Die Linguanmanie

Wenn man alle Leidenschaften des Menschen auf ihre anfänglichen Neigungen

zurückführte, alle ihre Idiome auf ihre Muttergedanken, wenn ich so sagen

darf, indem man diese alle der Schattierungen, die sie entstellt haben, und

jene all der Bedeutungen beraubte, mit denen ihre Symptome überladen worden

sind, würden die Wörterbücher weniger umfangreich und die Gesellschaften

minder verderbt sein.

Wie viel hat nicht zum Exempel die Einbildung den Kanevas der Natur mit

Liebe bestickt? Wenn ihre Kräfte sich damit zufrieden gegeben hätten, die

moralischen Illusionen zu verschönern, würden wir uns dazu beglückwünschen.

Aber es gibt sehr viel mehr liederliche Einbildungen als gefühlvolle

Einbildungen, und darum gibt's unter den Menschen mehr Ausschweifung als

Zärtlichkeit, darum hat man jetzt eine Masse Beiworte nötig, um alle

Schattierungen eines Gefühls auszudrücken, das lau oder heiß, lasterhaft

oder heroisch, edelmütig oder strafbar nach allem aber nie die mehr oder

minder lebhafte Neigung eines Geschlechts zum anderen ist oder sein wird.

Schamlosigkeit, Geilheit, Unzucht, Liederlichkeit, erotische Melancholie

sind sehr verschiedene Eigenschaften und doch im Grunde nur mehr oder

minder scharfe Schattierungen der gleichen Empfindungen. Geilheit und

Unzucht zum Beispiel sind durchaus natürliche Fähigkeiten zur Lust, denn

mehrere Tierarten sind geil und unzüchtig; unkeusche aber gibt es nicht.

Unkeusche Gesinnung ist unzertrennlich von der vernunftbegabten Natur und

nicht vom natürlichen Hang wie die Unzucht. Unkeusche Gesinnung drückt sich

durch die Augen, in der Haltung, in den Gesten, in den Reden aus; sie

kündigt ein sehr hitziges Temperament an, ohne daß die beweisende Tatsache

ganz gewiß ist, sie verspricht aber viel Vergnügen an der Lust und hält ihr

Versprechen, weil die Einbildung der wirkliche Herd der Lust ist, die der

Mensch durch Studium und Verfeinerung der Wonnen variiert, verlängert und

ausgedehnt hat.

Schließlich aber wollen diese und andere derartige Benennungen nichts

weiter als einen Heißhunger anzeigen, der dazu verführt, ohne Maßen und

ohne die Zurückhaltung, die vielleicht dem größeren Teile der menschlichen

Institution natürlicher ist, als man annimmt, zu genießen, zu suchen; ohne

die Zurückhaltung, die man Scham nennt, die verschiedensten, die

geschicktesten und die sichersten Mittel zu suchen, sage ich, den Feuern,

die einen verbrennen, deren Glut aber so verführerisch ist, daß man sie,

nachdem man sie gelöscht hat, wieder herausfordert, genugzutun und

auszulöschen.

Dieser Zustand hängt einzig und allein von der Natur und von unserer

Leibesbeschaffenheit ab. Er ist der Hunger, das Bedürfnisgefühl, Nahrung zu

sich zu nehmen, das durch ein Übermaß von Sinnlichkeit zur Gefräßigkeit

führt, und durch die allzu lange Beraubung der Befriedigungsmittel in Wut

ausartet. Das Verlangen nach Lust, das ein ebenso natürliches Bedürfnis

ist, obwohl es weniger oft und gemäß der Verschiedenheit der Temperamente

mehr oder weniger hitzig sich einstellt, steigert sich manchmal bis zum

Wahnsinn, bis zu den größten physischen und moralischen Ausschweifungen,

die alle nach dem Genusse des Objekts streben, durch das die glühende

Leidenschaft, von der man erregt ist, vielleicht gestillt wird.

Dies verschlingende Fieber heißt bei den Weibern Nymphomanie[A], bei den

Männern würde man es, wenn sie ihm ebenso unterworfen wären, wie jene,

Mentulomanie nennen, doch leistet ihre Bildung dagegen Widerstand, und mehr

noch ihre Sitten, die, weniger Zurückhaltung und Zwang heischend, und die

Scham nur nach der Zahl der Verfeinerungen rechnend, mit denen die

menschliche Geschicklichkeit die Reize der Natur zu verschönern oder

abzuschattieren verstanden hat, sie weniger den Verheerungen der allzu

zurückgeschraubten oder allzu gesteigerten Wünsche aussetzen. Da übrigens

unsere Organe viel empfänglicher für augenblickliche Regungen als die des

anderen Geschlechts sind, kann die Intensität der Begierden selten ebenso

gefährlich sein, wiewohl die Männer ebensogut wie die Weiber an Krankheiten

leiden, die einer beinahe ähnlichen Ursache entspringen[B], von denen aber

eine männliche Leibesbeschaffenheit, die leichter schlaff wird, nicht

ebenso lange heimgesucht zu werden braucht.

Trostlos würde es sein, scheußlich würde es sein, wollte man die so

wunderlichen Wirkungen der Nymphomanie aufzählen. Vielleicht trägt die

Unregelmäßigkeit der Einbildungskraft sehr viel mehr zu ihr bei als die

venerische Energie, die das Subjekt, das von ihr befallen worden ist, von

Natur aus mitbekommen hat. Tatsächlich ist der Kitzel der Vulva durchaus

nicht Nymphomanie. Der Kitzel kann wahrlich eine Empfänglichkeit für diese

Manie sein, man braucht darum aber nicht gleich zu glauben, daß sie ihm

stets folgen müßte. Er reizt, er zwingt, mit den Fingern an die erregten

Kanäle zu fassen, sie zu reiben, um sich Linderung zu verschaffen, wie man

es bei allen Körperteilen tut, die man in derselben Absicht anfaßt, um die

Ursachen des Reizes zu heben. Wie lebhaft und erwünscht dieses Kitzeln,

diese Berührungen auch sein mögen, man nimmt sie wenigstens ohne Zeugen

vor. Die dagegen, welche die Nymphomanie hervorruft, trotzen den Zuschauern

und Umständen. Daraus geht hervor, daß der Kitzel sich nur in der Vulva

festsetzt, während die unsinnige Manie der Sinnenlust ihren Sitz im Gehirn

hat. Die Vulva jedoch überliefert ihm außerdem den Eindruck, den es mit

Abänderungen empfängt, die geeignet sind, die Seele mit einer Menge

unzüchtiger Gedanken zu durchtränken. Dort nährt sich das Feuer selber;

denn die Vulva ist ihrerseits unabhängig von dem Einfluß der

wollustgierigen Seele, von jedem Gefühlseindruck angegriffen und wirkt auf

das Gehirn zurück. So wird die Seele immer tiefer von unzüchtigen

Sensationen und Gedanken durchdrungen, die, da jene nicht allzu lange

bestehen können, ohne sie zu ermatten, ihren Willen bestimmt, der Unruhe

nachzugeben, die sich an die Verlängerung jedes allzu lebhaften Gefühls

heftet und alle erdenklichen Mittel anzuwenden, um zu diesem Ziele zu

gelangen.

[Fußnote A: [Griechisch: Ninphômanê].]

[Fußnote B: Die Satyriasis, der Priapismus, die Geilheit.]

Es ist unglaublich, wie sehr die durch die Leidenschaft geschärfte

menschliche Geschlechtlichkeit die Mittel des Vergnügengewährens oder

vielmehr das Verhalten beim Vergnügen variiert hat. Denn es ist stets das

gleiche, und wir haben gut kämpfen gegen die Natur, über ihr Ziel werden

wir nimmer hinausgehen. Sie scheint in Wahrheit viele Reizmittel zu ihrer

Verlängerung[A] verteilt zu haben, sicher ist es aber, daß die Gehirnfasern

sich unabhängig von irgendeiner unmittelbaren Einwirkung der Natur

ausdehnen. Alles, was die Einbildungskraft erhitzt, reizt die Sinne oder

vielmehr den Willen, dem die Sinne sehr häufig nicht mehr genügen, und die

werden mindestens ebenso stark von ihm unterstützt, da die Einbildungskraft

niemals ohne das lebhafteste, glühendste Temperament, die am besten

gestimmten Sinne, die besten Hilfen des Alters und der Umstände bestehen

kann.

[Fußnote A: Sennert erwähnt eine Frau, die, nachdem sie etwas aufgelösten

Borax getrunken hatte, nymphoman wurde, und Müller rät, mit aromatischen

Ölen vermischten Moschus auf irgendeine Art einzuführen, um die Vagina

schlüpfrig zu machen.]

Da es weiter das Eigentümliche aller Leidenschaften der Seele ist, mit

Rücksicht auf den Widerstand so hitzig wie möglich zu werden und die

Nymphomanie nicht leicht zu befriedigen ist, so wird sie schließlich

unersättlich. Weiber, die von ihr befallen sind, kennen kein Maß mehr; und

das für einen schwachen Widerstand so schön geschaffene Geschlecht, das mit

allem Entzücken der furchtsamen Scham prunkt, entehrt in dieser

scheußlichen Krankheit seine Reize durch die schmutzigste Prostitution. Es

fordert heraus, sucht auf, greift an; die Begierden stacheln sich an durch

das, was anscheinend hinreichen müßte, um sie zu ersticken, und das

tatsächlich genügen müßte, wenn der einfache Kitzel der Vulva den Genuß

erregte. Wenn aber das Gehirn der Herd des Verlangens ist, so steigert es

sich unaufhörlich; und die mehr ermattete als gesättigte Messalina[A] jagt

ohne anzuhalten der Lust und der Liebe nach, die sie mit Abscheu flieht.

[Fußnote A:

Mox lenone suas jam dimittente puellas

Tristisubit. Sed quod potuit tamen ultimam cellam

Clausit, ad huc ardens rigidae tentigine vulvae

Et resupina jacens multorum absorbuit cetus

Et lassata viris, necdum satiata recessit.

(Inv. I, II. Sat. 6.)]

Indessen muß man das zugeben: Die Beobachtung hat uns einige Phänomene in

dieser Art gezeigt, die das einfache Werk der Natur zu sein scheinen. Herr

von Buffon hat ein junges Mädchen von zwölf Jahren gesehen, sie war

dunkelbraun, hatte eine lebhafte und gesunde Gesichtsfarbe, war von

kleiner, aber ziemlich fetter Figur, war bereits ausgewachsen und mit einem

hübschen Busen geschmückt, die einzig beim Anblick eines Mannes die

unanständigsten Handlungen vornahm. Die Gegenwart der Eltern, deren

Vorwürfe, die strengsten Züchtigungen, nichts hielt sie davon zurück. Sie

verlor indessen die Vernunft nicht, und ihre scheußlichen Anwandlungen

hörten auf, wenn sie mit Frauen zusammen war. Kann man annehmen, daß dieses

Kind seinen Instinkt bereits mißbraucht hatte?

Gewöhnlich haben braune Mädchen von guter Gesundheit und kräftiger

Leibesbeschaffenheit, die jungfräulich sind, und vor allem die, welche

durch Verhältnisse anscheinend dazu bestimmt sind, es ewig zu bleiben,

junge Witwen, Weiber, die wenig kräftige Männer haben, die meiste Anlage

zur Nymphomanie. Und das allein würde beweisen, daß der Hauptherd dieser

Krankheit in einer allzu geschärften, allzu gebieterischen Einbildungskraft

ruht, daß aber auch die widernatürliche Untätigkeit der mit Kraft und

Jugend versehenen Sinne eine ihrer hauptsächlichen Triebfedern ist. Billig

ist es also, daß jedes Individuum seinen Instinkt befragt, dessen Antrieb

stets zuverlässig ist. Wer immer darauf bedacht ist, seinesgleichen zu

zeugen, hat entschieden das Recht es zu tun. Der Schrei der Natur ist die

allgemeine Gebieterin, deren Gesetze zweifellos mehr Achtung verdienen, als

alle die künstlichen Ideen von Ordnung, Regelmäßigkeit und Prinzipien, mit

denen uns unsere tyrannischen Grillen auszeichnen, und denen man sich

unmöglich sklavisch unterordnen kann, die nur unglückliche Opfer oder

widrige Heuchler schaffen und nichts weiter für die Moral wie für die

Physis regeln, als die Widersprüche der Natur jemals befehlen können. Die

physischen Gewohnheiten üben eine sehr dingliche, sehr despotische und oft

sehr furchtbare Macht aus und setzen einen öfters grausamen Übeln aus,

statt daß sie einen gegen sie wappnen. Die menschliche Maschine darf nicht

besser arbeiten als das sie umgebende Element, sie darf wirken, sich gar

ermüden, sich ausruhen, untätig sein, je nachdem das Kräftegefühl es

bestimmt. Es würde eine sehr abgeschmackte und sehr lächerliche Forderung

sein, das Gesetz der Gleichheit befolgen und stets vor derselben Schüssel

sitzen zu sollen, während alle Wesen, mit denen man in inniger Berührung

steht, in ständigem Wechsel leben. Veränderung ist notwendig, und wäre es

nur, um uns auf die heftigen Stöße vorzubereiten, die manchmal die

Grundmauern unseres Seins erschüttern. Unsere Körper sind wie die Pflanzen,

deren Stengel sich inmitten der Stürme durch das Rütteln widriger Winde

kräftigt.

Leibesbewegung, eine gut ausgedachte Gymnastik würde zweifelsohne das

wirksamste Mittel gegen die gefahrvollen Folgen eines untätigen Lebens

sein; dies Mittel jedoch wird nicht in gleicher Weise von beiden

Geschlechtern angewandt. Die Reitkunst zum Exempel scheint nicht sehr

geeignet für die Frauen, die sie nur unter Gefahr oder unter

Vorsichtsmaßregeln ausüben können, die die Übung beinahe unzweckmäßig

machen. Es ist so wahr, daß die Natur sie nicht für diese Leibesübung

bestimmt hat, daß sie dabei bloß die Reize zu verlieren scheinen, die ihnen

zu eigen sind, ohne die des Geschlechtes zu gewinnen, das sie nachahmen

wollen.

Der Tanz scheint mit der den Frauen eigentümlichen Anmut vereinbar, die

Weise aber, in der sie sich ihm hingeben, ist oft mehr geeignet, die Organe

zu entnerven als zu kräftigen. Die Alten, welche sich auf die große Kunst

verstanden, die Sinnenfreude in den Dienst des Körpers zu stellen, haben

aus der Tanzkunst einen Teil ihrer Gymnastik gemacht: sie wandten die Musik

an, um die Bewegungen der Seele zu beruhigen oder zu lenken. Sie

verschönten das Nützliche und machten die Wollust ersprießlich.

Doch wenn beim Entstehen politischer Körperschaften die Vergnügungen der

Strenge der Einrichtungen unterstellt wurden, aus denen diese

Körperschaften ihre Macht zogen, entarteten sie sehr schnell mit den

Sitten[A]. Und wenn die Alten sich zuerst damit befaßten, alles

zusammenzusuchen, was die Kräfte mehren und die Gesundheit bewahren konnte,

so verfielen sie nur darauf, die Freuden zu erleichtern und auszudehnen zu

suchen; und hier hat man nochmals Gelegenheit zu bemerken, wie sehr wir sie

preisen, um uns selber zu verleumden. Welche Parallele läßt sich zwischen

unseren Sitten und der Skizze ziehen, die ich eben hinwerfe?

[Fußnote A: Ich zweifle zum Exempel, daß die Corycomachie oder die

Coricobolie, welche die vierte Sphäristik der Griechen war, bei ihnen

gebräuchlich geblieben ist, als sie das eleganteste Volk der Welt geworden

waren. Man hängte einen Sack voll schwerer Körper an der Decke auf, griff

ihn mit beiden Händen und brachte ihn so weit fort, als der Strick sich

auszudehnen vermochte; darauf ließen sie den Sack los, folgten ihm, und

wenn er gegen sie zurückkam, gingen sie zurück, um sich nicht der Wucht des

Anpralls auszusetzen, und stießen ihn dann wieder mit Gewalt zurück. (Siehe

Burette, über die Gymnastik der Griechen und Römer.) Ich glaube auch nicht,

daß eine solche Übung nach dem Geschmack der Stutzerinnen eines anderen

Jahrhunderts gewesen wäre.]

Wenn ein Weib eine halbe Stunde Coricobole gespielt hatte, trockneten

entweder Mädchen oder Knaben, je nach Geschmack der Spielerin, sie mit

Schwanenpelz ab. Diese jungen Leute hießen Jatraliptae. Die Unctores

schütteten darauf Essenzen über sie. Die Fricatores reinigten die Haut. Die

Alipari zupften die Haare aus. Die Dropacistae bearbeiteten die Körper und

brachten die Schwielen fort. Die Paratiltriae waren kleine Kinder, die alle

Leibesöffnungen, Ohren, Anus, Vulva usw. säuberten. Die Picatrices waren

junge Mädchen, die dafür zu sorgen hatten, alle die Haare, welche die Natur

über den Körper verstreut hat, auszuzupfen, um ihr Wachstum zu verhindern,

das dem Eindringen entgegensteht. Die Tractatrices endlich kneteten

wollüstig alle Gelenke, um sie geschmeidiger zu machen. Eine so

vorbereitete Frau bedeckte sich mit einem jener Schleier, die laut dem

Ausdruck eines Alten einem gewebten Lufthauche glichen und den vollen Glanz

der Schönheit durchschimmern ließen. Sie schritt ins Gemach der

Wohlgerüche, wo sie sich beim Klang der Instrumente, die eine andere Art

Wollust in ihre Seele gossen, dem Überschwange der Liebe hingab. Erstrecken

sich bei uns die Verfeinerungen des Genusses bis zu diesem Übermaße von

Gesuchtheiten[A]?

[Fußnote A: Eine bescheidene Nomenklatur eines sehr kleinen Teils ihres

Lexikons der Wollust, wenn ich so sagen darf, mag diese Frage entscheiden:

Die Coricobole, war eine Sackträgerin.

Die Jatraliptes, die Schwanenpelzabtrockner.

Die Unctores, die Wohlgeruchspenderinnen.

Die Fricatores, die Frottiererinnen.

Die Aractatrices, die Walkerinnen oder Kneterinnen.

Die Dropacistae, die Schwielenentfernerinnen.

Die Alipsiaires, die Haarauszieher.

Die Paratiltres, die Vulvareiniger.

Die Picatrices, Auszupferinnen der Vulvahaare.

Die Samiane, das Parterre der Natur (siehe weiter unten).

Die Hircisse, der Verkauf an die Alten.

Die Clitoride, die Zusammenziehung der Clitoris.

Die Korintherin, die Beweglichkeit der Gewinde.

Die Lesbierin, die den Cunnilingus vollzieht.

Die Sphnissidienne, die Vorreiterin.

Die Phicidissienne, die Pollution der Kinder.

Sardanapalizein, Liebe zwischen Eunuchen und Mädchen.

Die Conrobole [Griechisch: chuiropôlô] (wenn man etwas Griechisch

kennt, versteht man mich).

Chalcidizein, Lecken der Testikeln.

Fellatrizein, Saugen am Eichel.

Ein Beweis, daß sie viel abgebrühter als wir waren, ist, daß es fast nicht

eines dieser Wörter gibt, das wir nicht gezwungen sind durch Umschreibung

wiederzugeben.]

Zum Beweis unserer Harmlosigkeit in Sachen der Ausschweifung wäre es

möglich, durch Anführung alter Schriftsteller eine Unzahl von Stellen

anzubringen, die unsere leidenschaftlichsten Satyre in Erstaunen setzen

würden. Wir haben schon in einem Stück dieser Ausführungen im Abriß

gezeigt, auf welche Ausschweifungen sich das Volk Gottes verstand[A].

Erasmus hat in griechischen und römischen Autoren eine Menge Anekdoten und

Sprichwörter gesammelt, die Dinge vermuten lassen, vor denen die kühnste

Einbildung sich erschreckt. Ich will einige von ihnen anführen.

[Fußnote A: Man lese in der Tropoide nach, wo ich eine sehr große Zahl

anderer Bibelstellen noch hätte anführen können. Man findet zum Exempel im

Buche der Weisheit Salomonis (Kap. XIV, Vers 26) mehrere Tadel wegen

Unzucht, sträflicher Fehlgeburten, Schamlosigkeiten, Ehebruchs usw.

Jeremias (Kap. V, Vers 13) predigt gegen die Liebe zu jungen Knaben.

Ezechiel spricht von üblen Häusern und Prostitutionsmerkmalen an den

Straßeneingängen (Kap. XXVI, Vers 24--27) usw.]

Wir haben zum Beispiel keine üblen Orte, die uns eine Idee von dem geben

könnten, was man in Samos das Parterre der Natur nannte. Es waren

öffentliche Häuser, wo sich Männer und Weiber durcheinander allen Arten von

Ausschweifungen überließen: denn das würde prostituieren heißen, das Wort

der Wollust, das sich hier anwenden ließe. Beide Geschlechter boten hier

Modelle der Schönheit an, und daher kommt der Name: Parterre der Natur[A].

Die Alten wandten die Reste ihrer Geilheit noch an anderen Orten nützlich

an. Sie waren derartig schamlos, daß man sie mit Tieren verglich, die den

Geruch, die Hitze und die Geilheit der Ziegenböcke besaßen[B].

. . . Verum noverat

Anus caprissantis vocare viatica.

[Fußnote A: Erasmus, Seite 553. -- Samiorum flores. -- Ubi extremam

voluptatum decerperet. -- [Griechisch: Xamiônchodê], die Samionante. --

Puellae veluti flores arridantes da libidinem invitabant.]

[Fußnote B: Ani hircassantes. [Griechisch: Graus chaprasa]. Erasmus 269.

De juvente, cuianus libidinosa omnia suppeditabat, quo vicissim ab illo

voluptatem cui feret. Nota et hircorum libido, odorque qui et subantes

consequitur.]

Auf der Insel Sardinien, die weder jemals ein sehr blühendes noch sehr

volkreiches Land gewesen ist, leitete der Name des Ancon genannten Ortes

sich von dem der Königin Omphale ab, die ihre Frauen miteinander

tribadieren ließ, sie dann ohne Unterschied mit Männern zusammensperrte,

die auserlesen waren, um in allen Arten von Kämpfen zu glänzen[A]. Man

weiß, was der orientalische Despotismus die Menschlichkeit und die Liebe

gekostet hat; in allen Zeiten hat er die bedrückt und jene herabgewürdigt.

Sardanapal[B] ist einer der elendesten Tyrannen jener Gefilde, von dem der

Gedanke und der Brauch kam, die Prostitution der Mädchen und Knaben zu

vereinigen.

[Fußnote A: [Griechisch: Gluchun agchôna]. Ancon. Erasmus 335. Omphalem

regina per vim virgines dominorum cum eorum servis inclusisse ad stuprum,

in sola haberetur impudica. Lydia antem eum locum, in quo faeminae

constuprabantur [Griechisch: gluchun agchôna] appelasse, sceleris

atrocitatem mitigantes verbo.

Man sieht, daß selbst in solchen Dingen der Despotismus nichts mehr hat

erfinden können.]

[Fußnote B: [Griechisch: Sardanapapalos]. Erasmus 723. Caeterum deliciis

usque adeo effaeminatus, ut inter eunuchos et puellas ipse puellari cultu

desidere sit solitus.]

Korinth konnte Samos den Vorrang streitig machen in der Vervollkommnung der

öffentlichen Prostitution; sie war dort derartig hochgeschätzt, daß es dort

Tempel gab, in denen man unaufhörlich Gebete an die Götter zur Vermehrung

der Prostituiertenzahl richtete[A]. Man behauptete, daß sie die Stadt

gerettet hätten. Im allgemeinen aber gingen die Korinther dafür durch,

beinahe ausschließlich die Kunst der Biegsamkeit und der wollüstigen

Bewegungen zu beherrschen[B]. Man erkannte sie an einer bestimmten

Körperhaltung und ihrer besonders zierlichen Figur.

Die Lesbierinnen werden bei der Erfindung oder der Sitte genannt, den Mund

zu dem häufigst angewandten Wollustorgan gemacht zu haben[C].

Verschiedene Völker zeichneten sich ebenfalls durch sehr merkwürdige Sitten

aus, die bei ihnen häufiger vorkamen als bei allen anderen, dergestalt daß

das, was heute nur das Laster dieses oder jenes Individuums ist, damals das

bestimmte Merkmal eines ganzen Volkes war.

[Fußnote A: Erasmus 827. Ut dii augerent meretricum nummerum. Erasmus fügt

hinzu, daß die Venetianerinnen zu seiner Zeit unzüchtige Mädchen per

excellence wären. Nusquam uberior quam apud Venetos.]

[Fußnote B: [Griechisch: Kuiropôlis] die Canabole mit [Griechisch:

choiros]. Erasmus 737. Corinthia videris corpore questum factura. In

mulierem intempertivius libidinantem. De mulieribus Corinthi prostantibus

dictum et alibi. Dictum et autem [Griechisch: choiropôlô], novo quidem

verbo, quod nobis indicat quaestum facere corpore.]

[Fußnote C: [Griechisch: Lesbiazein]. Lesbiari, die Lesbierin. Antiquitus

polluere dicebant. Erasmus 731. [Griechisch: choiros] enim cunnum

significat (quae combibones jam suos contaminet Aristophanes in Vespis)

Erasmus 731. Aiunt turpitudmem quae per cos agitur, fellationes opitur, aut

irrumationis primum iomnium faeminum fuisse profestam: et apud illas primum

omnium faeminarum tale quiddam passam esse. Das charakteristische Talent

der Lesbierinnen war am weiblichen Geschlechtsteil saugen, daher: mihi at

videre labda juxta Lesbios (Aristophanes [Griechisch: lasbalesbiour],

fellatrix). Die Fellatrix, die am Eichel saugt, war noch ein Beiwort der

Lesbierinnen, wo es üblich war, mit dieser Zeremonie zu beginnen. Erasmus

800. Fallatrium indicat . . . quae communis Lesbiis quod ei tribuitur genti

etc. NB. Es gab -- einige Jahre mag es her sein -- ein reizendes Mädchen in

Paris, das ohne Zunge geboren war und mit erstaunlicher Geschicklichkeit

durch Zeichen sprach; sie hatte sich dieser Prostitutionsart gewidmet. Herr

Louis hat sie in dem Buche über Aglossoftomographie beschrieben.]

So stammt von der Bevölkerung der Insel Euboea, die nur Kinder liebte und

sie in jeder Weise prostituierte, der Ausdruck chalcidieren[A]. Ebenso

schuf man den Ausdruck phicidissieren, um eine recht ekelhafte Laune zu

bezeichnen[B]. Man drückte die Gewohnheit, welche die Bewohner von Sylphos,

einer Insel der Cykladen, hatten, die natürlichen Freuden durch die des

Anus zu unterstützen, mittels des Wortes siphiniassieren aus[C].

[Fußnote A: [Griechisch: Kalchidizein], Chalcidissare. Erasmus: Gens

(Chalcidicenses) male audisse ob foedos puerum amores.]

[Fußnote B: [Griechisch: Phichidizein], Phicidissare. Sich die Testikeln

von jungen Hunden lecken lassen (Sueton).]

[Fußnote C: [Griechisch: Siphiniazein], Siphiniassare (Plein. I, IV, 12).

Erasmus 690. Pro eo quod et tannum admovere postico, sumptum esse a moribus

siphuiorum.]

So fand man in den Jahrhunderten des Verderbnisses, wo man alles erprobte,

Worte, um alles auszumalen. Daher das cleitoriazein[A] oder die

Verschmelzung von zwei Clitoris, eine Handlung, die Hesychtus und Suida

sich die Mühe gemacht haben uns zu erklären, indem sie uns lehren, daß

diese Handlung wie das Laichen des Karpfens mit seinesgleichen vor sich

geht: eine ist in Bewegung, während die andere anhält und umgekehrt (darum

das Sprichwort non satis liques), daher der Ausdruck cunnilinguus, den

Seneca so ableitet. Die Phönizier unterschieden sich von den Lesbiern,

indem erstere sich die Lippen rot färbten, um den Eingang in das wahre

Heiligtum der Liebe vollkommener nachzuahmen, während die Lesbier, die nur

Schminke in der Farbe der Spuren der Liebesopfer auflegten, weiße

hatten[B]. Und das ist nicht die ungewöhnlichste Weise, auf die man die

Lippen geschmückt hat, denn Sueton berichtet, daß der Sohn des Vitellius

sie mit Honig bestrichen habe, um zur Vermehrung seiner Lust die Eichel

seines Lieblings zu saugen, indem er so die zarte Haut, die diesen

Körperteil umgibt, schlüpfrig machte, sollte der Speichel des mit Honig

bestrichenen Handelnden den Liebeserguß anziehen. Das war ein bekanntes und

auf erschöpfte Männer wirkendes Aphrodisiaticum[C]. Aber Vitellius nahm

diese Zeremonie alle Tage öffentlich an denen vor, die sich dazu

hergaben[D], was nicht seltsamer ist, als die Trankopfer (semen et

menstruum), die laut Epiphanius gewisse Weiber, ehe sie sie

hinterschluckten, den Göttern darboten[E].

Ich endige diese merkwürdige Rekapitulation, um die Moralisten zu fragen,

ob die Alten sehr viel besser waren als wir, und die Gelehrten, welche

Dienste sie den Männern und den Gebildeten geleistet zu haben glauben, wenn

sie diese und so viele ähnliche Anekdoten in den Archiven des Altertums

ausgegraben haben?

[Fußnote A: [Griechisch: Kleitoriazein]. Erasmus 619. De immondica

libidine. Unde natum proverbium, non satis liquet, libidinosa

contractatio.]

[Fußnote B: Phoenicissantes labra rubicunda sibi reddebant; sie

Lesbiassantes alba labra semene.

Martial Lib. I. Cunnum carinus linguis estamen pallet. Cattulus ad

Gellicum. -- Nescio quid certe est, an vere fama susurrat.

Grandia te remedii tenta vorare viri.

Sic certe est. Clamant virronis rupta miselli Lilia, demulso labra notata

sero.]

[Fußnote C: Hier. Mercurial.]

[Fußnote D: Quotidie ac palam. -- Arterias et fauces pro remedio fovebat.]

[Fußnote E: Hier. Merc. liber IV, pg. 93. -- Scribit Epiphanius faeminas

semen et menstruum libare Deo et deinde potare solitas.]

_Finis_.

Das Erotika Biblion des Grafen Mirabeau wurde ins Deutsche übertragen von

Paul Hansmann. Gedruckt wurde diese Ausgabe für den Hyperionverlag, Berlin,

von der Buchdruckerei Imberg & Lefson G. m. b. H., Berlin, in zwölfhundert

numerierten Exemplaren: die Exemplare 1 bis 100 wurden auf echtes Bütten,

die Exemplare 101 bis 1200 auf feinstes Velinpapier abgezogen. Das

Titelblatt zeichnete Erich Hoffmeister, den Einband Emil Preetorius. Dies

ist Exemplar

Erotika Biblion · 第 12 / 14 题