Satans Rache an Doktor Schnatterer.
Als ich sah, wie weit die Philosophie und Theologie in ------en
hinter meinen Vorstellungen, die ich mir zuvor gemacht hatte,
zurückbleibe, legte ich mich mit Eifer auf Ästhetik, Rhetorik,
namentlich aber auf die schöne Literatur. Man wende mir nicht ein, ich
habe auf diese Art meine Zeit unnütz angewendet. Ich besuchte ja jene
berühmte Schule nicht, um ein Brotstudium zu treiben, das einmal einen
Mann mit Weib und Kind ernähren konnte, sondern das _dic cur
hic_, das ich recht oft in meine Seele zurückrief, sagte mir immer,
ich solle suchen, von jeder Wissenschaft einen kleinen Hieb zu
bekommen, mich aber so sehr als möglich in jenen Künsten zu
vervollkommnen, die heutzutage einem Manne von Bildung unentbehrlich
sind.
Bei Gelegenheit eine Stelle aus einem Dichter zu zitieren, über die
Schönheit eines Gemäldes kunstgerecht mitzusprechen, eine Statue nach
allen Regeln für erbärmlich zu erklären, für die Männer einige
theologische Literatur, einige juristische Phrasen, einige neue
medizinische Entdeckungen, einige exorbitante philosophische
Behauptungen _in petto_ zu haben, hielt ich für unumgänglich
notwendig, um mich mit Anstand in der modernen Welt bewegen zu können,
und ohne mir selbst ein Kompliment machen zu wollen, darf ich sagen,
ich habe in den paar Monaten in ------en hinlänglich gelernt.
Ich habe mir nach dem Beispiel meiner großen Vorbilder im
Memoirenschreiben vorgenommen, auch die geringfügigsten Ereignisse
aufzuführen, wenn sie lehrreich oder merkwürdig sind, wenn sie Stoff
zum Nachdenken oder zum Lachen enthalten. Ich darf daher nicht
versäumen, meine Rache an Doktor Schnatterer zu erzählen.
Besagter Doktor hatte die löbliche Gewohnheit, Sonntag nachmittags mit
mehreren anderen Professoren in ein Wirtshaus, ein halbes Stündchen
vor der Stadt, zu spazieren. Dort pflegte man, um die steifgesessenen
Glieder wieder auszurenken, Kegel zu schieben und allerlei sonstige
Kurzweil zu treiben, wie es sich für ehrbare Männer geziemt; man
spielte wohl auch bei verschlossenen Türen ein Whistchen oder Piquet
und trank manchmal ein Gläschen über Durst, was wenigstens die böse
Welt daraus ersehen wollte, daß sich die Herren abends in der Chaise
des Wirtes zur Stadt bringen ließen.
Der ehrwürdige Theologe aber pflegte immer lange vor Sonnenuntergang
heimzukehren, man sagt, weil die Frau Doktorin ihm keine längere Frist
erlaubt hatte; er ging dann bedächtigen Schrittes seinen Weg, vermied
aber die breite Chaussee und schlug den Wiesenpfad ein, der dreißig
Schritte seitwärts neben jener herlief; der Grund war, weil der breite
Weg am schönen Sonntagabend mit Fußgängern besäet war, der Doktor aber
die höhere Röte seines Gesichtes und den etwas unsichern Gang nicht
den Augen der Welt zeigen wollte.
So erklärten sich die Bösen den einsamen Gang Schnatterers; die
Frommen aber blieben stehen, schauten ihm nach und sprachen: Siehe,
er geht nicht auf dem breiten Weg der Gottlosen, der fromme Herr
Doktor, sondern den schmalen Pfad, welcher zum Leben führt."
Auf diese Gewohnheit des Doktors hatte ich meinen Racheplan gebaut.
Ich paßte ihm an einem schönen Sonntagabend, der alle Welt ins Freie
gelockt hatte, auf, und er trat noch bei guter Tageszeit aus dem
Wirtshaus. Mit demütigem Bückling nahte ich mich ihm und fragte, ob
ich ihn auf seinem Heimweg begleiten dürfe, der Abend scheine mir in
seiner gelehrten Nähe noch einmal so schön.
Der Herr Doktor schien einen kordialen Hieb zu haben; er legte
zutraulich meinen Arm in den seinigen und begann mit mir über die
Tiefen der Wissenschaft zu perorieren. Aber ich schlug sein Auge mit
Blindheit, und indem ich als ehrbarer Studiosus neben ihm zu gehen
schien, verwandelte ich meine Gestalt und erschien den verwunderten
Blicken der Spaziergänger als die schöne Luisel, die berüchtigtste
Dirne der Stadt.--Ach! daß Hogarth an jenem Abende unter den
spazierengehenden Christen auf dem breiten Wege gewandelt wäre! Welch
herrliche Originale für frommen Unwillen, starres Erstaunen, hämische
Schadenfreude hätte er in sein Skizzenbuch niederlegen können.
Die Vordersten blieben stehen, als sie das seltsame Paar auf dem
Wiesenpfad wandeln sahen, sie kehrten um, uns zu folgen und rissen die
Nachkommenden mit. Wie ein ungeheurer Strom wälzte sich uns die
erstaunte Menge nach, wie ein Lauffeuer flog das unglaubliche Gerücht:
Der Doktor Schnatterer mit der schönen Luisel!" von Mund zu Mund der
Stadt zu.
Wehe dem, durch den Ärgernis kommt!" riefen die Frommen. Hat man
d a s je erlebt von einem christlichen Prediger?"
Ei, ei, wer hätte das hinter dem Ehrsamen gesucht?" sprachen mit
Achselzucken die Halbfrommen. Wenn der Skandal nur nicht auf
öffentlicher Promenade--!"
Der Herr Doktor machen sich's bequem!" lachten die Weltkinder, er
predigt gegen das Unrecht und geht mit der Sünde spazieren."
So hallte es vom Felde bis in die Stadt, Bürger und Studenten, Mägde
und Straßenjungen erzählten es in Kneipen, am Brunnen und an allen
Ecken; und Doktor Schnatterer" und schön Luisel" war das
Feldgeschrei und die Parole für diesen Abend und manchen folgenden
Tag.
An einer Krümmung des Weges machte ich mich unbemerkt aus dem Staube
und schloß mich als Studiosus meinen Kameraden an, die mir die
Neuigkeit ganz warm auftischten.
Der gute Doktor aber zog ruhig seines Weges, bemerkte, in seine tiefen
Meditationen versenkt, nicht das Drängen der Menge, die sich um seinen
Anblick schlug, nicht das wiehernde Gelächter, das seinen Schritten
folgte. Es war zu erwarten, daß einige fromme Weiber seiner zärtlichen
Ehehälfte die Geschichte beigebracht hatten, ehe noch der Theologe an
der Hausglocke zog; denn auf der Straße hörte man deutlich die
fürchterliche Stimme des Gerichtsengels, der ihn in Empfang nahm, und
das Klatschen, welches man hie und da vernahm, war viel zu volltönend,
als daß man hätte denken können, die Frau Doktorin habe die Wangen
ihres Gemahls mit dem M u n d e berührt.
Wie ich mir aber dachte, so geschah es. Nach einer halben Stunde
schickte die Frau Doktorin zu mir und ließ mich holen. Ich traf den
Doktor mit hoch aufgelaufenen Wangen, niedergeschlagen in einem
Lehnstuhl sitzend. Die Frau schritt auf mich zu und schrie, indem sie
die Augen nach dem Doktor hinüberblitzen lieb: Dieser Mensch dort
behauptet, heute abend mit Ihnen vom Wirtshaus hereingegangen zu sein;
sagen Sie, ob es wahr ist, sagen Sie!"
Ich bückte mich geziemend und versicherte, daß ich mir habe nie
träumen lassen, die Ehre zu genießen; ich sei den ganzen Abend zu
Hause gewesen.
Wie vom Donner gerührt, sprang der Doktor auf, der Schrecken schien
seine Zunge gelähmt zu haben: Zu Haus' gewesen?" lallte er. Nicht
mit mir gegangen? O, mit wem soll ich denn gegangen sein, als mit
Ihnen, Wertester?"
Was weiß ich, mit wem der Herr Doktor gegangen sind?" gab ich
lächelnd zur Antwort. Mit mir auf keinen Fall!"
Ach, Sie sind nur zu nobel, Herr Studiosus," heulte die wütende Frau,
was sollten Sie nicht wissen, was die ganze Stadt weiß; der alte
Sünder, der Schandmensch! Man weiß seine Schliche wohl; mit der
schönen Luisel hat er scharmuziert!"
Das hat mir der böse Feind angetan," raste der Doktor und rannte im
Zimmer umher; der Böse, der Beelzebub, nach meiner Konjektur der
Stinker."
Der Rausch hat dir's angetan, du Lump," schrie die Zärtliche, riß
ihren breit getretenen Pantoffel ab und rannte ihm nach; ich aber
schlich mich die Treppe hinab und zum Haus hinaus und dachte bei mir:
Dem Doktor ist ganz recht geschehen; man soll den Teufel nicht an die
Wand malen, sonst kommt er."
Der Doktor Schnatterer werde von da an in seinen Kollegien ausgepocht
und konnte selbst mit den kühnsten Konjekturen den Eifer nicht mehr
erwecken, der vor seiner Fatalität unter der studierenden Jugend
geherrschte hatte. Die Kollegiengelder erreichten nicht mehr jene
Summe, welche die Frau Professorin als allgemeinen Maßstab angenommen
hatte, und der Professor lebte daher in ewigem Hader mit der
Unversöhnlichen. Diesem hatte, sozusagen, d e r T e u f e l e i n
E i i n d i e W i r t s c h a f t g e l e g t.
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