DREIZEHNTES KAPITEL

REISEN IN SÜD-CAMARINES, FORTSETZUNG. -- BATU-SEE. -- INDISCHE

PRIESTER. -- NIEDERLASSUNG VON WILDEN. -- FEIER DER KREUZBULLE. --

BUHI-SEE. -- VULKAN YRIGA. -- ANANASFASERN. -- PFEILGIFT. --

BLUTEGEL. -- SOLFATARE YGABO. -- KIESELSPRUDEL VON TIBI.

Anderthalb Stunden nach der Abfahrt von Polángui erreichten wir den Ort

Bátu, in der NW. Ecke des gleichnamigen Sees. Die Leute, besonders die

Frauen fielen mir wegen ihrer Hässlichkeit und geringen Reinlichkeit

auf. Obgleich sie unmittelbar am See wohnen und täglich ihr Trinkwasser

daraus schöpfen, scheinen sie nur selten darin zu baden. Die Strassen

des Dorfes sind gleichfalls schmutzig und vernachlässigt, was zum

Theil wohl daran liegt, dass der Geistliche ein Eingeborner ist.

Der Bátu-See nimmt im November, zu Ende des Regenmonsun, einen viel

grösseren Raum ein als in der trockenen Jahreszeit und ist dann,

besonders in der SW. Ecke, weit über seine flachen Ufer getreten. Eine

grosse Menge von Wasserpflanzen wächst an den seichteren Stellen,

namentlich aber ist eine zierliche Alge [120], nicht dicker als

Pferdehaar, aber sehr verästelt und endlos durch einander fortwachsend,

in so ungeheurer Fülle vorhanden, dass sie eine hinreichend starke

Decke bildet, um grosse Wasservögel zu tragen. Zu hunderten gehn

sie darauf spazieren und fressen kleine Fische und Garnelen, welche

zwischen den Maschen dieses Netzwerkes wimmeln und ihnen bequem zur

Beute fallen. Auch von den Eingeborenen werden letztere massenhaft

mit gestielten Netzen aus dem Wasser geschöpft und theils frisch,

theils wie alter Käse durch Fäulniss pikanter gemacht, zum Reis

gegessen. Diese kleinen Krebse sind durchaus nicht auf den Bátu-See

beschränkt. Im Süss- und Brackwasser des philippinischen und indischen

Archipels und hinterindischen Festlandes werden sie (oder verwandte

Arten) in zahllosen Mengen gefangen und bilden gesalzen, gedörrt, in

Salz- oder Gewürzbrühen eingemacht, auch in Form von Pasten wichtige

Nahrungsmittel oder Kondimente. Sie fehlen auf keinem Markte und sind

Gegenstand nicht unbedeutender Ausfuhr nach China. [121] Es gelang mir

nicht von den Wasservögeln zu schiessen, da das dichte Pflanzengewirr

den Nachen nicht hinreichend nahe kommen liess.

Als ich denselben See im Februar wieder besuchte, fand ich sein Wasser

so bedeutend gefallen, dass ringsum ein breiter Saum trocken lag,

der an manchen Stellen über 100' maass. Das Algengewirr war bei dem

allmäligen Zurücktreten des Wassers zu einem dichten, zolldicken, von

der Sonne völlig gebleichten Filzteppich zusammengesunken, der sich

als ein einziges grosses Tuch rings um den Rand des Sees ausspannte

und über die Sträucher fort hing, die bei meinem ersten Besuch unter

Wasser standen. Nie habe ich etwas ähnliches gesehn oder erwähnt

gefunden. Der Stoff, der in Streifen von beliebiger Länge umsonst

zu haben war, erwies sich so vortrefflich zu Flintenpfropfen, zum

Ausstopfen von Vogelbälgen und zum Verpacken, dass ich eine grosse

Menge davon mitnahm. Diesmal war auch die Vogeljagd ergiebig.

Der eingeborene Priester von Bátu klagt sehr über seine Pfarrkinder,

die ihm nichts zu verdienen geben: »Keine Messen Herr; ja dies ist ein

so elendes Nest, dass kaum Todesfälle vorkommen. In D. wo ich Coadjutor

war, hatten wir täglich unsere zwei Beerdigungen zu drei Dollar

das Stück, und Messen zu einem Dollar, mehr als wir lesen konnten;

-- ausserdem Taufen und Trauungen, die doch auch etwas einbringen;

hier aber ist nichts, gar nichts zu verdienen.« Er hatte sich daher

mit Eifer auf den Handel gelegt. Die eingeborenen Geistlichen machen

ihrem Stande in der Regel wenig Ehre. Unglaublich unwissend, sehr

liederlich, nur in den Aeusserlichkeiten ihres Dienstes unterrichtet,

bringen sie einen grossen Theil ihrer Zeit mit Spielen, Trinken und

andern sündhaften Dingen zu. Sie bemühen sich nicht einmal den äussern

Anstand zu wahren, ausgenommen bei der Messe, die sie mit drolliger

Würde lesen, ohne ein Wort davon zu verstehn. Häufig sind Mädchen und

kleine Kinder im Convento, Alles isst mit den Fingern gemeinschaftlich

aus einer Schüssel. Der hiesige Priester stellte mir unaufgefordert

zwei hübsche Mädchen als seine beiden armen Schwestern vor, die er

trotz seiner grossen Dürftigkeit unterhielte; ihre Töchter wurden

aber von den Dienern ohne Scheu Töchter des Cura genannt.

Der Grundsatz der spanischen Kolonialpolitik, eine Kaste durch die

andere in Schranken zu halten, damit keine zu mächtig werde, scheint

die Ursache, warum ein grosser Theil der Pfarrstellen mit Eingeborenen

besetzt wird (angeblich die Hälfte, nach einer gesetzlichen Bestimmung

die ich vergeblich gesucht habe). Die Klugheit dieser Maassregel mag

wohl zweifelhaft erscheinen. Der spanische Cura hat grossen Einfluss

in seiner Gemeinde und bildet vielleicht das einzige feste Band

zwischen der Kolonie und dem Mutterlande; in beiden Punkten gewährt der

einheimische Priester keinen Ersatz; er geniesst gewöhnlich selbst bei

seinen Landsleuten nur wenig Achtung; Anhänglichkeit an Spanien hat er

nicht, namentlich hasst und beneidet er seine spanischen Amtsbrüder,

die ihm die schlechtesten Stellen übrig lassen und ihn verachten.

Von Bátu reitet man auf guter Strasse N. b. O. in einer halben

Stunde im Schritt nach Nábua. Das Land ist flach, zu beiden Seiten

Reisfelder; während aber in Bátu der Reis damals gepflanzt wurde, war

er in Nábua fast reif. Ich habe über diesen auffallenden Umstand keine

genügende Auskunft erhalten können und weiss den dadurch angedeuteten

schroffen klimatischen Unterschied zwischen zwei so nahe gelegenen,

durch keine hohe Bergwand getrennten Orten nicht zu erklären. Die

Menschen sind hässlich und schmutzig und unterscheiden sich darin

merklich von den Tagalen. Nábua (10,875 E.) wird von mehreren kleinen

Flüssen durchschnitten, die aus den Bergen in Osten kommend hier

einen kleinen See bilden, dessen Ausfluss bei Báo durch Aufnahme

von Bächen abermals zu einem See anschwillt und sich dann in den

Bícol ergiesst. Dicht vor der zweiten Brücke in Nábua wendet sich die

Strasse ostwärts und führt in gerader Linie nach Yriga, im Südwesten

des gleichnamigen Vulkanes belegen.

Auf dem Abhange des letzteren besuchte ich eine kleine Niederlassung

heidnischer Eingeborenen. Von den Bewohnern der Ebene werden sie

abwechselnd Ygorroten, Cimarronen, Remontados, Infieles oder Montesinos

(Waldbewohner) genannt, keiner dieser Namen, mit Ausnahme der beiden

letzten passt aber recht auf sie; der erste kommt eigentlich Stämmen

im Norden der Insel zu, die für Mischlinge von Chinesen und Indiern

gelten. [122] Cimarron, französisch Marron, den amerikanischen

Sklavenkolonien entlehnt, bezeichnet dort einen entsprungenen in

Freiheit lebenden Negersklaven, hier einen Eingeborenen, welcher

die Bequemlichkeiten des Dorfes sammt seinen Steuern und Frohnden

gegen die Entbehrungen und die Unabhängigkeit des Lebens in der

Wildniss vertauscht hat. Die Bezeichnung Remontado (remonté) erklärt

sich selbst und ist gleichbedeutend mit Cimarron. Da der Gegensatz

zwischen jenen beiden Zuständen wegen der Milde des Klimas und der

Bedürfnisslosigkeit der Eingeborenen nicht entfernt so gross ist,

als er bei uns sein würde, so kommen solche Rücktritte öfter vor,

als man glauben sollte, gewöhnlich in Folge eines Vergehens oder einer

unbequemen Schuld, zuweilen aus blossem Widerwillen gegen Kopfsteuer

und Frohndienste. Der Indier hat eine ausgesprochene Neigung, sich

aus den Puéblos in die Einsamkeit zurückzuziehn, auf seinem Felde zu

wohnen; und nur dem vereinten Eifer der für die Kopfsteuer haftbaren

Dorfältesten und der Geistlichen, die, abgesehn von andern Interessen,

auch ihre nach der Kopfzahl berechneten Stipendien zu berücksichtigen

haben, gelingt es zu verhindern, dass sich die Puéblos in Visitas,

diese in Ranchos auflösen. Nachdem der Verkehr in andern Ranchos

desselben Berges meine ersten Eindrücke bekräftigt, möchte ich die

unabhängigen Bewohner des Yriga für Mischlinge von Indiern und Negrítos

halten. Die Hautfarbe ist dunkelbraun, nicht schwarz, wohl nicht

dunkler als bei Indianern, die sich der Sonne sehr aussetzen. Einige,

aber durchaus nicht Alle, haben krauses Haar. Während sowohl die in

grösseren Truppen zusammenlebenden Negrítos wie die von mir vereinzelt

bei Angat und Marivéles angetroffenen keinen Ackerbau treiben, fast

ohne Obdach im Freien hausen, sich von spontanen Naturerzeugnissen

nähren [123], wohnen die Halbwilden des Yriga in bequemen Hütten

und bauen verschiedene Knollengewächse und etwas Zuckerrohr. Reine

Negrítos kommen, so weit meine Erkundigungen reichen, in Camarines

nicht vor. Ein zum grossen Theil dicht bevölkertes Gebiet, aus dem sich

die höheren Berge nur in einzelnen Kuppen erheben, dürfte wohl kaum

für ein herumschweifendes Jägerleben ohne Feldbau die erforderlichen

Bedingungen darbieten.

Die wenigen Ranchos des Yriga sind sehr zugänglich, sie stehn im

freundschaftlichsten Verkehr mit den Indiern; andern Falls wären

ihre Bewohner wohl längst ausgerottet. Trotz dieser nachbarlichen

Beziehungen hatten sie doch noch viel von ihrem ursprünglichen

Wesen bewahrt. Die Männer waren nackt bis auf ein Schamband, die

Weiber gleichfalls oder trugen einen Schurz, von der Hüfte bis zum

Knie reichend. [124] In dem grössten Rancho waren die Frauen sehr

dezent, nach Art der Indianerinnen bekleidet. Ihr Hausrath bestand

aus Bambusgeräth, Kokosschalen, einem irdenen Kochtopf, Bogen und

Pfeilen. Bei letzteren, die sehr sorgfältig gearbeitet, war der

Schaft aus Rohr, die Spitze aus einem scharfen Bambusschnitt oder aus

Palmenholz, dreispitzig oder einspitzig; im letzteren Fall war um die

Spitze oft eine spirale Rinne eingeschnitten; zur Schweinejagd werden

vergiftete Pfeile mit eiserner Spitze benutzt. Obgleich die Ygorroten

nicht Christen sind, hatten sie ihre Hütten mit Kreuzen verziert, die

ihnen als Talismane dienen. Wenn sie nichts nützten, meinte eine Alte,

würden die Castilas sie nicht überall anbringen. [125] Die grösste der

von mir besuchten Rancherien stand unter einem Kapitän, der aber nur

wenig Macht hatte. Auf meinen Wunsch rief er einige nackte Bursche

herbei, die müssig auf Baumstämmen hockten. Sie gehorchten ihm erst

nach langen Erörterungen. Kleine Geschenke, messingene Ohrringe

und Kämme für die Frauen, Zigarren für die Männer gewannen leicht

ihre Gunst.

Nach einem vergeblichen Versuch den Yriga von hier aus bis zum Gipfel

zu besteigen, ging ich um seinen Südwestrand nach Buhi im Südwinkel

des Buhi-See's. Zehn Minuten nach der Abreise von Yriga kommt man an

eine Stelle, wo der Boden unter dem Hufschlag hohl klingt. Unzählige

kleine, im Mittel 50 Fuss hohe Hügel erheben sich aus der Ebene. Im

Norden erblickt man den grossen Krater des Yriga, dessen dem See

zugewendete Ostseite eingestürzt ist. Von Yriga her erscheint der

Vulkan als ein geschlossener Kegel. Der See hat etwa 1 1/2 Meilen

Umfang. Die Hügel bestehn an dieser Stelle aus Basalt, bei Buhi aus

grobgeschichteten Rapilli, die Schichten fallen gegen den Yriga ein,

der NW. davon liegt. Von einem der höchsten der Basalthügel betrachtet,

sieht es aus als wären diese kleinen Anhöhen Ueberreste eines grossen

ehemaligen Kraters, der, vielleicht durch Erdbeben zertrümmert, später

durch Erosion in diese zahlreichen kleinen Kuppen umgestaltet wurde.

In Buhi liess der freundliche Pfarrer durch Trommelschlag verkünden,

dass der eben angekommene Fremde allerlei Thiere zu haben wünsche,

Thiere der Erde, der Luft und des Wassers, Thiere der Berge, der

Wälder und Felder, und alles baar bezahlen würde. Es wurden aber von

den zahlreich herbeiströmenden Neugierigen nur Thiere der Häuser und

der Leiber, Schaben, Tausendfüsse und andres Ungeziefer gebracht, die,

nachdem sie zu Einlasskarten gedient, als seltene Waare verwerthet

werden sollten.

Am folgenden Tage sah ich einen bunten Aufzug: Voran die spanische

Fahne, welcher die Dorfpauke, 7×4 Reiter in kurzen Jacken und

flatternden Hemden, ein Dutzend Musikanten und schliesslich

als Hauptfigur der Träger einer rothseidenen Standarte folgten;

eine Ehre, die den Bevorzugten nicht wenig stolz macht und zu einem

Schmaus mit reichlichen Spenden von Kokoswein verpflichtet. Er sass

zu Pferde, affenartig aufgeputzt, auf dem Kopf einen Dreimaster,

der statt goldener Tressen, mit buntem Papier beklebt war, über

dem Frack eine papierene Weiberpelerine, kurze enge gelbe Hosen,

lange weisse Strümpfe und Schuhe. Rock und Hose waren gleichfalls

statt der Tressen mit Papier benäht. Auf ähnliche Weise war das von

zwei Cabezas geführte Pferd verziert. Nachdem der Zug sich durch die

Strassen des Dorfes bewegt, machte er vor der Kirche Halt.

Dieses Fest wird alljährlich gefeiert zum Gedächtniss der von den

Päpsten dem Könige von Spanien gemachten Konzession, die Erträge

der Kreuzbulle für sich zu verwenden. Die spanische Krone besitzt

in Folge davon das Recht, verschiedene Ablässe, auch für schwere

Verbrechen, im Namen des Papstes zu ertheilen. Sie hat dieses Recht

gewissermassen im Grossen erworben und verschleisst ihren Kunden

die Indulte im Wege des Kleinhandels, früher durch die Pfarrer, seit

1851 im Estanco, zugleich mit andern von ihr monopolisirten Artikeln:

Tabak, Branntwein, Loterieloosen, Stempelpapier etc.; jedoch »unter

Mithülfe der Pfarrer«. [126] Ohne letztere würde das Geschäft wohl

wenig abwerfen. Die Einnahmen daraus haben immer sehr geschwankt; sie

betrugen 1819: 15,930 Doll., 1839: 36,390 Doll., und waren für 1860

auf 58,954 veranschlagt; in den beiden Jahren 1844/45 aber stiegen

sie auf 292,115 Doll., weil die Ablassscheine damals den Familien

zwangsweise aufgenöthigt wurden, indem sie von den Barangayhäuptern

»unter Beihülfe und Ueberwachung der Pfarrer und Untersteuerbeamten«,

die dafür, bezüglich, 8% und 5% Prämie erhielten, in die einzelnen

Häuser vertheilt wurden; -- wohl eine der schamlosesten Anwendungen

des Repartimiento Systems. [127]

Der Buhi-See (92 Meter Meereshöhe) ist malerisch schön, fast auf allen

Seiten von über tausend Fuss hohen Bergen umgeben; sein Westrand wird

von dem noch vorhandenen Theil des Yriga-Kraters gebildet. Wie mir

die Pfarrer der umliegenden Ortschaften mittheilten, soll der Vulkan

bis zu Anfang des 17ten Jahrhunderts ein geschlossener Kesselberg

gewesen, und als er bei einem grossen Ausbruch zur Hälfte einstürzte

der See entstanden sein. Uebereinstimmend damit heisst es im Estado

geogr. S. 247 (der wahrscheinlichen Quelle jener Mittheilungen):

Am 4. Januar 1641, einem denkwürdigen Tage, weil zur selben Stunde

alle damals in diesem Archipel bekannten Vulkane ausbrachen, stürzte

in der Provinz Camarínes ein grosser, von Ungläubigen bewohnter Berg

ein, und an seiner Stelle erschien ein schöner See, an welchen die

Bewohner des (damaligen) Dorfes Buhi übersiedelten, weshalb er fortan

Buhi-See genannt ward.

A. Perrey (S. 48) führt einen Ausbruch vom Jahre 1628 in Camarínes an,

der gleichfalls auf jenes Ereigniss bezogen werden könnte:

»1628 bebte die Erde; nach glaubwürdigen Zeugnissen, an einem Tage

vierzehnmal in Camarínes; viele Gebäude stürzten ein, ein grosser Berg

barst und es brach aus demselben eine solche Menge Wasser hervor,

dass in den überschwemmten Gefilden die Bäume ausgerissen, und eine

Stunde vom Meer (die direkte Entfernung zum Meer beträgt 2 1/2 Leguas),

die Ebene ganz mit Wasser bedeckt war.« [128] Sonderbarer Weise aber

stimmt der in einer Note gegebene Originaltext nicht zu A. Perrey's

Uebersetzung. Jener erwähnt nichts vom Hervorbrechen des Wassers

aus dem Berge und sagt im Gegentheil, dass die von der ungeheuren

Gewalt umgestürzten Bäume am Strande auf eine Stunde weit die Stelle

des Meeres einnahmen, so dass auf dieser Strecke kein Wasser zu sehn

war. [129]

Die Angabe im Estado geogr. muss deshalb Misstrauen erregen,

weil in dem amtlichen Bericht über das grosse Erdbeben von 1641

die gleichzeitigen Ausbrüche dreier Vulkane, zweier im Süden des

Archipels, einer in Nord-Luzon ausführlich geschildert werden,

Camarínes aber ganz unerwähnt bleibt. Das Misstrauen wird durch den

Umstand vergrössert, dass derselbe Autor (Nierembergius), dem obige

Angabe über den Ausbruch von 1628 in Camarínes entlehnt ist, in einem

andern Werke einen ausführlichen Bericht über das Ereigniss von 1641

giebt, ohne dabei dieser Provinz zu gedenken. [130] Bei der grossen

Gleichgültigkeit, mit welcher die Mönche Naturereignisse behandeln

(waren doch selbst die am Fuss des Albay wohnenden Pfarrer nicht

einmal über die Daten seiner letzten Ausbrüche einig), ist es nicht

unwahrscheinlich, dass der Ausbruch von 1641, bei welchem in Nord-Luzon

ein Berg einstürzte und ein See an die Stelle trat, im Lauf der Zeit

auf den Yriga übertragen wurde.

Auch von Tambong aus, einer kleinen zu Buhi gehörigen Visita

am Seeufer, glückte es mir diesmal nicht die höchste Spitze

zu erreichen. Wir gelangten Abends auf den südlichen Zacken des

Kraterrandes (1041 Meter nach meiner Bar. Beob.), wo uns eine tiefe

Schlucht am weiteren Vordringen hinderte. Die Ygorroten verliessen

mich, die Indier weigerten sich zu bivuakiren um am folgenden Tage

die Reise fortzusetzen; ich musste umkehren. Spät Abends kamen

wir durch eine Kokospflanzung am Fuss des Berges und fanden Obdach

gegen ein Gewitter bei einer freundlichen Alten, der meine Diener

so viel vorlogen, dass wir trotz unseres Misserfolges, als der

Regen nachgelassen, mit Fackeln nach Tambong geleitet wurden und den

Palmenhain um den kleinen Weiler mit hellstrahlenden Freudenfeuern von

trocknen Kokosblättern zauberhaft schön erleuchtet fanden, zu Ehren der

»Conquistadores del Yriga«. Ich musste die Nacht in Tambong bleiben,

weil die Leute zu zaghaft oder zu faul waren über den bewegten See

zu fahren.

Hier sah ich Ananasfasern für Gewebe bereiten. Den zu diesem Zweck

bestimmten Pflanzen wird gewöhnlich der Fruchttrieb ausgebrochen,

wodurch die Blätter an Länge und Breite beträchtlich zunehmen. Eine

Frau legt ein Brett auf den Boden, darauf ein Ananasblatt, die hohle

Seite nach Oben gekehrt; sie hockt an einem Ende des Brettes, hält

das Blatt mit den Zehen fest, und schabt mit einem Tellerscherben,

nicht mit der scharfen Bruchkante, sondern mit dem stumpfen Rande des

Umfangs die oberste Schicht des Blattes ab, die sich in Fetzen löst;

dadurch wird eine Lage grober Längsfasern entblöst, die Arbeiterin

fährt mit dem Nagel des Daumens darunter, hebt sie auf, zieht sie

in einem zusammenhängenden Streifen ab und schabt abermals bis eine

zweite feine Faserschicht blosgelegt ist; dann dreht sie das Blatt um,

schabt etwa eine Handbreit vom untern Ende der jetzt oben liegenden

Rückseite des Blattes bis zur Faserschicht ab, fasst diese mit der

Hand und zieht sie der ganzen Länge nach auf einmal vom Blattrücken

ab. Nachdem die Fasern gewaschen, um sie von dem noch daran haftenden

Parenchym zu reinigen, trocknet man sie an der Sonne. Später werden

sie mit einem gewöhnlichen Kamm wie Frauenhaar gekämmt, nach ihrer

Feinheit in vier Klassen sortirt, an einander geknüpft und ebenso

behandelt wie Lupifasern. [131] Auf diese rohe Weise gewinnt man

die Fäden für die berühmten Gewebe, Nipis de Piña, die von Kennern

für die feinsten der Welt gehalten werden. Zwei Hemden aus diesem

Stoff sind im Berliner ethnographischen Museum (unter 291 und 292),

feinere Gewebe im Gewerbe-Museum ausgestellt. In den Philippinen,

wo man die Feinheit der Arbeit am besten zu würdigen versteht, sind

reich gestickte Piñakleider mit mehr als 2000 Thaler das Stück bezahlt

worden. [132]

In Buhi, das nicht hinreichend gegen den NO. gedeckt ist, regnete es

fast so viel wie in Darága. Ich hatte mit den Ygorroten ausgemacht,

dass sie einen Pfad durch das hohe Rohr bis zum Gipfel durchschlagen

sollten, es unterblieb aber wegen des anhaltenden Regens, und ich

entschloss mich über den Malinao zu steigen, längs der Küste in mein

Standquartier zurückzukehren und neu ausgerüstet den Bicolfluss bis

Naga hinabzufahren.

Bevor wir uns trennten bereiteten die Ygorroten noch Pfeilgift für

mich, aus zwei Baumrinden, von denen sich Proben unter B. 103 und

B. 104 in der botanischen Sammlung der Berl. Universität befinden. Ich

bekam nur die Rinden zu sehn, weder Blätter noch Blüthen. Die

Bastschicht der Rinde B. 103 wurde zerklopft, ausgedrückt, angefeuchtet

und noch einmal ausgedrückt. Dies geschah mit der blossen Hand, die

aber nicht verletzt sein darf. Der Saft sieht wie dünne Erbsensuppe

aus, er wird in einem Topfscherben über schwachem Feuer eingedampft,

wobei er an den Rändern gerinnt. Das Coagulum löst sich durch

Umrühren wieder in der kochenden Flüssigkeit. Ist diese zu Syrupsdicke

eingedampft, so wird von der innern Oberfläche der Bastschicht B. 104

eine geringe Menge, etwa 1/10 so viel als B. 103, abgeschabt und über

dem Topf ausgedrückt; dieser Saft ist dunkelbraun. Wenn das Gemenge

die Konsistenz einer zähen Salbe hat, so wird es mit einem Span aus

dem Scherben herausgekratzt und in einem mit Asche bestreuten Blatt

aufbewahrt. Zum Vergiften eines Pfeils verwendet man ein Stück von der

Grösse einer Haselnuss, das durch Erwärmen gleichmässig über die breite

eiserne Spitze vertheilt wird. Ein vergifteter Pfeil dient viele Male.

Ende November verliess ich den schönen Buhi-See und fuhr, von seinem

östlichsten Winkel aus, eine kurze Strecke den kleinen Sapafluss hinauf

[133], dessen Anschwemmungen einen beträchtlichen Vorsprung im Umriss

des Sees bilden. Ueber eine feuchte Wiese gelangt man an den Abhang des

Malinao oder Buhi, der schlüpfrige Thon des untern Abhanges geht weiter

oben in vulkanischen Sand über. In dem sehr feuchten Wald wimmelte

es von kleinen Blutegeln; ich hatte sie nie zuvor in solcher Menge

angetroffen. Die Thierchen, ausgestreckt nicht dicker als Zwirnsfäden,

sind ausserordentlich behende, setzen sich an alle Stellen des Körpers

fest, dringen selbst in die Nase, in die Ohren, in die Augenlider und

saugen sich, wenn man sie nicht bemerkt, so voll, dass sie kugelrund

werden und wie kleine Kirschen aussehn. Während sie saugen empfindet

man keinen Schmerz, aber später jucken die angegriffenen Stellen oft

noch tagelang. [134] An einer Stelle bestand der Wald überwiegend aus

Feigenbäumen mit sechs Fuss langen, an dem Stamm und den dickeren

Aesten hängenden Fruchttrauben. Die Früchte von Kirschengrösse

sassen vereinzelt an den sparrigen holzigen Stielen. Zwischen den

Bäumen wucherten kletternde Farne, Aroideen, Orchideen. Nach fast

sechs Stunden erreichten wir um 12 1/2 Uhr die Passhöhe (841 Meter)

und stiegen am östlichen Abhang hinab. Der Wald ist auf der Ostseite

des Berges noch prächtiger als auf der westlichen. Von einer Lichtung

hatten wir eine Aussicht auf das Meer, die Insel Catanduanes und die

Ebene von Tabaco. Mit Sonnenuntergang langten wir in Tibi an, wo ich

mich in dem saubern, von starken Bambusen eingefassten Gefängniss

einquartierte, dem wohnlichsten Raum eines langen Schuppens, der

die Stelle des vor zwei Jahren durch Sturm zerstörten Tribunals

vertrat. Von Tibi hatte ich Gelegenheit den Malinao (auch Buhi und

Takít genannt,) zu zeichnen: der von dieser Seite als ein grosser

Vulkan mit deutlichem Krater erscheint, vom Buhi-See aus ist er als

ein solcher nicht mit voller Sicherheit zu erkennen.

Nicht weit von Tibi, genau NO. vom Malinao, liegt eine schwache

Solfatara, Igabó genannt: in der Mitte einer rings von Bäumen umgebenen

Rasenfläche ist eine kahle Stelle von ovaler Form, nahe hundert Schritt

lang, 70 breit. Der ganze Raum ist mit kopfgrossen und grösseren,

durch Zersetzung abgerundeten Steinen bedeckt, beim Zerschlagen lösen

sich von der Oberfläche dünne konzentrische Schalen, der Kern ist grau

und besteht aus Trachyt. An einigen Stellen sprudelt aus dem Boden

heisses Wasser, das sich zu einem kleinen Bach sammelt, einige Weiber

waren beschäftigt ihre Mahlzeit zu kochen, indem sie mittelst eines

Netzes Caladiumschnitte in das dem Siedepunkt nahe Wasser hingen. An

der untern Fläche einiger Steine war ein wenig Schwefel sublimirt,

von Alaun kaum Spuren wahrnehmbar; in einer Vertiefung hatte sich

Kaolin angesammelt; es wird gelegentlich zum Anstrich benutzt.

Von hier begab ich mich zu den nahegelegenen Sinterquellen

von Naglegbeng. [135] Ich hatte Kalksprudel erwartet, und

fand die prachtvollsten Kieselbildungen, in den manchfaltigsten

Aggregatzuständen, in den verschiedensten Stufen der Ausbildung: flache

Kegel mit zylindrischen Aufsätzen, Stufenpyramiden, runde Becken mit

geripptem Rande, kochende Teiche. Eine von Bäumen entblösste Stelle

zwei bis dreihundert Schritt breit und anderthalb mal so lang, ist,

wenige mit Rasen bewachsene Lücken ausgenommen, mit einer Kruste von

Kieselsinter bedeckt, die zuweilen grosse zusammenhängende Flächen

bildet, gewöhnlich aber durch vertikale Sprünge in fliesenartige

Platten zerborsten ist. An unzähligen Stellen dringt siedend heisses,

kieselsäurehaltiges Wasser aus dem Boden, verbreitet sich über

die Fläche und setzt sowohl durch Erkaltung als durch Verdampfung

allmälig eine Kruste ab, deren Dicke mit der Entfernung vom Mittelpunkt

regelmässig abnimmt; so entsteht mit der Zeit ein sehr flacher Kegel,

mit einem Becken kochenden Wassers in der Mitte. Durch weiteren

Sinterabsatz verengt sich der Zuflusskanal, es läuft weniger Wasser

über, das schon in unmittelbarer Nähe des Beckenrandes verdampft und

in jedem Tropfen ein feines Körnchen Kieselerde absetzt; dadurch wird

nicht nur der obere Theil des Kegels steiler als seine Basis, es bildet

sich auch zuweilen ein zylindrischer Aufsatz, dessen äussere Seite,

weil das Wasser nicht völlig gleichmässig überfliesst, stalaktitisch

gerippt ist. Ist der Kanal soweit verstopft, dass der Zufluss geringer

ist als die Verdampfung, so läuft kein Wasser mehr über den Rand; der

Sinter setzt sich dann bei der allmäligen Abkühlung des Wassers mit

der grössten Gleichmässigkeit am innern Umfang des Beckens ab; in dem

Maasse aber als der Spiegel des Wassers sinkt, hört die Sinterbildung

im oberen Theil des Beckens auf; daher nimmt die innere Wand an Dicke

zu, und wenn der Kanal gänzlich verstopft, alles Wasser verdampft ist,

so bleibt ein glattes drehrundes, wie von Menschenhand ausgemeisseltes,

umgekehrt glockenförmiges Becken zurück. In der Abbildung des weissen

Kegels sind drei Indierinnen auf dem Rande eines solchen stehend

dargestellt, ein noch schönerer Beckenrand ist auf der rechten Kuppe

des rothen Kegels wahrzunehmen. Das Wasser sucht sich nun einen

neuen Ausweg, und bricht an der Stelle hervor, wo es den geringsten

Widerstand findet, ohne den schönen von ihm aufgebauten Kegel zu

zerstören. Solcher Beispiele sind mehrere vorhanden. Bei den grössten

Kegeln aber, die aus einer bedeutenden Wassermasse, einem kleinen

Teiche entstanden, erlangen die Dämpfe, wenn ihr Schlot verstopft ist,

solche Spannkraft, dass sie die oberflächliche Kruste in konzentrisch

strahlige Schollen zersprengen. Das Wasser sprudelt nun reichlich aus

der Mitte hervor und richtet, indem es den Sand unter den Schollen

zusammenschwemmt, diese steil, zuweilen fast senkrecht in die Höhe;

so entstehen ringförmige Stufen, deren horizontale Decke sich erst

allmälig durch neue Absätze aus dem überströmenden Wasser bildet. An

den auf der Zeichnung dargestellten beiden grossen Kegeln, dem

»weissen« und dem »rothen«, sieht man diese Stufenbildung vollendet,

an vielen andern Stellen ist sie im Entstehn. Zuweilen bricht,

nachdem die Stufenpyramide fertig, der Zufluss verstopft ist, das

Wasser auf dem Abhang desselben Kegels aus, dann entsteht ein zweiter

Kegel neben dem ersten auf derselben Basis, die vorstehende Zeichnung

stellt eine solche Bildung im Entstehn dar, die folgende zeigt sie in

der Vollendung. In der Nähe der Kieselbrunnen sieht man Ablagerungen,

weisse, gelbe, rothe, graublaue Thone, in schmalen Bändern wie bunte

Mergel einander überlagern, offenbar Zersetzungsprodukte vulkanischer

Gesteine durch Regen dahingeschwemmt und durch die Oxyde des Eisens

gefärbt. Vielleicht stammen diese Thone von denselben Gesteinen,

aus deren Zersetzung die Kieselerde hervorgegangen, und sind die

letzten festen Ueberreste derselben. Ihre Menge ist aber nur gering,

sie liegen nicht an ihrer ursprünglichen Lagerstätte und würden nur

einen kleinen Theil der ursprünglichen Masse darstellen. Ganz ähnliche

Verhältnisse kommen in Island und in Neuseeland vor, aber sehr viel

mannichfaltiger, schöner, reiner als die Produkte der isländischen

Geyser sind die der Sprudel von Tibi. Es finden sich Lager von

Pflanzen mit einer so feinen Kruste von Kieselsinter überzogen, dass

alle Blattnerven deutlich zu erkennen, die Galvanoplastik könnte nicht

zierlicher arbeiten. An andern Stellen wechsellagern dünne Schichten

undurchsichtig weissen oder sehr schwach röthlichen Sinters mit Bändern

durchsichtigen gelben Opals und Hyaliths. Zuweilen, wo die Kieselerde

lange in gallertartigem Zustande geblieben, haben die durch die zähe

Masse dringenden Gasblasen Reihen dünnwandiger Zellen gebildet, so

dicht und regelmäsig, als wären sie organischen Ursprungs, die Zellen

sind leer oder mit Hyalith erfüllt, der zuweilen in ununterbrochenen

Strahlen die Sintermassen durchdringt. [136] An andren Stellen hat

sich der Sinter in dünnen konzentrischen Schalen um feste Körperchen

abgesetzt und Lager von Erbsenstein gebildet. Ueberraschend schön

wirklich monumental aber ist der wunderbare Aufbau des rothen Kegels,

der schwerlich irgend wo in der Welt seines gleichen haben dürfte.

Reisen in den Philippinen · 第 44 / 95 题