AUS EINEM BRIEFE A. SCHREIBERS.

Am 1. September 1920 lief Adolf Schreiber aus dem unwirtlichen Berlin

in den Wannsee. -- Flüchtig begann die Tagespresse sich mit ihm zu

beschäftigen. „Selbstmord eines Künstlers“ -- „Künstlerschicksal“.

Ein paar Notizen, eine interessant aufgetupfte Farbe in einigen

Feuilletons. „Typischer Fall“ hieß es. Aber das war der Fall gar nicht,

war im Gegenteil ein Äußerstes an Kompliziertheit, Seltsamkeit. Als

solcher freilich hätte er einen grellen Reflex auf das Typische werfen

können. Aber nur die Nächststehenden wußten das. In Zeilen von +Adolf

Heilborn+, +Auguste Hauschner+ blitzte es auf. Dann wurde es

wieder sehr schnell still.

In diesen Zeilen war daran erinnert worden, daß Adolf Schreibers

tiefverborgenes Leben schon einmal ohne seinen Willen in die

Öffentlichkeit gezogen worden war. Durch einen Artikel von mir, einen

Verzweiflungsschrei. +Siegfried Jacobsohns+ „Schaubühne“ hatte im

Mai 1913 das Folgende gebracht, als meinen

„AUFRUF AN DIE MUSIKFREUNDE“.

_„Bene qui latuit, bene vixit“??_

„Dichtungen schreiben und Verbindungen anknüpfen ist zweierlei.

Darf es aber dem jungen Autor leider nicht sein, von besonderen

Glücksfällen eines Porphyrogenitus abgesehen. Meist wird nur

ein Gang zu fremden Leuten, ein Eindringen in unbekannte

Redaktionsräumlichkeiten über den Abdruck des ersten Gedichtes, des

ersten Buches entscheiden.

„Noch viel, viel schlimmer hat es ein Komponist. Der Notendruck ist

teurer; und wer kauft Werke eines neuen Musikers! Die Verleger der

Musikliteratur haben daher taube Ohren für neue Musik. Und eine

Aufführung bedarf eines großen Apparats. Der junge Komponist muß also

auf den Mäcenas und Apostel in einer Person warten. Fall Hugo Wolf

und andre.

„Ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn im Nachlaß eines

unbekannten alten Mannes kostbarste Musik aufgefunden würde. Nichts

hat es auf der Welt so leicht, sich zu verstecken wie gute Musik.

„Es ist leider nicht naturnotwendig, daß geniale

Musik-Inspirationsfülle mit einer gewissen Vordringlichkeit und

Ausdauer des um die erste Aufführung buhlenden Benehmens sich paare.

Andrerseits ist das ja sehr schön und keusch. Aber traurig bleibt

es, daß der Komponist Adolf Schreiber, obwohl er seit Jahren in

Berlin lebt, es durch die einfachen menschlichen Eigenschaften der

Bescheidenheit und Zurückhaltung durchgesetzt hat, nur von einigen

Zufallsbekanntschaften angehört zu werden.

„Und doch ist die Musik dieses nicht mehr ganz jungen Mannes das

Wichtigste und Ergreifendste, was mir seit Jahren erklungen ist.

Schreiber hat zahlreiche Klavierkompositionen, Violinsonaten, Fugen,

Orchesterwerke in seinen Schubläden. Und die Lieder, was für Lieder!

Seine Melodien zu Prosazeilen Peter Altenbergs, seine naiven,

kraftstrotzenden Balladentöne für Liliencron haben mich einen ganzen

Sommer lang mit unendlichem Glück gesegnet. Ich sage es kurz: eine

ganz originelle Eigenart gibt sich hier kund, ein ganz Natürliches,

ohne besondere Komplikation ein bisher durch Zufall unbekanntes

Grundelement der Musik.

„Aber der Komponist selbst ist selbstverneinend, fast asketisch, er

tut keinen Schritt für sich, er ist ein heroischer Ausnahmemensch.

Diese Zeilen schreibe ich ohne sein Wissen, vielleicht gegen seinen

Willen. Ich frage ihn nicht, ich frage niemand. Ich hasse den

stupiden Zufall, der (was ja sehr schön und keusch ist -- bene qui

latuit, bene vixit) Genialität und Selbstverkleinerung in dieselbe

Brust eingebaut hat. Ich wende mich an die Öffentlichkeit. Ich bürge

mit meiner ganzen Person, mit meinem Ansehen und mit der Zukunft

meines Ansehens für die magische Gewalt der Kompositionen Adolf

Schreibers.

„Ich frage: Welcher Sänger, welche Sängerin studiert die Lieder Adolf

Schreibers? Welcher Verleger bietet sich zur Drucklegung an? Wer

veranstaltet den ersten Liederabend, den ersten Kompositionsabend für

Schreiber?

„Die Adresse: Kapellmeister Adolf Schreiber, Berlin-Halensee,

Joachim-Friedrichstraße 2.“

* * * * *

Diese schrille Lichtreklame war nur eine von den vielen, die ich

längs der Bahn Adolf Schreibers angezündet habe. Nicht die erste und

nicht die letzte. Ich hatte mir damals, nach vielen Fehlschlägen,

vorgenommen, um jeden Preis und geradezu mit Erbitterung das Schweigen

rings um meinen Freund zu sprengen.

Es ist absolut mißlungen. Nicht den geringsten Erfolg habe ich für

ihn erzielt. -- Ich betrachte das als einen Teil des mir persönlich

zugestoßenen Unglücks und Unrechts, als einen ganz beträchtlichen Teil

meines Mißgeschicks. -- Wer Glück hat, hat es nicht nur für sich,

sondern auch für die, denen er helfen will. Hätte sich doch Adolf

Schreiber einen mit weniger Mißgeschick behafteten Freund erwählt!

O, wie bitter es ist, dies niederzuschreiben -- jetzt, da alles vorbei

ist.

Was geschah nach jenem gewagten, nahezu unschicklichen, gewissermaßen

von Schamröte erglühenden Aufruf 1913? -- Ein Kammersänger meldete

sich, ließ aber nach einigen Briefen die Sache fallen. Ferner forderte

der Direktor einer Filmgesellschaft Musik zu Gerhart Hauptmanns

„Atlantis“. Auch daraus wurde nichts. Schreiber komponierte. Ob aber

die Musik zur Aufführung gelangt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls wirkte

sie nicht nach. -- Das war alles. Mehr habe ich nicht gehört. Wiederum

schloß sich um den Lebenden das Lehmgrab, das er mit sich trug, mitten

durch das energieplatzende Berlin um seine Schultern mit sich trug.

Allerdings war das auch seine eigene Schuld, -- sofern man von Schuld

hier sprechen will. Ein anderer hätte die „Situation ausgenützt“.

Schreiber machte gewiß einen Kreis rings um sie. Er wich ja allem

Guten, Günstigen aus, das sich anbot. Jemand hätte da sein müssen, ihn

zu zwingen. -- Ein typischer Fall? Nein, ein geradezu phantastischer.

Und er zeigt so richtig die ganze Phantastik der Kunst in dieser Welt.

Da gab es also einen Menschen, der die Kunst ganz ernst nahm und sonst

gar nichts. Der von Nebendingen, Geschicklichkeiten des Lebens nichts,

aber auch nicht das Mindeste wußte. So sehr nicht das Mindeste, daß

er nicht nur alles falsch packte, dort scherzte, wo es ernst wurde,

und dort ernsthaft drauflosarbeitete, wo es nicht der Rede wert war,

-- nein, mehr noch, daß er direkt gegen sich lebte, Schützengräben

anlegte zwischen sich und seinem Glück, -- eine Haltung, die aber

durchaus ableitbar ist aus dem redlichen Gemüt eines, der eben nur

die Kunst ernst nimmt und sonst gar nichts. Er hatte nur seine Musik,

alles andere hätten die andern für ihn haben müssen. -- Sofort erhebt

sich die Forderung, daß man ihm nicht nur hätte helfen, nein, daß

man ihm hätte +Hilfe aufdrängen+ sollen. Und diese Forderung,

verglichen mit dem tatsächlichen Zustand der Welt und ihrem Benehmen

Künstlern gegenüber, -- ja, die klingt freilich einfach absurd. Und

dabei ist doch nichts geschehen. Es hat sich nur der extreme Schulfall

des Künstlers gezeigt, dieser Schulfall, den jedermann gedanklich

konstruieren kann, an den jeder schon wiederholt und mit ideologischer

Genugtuung gedacht hat, an den man quasi gewöhnt ist. Aber siehe da,

er ereignet sich nun wirklich einmal, und sofort reißt sich die ganze

Paradoxie unserer Existenzform auf, die Unmöglichkeit, zu leben ...

* * * * *

Es gibt Menschen mit Ellbogen und solche ohne Ellbogen. Das Besondere

des Falles Adolf Schreiber war: er hatte nicht nur keine, sondern sogar

negative Ellbogen, Ellbogen gegen sich selbst.

Es konnte ihm nichts Widerlicheres geschehen, als wenn man eines

seiner Werke lobte. Er geriet dann in nackte Wut. Ich habe dergleichen

nie gesehen außer an ihm. -- Wohl gibt es eine edle Trauer,

Niedergeschlagenheit des Künstlers, der in die Bewunderung, die

seine Arbeit erweckt, oft genug nicht mit einstimmen kann, weil er

das höhere Ziel sieht, das er verfehlt hat, und niemanden außer ihn

bedrückt diese Vision. Diese Trauer also kommt vor, man kennt sie.

Aber Wut, aufrichtige, gallige Wut? Ich weiß es, daß Adolf Schreiber

oft, wenn ich von seinen Liedern entzückt war und dies aussprach,

mich für einen Lügner und Schmeichler gehalten hat. -- Heute, in der

Ewigkeit, mein toter Freund, weißt du es, daß ich nie schonen wollte,

daß ich nur deshalb und nur dann lobpries, wenn ich mich beschenkt

von dir fühlte, lebenserhöht, angefacht, -- durchsonnt jede Ader von

Glück, das dein junges liebeglühendes Genie gab. Ich habe ja öfters

auch ablehnen müssen, namentlich in den späteren Jahren. Die Melodien

deiner Jugendwerke aber kamen aus dem Himmel. Er gehörte, wenn du

vorspieltest, nicht mehr dir allein, der Zugang war offen, du hattest

nichts zu verbieten, nichts dreinzureden, wenn meine Alltagsstarre

in Tränen auftaute ... Aber Schreibers Benehmen war derart, daß es

einem die aufrichtigste Begeisterung hätte verleiden können. Sogar

ich, sein Jugendfreund, fürchtete den endlosen Wortschwall seiner

Ableugnungsversuche (er leugnete sein Genie). Ich hielt zuweilen mit

meiner Bewunderung zurück, nur um unerquicklichen Debatten über meine

„Falschheit“ zu entgehen. Es gab Zeiten, in denen er sich mir ganz

verekelte. Denn man fühlte in seiner Ablehnung alles Lobes sehr wohl

auch einen ungeheuren inneren Stolz mit. Diese Mischung von äußerer

Unterwürfigkeit, Selbstzerfleischung, Sadismus gegen sich selbst und

verborgenem Trotz, der zumindest als Eigensinn immer wieder ausbrach,

war äußerst schwer erträglich.

Er bat unaufhörlich jeden, der mit ihm zusammentraf, doch nur ja davon

überzeugt zu sein, daß er gar kein Talent habe, daß er den letzten

Dreck an Stümperhaftigkeit darstelle ... Die Welt läßt sich so etwas

nicht zweimal sagen. Sie ist ja im allgemeinen darauf eingestellt, so

oder ähnlich zu urteilen. Sie widersetzte sich ihm nicht, sie tat ihm

den Gefallen.

Die „Welt“: damit meine ich aber nicht etwa das volgus profanum. Von

dem wäre es selbstverständlich. -- Nein, der Fall Schreiber scheint wie

darauf angelegt, das Tiefste in bezug auf dieses Verhältnis „Künstler

und Kritik“ -- „Künstler und Rezeptivität“ zu enthüllen. Denn es waren

die feinsten Köpfe Berlins, die ich jedesmal, so oft ich für ein paar

Tage nach Berlin kam, auf Adolf Schreiber aufmerksam machte und mit

ihm zusammenführte. O wie grenzenlos haben sie mich alle enttäuscht,

alle! Obwohl ich es ihnen doch im vorhinein ausführlich dargelegt

hatte: „Da ist ein Mensch, absolut ungeschickt -- ungeschickt ist schon

gar kein Ausdruck für diesen Zustand chronischer Selbstmörderei --

ein Quell, den man erbohren muß aus härtestem Fels -- aber ich sage

euch, der Quell ist da“, -- obwohl ich sie also immer auf all sein

koboldhaftes Liebenswürdigsein, seine oft lästige Höflichkeit, seine

Verstocktheiten vorbereitete: keiner hat es auf die Dauer ausgehalten,

keiner hat an ihn geglaubt. Die Klügsten betrog er durch unaufhörliches

Sichselbstzerhacken, die Gütigsten ermüdete er durch seine unter

dem Schein des temperamentvollen Zickzackflatterns verborgene

Unnachgiebigkeit. Unbegreiflich aber bleibt es mir, daß die, denen er

seine Lieder am Ende dennoch vorgespielt hat, von diesen Feuerbränden

nicht definitiv entzündet wurden. Man sagt mir nun: Er spielte so

schlecht Klavier. Ich habe das nie gefunden (und ich verstehe schon

was vom Klavierspielen). Wohl aber weiß ich, daß Adolf Schreiber nie

das Klavier angerührt hat, ohne auf die schweinemäßigen Fehler, die er

sofort machen würde, im vorhinein zu fluchen. Er machte dann keine.

Aber nach dieser Introduktion hörte sie eben jeder. Eines ist wahr: das

verschmierende Weglasse-Klavierspiel, das zum modernen Kapellmeister

gehört, das verstand er wenig. Es widersprach seiner reinen, auf

ehrfurchtsvolle Sauberkeit bedachten Natur. Peinlich rang er darum,

jede Note, jede Sechzehntelpause herauszukriegen. Er spielte etwas

hart, warf kein Seidennetz über die Tasten, in dem unbequeme Akkorde

hätten in Andeutungen und falsche Schatten wegschlüpfen können ...

Dann heißt es, er habe seine eigenen Lieder mit entsetzlicher Stimme

gequäkt. Zugegeben; aber der Kenner muß eben diese Eigentümlichkeit so

manches Komponisten auf der Stelle ins tönende Silber der Konzertpodien

zu transformieren wissen ... O unbegreiflich, daß man nicht aufgehorcht

hat, wenn er mit der ganz ehrlichen Liebe des großen Bedürfnisses

von den Meistern sprach, die ihn beseligten: von Beethoven, Smetana,

Haydn, Brahms, Reger, Bach, von Dauthendey, Flaubert, Rilke. Er sprach

von ihnen, wie man von Wohltätern, von Almosengebern, vom täglichen

Brot, von Atemluft spricht. Er brauchte sie um ihrer selbst und um

seiner natürlichen Beschaffenheit willen, er war auf sie angewiesen,

er lechzte nach Schönheit und er sättigte sich an ihr. Ist denn solche

Liebe, solche Lauterkeit und Demut allzu häufig? Mir ist sie drei-,

viermal begegnet im ganzen. Sie mußte jeden erschüttern, sie brach so

rückhaltslos, so nebenzwecklos, so geradehin aus Schreibers großem,

stets erstaunt lächelndem Blick! -- Aber niemand sah es, niemand hat

diesen Blick zurückgestrahlt.

Die Fremdheit, mit der Menschen einander begegnen, die nicht gerade

Freunde oder Liebende sind, ist erstaunlich. So oft ich aus meinem

Gehäuse Prag hervorkrieche und ein paar Tage in Berlin verbringe,

fällt mir das auf. Gerade in Berlin fällt es mir besonders stark

auf, in den Kreisen der Künstler und des Kunstbetriebs. In Berlin

geht nämlich alles Äußerliche so glatt vor sich, das erleichtert das

Leben ganz ungemein. Die täglichen Lästigkeiten, die Friktionen des

schlechtfunktionierenden Tintenfasses, des verbrauchten Löschblattes

fehlen. Rhythmus erfaßt auch den Unfähigen, den Faulen, den Schlemihl.

Plötzlich strahlt er von Tüchtigkeiten, praktischen Zeiteinteilungen.

Man hat nie Zeit, infolgedessen hat man für das Wichtige immer Zeit.

Bei den Schaltern gibt’s kein Gedränge, denn das Publikum stellt sich

von selbst ohne Schutzmann im Gänsemarsch von der richtigen Seite an.

Trinkgeld-Meditieren ist abgeschafft. Jede Wohnung: Warmwasser, Balkon

-- was denn! ihre Loggia!! Selbst die mondlichtdünnste Unternehmung

stützt sich auf strammes Briefpapier, Bernhard-Type, ganz fette,

durch zittrigen Rand über sich selbst hinausgreifende Lettern und

Unterstreichungen nie weniger dick als eine Schriftzeile. Der ingeniöse

Fünfzack als Punkt, anders geht’s schon nicht --, das flößt unbewußt

Vertrauen ein. Wird etwas gegründet, wozu anderwärts noch nach Monaten

nicht mehr als ein Witz an Aktienkapital bereit steht, eine auf den

ersten Blick lebensunfähige, weltfern blaguierende Literatenidee,

eine Qualle, scheinbar nur im Aroma des Kaffeehauses haltbar, -- hier

tritt sofort ein wetterhartes Plakat, künstlerisch aufgemacht, in die

Erscheinung, verwandte Farben (orange in gelb, violett in schwarz)

werfen ihr Pathos ineinander, daß es nur so kracht, „Steinplatz“

oder „Pfalzburg“ sind um eine neue Telephonnummer bereichert und,

was das Merkwürdigste ist, die Sache lebt wirklich, fügt sich ein

in die Welt der Dividende. -- Infolgedessen fühlt man sich angenehm

gespannt, aufgepulvert, frei, gleichsam ohne Handgepäck, jedermann

tritt gutgeölt in den Tag, sogar Unterernährte haben eine fröhliche

Gesichtsfarbe -- und so ist denn der erste Eindruck der eines schnellen

freundlichen Entgegenkommens. Von Kälte habe ich nichts gespürt.

Was einer zu geben hat, wird rasch erkannt, in Empfang genommen,

umgesetzt. Querköpfigkeit, unnütze Reibung fehlt. So sollte man also

glauben, daß hier präzise Bahnen für jedermann geöffnet sind. Und doch

ist dieser erste Eindruck falsch. Die Glätte der äußeren Abwicklung

erleichtert inneres Anknüpfen, +aber bis zu einem gewissen Grade

nur+. Dann stößt man auf eine Asbest- und Aschenschicht, nicht

zu durchdringen. Dann rollt das Rad, mit dem sich’s so hübsch im

Takt rollen ließ, über einen hinweg. Der zur guten Stundeneinteilung

skelettierte Tag kommt den +leichteren+ Problemen der Geistigkeit

sehr entgegen, vor den +schwereren+ versagt er. Da, wo es heißt,

stundenlang, tagelang auf einem Fleck stehn und grübeln, da versagt

er. Das leichte, wohlabgestaubte, spiegelklar registrierte, mit

Telephon und Schaltbrett, Lauf-Pagen, Anmeldung usf. mustergültig

versehene große literarische Bureau „Berlin“, in seinen besseren

Abteilungen auf wirkliche Wertigkeit eingestellt, der besondern

Nüance nicht abgeneigt, manchen Bluff durchschauend, manche Mache

ablehnend, mit anständiger Klarheit richtig bemüht, -- da, wo man sich

die Haare raufen muß vor Entzücken, wo man leidenschaftlich nicht

nur die doppelte oder dreifache, schon sehr zuvorkommend bemessene

Konferenzzeit, sondern eventuell die ganze Zeit von der Schöpfung der

Erdkugel bis zum Weltuntergang hingeben müßte, ja, da kann es nicht

mehr mitmachen. Bei Adolf Schreiber konnte es nicht mitmachen. Es war

durchaus naturnotwendig (das sehe ich jetzt ein), daß in Berlin Adolf

Schreiber untergehen mußte. Berlin und Adolf Schreiber: das waren

absolute Gegensätze. In Berlin sind selbst ganz bizarre Originale von

Künstlern lebensfähig, -- die wohltuend praktischen Einrichtungen der

Druckereien, Adreßbücher, Untergrundbahnen, Klosette u. ä. kommen ihnen

entgegen; in andern Städten ergattert man ja nie, was man braucht,

es bedarf da Cecil-Rhodesscher Findigkeit und Unternehmungslust,

um nur an ein Waschlavoir zu gelangen -- und in Berlin wird selbst

Schrullenhaftigkeit irgendwie verwertet, allenfalls in Sensation

umgedeutet, auch der abseitige Einfall muß nicht auf „Notierung

gestrichen“ sinken, weil man eben kraft vernünftiger Lebensführung für

den Genuß einer gewissen rationierten Genialität Zeit behält, in Berlin

ist also alles trefflich eingerichtet und selbst das Unpassende findet

seine Unterkunft -- bis zu einem gewissen Grade. Adolf Schreiber aber

war gradlos, er war das Nirgendshineinpassende an sich, das Prinzip

der Untüchtigkeit in Reinkultur. Ihm bis zu einem gewissen Grade

entgegenkommen, hieß: ihm überhaupt nicht entgegenkommen. Er hätte

Jahrhunderte gebraucht, um (als Mensch) verstanden zu werden. So riß

allen die Geduld, auch solchen, die selbst komplizierte Fälle sind und

die sich nur mit Mühe aufrechterhalten, die in jeder andern Stadt

untergehen würden außer in Berlin, das wenigstens eine rationierte

Geduld hat, immerhin mehr Geduld mit seinen Künstlern als irgendeine

andere Stadt, die ich kenne. Berlin, das ich liebe, mit dem ich

persönlich ganz gut auskomme, denn einen kleinen Puff Fremdheit (wenn

auch nicht zu viel) halte ich eben aus ... Wenn nun aber ein Mensch wie

Adolf Schreiber das Unglück hat, daß er vollständig durch und durch

aus jener elysischen südwindzarten Lauterkeits-Materie besteht, von

der wir Hyperboräer glücklicherweise nur einen Teil mitbekommen haben!

-- Nicht die Technik der Großstadt hat Adolf Schreiber umgebracht. Die

Technik bringt den Geist nicht um. Sie erleichtert sogar sein Leben bis

zu einem gewissen Grade. Aber dieses „bis zu einem gewissen Grade“ hat

ihn umgebracht. Es konstituiert die Fremdheit zwischen den Menschen.

Unter dem Schild erleichterter geistiger Kommunikation, komfortabler

Bureaumöbel, schnellen Einverständnisses, das aber nur für robuste

Naturen oder für das robuste Teil zarter Naturen gültig ist, unter

dem Schein expeditiver Arbeitsmethodik schafft dieses „bis zu einem

gewissen Grade“ den besten Wert männlichen Verkehrs ab: die wahre,

grenzenlose, bis dort hinaus zeitverschwenderische Freundschaft.

Vor mir liegt ein alter Brief +Ludwig Rubiners+: „Lieber Herr

Brod! Ich war neulich bei Adolf Schreiber. Die Sache kommt mir bald

hoffnungslos vor. Denn er setzt seine fürchterliche Selbstzerfleischung

und Verachtung ja nicht einmal mehr in künstlerische Form um. Nun

betreibt er schon soundso lange bei einem alten Idioten Kontrapunkt,

natürlich nur, weil der Mensch seine Lieder schlecht findet! Neulich

war er beim Kapellmeister Reznicek, der ihm offenbar viel Gutes gesagt

hat. Infolgedessen hat er +mir+ lediglich wiedererzählt, wie R.

feststellte, daß Schreibers Lage hoffnungslos sei. Ein hoher Genuß war

es vor einigen Tagen für ihn, als er einen Hundertmarkschein aus der

Tasche verlor -- seine Produktivität wurde kolossal angeregt ... Da

sich aber dieser ganze Masochismus (ein leider allzu billiger Begriff!)

bei ihm nur in mündlichen Beteuerungen ausdrückt, also wie beim

Komponisten ein bloßes Phantasieren auf dem Klavier ohne Niederschrift

-- so erscheint mir die Sache hoffnungslos.“ -- Wie treffend ist

hier alles Äußere gesehen. Und doch ist der treffliche Psycholog

hinters Licht geführt. Denn Schreiber pflegte künstlerische Lethargie

+vorzutäuschen+. Das war einer seiner Tricks, um die Menschen

von sich abzustoßen ... Ich greife einen beliebigen seiner zahllosen

Briefe an mich heraus. Da heißt es: „Du glaubst vielleicht, ich wollte

Dich kränken, habe Launen oder wünsche den Himmel herabzureißen.

-- Nein, nein, nur ein bißchen Talent möchte ich haben und wollte

schon zufrieden sein und glücklich, aber so ist das Leben schier

unerträglich, allen zur Qual und mir zur unerträglichen Last, die ich

abschütteln möchte. -- Ich weiß, Du bist großmütig und wirst von einem

Bruch zwischen uns beiden nichts hören wollen -- aber was nützt die

Verzweiflung -- +ich kann nicht mit!+“ ... So suchte er mir immer

einzureden, daß er mein Leben unnütz belaste, mir Mühe verursache usf.

Indes war ich von Dankbarkeit für seinen „verlorenen Schwimmer“, für

„Fastnacht“, „Si dormis“ und andere Lieder immer aufs neue durchglüht.

War nun ich verrückt oder war er es? Seiner Beredsamkeit standzuhalten

war nicht leicht. Er brachte immer neue Argumente vor, wollte seinen

Unwert dem Widerstrebendsten nachweisen. Man mußte sich da immer wieder

vorhalten: das ist doch derselbe, der ...

Daß nun gerade ich die Geduld nicht verloren habe, rechne ich mir nicht

als besonderes Verdienst. Schreiber war mein Jugendfreund, unter all

meinen Freunden der frühest erworbene. Das bindet.

Ich hatte ihn kennen gelernt, als er dreizehn Jahre alt geworden war,

bei seiner Barmizwah. Ich stand damals im zwölften -- 1896.

Adolf Schreibers Vater und der meine sind in demselben Haus der Prager

Josefsstadt (Euphemismus für „Judenstadt“) aufgewachsen. Mein Vater

machte die Bankkarriere, Schreibers Vater wurde Tapezierermeister.

-- Ich rekonstruiere nachträglich, daß das Erscheinen der gesamten

Familie Brod bei dem Familienfest Schreiber als eine Art „Ehrung“

des arm gebliebenen Jugendgespielen gedacht war. Jedenfalls kam ich

damals zum erstenmal in das bescheidene Häuschen Altprags (wir wohnten

schon längst in der Neustadt). Nach der üblichen Konfirmationsrede

spielte der kleine Adolf ein wenig Violine. Das entschied. Denn auch

ich war damals schon eifriger Musikant, Klavierist. Wir beiden Kinder

tauschten unsere Erfahrungen und Wünsche aus, jenseits aller sozialen

Schichtungen, von denen wir ohnedies nur Schattenhaftes ahnten.

Dieses erste Zusammentreffen hat sich so klar in mein sonst schlechtes

Gedächtnis gestanzt, daß ich mich sogar noch des Likörs entsinne, der

damals herumgereicht wurde ... Das Häuschen der Castulusgasse aber ist

längst eingerissen. Ich kann die Stelle nicht finden, wo es gestanden

hat.

Adolf wurde eingeladen, uns zu besuchen. Er kam, samt der Violine. --

Diese ersten Besuche zeitigten in Keimanlage gleich das ganze künftige

Verhältnis zwischen den Freunden, ja Adolfs ganze Lebenseinstellung.

Er war furchtbar schüchtern, von einer trotzigen peinlichen

Schüchternheit. Es dauerte jedesmal buchstäblich stundenlang, ehe es

meiner Mutter gelang, ihn zum Kaffeetrinken zu bewegen. Die Grazie,

etwas als Selbstverständlichkeit anzunehmen, hat er nie besessen.

Dieses Kaffeetrinken brachte quälende Debatten hervor, manchmal

schon recht bösgemeinte Scherzhaftigkeiten, die mich rasend machten,

denn ich drängte doch schon zum Musizieren. -- Schrecklich war

mir auch die Verehrung, die Adolf meinem Gymnasialstudium, meiner

besseren Orthographie (was er „Bildung“ nannte) entgegenbrachte. In

musikalischer Entwicklung war er mir voraus, was er aber nie anerkennen

wollte.

Wir spielten vierhändig, auch Klavier und Violine. Überdies waren

wir völlig uns selbst überlassen. Ohne Führer schlugen wir uns auf

eigene Faust durch das Dickicht der ersten Kunstbegeisterungen. Dabei

gab es natürlich manches Komische. So fiel uns beispielsweise eine

bloße Violinstimme des Mendelssohnschen Konzertes in die Hände. Wir

glaubten fest und steif, daß diese Stimme das ganze Werk bedeute, --

daß es anders sein könne, auf diese Idee kamen wir gar nicht. Adolf

mußte mir nun immer wieder das Konzert in dieser Form vortragen,

es bezauberte uns völlig. Frei, ahnungsvoll, vieldeutig schwebte

der Faden der reinen Melodie über dem Abgrund ... Nun gaben wir von

Zeit zu Zeit unglückseligen Verwandten eine Vorführung, eine Probe

unseres fortschreitenden Könnens. Hauptnummer: Mendelssohn-Konzert

für Violine solo. Heute erscheint es mir freilich nicht mehr so

empörenswert wie damals, daß die Zuhörer dem dünnen Lineament der

einen Stimme nicht zu folgen vermochten, daß sie sich langweilten, zu

schwätzen begannen. O diese Wut gegen die Philister in unsern jungen

Herzen! Meine Entrüstung, als es hieß: „Er hat entsetzlich gekratzt.

Es ist zu schwere Musik u. a.“ ... Eines aber ist seltsam: als ich

in späteren Jahren zum erstenmal die Klavierbegleitung des geliebten

Konzertes hörte, war ich bitter enttäuscht. Die Harmonien, die wir

hinzuimaginiert hatten, waren so mystisch schön gewesen.

Wir waren auf Zufälle angewiesen. Ich entsinne mich eines Nachmittags,

da uns die vierhändig gespielte Ouvertüre „Der Kalif von Bagdad“

(Boieldieu) faszinierte. Eine Stelle, die mir heute ganz gleichgültig

erscheint, erregte damals unsere ganze Glut. (Es ist der 37. bis

32. Takt, vom Schluß aus gezählt, -- offenbar stießen wir auf diese

Akkordfolge zum erstenmal.) Immer wieder spielten wir diese eine

Stelle und immer lauter. Wir schrien vor Vergnügen, wir sangen mit.

Wir spielten die ganze Ouvertüre von vorn, um uns nochmals überraschen

zu lassen, um die ganze Süßigkeit auszunutschen. Wir überboten uns in

den hartnäckigen Ausrufen: „Jetzt aber noch einmal!“ Als die Eltern

heimkamen, fieberten wir beide. Adolf wurde schnell heimgeschickt und

ich ins Bett.

Niemand nahm sich unseres Geschmackes an. Wir bildeten eigene, sehr

primitive Terminologien. Das höchste Prinzip unserer Verehrung hieß

„Dissonanz“. Der Dreiklang galt als verflucht. Inbegriff aller

Lächerlichkeit war Weber. Wagner überstrahlte bald alles. -- Wollten

wir etwas als äußerst geschmacklos und banal bezeichnen, so lachten wir

höhnisch: „Preziosa-Ouverture“. Das war der Nullpunkt der Musikalität.

-- Wir haben später unsere Ansichten mehr als einmal revidieren müssen.

Namentlich Adolf schwärmte dann für die einfachsten Formen, für Mozart

und Haydn. In diesen Bezirk konnte ich ihm nicht folgen. Ich gestehe,

daß mir noch heute von allen musikalischen Klassikern Weber der am

wenigsten zugängliche ist.

Unser Taschengeld sparten wir in einer kleinen Holzkassette. War sie

voll, so wurden aus diesem Schatz Sonaten für Klavier und Violine

gekauft. Die Klavierstimmen lagerten bei mir, die Violinstimmen bei

Adolf. Dieser gemeinsame Besitz an Viotti, Spohr, Vieuxtemps, Beethoven

u. a. war unser Freundschaftstolz. Einmal aber war schon Teilung

proponiert. Die Freundschaft sollte gekündigt werden, und zwar aus

„nationalen Gründen“. Der kleine Adolf wurde an einer tschechischen

Bürgerschule, ich im deutschen Gymnasium erzogen. Der chauvinistische

Geist der Schulen wirkte. So fühlte sich Adolf als fanatischer

Tscheche, ich als erbitterter Minoritätsdeutscher. Es kamen die

Dezemberkrawalle 1897, nach dem Sturz Badenis schlug der Pöbel allen

Deutschen und Juden die Fenster ein. Auch in meiner Elternwohnung

splitterten nachts die Scheiben, bebend flüchteten wir aus dem

gassenwärts gelegenen Kinderzimmer ins Schlafzimmer der Eltern. Ich

sehe noch, wie mein Vater die kleine Schwester aus dem Bett hebt --

und am Morgen lag wirklich im Bett ein großer Pflasterstein. Mit einem

Bügelbrett wurde das Hoffenster verbarrikadiert. Aber wir schlossen

kein Auge. Welche Beruhigung endlich für die ängstlichen Kinderherzen,

als der feste Schritt des Militärs draußen die Straße räumte ... Am

nächsten Morgen führte ich meinen Freund vor die verwüstete Fassade,

erzählte ihm alles, forderte ihn auf, angesichts dieser „Barbarei“

sein Tschechentum abzuschwören -- oder es sei alles aus zwischen uns.

Er gab aber nicht nach. Zum soundsovielten Mal kam es nur zu unserem

heißen Kindergespräch über Recht und Unrecht ... Nach vorübergehender

Abkühlung unserer Freundschaft scheint uns indes der gute Genius der

Musik bald wieder zusammengeführt zu haben.

Viele Jahre darauf merkten wir beide, obwohl in Häusern ohne

jüdische Tradition aufgewachsen, wohin wir gehörten. Von unsern

Kindheitsnationalismen blieb, uns beiden gemeinsam, die Liebe zur

deutschen wie zur tschechischen Musik; da gab es dann keinen Streit

mehr. -- Adolf Schreiber war völlig unpolitisch. An meinen kulturellen

Interessen (z. B. dem „Jüdischen Volksheim“ in Berlin) nahm er

einigen Anteil. Wie tief aber das Judentum in ihm saß, auch ohne

Wissensfundierung, entnehme ich jetzt bei Sichtung aller Erinnerungen

(zu meinem Erstaunen) einer alten Briefstelle: „Den Versöhnungstag habe

ich heuer das erstemal in meinem Leben -- menschenwürdig verbracht

-- ich habe über die Zerstörung des Tempels geweint. -- Muß das eine

furchtbare Katastrophe gewesen sein. -- Bei der Zerstörung ist jedem

persönlich ein Leid zugefügt worden, ein unerreichbares Ideal ist

vernichtet worden -- Männer und Frauen weinen auf der Straße -- können

kaum mehr gehen -- einer erzählt dem andern -- die Kinder schreien und

weinen, daß ihre Eltern nicht zu Hause sind -- daß sie nicht zu essen

bekommen, aber diese denken nicht an Speise und Trank -- sie fühlen nur

den Schmerz und Verlust -- alles vergißt zu essen, zu leben. -- Und wir

Elende -- was ist uns Hekuba -- wir feiern diesen Tag mit Fasten -- wir

entsagen der Speise -- bewußt -- hungern und dürsten -- wie bewußt!!!

und beten für +unser+ Wohlgedeihen.“ -- -- --

Schon die Tage der Kindheit schwächten meinen Freund durch allzu böse

Kämpfe. Er sollte Handwerker werden. Endlich setzte er es durch, ans

Konservatorium zu kommen. Zuerst in die Violinschule. Dann kostete

es wieder große Anstrengungen, in die Kapellmeisterklasse unter

Dvořák übernommen zu werden. -- Er plagte sich mit Violinstunden.

Eine Zeitlang war auch ich sein Schüler. Und da zeigte sich die andere

Seite seines Wesens. Er sekierte mich entsetzlich. Klavier hatte ich

leicht erlernt; mit dem Violinspiel ging es nicht vorwärts. Mit Grauen

denke ich an die erfolglosen unendlichen Lektionen zurück. Aus jeder

Kleinigkeit machte Adolf eine Affäre, über Hand- und Armstellung,

Bogenhaltung usf. kam man monatelang nicht hinaus, besonders

schmerzhafte Griffe mußten besonders oft wiederholt werden, bis alle

Gelenke krachten -- Niedersitzen, wenn die Beine zitterten, war nicht

erlaubt, nicht fünf Minuten der langen Stunde ließ er sich abhandeln,

gab lieber noch zu. Dabei immer dieses höflich-höhnische, geradezu

erfreute Lächeln im Gesicht des grausamen Lehrers. Spartaner gegen sich

selbst, war er es auch gegen andere. In konniventester Form folterte

er, und es war manchmal das Nebensächlichste, worauf er bestand. --

Er mochte dem Gotte der Kunst nur unter Qualen dienen. Man kann sich

vorstellen, wie das in seinen Provinz-Operetten-Ensembles gewirkt haben

mag.

Denn das ist ja die Tragik in seinem Leben: er, der Philisterhasser,

der glühend in sich verschlossene Verächter alles Mittelmäßigen

und Niedrigen, hochgespanntester Empfangsapparat für die äußersten

schwierigsten keusch-ernsthaftesten Wellenlängen der Kunst

und Kunstmoral, mußte Zeit seines Kapellmeister-Daseins der

+Operette+ dienen.

Hier ist der Ort, gegen einen der furchtbarsten sozialen Mißstände zu

protestieren, der tief ins Kunstleben eingreift. -- Ein Kapellmeister,

der vom Geld seiner Eltern lebt, kann als Volontär oder Korrepetitor

an eine große Opernbühne gehen, wo er dann allmählich zum Dirigenten

aufrückt oder wenigstens die Anwartschaft auf den Kapellmeisterstab

eines andern wesentlich künstlerischen Instituts erringt. Adolf

Schreiber war so arm, daß er vom Konservatorium weg ins Verdienen

mußte. Die mehrjährige Schonzeit war ihm versagt. Das erstbeste

Engagement an eine Schmiere war ihm recht, denn auch um dieses

hatte er lange genug zu kämpfen. Wer nun aber hofft, aus der für

Unbemittelte notgedrungenen Anfänger-Schmierenlaufbahn jemals in die

Sphäre erstrangiger Kunst sich emporarbeiten zu können, der irrt

ganz gewaltig! Adolf Schreiber war nun einmal bei den Theateragenten

als Operettenkapellmeister abgestempelt -- und so blieb er es sein

Leben lang, trotz verzweifelter Versuche, an ein kleines, aber

anständiges Stadttheater zu gelangen. Lebenslänglich verurteilt zur

Geschäftsbühne, zur Polyhymnia des Profits, nie vor eine vollwertige

Kunstaufgabe gestellt. Und das alles nur, weil das Geld fehlte, ein

paar minderbesoldete Saisons einzulegen. Deshalb also dirigierte Abend

für Abend der scheue Erdengast im „Theater des Westens“ den „fidelen

Bauer“ oder die „Dollarprinzessin“. -- O, wie die Schablone arbeitet,

die Diktatur des „Faches“, mag es noch so sehr wider Anlage und Willen

gewählt sein. -- Wie oft hat Schreiber den Versuch gemacht, aus dem

Bannkreis der Amüsiermusik auszuspringen! Ein würdigerer Arbeitskreis

hätte zweifellos manche seiner inneren Disharmonien geschlichtet. Wer

weiß, vielleicht wäre er im Opernstudium oder mit guter Symphoniemusik

beschäftigt, also in den oberen Rängen des Metiers, auch seiner

Selbst-Unzufriedenheit, seines Minderwertigkeitsgefühls Herr

geworden! Wie freute er sich, wenn er nur einmal dazukam, richtige

gesundgewachsene Partituren zu schlagen, sei es auch nur eine der

älteren Operetten (Suppé oder Millöcker, Strauß) mit ihrer immerhin

feineren Faktur, ihren wohlgebauten Ouvertüren und Finalesätzen,

mit welcher Gründlichkeit und Feuerkraft warf er sich auf die ihm

so seltene Aufgabe! Aber das waren nur vorüberfliegende Sterne. Der

Horizont, der ihn dann immer wieder einschloß, hieß: Vaudeville. Aus

dieser traurigen „Lustigkeit“ gab es für den so tödlich ernsten, fast

humorlosen Menschen kein Entrinnen.

Einmal lächelte das Glück. In Kronstadt sagte bei einer

Lohengrin-Aufführung der erste Kapellmeister ab. Ich zitiere (o armes

Dokument eines erfolglosen Lebens) die „Kronstädter Zeitung“:

„Der Aufführung des gewaltigen Wagnerwerkes ‚Lohengrin‘ sahen wir

gestern mit geteilten Gefühlen entgegen. Einesteils bangte uns davor,

ob wohl der Aufführung sich nicht so viele technische Schwierigkeiten

entgegenstellen werden, daß der Gesamteindruck erheblichen Schaden

leiden müsse, andernteils freuten wir uns auf die herrliche Musik.

Unser Bangen wuchs, als vor Beginn der Aufführung Herr Chlumetzky

vor die Rampe trat und dem Publikum mitteilte, Herr Kapellmeister

Heß sei plötzlich ziemlich schwer erkrankt und es werde der zweite

Kapellmeister Herr +Schreiber+ die Oper dirigieren. Es schien

uns, als hätte Herr Heß bei den Proben den Eindruck gewonnen, die

Oper gehe nicht und habe aus dem Grund die Leitung nicht übernommen.

Dann erschien Kapellmeister +Schreiber+ und siehe, schon nach

den ersten Takten des Orchesters kam eine Beruhigung über uns, wir

sahen, daß Herr +Schreiber+ mit Energie und Sicherheit den

Taktstock schwang. Und so blieb es bis zum Schluß. Wir müssen es

gestehen, daß uns die Aufführung förmlich überrascht hat. Es war

vielleicht die beste, die wir heuer gehabt haben usf.“

Daß der glückliche Zufall im Leben dieses Pechvogels keine weiteren

Konsequenzen gehabt hat, ist selbstverständlich. Nachzudrücken, wo

etwas nicht ganz von selbst ging: das verstand er nicht. Ich finde

in seinen nachgelassenen Papieren nur noch einige Theaterzettel

(„Hoffmanns Erzählungen“, „Figaros Hochzeit“), die ihn als

Operndirigenten zeigen. In eben diesem Nachlaß das Programm seines

Benefizabends im Stadttheater Bozen: es bringt das Vorspiel zu den

Meistersingern, eine Arie aus der „Entführung“, Balladen von Loewe und

Haydns Abschiedssymphonie. Eine lichtere Zeit verbrachte er an der

„Neuen Opernschule“ von Mary Hahn (Berlin). Unter seiner musikalischen

Leitung gab es Richard-Strauß-Abende, einen Wagner-Abend, Szenen aus

Glucks „Orpheus“. Wo er selbständig arbeiten konnte, bewährte er

sofort erlesenen Geschmack. Eine Saison lang war er Korrepetitor

am Deutschen Opernhaus in Charlottenburg. Künstler wie Hansen, die

Stolzenberg schätzten ihn sehr. Aber da er den ganzen Tag über Proben,

abends Bühnendienst hatte, von 100 Mark monatlich aber bei Verzicht

auf alle Nebeneinnahmen (Gesangsstunden) nicht leben konnte, mußte er

immer wieder Stellen von besser atembarer Musikatmosphäre aufgeben.

Volle Einnahmen brachte nur die Operette, ruhiges Aufdienen in bessere

Opernposten hätte zuviel Zeit beansprucht, so blieb es für Söhne

reicherer Häuser reserviert.

Mein unglücklicher Freund walzte so ziemlich über alle niederen

Kunststätten Deutschlands und Österreichs hin. Zuerst Linz, Tilsit,

Ingolstadt, Pilsen, Eger, Hermannstadt, Prager Sommertheater, Bozen,

-- dann Hamburg unter Direktor Monti -- 1906 zuerst im „Theater

des Westens“, dann unter Palfi im „Neuen Operettentheater“ am

Schiffbauerdamm -- die Odyssee einer Operettengesellschaft über Aachen,

Halle, Hannover u. a. -- dann Krankheitspause. Im Krieg sechs Wochen

lang Soldat, ja auch diese Tragikomödie fehlte nicht. Dann kam er

frei, zu Fronttheatern im Westen, wo er Lille, Cambrai, Valenciennes,

Longwy, später im Osten Minsk mit Foxtrott und Dreivierteltakt nebst

entsprechendem Bühnenvorgang zu beglücken hatte. Der Frieden brachte

ihm nur eine neue Tournee, Harz, Spandau, die kleinen Orte der Mark.

Die Truppe hatte nicht etwa ein Orchester mit sich. Überall spielte er

dasselbe Stück mit neuen Musikern, Dorfmusikanten oder Stadtkapelle.

Eine einzige Probe, dann die Vorstellung. Nach zwei, drei Tagen weiter

... Dazu also hatte eine schöne Jugend die geheimsten Herzsaiten zu den

wählerischesten Klängen sorgfältig gestimmt! Dies der Ausgang vieler

groß-hingebauter Pläne, unter Nachtwachen überwundener Hemmnisse,

Neugeburten. Unter der Last des ihm aufgezwungenen Schlendrians brach

er fast zusammen. -- Die letzte Anstellung war wieder bei Palfi, im

„Künstlertheater“. Doch davon später!

Ich blättere in deinen alten Briefen, mein Guter. -- Damals, als es

noch nicht klar war, daß dieser Ring sich unzerbrechlich schließen

würde um ihn, gab er sich auch der niederen Muse mit Straffheit und

Respekt hin. In einem schönen Brief erklärt er mir, wie auch eine

Schundoperette gut dirigiert werden könne, wie z. B. der Rhythmus

stets ins Absolute greife, wenn man ihn nur richtig herausbringt. Die

ganze Kraft der Jugendanfänge spricht aus solchen Theorien. Unglück,

Selbstanklage beschäftigte ihn auch damals schon genug, -- aber doch

immer wieder auch ein frischer Antrieb, ein heiter Sinnliches, das

später ganz fortfiel. Die Ferne war in schönem, perlenfarbigem Nebel

unendlich, Morgenlüfte wehten auf über dem Tau, -- am köstlichsten

wohl im Jahre des Pilsner Erlebnisses und der Wiener Tage. Ein oder

zwei Jahre darauf besuchte ich ihn in Berlin. Es muß um 1906 gewesen

sein. Wir hatten einander eine ganze Zeitlang nicht gesehen. Mein

erstes Buch war (unter lebhaftester Anteilnahme des Freundes) eben

erschienen. -- Da zeigte er mir seine ersten Lieder, sehnsüchtige

Erinnerungen an seine einzige große Liebe, an die „Rekonvaleszentin“,

an Wien. Diese Stunde war eines der markdurchdringenden, gleichsam

imprägnierenden Ereignisse meines Lebens. Damals fühlte ich, daß Adolf

Schreiber ein Genie ist. Ich habe an dieser Erkenntnis festgehalten

gegen alle Kohorten sogenannter „Sachverständigen“ und „Elitemenschen“,

ja gegen ihn selbst. Und ich werde an dieser Erkenntnis bis zu meinem

Tod festhalten, sie ist einfach ein Bestandstück meiner Seele,

unwiderlegbar. -- Die vorliegende erste Ausgabe Schreiberscher Lieder

wird mir überdies, das weiß ich, Bundesgenossen schaffen. -- Auch um

Gustav Mahler habe ich ja anfänglich völlig einsam gekämpft, bis zum

Krampf manchmal. Und wer kennt noch heute den großen Dänen-Musiker

Carl Nielsen, oder den säkularen Tschechen Janáček, dessen „Jenufa“

man einmal neben „Carmen“ und „Aida“ stellen wird! Wer kennt sie, auf

die ich seit Jahren hinweise! Aber die Welt ist taub, in ihrer Tücke

bringt sie sich selbst um die schönsten Genüsse! Das Erstaunliche dabei

ist ja nur, daß sie zu guter Letzt, nach einer Reihe von Jahren oder

Jahrzehnten doch immer noch von ihrer fallweisen Taubheit geheilt

wird ...

O die kleine Stube damals, das schwarze Leih-Pianino, -- wohin versank

die Nüchternheit des „Gartenhauses“, nackte Fassade hinter dem Hof

mit Staub-Grasbeeten, sauber chamotte-umrahmt! -- Schreiber spielte

die „Rekonvaleszentin“ nach Worten Peter Altenbergs. Süße Schauer

überjagten mich, ich brach in Tränen aus. -- Noch heute halte ich

dieses Lied für eines seiner Meisterstücke. Diese gut ausgelüfteten,

staubfreien Harmonien überall, -- spürte man nicht weißlackierte Möbel

des Krankenzimmers, linnengekleidete Schwester, ein Fenster groß,

offen, und weiche, klare, verzehrend-schmeichlerische Frühlingsluft ...

wie märzhaft jung bogen sich in jedem Takt, gleichsam ungewollt, zarte

Abweichungen vom Gewöhnlichen, alles so natürlich und doch neu, ohne

irgendwelche Exzessivität neu ... der fast sich von selbst ergebende

Fluß der Melodie, sprechend und gesungen zugleich ... und dann wie es

sich sammelte von den Worten an: „Ein Abglanz ihrer Leiden“ ... Die

beiden Takte von der „halbverwischten Kinderträne“ für sich allein

eine Intuition der allerhöchsten Art ... und wie es schloß, wie es

fiel und stieg. Wahrlich, wer von diesem Lied nicht hingerissen wird,

der weiß nichts vom Glück, nichts von den tiefsten Instinkten der

tönenden Welt. -- Das Lied gehört überdies zu den wenigen, die selbst

dem ungnädigen Schöpfer einige Zustimmung ablockten. Trotzdem brüllte

er mehr als einmal wilde Flüche, schwor, es zu vernichten. Da seine

Schaffenskraft erstorben sei, habe es keinen Zweck mehr, altes Zeug

aufzuheben. In seinem Nachlaß hat sich denn auch keine Abschrift dieses

Opus vorgefunden. Es existiert nur in dem einen Exemplar, das ich ihm

vor Jahren abgebettelt habe. -- Wohl aber fand ich unter Schreibers

Papieren einen Brief +Peter Altenbergs+, in der bekannten

Schul-Kurrentschrift, folgenden Inhalts:

„Sehr geehrter Herr, +Marya Delward+ wird, falls es Ihnen recht

ist, im Cabaret ‚Fledermaus‘, Eröffnung 1. Oktober, Ihre feine Sache

singen.

Ergebenst und dankend

Peter Altenberg.

·|· Selbstverständlich gestatte ich die Herausgabe meines Textes.“

Ob es zur Aufführung gekommen ist, weiß ich nicht. Eher nein als ja.

Alle derartigen Dinge pflegten für Schreiber fehlzuschlagen.

Es wäre sinnlos, die ganze ermüdende Reihe meiner Anstrengungen hier

anzuführen. Bei Verlegern, Sängerinnen, Konzertdirektionen, Kritikern,

Essaisten pochte ich an. Alles vergebens. Ärgerlich war nur, daß

Schreiber selbst mir manchmal im entscheidenden Moment in den Arm fiel,

einen wichtigen Weg nicht machte, den ich ihm von Prag nach Berlin

hinübertelegraphierte u. ä. -- Einmal war (ohne mein Dazutun diesmal)

eine Verbindung mit +Humperdinck+ hergestellt. Schreiber suchte

ihn endlich auf, er wollte Stunden nehmen. (Er behauptete immer,

technisch unausgebildet zu sein.) Humperdinck sah Schreibers Lieder

durch. „Sie brauchen keinen Unterricht,“ sagte er dann. (Ehrt ihn in

meinen Augen.) Dies war für Schreiber das Signal, überhaupt nicht mehr

hinzugehen. Trotz Aufforderung. Weil der Mann ihn gelobt hatte. Sich

unterstanden hatte, ihn, ihn zu loben ...

Dagegen fand er einen alten Schulfuchs, der ihn in „reinem Satz“ und

„strengem Kontrapunkt“ zu unterrichten begann. -- Wäre die Figur

Adolf Schreibers erfunden: diesen Gipfelpunkt der Selbstzerstörung

hätte kein Dichter erfinden können, es sei denn Shakespeare selbst

oder Dostojewski! Schreiber begann nämlich, unter der Anleitung des

trefflichen Lehrers, seine früheren Kompositionen zu „korrigieren“. Er

wütete gegen seine eigene Unberührtheit und Genialität. Nun hatte er ja

endlich einen gefunden, der im Einklang mit ihm alles, was geschaffen

vorlag, verurteilte. Schreiber hatte eine unbegrenzte Verehrung für

die Kritik dieses Mannes, den ich nicht kenne, der mir aber von

mehreren Seiten als Pedant der allerkonservativsten Schule geschildert

wird... So finden sich in allen Arbeiten Schreibers unzählige

Bleistiftkorrekturen. Ich habe, wo immer es anging, die ursprüngliche

Fassung gewählt und ich glaube, auch spätere Publikationen werden mehr

oder minder auf die ersten Niederschriften zurückgreifen müssen. Hier

ist freilich der „Textkritik“ eine nahezu unlösbare Aufgabe gestellt!

Adolf Schreiber hat meiner Ansicht nach die Leistungen seines

Lebensfrühlings in späteren Jahren nie wieder ganz erreicht. Ein

Talent, gegen das aus allen Leibes- und Seelenkräften gewütet wird,

kann nicht anders als degenerieren. Dennoch hat er ein reiches

Lebenswerk hinterlassen. Ganze Stöße dieser Kompositionen aus den

guten Jahren liegen vor. Nur des beschränkten Raumes wegen mußten

einige meiner Lieblinge in der gleichzeitig erscheinenden Liederauswahl

wegbleiben. Dazu kommt vieles aus späterer Zeit, das ich noch gar nicht

erschöpfend beurteilen kann. -- Zu seinen Lebzeiten wurde ein einziges

seiner Lieder gedruckt und zwar in der Prager Monatsschrift „Deutsche

Arbeit“. Es heißt „Unsere Gespräche“ (Text aus dem „Weg des Verliebten“

von mir). Diese Veröffentlichung ist Prof. Rietsch und Hans Effenberger

zu danken. -- Ein einziges Lied von so vielen, vielen unschätzbaren!

Ein Engagement in Pilsen scheint für Schreiber das entscheidende

Erlebnis gebracht zu haben, das dann noch in Eger und bei einem Besuch

in Wien ausschwang. Doch auch die Örtlichkeit „Bozen“ taucht in mir

auf. Der verklungene Name „Ferra“ ... Ich entsinne mich mancher

Andeutungen von einem stolzen Mädchen und einer glücklichen Liebe, wohl

der einzigen, die er erlebt hat, -- obwohl viele Frauen ihn mit Liebe

umgeben haben. Ja, es gab einigemal Frauen, die das Einzigartige dieses

Mannes instinktiv begriffen und ihn in Sorgfalt, in selbstlosester,

Peinigungen unzugänglicher Zärtlichkeit gehütet haben. Frauen waren

in dieser Hinsicht feinfühliger als Männer, Künstler-Kollegen. Aber

Hingabe, Bewunderung, Anbetung -- das war ja etwas, was Schreiber erst

recht nicht vertrug. So scheuchte er Seelen fort, die er angezogen

hatte. Es gab immer Unglück und Öde um ihn. Dann wieder verschmachtete

er vor Sehnsucht. -- Welchen seltsamen Umständen nun es zu verdanken

ist, daß gerade das Pilsener Erlebnis die richtige Balance von Stolz

der Frau und ihrer Hingabe, von negativer und positiver Elektrizität

besessen hat, -- das fühle ich nur noch irgendwo im Dämmern der

Erinnerung, Schreiber hat es mir wohl erzählt, nachformen kann ich’s

nicht. Dunkel entsinne ich mich, daß eine gefährliche Erkrankung

dieses Mädchens eine große Rolle gespielt hat. Ich kann es mir etwa so

denken: Aufopferung und Schutzgewährung war ja so richtig Schreibers

Element, am Krankenbett winkte eine seltene Kombination, wie er sie

brauchte, die Stellung des hingebungsvollen Pflegers, die zugleich

eine beherrschende wie dienende ist. In dieser Stimmung mögen seine

geheimsten Fähigkeiten hervorgebrochen sein, Gnade in seinem oft

versiegenden Leben. So entstand die unsterbliche „Rekonvaleszentin“

und die verwandte Ballade „Maibaum“, die er „Und Pfingsten rings

--“ nannte. Aber damit nicht genug. Eine Fröhlichkeit, ein üppiges

Quellen der Sinnlichkeit wie nie zuvor und nachher nie wieder, besaß

ihn in jener bergumhallten waldigen weichen Wiener Zeit. Ein Heft

sehnsüchtiger „Walzer“ für Klavier zeugt davon. Schreiber schickte

sie mir mit einem Brief voll Innigkeit für Wien, -- „unaussprechliche

Sehnsucht nach Wien, nach dem Leben, nach der Liebe -- und so bitte ich

Dich auch diese Walzer zu spielen, weich, zärtlich, kosend, gemüt- und

gesangvoll. -- Ich fühlte immer eine alte Erinnerung in mir aufleben

-- wie ich den Kopf an ihr Boa, das auf ihrer Brust lag, lehnend den

zarten weichen Druck fühlte, mit dem sie meinen Kopf an ihre Brust

preßte -- das ist der Inhalt!“ -- Zuerst glaubte er, Schnitzlers

„Reigen“ in Musik zu setzen (mit diesen Walzern), dann aber fand er das

Buch zu brutal, zu realistisch. -- Auch schuf er eine ganz neue Form:

„Gstanzeln“, kurze, oft nur zweizeilige Liedchen auf volkstümliche,

dialektische Texte. Er schrieb schnell nacheinander zwei solche Zyklen,

die in ihrem Reichtum, rhythmisch und harmonisch originell, dabei von

einleuchtender natürlicher Invention zu dem Besten gehören, was ich von

ihm kenne. Daß diese Zyklen bald populär geworden wären und dabei den

Beifall der Kenner erlangt hätten, scheint mir sicher. Aber Schreiber

verwarf sie später vollständig, erlaubte mir niemals, daß ich mich um

eine Aufführung gerade dieser aussichtsreichsten Arbeiten bemühte.

Ich kenne nicht den Namen des Mädchens, die meinem Freund so viel

gewesen ist. Ich weiß nicht, wie sie auseinander geraten sind, wohin

sie sich gewendet hat, wie ihr Leben in all den Jahren verlaufen

ist, ich weiß gar nichts von ihr. Vielleicht hat sie ihn vergessen.

Vielleicht ist sie tot. -- Sollte aber irgendwo in der weiten Welt

dieses Blatt zufällig in ihre Hand kommen, so nehme sie es ehrfürchtig

erschauernd wie einen Gruß des Toten, -- und meinen stillen Dank dazu

für den überirdischen Lichtstrahl, der ins dunkle Herz eines bitteren

Menschen gefallen ist. -- -- -- -- -- -- -- --

An den „Walzern“ Schreibers bemerkte ich zum erstenmal eine

Eigentümlichkeit seines musikalischen Stils: die Akkorde scheinen

manchmal unreif, nicht voll genug, oder plötzlich an Stellen, wo man

es nicht erwartet, stumpf. Doch gilt es hier, im Urteil vorsichtig zu

sein. Das sind nicht etwa Fehler. Sondern gerade solche scheinbare

Ungeschicklichkeiten geben dem Duktus, nimmt man ihn nur einigemale

durch (unerläßliche Bedingung!) und gewöhnt sich an seine Untiefen,

einen wunderbaren Zauber von Unberührtheit, Naivität. -- Ich würde

diese Behauptung nicht wagen, wäre Schreiber der einzige Komponist, für

den solche „scheinbare Ungeschicklichkeit“ charakteristisch ist. Daß

man mir ohnedies vorwerfen wird, ich sei von Freundesliebe verblendet,

weiß ich. Dies hier aber würde den Vorwurf allzusehr provozieren. Ich

dürfte es also nur denken und -- schwiege. Doch glücklicherweise findet

sich bei Berlioz ganz ebendieselbe Eigenheit. Man höre etwa den Chant

de bonheur (aus Lelio). Gleich der Übergang vom dritten zum vierten

Takt zeigt genau diese leichte Härte, die ich meine. Aber wer würde

solche Kristallkanten aus Berlioz wegwünschen! Gerade in ihnen ist er

ja gleichsam: Berlioz zur dritten Potenz. Sie zeigen sich eigentlich

überall in seinem Werk, offenbaren sich schamhaft, mit herbem

jungfräulichem Reiz. -- Der Banause tritt hin und streicht sie als

dilettantisch an. Ohren aus Nilpferdleder haben die Leute! -- Um noch

präziser zu sagen, worauf es hier ankommt: im 47. Takt desselben Chant

de bonheur, bei der Sequenz auf das Wort „viens“ erwartet man in den

Sechzehntelfiguren der Begleitung kein d, sondern ein e. So steht es

auch im Vorspiel und Nachspiel. Hier aber -- eigensinnigerweise -- ein

kindliches schulfibelhaftes d. Man könnte es fast für einen Druckfehler

halten. Und es geht ja im Moment vorbei. Aber ein Duftmolekül aus dem

Paradies ist mit vorbeigefedert. Diese Duftsprühtropfen liegen überall

auf den Blütenblättern Berliozscher wie Schreiberscher Musik. Das

ist ja keine große Sache. Unsere Zeit ist an derbere Bekundung von

Eigenarten gewöhnt. Keine große Sache, -- es ist nur das, was eben das

wunderbare und geheime Wesen aller wahrhaftigen erlebnisnotwendigen

Kunst ausmacht. Aber abgesehen davon ist es wirklich nicht der Rede

wert.

Heute wird man einer Künstler-Eigenart erst gewahr, wenn sie sechsfach

unterstrichen, wenn sie außerdem als deutliche Etikette oben

aufgepappt, hundertmal wiederholt und dem starblindesten Kritikerauge

sichtbar wird. Der Künstler, der nicht in zehn Büchern immer wieder

denselben einleuchtenden Grundeinfall vorkaut, hat keinen Stil, sein

Profil verschwimmt im Nebel der Redaktionen. Tagore: ein Inder, da habt

ihr was, daran könnt ihr euch anhalten, Weisheit des Ostens, milde

Weisheit des Ostens, -- aus diesem Brocken kann auch der mittelmäßigste

Kopf einen Essai saugen, auf die intimere Verflechtung und Entwicklung

des Autors pfeift er, Etikette genügt. Welch erschütternde „Wahrheit“

hat nicht Sternheim entdeckt: Die Welt wird immer materialistischer,

Berlin voran, statt Persönlichkeitswerten gilt nur die Quantität,

-- eine Erkenntnis, bei der freilich ganze Bibliotheken von

Autoren aller Gattungen (Lyrik bis Nationalökonomie) vorgearbeitet

haben. Aber faßlich, unkompliziert schimmert sie, dem philiströsen

Anti-Bourgeois erfreulich, durch hübsche Sprachvertracktheit hindurch.

Ohne eine solche Marke ist Erfolg unmöglich. Mit Marke versehen hat

mißverständlicherweise sogar gute Qualität manchmal Erfolg.

Adolf Schreiber hätte sich wohl nie zur Marke entwickelt. -- Rufe

ich mir seine Figur auf, -- dunkle Augen unter hoher breitwölbiger

Stirn, das blasse kindlich-runde Gesicht, rettungslos traurig oder

hastig, verlegen lächelnd, den wie in Sturmwinde verlorenen, eilig

hingeblasenen Gang, den hohen mageren Körper, die enthusiastische

Sprache, voll von Stößen und Fragen --, so erscheint er mir wie der

Genius der Ehrlichkeit, ausgestoßen aus dem wohnlichen Umkreis der

Menschen. Und das wird immer so sein. Nur Zufall oder die Gnade Gottes

kann einmal ein Menschenkind, mit so viel Reinheit gesegnet, dem

Untergang entreißen. Beten wir für die arme Seele der Menschheit! --

Es ist das Beschämende unseres Kunstlebens, daß nicht der

lebenspendende Einfall, organisch entstanden und organisch

weiterwachsend, der zarte Einfall, der Berge versetzt, weil er

wahrhaftig aus einem übernatürlichen Erlebnis stammt, von Kritik

und eiligen „Kunstgenießern“ gefühlt wird (die sogenannten

„Edelfeuilletonisten“ miteingeschlossen) -- sondern beliebt ist

+das möglichst banale Grundmotiv+ in +möglichst outrierter

Aufmachung+. Gegen die Outrance als solche sage ich nichts. Auch

sie kann (ist es bei Schönberg) göttliche Herzbewegung sein. Aber

die herzlose Outrance, die Outrance, die das Allerhergebrachteste,

den kalten Braten von vorgestern deckt, -- sie ist die Feindin der

Kunst. Gebt mir einen richtigen Kunstverständigen! Daran will ich

ihn erkennen, daß er an dem aus Wahrheit entsprungenen Einfall

sich unlösbar festhakt, einerlei, ob es ein unscheinbarer, ins

Gebüsch springender Mimikry-Einfall ist oder ein Einfall in krasser

Plakatfarbe, plutzetoll. Auf beide Arten göttlicher Offenbarung

reagiert gleicherweise der richtige Rezeptor. Und er weiß auch, daß

die Physiognomie eines Wachsenden gewissen Veränderungen ausgesetzt

sein muß. Aber er entlarvt a tempo den „scriptorem unius libri“, soll

heißen: den Mann der Zeit, der dasselbe Buch hundertmal hintereinander

schreibt, bis ihn die Kritikerzunft bei der neunzigsten Wiederholung

desselben aufdringlich und auffallend herausgeputzten Fadismus endlich

als „Charakter“, als „Individualität“ zu bemerken nicht umhin kann. --

Will man sich zu Schreibers Liedern historisch einstellen, so vergesse

man nicht, daß alle in der gleichzeitig erscheinenden Sammlung*)

veröffentlichten (außer „Tanz der Unsterblichen“ und „Das Huhn“) aus

seiner Frühzeit stammen, in der von Einflüssen Schönbergs, Debussys

nicht die Rede sein konnte. -- Die Einfachheit vieler Schreiberscher

Konzeptionen ist aber, das wird man sofort merken, weit entfernt von

irgendeiner Schablone der Spätromantik, irgendeiner Schulkunst. In

jedem Takt ist eigenes Leben, oft nur durch feinnervige Abweichung vom

erwarteten Akkord kenntlich, oft energisch neuer Biegung hingereckt

(vgl. „Nach Catullus“ z. B. Takt 10–14, 23–25 und anderwärts).

Absichtlich habe ich zwei der einfachsten Lieder („Wiegenlied“ und

„Minnelied“) in diese Sammlung aufgenommen; nicht nur weil ihr Melos

und ihre Harmonik unvergeßlich tönt, Erfindungen ein für allemal,

wie seit jeher dagewesen und nur durch Zufall jetzt erst zu unserer

Kenntnis gelangt (so ist das Gefühl, das jede große Musik erzeugt)

-- sondern weil gerade im einfachsten Material der neue Einfall am

prätentionslosesten, am schönsten hervortritt. Man höre nur die Töne

„zieht ein Traum“, „kräht ein Hahn“, die Schlußworte des Wiegenliedes,

die akkordische Unruhe in „schlafe nicht ein“, die tiefe Innigkeit

„lieb von Herzen sein“, das völlig hilflos, völlig primitiv liniierte

„Ich werde sterben“ und die Gesangskurve, die danach aufgeht und hinab.

Oder hat man die Holzschnittfarbe der „Fastnacht“, den zweistimmig

geschnitzten Ländler und entzückendes Gespräch und klassisches,

formkräftiges Regengemälde je zuvor erlebt? Hier wie in dem Zyklus nach

+Christian Morgenstern+ leuchtet überdies ein Humor durch, wie ihn

der Mensch Adolf Schreiber kaum je zeigte. Über „Das Huhn“ ist nichts

zu reden, es wird bald sehr berühmt sein und auf den ganzen Zyklus

neugierig machen. Wie bei den Worten „daß ihm unsre Sympathie gehört“

gleichsam ein ganzer Männergesangverein losbricht: genial, genial! Und

als ich die Ballade „Trotzköpfe“ Professor +Oskar Bie+ vorspielte,

wunderte er sich, daß eine so intuitive Dramatik nicht längst in allen

Konzertsälen erklungen sei. Kann man sich ein dankbareres Vortragsstück

denken! (Die anderen Vorzüge will ich gar nicht besonders hervorheben,

die wundervolle Variations- und Rondoform u. ä.) -- Dieselbe Dramatik

in dem tieferschütternden „Maibaum“. Wie haben mich die Nonen und

Dezimen seines „Sensenschnittes“ zittern lassen -- die melodische

Linie, die sich zum Schlusse wiederholt -- oder die aus unnennbarer,

ganz dunkler Tiefe des Erlebnisses hervorgestammelten Worte: „und wenn

du mich verläßt“. -- --

*) vgl. Seite 79.

Über die drei Lieder nach +Liliencron+-Texten liegt ein Brief des

Dichters vor. Ich führe ihn hier vollständig an. Er ist für Liliencron

wie für Schreiber charakteristisch. Schreiber hatte sich mehrere

Freiheiten erlaubt, Zeilen weggelassen, den Titel geändert. Er war in

dieser Hinsicht wie in manch anderer höchst eigenwillig, Synthese von

Adoration und Herrschsucht. So z. B. beharrte er darauf, zwei Zeilen

in Liliencrons „Trotzköpfchen“ folgendermaßen lauten zu lassen: „Such

dir ein ander Schätzchen wo, die wird durch deinen Reichtum +roh+“

... statt „froh“, wie der Dichter geschrieben hatte. Ich stritt mit

ihm öfters dieser „Emendation“ wegen und schließlich scheint er sie

dem Dichter doch nicht vorzuschlagen gewagt haben. Aber im Manuskript

hielt er natürlich eisern fest an ihr. -- Einmal zeigte er mir einen

sehr groben Brief von Bierbaum, der kurzerhand die Veröffentlichung

eines ein wenig „geänderten“ Gesangstextes verbot. Der arme

Schreiber! Es wäre ja vermutlich ohnedies nicht zur Veröffentlichung

gekommen. Schreiber aber war damals wochenlang tiefbetrübt. -- Der

lebenstrahlende Baron hingegen antwortete wie folgt:

„Alt-Rahlstedt bei Hamburg, 11. 8. 7.

Hochgeehrter Herr Capellmeister,

Herzlichen Dank für Ihre drei herrlichen Lieder. Eben spielte

Georg Kugelberg, unser großer Claviermeister, die Begleitung.

Das erste wurde von den Zuhörern -- es ist die 97. Composition

meines Wiegenliedes -- unendlich hoch aufgenommen. Aber ich fand

„Trotzköpfe“, das soviel ich weiß noch nicht componiert ist,

+außerordentlich charakteristisch+. Und habe über Ihre Musik

gejubelt!

Nun aber der Maibaum. Ich halte gerade die Str., die Sie weglassen

wollen, für die besten. Und namentlich denke ich mir die Zeile: „Ein

Wasser schwatzt sich selig durchs Gelände“ als besonders wertvoll für

den -- Componisten. Den Namen „Der Maibaum“ geb ich nicht her. Oder

ich würde nur dann den Titel „Und Pfingsten rings“ erlauben, wenn

Sie unten auf der Seite die breite Erklärung geben würden, weshalb

Sie den Titel geändert und die vier Strophen weggelassen haben. Der

gute Brahms hat zwei Gedichte von mir componiert. Das eine, bekannte,

vorzüglich. Beim andern, das nichts taugt (was er übrigens selbst

zugegeben hat), hat er ganz einfach den Titel geändert. Ich nenne es:

Tiefe Sehnsucht. Und er hat ihm den albernen Titel: Maienkätzchen

gegeben, ohne mich zu fragen -- das kann ich ihm auch nach seinem

Tode niemals vergessen. Herzlichen Dank nochmals für Ihre wundervolle

Musik.

Ein Wandsbecker (Baisamburg?) Lehrer am Matthias Claudius-Gymnasium

wird sich erlauben, Ihnen nach etwa 8 Wochen eine kleine komische

Oper oder Operette: Till Eulenspiegel vorzulegen. Er heißt Hugo

Ritter.

Ihr ergebenster

Detlev Baron Liliencron“.

* * * * *

Wie als Kapellmeister konnte sich Schreiber in siebenunddreißigjährigem

Leben auch als Komponist nicht einmal eines Anfangserfolges rühmen.

+Kurt Hiller+ wollte Lieder von ihm im „neopathetischen Kabarett“

herausbringen. Im letzten Moment sagt der Sänger ab. „Erleichtert habe

ich aufgeatmet“ schreibt mir Adolf. So stand er sich selbst im Wege,

zumindest mit Gedanken und selbsthasserischem Wunsch. -- +Herwarth

Walden+ kümmert sich um ihn, nützt ihn aber nur auf eine Art aus,

die hier zu benennen mir widerstrebt. -- Ein Lübecker Abend bleibt

ohne Folgen. -- Gegen das Ende hin veranstaltete die unendlich

gütige +Auguste Hauschner+ mühevoll werbend ein Konzert seiner

Lieder nach Christian Morgenstern. Es war das erstemal, daß er vor

erstklassige, gut eingeladene, wesentliche Öffentlichkeit kam. (Wenn

durch nichts anderes sollte Adolf Schreiber dadurch berühmt werden, daß

er es verstanden hat, vierzehn Jahre in Berlin zu leben, in engster

Fühlung mit Künstler- und Theaterkreisen, und doch völlig unbekannt

zu bleiben.) -- Selbstverständlich stand das Konzert unter einem

ungünstigen Stern. Zuerst rezitierte Resi Langer, wie immer mit großem

Erfolg. Die berühmte Sängerin aber (ihr Name sei verschwiegen) soll nur

wenige Noten so gesungen haben, wie der Komponist in unerklärlichem

Eigendünkel sie festgesetzt hatte. Im übrigen begnügte sie sich

mit Improvisationen. Der Begleiter spielte den delikaten, überaus

schwierigen Klavierpart -- vom Blatt. Hier erkenne ich übrigens die

Unglückshand meines armen Freundes: statt seine Schmierentournee laufen

zu lassen, Urlaub für acht Tage zu nehmen und den entscheidenden Abend

vorzubereiten, kam er erst am Vortage nach Berlin, schickte den Mann,

der die Lieder bis dahin einstudiert hatte, als untauglich weg (am

Vorabend des Konzertes), zerzankte sich mit der Diva usf. -- Der Abend

soll einem peinlichen Skandal nicht unähnlich geendet haben. Die Diva

eilte auch schon zu ihrem zweiten Auftreten anderorts, an demselben

Abend. Betrieb, Betrieb! Die Dame weiß wahrscheinlich bis heute nicht,

daß auf diese Art die letzte Chance für einen großen Künstler unter

ihrer freundlichen Mitwirkung verlorengegangen ist. -- Seltsamerweise

äußerte sich die Kritik nicht ganz ungünstig über die gehörten Fetzen

und Fragmente. „Berliner Tageblatt“ und „Börsencourier“ stellten

Individualität fest. Daß nun jemand Interesse am Individuum dieser

Individualität genommen und Schreiber „entdeckt“ hätte -- das kann man

vermutlich auf dieser Welt nicht verlangen.

Kein Zweifel, daß die Hartnäckigkeit der Mißerfolge Schreibers Herz

ermüdet hat, -- obwohl er nach außen hin diese Mißerfolge als gerechtes

Los eines Nichtkönners hinzustellen eifrig bemüht war.

Doch das Wesentliche war das noch nicht. -- Ich sehe die Briefe

durch, die Schreiber im Laufe der zwei Jahrzehnte mir geschickt

hat ... Nebenbei bemerkt: Diese Briefe sind in ihrer herrlichen

Ursprünglichkeit große Dokumente einer Menschenseele. Auch sie

sollten einmal veröffentlicht werden. Aber ist das möglich? Nur ein

Faksimile könnte sie wiedergeben. Denn die seltsam charakteristische

+Raumverteilung+ gehört mit zu ihrem Inhalt. Alle sind gleichsam

mit stürmender Hand hingeworfen, ohne Rücksicht auf Zeile und

Gleichmaß; bald bedeckt ein einzelnes wichtiges Wort, ein schallender

Ausruf die halbe Seite, bald stehen kleine Sätze über die Fläche

hingestreut oder ein Initial, ein Endbuchstabe wächst zu gigantischer

Form, bald drängen sich die Worte eng, wie vor Angst zusammen, bald

simulieren sie kälteste Kalligraphie, bald fallen sie ineinandergewirrt

aus jeder Regel, die vielen Gedankenstriche als einzige Gliederung, mit

Rufzeichen wie mit Girlanden umsteckt. Jede solche Briefseite gibt auf

den ersten Anblick die Stimmung wieder, in der sie hingehaut worden

ist. -- In einem der kostbaren Schriftstücke fand ich den Satz, den ich

an die Spitze dieser Erinnerungen setze. Ich zitiere hier den ganzen

Brief:

„Gott sei Dank.

Soeben habe ich in einem Zug

Möchte rollend das Blut aller Verliebten sein (komponiert?) Gott sei

Dank -- seit gestern Abend war ich in einer Aufregung u. wußte nicht

was es sei -- heute schlug ich zufällig dieses Gedicht auf Ich bin

aber auch schon seit Deiner Abreise so gequält u. gemartert daß man

mit den Qualen ein Menschenleben erfüllen könnte

Ich liebe wahnsinnig

werde auch geliebt

und trotzdem keine Ruhe keine Rast ich weiß nicht mehr was ich soll

was ich tun soll das Leben zu ertragen Es ist leichter Glut zu sein

als Mensch und zu glühen

Und dieser Flaubert dazu dieser Mensch der mich zum Wahnsinn bringt

Dieser Heilige Antonius ist lichtes Feuer -- brennendes sengendes

Feuer -- das ist ein Buch Sehnsucht nichts als Sehnsucht ich glaube

kaum daß er ohne Brandwunden das Buch zu Ende geschrieben hat -- ich

kann das Buch nicht in den (Händen?) halten -- der ich es nur lese

Er hat es geschrieben

Wird man das je in Musik sagen können -- ? --

Mein Lied trägt nur 2 Bemerkungen

Zu Anfang -- +rasend+

Die letzte Zeile

+Andante+“

Heute, wenn ich alles überblicke, scheint mir der innere Motor von

Schreibers Kunst und Leben: eine schwelgerische Sinnlichkeit, dabei

dem Tierischen und Gemeinen abhold. Alle Nerven vibrierend von Eros,

dem aber gleichzeitig Liebe stets etwas Fernes, Geistiges, unendlich

Zartes bedeutet. „Von dem Rosenbusch, o Mutter, von den Rosen komm

ich.“ Grazie, Homophonie. Denkt man dabei nun etwa an „Filigranarbeit“,

so ist man wiederum auf falscher Spur. Denn Leidenschaft durchzuckte

dieses Süße, Fein-Nervöse, niemals gab es Schonung, niemals

Ausbastelung eines Schnitzwerks unter dem Glassturz; sondern Innigkeit

vor allem, fern jedem Intellektualismus, das einfache Gefühl wie aus

Volksliedern, brausender Strom des Lebens, selbstvergessene Hingabe

durchdrang verworrenes Goldfadengespinst. -- Aber verständlich ist

es, daß er, der Lebenssüchtige, sich so brüsk vom Leben absperrte

(und vielleicht war auch seine Ungeschicklichkeit nur verkleidete

Brüskierung der Welt). Er stellte nämlich so hohe Forderungen an

das Reale, daß sie nicht honoriert werden konnten oder nur in ganz

außergewöhnlicher Konstellation, -- das Leben sollte lieblich sein

und doch auch heroisch-wild, rasend vor natürlichem Blutschwall und

gleichzeitig kalt und tugendrein wie das forschende Lichtauge des

Gelehrten. Als Mensch wie als Künstler blieb er stets auf nahezu

Unmögliches angewiesen; da er dies wohl fühlen mußte, verdoppelte er

seine Wut und Verachtung des Möglichen, Durchschnittlichen. Daher hat

er auch sich selbst immer mißtrauisch beobachtet, gehaßt, verworfen.

Um so wilder brach freilich manchmal sein Lebenswille aus, und

geschah es unter glücklichem Stern, so mochte es wohl Küsse geben

oder entsprangen Akkordfolgen, die selbst für dies qualvolle Leben

entschädigten. -- Seine Liebesfreude, seine Regungen zu Leichtigkeit

und Leichtsinn hin klingen bezaubernd aus den Liedern, schmal

schwingendes Blendlicht vor Nachttapeten des Todes. --

* * * * *

Mein Freund hat in der Ehe kein Glück gefunden. Seine Gattin war

stets redlich um ihn bemüht geblieben, im Sommer 1920 aber wurde die

Krise unvermeidlich. Schreiber verließ seine Wohnung, jedoch nicht

etwa in Unfrieden. Er gab dort noch öfters seine Lektionen, sprach

freundschaftlich mit der Frau, so oft sie einander trafen. Er wohnte

bei Bekannten, schließlich nahm er ein Zimmer für sich. In der Wahl

seiner Geliebten, um deretwillen er von seiner Frau (nach langen

inneren Kämpfen) weggegangen war, scheint er ebenso unglücklich gewesen

zu sein wie in allen anderen Dingen. Diese Freundin kümmerte sich bald

nicht mehr um ihn, sie ließ ihn, um den sich in besseren Zeiten so

viele Frauen heiß beworben hatten, einfach untergehen, überließ ihn

sich selbst und seiner totalen Unfähigkeit, die Dinge des praktischen

Alltags, in Nachkriegs-Berlin doppelt schwierig, zu bewältigen.

Verwahrlosung, körperliche Schwäche, schlechte Ernährung haben denn

auch daran mitgewirkt, die latente Melancholie seiner Seele zur

Entladung zu bringen.

Juli und Anfang August 1920 verbrachte er im schönen

Kurfürstendamm-Heim seines skandinavischen Freundes, Herrn Jens

Gjerlöw, dessen Gesangslehrer er war. Unter der Adresse des Herrn

Gjerlöw hat er auch noch meinen letzten Brief erhalten, in dem ich

ihm meinen Besuch für November ansagte. Ich stellte es mir als einen

Hauptzweck dieser Berliner Reise vor, in seine immer verworreneren

Angelegenheiten einige Ordnung zu bringen. -- Daß ich seinen Nachlaß

würde ordnen müssen, träumte mir nicht. Und doch empfand ich seltsame

Unruhe. Adolf antwortete nicht. Bis dahin war ja unsere Korrespondenz

eine ziemlich regelmäßige geblieben. Eines Morgens erwachte ich mit

dem festen Entschlusse: Ich muß nochmals schreiben, nachfragen.

Gerade äußerte ich, daß Adolfs ganz ungewohntes Stillschweigen mich

beunruhige, da hören wir (in eben demselben Moment) ein Papier in den

Briefkasten fallen. Es war das Telegramm, das seinen Tod meldete ...

Die Gründe seines Selbstmords sind dunkel. Keine Zeile hat er

hinterlassen. Wie weit die unaufhörlichen Enttäuschungen, die

Energieschwächungen aller Art, an diesem Ende beteiligt sein mögen,

-- wer könnte das enträtseln. Offen zutage aber liegt wo nicht

die Ursache, so doch das letzte Motiv. Was hat sozusagen dem Faß

den Boden ausgeschlagen? Eine häßliche Theateraffäre. O unsäglich

traurig, in diesen Dingen zu wühlen, wo schuldlos-schuldig Mensch

gegen Mitmensch steht. -- Schreiber war zuletzt als Kapellmeister

am „Künstlertheater“ (Nürnberger Straße) engagiert. Unter Direktor

Palfi, mit dem er auch früher einmal schon jahrelang gearbeitet

hatte und der ihn als gewissenhaften, schließlich auch schon nolens

volens routinierten Operettenkapellmeister schätzen mußte. Schreiber

leitete alle Proben für die neue Operette, mit der die Saison eröffnet

werden sollte. Da er, wie schon erwähnt, musikalische Einzelheiten

auch niederer Kunstgattungen ungewöhnlich wichtig nahm und eine

reichliche Portion Eigensinn besaß, scheint es ohne den üblichen

Kulissenzank nicht abgegangen zu sein. Doch nicht dies war der Grund

dafür, daß ihm plötzlich, ganz unvermutet bei der Generalprobe die

Partitur abgefordert wurde. Vielmehr ergab es sich aus dem an Berliner

Bühnen eingebürgerten Verleihsystem: Die Premiere mußte von einem

„bekannten Namen“ dirigiert werden. Mein Freund sollte nur die Plage

des Einstudierens und die späteren, von niemandem bemerkten Reprisen

haben. In normaler Gefühlslage hätte er diese Kränkung weggelacht,

zu den übrigen gelegt. Diesmal (vielleicht war gerade das Maß voll)

gab es ihm den Rest. -- Über das Weitere orientiert der nachfolgende

Brief, der auch seinem Verfasser, Herrn Gjerlöw, das schönste Zeugnis

edlen Menschentums ausstellt. Wie rein hebt es sich von dem empörenden

Kaltsinn ab, den die Theaterleute auch noch nach der Katastrophe

bewiesen haben. Fünf Tage lang konnte die Witwe keine Auskunft von

ihnen erhalten, obwohl die Tasche des Vermißten noch am Unglückstage

selbst im Grunewald, am Wasser gefunden worden war. Hier ist allerdings

eine Vollendung Berlinerischer Organisation und Zeiteinteilung

erreicht, bei der das Herz erstarrt! --

Als ich dann im Dezember nach Berlin kam, sah ich noch an allen

Litfaßsäulen die tödliche Operette angezeigt. Ihr Titel: „Die

Scheidungsreise“ -- fiel mich symbolhaft an. Sie soll einen großen

Erfolg gehabt haben. Einer hatte sie einstudiert, -- der faulte im

Wasser.

Der Brief des Norwegers, vom 14. September, lautet:

„Ich werde Ihnen berichten, was ich weiß über Adolf Schreibers letzte

Tage.

Ich hatte ihn -- mit Mühe -- dazu gebracht, daß er in meiner Wohnung

lebte, die Zeit, die ich verreist war. Ich kam Sonnabend, 14. August,

zurück, fand hier eine Karte für ihn, die ich ihm Sonntag vormittag

in seine neue Wohnung brachte. Ich sah ihn schon auf der Straße, wie

er daherkam, zerstreut um sich blickend -- für mich ein rührender,

doch auch trauriger Anblick -- ich rief ihn an, und er meinte, es

wäre schön, daß ich mich um ihn kümmerte. Wir gingen auf sein Zimmer

(Friedbergstraße 4) und ich gab ihm die Karte (von Frl. M., seiner

‚Liebe‘). Er sagte, das wäre das erste Lebenszeichen seit drei Wochen.

Wir sprachen weiter von diesem ‚Fall‘ -- und er sagte, es wäre ihm

unverständlich, wie ein Mensch, von dem er doch gesehen hatte, wie er

sich unter seinem Einfluß änderte (und insofern wohl auch besserte)

im selben Moment, wo sie nicht mehr zusammen waren, dies alles quasi

abstreifte. -- Dazu ich: Das wäre mir leider sehr wohl verständlich --

Menschen mit 40 Jahren, und dazu Theatermenschen, sind wohl überhaupt

nicht mehr zu ändern, jedenfalls nicht par distance. Ja, dann wollte

er nicht mehr leben -- wenn er nicht einen einzigen Menschen halten

konnte -- dann hatte er in allem verspielt. Dazu ich: es wäre doch ein

Unsinn, sein Leben davon abhängig zu machen, ob man einem ixbeliebigen

Menschen, den man noch dazu nicht in der Nähe habe, sozusagen neuformen

könnte oder nicht. -- Das wäre überhaupt eine ziemlich unbescheidene

Forderung, -- er sollte lieber schauen, daß er mit seinem eigenen Leben

besser fortkäme und lieber zu Helene zurückkehren. -- Diese Liebe

brachte ihn ganz auf den Hund. Er konnte als Korrepetitor sehr vielen

Menschen nützlich sein und dabei auch viel Geld verdienen -- aber diese

Liebe brachte ihn auch in seiner Arbeit herunter.

Nun, wir sprachen noch viel -- ich lud ihn zu Mittag ein, was er wie

immer nicht annehmen wollte. Dafür kam er zum Tee nachmittags -- wir

sprachen wieder hin und her -- und wenn ich jetzt alles zusammenfasse,

glaube ich, daß Adolf, dieses reine Kind in puncto: Frauen --

vielleicht zum erstenmal eine Frau erotisch liebte --, und zwar eine

Frau, die ihm weder menschlich gleichwertig war noch überhaupt verwandt

.................

Helene sagte mir, daß er diese Frau früher gehaßt und verachtet habe.

Mirabile dictu.

In der folgenden Zeit kam er öfters nachmittags zu mir zum Begleiten,

war aber meistens gedrückter Stimmung. Er wurde dann engagiert, als

Kapellmeister im Künstlertheater vom 1. September, von Regisseur Palfi.

Dies half -- vor allem wohl, weil er hoffte, Frl. M. dort als Soubrette

anbringen zu können.

Er hatte nun viel zu tun mit den Proben im Theater, und ich war etwas

krank, aber auch beruhigt, daß er sich durch diese neue Anstellung

und Arbeit wieder neuen Mut holen würde, so daß ich mich einige Tage

nicht um ihn kümmerte. Er rief ein paarmal an, daß er nächstens kommen

würde. --

Freitag, 3. September, morgens sah ich in der Zeitung, daß ein Dr.

Günther dirigiert hatte und rief gleich bei Helene an, wie das käme.

Sie wußte von nichts. Adolf wäre seit Dienstag nicht bei ihr gewesen --

und selbst hat sie ihn seit Montag nicht gesprochen.

Ich ging dann gleich in seine Wohnung (Friedbergstraße 4). Da war er

nicht gewesen seit Mittwoch früh. Soweit ich dann habe feststellen

können, ist er Mittwoch ins Theater, wo er schon viel Krach gehabt --

mit Komponist Hirsch und Palfi -- hier hat er den neuen Kapellmeister

Günther, ‚der die ersten Vorstellungen leiten sollte‘, vorgefunden.

Dieser, ein guter Bekannter von ihm, war peinlich berührt, er wäre aber

gerufen worden. ‚Selbstverständlich dirigieren Sie, ich aber komme

nicht wieder‘. -- Davon ist er wohl gleich nach Wannsee gefahren; seine

Uhr ist im Wasser 12⁵⁵ stehengeblieben. --

In seiner Wohnung habe ich gleich nach dem Theater telephoniert, sie

haben mir aber jede Auskunft verweigert. Helene haben sie höflich

geantwortet, sie wüßten nichts -- dabei ist seine Mappe Mittwoch

am Wasser gefunden worden, und weil ein Brief drinnen war an Herrn

Komponisten Hirsch, hat der Finder dort Donnerstag angerufen. Dies hat

Frau Schreiber erst Montag erfahren, dadurch, daß sie persönlich ins

Theater ging. Sonnabend bin ich weggefahren -- Montag abend zurück --

Dienstag morgens sagte mir Helene von dem Fund der Tasche. Sie ging

dann zur Polizei, wo ich schon Freitag gewesen bin. Mittwoch mußte sie

nach Wannsee zur Gendarmeriestation, um anzuzeigen -- und bat mich,

mitzufahren. Auf der Station kein Gendarm. Wir sind allein dorthin, wo

die Tasche gefunden wurde. Hier habe ich ihn im Schilf gesehen, aber

nichts gesagt, -- Helene war schon so zu aufgeregt. -- Ich habe sie

dann wieder nach Hause gebracht -- habe mir ein Handtuch geholt und bin

wieder hinausgefahren.

Da lag unser Adolf auf der Brust im Wasser -- ich habe ihn hereingeholt

-- da war er genau eine Woche im Wasser gewesen --

Wir haben nun alles geordnet mit der Polizei usw. und morgen den 15.

Septbr. wird er auf dem Jüdischen Friedhof begraben, früh um 10¼.

Er hat nichts schriftliches hinterlassen -- auch kein Testament. So ist

unser Adolf aus dieser Welt gegangen; wo er sich nicht zurechtfinden

konnte. Er ist von selbst gegangen -- aber Gott, der alles weiß --

wird schon wissen warum -- und dieses Kind, das nichts war als Güte

und Liebe, an sein Vaterherz drücken. -- Ein norwegisches Sterbelied,

das wir hier gesungen und das er abgeschrieben, hatte er bei sich in

der Brieftasche. -- Es heißt da -- „Besser kann ich nicht fahren als

zu meinem Gott -- besser kann ich nicht antworten, wenn der Tod mir

Botschaft schickt, als daß ich bin wohlbereit und will gerne folgen“.

Und zuletzt -- „Denn Gottes Wohnung hat Frieden in allem Überfluß“. --

Ich habe Ihnen dies möglichst knapp geschrieben, werter Herr Brod, wenn

Sie hierherkommen, werden wir noch alles durchsprechen.

Er war mir von Herzen lieb und mein einziger Freund hier, -- und ich

habe seinesgleichen nicht getroffen.

Ihr

Jens Gjerlöw“.

* * * * *

Im Nachlaß Adolf Schreibers befindet sich außer den schon hier

erwähnten Kompositionen eine große Anzahl von Liedern, wohl 200, ein

Chor mit Orchester („Lenore“ von Bürger), ein zweites großes Chorwerk

mit Orchester und kleine Chöre a capella, ein Zyklus nach Rilkes

„Marienleben“ für Gesang, Klavier und obligate Viola (geschrieben

1915–1916), eine Sonate für Klavier und Violine, der Zyklus von

Christian-Morgenstern-Liedern, Bühnenmusiken zu meinen Dramen „Die Höhe

des Gefühls“ und „Abschied von der Jugend“, Klavierstücke usf. Der

größere Teil der Skripten ist noch ungesichtet.

Eine Überraschung war es selbst für mich, seinen intimsten Freund,

auch -- Dichtungen vorzufinden, Novellen und dramatische Szenen. Nie

hat Schreiber ein Wort von dieser Seite seiner Begabung auch nur

angedeutet. -- All die wilde Prosa (Raumanordnung wie in den Briefen)

trägt das Datum 1903, scheint binnen wenigen Tagen hintereinander

hingelegt. Grausame Themen, das Ich im schmerzlichen Aufruhr gegen eine

häßliche Umwelt, die Stimmung etwa von Flauberts Jugendpoesie, übrigens

durchaus ursprünglich, ohne literarisches Muster. --

Wäre ich naiv genug gewesen, die Welle von Sensation, die nach Adolf

Schreibers Tod durch die Öffentlichkeit ging, irgendwie ernst zu

nehmen, als Zeichen innerer Aufweckung und Teilnahme: dann hätten

meine Bemühungen um Schreibers Nachlaß mich wieder einmal empfindlich

getäuscht. -- Doch ich hatte es im voraus so vorgesehen. Als ich nach

Berlin kam, war der kleine Zwischenfall schon wieder vergessen. Einige

hatten ihn gar nicht bemerkt. Von Künstlern, erlesenen Menschen, denen

ich Schreiber ans Herz gelegt hatte, wurde ich, drei Monate nach seinem

Ende, konversationsweise gefragt, wie es dem Herrn Kapellmeister gehe.

Sie wußten noch nichts ... Berlin ist groß.

Dann saß ich in seiner Wohnung, an seinem „Blüthner“. Ich sah nochmals

seinen Stolz, die mit dem edelsten Geschmack zusammengebrachten Bücher

und Noten. Das Bild Smetanas, ernst blickt es herab, Leidenswasser im

Auge. Die Reiseandenken, die seltsamen Nippesfiguren, denen er zugetan

war ...

Hart, ungerührt saß ich da, erstaunt über die unsentimentale Stimmung.

Aber sie war vielleicht eine Huldigung an ihn, der Gefühlsausbrüche,

ihm gewidmet, niemals gelitten hätte. -- Stundenlang nahm ich

Notenblätter aus den dichtgefüllten Mappen, spielte, probierte da

und dort. Erinnerungen an jenes Pianino im Gartenhaus, an die erste

Offenbarung seiner Kunst. O Tage der Jugend, wie anders haben wir es

geträumt! Und auch später noch -- in all seinen Hoffnungslosigkeiten

war es doch immer noch Leben gewesen, halbunbewußte Kraft, Erfindung,

federndes Vorwärts, unbenützte Reserve, der Funken, der Schlag, das

Ich-weiß-nicht-wohinaus, der freie unerforschbare Horizont! Und nun

-- alles vorbei! Weil (letzten Endes) der Star so und so die Première

dirigiert hat! O Blödsinn, Blödsinn unserer Zellanordnung, unseres

unmöglichen Daseins, unserer Majestät von Zufalls Gnaden ... Und nun

stoße ich auf seine lieblich-sehnsüchtige Wunderhornmelodie: „Der

verlorene Schwimmer“: „Er rief aus voller Brust -- mein Stern ist

aufgegangen -- ich schiff ihm nach mit Lust. -- Das Lichtlein auf den

Händen -- er schwamm zum Liebchen her. -- Wo mag er hin sich wenden

-- ich seh sein Licht nicht mehr? -- Liegt er in ihrem Schoße, sein

Lichtlein wendet ab -- liegt er im Wasserschlosse, in einem nassen

Grab“ ... Da konnte ich nicht länger an mich halten ...

Es ist merkwürdig, wie viele Prophezeiungen unter den Liedtexten sind,

die Schreiber ausgewählt hat.

Allenthalben grenzte, stieß sein Leben an das große Geheimnis.

Überirdisches ist ihm zuteil geworden und Leidenschaft erfüllte

ihn zuzeiten völlig, von oben bis unten. -- Und auch jetzt noch

lebt Musik in der verlassenen Wohnung, als könnte mit einem Schlage

diese starke Flamme nicht ausgelöscht sein. Ein Wunderknabe mit

tiefen schönen dunklen Augen, zwölfjährig, schon heute ein sicherer

Meister der Geige -- Adolfs Frau hatte das ostjüdische Kind zu sich

genommen um dem Künstler eine Freude zu bereiten, nun blüht das Kind

unter der Hand der Witwe. Mit der übernatürlichen Besonnenheit des

Genies, ein Schuljunge noch und doch durchaus mit der Fassungskraft

Erwachsener begabt, erzählt es von seinem Pflegevater, zu dem es doch

erst vor einem halben Jahr gebracht worden ist, -- von gemeinsamen

Spaziergängen mit unablässigem musikalischem Gespräch. Alle Dreiklänge,

alle Septimenakkorde aufzählen, bis der Mund weh tat, -- das war

eine Kleinigkeit für Adolfs Pädagogik. Ja, daran erkenne ich seine

quälerische und selbstquälerische Methode wieder. Wenn irgendwo eine

Türe aufging, eine Autohupe erklang, mußte sofort der absolute Ton

erraten werden. Sie erfanden ein Spiel daraus, überboten sich im

Auffinden dieser Zufallsgeräusche. Ja, man hat viel von ihm lernen

können. Und diese Begeisterung, wenn er von den Meistern sprach! ...

So macht mir der kleine Violinvirtuose meinen Freund noch für ein

Weilchen lebendig. Und erfreut mich durch sein stillbescheidenes,

sanft bedeutsames, ausgeglichenes Wesen, so unähnlich dem

zerschellten Chaos meines Freundes. Möge ihm, der über dem Grab eines

Schicksals-Ungünstlings aufwächst, alles gelingen, was diesem mißlungen

ist!

Herr Gjerlöw hat mir noch einen zweiten Brief geschrieben. Da heißt es:

„Ich werde mit dieser Sache nicht fertig -- muß immer wieder an Adolf

denken -- und mache mir Vorwürfe und sage ‚wenn und wann‘, dann wäre es

vielleicht nicht so gegangen. -- Sehr viel habe ich hierüber noch zu

sagen -- aber das Schreiben ist mir zuwider, auch geht es so langsam.

Ich muß Adolf immer mit Caspar Hauser von Wassermann vergleichen -- so

einsam und unbeholfen, und wir alle haben so träge Herzen gehabt. --

Wenn Sie kommen, werden wir über alles reden. -- Sie müssen ein Buch

schreiben -- eine Warnung für harte und träge Herzen.“

Druckleitung, Titel u. Einband: Menachem Birnbaum.

Druck von C. G. Röder G. m. b. H., Leipzig. 817521.

Gleichzeitig erschien im Welt-Verlag:

ZEHN LIEDER VON ADOLF SCHREIBER

für Gesang und Klavier.

1. Die Rekonvaleszentin („Sie hat so viel gelitten ...“) von Peter

Altenberg.

2. Trotzköpfe („Und echten Samt zu aller Neid ...“) von Detlev v.

Liliencron.

Adolf Schreiber · 第 5 / 10 题