VERLAGS-NR. 2176.

Vorbemerkung.

Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung versuche, glaube ich

den Umkreis neuropathologischer Interessen nicht überschritten zu

haben. Denn der Traum erweist sich bei der psychologischen Prüfung

als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer Gebilde, von

deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die Zwangs- und die

Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen beschäftigen müssen.

Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann der Traum -- wie sich zeigen

wird -- Anspruch nicht erheben; um so größer ist aber sein theoretischer

Wert als Paradigma, und wer sich die Entstehung der Traumbilder nicht zu

erklären weiß, wird sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs-

und Wahnideen, eventuell um deren therapeutische Beeinflussung,

vergeblich bemühen.

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtigkeit verdankt,

ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit verantwortlich zu

machen. Die Bruchflächen, welche man in dieser Darstellung so reichlich

finden wird, entsprechen ebensovielen Kontaktstellen, an denen das

Problem der Traumbildung in umfassendere Probleme der Psychopathologie

eingreift, die hier nicht behandelt werden konnten, und denen, wenn Zeit

und Kraft ausreichen und weiteres Material sich einstellt, spätere

Bearbeitungen gewidmet werden sollen.

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem ich die Traumdeutung erläutere,

haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es wird sich aus

der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur erzählten oder

von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine Zwecke unbrauchbar sein

mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen den eigenen Träumen und denen

meiner in psychoanalytischer Behandlung stehenden Patienten. Die

Verwendung des letzteren Materials wurde mir durch den Umstand verwehrt,

daß hier die Traumvorgänge einer unerwünschten Komplikation durch die

Einmengung neurotischer Charaktere unterlagen. Mit der Mitteilung meiner

eigenen Träume aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von

den Intimitäten meines psychischen Lebens fremden Einblicken mehr

eröffnete als mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht

Poet, sondern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich,

aber unvermeidlich; ich habe mich also darein gefügt, um nicht auf die

Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt verzichten

zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht widerstehen

können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen Indiskretionen die

Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte es dem Werte der von

mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten Nachteile. Ich kann nur

die Erwartung aussprechen, daß die Leser dieser Arbeit sich in meine

schwierige Lage versetzen werden, um Nachsicht mit mir zu üben, und

ferner daß alle Personen, die sich in den mitgeteilten Träumen irgendwie

betroffen finden, wenigstens dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht

werden versagen wollen.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung des ersten

Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, verdanke ich

nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in den vorstehenden

Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der Psychiatrie scheinen

sich keine Mühe gegeben zu haben, über das anfängliche Befremden

hinauszukommen, welches meine neuartige Auffassung des Traumes erwecken

konnte, und die Philosophen von Beruf, die nun einmal gewöhnt sind, die

Probleme des Traumlebens als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit

einigen -- meist den nämlichen -- Sätzen abzuhandeln, haben offenbar

nicht bemerkt, daß man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen

könne, was zu einer gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen

Lehren führen muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik

konnte nur zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegenwerden das

Schicksal dieses meines Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von

wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Handhabung der

Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume deuten, um diese

Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu verwerten, hätte die

erste Auflage des Buches nicht erschöpft. So fühle ich mich denn jenem

weiteren Kreise von Gebildeten und Wißbegierigen verpflichtet, deren

Teilnahme mir die Aufforderung verschafft hat, die schwierige und für so

vieles grundlegende Arbeit nach neun Jahren von neuem vorzunehmen.

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern fand. Ich

habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner vermehrten

Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen wenigen Punkten

Umarbeitungen versucht; alles Wesentliche über den Traum und seine

Deutung sowie über die daraus ableitbaren psychologischen Lehrsätze ist

aber ungeändert geblieben; es hat, wenigstens subjektiv, die Probe der

Zeit bestanden. Wer meine anderen Arbeiten (über Ätiologie und

Mechanismus der Psychoneurosen) kennt, weiß, daß ich niemals Unfertiges

für fertig ausgegeben und mich stets bemüht habe, meine Aussagen nach

meinen fortschreitenden Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des

Traumlebens durfte ich bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In

den langen Jahren meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich

wiederholt ins Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war

es immer wieder die »Traumdeutung«, an der ich meine Sicherheit

wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also

einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf das Gebiet der

Traumforschung nicht folgen wollen.

Auch das Material dieses Buches, diese zum größten Teil durch die

Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen ich die

Regeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der Revision ein

Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen widersetzte. Für

mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere subjektive Bedeutung, die

ich erst nach seiner Beendigung verstehen konnte. Es erwies sich mir als

ein Stück meiner Selbstanalyse, als meine Reaktion auf den Tod meines

Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis, den einschneidendsten

Verlust im Leben eines Mannes. Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte

ich mich unfähig, die Spuren dieser Einwirkung zu verwischen. Für den

Leser mag es aber gleichgültig sein, an welchem Material er Träume

würdigen und deuten lernt.

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zusammenhang

einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten Bearbeitung

durch eckige Klammern angedeutet(1).

_Berchtesgaden_, im Sommer 1908.

(1) Diese wurden bei den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen.

Vorwort zur dritten Auflage.

Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses Buches ein

Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das Bedürfnis nach

einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre bemerkbar gemacht.

Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn ich aber vorhin die

Vernachlässigung meines Werkes von Seite der Leser nicht als Beweis für

dessen Unwert gelten lassen wollte, kann ich das nunmehr zu Tage

getretene Interesse auch nicht als Beweis für seine Trefflichkeit

verwerten.

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die

»Traumdeutung« nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 niederschrieb,

bestand die »Sexualtheorie« noch nicht, war die Analyse der

komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. Die

Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psychologische

Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das vertiefte

Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes zurückgewirkt.

Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich nach einer Richtung

weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auflage dieses Buches nicht

genug Akzent gefallen war. Durch eigene Erfahrung wie durch die Arbeiten

von W. _Stekel_ und anderen habe ich seither den Umfang und die

Bedeutung der Symbolik im Traume (oder vielmehr im unbewußten Denken)

richtiger würdigen gelernt. So hat sich im Laufe dieser Jahre vieles

angesammelt, was Berücksichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen

Neuerungen durch zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von

Fußnoten Rechnung zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den

Rahmen der Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht an

allen Stellen gelungen ist, den früheren Text auf das Niveau unserer

heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel des Buches

um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anzeichen der nunmehr beschleunigten

Entwicklung unseres Wissens sind. Ich getraue mich auch vorherzusagen,

nach welchen anderen Richtungen spätere Auflagen der Traumdeutung --

falls sich ein Bedürfnis nach solchen ergeben würde -- von der

vorliegenden abweichen werden. Dieselben müßten einerseits einen engeren

Anschluß an den reichen Stoff der Dichtung, des Mythus, des

Sprachgebrauchs und des Folklore suchen, anderseits die Beziehungen des

Traumes zur Neurose und zur Geistesstörung noch eingehender, als es hier

möglich war, behandeln.

Herr _Otto Rank_ hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle Dienste

geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. Ich bin ihm

und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen zu Dank

verpflichtet.

_Wien_, im Frühjahr 1911.

Vorwort zur vierten Auflage.

Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. _Brill_ in New York eine englische

Übersetzung dieses Buches zu Stande gebracht. [The interpretation of

dreams. G. Allen & Cy., London.]

Herr Dr. Otto _Rank_ hat diesmal nicht nur die Korrekturen besorgt,

sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. (Anhang

zu Kap. VI.)

_Wien_, im Juni 1914.

Inhaltsverzeichnis.

Die Traumdeutung · 第 3 / 57 题