1900.
Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich die
Verlagsbuchhandlung vor.
Druck von H. ~Laupp~ jr in Tübingen.
Bernhard Duhm.
Vorrede.
Man mag in diesem Buche einen Versuch erblicken, das Tagesproblem
der Geschichtswissenschaft für die Kirchengeschichte wenigstens
zu formulieren. Wenn wirklich auch hier nicht die großen Männer,
sondern Hunger und Durst der Armen, nicht die geläuterte Erkenntnis
von Führern, sondern das gährende Bedürfnis der Massen den Verlauf
der Ereignisse bestimmt hätte, was immerhin einmal angenommen
werden kann, so wäre die dogmengeschichtliche Methode, unter deren
Zeichen die kirchenhistorische Forschung noch immer steht, in ihrer
wissenschaftlichen Berechtigung grundsätzlich in Frage gestellt. Auf
alle Fälle kann also ein Studium des Volksglaubens innerhalb des
Kirchenglaubens kein müßiges Unternehmen sein, und wenn der Arbeit
die gewünschte prinzipielle Bedeutung nicht abhanden kommen sollte,
so galt es, an einem Punkte einzusetzen, wo die Religion der Masse
sozusagen als Reinkultur vorlag und von einer eigentlichen Theologie
nicht überschattet wird. Damit war aber auch das Arbeitsfeld gegeben,
denn die fränkische Kirche im Zeitalter der Merowinger ist der
einzige rein undogmatische Bestandteil der gesamten abendländischen
Kirche seit ihrer Entstehung bis auf den heutigen Tag. Die Lehrbücher
der Dogmengeschichte lassen sie bei Seite, mit Recht, weil von
Dogmenbildung in ihr keine Spur vorhanden ist. Und doch mit Unrecht,
weil bei dem Anspruch, das gesamte Geistesleben der Kirche in den
Bereich dogmengeschichtlicher Betrachtung zu ziehen, doch auch des
christlicherseits bereits zubereiteten Bodens gedacht werden sollte,
auf dem dann seit dem karolingischen Zeitalter griechische und
römische Kirchenphilosophie und im Hochmittelalter sogar arabische
Kultureinflüsse ihre Früchte gezeitigt haben.
Von Anbeginn an machten sich im Christentum die Heiligen als
abgeschlossener Stand geltend. Es handelt sich darum, der Stellung
und dem Einfluß dieses Standes Aufmerksamkeit zu schenken. Und
dieses Studium ließe sich an gar keinem Gegenstande günstiger
betreiben, als an dem unsern, insofern die gigantische Gestalt
eines Nationalheiligen alle Hauptmomente der Entwickelung zu einem
monumentalen Typus in sich begreift, zugleich aber die Befangenheit
eines solchen einzigen Beispiels durch die Mitwirkung von zahlreichen
kleineren Heiligenoriginalen ausgeglichen wird, und dies nun über
einem universalgeschichtlichen Hintergrunde, der die verschiedensten
völkerpsychologischen Verknüpfungen und Kreuzungen liefert. Der
Bildungsprozeß des Heiligenglaubens durchläuft dann folgende Stadien:
ein bedeutender Volksheiliger wirkt zunächst auf einen kleinen Kreis
von ihm begeisterter Anhänger. Unter diesen findet sich auch ein
Schriftsteller, dem es gelingt, ein parteiisches aber lebensvolles
Bild des Meisters für die Nachwelt zu entwerfen. Nach Jahr und Tag,
aber auch dann nur in einem selten günstigen Falle, können durch
nachträgliche Forschung die Einseitigkeiten zum Teil noch gemildert
werden. Rasch genug geht das geschichtliche Andenken in Legende über,
und diese kann dann sogar sich mit Gebilden des höheren Mythus,
des Naturmythus, verbinden. Doch geschieht dies alles nur einigen
Auserwählten. Fast allen Heiligen gemeinsam ist jedoch das Andenken,
das nicht an ihre Erdentage, sondern an den Kultus auf ihrem Grabe
anknüpft. Das über dem Heiligengrab errichtete Gotteshaus führt den
Namen des Heiligen, und nicht nur dieses, sondern auch noch manches
andere nah und fern, je nach Verbreitung und Nachfrage. Die dem
Heiligennamen eigene Kraft beruht jedoch auf dem handgreiflichen
Unterpfand, dem Heiligenleib, und ist im Stande, von ihm aus nicht
nur das Grab und den Kirchenraum zu wunderthätigen Orten umzuwandeln,
sondern sich unvermindert auf jeden profanen Gegenstand zu übertragen
und, auf diese Weise sich ausbreitend, das ganze Volkswesen zu
durchwalten. Wo sich der Mensch mit seiner Kunst zu Ende sieht, ist
der Heilige anwesend und bekämpft nicht nur alle die widrigen kleinen
Alltagsteufel des niederen Mythus, des Traummythus, sondern ist auch
für die Kranken der beste Arzt. Nur durch ganz lose Zusammenhänge im
orthodoxen Kirchenglauben eingenistet, bewährte sich der fränkische
Heiligenglaube als Volksreligion hauptsächlich darum, weil er
durch den im römischen Geiste weiter lebenden gallischen Klerus in
bewundernswürdiger Weise organisiert, den frommen Bedürfnissen der
Bürger und Bauern besser Rechnung trug, als das germanische oder
keltisch-römische Heidentum. Auf diese Hauptlinien der Entwicklung
zurückgeführt, wird die Figur des Heiligen, die für das Verständnis
der merowingischen Kultur sehr ins Gewicht fällt, in den Bereich
geschichtlicher Messung gezogen. Wenigstens geht das Buch darauf aus,
dieser Aufgabe gerecht zu werden, und die äußere Verteilung des Stoffes
entspricht ungefähr dem soeben in Kürze entworfenen Geschichtsbilde
(vgl. S. _XIII–XVI_).
Nun hat sich aber leider in der realen Zubereitung des Stoffes das
Ebenmaß des idealen Planes nur ungenügend verwirklichen lassen. Sofern
diese Mängel in der Sache selbst begründet liegen, müssen sie hier
näher erörtert werden. Nach der verschiedenen Art der Bearbeitung, die
er erforderte, zerfiel der Stoff in drei Massen.
1. Kap. 1–5 (S. 1–121) sind ein monographischer Beitrag zur
spätrömischen Litteraturgeschichte; sie schildern die Entstehung
eines spezifisch christlichen Produkts des lateinischen Schrifttums
und dessen Uebergang in die Anfänge der Memorienlitteratur auf
altfranzösischem Boden. Die scharfe Begriffsbildung drohte hier an
dem Eigensinn unserer Sprache zu scheitern; denn es wollte sich kein
Ausdruck finden, der den litterarischen Niederschlag eines starken
persönlichen Andenkens in der Einzahl wiedergab; das Pluraletantum
»Memoiren« unterschied nicht zwischen dem einzelnen Heiligenleben und
einer Sammlung von solchen, und die deutsche Form von _Le Mémoire_
»das Memoir« heißt eben »Denkschrift«, wäre also ganz abgesehen von
dem fremden Klang auch inhaltlich eine nur unzureichende Wiedergabe
gewesen. Das führte schließlich auf »Memorie«. Das Wort war wie
Historie und ähnliche zu Luthers Zeit deutsches Sprachgut, verschwand
dann aber und hat überdies nie den übertragenen Sinn von litterarischem
Gedächtnis besessen. Wenn es hier nun in dieser Bedeutung auflebt, so
heißt das allerdings aus der Not eine Tugend machen; aber es gilt die
Wahl zwischen einer erheblichen Einbuße an klarer Gedankenbildung und
einer geringfügigen Verschiebung unseres sprachlichen Empfindens. Diese
neue Prägung wird übrigens bei Bedarf auch des näheren zu unterscheiden
erlauben zwischen »Memoiren« im üblichen Sinne zwangloser Erinnerungen
und »Memorien« als einer Mehrzahl kleiner Lebensbilder von liebender
Hand, die gerade durch die ihnen eigene Pietät den rudimentären
Charakter von »Noch-nicht-Biographien« aufgedrückt erhalten.
2. Kap. 6–9 (S. 121–209) betreffen Gebiete, wo die kritische Sichtung
des Quellenmaterials noch keineswegs abgeschlossen ist. Hier galt es
aus der Unmasse des Rohstoffs das typische Wertvolle auszuwählen,
und dabei mußte natürlich das eigene Urteil hinter dem Vertrauen zu
sachkundigen Führern zurücktreten, sodaß es sich in diesem Abschnitt
meistens um eine Zusammenstellung von Auszügen aus alleinstehenden
Monographien handelt. Nur um das Detail den allgemeinen Gesichtspunkten
einzugliedern, habe ich mich hier selber vernehmen lassen; im übrigen
glaubte ich es sogar der Sache schuldig zu sein, da wo die Bearbeitung
des Stoffes bereits auf den besten Ausdruck gebracht war, die wörtliche
Wiedergabe der Vorarbeit nicht zu scheuen.
3. Kap. 10–18 (S. 210–336) sind der Hauptsache nach eine systematische
Analyse des religionsgeschichtlichen Materials, das in den kleinen
Schriften des fränkischen Geschichtsschreibers Gregor von Tours
angesammelt liegt. Eine gute Fügung hat diesen Ersten in der langen
Reihe der französischen Memoirenschriftsteller zum Hüter des
merowingischen Reichsheiligtums und teilnehmenden Augenzeugen der
fränkischen Religionsübung eingesetzt. Ohne die enge Verbindung mit dem
frischen Treiben eines jungen Volkes wäre eine eingehende Behandlung
so spröder und uns heute so fern liegender und gleichgültiger, ja
geradezu anstößiger Vorstellungen schlechthin ungenießbar. Indem ich
zur Schilderung eine Anekdote an die andere reihte, war ich daher vor
allem darauf bedacht, dem naiven Detail von Gregors Berichten sowenig
als möglich Eintrag zu thun.
Diesen Schwierigkeiten, die der Stoff selber mit sich brachte und die
daher entschuldbar sind, könnte ich nun besser, als jeder Kritiker,
eine ganze Liste von Fehlern und Mängeln beifügen, die ausschließlich
nur dem Verfasser zur Last fallen. Ich mußte den mir noch vor zwei
Jahren völlig fremden Stoff, an den ich eben aus den zu Anfang
dargelegten prinzipiellen Beweggründen herantrat, Umstände halber in
möglichst kurzer Frist zur Darstellung bringen, und auch sonst fehlte
es nicht an allerlei Zwischenfällen, unter denen der Verlust eines
Notizbuches besonders empfindlich war. Ich selber kann in dem Buche nur
einen Entwurf sehen. Sollte jedoch der Arbeit trotzdem ein namhaftes
Interesse entgegengebracht werden, das veranlassen könnte, diese
Studien weiter zu führen, so wäre ich durchaus gesonnen, das mir lieb
gewordene Feld ein zweites Mal durchzuackern und den Ertrag dann nach
empfangener Belehrung gesichtet und geebnet, sowie mit Verweisen und
Registern versehen vorzulegen.
Ein rundes Kirchenbild von der merowingischen Epoche wird niemand
in diesen Blättern finden wollen, der ~Albert Hauck~’s Schilderung
der fränkischen Landeskirche kennt. Dennoch wird das Recht eines
religionspsychologischen Nachtrags dazu im Prinzip kaum anzufechten
sein. Dann handelt es sich allerdings um nichts geringeres, als die in
England erwachte und seitdem auf das semitische wie auf das griechische
Altertum in bahnbrechender Weise angewandte Forschungsmethode der
allgemeinen Religionsgeschichte nun auch auf das beginnende Mittelalter
und damit auf die Kirchengeschichte zu übertragen. In der Hauptsache
ist das gleichbedeutend mit einer Analyse des volkstümlichen
Wunderglaubens vom historischen Standpunkte aus.
Nicht gewillt den Kosmos des Mirakels mit dem Tatzenschlag
einer modernen Anschauung kurzer Hand zu zertrümmern, wird der
Geschichtsfreund sich gerne ein wenig bücken und winden und
gelegentlich den Kopf anschlagen, wie über dem Besuch einer
unterirdischen Höhle bei Fackelschein, wenn er dann nur der fabelhaften
Gebilde ansichtig wird und die mythischen Wasser in den kristallenen
Grotten rauschen hört. Allerdings ist durch neueste Forschungen auf
dem Gebiete des Seelenlebens nun auch schon wieder manches meßbar
geworden, mit dem die Wissenschaft früher nichts anzufangen wußte.
(Vergl. S. 3–6.) Aber die behäbige Wundererklärung von annodazumal
unter dem allerhöchsten Protektorat des gesunden Menschenverstandes,
wird sich hoffentlich im Bereiche geschichtlicher Forschung immer
weniger zu Hause fühlen. Mag sich dagegen aus dem Bewußtsein unserer
stets wachsenden Aufklärung das Vorrecht mehr und mehr herausheben,
selbst nutzlos gewordenes Geistesgut unserer Altvordern doch noch zu
verstehen und in Ehren zu halten, auch ein Zeichen dafür, daß wir nun
eben um hundert Jahre weiter sind.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Heiligenleben und Heiligengrab 1
Erstes Buch: Das Heiligenleben.
Die Unmöglichkeit einer Biographie. Die Schwierigkeiten
psychologischer Beobachtung 2–6
Erster Abschnitt: Die Memorie.
Erstes Kapitel: Die Martinsschriften des Sulpizius Severus.
1. Das Martinsleben des Sulpizius Severus.
2. Der Erfolg des Martinslebens.
Die drei Briefe. Allgemeiner Charakter der Dialogen.
3. Inhalt der Dialogen.
4. Die Martinsschriften des Sulpizius Severus in ihren Schwächen.
5. Zur Charakteristik des heiligen Martin.
Sankt Martin der Standardheilige der Merowinger 6–35
Zweites Kapitel: Die Panegyriker.
1. Gallische Ehrenpredigten.
2. Ennodius von Pavia. Das Epiphaniusleben des Ennodius 35–46
Drittes Kapitel: Severinus von Noricum. Fulgentius von Ruspe.
Cäsarius von Arles.
1. Das Severinsleben des Eugipius. Zur Charakteristik Severins.
Eugipius als Schriftsteller. Das litterarische Milieu des
Eugipius in Rom.
2. Das Leben des Fulgentius von Ruspe.
3. Das Leben des Cäsarius von Arles.
— Die römische Hagiographie. Rufin. Gregor der Große 46–73
Zweiter Abschnitt: Die Forschung.