Es war einige Wochen nach diesem Abendgespräch, und der März war
gekommen, und hatte den Schnee geschmolzen und die Erde bereitet für den
nahenden Frühling. Und seine Vorboten, die wir immer so freudig
begrüßen, kamen auch auf den Veitsberg. Auf dem Storchnest zu Saasen war
unter dem Jubel der Kinder der Sommergast eingezogen; unter den Hecken
am Berge blühten die ersten Blumen, und der Buchfink schlug auf den
Kirschbäumen so laut und anhaltend, als daure ihm der Aufbruch der
Knospen zu lange, als wolle er sie wachsingen.
Wie der Tag sonnenhell gewesen war, von einem frischen Lüftchen, das mit
dem Märzstaub spielte, gekühlt, so war auch der Abend, von dem wir
reden, ein sternheller, stiller Märzabend. Das Abendbrod im Hause des
Schulmeisters vom Veitsberg war schon seit länger als eine Stunde
verzehrt, und er selber saß an seinem Tische im Lehnstuhl, und schrieb
seine Beobachtungen über den Kometen auf, und berechnete, den Blick
manchmal auf eine große Sternkarte gerichtet, die er selber entworfen
hatte, den Lauf des Kometen. Dorothe machte sich derweil mit ihrer
Jüngstgeborenen zu schaffen, wusch und stillte sie, und legte sie dann
unter stillem Gebet in die Wiege. Dann zog sie den Vorhang vom großen
Bette weg, in dessen Mitte ihr Heinrich schlief, und labte sich an dem
blühenden, vollen Gesicht des Knaben und an dem gesunden Schlaf, und den
Mund des Kindes küssend, sprach sie leise: »Herr, erhalte sein Herz bei
dem Einigen, daß er deinen Namen fürchte!«
Da fing es an in der Guckucksuhr an der Wand lebendig zu werden, die
jetzt wieder auf die Minute ging, seit sie der Schreinerkaspar in Händen
gehabt hatte, und das Thürchen thät sich auf, daraus mit dem Schlage der
Stunde der Vogel zu kommen pflegte; und das war ein Zeichen, daß es noch
fünf Minuten vor dem Schlag seien. Auf dieß Zeichen erhob sich der
Schulmeister von seinem Sitze, setzte die Hausmütze auf den Kopf, und
sagte: »Dorothe, ich will das Spinnglöcklein ziehen, es wird nicht weit
von acht Uhr sein. Die Leuchte nehme ich heute Abend nicht mit, denn es
ist sternhell, und sollt ich nicht hurtig wieder da sein, so mache dir
keine Gedanken darüber, ich möchte den Kometen einmal wieder aufsuchen;
der scheint sich seit voriger Woche rar machen zu wollen.«
Damit ging der Schulmeister zur Thüre hinaus und trat auf den Kirchhof.
Der Himmel war sternhell, aber der Komet war nicht da. An der Stelle des
Himmels aber, wo ihn des Justus Auge suchte, war eine andere wundervolle
Himmelserscheinung. Vier schmale Lichtstreifen, nicht so breit als der
Schweif des Kometen, aber viel feiner und länger, breiteten sich in
Kreuzesform über einen großen Theil des Nachthimmels aus. Daß sie vom
Kometen herrührten, dessen Kern man nicht mehr sah, war kein Zweifel;
und der Schulmeister stand wie angewurzelt, und schaute mit thränenden
Augen das wundervolle Schauspiel an. »O Herr« rief er aus, »wer kann
deiner Herrlichkeit sich satt sehen! Du thust große Dinge, die nicht zu
forschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind!« »Doch soll ich denn der
Einzige sein«, sprach er vor sich hin, »der dieß Werk Gottes bewundert!
Dorothe soll mir helfen.« So sagend schritt er der Thüre zu. Doch in
diesem Augenblick schlug es auf dem Thurme acht Uhr, und der
Schulmeister, gewohnt, seinen Dienst pünktlich zu thun, eilte zur
Kirche, öffnete sie rasch, wunderte sich auch weiter nicht darüber, daß
er die Thüre nur angelehnt fand, und zog die Abendglocke. Wie ihr Klang
in das Thal hinab schallte, da deuchte es ihm, so feierlich hätte es
noch nie gelautet, und er selbst kam sich vor wie ein Herold,
ausgesandt, die großen Thaten Gottes zu verkündigen, und vernehmlich
sprach er vor sich hin: »Ich will deinen Namen predigen meinen Brüdern.«
Da kam es ihm vor, als rege sich in dem Kirchlein etwas und als seufze
ein Mensch aus tiefer Brust. Doch er achtete des Tones weiter nicht,
denn zu allen Zeiten der Nacht war er schon in der Kirche gewesen, und
hatte auf den Gräbern umhergestanden, und so waren ihm diese Orte, die
sonst bei nächtlicher Weile für den Furchtsamen Orte des Schreckens
sind, sehr befreundet und ängsteten ihn nicht.
Er hatte sein Geschäft vollendet, die Thüre rasch hinter sich
zugeschlagen, und wollte eben den Schlüssel aus dem Schlosse ziehen; da
rief aus der Kirche eine laute Stimme: »Laßt auf, es ist Jemand in der
Kirche!« Der Schulmeister blieb stehen und sein Herz klopfte ihm in der
Brust, doch rief er mit entschlossenem Tone: »Wer ist denn in der
Kirche, sagt in Gottes Namen, wer ist denn in der Kirche?« »Ein
Fremder«, scholl es aus der Kirche, »der sich hier ein Nachtquartier
gesucht hat.« Da öffnete Justus die Thüre und heraus trat eine hohe
Gewalt, mit einem Knotenstock in der Hand und sprach in mildem Tone:
»Vergebt mir, wenn ich euch erschreckt haben sollte, ich wollte nichts,
als freies Lager für diese Nacht und freien Aus- und Eingang von hier.«
»Ein Nachtquartier in einer Kirche suchen«, sprach der Schulmeister,
»ist mir noch nicht vorgekommen; wer es da ohne Grausen kann aushalten,
der muß ein gut Gewissen haben.« Da der Fremde auf diese Rede keine
Antwort gab, so fuhr er fort: »Thätet ihr aber nicht besser, Fremder,
wenn ihr in guter Leute Haus einkehrtet für diese Nacht, statt hier in
der Kirche, wo es kalt ist und wo ich euch kein Schlafplätzchen
vergönnen darf?« »Daß sich's unter Dach und am warmen Ofen besser ruht,
denn hier, das weiß ich wohl«, sprach der Fremde, »aber wer wird einen
Reisenden um Gottes willen aufnehmen mögen, der seinen letzten Pfennig
ausgegeben hat?« »Wie man anklopft«, sagte der Schulmeister, »so wird
einem aufgethan, und ein gut Wort findet auch eine gute Statt. Es sind
ihrer noch Etliche, die gastfrei sind ohne Murmeln; geht nur an die
nächste Thür' und versucht's.« »Wo ist denn die nächste Thüre«, fragte
der Fremde, »und wie heißt das Oertlein hier auf dem Berge?« »Das
Dörfchen heißt der Veitsberg«, sagte Justus, »und die nächste Hausthüre
ist die meine.« »Und wer seid ihr?« fragte langsam der Fremde. »Ich bin
der Schulmeister vom Veitsberg, und biete euch ein warmes Nachtlager an,
sogar von Herzen gern, wenn ihr mir als ehrlicher Christenmensch in's
Aug' sehen könnt, und annehmen wollt, was mein klein' Haus vermag, ein
freundlich Gesicht und einen Bissen Abendbrod.«
Der Freunde stand zögernd noch auf demselben Flecke und schaute bald den
Justus an, bald sah er in die Nacht hinaus. Dann brach er das Schweigen
mit der Frage: »Seid ihr beweibt, Herr Schulmeister?« »Das Bedenken, das
in eurer Frage liegt,« sagte Justus, »kann ich errathen, und will's
schnell heben. Ja, der liebe Gott hat mir ein Eheweib beschieden; aber
meine Dorothe denkt wie ich: »Brich den Hungrigen dein Brod, und die, so
im Elend sind, führe in dein Haus.« Sie wird weder scheel sehen, noch
maulen, wenn ihr herein kommt. Auch seid ihr nicht der erste Fremde, der
ein Obdach bei uns sucht; unser Dörfchen hat kein Wirthshaus.«
Der Fremde zögerte noch eine gute Weile; dann aber folgte er schweigend
in's Schulhaus. Wie sie zur Stube eingingen und Dorothe sich von ihrem
Sitze erhob, da sprach der Fremde einige Worte der Entschuldigung, aber
Justus nahm schnell das Wort und sagte: »Dorothe, der Fremde hier wollte
in unserer Kirche übernachten, ich habe ihn eingeladen, für diese Nacht
Herberge bei uns zu nehmen.« »Das wolle Gott verhüten«, sprach
freundlich Dorothe, »daß ihr eine Nacht in unserer Kirche zubringt, die
könnte euer Tod sein. Seid vielmehr bei uns willkomm, Herr, und macht's
euch bequem, ihr werdet müde sein und hungrig wohl auch, laßt mich euch
einen Imbis bereiten!« »Nennt man denn einen Bettler, der in zerrissenen
Kleidern kommt, einen Herrn?« sprach düster der Fremde. »Gute Frau, ihr
thut mir zu viel Ehre an.« »Sprecht nicht von Ehre«, antwortete Dorothe
freundlich, »bei uns zu Lande sieht man nicht auf' s Kleid, sondern in's
Angesicht. Und ihr seid guter Leute Kind, das merke ich an eurer
Sprache, und an euren Augen sehe ich, daß ihr viel gelitten habt, und
eben noch mehr leidet. Doch laßt mich jetzt euer Abendbrod bestellen.«
Damit ging Dorothe zur Küche.
Wäre Dorothe nie in der Schule der Prüfung gewesen, hätte sie dann so
reden können? Wie aus dem Schmelztiegel das lautere Gold hervorgeht, so
fördert auch das Leid aus der Tiefe der Seele das lautere Gold zu Tage,
das Gold der Gottes- und der Menschenliebe. In diesem Sinne sagt der
Psalm: »Ehe ich gedemüthigt ward, irrete ich, nun aber halte ich dein
Wort.«
Bald stand auf dem Tische des Fremden eine Milchsuppe mit Brodschnitten
darin, und auf flachem Teller von buntem Hausgeschirr ein Kuchen von
frischgelegten Eiern; und der Fremde aß mit großer Begierde, und man sah
es ihm an, wie er sich Gewalt thun mußte, seinen starken Hunger nicht
zur Schau zu tragen.
Während Dorothe ab- und zuging, und dem Fremden drüben im Schulstübchen
das Nachtlager bereitete, hatte derweil der Schulmeister seinen Rath mit
ihm. Doch ging das Gespräch nicht sonderlich von Statten; denn der
Fremde antwortete nur auf die gethanen Fragen, und schien gar
niedergebeugt. Das indessen brachte der Justus schon am Abend an ihm
heraus, daß er unter den Preußen gedient, als diese unter ihrem König,
dem großen Fritz, wie er nachmals genannt wurde, den Kaiserlichen das
Schlesinger Land abgenommen; aber der Fremde legte so wenig Werth auf
die Thaten, die er in diesem Kriege gethan, daß man ihm wohl anmerkte,
er habe das Soldatenhandwerk nicht sonderlich lieb gehabt. Auch vermied
er sichtlich, seinen Namen zu nennen, und das Ziel seiner Reise zu
verrathen. Viel gesprächiger ward er aber, als von gelehrten Dingen die
Rede war, und Justus merkte wohl, daß er es mit einem Manne zu thun
habe, der in fremden Sprachen einen guten Grund gelegt, auch sich da und
dort in den Büchern fleißig umgesehen habe.
So war die Zeit zur Nachtruhe gekommen, und Justus sagte zu dem Fremden:
»Ich und mein Haus wollen jetzt dem Herrn dienen. Habt ihr Gottes Schutz
und Treue erfahren an diesem Tag, so erlaubt ihr wohl, daß wir mit euch
und für euch loben und danken in dieser Abendstunde.« Als der Fremde
schweigend mit dem Kopfe genickt, da nahm der Schulmeister sein
Hausbüchlein von dem Kammbank, darin er für sich und die Seinen zu
täglichem Gebrauch den Morgen- und Abendsegen, wie viel andere herzliche
Gebetlein für allerlei Lage und Zeit eingeschrieben hatte, und betete
mit lauter Stimme also:
»Barmherziger, gnädiger Gott und Vater, ich sage dir Lob und Dank, daß
du Tag und Nacht geschaffen, Licht und Finsterniß unterschieden; den Tag
zur Arbeit und die Nacht zur Ruhe, auf daß sich Menschen und Thiere
erquicken. Ich lobe und preiße dich in allen deinen Wohlthaten und
Werken, daß du mich den vergangenen Tag hast vollenden lassen durch
deine göttliche Gnade, und desselben Last und Plage hast zurück legen
lassen. Es ist ja genug, lieber Vater, daß ein jeder Tag seine eigne
Plage habe. Du hilfst ja immer eine Last nach der andern ablegen, bis
wir endlich zur Ruhe, und an den ewigen Tag kommen, da alle Plage und
Beschwerung aufhören wird. Ich danke dir von Herzen für all' das Gute,
das ich diesen Tag von deiner Hand empfangen habe. Ach Herr, ich bin zu
gering aller Barmherzigkeit, die du an mir täglich thust. Ich danke dir
für die Abwendung des Bösen, das mir diesen Tag begegnen können, und daß
du mich unter deinem Schirm des Höchsten und Schatten des Allmächtigen
bedecket, und behütet hast vor allem Unglück, und vor schweren Sünden,
und bitte herzlich und kindlich, vergib mir alle meine Sünden, die ich
diesen Tag begangen habe, mit Gedanken, Worten und Werken. Viel Böses
habe ich gethan, viel Gutes habe ich versäumt. Ach, sei mir gnädig, mein
Gott, sei mir gnädig! Laß heute alle meine Sünde mit mir absterben, und
gib mir, daß ich immer gottesfürchtiger, heiliger, frömmer und gerechter
wieder aufstehe; daß mein Schlaf nicht sei ein Sündenschlaf, sondern ein
heiliger Schlaf; daß meine Seele und mein Geist immer zu dir wache.
Segne meinen Schlaf, wie den Jakobs, da er die Himmelsleiter im Traum
sah, und den Segen empfing, und die heiligen Engel sah; daß ich von dir
rede, wenn ich mich zu Bette lege, an dich gedenke, wenn ich aufwache;
daß dein Name und Gedächtniß immer in meinem Herzen bleibe, ich schlafe
oder wache. Gib mir, daß ich nicht erschrecke vor dem Grauen der Nacht,
noch vor den Sturmwinden der Gottlosen, sondern süße schlafe. Behüte
mich vor schrecklichen Träumen, vor dem Einbruch der Feinde, vor Feuer
und Wasser. Siehe der uns behütet schläft nicht, siehe der Hüter Israels
schlummert nicht. Sei du, o Gott, mein Schatten über meiner rechten
Hand, daß mich des Tages die Sonne nicht steche, noch der Mond des
Nachts. Laß deine heiligen Wächter mich behüten, und deine Engel sich um
mich her lagern, und mir aushelfen. Dein heiliger Engel wecke mich zu
rechter Zeit, wie den Elias, und wie den Petrus, da er schlief im
Gefängniß zwischen den Hütern, auf daß ich erkenne, daß ich auch sei in
der Gesellschaft der heiligen Engel. Und wenn mein Stündlein vorhanden
ist, so verleihe mir einen seligen Schlaf, und eine selige Ruhe in Jesu
Christo, meinem Herrn.«
»Amen«, sprach feierlich der Schulmeister; »und nun Dorothe, meine
Liebe, lies du uns noch die Abendlection aus heiliger Schrift. Hier im
Evangelium Lucä stehen wir, im fünfzehnten Kapitel, am eilften Verse.«
Und Dorothe nahm die Bibel aus seiner Hand und las, wie ein gläubiger
Christ die Schrift liest, voll Salbung und Andacht das Gleichniß vom
verlorenen Sohne.
Bis dahin hatte der Fremde mit gefaltenen Händen und mit gesenktem
Blicke dagesessen, nun aber, wie Dorothe las, ward er unruhig und seine
Unruhe wuchs mit jeder Minute, und wie Dorothe an die Worte kam: »Ich
will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen, und zu ihm sagen: Vater
ich habe gesündigt in dem Himmel und vor Dir«, — da seufzte der Fremde
zum Herzbrechen, und große, dicke Thränen stürzten aus seinen Augen und
er rief laut: »Mein Vater, mein Vater!« Dann ward er plötzlich wieder
stille, sprach auch kein Wort mehr, als: »Gute Nacht!« und ließ sich von
seinem Gastwirth in sein Schlafgemach geleiten.
Die Nacht ging ohne Störung vorüber. Mit Gebet für das Heil des Fremden,
der unter ihr Dach getreten war, waren Justus und sein Weib
eingeschlafen; »denn er bedarf unseres Gebetes gewi߫, hatte der
Schulmeister gesagt, »trügt mich der Augenschein nicht gänzlich, so
beherbergen wir einen verlorenen Sohn; möge er nur bald heimkehren zu
seines Vaters Haus.«
Wie der Schulmeister am andern Morgen in des Fremden Schlafstube kam, da
fand er diesen am Fenster stehen, den Kopf wider die Scheiben gelehnt
und hinausschauen in den Morgen, der, einen schönen Märztag verkündend,
über die Thäler heraufstieg. Der Fremde war noch blässer, denn am Abend;
und jetzt bei hellem Tage sahe man erst recht, warum er Bedenken
getragen, in ein ehrlich Haus einzutreten, denn seine Kleidung waren
eitel Lumpen und die Schuhe waren mit Bindfaden an den Füßen
festgebunden. Gesicht aber und Hände waren rein, und seine Haltung war
aufrecht, und sein Blick hatte nichts Freches und Wildes, war vielmehr
sanft und leidend. Ein Blick auf das Lager überzeugte den Schulmeister
sogleich, daß der Fremde nicht darin geschlafen, daß er vielmehr
wahrscheinlich die Nacht durchwacht habe. Das Alles übersah Justus mit
einem Blick und mit einem Gedanken durchdachte er das ganze Seelenleiden
des Fremden und eine innige Theilnahme ergriff sein Herz. Und wie ihm zu
Sinne war, so sprach er es aus, gleich fern von Aufdringlichkeit wie von
Neugier. Das rechte treue Wort schien auch die rechte wunde Stelle im
Herzen des Fremden gefunden zu haben, denn er sagte gar bewegt: »Habt
Dank, habt Dank, guter Mann für die große Liebe, womit ihr mich, einen
Landläufer, beehrt habt. Nicht lange mehr will ich euch lästig fallen.
Wollt ihr mir aber noch einen recht großen Dienst thun, so führt mich
auf einen Pfad, auf dem ich Gießen erreichen kann, ohne daß Menschen mir
begegnen, und schenkt mir auf ein einzig Stündlein nur euer Geleit, ich
möchte von euch einen Freundesrath mir erbitten. Seit ich in der Irre
gehe, habe ich solch' eine Liebe nicht gefunden, wie bei euch! O hätte
ich euch früher gefunden, es stünde jetzt anders um mich!«
»Hab' ich denn etwas Sonderliches an euch gethan«, fragte der
Schulmeister, »das solch' Aufhebens verdiente, wie ihr thut? Ich habe
euch aufgenommen, da ihr sonst kein Obdach finden konntet, das ist
Alles. Ist das eine Tugend oder ein Lob, so hab' ich sie von Vater und
Mutter gelernt, und wäre das nicht, so kenne ich ja des Apostels Wort:
»Nehmet euch der Heiligen Nothdurft an, herberget gerne.« Was euren
Wunsch aber betrifft, so weiß ich ein Pfädlein durch Wald und Feld, das
ist einsam und traulich; ich bin's wohl auch schon an warmen Sommertagen
gegangen. Auf dem Pfädlein will ich euch gern das Geleite geben, nur
laßt mich erst meines Amtes warten. Haben wir mitsammen die Morgensuppe
gegessen, so ziehe ich das Schulglöcklein, das man drunten weithin
höret, und dann kommen meine Schüler. Seht nur dort hinunter, dort an
der Waldecke, da naht schon ein Trüpplein; sie kommen gern, und bleiben
gern, ohne daß ich sie treibe und halte. Seht, jetzt haschen sie
einander und Einer ruft, um das Echo zu wecken, das dort an der Waldecke
ist. So ist's recht, ihr Kinder! Ich sag' ihnen immer:
»Wer sich gewöhnet hat, in Ehren sich zu freu'n,
Wird auch bei ernster Sach' nicht träg und schläfrig sein.«
* * * * *
Nach der Morgensuppe war der Fremde verschwunden; er hatte sich im nahen
Walde verborgen gehalten, denn er schämte sich der Lumpen, die ihn
deckten. Um die Zeit, die ihm von Justus genannt worden war, erschien er
wieder, nahm schnell aber herzlich von Dorothe Abschied, und wanderte
mit dem Schulmeister durch die Wälder nach Gießen zu.
Im Wald war's schon lebendiger geworden; die Vorboten des Frühlings
zeigten sich auch da. Einsame Bienchen flogen um die Schneeglöckchen,
oder hingen sich an die Kätzchen der Salweiden, während der Specht mit
lautem Hämmern den Würmern in den alten Buchen nachstellte, und die
Amsel Reiser trug zum Nest, und ihren lauten Schlag durch die Wälder
schallen ließ. Es war ein schöner Märztag, und die Sonnenstrahlen fielen
so warm durch die kahlen Zweige der Bäume auf die Wandrer, daß der
Schulmeister seinem Dankgefühl Worte gab und zu seinem Gefährten sagte:
»Ein solcher Tag lohnt doch für viele trübe Winterstunden. Aber so ist's
auch im Reiche Gottes; unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist,
schaffet eine ewige Herrlichkeit.«
»So muß es wohl sein«, sprach der Fremde, »denn die Schrift sagt's, und
mag für die ein großer Trost in dem Sprüchlein liegen, die gleich Hiob
sagen können: »Mein Gewissen beißt mich nicht meines ganzen Lebens
halber.« Aber wie steht es mit Denen, die ihr Leid selbst verschuldet
haben; die von Gott sich losgesagt und ihre eignen Wege gegangen sind;
wird denen auch die Last abgenommen, und haben die den Trost, daß ihr
Leid sie zum Heil führe?«
»O gewiß«, sagte der Schulmeister, »wenn sie nur ihre bösen Wege lassen
und die Stimme Gottes nicht überhören, die in den Folgen ihrer Sünden zu
ihnen spricht und sie zur Buße rufet. »Denn so wahr ich lebe, spricht
der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß er
sich bekehre und lebe.« Denn bei ihm ist viel Vergebung.«
»Ich glaube das«, sagte der Fremde, »ja seit der letzten Nacht, die ich
durchwacht, glaub' ich's sogar von Herzen, und verstehe jetzt, was ich
früher nie verstehen konnte: »wie Gott nicht will, daß Jemand verloren
gehe, sondern daß sich Jedermann zur Buße bekehre.« Aber wie ist es mit
den Menschen, nehmen die auch die Sünder so freundlich wieder auf,
werden die auch bereit sein, alles Geschehene zu vergessen, wenn Einer
kommt und sagt: »Es reut mich von Herzen, was ich gethan habe, vergib
mir meine Schuld?« Und der Fremde hielt beide Hände vor sein Angesicht
und weinte laut, und rief einmal über das andere Mal aus: »O mein Vater,
mein Vater!«
»Kümmert euch das«, sprach theilnehmend der Schulmeister, »so laßt die
Sorge fahren. Habt ihr etwas zu bereuen, das ihr gegen Gott und Menschen
gethan habt, ist es euch leid von Herzensgrund, und habt ihr durch den
euren Rückweg zu Gott genommen, der von Gott uns gemacht ist zur
Weisheit, zur Gerechtigkeit zur Heiligung und zur Erlösung, und habt ihr
durch ihn den Zutritt gewonnen zum Vater und durch ihn die Botschaft
vernommen: »Sei getrost, mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben«, —
dann geht getrost den Menschen unter's Auge, wer sie auch sind, und sagt
ihnen: »der Herr hat mir vergeben, vergib mir auch«, sie werden euch
nicht von hinnen weisen. Und thäten sie's, was verlöret ihr dabei? Ist
Gott mit uns, wer mag wider uns sein? Wir vermögen Alles durch den, der
uns mächtig machet, Christus.«
»Ach, ihr wißt nicht«, sprach der Fremde, der sich etwas gesammelt
hatte, »wie ich meinen Vater gekränkt habe. Ich war sein einzig Kind,
und meine Mutter schon lange todt. Da hat er mich denn geliebt in Milde
und Ernst, wie ich es nie verdient und nie vergelten kann. Und doch ward
ich schlecht und schlug Alles in den Wind, und soff und spielte und
betrog und entwich endlich, und ließ meinem Vater einen Haufen Schulden
zurück. Seit Jahren treibe ich mich dann in der Welt umher; habe mir
helfen wollen auf gute und böse Weise, und bin immer tiefer gesunken,
bis ich zum Bettler ward. Da bin ich meiner Heimath immer näher
gekommen, und auch immer mehr in mich gegangen, und seit gestern Abend,
da ich im Gleichniß vom verlorenen Sohn mich selbst erkannte, habe ich
mich recht gedemüthigt und zu mir gesprochen: »Ich will mich aufmachen
und zu meinem Vater gehen!« Aber da läßt mir der Gedanke keine Ruhe: Er
wird, er kann dich nicht aufnehmen, du hast zu schwer an ihm gesündigt!
Sagt mir, o sagt mir, wird er mich aufnehmen?«
»Mein Freund«, sagte der Schulmeister tief ergriffen, »lernet doch
erkennen den Himmelstrost aus heiliger Schrift. Der dort sagt im
Gleichniß: »Und da er noch ferne war von dannen, sahe ihn sein Vater und
jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küssete ihn«, — der
muß wohl gewußt haben, wie es um ein Vaterherz steht. Alle Lieb' kann
aufhören: Gattenlieb' und Kindeslieb' und Freundeslieb', aber Vater- und
Mutterlieb' höret nimmer auf; die ist stärker als der Tod, tiefer als
das Meer, höher als der Himmel. Und der mich gelehrt hat, an solcher
Liebe Kraft zu glauben, der lehrt mich auch jetzt euch sagen: »Geht nur,
mein Sohn, euer Vater hat euch vergeben, so gewiß auch Gott uns vergibt
in Christo Jesu.«
»Amen, so sei es«, sprach der Jüngling; »mit diesem Trost will ich
meinem Vater unter die Augen treten. Wie es nun ausfalle, habt tausend
Dank für Rath und Trost, und erlaubt mir, daß ich noch einmal zu euch
komme, um euch zu danken, besser als ich es heute kann. Dann sollt ihr
auch meinen Namen erfahren, denn den ich in der Fremde geführt, der ist
nicht mein Name; meines Vaters Namen zu führen, schäme ich mich.«
Bei diesen Worten waren die Wandrer aus dem Walde getreten. Sie standen
auf einer Höhe, und vor ihnen breitete sich nach Westen hin ein
herrliches Thal mit mehreren Dörfern aus. »Kennt ihr die Gegend?« fragte
der Schulmeister den Fremden. »Wohl kenne ich sie«, war des Fremden
Antwort. »Das da drüben am Berge mit dem Schlosse, das so hell in der
Sonne glänzt, das ist Buseck, und dort im Thale sehe ich die Thürme von
Gießen. Ach dürfte ich es wieder meine Vaterstadt nennen!« »Muth gefaßt,
junger Freund«, sagte Justus, »wenn die Sonne untergeht, seid ihr dort.
Lebt wohl!« Unter herzlichem Händedruck schieden sie.
O wie mag dir der Heimweg so süß und friedlich gewesen sein, du guter
Justus! Du hast ein gut Tagewerk heute vollbracht; von dir gilt, was
dort der Prophet sagt: »Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der
Boten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen; die
da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!«
»Dort ruft, o möchte Gott es geben!
Vielleicht auch mir ein Sel'ger zu:
Heil sei dir, denn du hast das Leben,
Die Seele mir gerettet du!
O Gott, wie muß das Glück erfreu'n,
Der Retter einer Seele sein!« —
* * * * *
Es war Abend und der Fremde stand am Thore der Stadt Gießen. Unerkannt,
wie er bis dahin geblieben war, wollte er sich an der Wache vorbei in
die wohlbekannte Stadt einschleichen; aber die Schildwache, die am Thore
stand, vertrat ihm den Weg, und rief ihm in barschem Tone zu: »Hört,
Landsmann, wer hier hinein will, und ist ein Fremder von eurem Ansehen,
der hat zuvor Stand und Beruf zu melden, auch durch Paß und Schreiben
sich gehörig zu legitimiren.« Auf des Fremden Bemerkung, daß er ein
Stadtkind sei, sagte der Soldat nichts, als: »Das steht zu beweisen.«
»He, Renner«, rief er einem Soldaten zu, der gerade aus dem Fenster der
Wachstube heraussah, »nimm einmal den Mann hier als Arrestanten in
Empfang, und bringe ihn hinein zum Corporal; es scheint nicht richtig
mit ihm zu sein.«
So geschah es. Der Corporal fragte den Fremden nach Stand und Namen, und
schüttelte den Kopf, als er den letzteren gehört, und sagte: »Seid ihr
wirklich der, für den ihr euch ausgebt, so muß ich um des Gewissens
willen eine Ausnahme von dem Befehl machen, alle Arrestanten dem Herrn
Platzkommandanten vorzuführen. Mit eurer Heimkehr hat's Eil', wie ich
heute Abend gehört, als ich zum Verles ging. Geht also, nehmt aber
diesen Soldaten mit euch, der euch zurückbringen wird, falls ihr nicht
auf dem rechten Wege bleibt.«
In Begleitung des Soldaten durcheilte der Fremde die wohlbekannten
Straßen, lenkte in die Schloßgasse ein und ergriff den Klopfer einer
Hausthüre, um hinein zu gehen. Doch die Thüre war verschlossen. Ungestüm
hämmerte er mit dem Klopfer an der Thüre. Die ward auch bald geöffnet,
aber ein Bedienter vertrat dem Fremden den Weg und sagte: »Wollt ihr zum
Herrn Rath Laupus, so kommt später wieder, der Herr Rath sind krank und
lassen Niemand vor sich.« Dieses hören und den Bedienten zur Seite
stoßen und die Treppe hinanstürzen, war bei dem Fremden das Werk eines
Augenblicks. Ungestüm riß er die Thüre zum Schlafzimmer seines Vaters
auf, und mit lautem Schrei stürzte der verlorene Sohn vor das Bette des
todtkranken Vaters. Von dem Schrei schreckte der Kranke aus seinem
Fieberschlafe auf, starrte um sich her, und als sein Blick auf den Sohn
fiel, der zur Seite des Bettes auf den Knieen lag, richtete er sich mit
großer Anstrengung auf, und fragte hastig: »Träum' ich, oder bin ich
schon todt, oder ist es wahr, ist mein Benjamin zurückgekehrt?« »Ja,
Vater«, rief der Jüngling unter lautem Weinen, »ich bin's, dein Sohn ist
es; vergib ihm, um Gottes Barmherzigkeit willen, vergib ihm. Es reuet
mich Alles, was ich gethan, aus Herzensgrund; ich will fortan ein andrer
Mensch werden!« »Hab' Dank, guter Gott, für dieß letzte Labsal«, sprach
der Kranke, indem er zurücksank, mit der linken Hand seine Augen
bedeckte, und die rechte segnend auf des Sohnes Haupt legte. »Sei
willkommen, Benjamin, sei in Gottes Namen willkommen«, sprach er leise;
»du kommst zu rechter Zeit, und wenn der liebe Gott das Gebet eines
sterbenden Vaters erhört, so bitte ich um Christi willen, er möge dir
deine Sünde vergeben, wie ich dir vergeben habe. Komm, Benjamin, küsse
mich, und sei hinfort wieder mein guter Sohn. Ich sterbe bald,
vielleicht noch in dieser Stunde, so bleib' denn um mich, daß ich mich
deines Besitzes wieder freuen kann.«
Indem klopfte es an die Thüre; eine alte Frau, die als Wärterin am Ofen
gesessen hatte, öffnete sie, und ließ einen Mann herein, der auf das
Bette des Kranken zuging, und in leisem Tone sagte: »Herr Rath, ihr habt
meiner begehrt, womit kann ich euch zu Diensten sein?« »Ich danke euch,
Herr College Gerst«, sprach der Rath Laupus, »daß ihr meinem
freundlichen Bescheid schnell habt Folge gegeben. Mein Ansinnen sollte
sein, daß ihr meinen letzten Willen mir aufsetztet; nun aber der Herr
mein Gebet erhört, und meinen Benjamin mir zurückgeführt hat, so geht
nur mein Begehren an euch, ihr wollet euch meines Sohnes nach besten
Kräften annehmen und behülflich sein, daß er auf rechtem Wege erhalten
werde.« Wie der Rath Gerst darauf dem Kranken Handschlag und Wort
gegeben, trat er vom Bette weg, um Vater und Sohn ungestörter verkehren
zu lassen, und setzte sich in die Nähe des Ofens.
Die Wärterin hatte ihn mittlerweile nicht aus den Augen gelassen; ihre
Blicke ruhten forschend und stechend auf seinem schönen, aber finstern
Angesicht. Jetzt trat sie leise zu ihm, tupfte mit dem Finger auf seine
Schultern und sagte: »Seid ihr der Rath Gerst?« »Ja«, war die Antwort.
»Und seid aus Braubach am Rhein?« Dieselbe Antwort. »Und kennt auch
Einen, seines Standes ein Theologe, mit Namen Justus?« Der Rath
verfärbte sich und fragte: »Wie so, was ist mit dem?« »Nun, ich merke,«
sagte die Alte, indem sie den Mann mit ihren Augen zu durchbohren
schien, »ich bin auf der rechten Spur. Was mit dem Justus ist, fragt
ihr? Dem geht ein Teufel in Menschengestalt schon seit Jahren nach, und
suchet, wie er ihn verschlinge. Laß ab, du Teufel, von dem Gesegneten
des Herrn, oder es ergeht dir, wie Dathan und Abiram, die der Herr
verschlang mit seinem Feuer.« »Und wer seid ihr denn, unverschämtes
altes Weib«, sprach der Gerst in leidenschaftlichem, aber gedämpftem
Tone, »daß ihr es wagt, mich in dem Hause meines Freundes zu beleidigen,
habt ihr keinen Respect vor meiner Person und meinem Amte?« »Wer ich
bin«, rief das Weib mit zornrothem Angesicht, aber ebenfalls in
gedämpftem Tone: »Ich bin des seligen Matthes Lind vom Tiefenweg
eheliche, nachgelassene Wittib; und ich Barbara Lindin sage euch, habe
allen Respect vor eurem Amte, das von Gott geordnet ist, vor euch selbst
aber habe ich weniger Respect, denn vor dem Schinderkaspar, der hinter
dem Teufelslustgärtchen wohnt; denn der schindet, was todt ist, ihr aber
schindet Christenmenschen bei lebendigem Leib und nennt euch dazu einen
Herrn Rath. Pfui, sag' ich, über solch' Otterngezüchte! Pfui, sag' ich
noch einmal in meinem Namen, wenn ihr's hören wollt, und noch einmal
pfui, in Gottes Namen!« —
Die alte Lindin war im beßten Zuge, kein gutes Haar an dem Gerst zu
lassen; denn das war ihre schwächste Seite, daß sie nicht schweigen
konnte, wenn es galt, ein Unrecht zu strafen, oder einen Freund zu
vertheidigen. »Denn«, sagte sie, »eifern ist gut, wenn's immerdar
geschieht um's Gute.« Zum Glücke für ihren Gegner, der sich nicht mehr
zu helfen wußte, rief der Herr Rath Laupus ihn an sein Bette, und er
ergriff bald die erste Gelegenheit, sich aus der Krankenstube zu
entfernen, nicht ohne einen Blick der Rache auf die alte Lindin geworfen
zu haben, den diese standhaft aushielt und treulich erwiederte.
Heute war der Racheengel dem Gerst in Gestalt der alten Lindin genaht,
möchte sein Gewissen bald erwachen und er uns in anderem Lichte
erscheinen, wenn wir ihm in unserer Erzählung wieder begegnen! Doch die
Sünde läßt ihren Knecht nicht sobald aus ihrem Solde. »Wie der Löwe auf
den Raub lauert, also ergreifet zuletzt die Sünde den Uebelthäter.«