Am Mittagstisch.[1]

Ein Mädchen (Lotte) als Mutter. Ein Knabe (Fritz) als Vater. In

der Mitte der Stube ein weißgedeckter Tisch. Seitwärts ein kleiner

Tisch mit zwei Tellern, Messern und Gabeln. Zwei Stühle. Links ein

Puppenwagen mit Puppe, daneben ein Stuhl. Ein Kleiderständer. Ein

Zeitungshalter. Eine Wanduhr.

+Lotte+

(sitzt auf dem Stuhle neben dem Puppenwagen und singt die Puppe in

den Schlaf):[2]

Suse, kleine Suse, mach’s Aeugelein zu,

Mondenschein liegt auf den Bäumen,

Vögelein gingen schon lange zur Ruh’,

Sitzen im Nestchen und träumen.

Susala, dusala, dilili, dein,

Schlafe mein Liebling, schlaf’ ein!

So, endlich schläft sie. Nun ja sie nicht wecken!

Will jetzt geschwinde den Mittagstisch decken.

(Sie blickt nach der Wanduhr.)

Was seh’ ich? Es ist schon um halb zwölf Uhr. Potz daus?

Da muß ich mich sputen — mein Mann kommt nach Haus.

(Sie legt zwei Teller, Messer und Gabeln auf den Tisch.)

+Fritz+

(tritt ein mit lauter Stimme):

Guten Tag, liebe Frau!

(Er hängt Hut und Stock auf den Kleiderständer.)

+Lotte+

(mit abwehrender Bewegung.)

Pst! Nicht so laut, lieber Mann!

Bin froh, daß die Kleine mal schlafen kann.

+Fritz+

(seine Stimme dämpfend):

Ja so, unser Kind!

(Er tritt an den Puppenwagen und schaut hinein.)

Na, es schläft ja ganz süß,

Da ist es zu Haus wie im Paradies.

Denn schläft es, dann kann sein Geschrei mich nicht stören.

Du weißt ja, ich mag das nun einmal nicht hören.

+Lotte+

(beleidigt):

Ja, ja, das Kindergeschrei zu ertragen,

Das will den Herrn Männern wohl nimmer behagen.

Als du einst gelegen im Kinderbett,

Da warst du natürlich stets artig und nett.

+Fritz+

Ei, Lotte, du nimmst wohl die Sache gleich krumm?

Ich hab’s doch nicht bös’ gemeint; sei nicht so dumm!

Ich bring’ dir auch heut’ was Besonderes mit.

+Lotte+

(neugierig):

Ei, was denn?

+Fritz+

Vortrefflichen Appetit!

+Lotte+

Spaßvogel, den bringst du doch immer nach Haus.

+Fritz+

Was gibt es denn heute zum Mittagsschmaus?

+Lotte+

Dein Leibgericht: Erbsen und Bratwurst dazu;

Nimm, bitte, nur Platz! Du bekommst es im Nu.

(Sie eilt hinaus.)

+Fritz+

(setzt sich zu Tisch):

Erbsen mit Bratwurst! Wie das Herz mir da lacht!

Das hat sie ja wieder mal gut gemacht.

Hoffentlich ist ihr auch alles geraten,

Die Bratwurst recht knusprig und braun gebraten!

+Lotte+

(tritt mit einer Platte ein, auf der Schüssel und Teller stehen. Sie

setzt das Essen auf den Tisch.)

So, lieber Mann, und nun laß es dir schmecken!

+Fritz+:

(zu Messer und Gabel greifend):

Danke dir! Gleichfalls! Was muß ich entdecken?

Die Bratwurst — die ist ja hier angebrannt!

+Lotte+:

Nicht möglich! Ich hab’ sie stets umgewandt.

Laß sehen! (Sie schaut nach.) Kein bißchen! Was fällt dir denn ein?

+Fritz+:

(die Erbsen kostend):

Doch die Erbsen könnten noch weicher sein.

+Lotte+:

Ach, Fritz, was verstehst du von Braten und Kochen!

Und kochst du die Erbsen noch sieben Wochen,

Sie werden nicht weicher, verlaß dich darauf

Und hör’ nun gefälligst mit Nörgeln auf!

+Fritz+:

Na ja, liebe Lotte, ich bin ja schon still.

(Sie essen beide.)

Uebrigens — wie ich gestehen will —

hat eine Bratwurst vergangene Nacht

einen recht drolligen Traum mir gebracht.

+Lotte+:

So, so! Du träumst ja recht eigne Geschichten!

Willst du mir davon nicht etwas berichten?

+Fritz+:

Sehr gern! Es war nachts um die vierte Stunde,

da sah ich — oh Wonne! — vor meinem Munde

Eine Bratwurst schweben, ganz frei in der Luft,

die lockte mich mit dem köstlichsten Duft.

Sie war nicht so niedlich wie diese hier,

viel länger und dicker erschien sie mir.

+Lotte+:

Und sicherlich war sie nicht angebrannt.

+Fritz+:

Bewahre! Das hab’ ich ganz deutlich erkannt.

Das Wasser lief mir zusammen im Mund.

Ich dachte: Hurra! Welch ein köstlicher Schmaus!

und streckte nach ihr beide Hände aus.

Auf einmal — o Jammer — wer hätt’ das gedacht?

Da platzt sie entzwei — und ich bin erwacht.

(Beide lachen.)

+Lotte+:

Ja, Fritzchen, solch Traumbild ist launenhaft.

Wie gut, daß ich dafür Ersatz geschafft!

Was nachts dich im Schlafe gefoppt und geneckt,

heut mittag hat es dir gut geschmeckt.

+Fritz+:

Ganz recht, liebe Frau! — Aber nun bin ich satt.

Jetzt gib mir mal, bitte, das Zeitungsblatt!

(Er steckt sich die Pfeife an und raucht andeutungsweise.)

+Lotte+

(steht auf und nimmt die Zeitung vom Zeitungshalter):

Hier ist es. Da fällt mir soeben ein,

ich sah ja heut’ selber noch gar nicht hinein.

Drum lies mir doch, bitte, das Neuste vor!

Ich bleibe hier sitzen und bin ganz Ohr.

(Sie setzt sich wieder an den Tisch und reicht ihm das Blatt.)

+Fritz+:

(schaut suchend in die Zeitung):

Ja, beste Lotte, was soll ich denn lesen?

Von Engländern? Russen? Franzosen? Chinesen?

Von Eisenbahnzügen, die zusammengestoßen?

Von schweren Gewittern mit Hageln und Schloßen?

Von Schiffsunfällen auf stürmischen Meeren?

+Lotte+:

Ach, nein, ich möchte was Lustiges hören.

+Fritz+:

Was Lustiges? — Halt hier scheint was zu steh’n:

Ein schnurriges Liedchen.

+Lotte+:

Wir wollen mal seh’n.

+Fritz+

(aus der Zeitung vorlesend):

Vom Ritter Kunz von Flunkerflaus

geb’ ich euch jetzo Kunde:

Der hat im Schlaf verschluckt ’ne Maus,

nachts um die zwölfte Stunde.

Er lief zum Doktor Pfiffikus:

„’ne Maus sitzt mir im Magen,

die kneipt und macht mir viel Verdruß,

kaum kann ich’s noch ertragen.“

Der Doktor in den Hals ihm guckt,

den Fall gleich zu studieren.

„Potz, Blitz! ’ne Maus habt Ihr verschluckt?

Euch will ich schon kurieren.

Vernehmt, Herr Ritter, guten Rat

aus meiner Weisheit Schatze:

Damit das Mäuslein Euch nicht schad’,

verschluckt ’ne Miezekatze!“

+Lotte+

(lacht laut):

Ei, Fritz, das war eine lustige Mär!

Lies doch noch etwas! Ich bitte dich sehr.

+Fritz+:

(nach der Taschenuhr sehend):

Ist leider nicht möglich, sonst komm’ ich zu spät.

Potz tausend, wie schnell doch die Zeit vergeht!

(Er steht auf und nimmt Hut und Stock.)

Ich wünschte, ich könnte noch länger hier ruh’n,

doch hab’ ich g’rad heute so viel noch zu tun.

Drum reich mir die Hand!

Lebe wohl, liebe Lotte!

(Sie reichen sich die Hände.)

Grüß mir das Suschen, die kleine Motte.

(Er geht nach der Tür.)

+Lotte+:

Gern lieber Mann, wenn sie wieder erwacht.

Wann kommst du nach Hause?

+Fritz+:

Wie immer halb acht.

(An der Tür sich wendend):

Nur eins noch, das hätt’ ich beinahe vergessen:

Was gibt es denn heute zum Abendessen?

+Lotte+

(geheimnisvoll):

Ich will dir’s verraten. Einen hochfeinen Schmaus:

Schokolade und Hering!

+Fritz+:

Jetzt nehm’ ich Reißaus.

(Er verschwindet schnell durch die Tür.)

[1] Kinderszenen. Kleine heitere Wechselgespräche für das

darstellende Jugendspiel in Schule und Haus. Gedichtet von Alwin

Freudenberg. 4. u. 5. Tausend. Verlag Alwin Huhle, Dresden.

[2] Melodie hierzu: Sonnenschein. 18 Lieder des Frohsinns für ein-

oder zweistimmigen Kindergesang. Von Alwin Freudenberg. 6. bis 10

Tausend. Verlag A. Huhle, Dresden.

Ri-Ra-Rutsch · 第 18 / 37 题