Die Ermahnung schien in der That ziemlich überflüssiger Weise an einen
Mann gerichtet zu sein, der schwere Fußeisen an seinen Beinen trug.
Allein Mr. Haley hatte die Gewohnheit angenommen, sein Verhältniß zu
neuen Waarenartikeln stets mit kleinen derartigen Ermahnungen zu
eröffnen, die darauf hinwirkten, wie er glaubte, ihnen guten Muth und
Zutrauen einzuflößen, und die Nothwendigkeit unangenehmer Scenen zu
verhüten.
Und hier nehmen wir für jetzt von Onkel Tom Abschied, um die Schicksale
andrer Personen unserer Erzählung zu verfolgen.
Elftes Kapitel.
Worin das Eigenthum in einen unpassenden Geisteszustand geräth.
Es war an einem regnichten Nachmittage, als ein Reisender an der Thür
eines kleinen Gasthofes im Dorfe N-- in Kentucky abstieg. Im
Schenkzimmer fand er eine sehr gemischte Gesellschaft, die vom Wetter
hier, um Schutz zu suchen, zusammen getrieben worden war, und der Ort
gewährte deshalb die gewöhnliche Scenerie solcher Versammlungen. Große,
hagere Kentuckier, in ihren Jagdhemden, die ihre gelenkigen Gliedmaßen,
in der ihnen so eigenthümlichen, behaglichen Faulheit über einen
unglaublichen Raum ausstreckten; -- Gewehre, die aufgestapelt in den
Ecken standen, Jagdtaschen, Schrotbeutel, Jagdhunde, kleine Neger, in
bunter Mischung durch einander rollend, -- waren die charakteristischen
Züge des Gemäldes. Auf jeder Seite des Kamines saß ein langbeiniger
Gentleman, mit zurück gelehntem Stuhle, seinen Hut auf dem Kopfe, und
die Hacken seiner schlammigen Stiefel auf dem Kaminsimse ruhen lassend,
-- eine Stellung, die, wie wir unserm Leser versichern müssen,
entschieden günstig für diejenige Art von Betrachtungen ist, welche in
jenen westlichen Wirthshäusern gefunden werden, in denen die Reisenden
eine besondre Vorliebe für diese besondre Art und Weise, ihrem
Reflektionsvermögen nachzuhelfen, an den Tag legen.
Der Wirth, welcher hinter dem Schenktische stand, war, wie die meisten
seiner Landsleute, groß von Gestalt, gutmüthig und gewandt, mit einer
unglaublichen Decke von Haar auf seinem Kopfe, auf der er einen großen,
hohen Hut trug.
Es trug überhaupt Jeder im Zimmer dieses charaktervolle Zeichen der
männlichen Souveränetät, sei es ein Felbelhut, oder ein Palmblatt, ein
schmutziger Filzhut, oder ein schöner, neuer #chapeau#, -- dort ruhte er
mit ächt republikanischer Unabhängigkeit, und schien in der That das
charakteristische Merkmal jeder einzelnen Individualität zu sein. Einige
trugen ihn verwegen auf die Seite gedrückt, -- das waren muntere,
lustige, fröhliche Burschen; Andere hatten ihn bis tief auf die Nasen
hinabgedrückt, -- das waren jene harten Charaktere, Männer durch und
durch, die, wenn sie einen Hut trugen, ihn ganz tragen wollten, und
grade so wie es ihnen gefiel; noch Andre ließen ihn weit hinten über
fallen, -- tief blickende Männer, die von Allem eine deutliche
Anschauung haben wollten; während wieder andre, sorglose Männer, welche
entweder nicht wußten, oder sich nichts daraus machten, wie ihr Hut saß,
ihn nach allen Seiten umher schwanken ließen. Die verschiedenartigen
Hüte gewährten in der That ein Feld für ein wahrhaft Shakespearsches
Studium.
Verschiedene Neger, in weiten Beinkleidern, liefen geschäftig hin und
her, ohne daß man ein besondres Resultat ihrer Geschäftigkeit entdecken
konnte, aber mit der ihrem Geschlechte eigenthümlichen Willigkeit, Alles
in der ganzen Schöpfung umzukehren, um ihrem Master und seinen Gästen
dienstlich zu sein. Denke Dir endlich, lieber Leser, zu diesem Bilde ein
munteres, prasselndes Feuer, welches den großen, weiten Rauchfang
hinauffährt, -- alle Thüren und Fenster weit offen, so daß die Gardinen
in der kalten, feuchten Zugluft hin und her wehen, -- und Du hast eine
Idee von den Annehmlichkeiten eines Kentuckischen Wirthshauses.
Der Kentuckier der jetzigen Zeit ist eine treffliche Versinnlichung der
Lehre von ererbten Instinkten und Eigenthümlichkeiten. Seine Vorväter
waren gewaltige Jäger, -- Männer, die in den Wäldern lebten, und unter
dem freien Himmel und dem Lichte der Sterne schliefen; und ihr
Abkömmling handelt bis auf den heutigen Tag so, als wenn das Haus sein
Lager wäre, -- trägt seinen Hut zu allen Zeiten, rollt sich umher und
wirft seine Hacken auf die Stühle und Kaminsimse, grade so wie sein
Vorvater sich auf dem grünen Rasen umher rollte, und seine Füße auf
Stämme und Bäume legte, -- hält alle Fenster und Thüren Sommer und
Winter offen, -- nennt jedermann »Fremder« mit #nonchalant bonhommie#,
und ist überhaupt die offenherzigste, ungenirteste und gemüthlichste
Kreatur der Welt.
In eine solche freie und leichte Gesellschaft trat unser Reisender. Er
war ein kleiner, untersetzter Mann, sorgfältig gekleidet, mit einem
runden, gutmüthigen Gesichte, und hatte etwas Komisches, Sonderbares in
seiner ganzen Erscheinung. Er schien für seine Reisetasche und seinen
Regenschirm sehr besorgt zu sein, denn er brachte sie mit eignen Händen
herein und widerstand dabei hartnäckig allen Versuchen der Dienstboten,
ihm diese Last abzunehmen. Indem er sich etwas ängstlich im Schenkzimmer
umschaute, zog er sich mit seinen Kostbarkeiten in die wärmste Ecke
desselben zurück, legte diese unter seinen Stuhl, setzte sich nieder,
und blickte beinahe furchtsam auf zu dem Ehrenmanne, dessen Hacken vom
Kaminsimse getragen wurden, und der ununterbrochen von rechts nach links
mit einem Muthe und einer Heftigkeit ausspie, daß Leute von schwachen
Nerven und besondern Gewohnheiten sich nothwendig dadurch beunruhigt
fühlen mußten.
»Guten Tag, Fremder, wie geht's?« sagte der so eben beschriebene Herr,
indem er eine Ehrensalve von Tabackssaft nach der Gegend des neuen
Ankömmling's zu abfeuerte.
»Ziemlich gut,« war die Antwort des Anderen, während er mit einiger
Unruhe der drohenden Ehre auszuweichen suchte.
»Neuigkeiten?« fragte Ersterer wieder, eine Rolle Taback und ein großes
Jagdmesser aus seiner Tasche nehmend.
»Wüßte keine,« war die Antwort.
»Kauen?« fragte Jener, indem er dem alten Herrn ein Stück Taback mit
ächt brüderlicher Miene hinreichte.
»Nein, danke schön, -- es bekommt mir nicht,« sagte der kleine Mann,
zurück rückend.
»Nicht, ah so!« bemerkte der Andre, während er den Taback in seinen
eignen Mund steckte, um daselbst den nöthigen Vorrath von Saft zum
allgemeinen Besten der Gesellschaft in steter Bereitschaft zu halten.
Der alte Herr ließ jedesmal einen leisen Schrecken sehen, wenn sein
langer Bruder nach seiner Gegend zu feuerte; und als dieser das
bemerkte, richtete er gutmüthig seine Artillerie nach einer andern
Seite, und begann die Feuerzange mit einem Grade militärischen Talentes
anzugreifen, der hinreichend gewesen sein würde, um eine Stadt zu
stürmen.
»Was ist das?« fragte der alte Herr, als er mehrere Anwesende um einen
großen Anschlagezettel gruppirt sah.
»Ein Nigger ist bekannt gemacht!« entgegnete Einer derselben kurz.
Mr. Wilson, denn dies war der Name des alten Herrn, stand auf, und
nachdem er sorgfältig seine Reisetasche und seinen Regenschirm zurecht
gelegt hatte, schritt er bedächtig dazu, seine Brille hervor zu ziehen,
setzte diese auf die Nase, und begann sodann zu lesen:
»Dem Unterzeichneten entlaufen ein Mulattenbursche, Georg. Besagter
Georg ist sechs Fuß groß, ein sehr hellfarbiger Mulatte, hat
braunes, lockiges Haar, spricht gut, kann lesen und schreiben;
wird wahrscheinlich versuchen für einen Weißen zu gelten; hat tiefe
Narben auf dem Rücken und Schultern, und trägt an der rechten Hand
ein Brandmal mit dem Buchstaben #H#.
Ich will vierhundert Dollar für ihn lebendig geben, und dieselbe
Summe für den vollständigen Nachweis, daß er getödtet worden ist.«
Der alte Herr las diese Anzeige von Anfang bis zu Ende mit leiser
Stimme, als wenn er sie studiere.
Der langbeinige Veteran, der, wie vorher erwähnt, die Feuerzange
gestürmt hatte, ließ jetzt seine bedeutende Länge nieder, erhob seine
hohe Gestalt, schritt nach dem Orte, wo diese Anzeige angeschlagen war,
und spie dann eine volle Ladung von Tabackssaft auf dieselbe.
»Das ist meine Meinung darüber!« sagte er kurz, und setzte sich dann
wieder nieder.
»Oho, Fremder, was soll das heißen?« sagte der Wirth.
»Ich würde dasselbe mit Dem thun, der's geschrieben hat, wenn er hier
wäre,« entgegnete kaltblütig der lange Mann, während er seine alte
Beschäftigung, Taback zu schneiden, wieder vornahm. »Jeder, der einen
Burschen besitzt wie der, und keinen bessern Weg finden kann, ihn zu
behandeln, =verdient= ihn zu verlieren. Solche Papiere wie das da, sind
eine Schande für Kentucky! Das ist meine Meinung grade heraus, wenn
Jemand sie wissen will!«
»Das ist 'mal gewiß!« sagte der Wirth, während er Etwas in sein Buch
eintrug.
»Ich habe einen Trupp Burschen, Herr,« sagte der lange Mann, indem er
seinen Angriff auf die Feuerzange von Neuem begann, »und rede mit ihnen
so: -- >Jungens,< sage ich -- >rennt nun, lauft! wenn ihr wollt! -- ich
will Euch nie nachlaufen!< -- So halt' ich =meine=. Laßt sie 's wissen,
daß sie fortlaufen können wenn sie wollen, dann grade verlieren sie die
Lust. Ueberdies habe ich Freischeine für sie alle ausgefertigt, im Fall
es mir 'mal zu bunt wird in den jetzigen Zeiten; und das wissen sie. Ich
sage Euch, Fremder, 's giebt keinen Kerl hier, der mehr aus seinen
Negern herausbringt, als ich. Glaubt Ihr's? Meine Burschen sind bis nach
Cincinnati gegangen mit Füllen, fünfhundert Dollar werth, und haben mir
das Geld alles richtig heimgebracht, -- mehr als einmal. 'S ist ganz
natürlich, warum. Behandelt sie wie Hunde, und Ihr habt Hundewerk;
behandelt sie wie Menschen, und Ihr habt Menschenwerk.« Und der ehrliche
Pferdehändler bekräftigte sein moralisches Gefühl dadurch, daß er ein
förmliches #feu de joie# gegen den Kamin losließ.
»Ich glaube, Ihr habt vollkommen recht, Freund,« sagte Mr. Wilson; »und
der hier beschriebene Bursche ist wirklich ein braver Bursche, -- kein
Zweifel darüber. Er hat für mich beinahe sechs Jahre lang in meiner
Sackfabrik gearbeitet, und war mein bester Arbeiter, Herr. Er ist
außerdem ein kluger, erfinderischer Bursche. Er hat eine Maschine zum
Reinigen des Hanfes erfunden, -- eine wirklich werthvolle Sache, die
jetzt in vielen Fabriken angewendet wird. Sein Herr hat das Patent
darauf.«
»Kann mir's denken,« sagte der Pferdehändler, »hat es und macht Geld
mit, und dann dreht er sich um und brennt den Burschen in die rechte
Hand. Wenn ich 'ne gute Gelegenheit hätte, ich wollte ihn zeichnen,
meiner Seele, er sollte 's 'ne gute Zeit mit sich herum tragen.«
»Ja, die klugen Burschen das sind alle ungezogene, impertinente
Schlingel,« sagte ein Mann von rohem, ungeschlachtem Aeußern auf der
andern Seite des Zimmers; »das ist's warum sie gepeitscht und so
gezeichnet werden. Wenn sie sich ordentlich betrügen, würde 's nicht
geschehen.«
»Das heißt, Gott hat sie Menschen werden lassen, und 's muß ein harter
Druck sein, um sie zu Bestien zu machen,« sagte der Pferdehändler
trocken.
»Kluge Niggers sind gar nichts nütze für 'nen Herrn,« fuhr der Andre
fort, der gegen die Verachtung seines Gegners in einer rohen,
bewußtlosen Stumpfheit wohl verschanzt war; -- »wozu brauchen sie
Talente und solche Sachen, wenn Ihr selbst keinen Nutzen davon haben
könnt? Alles, was sie mit thun ist, daß sie Euch betrügen. Habe ein paar
solche Burschen gehabt, aber habe sie bald den Fluß hinunter verkauft.
Wußte doch, daß ich sie früh oder spät verlieren würde, wenn ich's nicht
that.«
»Noch besser, Ihr schickt eine Bestellung hinauf zum lieben Gott, daß er
Euch welche schafft ohne Seelen,« sagte der Pferdehändler.
Hier wurde die Unterhaltung durch das Heranfahren eines kleinen,
einspännigen Kabriolet's vor das Wirthshaus unterbrochen. Es hatte ein
anständiges Aeußeres, und darin saß ein fein gekleideter Mann mit einem
farbigen Diener, welcher fuhr.
Die ganze Versammlung im Schenkzimmer betrachtete den neuen Ankömmling
mit der Neugierde, mit welcher Wirthshausgäste an einem regnichten Tage
gewöhnlich einen frisch Ankommenden beobachten. Er war sehr groß, und
hatte eine dunkle, spanische Gesichtsbildung, schöne, ausdrucksvolle
Augen, und dichtes, lockiges Haar, welches ebenfalls rabenschwarz war.
Seine schöngeformte, gebogene Nase, seine schmalen Lippen, und die
auffallend schönen Formen seiner Glieder erregten bei der ganzen
Gesellschaft sofort die Idee von etwas Ungewöhnlichem. Er schritt mit
leichter Haltung in das Zimmer, grüßte die Gesellschaft, und deutete dem
Kellner durch einen Wink an, wo er seinen Mantelsack niederzusetzen
habe, worauf er, mit seinem Hute in der Hand, sich nachlässig an den
Schenktisch begab, und seinen Namen als Henry Butler, von Oakland,
Grafschaft Shelby, angab. Sich sodann mit gleichgültiger Miene
umwendend, schlenderte er an die im Zimmer ausgehängte Bekanntmachung
heran, und las sie.
»Jim,« sagte er zu seinem Diener, »ich glaube, wir sind einem Burschen,
der diesem ähnlich sieht, in der Nähe von Bernan begegnet, nicht wahr?«
»Ja wohl, Master,« sagte Jim, »nur weiß ich nicht, ob's mit der Hand
zutrifft?«
»Ich habe natürlich nicht darauf geachtet,« sagte der Fremde, nachläßig
gähnend. Sodann sich zum Wirth begebend, verlangte er ein besonderes
Zimmer, da er, wie er sagte, sofort einige Schreibereien zu besorgen
habe.
Der Wirth war äußerst bereitwillig, und ein halbes Dutzend Neger, alt
und jung, männlichen und weiblichen Geschlechts, groß und klein,
sprangen gleich darauf umher, eilig und geschäftig, wie ein Volk
Rebhühner, einander auf die Füße tretend und über einander stolpernd in
ihrem Eifer, um Master's Zimmer in Stand zu setzen, während dessen er
sich nachlässig in einen Stuhl in der Mitte des Zimmers niedergelassen
und mit dem ihm zunächst Sitzenden ein Gespräch begonnen hatte.
Der Fabrikant, Mr. Wilson, hatte den Fremden vom ersten Augenblicke ab,
wo er in's Zimmer getreten war, mit dem Ausdrucke unruhiger Neugierde
betrachtet. Er glaubte ihn irgendwo gesehen und kennen gelernt zu haben,
aber er konnte sich nicht besinnen, wo. Jeden Augenblick, wenn der Mann
sprach oder lächelte, oder sich bewegte, hob er sich und heftete seine
Blicke auf ihn und wandte sich dann schnell wieder ab, wenn die dunkeln,
leuchtenden Augen desselben den seinigen mit dem Ausdrucke der
sorglosesten Ruhe begegneten. Endlich schien eine plötzliche Erinnerung
in ihm aufzuflammen, denn er starrte den Fremden mit einer Miene solcher
Verwunderung und solchen Schreckens an, daß dieser auf ihn zuging.
»Mr. Wilson, wenn ich nicht irre,« sagte er in einem Tone, als erkenne
er ihn so eben, seine Hand ausstreckend. »Ich bitte um Verzeihung, ich
habe Sie vorher nicht erkannt. Ich sehe, Sie erinnern sich meiner -- Mr.
Butler, von Oakland, Grafschaft Shelby.«
»Ja -- ja -- ja,« sagte Mr. Wilson wie Jemand, der in einem Traume
spricht.
Grade in diesem Augenblicke kam ein Negerknabe herein, welcher
ankündigte, daß das Zimmer des Herrn bereit sei.
»Jim, sieh nach dem Gepäck,« sagte der Herr nachläßig, und fügte sodann,
sich an Mr. Wilson wendend, hinzu: »Ich würde Sie um eine kurze
Unterhaltung über Geschäftssachen in meinem Zimmer bitten, wenn Sie
nichts dagegen haben.«
Mr. Wilson folgte ihm, wie Jemand, der im Schlafe wandelt, und sie
gelangten in ein großes Zimmer im oberen Stocke, wo ein frisch
angezündetes Feuer prasselte, und verschiedene Dienstboten noch umher
flogen, um die letzte Hand an die Ordnung des Zimmers zu legen.
Als Alles gethan war und die Dienstboten sich entfernt hatten, schloß
der junge Mann vorsichtig die Thür zu und steckte den Schlüssel die
Tasche, schaute sich um, und dann seine Arme auf der Brust über einander
schlagend, schaute er Mr. Wilson voll in's Gesicht.
»Georg,« sagte Mr. Wilson.
»Ja, Georg,« entgegnete der junge Mann.
»Ich hätte mir's nicht denken können!«
»Ich bin ziemlich gut entstellt, glaube ich,« sagte der junge Mann.
»Etwas Wallnußschale hat meiner gelben Haut ein sanftes Braun verliehen,
und mein Haar habe ich schwarz gefärbt. So, sehen Sie, paßt die
Bekanntmachung auf mich durchaus nicht.«
»O Georg! aber das ist gefährliches Spiel, was Du treibst. Ich hätte Dir
nicht rathen können, es zu thun.«
»Ich kann es auf meine eigene Verantwortung thun,« entgegnete Georg mit
demselben stolzen Lächeln.
Wir müssen #en passant# bemerken, daß Georg von seines Vaters Seite
weißer Abkunft war. Seine Mutter war eine jener Unglücklichen ihres
Geschlechtes, die durch ihre persönliche Schönheit dazu bestimmt sind,
die Sklavinnen der Begierden ihrer Besitzer, und Mütter von Kindern zu
werden, die nie ihren Vater kennen dürfen. Von einer der stolzesten
Familien in Kentucky hatte er schöne, europäische Züge und einen
stolzen, unzähmbaren Geist ererbt. Von seiner Mutter hatte er eine
leichte Mulattenfärbung empfangen, die durch das damit verbundene
glänzende, dunkle Auge vollständig aufgewogen wurde. Eine kleine
Veränderung in der Farbe seiner Haut und seiner Haare hatte ihm das
Ansehen eines Spaniers verliehen, unter welchem er sich jetzt zeigte;
und da eine edle Haltung und ein anständiges Benehmen ihm von jeher
natürlich gewesen waren, so fand er keine Schwierigkeit darin, die kühne
Rolle zu spielen, in der er sich jetzt bewegte, -- die eines mit seinem
Bedienten reisenden Gentlemans.
Mr. Wilson, ein gutmüthiger, aber außerordentlich zaghafter und
vorsichtiger alter Mann, lief unruhig im Zimmer auf und ab, während in
seinem Innern der Wunsch, Georg beizustehen, mit einem dunkeln Begriffe
von Aufrechterhaltung des Gesetzes und der Ordnung zu kämpfen schien.
Während er deßhalb im Zimmer umherstrich, gab er sich etwa auf folgende
Weise zu vernehmen:
»So, Georg, vermuthe, Du bist davon gelaufen Deinem rechtmäßigen Herrn,
Georg, -- (wundere mich nicht) -- aber ich muß Dir doch sagen, es thut
mir leid, Georg, -- ja, entschieden -- ich muß Dir das sagen, Georg, --
es ist meine Pflicht, Dir das zu sagen.«
»Was thut Ihnen leid, lieber Herr?« fragte Georg ruhig.
»Je nun, daß ich sehe, daß Du dich gleichsam den Gesetzen Deines
Vaterlandes entgegen stellst.«
»=Meines= Vaterlandes!« sagte Georg mit starker und bitterer Betonung;
»welches andere Vaterland habe ich, als das Grab? -- und ich wünschte
bei Gott, daß ich schon darin läge.«
»Wie, Georg, nein -- nein -- das geht nicht; solches Gespräch ist
sündhaft, unchristlich. Georg, Du hast einen schlimmen Herrn -- das ist
wahr, -- sein Betragen ist sehr zu tadeln, -- ich will ihn nicht
vertheidigen; aber Du weißt, wie der Engel Hagar befahl, zu ihrer Herrin
zurückzukehren und sich ihrer Hand zu unterwerfen, -- und der Apostel
sandte Onesimus zurück zu seinem Herrn.«
»Führen Sie mir nicht die Bibel an auf diese Weise, Mr. Wilson,« sagte
Georg mit flammendem Auge, -- »ich bitte Sie, thun Sie es nicht! denn
mein Weib ist eine Christin, und ich gedenke ein Christ zu sein, wenn
ich je dahin gelangen sollte, wohin ich kann; aber einem Menschen in
meinen Verhältnissen gegenüber die Bibel anführen ist genug, um ihn
Alles aufgeben zu lassen. Ich berufe mich auf Gott den Allmächtigen, --
ich bin bereit, mit meiner Sache vor Ihn zu treten und Ihn zu fragen, ob
ich Unrecht thue, indem ich meine Freiheit suche.«
»Diese Gefühle sind ganz natürlich, Georg,« sagte der gutmüthige Mann,
sein Taschentuch gebrauchend. »Ja, sie sind natürlich, aber es ist meine
Pflicht, Dich nicht darin zu bestärken. Ja, mein Junge, Du thust mir
leid, es ist ein schlimmes Ding -- sehr schlimm; aber der Apostel sagt:
>Ein Jeglicher bleibe in dem Berufe, darinnen er berufen ist.< Wir
müssen uns alle den Winken der Vorsehung unterwerfen, -- siehst Du das
nicht ein?«
Georg stand da mit zurückgebogenem Kopfe, mit fest unter einander
geschlagenen Armen auf seiner breiten Brust, und mit einem bittern
Lächeln auf der Lippe.
»Es sollte mich wundern, Mr. Wilson, ob, wenn die Indianer kämen und Sie
von Weib und Kindern wegschleppten, und Sie lebenslang bei sich behalten
wollten, um ihnen das Korn zu mahlen, -- ob Sie es dann für Ihre Pflicht
halten würden, in der Lage zu bleiben, in die Sie versetzt worden sind.
Ich glaube eher, Sie würden das erste, beste frei umher laufende Pferd,
das Sie finden könnten, für einen Wink der Vorsehung halten, -- was
meinen Sie?«
Der alte Herr starrte mit beiden Augen, als er diese Anschauung der
Sachlage hörte; und obgleich er kein großer Denker war, so hatte er doch
so viel gesunden Sinn, worin er von manchen Logikern nicht übertroffen
wird, -- da nichts zu sagen, wo nichts gesagt werden kann. Während er
deßhalb beschäftigt war, seinen Regenschirm zu streichen und jede Falte
darin auszuglätten, fuhr er mit seinen Ermahnungen in allgemeiner
Beziehung fort.
»Du siehst, Georg, Du weißt, daß ich immer Dein Freund gewesen bin, und
was ich gesagt habe, habe ich immer nur zu Deinem Besten gesagt. Hier
nun, scheint es mir, setzest Du dich einer schrecklichen Gefahr aus. Du
kannst nicht darauf hoffen, es auszuführen, und wenn sie Dich fangen, so
wird Deine Lage noch schlimmer werden, als sie bisher gewesen ist. Sie
werden Dich mißhandeln und halb umbringen, und Dich den Fluß hinunter
verkaufen.«
»Mr. Wilson, ich weiß das Alles,« sagte Georg. »Ich setze mich einer
Gefahr aus, aber --« hier öffnete er seinen Ueberrock und ließ zwei
Pistolen und ein Weidmesser sehen. »Hier!« sagte er, »ich bin bereit für
sie! Hinunter nach Süden will ich nimmer gehen. Nein! wenn es dahin
kömmt, so kann ich mir wenigstens noch sechs Fuß freien Grund und Boden
erringen, -- den ersten und letzten, den ich jemals in Kentucky besitzen
werde!«
»Höre, Georg, diese Gemüthsstimmung ist schrecklich! -- sie ist ganz
verzweifelt, Georg. Das bekümmert mich sehr; -- so die Gesetze Deines
Vaterlandes übertreten zu wollen!«
»Wieder, =meines Vaterlandes=! Mr. Wilson, =Sie= haben ein Vaterland;
aber welches Vaterland habe ich oder irgend Einer, der von einer
Sklavenmutter geboren worden ist? Welche Gesetze bestehen denn für uns?
Wir erlassen sie nicht, -- wir geben nicht unsre Stimme dazu, wir haben
nichts mit ihnen zu thun; Alles, was sie für uns thun, ist, daß sie uns
niederschmettern und uns niederhalten. Habe ich denn nicht ihre Reden am
4ten Juli gehört? Haben sie uns nicht allen alljährlich einmal gesagt,
daß die Regierungen ihre Gewalt nur durch den Willen der Regierten
erhalten? Kann ein Mensch denn nicht denken, der solche Sachen hört?
Kann er dies und jenes nicht zusammenreimen und sich daraus Schlüsse
ziehen?«
Mr. Wilson's Geist war einer von denjenigen, die nicht unpassend mit
einem Ballen Baumwolle verglichen werden können, -- sanft, weich,
nachgiebig und verworren. Er bedauerte wirklich Georg von ganzem Herzen,
und hatte sogar eine dunkle, nebelichte Ahnung von dem Gefühl, welches
diesen erfüllte: aber er hielt es für seine Pflicht, beharrlich mit
seinen =guten= Vorstellungen fortzufahren.
»Georg, das ist unrecht. Ich muß es Dir sagen, als Dein Freund, Du
weißt, Du thätest besser, Dich mit solchen Ideen nicht zu beschäftigen;
die sind ganz unpassend, Georg, ganz unpassend für Burschen in Deinem
Verhältniß.« Und Mr. Wilson setzte sich nieder und begann in heftigster
Aufregung an dem Knopfe seines Schirmes zu kauen.