I.

Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme(2).

(2) Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900.

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis erbringen, daß es eine

psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu deuten, und daß

bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich als ein sinnvolles

psychisches Gebilde herausstellt, welches an angebbarer Stelle in das

seelische Treiben des Wachens einzureihen ist. Ich werde ferner

versuchen, die Vorgänge klarzulegen, von denen die Fremdartigkeit und

Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und aus ihnen einen Rückschluß auf

die Natur der psychischen Kräfte ziehen, aus deren Zusammen- oder

Gegeneinanderwirken der Traum hervorgeht. So weit gelangt, wird meine

Darstellung abbrechen, denn sie wird den Punkt erreicht haben, wo das

Problem des Träumens in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an

anderem Material in Angriff genommen werden muß.

Eine Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über den

gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft stelle ich

voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht häufig Anlaß haben

werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche Verständnis des

Traumes ist nämlich trotz mehrtausendjähriger Bemühung sehr wenig weit

gediehen. Dies wird von den Autoren so allgemein zugegeben, daß es

überflüssig scheint, einzelne Stimmen anzuführen. In den Schriften,

deren Verzeichnis ich zum Schlusse meiner Arbeit anfüge, finden sich

viele anregende Bemerkungen und reichlich interessantes Material zu

unserem Thema, aber nichts oder wenig, was das Wesen des Traumes träfe

oder eines seiner Rätsel endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in

das Wissen der gebildeten Laien übergegangen.

Welche Auffassung der Traum in den Urzeiten der Menschheit bei den

primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf die Bildung ihrer

Anschauungen von der Welt und von der Seele genommen haben mag, das ist

ein Thema von so hohem Interesse, daß ich es nur ungern von der

Bearbeitung in diesem Zusammenhange ausschließe. Ich verweise auf die

bekannten Werke von Sir J. _Lubbock_, H. _Spencer_, E. B. _Tylor_ u. a.

und füge nur hinzu, daß uns die Tragweite dieser Probleme und

Spekulationen erst begreiflich werden kann, nachdem wir die uns

vorschwebende Aufgabe der »Traumdeutung« erledigt haben.

Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt offenbar der

Traumschätzung bei den Völkern des klassischen Altertums zu grunde(3).

Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume mit der Welt

übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Beziehung stünden und

Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen brächten. Ferner drängte

sich ihnen auf, daß die Träume eine für den Träumer bedeutsame Absicht

hätten, in der Regel, ihm die Zukunft zu verkünden. Die außerordentliche

Verschiedenheit in dem Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es

allerdings schwierig, eine einheitliche Auffassung derselben

durchzuführen und nötigte zu mannigfachen Unterscheidungen und

Gruppenbildungen der Träume, je nach ihrem Wert und ihrer

Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen Philosophen des Altertums war die

Beurteilung des Traumes natürlich nicht unabhängig von der Stellung, die

sie der _Mantik_ überhaupt einzuräumen bereit waren.

(3) Das Folgende nach _Büchsenschütz_' #sorgfältiger Darstellung#.

In den beiden den Traum behandelnden Schriften des _Aristoteles_ ist der

Traum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir hören, der Traum sei

nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl aber dämonischer, da ja

die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. der Traum entstammt

keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern folgt aus den Gesetzen des

allerdings mit der Gottheit verwandten menschlichen Geistes. Der Traum

wird definiert als die Seelentätigkeit des Schlafenden, insofern er

schläft.

_Aristoteles_ kennt einige der Charaktere des Traumlebens, z. B. daß der

Traum kleine, während des Schlafes eintretende Reize ins Große umdeutet

(»man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und heiß zu werden, wenn nur eine

ganz unbedeutende Erwärmung dieses oder jenes Gliedes stattfindet«), und

zieht aus diesem Verhalten den Schluß, daß die Träume sehr wohl die

ersten bei Tag nicht bemerkten Anzeichen einer beginnenden Veränderung

im Körper dem Arzte verraten können(4).

(4) Über die Beziehungen des Traumes zu den Krankheiten handelt der

griechische Arzt _Hippokrates_ in einem Kapitel seines berühmten

Werkes.

Die Alten vor _Aristoteles_ hatten den Traum wie erwähnt nicht für ein

Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für eine Eingebung von

göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen Strömungen, die wir in

der Schätzung des Traumlebens als jederzeit vorhanden auffinden werden,

machten sich bereits bei ihnen geltend. Man unterschied wahrhafte und

wertvolle Träume, dem Schläfer gesandt, um ihn zu warnen oder ihm die

Zukunft zu verkünden, von eitlen, trügerischen und nichtigen, deren

Absicht es war, ihn in die Irre zu führen oder ins Verderben zu stürzen.

Die Traumlehre der Alten. -- Artemidorus.

_Gruppe_ (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, p. 390) gibt

eine solche Einteilung der Träume nach _Makrobius_ und _Artemidoros_

wieder: »Man teilte die Träume in zwei Klassen. Die eine sollte nur

durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, für die Zukunft

aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die ἐνύπνια, insomnia, die

unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil wiedergeben,

z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die φαντάσματα, welche die

gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. der Alpdruck,

Ephialtes. Die andere Klasse dagegen galt als bestimmend für die

Zukunft; zu ihr gehören: 1. die direkte Weissagung, die man im Traume

empfängt (χρηματισμός, oraculum), 2. das Voraussagen eines

bevorstehenden Ereignisses (ὅραμα, visio), 3. der symbolische, der

Auslegung bedürftige Traum (ὄνειρος, somnium). Diese Theorie hat sich

viele Jahrhunderte hindurch erhalten.«

Mit dieser wechselnden Einschätzung der Träume stand die Aufgabe einer

»Traumdeutung« im Zusammenhange. Da man von den Träumen im allgemeinen

wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht alle Träume unmittelbar

verstand und nicht wissen konnte, ob nicht ein bestimmter

unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, war der Anstoß zu

einer Bemühung gegeben, welche den unverständlichen Inhalt des Traumes

durch einen einsichtlichen und dabei bedeutungsvollen ersetzen konnte.

Als die größte Autorität in der Traumdeutung galt im späteren Altertum

_Artemidoros_ aus _Daldis_, dessen ausführliches Werk uns für die

verloren gegangenen Schriften des nämlichen Inhaltes entschädigen

muß(5).

(5) Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei

_Diepgen_ und in den Spezialuntersuchungen von M. _Förster_,

_Gotthard_ u. a. Über die Traumdeutung bei den Juden handeln _Almoli_,

_Amram_, _Löwinger_ sowie neuestens, mit Berücksichtigung des

psychoanalytischen Standpunktes, _Lauer_. Kenntnis der arabischen

Traumdeutung vermitteln _Drexl_, F. _Schwarz_ und der Missionär

_Tfinkdji_, der japanischen _Miura_ und _Iwaya_, der chinesischen

_Secker_, der indischen _Negelein_.

Die vorwissenschaftliche Traumauffassung der Alten stand sicherlich im

vollsten Einklange mit ihrer gesamten Weltanschauung, welche als

Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur innerhalb des

Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem Haupteindruck

Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Morgen übrigbleibende

Erinnerung von dem Traume empfängt, denn in dieser Erinnerung stellt

sich der Traum als etwas Fremdes, das gleichsam aus einer anderen Welt

herrührt, dem übrigen psychischen Inhalt entgegen. Es wäre übrigens

irrig zu meinen, daß die Lehre von der übernatürlichen Herkunft der

Träume in unseren Tagen der Anhänger entbehrt; von allen pietistischen

und mystischen Schriftstellern abgesehen -- die ja recht daran tun, die

Reste des ehemals ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu

halten, solange sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert

sind --, trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem

Abenteuerlichen abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die

Existenz und an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf

die Unerklärbarkeit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen

(_Haffner_). Die Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher

Philosophenschulen, z. B. der _Schellingianer_, ist ein deutlicher

Nachklang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und

auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des Traumes

ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psychologischen

Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten Materials nicht

ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien eines jeden, der sich

der wissenschaftlichen Denkungsart ergeben hat, zur Abweisung einer

solchen Behauptung hinneigen mögen.

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis der Traumprobleme

zu schreiben, ist darum so schwer, weil in dieser Erkenntnis, so

wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fortschritt

längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht zur

Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, auf dem

dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, sondern jeder neue

Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem und wie vom Ursprung her

wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge der Autoren halten und von

jedem einzelnen im Auszug berichten, welche Ansichten über die

Traumprobleme er geäußert, so müßte ich darauf verzichten, ein

übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen Stande der Traumerkenntnis

zu entwerfen; ich habe es darum vorgezogen, die Darstellung an die

Themata anstatt an die Autoren anzuknüpfen und werde bei jedem der

Traumprobleme anführen, was an Material zur Lösung desselben in der

Literatur niedergelegt ist.

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr verstreute und

auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu bewältigen, so

muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn nur keine

grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt in meiner

Darstellung verloren gegangen ist.

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt gesehen, Schlaf

und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzuhandeln, in der Regel auch

die Würdigung analoger Zustände, welche in die Psychopathologie reichen,

und traumähnlicher Vorkommnisse (wie der Halluzinationen, Visionen usw.)

anzuschließen. Dagegen zeigt sich in den jüngsten Arbeiten das

Bestreben, das Thema eingeschränkt zu halten und etwa eine einzelne

Frage aus dem Gebiete des Traumlebens zum Gegenstand zu nehmen. In

dieser Veränderung möchte ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß

in so dunklen Dingen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe

von Detailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als

eine solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur,

kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem des

Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches

Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die

Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat

mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes

hier außer Betracht.

Beziehung zum Wachleben.

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich führt zu

den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen:

a) _Beziehung des Traumes zum Wachleben_.

Das naive Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum -- wenn er schon

nicht aus einer anderen Welt stammt -- doch den Schläfer in eine andere

Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe _Burdach_, dem wir eine

sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traumphänomene verdanken,

hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten Satze Ausdruck gegeben

(p. 474): ». . . nie wiederholt sich das Leben des Tages mit seinen

Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden und Schmerzen, vielmehr geht

der Traum darauf aus, uns davon zu befreien. Selbst wenn unsere ganze

Seele von einem Gegenstand erfüllt war, wenn tiefer Schmerz unser

Inneres zerrissen oder eine Aufgabe unsere ganze Geisteskraft in

Anspruch genommen hatte, gibt uns der Traum entweder etwas ganz

Fremdartiges oder er nimmt aus der Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu

seinen Kombinationen oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein

und symbolisiert die Wirklichkeit.« -- J. H. _Fichte_ (I, 541) spricht

im selben Sinne direkt von _Ergänzungsträumen_ und nennt diese eine von

den geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem

Sinne äußert sich noch L. _Strümpell_ in der mit Recht von allen Seiten

hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der Träume (p. 16):

»Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußtseins abgekehrt« . . .

(p. 17): »Im Traume geht das Gedächtnis für den geordneten Inhalt des

wachen Bewußtseins und dessen normales Verhalten so gut wie ganz

verloren« . . . (p. 19): »Die fast erinnerungslose Abgeschiedenheit der

Seele im Traume von dem regelmäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen

Lebens« . . . .

Die überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Beziehung des

Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung vertreten. So

_Haffner_ (p. 19): »Zunächst setzt der Traum das Wachleben fort. Unsere

Träume schließen sich stets an die kurz zuvor im Bewußtsein gewesenen

Vorstellungen an. Eine genaue Beobachtung wird beinahe immer einen Faden

finden, in welchem der Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages

anknüpfte.« _Weygandt_ (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten

Behauptung _Burdachs_, »denn es läßt sich oft, anscheinend in der

überwiegenden Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade

ins gewöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien.«

_Maury_ (p. 56) sagt in seiner knappen Formel: »Nous rêvons de ce que

nous avons vu, dit, desiré ou fait«; _Jessen_ in seiner 1855

erschienenen Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: »Mehr oder

weniger wird der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle

Persönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand, Bildungsstufe,

gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen des ganzen

bisherigen Lebens.«

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph I. G. E. _Maaß_

(Über die Leidenschaften, 1805) Stellung: »Die Erfahrung bestätigt

unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von den Dingen träumen, auf

welche unsere wärmsten Leidenschaften gerichtet sind. Hieraus sieht man,

daß unsere Leidenschaften auf die Erzeugung unserer Träume Einfluß haben

müssen. Der Ehrgeizige träumt von den (vielleicht nur in seiner

Einbildung) errungenen oder noch zu erringenden Lorbeeren, indes der

Verliebte sich in seinen Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen

Hoffnungen beschäftigt, . . . Alle sinnlichen Begierden und

Verabscheuungen, die im Herzen schlummern, können, wenn sie durch irgend

einen Grund angeregt werden, bewirken, daß aus den mit ihnen

vergesellschafteten Vorstellungen ein Traum entsteht oder daß sich diese

Vorstellungen in einen bereits vorhandenen Traum einmischen.«

(Mitgeteilt von _Winterstein_ im Zbl. f. Ps.-A. . . . .)

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit des Trauminhaltes

vom Leben. Ich zitiere nach _Radestock_ (p. 139): Als Xerxes vor seinem

Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Entschluß durch guten Rat

abgelenkt, durch Träume aber immer wieder dazu angefeuert wurde, sagte

schon der alte rationelle Traumdeuter der Perser, _Artabanos_, treffend

zu ihm, daß die Traumbilder meist das enthielten, was der Mensch schon

im Wachen denke.

Im Lehrgedichte des _Lucretius_, De rerum natura, findet sich (IV,

v. 959) die Stelle:

»Et quo quisque fere studio devinctus adhaeret,

aut quibus in rebus multum sumus ante morati

atque in ea ratione fuit contenta magis mens,

in somnis eadem plerumque videmur obire;

causidici causas agere et componere leges,

induperatores pugnare ac proelia obire,« etc. etc.

_Cicero_ (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später

_Maury_: »Maximeque reliquiae earum rerum moventur in animis et

agitantur, de quibus vigilantes aut cogitavimus aut egimus.«

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung von

Traumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es ist darum am

Platz, der Darstellung von F. W. _Hildebrandt_ (1875) zu gedenken,

welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes ließen sich überhaupt

nicht anders beschreiben als durch eine »Reihe von Gegensätzen, welche

scheinbar bis zu Widersprüchen sich zuspitzen« (p. 8). »Den ersten

dieser Gegensätze bilden einerseits die _strenge Abgeschiedenheit oder

Abgeschlossenheit_ des Traumes von dem wirklichen und wahren Leben und

anderseits das stete _Hinübergreifen_ des einen in das andere, die stete

Abhängigkeit des einen von dem anderen. -- Der Traum ist etwas von der

wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte sagen,

ein in sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem wirklichen

Leben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht uns von der

Wirklichkeit los, löscht die normale Erinnerung an dieselbe in uns aus

und stellt uns in eine andere Welt und in eine ganz andere

Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu schaffen

hat . . . .« _Hildebrandt_ führt dann aus, wie mit dem Einschlafen unser

ganzes Sein mit seinen Existenzformen »wie hinter einer unsichtbaren

Falltür« verschwindet. Man macht dann etwa im Traume eine Seereise nach

St. Helena, um dem dort gefangenen Napoleon etwas Vorzügliches in

Moselweinen anzubieten. Man wird von dem Exkaiser aufs liebenswürdigste

empfangen und bedauert fast, die interessante Illusion durch das

Erwachen gestört zu sehen. Nun aber vergleicht man die Traumsituation

mit der Wirklichkeit. Man war nie Weinhändler und hat's auch nie werden

wollen. Man hat nie eine Seereise gemacht und würde St. Helena am

wenigsten zum Ziele einer solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man

durchaus keine sympathische Gesinnung, sondern einen grimmigen

patriotischen Haß. Und zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht

unter den Lebenden, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche

Beziehung zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit.

So erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwischen

zwei vollkommen zueinander passenden und einander fortsetzenden

Lebensabschnitten.

»Und dennoch,« setzt _Hildebrandt_ fort, »ebenso wahr und richtig ist

das scheinbare _Gegenteil_. Ich meine, mit dieser Abgeschlossenheit und

Abgeschiedenheit geht doch die innigste Beziehung und Verbindung Hand in

Hand. Wir dürfen geradezu sagen: Was der Traum auch irgend biete, er

nimmt das Material dazu aus der Wirklichkeit und aus dem Geistesleben,

welches an dieser Wirklichkeit sich abwickelt . . . Wie wunderlich er's

damit treibe, er kann doch eigentlich niemals von der realen Welt los

und seine sublimsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren

Grundstoff entlehnen von dem, was entweder in der Sinnwelt uns vor Augen

getreten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits

Platz gefunden hat, mit anderen Worten, von dem, was wir äußerlich oder

innerlich bereits erlebt haben.«

b) _Das Traummaterial_. -- _Das Gedächtnis im Traume_.

Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend eine

Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, _erinnert_

wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis gelten. Doch

wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zusammenhang des

Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als augenfälliges Ergebnis

der angestellten Vergleichung ergeben müsse. Derselbe muß vielmehr

aufmerksam gesucht werden und weiß sich in einer ganzen Reihe von Fällen

für lange Zeit zu verbergen. Der Grund hiefür liegt in einer Anzahl von

Eigentümlichkeiten, welche die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und

die, obwohl allgemein bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen

haben. Es wird der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen.

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auftritt, welches

man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und Erleben gehörig

anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Betreffende geträumt, aber

erinnert nicht, daß und wann man es erlebt hat. Man bleibt dann im

unklaren darüber, aus welcher Quelle der Traum geschöpft hat, und ist

wohl versucht, an eine selbständig produzierende Tätigkeit des Traumes

zu glauben, bis oft nach langer Zeit ein neues Erlebnis die verloren

gegebene Erinnerung an das frühere Erlebnis wiederbringt und damit die

Traumquelle aufdeckt. Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas

gewußt und erinnert hatte, was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen

entzogen war(6).

(6) _Vaschide_ behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im

Traum fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt _Delboeuf_ aus

seiner eigenen Traumerfahrung. Er sah im Traume den Hof seines Hauses

mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen halb erstarrt und

unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund aufnahm, erwärmte und

in die für sie bestimmte kleine Höhle im Gemäuer zurückbrachte. Außerdem

steckte er ihnen einige Blätter von einem kleinen Farnkraut zu, das auf

der Mauer wuchs und das sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume

kannte er den Namen der Pflanze: Asplenium ruta muralis. -- Der Traum

ging dann weiter, kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück

und zeigte _Delboeuf_ zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich

über die Reste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick

aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu dem

Loche in der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße bedeckt von

einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben Richtung

wanderten.

_Delboeufs_ Wissen umfaßte im Wachen nur wenige lateinische

Pflanzennamen und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. Zu

seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn dieses

Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine richtige

Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An ein zufälliges

Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken; es blieb aber für

_Delboeuf_ rätselhaft, woher er im Traume die Kenntnis des Namens

Asplenium genommen hatte.

Das Traumgedächtnis. -- Hypermnesie des Traumes.

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre später erblickt

der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er besucht, ein kleines

Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Erinnerungsgaben in manchen

Gegenden der Schweiz an die Fremden verkauft werden. Eine Erinnerung

steigt in ihm auf, er öffnet das Herbarium, findet in demselben das

Asplenium seines Traumes und erkennt seine eigene Handschrift in dem

beigefügten lateinischen Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang

herstellen. Eine Schwester dieses Freundes hatte im Jahre 1860 -- zwei

Jahre vor dem Eidechsentraume -- auf der Hochzeitsreise _Delboeuf_

besucht. Sie hatte damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei

sich und _Delboeuf_ unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines

Botanikers zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen

hinzuzuschreiben.

Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilenswert

macht, gestattete _Delboeuf_, noch ein anderes Stück aus dem Inhalt

dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. Eines Tages

im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten Zeitschrift in

die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzug abgebildet sah, wie er

ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die Jahreszahl 1861 und

_Delboeuf_ wußte sich zu erinnern, daß er von dem Erscheinen der

Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört hatte.

Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem Wachen unzugänglich

sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeutsame Tatsache, daß

ich durch Mitteilung noch anderer »hypermnestischer« Träume die

Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. _Maury_ erzählt, daß ihm eine

Zeitlang das Wort _Mussidan_ bei Tag in den Sinn zu kommen pflegte. Er

wußte, daß es der Name einer französischen Stadt sei, aber weiter

nichts. Eines Nachts träumte ihm von einer Unterhaltung mit einer

gewissen Person, die ihm sagte, sie käme aus _Mussidan_, und auf seine

Frage, wo die Stadt liege, zur Antwort gab: _Mussidan_ sei eine

Kreisstadt im _Département de la Dordogne_. Erwacht, schenkte _Maury_

der im Traume erhaltenen Auskunft keinen Glauben; das geographische

Lexikon belehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem

Falle ist das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle

dieses Wissens aber nicht aufgespürt worden.

_Jessen_ erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis aus älteren

Zeiten: »Dahin gehört unter anderem der Traum des älteren _Scaliger_

(_Hennings_ l. c., p. 300), welcher ein Gedicht zum Lobe der berühmten

Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, welcher sich _Brugnolus_

nannte, im Traume erschien und sich beklagte, daß er vergessen sei.

Obgleich _Scaliger_ sich nicht erinnerte, je etwas von ihm gehört zu

haben, so machte er doch Verse auf ihn, und sein Sohn erfuhr nachher in

Verona, daß ehemals ein solcher _Brugnolus_ als Kritiker daselbst

berühmt gewesen sei.«

Einen hypermnestischen Traum, welcher sich durch die besondere

Eigentümlichkeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum

die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht,

erzählt der _Marquis d'Hervey de St. Denis_ (nach _Vaschide_, p. 232):

»Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem Haar, die ich

mit meiner Schwester plaudern sah, während sie ihr eine Stickereiarbeit

zeigte. Im Traum kam sie mir sehr bekannt vor, ich meinte sogar, sie zu

wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach dem Erwachen habe ich dieses

Gesicht noch lebhaft vor mir, kann es aber absolut nicht erkennen. Ich

schlafe nun wieder ein; das Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen

Traum spreche ich nun die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht

schon das Vergnügen gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet

die Dame, erinnern Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache

ich wieder auf und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die

Einzelheiten zu besinnen, mit denen dieses anmutige Traumgesicht

verknüpft war.«

Derselbe Autor (bei _Vaschide_, p. 233) berichtet:

Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie, die ihm

völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er dieselbe in einer

alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die vorher in der Hand

gehabt zu haben er sich noch immer nicht erinnert.

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Proceedings of the

Society for psychical research) soll _Myers_ eine ganze Sammlung solcher

hypermnestischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, jeder, der sich

mit Träumen beschäftigt, wird es als ein sehr gewöhnliches Phänomen

anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für Kenntnisse und Erinnerungen

ablegt, welche der Wachende nicht zu besitzen vermeint. In den

psycho-analytischen Arbeiten mit Nervösen, von denen ich später

berichten werde, komme ich jede Woche mehrmals in die Lage, den

Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, daß sie Zitate, obszöne Worte

u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und daß sie sich ihrer im Traume

bedienen, obwohl sie sie im wachen Leben vergessen haben. Einen

harmlosen Fall von Traumhypermnesie will ich hier noch mitteilen, weil

sich bei ihm die Quelle, aus welcher die nur dem Traume zugängliche

Kenntnis stammte, sehr leicht auffinden ließ.

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß er sich in

einem Kaffeehause eine »Kontuszówka« geben lasse, fragte aber nach der

Erzählung, was das wohl sei; er habe den Namen nie gehört. Ich konnte

antworten, Kontuszówka sei ein polnischer Schnaps, den er im Traume

nicht erfunden haben könne, da mir der Name von Plakaten her schon lange

bekannt sei. Der Mann wollte mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige

Tage später, nachdem er seinen Traum im Kaffeehause hatte zur

Wirklichkeit werden lassen, bemerkte er den Namen auf einem Plakat und

zwar an einer Straßenecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im

Tage hatte passieren müssen.

Ich habe selbst an eigenen Träumen erfahren, wie sehr man mit der

Aufdeckung der Herkunft einzelner Traumelemente vom Zufalle abhängig

bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Abfassung dieses Buches

das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirchturmes, den gesehen zu

haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich erkannte ihn dann plötzlich,

und zwar mit voller Sicherheit, auf einer kleinen Station zwischen

Salzburg und Reichenhall. Es war in der zweiten Hälfte der

Neunzigerjahre, und ich hatte die Strecke im Jahre 1886 zum erstenmal

befahren. In späteren Jahren, als ich mich bereits intensiv mit dem

Studium der Träume beschäftigte, wurde das häufig wiederkehrende

Traumbild einer gewissen merkwürdigen Lokalität mir geradezu lästig. Ich

sah in bestimmter örtlicher Beziehung zu meiner Person, zu meiner

Linken, einen dunklen Raum, aus dem mehrere groteske Sandsteinfiguren

hervorleuchteten. Ein Schimmer von Erinnerung, dem ich nicht recht

glauben wollte, sagte mir, es sei ein Eingang in einen Bierkeller; es

gelang mir aber weder aufzuklären, was dieses Traumbild bedeuten wolle,

noch woher es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich

zu meinem Bedauern seit 1895 nicht wieder hatte besuchen können. Mein

erster Besuch in der schönen Universitätsstadt war unbefriedigend

geblieben; ich hatte die Fresken _Giottos_ in der _Madonna dell' Arena_

nicht besichtigen können und machte mitten auf der dahin führenden

Straße kehrt, als man mir mitteilte, das Kirchlein sei an diesem Tage

gesperrt. Bei meinem zweiten Besuche, zwölf Jahre später, gedachte ich

mich zu entschädigen und suchte vor allem den Weg zur Madonna dell'

Arena auf. An der zu ihr führenden Straße, linkerhand von meiner

Wegrichtung, wahrscheinlich an der Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war,

entdeckte ich die Lokalität, die ich so oft im Traume gesehen hatte, mit

den in ihr enthaltenen Sandsteinfiguren. Es war in der Tat der Eingang

in einen Restaurationsgarten.

* * * * *

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Reproduktion

bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des Wachens nicht

erinnert und nicht verwendet wird, ist das _Kindheitsleben_. Ich werde

nur einige der Autoren anführen, die dies bemerkt und betont haben:

_Hildebrandt_ (p. 23): »Ausdrücklich ist schon zugegeben worden, daß der

Traum bisweilen mit wunderbarer Reproduktionskraft uns ganz abgelegene

und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit treu vor die Seele

zurückführt.«

_Strümpell_ (p. 40): »Die Sache steigert sich noch mehr, wenn man

bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten und

massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die

frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner

Lokalitäten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher

Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf solche

Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein gewonnen

oder sich mit starken psychischen Werten verbunden haben, und nun später

im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, an denen das

erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traumgedächtnisses

umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, Dingen, Lokalitäten und

Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder nur ein geringes Bewußtsein

oder keinen psychischen Wert besaßen oder längst das eine wie das andere

verloren hatten und deshalb auch sowohl im Traume wie nach dem Erwachen

als gänzlich fremd und unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung

entdeckt wird.«

_Volkelt_ (p. 119): »Besonders bemerkenswert ist es, wie gern Kindheits-

und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran wir längst nicht

mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit verloren: der Traum

mahnt uns daran unermüdlich.«

Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches

bekanntlich zum größten Teil in die Lücken der bewußten

Erinnerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten

hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele

mitteilen will.

_Maury_ erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt _Meaux_ als Kind

häufig nach dem nahe gelegenen _Trilport_ gekommen war, wo sein Vater

den Bau einer Brücke leitete. In einer Nacht versetzt ihn der Traum nach

_Trilport_ und läßt ihn wieder in den Straßen der Stadt spielen. Ein

Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform trägt. _Maury_ fragt ihn nach

seinem Namen; er stellt sich vor, er heiße C. . . und sei

Brückenwächter. Nach dem Erwachen fragt der an der Wirklichkeit der

Erinnerung noch zweifelnde _Maury_ eine alte Dienerin, die seit der

Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an einen Mann dieses Namens erinnern

kann. Gewiß, lautet die Antwort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr

Vater damals gebaut hat.

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im Traume

auftretenden Kindheitserinnerung berichtet _Maury_ von einem Herrn

F. . ., der als Kind in _Montbrison_ aufgewachsen war. Dieser Mann

beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat und alte, seither

nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu besuchen. In der Nacht vor

seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele ist und in der Nähe von

_Montbrison_ einen ihm vom Ansehen unbekannten Herrn begegnet, der ihm

sagt, er sei der Herr T., ein Freund seines Vaters. Der Träumer wußte,

daß er einen Herrn dieses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich

aber im Wachen nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun

wirklich in _Montbrison_ angelangt, findet er die für unbekannt

gehaltene Lokalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er

sofort als den T. des Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur

stärker gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte.

Infantiles und rezentes Material.

Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu erinnernde

Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in einem Traume eine

Person, von der ich im Traume wußte, es sei der Arzt meines heimatlichen

Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie vermengte sich aber mit der

Vorstellung eines meiner Gymnasiallehrer, den ich noch heute

gelegentlich treffe. Welche Beziehung die beiden Personen verknüpfe,

konnte ich dann im Wachen nicht ausfindig machen. Als ich aber meine

Mutter nach dem Arzte dieser meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr

ich, daß er einäugig gewesen war, und einäugig ist auch der

Gymnasiallehrer, dessen Person die des Arztes im Traume gedeckt hatte.

Es waren 38 Jahre her, daß ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe

meines Wissens im wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl

eine Narbe am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können.

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße Rolle der

Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, wenn mehrere Autoren

behaupten, in den meisten Träumen ließen sich Elemente aus den

allerjüngsten Tagen nachweisen. _Robert_ (p. 46) äußert sogar: »Im

allgemeinen beschäftigt sich der normale Traum nur mit den Eindrücken

der letztvergangenen Tage.« Wir werden allerdings erfahren, daß die von

_Robert_ aufgebaute Theorie des Traumes eine solche Zurückdrängung der

ältesten und Vorschiebung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert.

Die Tatsache aber, der _Robert_ Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach

eigenen Untersuchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer

Autor _Nelson_ meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke vom

Tage vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet, als ob

die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorhergehenden Tages nicht

abgeschwächt -- nicht abgelegen -- genug wären.

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des Trauminhaltes

mit dem Wachleben nicht bezweifeln mochten, aufgefallen, daß Eindrücke,

welche das wache Denken intensiv beschäftigen, erst dann im Traume

auftreten, wenn sie von der Tagesgedankenarbeit einigermaßen zur Seite

gedrängt worden sind. So träumt man in der Regel von einem lieben Toten

nicht die erste Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt

(_Delage_). Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß _Hallam_,

auch Beispiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für

diesen Punkt das Recht der psychologischen Individualität.

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlichkeit des

Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des reproduzierten

Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Bedeutsamste, sondern im

Gegenteil auch das Gleichgültigste, Unscheinbarste der Erinnerung wert

gehalten wird. Ich lasse hierüber jene Autoren zum Worte kommen, welche

ihrer Verwunderung den kräftigsten Ausdruck gegeben haben.

_Hildebrandt_ (p. 11): »Denn das ist das Merkwürdige, daß der Traum

seine Elemente in der Regel nicht aus den großen und tiefgreifenden

Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden Interessen des

vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen Zugaben, sozusagen

aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten oder weiter rückwärts

liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschütternde Todesfall in unserer

Familie, unter dessen Eindrücken wir spät einschlafen, bleibt

ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis ihn der erste wache Augenblick

mit betrübender Gewalt in dasselbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze

auf der Stirn eines Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen

Augenblick mehr dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die

spielt eine Rolle in unserem Traume« . . .

_Strümpell_ (p. 39): ». . solche Fälle, wo die Zerlegung eines Traumes

Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus den Erlebnissen des

vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so unbedeutend und

wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie kurz nach dem Erleben

der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen Erlebnisse sind etwa

zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich bemerkte Handlungen eines

anderen, rasch vorübergegangene Wahrnehmungen von Dingen oder Personen,

einzelne kleine Stücke aus einer Lektüre u. dgl.«

_Havelock Ellis_ (1899, p. 727): »The profound emotions of waking life,

the questions and problems on which we spread our chief voluntary mental

energy, are not those which usually present themselves at once to

dreamconsciousness. It is so far as the immediate past is concerned,

mostly the trifling, the incidental, the ›forgotten‹ impressions of

daily life which reappear in our dreams. The psychic activities that are

awake most intensely are those that sleep most profoundly.«

_Binz_ (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlichkeiten des

Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung mit den von ihm

selbst unterstützten Erklärungen des Traumes auszusprechen: »Und der

natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. Warum träumen wir nicht

immer die Gedächtniseindrücke der letztverlebten Tage, sondern tauchen

oft ein ohne irgend erkennbares Motiv in weit hinter uns liegende, fast

erloschene Vergangenheit? Warum empfängt im Traume das Bewußtsein so oft

den Eindruck _gleichgültiger_ Erinnerungsbilder, während die

Gehirnzellen da, wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in

sich tragen, meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute

Auffrischung während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?«

Erinnerung an nebensächliche Eindrücke.

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traumgedächtnisses

für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den Tageserlebnissen

zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des Traumes vom Tagesleben

überhaupt zu verkennen und dann wenigstens den Nachweis derselben in

jedem einzelnen Falle zu erschweren. So war es möglich, daß Miß _Whiton

Calkins_ bei der statistischen Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten)

Träume doch 11% der Anzahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum

Tagesleben nicht ersichtlich war. Sicherlich hat _Hildebrandt_ mit der

Behauptung recht, daß sich alle Traumbilder uns genetisch erklären

würden, wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten,

ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich »ein äußerst

mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens darauf

hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abgelegensten

Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig indifferente

Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, die ihnen

vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage zu fördern«.

Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige Autor sich von der

Verfolgung des so unscheinbar beginnenden Weges abhalten ließ; er hätte

ihn unmittelbar zum Zentrum der Traumerklärung geleitet.

Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst bedeutsam für

jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, daß »nichts, was wir

geistig einmal besessen, ganz und gar verloren gehen kann« (_Scholz_,

p. 34). Oder, wie _Delboeuf_ es ausdrückt, »que toute impression même la

plus insignifiante, laisse une trace inaltérable, indéfiniment

susceptible de reparaître au jour«, ein Schluß, zu welchem so viele

andere pathologische Erscheinungen des Seelenlebens gleichfalls drängen.

Man halte sich nun diese außerordentliche Leistungsfähigkeit des

Gedächtnisses im Traume vor Augen, um den Widerspruch lebhaft zu

empfinden, den gewisse später zu erwähnende Traumtheorien aufstellen

müssen, wenn sie die Absurdität und Inkohärenz der Träume durch ein

partielles Vergessen des uns am Tage Bekannten erklären wollen.

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des Träumens

überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume die Äußerung

einer auch nachts nicht rastenden Reproduktionstätigkeit sehen, die sich

Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von _Pilcz_ würden hiezu stimmen,

denen zufolge feste Beziehungen zwischen der Zeit des Träumens und dem

Inhalt der Träume nachweisbar sind in der Weise, daß im tiefen Schlafe

Eindrücke aus den ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke

vom Traume reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von

vornherein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu

erinnernden Material verfährt. _Strümpell_ macht mit Recht darauf

aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht

vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das folgende

Glied bleibt aus; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle erscheint

ein ganz fremdes. Der Traum bringt nur Bruchstücke von Reproduktionen.

Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine theoretische

Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, in denen ein Traum ein

Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie unsere Erinnerung im Wachen

es vermag. _Delboeuf_ erzählt von einem seiner Universitätskollegen, daß

er im Traume eine gefährliche Wagenfahrt, bei welcher er einem Unfalle

nur wie durch ein Wunder entging, mit all ihren Einzelheiten wieder

durchgemacht habe. Miß _Calkins_ erwähnt zweier Träume, welche die

genaue Reproduktion eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten und

ich selbst werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes

Beispiel von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses

mitzuteilen(7).

(7) Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so selten

harmlose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume

wiederholt werden, etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen

zubereiten u. dgl. Bei solchen Träumen betont der Träumer selbst aber

nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den der »Wirklichkeit«.

»Ich habe das alles am Tage wirklich getan.«

c) _Traumreize und Traumquellen_.

Was man unter Traumreizen oder Traumquellen verstehen soll, das kann

durch eine Berufung auf die Volksrede »Träume kommen vom Magen«

verdeutlicht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt

sich eine Theorie, die den Traum als Folge einer Störung des Schlafes

erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes im

Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf diese

Störung.

Die Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume nehmen in den

Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. Daß das Problem sich

erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein Gegenstand der biologischen

Forschung geworden war, ist selbstverständlich. Die Alten, denen der

Traum als göttliche Sendung galt, brauchten nach einer Reizquelle für

ihn nicht zu suchen; aus dem Willen der göttlichen oder dämonischen

Macht erfloß der Traum, aus deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Für

die Wissenschaft erhob sich alsbald die Frage, ob der Anreiz zum Träumen

stets der nämliche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die

Erwägung, ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie oder

vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren scheinen

anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen des

Träumens, mannigfaltiger Art sein können und daß Leibreize ebenso wie

seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern gelangen. In der

Bevorzugung der einen oder der anderen unter den Traumquellen, in der

Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je nach ihrer Bedeutsamkeit

für die Entstehung des Traumes gehen die Ansichten weit auseinander.

Traumreize und Traumquellen.

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da ergeben sich

schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung der Träume

verwendet worden sind.

Die Traumdeutung · 第 17 / 57 题