wenigstens begann man, sich

viel aufmerksamer zu mir zu verhalten, nachdem ich ihnen von meinem

Streit mit dem Abbé erzählt hatte. Ein dicker polnischer Pan, der bis

dahin die erste Rolle an der Table d’hote gespielt hatte, mußte sich

hinfort mit der zweiten Rolle begnügen. Ja, die Franzosen nahmen es

nachher sogar ruhig hin, daß ich ihnen von einem Menschen erzählte, auf

den ein französischer Chasseur im Jahre 1812 geschossen hatte, einzig um

sein Gewehr zu entladen. Dieser Mensch war damals ein zehnjähriger Knabe

und seine Familie hatte Moskau nicht rechtzeitig vor dem Einzug der

Franzosen verlassen können.“

„Das kann nicht wahr sein,“ brauste mein Französchen auf. „Ein

französischer Soldat wird nicht auf ein Kind schießen!“

„Indessen war es so,“ versetzte ich unbeirrt. „Mein Gewährsmann war ein

ehrwürdiger verdienstvoller Hauptmann a. D. und ich habe selbst die

Schramme auf der Wange des Betreffenden gesehen, den die Kugel zum Glück

nur gestreift hat.“

Der Franzose begann sehr schnell und sehr erregt zu sprechen. Der

General wollte ihm bereits beipflichten, ich schlug ihm aber vor, doch

wenigstens die Auszüge aus den Memoiren des 1812 in französische

Gefangenschaft geratenen Generals Perowskij zu lesen. Da unterbrach uns

endlich Marja Filippowna, die von etwas anderem zu sprechen begann, um

dieses Gespräch zu beenden. Der General war sehr unzufrieden mit mir,

denn das Französchen und ich hatten unsere Stimmen zum Schluß mehr als

nötig erhoben. Doch Mr. Astley schien mein Streit mit dem anderen sehr

gefallen zu haben; nach Tisch lud er mich zu einem Glase Wein ein.

Gegen Abend gelang es mir, mit Polina Alexandrowna unter vier Augen zu

sprechen. Es war das auf dem Spaziergang. Wir gingen alle in den Park

zum Kurhaus. Polina setzte sich auf eine Bank gegenüber dem

Springbrunnen und erlaubte Nadenjka, in der Nähe mit anderen Kindern zu

spielen. Auch ich erlaubte meinem Mischa, zum Springbrunnen zu gehen,

und so blieben wir endlich allein.

Natürlich begannen wir sogleich von Geschäftlichem zu sprechen. Polina

war einfach empört, als ich ihr im ganzen nur siebenhundert Gulden

einhändigte. Sie hatte mit aller Bestimmtheit erwartet, daß ich ihr für

ihre in Paris versetzten Brillanten wenigstens zweitausend Gulden, wenn

nicht noch mehr, bringen würde.

„Ich brauche vor allen Dingen und unter allen Umständen Geld,“ sagte

sie, „und ich muß es mir verschaffen, ich muß! Sonst bin ich verloren!“

Ich begann zu fragen, was in meiner Abwesenheit geschehen war.

„Nichts weiter, als daß wir aus Petersburg zwei Depeschen erhalten

haben: zuerst die Nachricht, daß es der Babuschka sehr schlecht gehe;

und nach zwei Tagen, daß sie, glaube ich, im Sterben liege. Diese

Nachricht stammt von Timofei Petrowitsch,“ fügte Polina hinzu, „er aber

ist ein pedantisch gewissenhafter Mensch. Und jetzt erwarten wir die

endgültige Nachricht.“

„So sind denn jetzt alle voll Hoffnung?“ fragte ich.

„Versteht sich, alle und alles; haben wir doch ganze sechs Monate nur

noch darauf gewartet.“

„Sie gleichfalls?“ fragte ich.

„Ich bin ja doch als Stieftochter des Generals gar nicht verwandt mit

ihr ... Aber ich weiß, daß sie mich in ihrem Testament nicht übergehen

wird.“

„Ich glaube, Sie werden sehr viel erben,“ sagte ich überzeugt.

„Möglich; sie liebte mich; aber weshalb scheint es denn _Ihnen_ so?“

„Sagen Sie,“ fragte ich, ohne auf ihre Frage zu antworten, „unser

Marquis ist doch gleichfalls in alle Familiengeheimnisse eingeweiht?“

„Weshalb interessiert Sie das?“ fragte Polina trocken und sie sah mich

streng an.

„Auch eine Frage! Wenn ich nicht irre, hat der General bereits Geld von

ihm geborgt.“

„Wie kommt es, daß Ihre Vermutungen heute so merkwürdig richtig sind?“

„Nun, würde er ihm wohl das Geld geliehen haben, wenn er vom Zustand der

Großtante nichts wüßte? Und ist es Ihnen nicht aufgefallen, wie er bei

Tisch, als von ihr die Rede war, sie etwa dreimal ‚^la baboulenka^‘[2]

nannte? Welch nahe, freundschaftliche Beziehungen!“

„Ja, Sie haben recht. Sobald er erfährt, daß auch mir etwas zugefallen

ist, wird er sich sogleich um mich bewerben. War es das, was Sie

erfahren wollten?“

„Erst ‚wird‘? Ich dachte, er tue es schon längst.“

„Sie wissen nur zu gut, daß er es nicht tut!“ sagte Polina geärgert. „Wo

haben Sie diesen Engländer kennen gelernt?“ fragte sie nach kurzem

Schweigen.

„Ich wußte es, daß Sie mich jetzt nach ihm fragen würden.“

Ich erzählte ihr von meinen früheren Begegnungen mit Mr. Astley.

„Er ist schüchtern und sehr verliebter Natur und ... hat sich natürlich

in Sie verliebt?“

„Ja, er ist in mich verliebt,“ antwortete Polina ruhig.

„Und natürlich ist er zehnmal reicher als der Franzose. Wie, hat denn

der Franzose tatsächlich etwas? Ist das so gar keinem Zweifel

unterworfen?“

„Nein, das ist keinem Zweifel unterworfen. Er hat irgendwo ein

^château^. Noch gestern sagte es mir der General ganz positiv. Nun,

genügt Ihnen das?“

„Ich würde an Ihrer Stelle unbedingt den Engländer nehmen.“

„Warum?“ fragte Polina.

„Der Franzose ist ja hübscher, aber dafür ist er auch ein gemeiner Kerl.

Der Engländer aber hat, ganz abgesehen davon, daß er grundehrlich ist,

mindestens zehnmal mehr,“ versetzte ich trocken.

„Ja; aber dafür ist der Franzose Marquis und klüger,“ sagte sie kühl mit

gleichmütigster Miene.

„Nur ... stimmt das auch wirklich?“ fragte ich im selben Tone.

„Vollkommen.“

Meine Fragen mißfielen ihr sehr, doch ich merkte nur zu gut, daß sie

mich mit ihrer Ruhe und ihren unmöglichen Antworten ärgern wollte. Ich

sagte ihr das.

„Nun ja, es amüsiert mich, zu sehen, wie Sie sich ärgern,“ meinte sie.

„Denn ... wie werden Sie mir schon das allein, daß ich Ihnen solche

Fragen und Äußerungen gestatte, bezahlen müssen!“

„Ich fühle mich allerdings im Recht, jede beliebige Frage an Sie zu

richten,“ versetzte ich ruhig, „und zwar schon deshalb, weil ich zu

jeder Bezahlung bereit bin und überhaupt mein ganzes Leben für ein

Nichts erachte.“

Polina begann zu lachen.

„Sie sagten mir das letztemal auf dem Schlangenberge, Sie seien sogar

bereit, sobald ich es nur wünschte, sich mit dem Kopf voran von der

Terrasse hinabzustürzen, der Weg aber ist dort, glaube ich, an tausend

Fuß hoch. Nun, irgend einmal werde ich diesen Wunsch aussprechen, und

zwar einzig um zu sehen, wie Sie ihn erfüllen. Und, ich versichere Sie,

daß ich charakterfest sein werde. Sie sind mir verhaßt, sind es mir

geworden deshalb, weil ich Ihnen so viel erlaubt habe, und sind mir noch

verhaßter, weil ich Ihrer Hilfe so dringend bedarf. Doch so lange das

der Fall ist – muß ich Sie noch am Leben lassen.“

Sie erhob sich. Die letzten Worte hatte sie geradezu gereizt gesagt.

Überhaupt war es mir aufgefallen, daß sie in der letzten Zeit unsere

Gespräche regelmäßig sehr gereizt abbrach.

„Gestatten Sie noch eine Frage,“ hielt ich sie auf, um sie nicht ohne

Erklärung fortgehen zu lassen, „wer ist Mademoiselle Blanche?“

„Das wissen Sie doch ebenso gut wie ich, wer Mademoiselle Blanche ist.

Sie hat weder ihre alten Eigenschaften verloren noch neue hinzubekommen.

Mademoiselle Blanche wird ganz gewiß Generalin werden. Das heißt,

vorausgesetzt natürlich, daß sich die Nachricht vom zu erwartenden Tode

der Großtante bewahrheitet, denn sowohl Mademoiselle Blanche wie ihre

Mutter und ihr Cousin, ^le marquis^, wissen alle sehr gut, daß wir

ruiniert sind.“

„Und der General ist unrettbar verliebt?“

„Das gehört jetzt nicht zur Sache. Doch hören Sie und behalten Sie, was

ich Ihnen sage: hier sind die siebenhundert Gulden, nehmen Sie sie und

spielen Sie Roulette, und gewinnen Sie so viel als möglich; ich

gebrauche jetzt unter allen Umständen Geld und Sie _müssen_ es mir

verschaffen.“

Damit wandte sie sich von mir ab, rief Nadenjka und ging mit ihr zum

Kurhaus, wo sie sich den Unsrigen anschloß. Ich aber bog in den ersten

Seitenpfad nach links ein, noch ganz verwundert über den Auftrag, der

mir so plötzlich zuteil geworden war, und demgemäß recht nachdenklich

gestimmt. Eigentlich war mir zumut als hätte ich einen Schlag auf den

Kopf erhalten: ich, ich sollte Roulette spielen! Doch sonderbar: obschon

ich jetzt über etwas Wichtiges nachzudenken hatte, versenkte ich mich

doch ganz in eine Analyse meiner Gefühle für Polina. In der Tat, ich muß

gestehen, daß ich mich in den zwei Wochen meiner Abwesenheit freier

gefühlt hatte und glücklicher gewesen war als jetzt am Tage meiner

Rückkehr, obschon ich unterwegs vor Sehnsucht fast wahnsinnig zu werden

fürchtete und sie mir sogar Nacht für Nacht im Traum erschien. Einmal –

es war im Kupee auf der Reise durch die Schweiz – begann ich,

überwältigt von Müdigkeit, im Schlaf von Polina zu sprechen, womit sich

meine Reisegefährten so erheiterten, daß sie in lautes Lachen

ausbrachen, was mich zum Glück aufweckte ... Und wieder stellte ich mir

die Frage: liebst du sie? – Und wieder wußte ich mir darauf nichts zu

antworten, oder richtiger, ich sagte mir wieder einmal – wohl zum

hundertsten Mal –, daß ich sie haßte. Ja, sie war mir verhaßt! Es gab

Augenblicke – namentlich zum Schluß unserer Gespräche – in denen ich

mein halbes Leben dafür hingegeben hätte, sie erwürgen zu können! Ich

schwöre es: wenn es möglich gewesen wäre, ein scharfes Messer ihr

langsam in die Brust zu stoßen, so hätte ich es – davon bin ich

überzeugt – mit Wonne getan. Doch andererseits schwöre ich bei allem,

was es Heiliges gibt, daß ich, wenn sie mir dort auf dem Schlangenberge

wirklich gesagt hätte: ‚Stürzen Sie sich hinab‘ – ich mich sogleich

hinabgestürzt haben würde, und zwar gleichfalls mit Wonne. Das weiß ich.

Aber so geht das nicht weiter, es muß etwas Entscheidendes geschehen!

Sie begreift natürlich mit bewundernswerter Richtigkeit die ganze

Situation, und der Gedanke, daß ich mir ihrer Unnahbarkeit und

Unerreichbarkeit für mich, der ganzen Unmöglichkeit der Erfüllung meiner

phantastischen Träume vollkommen bewußt bin – dieser Gedanke muß ihr,

meiner Überzeugung nach, eine unendliche Genugtuung gewähren, muß ihr

geradezu ein Genuß sein. Denn wie könnte sie sonst so unbekümmert offen

und ungeniert im Verkehr mit mir sein, sie, die doch vorsichtig und klug

ist? Ich glaube, sie hat bisher ungefähr ebenso auf mich herabgesehen

wie jene Kaiserin im Altertum, die sich in Gegenwart ihres Sklaven

entkleidete, da sie ihn ja doch nicht für einen Menschen hielt. Sie hat

mich schon mehr als einmal nicht für einen Menschen gehalten.

Aber wie dem auch war, einstweilen hatte sie mich beauftragt, unbedingt

für sie Geld zu gewinnen. So hatte ich nicht einmal zu fragen, wozu sie

das Geld brauchte, wie bald ich es verschaffen mußte, und welche neuen

Berechnungen in ihrem ewig berechnenden Kopfe wohl wieder entstanden

sein mochten ... Offenbar war auch in diesen letzten zwei Wochen eine

Unmenge neuer Fakta, von denen ich noch nichts ahnte, hinzugekommen. Da

gab es nun viel zu raten, zu kombinieren und nachzudenken, und das mußte

schnell geschehen. Doch vorläufig hatte ich keine Zeit dazu: ich mußte

zum Roulette.

Sämtliche Werke 21 · 第 11 / 46 题