Während ich in Darága das Zimmer hüten musste, blieb das Wetter fast
ununterbrochen schön und leider waren dies die letzten guten Tage,
auf die ich rechnen konnte, da der NO. Monsun, der Regenbringer für
diesen Theil des Archipels, im Oktober einzusetzen pflegt. Trotz
der vorgeschrittenen Jahreszeit machte ich noch einen Versuch den
Bulusán zu besteigen. Man fährt im Boot nach Bácon, im Busen von
Albáy (7 Leguas östl.), reitet von dort auf guter Strasse nach Gúbat
(3 Leguas) an der Ostküste, dann den Strand entlang, genau S. bis
Bulusán, und, wenn man will, bis Matnóg, dem letzten Dorf an der
Südost-Spitze Luzons. Ein alter erfahrener Indier hatte Boot und
Mannschaft besorgt und zehn Uhr Abends als die günstigste Zeit für
die Abfahrt bestimmt. Als wir aber eben abstossen wollten, rief er
uns zu, es seien vier Seeräuberboote in der Bay gesehn worden. Im Nu
war meine Mannschaft verschwunden, ich blieb allein im Dunkeln. Erst
nach vier Stunden gelang es mir, mit Hülfe eines Spaniers, sie wieder
herbei zu holen und zur Abfahrt zu bewegen. Um 9 Uhr erreichten
wir Bácon, von wo der Weg durch flache Gegend über S. Róque SW. in
einem spitzen Winkel nach Gúbat führt, zu beiden Seiten Reisfelder
mit einzelnen Hütten unter Kokos- und Arecapalmen. Zehn Minuten von
Bácon stehn drei prachtvolle Feigenbäume, die schönsten die ich in den
Philippinen gesehn, einer der Arten angehörend, die sich aus zahllosen
in einander geschlungenen und zusammengewachsenen Luftwurzeln, Stämme
von riesenhaftem Umfange und phantastischer Gliederung aufbauen. Sie
waren bedeckt mit ächten und unächten Parasiten, darunter eine
grosse Zahl blühender Orchideen. Der Boden besteht aus trachytischem
Gerölle. SW. von S. Roque gabelt sich die Strasse, ein Arm führt
S. nach Sorsogon, das wohlgeschützt in der NO. Ecke einer tiefen Bucht
liegt, der andre O. zu S. nach Gúbat. Hinter S. Róque bemerkt man viele
Abacápflanzungen in Waldlichtungen. Der letzte Theil des Weges ist
schlecht und führt über schlüpfrige Thonrücken (verwitterten Trachyt)
mit Gypskrystallen. Von Gúbat läuft die Strasse längs des Strandes. An
vielen Stellen stehn kleine verfallene oder verfallende viereckige
Thürme aus Korallenblöcken, von den Jesuiten zum Schutz gegen die
Moros aufgeführt. Moren werden hier die Seeräuber genannt, weil sie,
wie die ehemaligen Mauren in Spanien, Mohamedaner sind. Sie kommen
aus der Solosee, von Mindanao und der Nord-Westküste von Borneo. Die
Seeräuberei stand zur Zeit meiner Reise noch in voller Blüthe. Erst
Tags vorher hatten Piraten einige Leute fortgeschleppt, die nicht
weit von Gúbat mit Aufstellen einer Fischreuse beschäftigt waren. Dem
Strande parallel und in geringer Entfernung läuft ein Korallenriff,
das im SW. Monsun bei Ebbe stellenweis entblöst wird; zur Zeit aber
staute der NO. Wind die Wogen des stillen Ozeans so hoch an der Küste
auf, dass es nicht sichtbar wurde; es liefert den einen Bestandtheil
des Bodens, der zur Hälfte aus Kalk, und aus vulkanischem Sand
besteht. Die Stürme hatten nebst vielen andern Resten von Seethieren,
auch eine grosse Anzahl Schwämme ans Land geworfen, unter denen eine
unserem Badeschwamme des Mittelmeeres (Spongia officinalis L.) durchaus
ähnliche Art und wohl derselben Gattung angehörend. Sie fühlen sich
eben so weich an, sind dunkelbraun, über faustgross, halbkugelförmig,
nehmen mit derselben Leichtigkeit Wasser an und würden vielleicht einen
Handelsartikel bilden können. Proben davon befinden sich im Berliner
zoologischen Museum. Dem Strande zunächst wachsen verkümmerte Pandanus,
weiter landeinwärts Casuarinen; daran schliesst sich hoher Laubwald,
mit Abacápflanzungen in den häufigen Lichtungen. Die Strasse ist
recht gut; über viele der Flussmündungen führen überdachte, hölzerne
Brücken aus Molave, alle noch wohl erhalten. Von den steinernen Brücken
aber sind die Bogen fast ausnahmslos eingestürzt. Man setzt in einem
Nachen über, das Pferd folgt schwimmend. Ein paar tausend Fuss vor
Bulusán kommt man durch eine, mehrere hundert Fuss tiefe Schlucht
aus weissem Bimsteintuff.
Der Ort wird so selten von Fremden besucht, dass das Tribunal sich mit
Neugierigen füllte, die mich betrachten wollten. Die Frauen hatten
den Ehrenplatz und kauerten in mehreren konzentrischen Linien auf
dem Boden, die Männer drängten sich hinter ihnen. Als ich in einem
von Bambusen nur undicht verschlossenen Schuppen ein Rieselbad nahm,
sah ich plötzlich durch alle Oeffnungen neugierige Augen auf mich
gerichtet; es waren ausschliesslich Frauen, die mich mit der grössten
Neugier betrachteten, sich ihre Bemerkungen mittheilten und durchaus
nicht gestört sein wollten. Ein andres Mal als ich in der Provinz
Laguna im Freien badete, lief eine Anzahl Weiber, alte, junge und
kleine Mädchen herbei, die mir zusahen, während des Ankleidens dicht
um mich hockten, mich aufmerksam besichtigten, und mit den Fingern auf
alle Einzelheiten wiesen, die zu besonderer Besprechung Anlass gaben.
Den letzten Theil des Weges nach Bulusán hatte ich in Sturm und Regen
zurückgelegt; beide nahmen nach kurzer Pause während der Nacht zu,
ein Theil des Tribunals wurde abgedeckt. Am andern Morgen lagen
alle schadhafteren Häuser des Dorfes am Boden, eine grosse Menge
Dächer waren fortgeweht. Fast ohne Unterbrechung, wenn auch nicht
mit gleicher Heftigkeit, dauerte das Wetter während der 3 Tage meines
Aufenthaltes fort; den Vulkan, an dessen Fuss ich mich befand, bekam
ich nicht auf einen Augenblick zu sehn, und da die Sachverständigen
in dieser Jahreszeit gutes Wetter nicht in Aussicht stellen konnten,
wurde die Besteigung auf bessere Zeit verschoben und die Umkehr
beschlossen. Der ehemalige Alkalde Peñeranda soll den Berg etwa
15 Jahre früher bestiegen haben, nachdem angeblich 60 Menschen 2
Monate lang beschäftigt gewesen, einen Weg zum Gipfel zu bahnen; die
Besteigung soll 2 Tage gedauert haben. Der Teniente, ein aufgeweckter
Indier, glaubt aber, dass in der trocknen Jahreszeit 4 Mann in 2
Tagen einen schmalen Pfad öffnen könnten bis nahe zur Spitze, die
nur mit Leitern zu ersteigen sei. Am Tage nach meiner Ankunft traf
der Strassenbau-Inspector und ein Begleiter hier ein, beide bis auf
die Haut durchweht und durchnässt. Der freundliche Alkalde hatte sie
hergesandt zu meiner Unterstützung. Unter den obwaltenden Umständen
mussten sie unverrichteter Sache mit mir umkehren.
Als ich auf der Rückreise kaum in Bacon angekommen, ertönte ein
Böllerschuss und Musiklärm: »Es kommt der Señor Alcalde.« -- Er fuhr in
offenem Wagen, umgeben von einer regellosen Reiterschaar, Eingeborene
und Spanier der Umgegend, erstere in festlich flatternden Hemden und
vergilbten Seidenhüten prangend. Der liebenswürdige Herr nahm mich
in seinem Wagen nach Sorsogon mit, das wir in einer Stunde erreichten.
Die Provinz Albáy hat gute Strassen, sie werden aber schlecht
unterhalten, und müssen, wenn die Unthätigkeit der Verwaltung
fortdauert, allmälig wieder zu Grunde gehn. Der grösste Theil der
steinernen Brücken ist eingestürzt. Statt ihrer muss man eine Furth
oder ein Floss benutzen, oder in einem Nachen übersetzen und die
Pferde schwimmen lassen. Die Strassen wurden in den vierziger Jahren
durch den bereits erwähnten Alkalden Peñeranda, einen ehemaligen
Ingeniör-Offizier angelegt, dem der Ruhm gebührt, den Wohlstand der
Provinz sehr gefördert zu haben, indem er ihre damals unbedeutenden
Mittel mit Umsicht und Eifer zu nützlichen Anlagen verwendete. Er
wachte darüber, dass die schuldigen Frohnden wirklich geleistet oder
in Geld abgelöst wurden, und benutzte letzteres zur Beschaffung
von Werkzeug und Material. Vor ihm bestanden grosse Missbräuche,
indem die der Principalía Verwandten oder Befreundeten keine- oder
Scheinarbeiten verrichteten, und die Ablösungsgelder nicht in die
Gemeindekasse, sondern in die Tasche des Gobernadorcillos flossen,
oft unter Mitwissenschaft und Betheiligung des Alkalden. Auch heut
sind solche Missbräuche ganz allgemein in den Provinzen, wo die
Wachsamkeit des Alkalden es nicht verhindert.
Bei der zahlreichen Bevölkerung und dem grossen Wohlstand, deren sich
die Provinz jetzt erfreut, wäre es ein leichtes die vorhandenen
Strassen zu erhalten und zu vervollständigen. An gutem Willen
fehlte es dem trefflichen damaligen Beamten gewiss nicht, aber ihm
waren die Hände gebunden. Die jetzigen Alkalden bleiben nur 3 Jahr
in einer Provinz (zu Peñerandas Zeit 6 Jahr), ihre Zeit wird fast
gänzlich durch die laufenden amtlichen und richterlichen Geschäfte
in Anspruch genommen; bevor sie ihre Provinz, deren Mittel und
Bedürfnisse einigermaassen kennen lernen, müssen sie dieselbe schon
wieder verlassen; so gross ist das Misstrauen der Regierung in ihre
eigenen Diener. Ihre Macht ist auf das äusserste Maass beschränkt,
sie haben fast keine Initiative. Unternehmen wie das Peñeranda'sche
durchzuführen, wäre heut nicht möglich. Die für Ablösung von Frohnden
eingehenden Gelder, die ausschliesslich zum Nutzen der betreffenden
Provinz verwendet werden sollten [105], müssen nach Manila abgeliefert
werden. Schlägt der Alkalde eine dringend nothwendige Verbesserung
vor, so hat er so viele Berichte, Eingaben, Anschläge einzureichen,
die häufig unbeantwortet bleiben, dass ihm gewöhnlich bald die Lust
zu allen Verbesserungsvorschlägen vergeht. Bedeutende Werke aber,
die grössere Ausgaben erfordern, werden fast ausnahmslos von der
Zentralstelle, als nicht dringend, zurückgewiesen. Der Grund liegt
nicht im bösen Willen der Kolonialregierung, sondern darin, dass
die Caja de Comunidad in Manila fast immer leer ist, da sich die
spanische Regierung in ihrer chronischen Finanznoth das Geld borgt
und nicht im Stande ist es zurückzuzahlen.
Sorsogon hat 1840 bedeutend durch Erdstösse gelitten, die mit
Unterbrechungen 35 Tage lang anhielten. Ihre grösste Heftigkeit
erreichten sie am 21. März. Die Kirchen von Sorsogon und Casigúran
nebst den wenigen Steinhäusern wurden zertrümmert, 17 Menschen kamen
um und 200 wurden verletzt. Das Land senkte sich um 5 Fuss.
Am folgenden Morgen begleitete ich den Alkalden in einer Falúa
mit 14 Rudern nach Casigúran, das genau S. von Sorsogon in der
Südostecke der 2 Leguas breiten Bucht liegt; die Ueberfahrt dauerte
1 1/2 Stunde. Das Wasserbecken ist so still wie ein Binnensee, fast
rings von Bergen umgeben und an der dem Meer geöffneten Westseite
durch die queer davor liegende Insel Bagaláo (nicht Bagatáo, wie
sie Coello nennt), geschützt. Unter der Mannschaft war es sehr laut,
da Jeder sich vor dem Señor Alcalde geltend machen wollte. Bei der
Landung: Böllerschuss, Musik, flatternde Hemden und Fahnen. Die
freundliche Einladung des Herrn T. ihn weiter zu begleiten, lehnte
ich ab, da für mich, ohne amtliche Geschäfte die Reise fast nur aus
Malzeiten, Zwischenmalzeiten und eingeschobenen Chocolates bestand
mit fortwährender Musik, Knallfeuerwerk und andrem Lärm.
Im Jahre 1850 etwa ist an einer heut schon vom Meer verschlungenen
Stelle des Strandes, der so weit ich ihn untersuchen konnte, aus 5 bis
6 Fuss Thon über vulkanischem Sand mit Bimssteinbruchstücken besteht,
Quecksilber gefunden worden. Ein in dieser Gegend des Archipels
gestrandeter Engländer, derselbe, den ich in der Eisenhütte bei Angat
besuchte, hatte begonnen es zu sammeln, und durch Schlämmen des Sandes
etwa 2 Unzen gewonnen. Als aber der inländische Priester erfuhr, dass
Quecksilber Gift sei, schilderte er seinen Pfarrkindern, wie er mir
selbst erzählte, die Gefahren des neuen Erwerbszweiges in so grellen
Farben von der Kanzel herab, dass sie davon abliessen. Seitdem ist nie
wieder eine Spur von Quecksilber entdeckt worden; vielleicht stammte
es von einem zerbrochenen Barometer. Abends waren der Bulúsan in SO.,
der Mayon in NW. auf kurze Zeit sichtbar. Casigúran liegt in einer
geraden Linie mit denselben.
Die Zerstörung der Küsten bei Casigúran ist auffallend gross,
die Berichte darüber sehr abweichend. Nach dem Augenschein und den
mässigsten Angaben zu urtheilen, mag sie doch wohl seit einer Reihe
von Jahren jährlich eine Elle betragen. Im Norden ist die Bucht von
Sorsogon durch einen Bergrücken geschützt, der sich O. von Bacon
plötzlich verflacht, und dadurch dem Nordost eine schmale Gasse nach
dem Winkel der Bucht von Casigúran öffnet, wo zuweilen ein einziger
Sturm sehr bedeutende Verwüstungen in der aus Thon und Sand bestehenden
Küste hervorbringt.
Als ich Abends wieder in Legáspi landete, erfuhr ich, dass der Alarm
wegen der Seeräuber, der meine Abreise verzögert hatte, in der That
begründet war. Aechte Moros waren es freilich wohl nicht, da solche
in jener Jahreszeit nicht in diese Gewässer gelangen können, sondern
Desertöre und Vagabunden aus der Umgegend, die in dieser maritimen
Provinz das Räuberhandwerk lieber zu Wasser als zu Lande treiben. Sie
hatten während meiner Reise eine Anzahl Räubereien verübt und Personen
fortgeschleppt. [106]
Anfang November ist die Jahreszeit der Stürme. Die Schifffahrt zwischen
Albáy und Manila hat völlig aufgehört; selbst von der Südküste wagte
kein Schiff abzugehn. Am 9. läuft aber noch der verloren geglaubte
Casaisái ein; er hat starke Haverei gelitten, den grössten Theil
seiner Ladung über Bord geworfen. Schon zwölf Tage zuvor hatte er
die Strasse von S. Bernardino geklärt, als ein Sturm ihn zwischen
den Inseln Balicuátro zu ankern zwang. Einer der Passagiere, ein neu
angekommener Spanier, bestieg ein mit sieben Matrosen bemanntes Boot,
und fuhr auf vier Pancós zu, die bewegungslos vor der Küste lagen. Er
hielt sie für Fischer, es waren aber Seeräuber. Sie beschossen ihn,
als er weit genug von seinem Schiff war, seine Mannschaft warf sich
in's Wasser, wurde jedoch sammt ihm selbst gefangen genommen. Der
Kapitän fürchtend, dass die Räuber sein Schiff angreifen würden,
kappte das Ankertau, stach trotz des Sturmes wieder in See und entging
nur mit genauer Noth und arg zugerichtet gänzlichem Schiffbruch.
Die Gefangenen werden in der Regel nicht umgebracht, sondern zum Rudern
benutzt. Europäer kommen aber selten mit dem Leben davon, da sie die
grossen Anstrengungen bei spärlichster Kost nicht ertragen. Man nimmt
ihnen die Kleider ab, überlässt sie fast nackt jedem Wetter und giebt
ihnen täglich kaum eine Hand voll Reis zur Beköstigung.