Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
Berlin und Leipzig
1923
Die erste Ausgabe ist im Jahre 1909 erschienen
Copyright 1914 by Hesse & Becker Verlag in Leipzig
Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart
Erstes Kapitel.
Anne-Dore sah von ihren Fenstern aus am Rand eines niedrigen
Buchenwaldes hin die rote Heide. In leichten Hügeln dehnte sie sich
weiter hin, als das Auge reichte, und wenn die Sonne, die von drei Uhr
nachmittags ab ihre Zimmer bewohnte, abends hinter die glühenden
Schleier sank, die der Atem der Heide aus ihren letzten Strahlen wob,
erschien dem Mädchen die Welt unendlich und vollkommen. Die kleinen
Kiefern standen schwer und schwarz in rotem Gold, der Wald versank in
graue Träume voller Geheimnisse und fremder Graun, nur die rötlichen
Felsen fern hinter ihm, niedrig und zerklüftet, wie sie waren, wachten
noch eine Zeitlang in den Farben der Abende, deren Stille berückend war,
die Schläge der Herzen hörbar machte und die Augen mit großen, kühlen
Träumen überschattete.
Seit einigen Jahren war Anne-Dore dies abendliche Bild gewohnt wie eine
notwendige Lebenserscheinung, sie hätte sich ihr schlichtes und
eintöniges Leben nicht mehr denken können, ohne daß die Weite der
breiten Heide mit ihrem wechselnden Wesen, ihren frohen Lichtern und
Farben und ihrer grauen Betrübnis, auch ihrem eigenen Wesen sein
Gesicht, ihrem Herzen seine Stellung zu allen Dingen der Welt verliehen
hätte. Aber auch die Hügel der Heide, ihre Sträucher und Kiefern, ihre
armseligen Strohhütten und die Buchen des Waldes, der sie gegen Süden
säumte, schienen Anne-Dore zu kennen und sie in der gleichen Treue zu
lieben, in der ihnen das Herz des Mädchens gehörte. Geduldig trugen sie
ihr weißes, winterliches Kleid, des neuen Frühlings gewiß, in dem sie
für Anne-Dore grünen sollten, für Anne-Dore, die schon als ganz kleines
Mädchen mit nackten Füßen und fliegendem Kleid durch ihre sommerliche
Pracht gestürmt war.
Eigentlich immer allein. Tiefer im Tal, an den Hügeln, die das Landhaus
von der Stadt trennten, standen kleine Bauernhäuser, zu klein und arm,
um Gehöfte genannt werden zu können, und doch zu wohlgepflegt und
säuberlich, als daß man sie mit den dürftigen Anwesen der Tagelöhner aus
der Stadt verwechselt hätte. Mit den Kindern, die dort aufwuchsen, hatte
Anne-Dore anfänglich wohl zuweilen gespielt, aber als die frühesten
Kindertage vorüber waren, empfand sie einen Unterschied zwischen sich
und den anderen, einen Drang nach sich selbst und ihrem Wesen, dem sie
gehorchte. Man brauchte nur in ihre Augen zu sehen, in die tiefen,
versonnenen Augen, deren Blau so schwer von langen Wimpern überschattet
war, daß es nur selten in einem unerwarteten Lichtstrahl seine Farbe
verriet. Dann glaubte man wohl zu verstehen, daß diesem Wesen darnach
verlangte, ruhig auf sich versenkt, die stille Bahn zum eigenen Werden
zu suchen, an dessen Entwicklung niemand Anteil zu haben schien.
Soweit Anne-Dore zurückdenken konnte, kannte sie ihre Mutter nicht
anders als still, ergeben und schweigsam. Sie sprach leise und
schleppend, ein wenig singend und matt, aber ohne jede Inbrunst des
Ausdrucks. Man war dabei nie versucht, sie traurig zu nennen, o nein,
eine bestimmte und tiefe Traurigkeit hätte ihrem Wesen vielleicht jene
sanfte Würde verliehen, die Menschen adelt, die dem Leben gegenüber
verzichtet haben und einen großen heimlichen Schmerz tragen. Nein, das
war es nicht, viel eher hatte die Art etwas Schleichendes, eine
qualvolle Tugendhaftigkeit und eine laue Anklage machten sich darunter
breit. Anne-Dore liebte ihre Mutter nicht und ihr Vater war ihr fremd,
denn er hatte die Jahre hindurch, in denen sie Kind war, in fremden
Ländern zugebracht, in weiten Reisen, auf denen seine Gattin ihn später
nicht mehr begleiten konnte, weil ihre Gesundheit es nicht erlaubte. Und
etwas, das wie eine unsichtbare Schranke von je zwischen den Eltern und
ihrem Kind gestanden hatte, war deren große Frömmigkeit. Es war eine
Frömmigkeit von jener anhaltenden Inständigkeit, die wie eine laue Luft
jeden ihrer Gedanken und jede ihrer Handlungen einhüllte. In ihr fanden
sie Trost und Ersatz für alle Unbillen eines Daseins, dessen Kämpfen und
Mühseligkeiten sie nicht gewachsen waren, in ihr barg sich alle Hoffnung
auf eine bessere Zukunft in einem leuchtenden Reich steter Heimatlichkeit,
das in einem Frieden ohne Angst ihr Leben vollenden sollte.
Nun, da Anne-Dore begann älter zu werden, und ihr bedächtiges Herz die
Werte prüfte, die es in seine verschlossene Welt nahm, genügten ihr die
verzichtreichen Betrachtungen der Eltern selten, der helle Glanz ihres
irdischen Himmels erschien ihr wirklicher und köstlicher, als alle
Strahlen aus jener zukünftigen Welt. Wohl nahm sie geduldig an allen
Kirchgängen und Bibelstunden teil, die ihre Eltern besuchten, aber sie
kehrte ermüdet und unbefriedigt in ihre ruhigen Zimmer zurück und in das
Mißtrauen, das sie der stillen Freude ihrer Eltern entgegenbrachte,
mischte sich langsam der Unwille einer leisen Verachtung.
Am Abendhimmel glühten ihre einsamen Träume, die seltsam wenig Gestalt
gewannen, aber ihre Andacht war sinnenfroh und ohne Schranken. Sie
behielt ihre Zweifel im Herzen verschlossen, aber sie überwachte jedes
Wort und jede Gebärde ihrer frommen Eltern und schlief oft im Gefühl
eines bösen Triumphes ein, wenn es ihr am Tage gelungen war, tiefgeheim
die Mängel und Schäden der elterlichen Seelenwelt zu betasten.
Auf ihren bloßen Knien, im armseligen Schein der kleinen Nachtkerze,
betete sie wohl immer noch vor ihrem Bett, bevor sie einschlief, aber
ihre Augen wichen denen ihres ungeliebten Gottes aus, während sie
sorgfältig und in mühsamer Sammlung ihre gewohnten Sätze sprach. Oft
schloß sie ihr Gebet mit den Worten: »Du siehst in die Herzen der
Menschen, Herr Jesus Christus, du willst keine Gaben und Opfer, die
nicht ohne Vorbehalt gegeben werden, mache mit meinem Sinn, was du für
gut hältst.«
Dann brachen oft ihre geflüsterten Worte ab und sie dachte unvermerkt:
das ist eigentlich das mindeste, was man von Gott verlangen kann, wenn
ihm daran liegt, daß man fromm und gerecht bleibt.
Aber solche Gedanken mied sie und schämte sich ihrer in verborgener
Furcht. Erst der tiefblaue Nachthimmel mit der Überfülle seiner
silbernen Sterne brachte ihr Ruhe und in ihre letzte Müdigkeit schien
oft sein ewiges Licht als eine große Erlösung, voll unaussprechlicher
Milde.
Die Morgensonne fand sie selten betrübt. Mit dem anbrechenden Tag war
ihr Herz froh und von Licht erfüllt wie alle Dinge im Garten und im
Hause. Sie tat ihre einfache Arbeit gern und liebevoll gegen jedermann,
ertrug die bedächtige und lange Morgenandacht ohne Groll wie eine
unvermeidliche Gewohnheit und blinzelte mit ihren Augen den Widerschein
vom Goldschnitt der großen Bibel zu sich hinüber. Das Gesicht ihres
Vaters war überladen von Andacht, und die gute Mutter neigte den Kopf in
unverstandener Wehmut wie unter einer freundlichen Last. Die Gegenstände
im Wohnzimmer waren alle mit ihr befreundet. Es waren prächtige alte
Stücke darunter, die Frau Berta Wendel einst als Mädchen ihrem Gatten
aus den Schätzen des eigenen Vaterhauses mitgebracht hatte. Braune
Kommoden, blank und schwer beschlagen, an deren geschnitzten Ecken schon
die jungen Blondköpfe mancher Generation sich gestoßen und deren dunkle,
fast unergründliche Tiefen alle Geheimnisse geborgen hatten, die nur
immer ihre kindlichen Herzen ahnen mochten. Die alte, hohe Uhr in der
Ecke zwischen den niedrigen Fenstern war wohl der ehrwürdigste Besitz
der Familie Wendel, sie zeigte nicht allein Stunden und Minuten, nein,
auch die Tages- und Monatszahlen, hatte wandelnde Apostel, die zur
Mittagsstunde herzutraten, einen blinkenden Sternhimmel und ein so
volltöniges, tiefgoldenes Glockenwerk, daß Fremden unwillkürlich das
Wort im Mund erstarb, wenn diese feierliche Stimme in ihre Rede fiel.
Auf den niedrigen Wandschränken tanzten, in hellbunten Glasspitzen, mit
süßem Lächeln und gespreizter Grazie feine Porzellanfigürchen; in ihrer
eintönigen Lieblichkeit boten sie sich trüben Stunden oder hellen
Blicken der Sonne dar.
Etwas, das Anne-Dore stets störte in dieser Harmonie von Tradition und
Ehrwürde, waren die neumodischen Bibelsprüche, die in aufdringlichem
Bunt oder in ihren Begräbnisfarben von Silber und Schwarz überall an den
Wänden hingen, wo sie die Blicke einfingen und ihren Segen in die
Gemüter zu leiten versuchten. Den Eintretenden grüßte der apostolische
Segen, dem Platze des Gastes am Speisetisch gegenüber wurde der Herr
Jesus eingeladen, die Mahlzeiten zu segnen, über dem schmalen und
hochlehnigen Sofa, das wie eine hagere Jungfer jede Behaglichkeit mit
energisch gespreizten Lehnen und Beinen von sich abwies, war der Spruch
angebracht: »In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die
Welt überwunden.« Ein kleines leichtfertiges Hausmädchen, das längst
entlassen war, hatte früher einmal zu Anne-Dore gesagt, daß dieser
Spruch sehr gut über das harte Sofa passe, das einen bösen Charakter
hätte und jedem Wesen Angst einflößte. Anne-Dore mußte oft daran denken,
wenn sie in gemächlichem Frohsinn des Morgens den Staub aus den
polierten Verschnörkelungen der hartgepolsterten Lehnen wischte. Der
runde Spiegel mit verblichenem Goldrahmen war sehr hoch und derart
angebracht, daß niemand hineinschauen konnte. Frau Berta Wendel hatte
gemeint, ein Spiegel verführe zu müßigem Aufenthalt, nur weil man ihn
hätte, sollte er seinen Platz im Zimmer haben. Sie war in solchen Dingen
von einer schleppenden Entschiedenheit und setzte ihre Meinungen durch.
Hoch über ihm, schräg gegen die dunkle Tapete, hing in silbernen
Buchstaben, die von rosigen Blümchen durchwunden waren, das Wort des
Apostels Paulus: »Wir sehen jetzt in einem Spiegel in einem dunklen
Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht.«
Nein, diese Fülle bereitwilliger Gaben aus der Glaubenswelt ihrer Eltern
hatte Anne-Dore nie recht behagt. Die Sprüche hatten im Laufe der Jahre
durch die Gewöhnung längst ihren Geist und Sinn für sie verloren, doch
sie empfand etwas wie eine Widrigkeit gegen das Wesen des würdigen,
schönen Wohnzimmers. Aber ihre zaghaften Einwände wurden vom Vater mit
der Begründung widerlegt, daß ein Herz, das recht zu seinem Heiland
stünde, von solchen Kleinigkeiten nicht berührt werden dürfe.
Sein eigenes Zimmer war grau und nüchtern. Die Wände waren durch hohe
schlichte Bücherregale verdeckt, deren Bände von grünlich-grauen und
mürben Vorhängen verhüllt waren. Sein großer Schreibtisch nahm fast die
ganze Schmalwand ein, in der das Fenster den Blick in den blühenden
Garten führte, der Sessel war praktisch und hart. Der segnende Christus
von Thorwaldsen sah auf die mühsame und zwecklose Geistesarbeit dieses
braven Mannes nieder, der für sein Leben gern die Kräfte und die Gaben
besessen hätte, seinem Herrn und Heiland in Amt und Würden zu dienen.
Die Verhältnisse seines Vaterhauses hatten ihm jedoch sein Studium nicht
erlaubt, und so war er früh mit einer dürftigen Bildung und einem
opferfrohen Sinn als Missionar unter die Heiden gezogen. Sein Inspektor
hatte ihm dann nach Jahren auf seine Bitte hin eine Frau ausgesucht und
zur Gattin hinausgesandt. Berta Behneke hieß sie, mehr wußte er nicht
von ihr. Dieser Name stand in einem Brief, der ihm die Abreise seiner
zukünftigen Frau ankündigte, und er nahm sie hin, im Vertrauen auf
seinen Inspektor und auf seinen Gott, dessen Willen er diese Führung
zuschrieb. Anne-Dore war ihr einziges Kind geblieben, denn seine Frau
erkrankte kurz nach der Geburt der Kleinen, da sie das tropische Klima
nicht ertrug und er mußte um ihretwillen seinem Berufe bald entsagen. Es
ergab sich nach dem Tode seiner Schwiegereltern, der kurz darauf
erfolgte, daß ein kleines Vermögen vorhanden war, von dem das Häuschen
erbaut werden konnte, das sie nun bewohnten. Auch blieb außer einer
geringen Pension der Missionsgesellschaft noch genug übrig, um sie vor
drängenden Sorgen zu schützen und die Verwaltung eines Waisenhauses,
sowie mancherlei andere Arbeiten im Weinberge des Herrn sicherten Herrn
Wendel und seiner kleinen Familie ein bescheidenes Auskommen.
Zweites Kapitel.
Vielleicht waren es die beschränkten Mittel, vielleicht auch eine
übertriebene Besorgnis den Gefahren der fremden, großen Welt gegenüber,
daß Herr und Frau Wendel sich nicht entschließen konnten, Anne-Dore für
einige Zeit aus dem Hause zu geben. Es boten sich mancherlei
Gelegenheiten, aber über zögernden Erwägungen wurden sie verpaßt, und
Anne-Dore drängte eigentlich ihre Eltern nicht, da sie keine
Abwechslungen begehrte und ihre Heimat liebte. Wohl träumte sie zuweilen
von einem andern Leben voller Farben, Glanz und irdischer Freuden, aber
ihre durch geduldige Gewohnheiten tiefbegründeten Anschauungen ließen
ihr solche Begierden als unziemend und anmaßend erscheinen. Sie hatte
kürzlich die Erlaubnis erhalten, einem Vortrag beizuwohnen, der durch
eine Fülle von Lichtbildern aus dem Süden Italiens, von den Inseln Capri
und Sizilien bereichert wurde. Sie sah dieses üppige und glanzvolle
Leben an sich vorüberziehen, die strahlenden Toiletten der beglückten
Frauen und Mädchen, für die es solche Herrlichkeiten auf Erden gab, und
ihre Gedanken führten sie zuweilen in dieses Land hinüber, an der Seite
eines geliebten Mannes, sorglos, frei, ganz in Sonne gehüllt, und dem
Grau des Elternhauses für alle Zeit entrückt. Aber diese Sehnsucht
schmerzte nicht, sie vertrieb die Zeit und lockte in die Zukunft, im
Grunde waren es andere Dinge, die ihr Innenleben ganz in Anspruch nahmen
und ihre Stirn in gestaltlose Träume senkten. Aber sie verbarg das Weh
ihrer heimlichen Erfahrungen und all ihren Drang nach neuen Klarheiten
und Erkenntnissen lange tief in ihrem eigenen Herzen, in einer
fruchtbaren und ernsten Geduld, aus der ihre schwerblütigen Hoffnungen
lichtlos emporblühten.
Oft, in einer schmerzhaften Ratlosigkeit suchten ihre Blicke im
Angesicht des Heilands, aber unberührt und still schaute sein
Leidensantlitz über ihre einsamen Kämpfe hin. Und sie fühlte dann wohl,
daß die nächtlichen Geheimnisse ihres jungen Körpers und alle drängenden
Erwartungen, die sie mit sich brachten, dies heilige Bild befleckten.
Sie weinte und verstand ihre Tränen nicht, bis sie sich endlich nach
einem verzweifelten Kampf gegen ihren brennenden Stolz in großen Ängsten
ihrer Mutter vertraute. Das milde, überlegene Lächeln voll lauer Güte,
das ihr dankte, empörte sie bis auf den Grund ihrer Seele. Sie wünschte
sich inbrünstig, alles in frechen Lügen widerrufen zu können, aber die
Mutter kam ihr umständlich zuvor und klärte sie darüber auf, daß dies
eine Strafe sei, mit der Gott alle Mädchen und Frauen züchtige und daß
ein geduldiges Ertragen dieser Heimsuchung den Herrn versöhnen würde,
dessen heiliges Blut die Menschen von allen Sünden reinwüsche.
Von diesem Tage an haßte Anne-Dore ihre Mutter. Sie verteidigte ihr Herz
eigensinnig gegen die Bitternis dieses Gefühls, das brennend emporstieg,
aber sie verschloß sich mehr als je und es kränkte sie hart, daß nichts
dies geschenkte Vertrauen rückgängig machen konnte.
Draußen blühte die Welt. Anne-Dore flüchtete in dieser Zeit häufiger und
oft für viele Stunden in die ruhige Pracht der heimatlichen Heide. Auf
verlassenen Wegen, die niemand kannte, ließ sie sich mit einem Buch am
Waldesrand nieder, versank im Summen der Bienen in tiefe, warme Gedanken
und überließ sich ganz dem goldenen Willen der Sonne. Oft konnte sie
lange Zeit dem bedächtigen Gang eines Käfers durch die Sträucher des
Heidekrauts folgen, befriedigt und beglückt, aber zuweilen überfielen
sie seltsame und fremdartige Gelüste, wie mit einem heidnischen Lachen
und doch in einem tiefen Zusammenhang mit allem Drängen und Werden in
der Natur, das um sie her glühte. Anfangs widerstand sie furchtsam und
gequält, aber je mehr sie empfand, daß kein Sonnenstrahl darüber seine
Herzlichkeit, kein Schmetterling seine leichte, selige Farbenpracht
verlor, um so mehr folgte sie sorgloser und sorgloser ihren Wünschen.
Sie entkleidete sich und legte sich nackt in die Sonne, lachte fröhlich,
wenn ein Schmetterling sich ihre kleine, weiße Brust zur Rast ersah und
überließ dem Wind und dem Spiel der Gräser und Heidezweiglein ihren
jungen Körper. Eine Herzensscheu von unaussprechlicher Keuschheit ließ
seine Geheimnisse ruhn, ihr erschien gut und rein, was sie erkannte und
sie ergab sich demütig und begierig der blühenden Vollendung, die ihm
geschah.
* * * * *
Um diese Zeit war es, als eines Morgens Herr Wendel seine Tochter mit
einem vielsagenden Lächeln beim Morgenkaffee begrüßte. Anne-Dore
verhielt sich seinen neckischen Scherzchen gegenüber meist in etwas
abwartender Reserviertheit, diesmal hatte sie aber sogleich den
Eindruck, daß es sich um etwas Besonderes handeln müsse. Sie nahmen das
Frühstück an den warmen Frühlingstagen, die es schon gab, des Morgens
auf der kleinen Veranda ein, in die man vom Wohnzimmer aus gelangte und
deren Seiten hellgrüne, durchsichtige Wände aus Efeu und Wein bildeten.
Eine schmale Holztreppe führte in den Garten.
Dore setzte sich erwartungsvoll, die Mutter fehlte noch, wie meistens,
denn sie schlief häufig des Nachts nicht und versäumte dann selten, die
verlorene Ruhe den Morgen hindurch nachzuholen. Es war klarer
Frühsonnenschein, die Sperlinge schrien am Dach und Hähne krähten in der
blühenden Ferne. Es kam kühl, ein wenig taufeucht und duftend vom Walde
herüber zu den beiden.
»Nun?« fragte Dore und goß ihren Kaffee ein.
Die milde weiße Hand des Vaters lag gewichtig auf einem geöffneten
Brief, dessen Ecken unter seinen Fingern hervorschauten.
»Wir erhalten Besuch,« sagte er.
»Tante Helene?« fragte Dore enttäuscht.
»Nein, Kind, hör einmal zu.« Und dann begann der Vater umständlich zu
berichten, er und die Mutter hätten sich immer schon gesagt, daß das
schöne Fremdenzimmer gar nicht so recht zu seiner verdienten Geltung
komme, und da sich nun gerade durch die Empfehlung einer lieben und
befreundeten Familie Gelegenheit geboten, hätten sie ein Anerbieten
angenommen und würden für die kommenden Monate einem jungen Kandidaten
der Theologie ihr Haus öffnen.
»Was will der hier?« fragte Dore.
»Kind,« beschwichtigte der Vater die leise Herausforderung, die er in
der Stimme seiner Tochter zu finden glaubte, »du weißt, wir müssen ein
wenig rechnen und wie die Dinge nun einmal liegen, nicht daß ich
unzufrieden wäre, aber der Mutter käme die kleine Pension, die solche
jungen Herren zahlen, recht zustatten. Er will sich hier in ländlicher
Ruhe auf sein Examen vorbereiten und ich hörte, er sei ein braver und
charakterfester Jüngling.«
»Wie heißt er denn?« fragte Dore, etwas versöhnlicher gestimmt.
»Helferich Friedberg ist sein Name. Ich glaube wenigstens ... wenn ich
mich nicht irre ...« Und er blätterte das Schreiben hin und her, bis er
bestätigen konnte: »Helferich Friedberg, ja.«
Dore rührte ihren Kaffee um, schwieg eine Weile und meinte dann
gelassen, wie sie fast immer war: »Helferich? Was ist das für ein Name?«
»Kind, der Name tut doch nichts zur Sache, wie? Ich habe ihn zwar auch
noch nicht gehört, aber ...« Das lächelnde Kinn des Vaters neigte sich
schräg über seinen Teller nieder und er meinte mit einem milden
Handschlag auf die Tischdecke: »Mir scheint, für einen jungen
Seelenhirten ist er ganz geeignet.« Er stellte sein Lächeln etwas
befangen ein, da Anne-Dore es nicht teilte. »Und Friedberg?« meinte er
dann ein wenig unsicher.
»Friedberg geht an«, urteilte Dore.
»Nun, siehst du, mein Töchterchen, und ich hoffe, du wirst dich in die
kleine Veränderung fügen, die unserem Hause geschieht. Ich hege die
zuversichtliche Hoffnung, daß es beiden Parteien zum Segen ausschlagen
wird.«
Dore wollte noch allerlei fragen, aber sie unterließ es, sie klingelte
dem Mädchen zur Morgenandacht, und als die drei über dem Bibelkapitel,
das für diesen Tag bestimmt war, still um den Kaffeetisch herumsaßen,
stieg draußen aus der glitzernden Heide eine Lerche in den sonnigen
Himmel empor.
Und während Dores Gedanken dem neuen Gast des Hauses mißtrauisch
entgegengingen, hörte sie die Stimme ihres Vaters lesen:
»Aber Gott ist treu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen,
sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr's könnt
ertragen.«
* * * * *
Eines Mittags, als Anne-Dore von ihrem gewohnten Heidegang zurückkehrte
und den Feldweg an den letzten Büschen ihres Gartens entlangschritt, sah
sie durch die Zweige einen großen, schwarzgekleideten jungen Mann auf
der Veranda ihres Vaterhauses sitzen. Sie blieb stehen, bog die Äste
vorsichtig zur Seite und beobachtete, ob er ihr Kommen bemerkt hätte. Es
schien nicht. Er saß ruhig da und schaute in den Garten. Anne-Dore
betrachtete ihn neugierig. Sie sah ein sehr großes, weißliches und
volles Gesicht mit einem mächtigen Kinn, das ganz unvernünftig weit nach
unten ausholte und die kurze dicke Nase und die freundlichen blauen
Augen in ihren Rechten zu beeinträchtigen drohte. Ein ganz schmaler,
kaum sichtbarer Kragen machte sich unsicher am Halse zu schaffen und
suchte mühsam eine Verbindung mit dem dicken schwarzen Gehrock, der nach
allen Richtungen hin vom Körper abstrebte. Nur auf den breiten Schultern
ruhte er gelassen, offenbar gewann er mit ihrer Hilfe seinen einzigen
Halt. Am erstauntesten aber betrachtete das Mädchen die Beine dieses
fremden Mannes, von denen eine so redliche Bescheidenheit ausging, daß
sie gerührt ihr Köpfchen schütteln mußte. Es kam vielleicht nur durch
diese verletzend unschuldige Haltung seiner beiden Füße, deren Spitzen
sich derb und gesund näherten, während die beiden Fersen feindselig
auseinanderwichen. Dabei berührten sich die Knie zutraulich und boten
seinen breiten roten Händen bereitwillig eine Ruhestatt.
Das ist Helferich Friedberg, schloß Anne-Dore.
Nichts sprach gegen sein gutes Herz, aber sie freute sich doch darüber,
daß ihr ein Zufall Zeit gelassen hatte, sich an den Anblick des neuen
Hausfreundes zu gewöhnen. Wenn er so ganz plötzlich dagestanden wäre ...,
dachte sie. Dann ging sie durch die Haustür hinein und wurde im Korridor
vom Vater empfangen.
»Unser junger Freund ist gekommen«, sagte er ein wenig verlegen und ein
wenig erregt. »Wenn du ihn begrüßen willst? Oder ...« Er sah über Annes
Kleid hin, über ihre Figur, mit einem heimlichen Stolz, den er nicht
wußte, und seine Blicke blieben an ihren Haaren haften. »Wie
unordentlich du aussiehst«, sagte er.
»Ich ziehe mich zum Essen um«, meinte sie.
An der Treppe hielt er sie noch einmal an: »Höre doch, Kind, ich habe es
dir immer schon sagen wollen, habe auch mit der Mutter darüber
gesprochen, deine beiden Zöpfe kannst du jetzt nicht mehr gut tragen. Du
mußt dir die Haare künftig aufstecken. Mutter meinte, auch schon wegen
der hellen Sommerbluse wäre es praktischer. Wie?«
Anne-Dore blieb stehen.
»Heute kann ich es nicht mehr gut«, meinte sie zögernd und etwas
betrübt. »Ich müßte erst Nadeln und Kämme kaufen.«
»Es eilt auch nicht so«, entschied der Vater, froh darüber, daß sie
scheinbar so leichten Herzens von ihrer gewohnten Haartracht ließ.
Eigentlich war es ihm selbst ein kleiner Kummer, denn Anne-Dores dunkles
Haar war wunderschön und die beiden schweren Zöpfe reichten weit über
die Hüften nieder und waren ihr kostbarer Schmuck.
* * * * *
Es war in der Tat Helferich Friedberg, der junge Kandidat der Theologie
aus Pommern, der auf der Veranda des Wendelschen Hauses Platz genommen
hatte und dort auf die Mittagsmahlzeit wartete. Er war einen Tag zu früh
erschienen und eigentlich ohne genaue Anmeldung; es lag daran, daß seine
gute Mutter daheim das Zimmer, das er bewohnt hatte, einen Tag früher
brauchte, und in Missionar Wendels Zusagebrief hatte auch gestanden:
»Sie sind uns täglich willkommen, junger Freund.« Er hatte seine
Handkoffer selbst gleich mitgebracht, eine Kiste mit Wäsche und Büchern
war auf der Bahn unterwegs. Gegen zehn Uhr fand er sich ein und wurde
vom Hausherrn in sein kleines Zimmer gebracht, das gottlob schon
hergerichtet war. Von dort hatte er sich nach flüchtiger Toilette ins
Wohnzimmer begeben und die beiden Herren waren einander in längerem
Gespräch nähergetreten. Herr Wendel nahm die Familieneinzelheiten mit
Interesse entgegen, in allen Berichten hatte er eine schlichte und
rechte Gesinnung zu finden geglaubt, und auch über die innerliche
Stellung des Jünglings zu seinem Gott war er schon unterrichtet. Es
hatte sich bei einer Gelegenheit, als der Gast vom Tode seines Vaters
sprach, so gemacht, daß man das Gespräch unaufdringlich auch auf diesen
Gegenstand bringen konnte, und Herr Wendel war in allen Stücken beruhigt
und befriedigt. Er teilte dies auch erfreuten Herzens seiner Frau mit.
»Man will doch gern wissen, mit wem man unter einem Dache schläft«,
meinte er, und sie nickte mit einem weinerlichen Geräusch ihrer belegten
Stimme und bekundete damit ihre Übereinstimmung.
Als man sich am Mittagstisch zusammenfand, wurde Anne-Dore vom Vater
Herrn Friedberg vorgestellt. Er machte eine tiefe Verbeugung, die über
die ganze Länge zweier niederhängender Arme unterrichtete, und die
Manschetten sanken ihm auf die Handknöchel. Während des Tischgebets
versuchte er sie wieder in die Ärmel einzuschachteln, was Frau Wendel
mißfiel. Als dann alle saßen, füllte die Hausfrau die Suppenteller, und
mit einem freundlichen: »Nehmen Sie vorlieb«, reichte sie dem Gast
zuerst. Er wollte ihn an Anne-Dore weitergeben, aber leider hatte sein
Daumen sich zu tief in den Teller gewagt, und er zog ihn deshalb der
jungen Dame wieder fort und sagte: »Pardon«. Herr Wendel hoffte mit
einem gefälligen Räuspern über diese kleine Unannehmlichkeit
fortzuhelfen, was ihm sicher auch gelungen wäre, wenn nur Herr Friedberg
gewußt hätte, ob er seinen benetzten Daumen in den Mund oder in die
Serviette schieben sollte. Er entschloß sich für den Mund, da das
blendende Weiß des frischen Leinens ihn abschreckte, lächelte befangen
und schaute Anne-Dore an. Sie erwiderte sein Lächeln, um ihm zu helfen,
und weil er ihr leid tat in seinem Ungeschick.
Was für ein freundliches Mädchen, dachte Helferich Friedberg und schaute
von nun ab nur noch in das Gesicht des Hausherrn, der ihn in ein
Gespräch zog. Es handelte sich um einen für die Gemeinde der Neustadt
sehr wichtigen Fall, um die Besetzung der vakanten Pfarrstelle in der
Nikolaikirche. Wendels rechneten sich dieser Gemeinde zu, und Herr
Friedberg erfuhr, daß schon zwei Herren ihre Probepredigt gehalten,
beide eigentlich ohne daß sie ein rechtes Wohlwollen gefunden hatten.
Morgen war nun der Sonntag des dritten Bewerbers, eines noch jungen
Pfarrers Jacoby, der sich von einer Kreisstadt aus hierher wählen lassen
wollte.
Als der Name fiel, kam ein unerwartetes Leben in den Kandidaten.
»Jacoby sagten Sie? Sagten Sie nicht Jacoby?«
Missionar Wendel bestätigte es.
»Ich kenne ihn«, rief Friedberg und schwenkte die Hand. »Ich kenne ihn
bestimmt. Oder«, fügte er hinzu, »es müßte ein anderer Pfarrer Jacoby
sein.«
Die nächsten Einzelheiten ergaben, daß es in der Tat ein Bekannter war,
nicht ein persönlicher Freund, aber er hatte ihn predigen hören. Herr
Friedberg begeisterte sich ganz über Gebühr für diesen Mann. »Sie müssen
ihn hören«, rief er immer wieder. »Es wäre ein großer Segen für unsere
Gemeinde, wenn er erwählt würde.« Sonst wußte er wenig bezeichnende
Eigenarten zu nennen, aber es war klar, daß diese Bekanntschaft großen
Eindruck auf sein Gemüt gemacht haben mußte. »Ich verdanke ihm viel --
alles sozusagen«, versicherte er zum Schluß.
Über der Abmachung, daß alle morgen zusammen den Gottesdienst besuchen
wollten, ging man auf ein anderes Thema über. Anne-Dore sprach von den
Schönheiten der Gegend, aber sie verriet keine besondere Liebe, sondern
rühmte ihre rote Heide unbewußt nur soweit, als sie annahm, daß das gute
Herz des neuen Hausfreundes sie würdigen könnte.
Sie ging an diesem Abend mißvergnügt und traurig in ihr Zimmer und wußte
keine Erklärung für ihre tiefe Verstimmung. Nachmittags war sie mit dem
Kandidaten im Wald gewesen, hatte ihr ruhiges Land und seine Wege
preisgegeben, und während sie an dies und jenes dachte, hatte die etwas
schnarchende, grobe Stimme des großen jungen Mannes sie ohne Aufhör in
ihre matten Töne gehüllt. In der Abendsonne sangen Rotkehlchen und
Finken, es glühte von rotem Gold hinter dem jungen Grün und auf den
Zinnen ihrer lieben Berge. Ihr silberner Bach dämpfte im Wald die
frische Stimme über der braunen Erde und den welken Blättern, frei und
lieblich lud die Natur alle Herzen zu sich ein, aber Helferich
Friedbergs derbe Schuhe benutzten ungefüge und breit die Wege, die durch
sie hindurch führten, und er sprach immer nur von Pastor Jacoby und
seiner Wirksamkeit. Ach, wie gern glaubte ihm das Mädchen alles, aber
gab es nicht mehr, nicht tausend andere Dinge in der großen Welt, aus
der er kam? Ihre Augen suchten in seinem ausdruckslosen und gutmütigen
Gesicht, das immer »Pastor Jacoby« sagte. Nein, bei ihm gab es auch nur
dies eine, das nun so lange schon ihre Welt bedrängte, und sie empfand
etwas, das ihre jugendlichen Hoffnungen tötete, einen feinen Gram und
die bitterliche Erkenntnis, daß noch für lange Zeit ihr nichts die
stille und graue Welt verdrängen sollte, in der ihre Seele herangewachsen
war.
Sie waren dann bald zur Ruhe gegangen, der Herr Kandidat nach manchem
schlecht unterdrückten Gähnen, der Vater und die Mutter genau auf die
Art, wie sie es schon seit vielen, vielen Jahren taten. Vorher wurde die
Uhr aufgezogen, deren Stimme sich auch niemals änderte, und sogar der
Schlüssel der Verandatür kreischte geduldig seinen alten Ton im etwas
rostigen Schloß.
Nun war es Nacht. Anne-Dore hatte beide Flügel ihrer Fenster weit
geöffnet und hörte auf den Wind. Unter den Sternen her kam er über die
Heide, ließ ihrem klaren Glanz die ewige Stille und bewegte die Zweige
der Bäume, so daß sie flüsterten und sich neigten. Hin und wieder fielen
Blüten aus dem Kirschbaum lautlos und langsam auf den dunklen Rasen.
Drittes Kapitel.
Die Morgensonne weckte Anne-Dore und der goldene Gesang eines Waldhorns
hoch im Buchenwald der grünen Berge. Sie erwachte jäh und ohne Besinnen,
richtete sich fast erschrocken auf, geblendet vom Glanz des Sonnenlichts
und wie im Jubel eines großen unverstandenen Glücks. Wie schön war die
hohe, warme, goldene Welt, -- was gab es nur, was war geschehn? Langsam
stiegen die Bilder des vergangenen Tages vor ihrer Seele empor. Nein,
sie wollte sie nicht. Sie wollte allein dem angehören, was hier im Licht
und im Gesang der Vögel in ihr Zimmer drängte. Sie hatte ein unendlich
frohes Gefühl tiefer Zugehörigkeit an dies Neue und Frische, das der
heraufsteigende Tag verkündete. Noch hatte keine Pflicht und kein Recht
ihres nützlichen Tages die jugendliche Andacht dieses Herzens überredet.
Sie warf die Haare heftig und in lachendem Zorn ihres Kraftbewußtseins
in den Nacken zurück, sprang aus dem Bett und stellte sich in das Licht
der Fenster. Sie sah die Sonnenstrahlen schräg auf das Dach der Veranda
fallen, im Garten ruhten sie im Blühn, und unter den Bäumen auf den
feuchten Wegen schritt schwarz und feierlich Helferich Friedberg, den
Hut in der Hand und die Nase in einem kleinen, dicken Buch.
Wie das ernüchterte. Sie trat vorsichtig so weit zurück, daß nur sie ihn
erblicken konnte, und erkannte mit leisem Schreck, daß er eine Brille
trug. Ach Gott, dachte sie, auch das noch. Weniger froh kleidete sie
sich langsam an, hatte aber doch das Gefühl, diesem guten Menschen etwas
abbitten zu müssen. In diesen Dingen war ihr Vater groß. Er hatte für
alles ein Einsehen, für jedes eine Entschuldigung, und nichts war seiner
Güte zu gering. Immer bemühte er sich, bei den Menschen nur das Gute zu
sehen und Schwächen in Liebe zu verdecken oder zu verzeihen.
Sie sah sich im Spiegel und zog langsam den Kamm durch die dunkle Fülle
ihres schweren Haars. Sie lächelte sich im Spiegel an. Ihre Augen waren
unnatürlich blau in diesem Reichtum von Licht.
Vielleicht hat er geringe Ansprüche, schloß sie zögernd weiter und sah
in Gedanken das milde Lächeln ihres Vaters. Wie es quälte, solchen
Gedanken folgen zu müssen, zu deren letztem Schluß sie weder den Mut
noch die Erfahrung hatte. Ihr Herz drängte heiß nach Sicherheit und
Erkenntnis, aber sie fühlte, schneidend und voll bittrer Angst, wie man
Fesseln fühlt, daß ihr Blut in einen seltsamen Bann gesprochen war.
Jedesmal nach solchen Stunden des Grübelns und Sehnens stieg eine
Bitterkeit gegen ihre Eltern in ihr auf, die sie geflissentlich
unterdrückte, und sie bemühte sich dann oft selbstquälerisch und voll
Eifer in verdoppelter Liebe gegen sie gutzumachen, was ihr Herz an
Schuld zu tragen glaubte.
Nun hörte sie die Glocken hinter den Hügeln, die ihr heimatliches Tal
von der Stadt trennten. Ein undeutlicher, schwerer, summender
Morgengesang. Die Dorfglocken von Hildenrot antworteten hell und
harmlos. Sie dachte an das Forsthaus dort am Waldrand, sah aus dem
Fenster über die Heide hin nach den Bergen und wünschte sich, dorthin zu
dürfen, statt in die graue Stadtkirche mit ihren hundert fremden frommen
Menschen.
Sie hörte dann die Stimme ihres Vaters im Garten, als sie die helle
Bluse mühsam hinten zuknöpfte, sie zupfte sie über der Brust zurecht und
wurde vor dem Spiegel ein wenig unsicher, als sie ihre Figur prüfte. Sie
faltete die Hände an den Fingerspitzen, preßte sie auf ihre Brust und
zog sie fest an den Körper, die weißen Zähne auf der Lippe. Es half
nichts. Ich werde eine große Frau, dachte sie, gab ihrem Kopf eine
gezierte und steife Würde der Haltung und blickte hochfahrend und ernst
auf ihr Gesicht im Spiegel. Es ist wahr, dachte sie dann und senkte den
Kopf nach hinten, die Zöpfe kann ich nicht mehr tragen. Sie wickelte sie
leicht und prüfend um den Kopf, eine schwere dunkle Krone von mächtiger
Fülle ruhten sie um ihre Schläfen, machten ihr Gesicht bleicher und
kleiner und senkten feine blausilberne Schatten auf die bedächtigen
Lider der reinen Augen.
Schnell ließ sie sie fallen und eilte zum Kaffee hinunter.
Sie hatten schon begonnen, als sie eintrat. Die Bibel für die
Morgenandacht lag bereits neben dem Platz des Vaters. Helferich
Friedberg erhob sich, als sie eintrat, kaute angestrengt und heimlich,
während sie ihren Vater küßte, versuchte zu schlucken und mußte dann
doch mit vollem Mund sein »Guten Morgen, gnädiges Fräulein« sagen.
»O o,« meinte der Vater, »wir lassen es besser bei einem einfachen
Fräulein Wendel.« Und er schaute ein klein wenig strafend auf den
Kandidaten, als wäre da mit ihm ein ganz falscher Ton in die
Gemeinschaft ihres schlichten Familienlebens gedrungen.
Schade, dachte Dore, und wußte nicht recht, warum sie diese Änderung
bedauerte. Er wird sonst am Ende zu weltmännisch, schloß sie ihren
Gedanken, und ein ganz feines Lächeln, das niemand sah, huschte zu
kurzer ungewohnter Rast über ihren kindlichen Mund. Sie mußte sich etwas
beeilen und trank flüchtig ihren Kaffee, Herr Wendel schob dem Gast die
Bibel in freundlichem Ernst neben den Teller und bat ihn, diese liebe
Pflicht für heute zu erfüllen. Es lag wohl etwas Respekt vor dem
studierten Manne in seiner Aufforderung und doch auch die Herablassung
eines, der aus Brüderlichkeit und Bescheidenheit gern auf ein Vorrecht
Verzicht leistet.
Herr Friedberg kämpfte in diesem besonderen Fall seine Befangenheit mit
Erfolg nieder. Hier spielte etwas in seinen Beruf hinüber und streifte
den Gang seiner heiligsten Pflichten. Er forschte bescheiden:
»Ich weiß nicht, wie Sie es in Ihrem Hause zu halten pflegen, Herr
Missionar.«
»Folgen Sie ganz Ihrem Herzen«, sagte Herr Wendel und lächelte und
nickte ermutigend. »In diesen Dingen gibt es kein Gesetz, und wir wollen
dankbar sein, wenn Sie uns eine neue Art zeigen, in der wir vor den
Herrn treten können.«
Anne-Dore wurde dunkelrot. Ihr Zorn, als sie es fühlte, änderte diese
verräterische Erscheinung nicht zugunsten. Niemand sah es. Herrn
Friedbergs breite Finger suchten am Goldschnitt, er besann sich, schlug
dann kurz entschlossen im Neuen Testament eine beliebige Stelle auf und
suchte seine Brille.
»Wollen Sie das Losungsbuch?« fragte Herr Wendel.
Friedberg schüttelte nur den Kopf, denn er war schon im Bann seiner
Pflicht, deren Erfüllung ihn ganz erheischte. Er las ein Kapitel des
Apostel Paulus an die Römer, in dem er einer langen Reihe von
Gemeindemitgliedern Grüße bestellen ließ. Anne-Dore hörte all die
fremdartigen und sonderbaren Namen, die sie wenig erbauten. Der junge
Mann las mit tiefem Ernst und einer singenden Eindringlichkeit, als wäre
jede Zeile von großer Wichtigkeit und voll tiefer Weisheit. Dann betete
er das Vaterunser, und als er Amen gesagt hatte, schaute er Anne-Dore
an. Er klappte die Bibel zu, ohne seine Erleichterung zu verraten, und
der Brille wurden ihre beiden Nickelflügel über den gläsernen Leib
gelegt, so daß sie in das Etui paßte, das nicht mehr ganz neu und innen
mit hellblauem Papier beklebt war.
Es war spät geworden, und man mußte sich für den Kirchgang beeilen. Frau
Wendel war nicht erschienen, und so zogen die drei anderen miteinander
über den niedrigen Berg in die Stadt, durch den Morgensonnenschein und
durch den Gesang der Vögel. Es war eine gute halbe Stunde Wegs, und man
fürchtete, daß die Kirche sehr voll sein würde, bei einer so wichtigen
Gelegenheit, wie es eine Probepredigt war. Anne-Dore ging zwischen den
beiden Herren, hin und wieder trat der Kandidat zurück und ließ ihr auf
dem schmalen Weg den Vortritt, aber für gewöhnlich sah sie neben sich
diese dunklen, dicken, steigenden Beine und den melancholischen Fall der
langen, schwarzen Sonntagsröcke. Man sprach wenig. Anne-Dores
Empfindungen waren matt und geteilt, keine sonderliche Erwartung hielt
sie im Bann, es würde sein wie immer. Vielleicht war die Predigt
wirklich ein wenig unterhaltender, vielleicht blieb der Herr Pfarrer
auch in seiner Rede stecken. Aber nein, das war wohl nicht anzunehmen,
obgleich sie es oft gefürchtet hatte und manchmal sogar heimlich
gewünscht, nur damit ein wenig Leben in die alten Wahrheiten der Kanzel
käme, die so gar nichts Neues in ihr Dasein bringen konnten.
Sie hielt erschrocken in ihren Gedanken inne. Der Versucher geht dicht
neben mir und raubt mir die Andacht und die rechte Stellung des Herzens,
fürchtete sie. Dann stellte sie sich vor, der Satan habe die Gestalt des
Herrn Helferich Friedberg angenommen, sie wußte, daß er in vielerlei
Gestalt die Herzen versuchte, aber als die Füße ihres Nachbarn wieder
neben ihr auftauchten, stellte sie heimlich fest, daß solche Stiefel,
wie er sie trug, stets den rechten Weg gingen. --
Die Kirche war überfüllt, und es war kein Gedanke daran, einen Platz zu
finden. Zwar forschte Herr Friedberg eifrig hier und dort, um wenigstens
für Anne-Dore ein Plätzchen ausfindig zu machen. Er tat es mit der
Sicherheit eines, der im eigenen Hause schaltet, aber seine selbstlosen
Bemühungen erregten nur Unwillen und störten. So stellten sie sich denn
nebeneinander an eine breite Säule dicht am Ausgang, das junge Mädchen
mit dem Rücken gegen die getünchten Steine, die ihr ein wenig Halt
boten. Gerade in den bunten Farbwegen standen sie, die das Sonnenlicht
durch die hohen Fenster nahm, rote, blaue und goldene Kreise malten sich
in Anne-Dores Kleid. Sie neigte den Kopf und schloß die Augen, bis ihr
Friedberg die Nummer des Liedes zuraunte, das gesungen wurde. Herr
Wendel flüsterte seinem Gast ins Ohr, sie hätten sonst hier eigene und
feste Plätze, aber die Bänke seien heute für die Kirchenältesten
reserviert, die über die Wahl des neuen Pfarrers entscheiden sollten.
Dann setzte die Orgel ein, milde und als wollte sie die Bewegung und die
dämmerigen Geräusche beschwichtigen, die stets von einer feierlich
versammelten Menge ausgehen, wie der Odem einer gedämpften Erwartung.
Nun brauste das Lied voll befreiender Inbrunst durch das breite Schiff
der alten Kirche:
Steil und dornig ist der Pfad,
Der uns zur Vollendung leitet.
Selig ist, wer ihn betrat
Und im Namen Jesu streitet.
Die ernste Feierlichkeit nahm auch Anne-Dore in ihren Bann. Neben ihr
behauptete sich Friedbergs Stimme. Er verschwand für sie in dieser
bewegten Menge, wurde das unpersönliche Glied in einer Gemeinschaft
Gläubiger und verlor für sie darüber seine armselige Körperlichkeit. Ihm
dagegen, der heimlich auf sie hinschaute, erschien das Mädchen seltsam
verschönt und verklärt. Er empfand eine Gemeinschaft und eine
Übereinstimmung mit ihr, die sie einander geschwisterlich näherte. Das
schöne farbige Licht auf ihrem geneigten Scheitel und ihrem weißen Kleid
tat dazu das Seine, und er fühlte sich eigenartig beglückt und
wundervoll geborgen unter den Menschen.
Es war das zweite Lied. Der Altardienst war schon beendet, die Predigt
stand bevor, und vom dritten Vers ab wandte die Aufmerksamkeit der
Andächtigen sich der kleinen Tür in der Sakristei zu, durch die Pastor
Jacoby kommen sollte. Anne-Dore konnte dorthin nicht sehen, sie
erblickte den Pfarrer erst, als er langsam und scheinbar tief in
Gedanken die offene Treppe zur Kanzel emporstieg. Dort sah sie ihn nur
kurz und undeutlich, denn er kniete sogleich nieder, um zu beten und sie
sah nur seinen Scheitel, der dunkelblond und schlicht über dem schweren
Samt der großen Bibeldecke lange still und unbeweglich im matten Licht
der Kirche ruhte. Als er sich aufrichtete, sang die Gemeinde den letzten
Vers, und Anne-Dore hatte Muße, das Gesicht des Geistlichen zu
betrachten. Seine Augen lagen im Schatten der sehr bleichen Stirn, und
ein dunkler Bart verdeckte klein und weich den Mund und das Kinn. Die
gerade Nase war von vornehmem und fast zartem Schnitt. Seine Blicke
glitten ruhig über die Versammlung hin, verweilten hier ein wenig, dort
einen Augenblick, gelassen und klug, in einem Prüfen, das fast etwas
Trauriges hatte. Anne-Dore fand dies Gesicht sehr schön.
»Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme
lebendigen Wassers fließen.«
Was war das für eine Stimme? Anne-Dores Herz erzitterte vor der Inbrunst
und Eindringlichkeit, die diese Worte mit unendlich klarer
Selbstverständlichkeit in die Halle der Kirche sandten. Der Pfarrer
hatte sie ohne Ankündigung und ohne die Stelle zu nennen, in der sie in
der Bibel standen, plötzlich in die große Stille der Wartenden
hineingerufen. Mit heller, fast leidender Stimme und doch mit so ehernem
Nachdruck, als hinge Leben und Tod von ihrer Wahrheit ab.
Alles war ungewöhnlich, das Niederknien auf der Kanzel, der unvermittelte
Text und dies Warten nun. Dies Warten, das kein Ende nehmen wollte.
Anne-Dore schlug in heißer Angst die Augen nieder. Er weiß den Anfang
nicht, dachte sie und zitterte. Die Unruhe aller Herzen wuchs, wurde
qualvoll, man hörte die Stille des gefüllten Gotteshauses wie ein
Sausen. Anne-Dore schaute hinauf, und als sie nun sein Gesicht sah,
wußte sie plötzlich, tief ergriffen, und still bis auf den Grund der
Seele: Er weiß den Anfang.
Und nun begann er, fast zu leise und sagte nur die Worte: »Herr Jesus,
sei mitten unter uns.« So begann er sein Gebet. Anne-Dore konnte keinen
Blick von ihm wenden, während er sprach. Sie hatte nie ein Gesicht
gesehen, so zermartert von Sehnsucht und Gram, so entstellt von
Inbrunst. Seine Hände krampften sich so ineinander, daß sie weiß wurden,
sie schaukelten hin und her und auf und nieder, als rängen sie
miteinander, als wollten sie nicht ein Tröpflein Blut mehr in sich
dulden. Es war, als schaute er voll hinein in das Angesicht des
Heilands, als sähe er das Blut unter der Dornenkrone des Gekreuzigten
niederrinnen, als habe er Macht, den Geist seines auferstandenen Gottes
in dies Haus zu beschwören, als hoffe er auf eine Antwort, als er rief:
»Herr, höre mich, wie ich dich zu uns rufe.« Nach dem Amen sank seine
hochaufgereckte Gestalt mit einem tiefen Seufzer der schwachen Brust
zusammen. Er legte beide Hände um die Bibel und begann seine erste
Predigt an die Gemeinde der Nikolaikirche.
Die Menge war wie in einen Bann gesprochen. Anne-Dore zitterte und
stützte sich an ihren Vater, der seinen grauen Kopf schüttelte in tiefem
Erstaunen, in Abwehr und Zweifel, ja fast wie in Besorgnis. Niemand
rührte sich. Es war, als wäre nach diesem Gebet die Person des Heilands
gegenwärtig, jeder glaubte heimlich ihn neben sich zu wissen. Man
wartete wie auf ein Wunder, auch die Gleichgültigsten harrten beklommen.
Was waren das für neue allmächtige Worte? Wer war die Gemeinde der
Heiligen, von der es dort oben hieß, sie würden mit Christus herrschen
tausend Jahre? Seit wann war es notwendig, seinen Gott von Angesicht zu
Angesicht zu kennen, zu wissen, ob man seiner Gnade teilhaftig war oder
nicht? Wie Flammen sengten diese Worte sich in die erschrockenen Herzen,
Anne-Dore hatte niemals geglaubt, daß eine so leuchtende Gewalt der
Sprache auf der Menschenerde möglich sei. Die Worte Jesu Christi
gewannen durch diese bleichen Lippen, durch die verzehrende Inbrunst
dieser Glaubenszuversicht ein ganz neues Leben. Welch tiefen Sinn von
zerschneidendem Ernst und edler Hoheit bekamen plötzlich die Worte der
Apokalypse: »Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist,
und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« --
Wie ein Triumph ewiger Wahrheiten leuchtete es von dieser schmerzvollen
Stirn.
Es wurde still. Dann klang das Amen leise und menschlich einfach, die
Orgel setzte ein. Immer noch lag dort oben der Mann auf den Knien, als
schon die ersten Verse zaghaft und bedrückt, in ganz neuer Scheu, und
wie veränderten Sinnes erklangen. --
* * * * *
Auf dem Heimwege war Kandidat Friedberg in jeder seiner Bewegungen und
im Gehabe all seiner gewaltsam bescheidenen Sätze nur die eine
herausfordernde und rechtsfrohe Äußerung: Was habe ich gesagt? Habe ich
es nicht gesagt?
Missionar Wendel hatte seine Brauen vorsichtig gelichtet, mit
festgeschlossenem Mund und beruhigten Blicken, die nicht wanderten,
meinte er nur: »Der Mann ist noch sehr jung. Ich kenne diesen
Erweckungseifer und kann meine Sorgen nicht ganz von der Hand weisen.
Aber Gott wird zulassen, daß alles nur zum Segen ausschlägt. Er wird
wohl gewählt werden.«
Anne-Dore ging still und tief ergriffen zwischen beiden. Bei den Worten
ihres Vaters hatte sie den bestimmten Eindruck, als redete er von einem
ganz anderen Gott als jener Mann auf der Kanzel, der den Heiland der
Menschen im eigenen Herzen erlitten, der ihn liebte und für ihn ein
Streiter ohne Furcht und Zögern war. Ihr guter Vater sprach von seinem
alten braven Hausgott, der ganz grau geworden war von lauter
verbrauchter Güte, die man täglich soweit annahm, als man sie gerade
nötig hatte; aber die Worte dessen, der ihr Herz in Feier hielt, kamen
aus einer Seele, tief geneigt und geheiligt durch den Martertod des
Herrn Jesu Christi. »O, daß du warm wärest oder kalt«, klang es in ihr
nach, und ihr Herz glühte. Mit einem feinen schmerzlichen Lächeln voll
geheimer Seligkeit verloren ihre Blicke sich im Sonnenschein und im
warmen Wind. Sie fühlte sich zu neuen Kämpfen, zu neuem Wesen wunderbar
bestimmt, bereit und allein. Ihr war zumut, als habe sie im Halbschlaf
auf den Tag geharrt und auf ein neues Licht. »Ströme lebendigen
Wassers«, sagte sie ganz leise nur mit den Lippen.
Neben ihr sprach Friedberg, und über sie hin, mit ihrem Vater. »Ich
versuche mir in diesen Fragen einen offenen Sinn zu bewahren«, meinte
er, »Prüfet alles und behaltet das Beste. Solange man wie ich in einer
Zeit des Lernens und Werdens steht, ist einem jede Abart der Auffassung
willkommen, und ich bin unbesorgt, es wird alles zu meiner Erziehung
dienen.« Er betrachtete Dore, während er sprach, besorgt, daß sie ihm
zuhörte.
Missionar Wendel schien durch diese Worte beruhigt. Er sprach lauter und
scheinbar fröhlicher. Nur hin und wieder glitten seine Augen über die
Züge seines Kindes, und er wußte nicht, daß etwas wie eine ganz feine,
leise Eifersucht in seinem alten Gesicht stand, das immer gütig und fast
ein wenig traurig erschien, wenn Anne-Dores Angelegenheiten ihn besorgt
machten.
Die häuslichen Pflichten ernüchterten das junge Mädchen seltsam. Am
liebsten hätte sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen, wäre jedem
ausgewichen, um sich ganz, rasch und auf einmal mit allem abzufinden,
das ihr Innerstes bestürmte. In ihr war von je ein seltsam bestimmtes
Bedürfnis, im Haushalte ihrer Seele Ordnung zu wahren, Unsicherheit und
ein halbes Bewußtsein waren ihr qualvoll. Sie konnte sich krank fühlen
bis zu einem Hang ins Schwermütige, wenn ihrem Suchen eine Klarheit
versagt blieb. Sie war den Tag hindurch wie auf der Flucht. Die Fragen
ihrer Mutter machten sie zornig. Ihr Wunsch, freien Herzens das
Empfangene weiterzugeben, selbstlos, froh und schwesterlich, rang heiß
mit ihrem Stolz und ihrem Bedürfnis, Empfundenes im Herzen zu bewahren.
Sie weinte sich abends in Schlaf. --
Im Traum stand Friedberg vor ihr, suchte mit den dicken, weißen Fingern
am Goldschnitt der Bibel und las endlich mit seiner geruhsamen Stimme,
die immer etwas mit Heiserkeit kämpfte:
»Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.« --
Es war kein Zweifel, durch wen die Pfarrstelle der Nikolaikirche besetzt
wurde.
Viertes Kapitel.
Mit dem Einzug Pastor Jacobys in die Stadt brach eine neue Ära im
Geistesleben ihrer Bewohner an. Soweit die beiden alten, schlichten
Türme der Nikolaikirche Ort und Land überwachten, vollzog sich in den
Herzen aller Beteiligten eine seltsame Wandlung. Aber nicht nur die
Gemeinde der Gläubigen wurde von ihr betroffen, sondern die neuen
Regungen griffen weit um sich und zogen auch Außenstehende und
Unkirchliche in ihr umstrittenes Interessengebiet. Eine ganz neue
Bewegung erhob sich, trennte entschieden und schroff die Gemeinde in
zwei Parteien, und es schien, als sollten die neuen Glaubensgewißheiten
in ihrer Wirkung bis in das intimste Familienleben die Worte Christi
seltsam bewahrheiten: »Ihr sollt nicht wähnen, daß ich kommen sei,
Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden,
sondern das Schwert.« Und als einmal gar nach einer Predigt von
einschneidendem Ernste das Bibelwort: »Wer Vater und Mutter mehr liebt,
denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt
denn mich, der ist mein nicht wert«, die Herzen entzündete, schien der
Verwirrung kein Ende mehr. -- Die ersten Wochen hindurch wurde die
Kirche gestürmt, die Geistlichen der anderen Gemeinden sprachen vor
leeren Bänken, nur alte Leute behaupteten dort noch im Halbschlummer die
gewohnten Plätze. Dann räumte eine verständliche Reaktion, die in Haß
ausartete, die Nikolaikirche aus. Aber langsam begann sie sich wieder zu
füllen, und eine gefestigte und scheinbar unerschütterliche
Glaubensgemeinschaft verband die Andächtigen unter dieser Kanzel. Man
nannte sie die »Gemeinde der Heiligen«, aber sie ertrugen Spott und
Geringachtung mit dem glücklich ergebenen Lächeln Geborgener und
Erlöster. Ihr innig und aufrichtig geschlungener Bund und seine
Schicksale erinnerte in vielen Erscheinungen an die ersten Gemeinden der
Apostel in Rom und Griechenland. Man empfand Grauen und Ehrfurcht, ihre
geduldige Heilandsliebe peinigte und forderte rohen Widerspruch heraus.
Ja, es kam zu Tätlichkeiten und die Polizei mußte einschreiten. Pastor
Jacobys Ruf drang weit über die Grenzen der Provinz ins Land hinein. Es
schien, als sei das Bibelwort seiner ersten Predigt zum Wahlspruch und
Kampfruf erhoben: »O daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau
bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem
Munde.«
* * * * *
Wenig Herzen durchlitten alle tiefinnerlichen Wandlungen so inbrünstig,
so ganz der neuen Wahrheit ergeben und so aufrichtig wie Anne-Dores.
Ihre neue Frömmigkeit hatte nichts mehr gemein mit jener kleinlichen
Beschränktheit von Menschen, die ihren Glauben als eine Schranke vor
ihrer Dürftigkeit, ihrer Armut und ihrer engherzigen Selbstsucht
aufrichten. Das ruhige und feste Glück ihrer reinen Augen wich jedem
falschen Schein und aller Knechtschaft einer niedrigen Demut aus. Es
ging ein Glanz von großer und freier Liebe mit ihren Schritten aus, ohne
Dünkel und kleine Maße, warm, aus Freude und wie aus lauter Licht. Ihr
Wesen schien völlig verändert und wollte es weder wissen noch verkünden,
es war, als erkämpfte für sie ein neuer Streiter Klarheit und Erkennen
in alle Finsternis ihrer suchenden Seele, deren Flügel auftauchten in
die verborgenen Seligkeiten und Geheimnisse einer zukünftigen Welt. Ja,
es war im Laufe der kommenden Zeit so, als teilte sich ein Schein dieses
neuen Glücks, in dem ihr Wesen ruhte, auch ihrem Äußern mit. Ihr Gesicht
wurde schmaler und bleicher, ihre Bewegungen von jener leichten Scheu
weltfremder Hoheit und von einer Anmut, für die es keinen irdischen
Namen gibt.
Handlungen und Lebensgewohnheiten, die sonst allein durch den
tiefbegründeten und eingeborenen Geschmack eines reichen Herzens ihren
Adel gewinnen, stellten sich bei ihr ein, als schlüge ein neues Herz in
ihrer Brust. Als habe eine neue Kraft, voll unergründlicher Schönheit,
sie eng und wie an Kindes Statt in den edlen Gang ihres Waltens gezogen,
sie ganz für sich genommen und herrlich bereitet für eine glückselige
Zukunft.
Herr und Frau Wendel sahen die Veränderung nur in ihrer Wirkung, die bis
in die kleinsten Einzelheiten der nüchternen Tage reichte. Ihre
anfängliche Besorgnis wich einer frohen Bewunderung. Die neue und stille
Freude, die das Wesen ihres Kindes verklärte, warf ihren Schein auch
über ihre Stunden, beglückt und zuversichtlich dankten sie ihrem Gott.
Da Anne-Dore niemals über ihre inneren Erlebnisse und über die
Seelenvorgänge sprach, die sie bewegten, niemals einen Versuch machte,
jemanden anders als durch ihr Tun von der Schönheit dessen zu
überzeugen, dem sie diente, blieb ihre Welt unangetastet wie ein
Heiligtum.
Einen tiefen Eindruck hinterließen diese Erscheinungen, die sich durch
Wochen hindurch vollzogen, auch bei Helferich Friedberg. Anfänglich gab
er dem unklaren Drang seiner geteilten Gefühle Anne-Dore gegenüber
Ausdruck. Er meinte einmal, als sie miteinander von einem Kirchgang
heimkehrten, es wäre eigentlich Christenpflicht, sich nicht so einseitig
beeinflussen zu lassen, ob sie nicht einmal zu einem anderen Prediger
gehen wollten und nicht immer zu Pastor Jacoby, der übrigens auch
anfinge sich zu wiederholen.
Dore schüttelte den Kopf. Sie ginge zu Pastor Jacoby, solange sich ihr
Gelegenheit böte. Er würde wohl kaum lange bei dieser Gemeinde bleiben.
Aber er, Friedberg, tue sicher recht daran, diesem Gefühl zu folgen,
wenn er es ehrlich glaube.
Er sprach wieder, dachte aber nicht an seine Sätze, sondern an ihre
letzte Bemerkung, und darüber ertappte er sich bei der Erkenntnis, daß
sein Vorschlag nicht ganz selbstlos und ehrlich gewesen war. Er schwieg
dann, um ungehindert seinen Gedanken folgen zu können. War es wirklich
so, daß ihn davor bangte, Anne-Dore möchte allzu tief und allzu
menschlich im Bann dieses Mannes stehn, den er bewunderte mit heimlichem
Neid? Ja, er hatte wahrhaftig den Wunsch, Anne-Dore möchte auch ihn ein
wenig anders beachten, als nur auf jene freundlich gelassene Art, in der
sie ihm hin und wieder flüchtig gehörte. Meistens nur dann, wenn er über
Pastor Jacoby und dessen Auslegungen sprach, wenn er sie mit anderen
Auffassungen verglich und dem Mädchen bestätigen konnte, daß keine
feinsinniger und tiefer erfaßt waren als die seinen. Und unbewußt war
ihm Pastor Jacoby beinahe um dieses einen Umstandes willen lieb
geworden.
Nun, da er so neben ihr hinschritt, schämte er sich plötzlich dieser
Wahrheit, und tief in seinem Herzen tauchte ein neues Bewußtsein auf,
das ihn eigen und wehmütig erregte. Wie nun, wenn er die Führung seines
Gottes darin erkennen durfte, daß er gerade in dieses Haus und an die
Seite dieses Mädchens gekommen war? Daß ihm der Herr in seiner
unergründlichen Freundlichkeit hier einen Fingerzeig für sein künftiges
Leben gab und eine Bestimmung sie zusammengeführt hatte und einst ganz
vereinen wollte?
Er erschrak und wies den Gedanken von sich. Er lag ihm anfänglich doch
zu nah bei seiner Bewunderung für ihre Frömmigkeit. Ihm war, als betaste
er mit solchen Wünschen ein Eigentum des Erlösers, als versündige er
sich gegen ein erwähltes Kind des Himmels. Aber der Gedanke kehrte
wieder und immer wieder und überwand ihn. Er war neben einen Schatz von
viel Schönheit und Tugend gestellt worden, und gewiß nicht ohne eine
Fügung des Himmels. Und unter Gebeten und wohlverborgen allen Menschen,
beschloß er diesen Schatz zu heben.
Alle Ideale eines vollkommenen Christentums und alle Vorstellungen von
einer untadeligen Gattin vereinigten sich ihm mehr und mehr in der
Person Anne-Dores, und machten ihm bald das Herz warm in Form von langen
inbrünstigen Gebeten und bald in einer sehnsüchtigen Schwärmerei. Und
beide Formen flossen wehmütig ineinander über, und ihn verlangte bald
nicht mehr sonderlich heiß nach ihrer klaren Trennung.
* * * * *
Es war in diesen Wochen gewesen, als eines Mittags ein kleiner hoher,
zweirädriger Wagen von bestechender Eleganz und fast zerbrechlicher
Leichtigkeit in der Nähe des Wendelschen Wohnhauses auf dem schmalen
Fahrweg hielt. Anne-Dore stellte ihre Arbeit im Garten ein, wo es am
Weinstaket der Veranda zu tun gab, und schaute neugierig hinüber,
angezogen durch helle, feste Stimmen und frohes Lachen. Sie sah zwei
junge Herren in englischen Anzügen, fein und knapp gekleidet, wie sie
vom Wagen sprangen, der eigentlich in federnder Schwebe zwischen den
hohen Rädern nur ein einziges Sitzbrett hatte. Der Jüngere von ihnen
warf die Zügel um eine kleine Kiefer am Wegrand, wobei er das Bäumchen
nicht gerade sonderlich schonte, und dann schritten die beiden über das
unbebaute Stückchen Heideland, das schmal und verwildert Wendels Garten
vom Wald trennte. Dieser Landstrich gehörte der Stadt, soviel Anne-Dore
wußte, sie pflegte dort ihre Wäsche zu trocknen und zu bleichen. Die
Herren schienen etwas zu vermessen, sie gingen auf und ab, zählten die
Schritte, schauten nach dem Stand der Sonne und prüften den Boden. Hin
und wieder verstand das Mädchen ein lauteres Wort, konnte aber die
Absichten der beiden nicht erraten. Der Ältere zeichnete in sein
Notizbuch, steckte Stöckchen in den Boden und schien mit seinen
Erfahrungen zufrieden. Der andere langweilte sich scheinbar bald dabei,
er hieb nachlässig mit seinem Stock in die jungen Huflattichblätter am
Wegrand, klopfte dem Pferd den schlanken glänzenden Hals und sah hin und
wieder zu ihr in den Garten hinüber. Er konnte sie nicht erblicken, nur
das Haus schien ihm zu gefallen, er ging ein paar Schritte am Garten
entlang und schaute zu den umgrünten Fenstern hinauf.
»Mark,« rief da der andere von oben, »schreibe auf: zehn Schritte vom
Waldrand und zwanzig vom Weg. Es geht ausgezeichnet!«
Der Angeredete winkte ab.
»Kind,« gab er zurück, »wozu hast du dein Notizbuch!« Und er fing an, am
Zaun des Wendelschen Gartens Heckenrosen abzuschneiden. »Verflucht«,
hörte sie dann plötzlich und gleich darauf das zwitschernde Geräusch von
saugenden Lippen an seinem Finger.
Anne-Dore hatte schon darüber lachen müssen, daß er diesen großen
Menschen da oben mit »Kind« anredete, aber das hätte wahrhaftig auch auf
Friedberg gepaßt. Nun, da er sich auch noch gestochen hatte, wurde ihr
ordentlich lustig zu Sinn. Das schadete ihm nichts, so frech wie er war.
Daß er geflucht hatte, war ihr gar nicht recht ins Bewußtsein gedrungen,
sie hätte es sicher nicht verziehen, aber er hatte es mit einer Stimme
gesagt, bei deren Klang es so seltsam wie ein natürlicher Schmerzenslaut
wirkte, daß es jedenfalls auch ihrem Vater nicht aufgefallen wäre.
Jetzt sah sie sein Gesicht. Er hörte gar nicht auf, ihre Blumen zu
stehlen, hatte schon einen ganzen Strauß und schnitt unbesorgt weiter,
bog Äste nieder und knickte sie ab, rücksichtslos und erfreut. Dore fand
es nett, daß er Blumen mochte, darüber verzieh sie ihm seinen Raub. Und
auch, weil sein Gesicht ihr gefiel. Sie gestand es sich nicht zu, aber
es zog sie an, schmal und leicht gebräunt wie es war, mit Augen, die ihr
grau erschienen, und braunem Haar, das unter der englischen Kappe
hervordrängte, weich und voll.
Das Pferd riß sich los. Es warf den Kopf unruhig, scheinbar gequält
durch ein Insekt. Dann hob es sich rasch und schmerzvoll mit erregtem
Schnauben, schlug und bäumte.
Mit zwei, drei Sprüngen war der Blumendieb beim Wagen.
»Verdammte Canaille!«, rief er hell und fing die flatternden Zügel mit
sicherer Hand. »Schmeiß mir die Karre noch kaput, dummes Luder!«
Aber dann sprach er beruhigend und gütig auf das zitternde Tier ein,
suchte nach der Ursache seiner Angst, ohne sie zu finden. Wieder stieg
es schnaubend empor. Wie fest die schmale, weiße Hand den Zügel hielt.
Jetzt wurde es ernst. Der Rosenstrauß flog auf und zerflatterte wild in
der Luft und am Boden. Es gab ein zorniges Ringen. Von oben lief der
Freund in langen Sprüngen herbei.
Sie bändigten das scheue Tier. Eine Pferdebremse mußte die Ursache
gewesen sein. Dann saßen sie rasch und sicher von zwei Seiten wieder
nebeneinander oben und das Tier zog mit kräftigem Ruck an, befreit und
in weitausholendem Trab.
Da lagen die schönen Rosen im Staub der Straße. Anne-Dore schickte Lotte
und ließ sie holen. Es wäre schade um die Blumen gewesen, wenigstens
sollten sie nun den Mittagstisch schmücken, rasch verwelkt, wie sie sein
würden.
Beim Essen erzählte sie den kleinen Vorfall, der sie seltsam erregt
hatte. Sie war ihrem pochenden Herzen mit der Hand zu Hilfe geeilt, als
der junge Mensch sich so kühn und mit der Gefahr vertraut um das
bäumende Tier bemühte. Und doch war sein Erfolg ihm leicht und
selbstverständlich gewesen. Sie schaute freundlich auf die Blumen, die
Lotte ins Wasser getaucht hatte, um sie vom Staub zu säubern. Sie
strömten nun im Schatten schwach und fein ihren zärtlichen süßen Geruch
von Honig und Sonne aus.
Friedberg wußte Bescheid. Es würde wohl gebaut werden. Natürlich. Was
denn sonst? Und die beiden Herren waren der Baumeister und der Besitzer
gewesen.
Anne-Dore widersprach. So sähe kein Baumeister aus. Sie wußte nicht
recht, weshalb, aber einen solchen Mann stellte sie sich viel älter vor,
mit einem Vollbart und einer leichten Neigung zu Kopfschmerzen.
Herr Wendel mußte lachen.
»Aber ich glaube auch nicht, daß dort gebaut wird«, meinte er. »Es gibt
schönere Orte in der Nähe, auch ist ja hier kaum Platz für einen Garten,
den will man doch für gewöhnlich.«
Man einigte sich nicht, obgleich man fast unermüdlich bei diesem Thema
blieb, Friedberg, um Anne-Dore zu ehren, die es begonnen hatte, und Herr
Wendel, weil ihm ehrlich der Wunsch am Herzen lag, man möchte ihm dort
kein Haus zwischen seinen hübschen Besitz und den Wald bauen.
Noch am Abend mußte Anne-Dore immer an den Vorfall denken und an seinen
Helden, der Mark hieß. Sie konnte nicht einschlafen, wollte sich zwingen
und verlor darüber den Rest ihrer Müdigkeit. Es war schon spät und eine
warme Nacht. Der Mond stand in wandernden Wolken, aber man hörte keinen
Wind. Sie hatte ihr Licht gelöscht, und im Bann einer ganz fremden
Traurigkeit schaute sie ruhig von ihren Kissen aus, wie am Boden bald
klar und weiß der helle Schein vom Himmel lag, wie es bald grau und
still über ihn hinzog und wie darüber lautlos ihr Zimmer versank. Wenn
es dunkel wurde, wünschte sie sich, er käme wieder, der weiße Schein,
sie sah dann die Gegenstände im Zimmer, die schliefen, die Sprüche an
der Wand, ihren Schreibtisch und die bunten Rücken ihrer Bücher auf dem
kleinen Wandbrett. Sie konnte sie alle erkennen, am Tischrand lag
aufgeschlagen ein Predigtbuch des Engländers Spurgeon, das Friedberg ihr
in einer neuen Übersetzung geschenkt hatte. Was er dazu sagte, hatte ihn
verraten. Es war ihm daran gelegen, ein Gegengewicht gegen den Einfluß
Pastor Jacobys zu bieten, dessen Wirkungen ihm zu nachhaltig wurden. Sie
mußte lächeln. Er war wirklich allzu besorgt, der Brave. Wieder senkte
sie Müdigkeit lau in halbe Träume, in Träume, die Gedanken waren, und in
Gedanken, die von Träumen überwunden wurden.
Warum erschien es ihr, als betaste die unbedachte, von keinerlei Harm
und Milde geschwächte Kraft, die ihr heute so neu und frisch
entgegengelacht hatte, die feierliche Schönheit ihrer Seelenwelt? Es
lagen vage Sehnsüchte in ihr miteinander im Streit. Irgendwie wurde ihr
Glück verhöhnt, nicht frech und mit bewußter Anmaßung, auch nicht mit
Groll und Haß, nein, wie mit dem Achselzucken einer jugendlichen
Erdensicherheit. Konnte denn solche Kraft bestehen, eine Gewalt, so
aller Freude gewiß, so gesund und froh, neben den blutigen Siegen des
Erwählten, der die Welt überwunden und der auch ihren Frieden hüten
wollte?
Sie ertappte sich darüber bei der seltsamen Vorstellung, die sie bisher
von gottlosen Weltmenschen gehabt hatte. Von Weltmenschen, wie ihr guter
Vater sie sah und wie ihre Mutter sie fürchtete. Nur durch den Trotz der
Sünde waren diese Gestalten erhoben, an ihren Stirnen brannte das Mal
der Verfluchten, und sie eilten in einem Rausch falscher Freuden über
die Erde, wie von der Unrast eines bösen Gewissens gehetzt und ohne
einen Schein wahren Glücks.
Ein Gefühl von tiefer Beschämung beschlich sie. Nein, so hatte sie sich
diese Menschen doch nicht ganz gedacht, aber sie merkte nun, daß sie
keine klaren Bilder von ihnen und ihrem Wesen kannte. War das nicht ein
böser Fehler im Haushalte ihrer Weltbetrachtung? Ihr war, als sei sie
plötzlich nur deshalb von einem Feinde überrascht worden, weil sie es
nie für gut befunden hatte, seine Art und seine Macht unbefangenen Sinns
zu prüfen.
Es wurde wieder hell im Zimmer, ein klarer Glanz siegte, weiß, rasch und
doch feierlich. -- Nun schritt sie im Mondlicht am Garten entlang, brach
mit eigensinnigen Fingern die Knospen der Heckenrosen, die Zweige
raschelten, wenn sie zurückschnellten, und die verblühten Rosen
entblätterten sich ins Laub. Mit einem Schmerzensruf zog sie die Hand
zurück und sah aus ihrem Finger rote Tropfen steigen, einen nach dem
andern. Sie legten einen kleinen blutigen Weg um ihren Finger zurück und
zersprangen im Staub der Straße. Ratlos schützte sie mit der anderen
Hand ihr langes weißes Kleid, das im Mond glänzte, und erschrak
furchtbar, als sie erkannte, daß es ihr Hemd war. Da kam über den Weg
mit raschen festen Schritten der Fremde vom Mittag, er ergriff ihren
Arm, neigte sich über ihre Hand und sie fühlte, wie er die Wunde an
ihrem Finger zupreßte.
Mit einem Schauer erwachte sie und mit einem lauten Schrei.
Das Zimmer war tief in Finsternis gehüllt, sie erkannte kaum das
Fenster. Man hörte den Wind sausen, die Bäume schüttelten sich, jählings
erwacht, und ihr war es, als schlügen Tropfen auf das Verandadach.
»Ich bin traurig«, sagte sie leise und wunderte sich über ihre Worte,
die sie nicht hatte sagen wollen.
Was wollte dieser seltsame Traum, der ihre Gedanken überholt hatte, als
fände er sie gestaltlos und krank? Hilflos und von einer fremdartigen
Angst gequält, die sie nicht kannte, die etwas von den Nächten ihrer
ersten einsamen Erfahrungen hatte, stand sie auf und tastete nach dem
Licht. Da sie es nicht fand, ließ sie sich im Dunkeln vor ihrem Bett auf
die Knie nieder und über ihrem Gebet schlief sie ein, die Schläfe auf
den gefalteten Händen und schwer auf den alten Sessel gestützt, auf dem
ihre Kleider lagen.
Nun kam wieder der Mond, zögernd, als schiene er durch feine Schleier,
dann blendend und klar wie in einem ehrlosen Triumph ohne Neid und Güte.
Fünftes Kapitel.
Sie hatten nun erfahren, Herr Missionar Wendel und Kandidat Friedberg,
daß ihre Schlüsse falsch und ihre Besorgnis unnötig gewesen waren, denn
die Arbeiten, die drüben am Waldrand nach wenigen Tagen begonnen wurden,
unterrichteten sie darüber, daß ein Tennisplatz angelegt wurde. Die
Vorbereitungen gingen rasch und sicher vonstatten, bald erhoben sich
hohe dünne Drahtstakete vor dem Grün des Waldes, der Boden wurde
prächtig geglättet und mit Lehm überstampft, durch schmale eingesenkte
Holzleisten in große und kleine Rechtecke eingeteilt, und ein hübscher
kleiner Zaun aus gekreuzten Weidenstämmchen und Zweiggeflecht trennte
dies Heiligtum irdischer Lust von der schmalen Fahrstraße, die schon ein
paar hundert Schritte weiter in einen Feldweg überging. Vierzehn Tage
hindurch schnarchten kleine Sägen schon früh bei Sonnenaufgang,
Handbeile zersplitterten frisches Gebälk, und Hämmern und Klopfen weckte
die Bewohner des ruhigen und verschonten Hauses. Frau Wendel war nicht
sehr erbaut durch diese Erscheinungen, aber da der Vater sie mit gutem
Humor ertrug und sogar einmal den beiden jungen Leuten die Hoffnung
machte, auch für sie möchte sich nun wohl Gelegenheit bieten, einmal
mitzuspielen, ließ auch die Mutter beruhigter diesen Dingen ihren Lauf,
die in der genußsüchtigen Welt nun einmal nicht zu ändern waren.
Eines Tages klingelte es gegen Mittag unfreundlich und eindringlich.
Anne-Dore sah im Wohnzimmer den Freund ihres Blumendiebes im Gespräch
mit ihrem Vater, und erfuhr später, daß um die Erlaubnis nachgesucht
worden war, das Tennisnetz und die Bälle über Nacht im Hause
unterbringen zu dürfen. Herr Missionar Wendel hatte es gern erlaubt,
Lotte würde es ihnen stets auf Wunsch aushändigen, und für den Fall
einmal alle ausgeflogen wären, würden die Herren ihre Geräte im
Gartenhaus verwahrt finden, wohin sie leicht durch das Hinterpförtchen
gelangen könnten.
»Es war wirklich ein höflicher und liebenswürdiger junger Mann, der aus
gutem Hause sein muß«, erzählte er den andern. »Es ist ja verständlich,
daß sie uns bitten, wie umständlich wäre es, das schwere Netz jedesmal
hin und her zu schleppen.«
Das wäre nun freilich keine allzu große Mühe gewesen, denn sie kamen
bald darauf für gewöhnlich in ihrem kleinen Wagen, bald auch zu Rad, und
manchmal fuhren sogar mehrere Droschken vor, ein Luxus, der Herrn Wendel
ungebührend und bedauerlich erschien. »So junge Leute ... «, sagte er
mit Kopfschütteln.
Nichtsdestoweniger schaute er ihrem bunten Spiel gern und oft zu. Es war
ein prächtiger und für Anne-Dore ganz ungewöhnlicher Anblick, der sie an
ihre alten Träume von leichtfertiger Daseinslust und großem Leben
erinnerte. Dies helle Lachen war verführerisch, wie das Lied der
Waldvögel einem gefangenen Sänger im Käfig erscheinen mußte, es lockte
heimlich an und überredete das Herz zu neuen Wünschen. Sie sah die
geschmeidigen jungen Körper dort drüben wie im Flug ihrer fröhlichen
Rufe. Das Lachen klang in den Sonnenschein, wie der Triumph einer
Lebensfreude, die unbestechlich war und nie zu überreden. Jugend hieß
das große helle Recht, das dort selbstherrlich und ohne Bedacht den
Beglückten die Brust weitete, und aus den frohen Blicken leuchtete es
wie Licht, wie Glück. Anne-Dore beobachtete alles, sie sah die
prächtigen hellen Kleider der jungen Damen, Kostüme, die einzig für
dieses Spiel erdacht schienen, das goldene Blondhaar in der Sonne,
bestürmt vom seligen Eifer kindlicher Kämpfe, die leichten weißen Anzüge
der jungen Herren, ihre feinen bunten Hemden, deren weicher Fall den
schlanken Körpern ihr Recht an Luft und Sonnenschein ließ. Wie
schwerfällig und müde erschien ihr darüber oft ihr eigener Körper, und
ihrer Seele ward oft der Flug so schwer, heim, in das Dämmerland früher
Würde und kühler Resignation. --
»Die Damen kreischen, manchmal kreischen sie verletzend und springen zu
hoch«, sagte Friedberg, und wußte nicht, daß er Anne-Dore mit diesen
Erkenntnissen zu trösten hoffte. Er ereiferte sich für die eigene Welt,
für ihre Welt, wie er sie nannte, und ahnte nicht, wie sehr sein Lob ihr
den Glanz der himmlischen Güter trübte. Anne-Dore fühlte sein Bedürfnis,
in dem er wieder und immer wieder ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit zu
betonen suchte, das sie und ihn in ihrem Glauben verband, und empfand es
wie einen Mißbrauch, der sie quälte. Sie kämpfte ihre Mißachtung nieder,
aber ihr schien, als ehrten ihre heimlichen Siege ihn wenig, und sie
wünschte sich ein Zartgefühl bei ihm, das ihr solche Milde erließ.
Sie saßen miteinander im Garten, an einem warmen Nachmittage in diesem
schönen Frühling, der nun schon auf den Sommer zuging. Drüben wurde
Tennis gespielt, die hellen knappen Zurufe und der lustige Zorn mancher
harmlosen Streitigkeit flatterte über den trägen Strom ihrer eintönigen
Unterhaltung hin. Anne-Dore dachte daran, wie sie diesen Morgen zu
dreien miteinander in die Kirche gegangen waren, feierlich, schwarz und
still, gerade als drüben die beiden Freunde mit ihrem Wagen zum Spiel
anlangten. Sie hatten gegrüßt, fast ohne sie anzuschauen, und Anne-Dore
war rot geworden. Sie hatte es mit Angst und Herzeleid gefühlt. Wie
herausfordernd trug Friedberg sein Gesangbuch, so bekenntnisfroh und
glaubenssicher. War er zu beneiden? Gewiß nicht. Wie er nun wieder so
kränkend zuversichtlich von seiner Innenwelt sprach, in der ihn niemand
bedrängte, deren einfältige Kraft sicher in den Beschränkungen ruhte,
die seine derben und schlichten Anlagen ihm zogen. Sie mußte an das Wort
Christi denken: »Wer da hat, dem wird gegeben«, und fand die Lösung
nicht, die angesichts dieses Verschonten ihre Kämpfe und ihr Schmerz
erheischten. War ihm nicht alles gegeben, das nur immer ein gläubiger
Christ sich wünschen konnte? Aber nun plötzlich wußte sie und ihre Stirn
sank ein wenig: die Gaben und ihre Herrlichkeit, von denen hier die Rede
war, hatten nichts gemein mit jener selbstgefälligen Genügsamkeit und
ihrem Glück. Es bedurfte anderer Reichtümer, denen noch gegeben werden
sollte, und diese Gaben waren so bitter und belastet mit zeitlichem
Herzeleid, daß über ihnen eine ewige Krone unberührbarer Schönheit in
ein künftiges Reich hinüberglänzen sollte. In ein Reich, das nicht
verging, in dem wohlverwahrt jedes Leid gekannt wurde, als dürfte es nie
verloren gehen, als habe die Erde nichts getragen, das hoheitsvoller
gewesen wäre und der göttlichen Liebe vertrauter. Und sie schämte sich
ihrer Kämpfe nicht mehr, und kein Kummer schien ihr zu gering, und keine
weltliche Freude barg einen Ersatz.
In ihre Gedanken hinein, von denen Friedberg im matten Eifer seiner
Beredsamkeit nichts ahnte, und in die durchsonnte Stille des mittäglich
schlummernden Gartens flog es da plötzlich mit hellem Rascheln durch die
Baumzweige, schlug auf am Wegrand und sprang mit rotem Lachen in das
dunkelgrüne Laub des Efeus. Ein Tennisball! Er rollte vor die Laube,
besann sich noch ein Weilchen in leichtem Schaukeln und lehnte sich dann
beruhigt an Friedbergs Stiefel.
Der Kandidat sprang auf und zog ein Gesicht, als habe man ihn beleidigt.
Seine Arme glichen in der Luft irgend etwas aus. Er stellte fest:
»Der ist hier herübergeflogen, der Ball, von drüben offenbar.«
Das war nicht zu bestreiten, Dore mußte über seinen Schreck lachen und
hob die rote elastische Kugel auf, wog sie in der Hand und prüfte mit
dem Daumen ihre Federung.
»Hübsch sind die«, meinte sie. »Wollen Sie ihn nicht zurückwerfen, Herr
Friedberg?«
»Zurückwerfen? Das könnte man. Aber eigentlich sollten sie ihn sich
selber holen. Sie tun, als gehörte ihnen die ganze Welt!«
»Das tut sie auch«, sagte das Mädchen und erschrak über ihre eigenen
Worte.
Aber Friedberg verstand sie vollkommen: Das war ein Scherz gewesen, der
nur seine Meinung bestätigen sollte.
Da krachte das Staket gefährlich, und die Büsche rauschten unter einem
heftigen Niedersprung. Ein wenig gebückt, mit raschen Bewegungen, frech
über die Blumenbeete und den Rasen hin, schritt hastig und suchend der
junge Störenfried ihres einsamen Traums. Er war im gestreiften, weißen
Tennisanzug, hatte geflochtene Ledersandalen an und das Racket flog
stürmisch und ohne Rücksicht in die Zweige der Büsche und schlug sie zur
Seite.
Friedberg war in heller Empörung aus dem Schatten der Laube getreten,
und nun begegneten sich die beiden auf dem Weg. Der Kandidat hatte den
Ball in der Hand und kniff ihn, so fest er konnte, zusammen, denn
irgendwo mußte sein Verdruß sich Luft machen. Einfach so in den Garten
zu springen! Er vergaß nicht, »Guten Tag« zu sagen, fügte dann aber
gleich hinzu: »Ich hätte Ihnen das Ding da schon zurückgeworfen.«
»Darauf kann ich nicht warten«, sagte der andere frech. »Geben Sie her.
Übrigens ist >das Ding da< ein Tennisball.«
Friedberg gehorchte, völlig eingeschüchtert durch diese Anmaßung. Er sah
das Lächeln des anderen nicht, der wirklich gern höflich gewesen wäre,
aber die Anrede, die ihn empfangen hatte, ließ es nicht zu.
»Danke«, sagte der Fremde kurz und drehte sich um.
Friedbergs geknickter Grimm war auf der Jagd nach Worten jählings durch
etwas ganz Außerordentliches unterbrochen worden und hatte einem
maßlosen Erstaunen Platz gemacht. Ehe noch der Fremde zwei Schritte
gemacht hatte, hörte er hinter sich:
»Mark Enz! Ist es möglich? Dahin ist es also mit dir gekommen!«
Der Angerufene hielt inne, rutschte ein Stückchen auf dem Weg, weil er
schon zum Laufen angesetzt hatte, drehte sich um, starrte Friedberg an
und brach ohne weiteres in ein schallendes Gelächter aus.
»Der Helferich!« rief er jubelnd. »Gott schickt mir wahrhaftig deine
graue Seele noch einmal über den Lebensweg. Gib die Hand, Dicker, laß
dich umarmen. Natürlich, wer hätte das auch anders sein können, einem
wegen eines Sprungs in den Garten moralisch zu kommen. Was tust du hier
in diesem Bethaus?«
»Mäßige dich, Mark«, rief Friedberg entrüstet, lachte aber doch in der
Freude dieses Wiedersehens und begrüßte den Kameraden aus der Schule und
von der Universität herzlich. Er hielt seine Hand fest, drehte ihn um,
und nun stand der Fremde vor Anne-Dore.
Niemals in seinem Leben hat Markus Enzheim den Eindruck vergessen, den
dies Bild in seine Seele grub. In der gedämpften Sonnenhelle der Laube
hob sich vom dunklen Laubgrund schmal und bleich ein Mädchengesicht,
tief überschattet von einer mächtigen Fülle dunkler Haare, deren Nacht
die weißen Augenlider in einen matten Schein von silbrigem Schattenblau
legte. Tiefschwarz tauchten die langen Wimpern in das bekümmerte Blaß
der Wangen. Voll, breit, fast ein wenig zu groß schien ihm dieser
schüchterne, schlafende Mund, und das Oval des Gesichts schimmerte,
weißlicher Marmor, ohne einen Schatten und ohne eine Linie über dem
dunklen Kleid, nie berührt, von keiner Güte und keiner Glut, kindlich
und rein, ein Eigentum dessen, der es erschaffen.
Es war nur ein rasches Bild gewesen, aber eindringlich und erhaben, wie
ein Zuruf des Lebens selber an die Begnadeten, die es seiner Schönheiten
würdigt. Dann hatte ihm Friedberg ihren Namen genannt und ihr den
seinen. Mark Enz, das wäre nur eine Abkürzung aus der Jugendzeit, von
der Schule her, eigentlich hieße er Markus Enzheim.
Anne-Dore gab ihm die Hand. Darüber und als er sie ergriff, versank ihm
das Bild, das ihn überrascht hatte, als wäre plötzlich in einer Kirche
ein Vorhang von einer Seitennische gehoben, und als hätte aus dem Glanz
der heiligen Geräte im Dämmerlicht der bunten Scheiben Maria selbst ihn
angeschaut. Nun war alles wirklich. Es war ihm lieb, daß Friedberg ihn
mit Fragen und Einzelheiten überschüttete; die nahmen ihn nicht in
Anspruch, aber sie hielten ihn hier fest. Erst trat er noch kurz aus der
Laube, schwang den Ball, und mit einem lauten Zuruf schleuderte er ihn
in einem weiten Bogen zurück auf den Spielplatz. Es war, als ob seine
hellen klaren Worte die rote Kugel mit sich rissen und trugen, wie sie
hoch das lichte Blau des Himmels durchschnitt, eintauchte in den grünen
Hintergrund der Bäume und sich, nach lautlosem Aufschlag am Boden, bei
ihrem Sprung im Drahtnetz verfing. Man sollte für ihn eintreten, er käme
sogleich. Fragen kamen zurück, ohne sie zu beantworten, trat er wieder
zu den beiden und nahm den Gartenstuhl, den ihm Friedberg über den Tisch
hob.
Er saß gegen das Licht. Nun da er mit dem Kandidaten sprach, anfangs
immer ein wenig zurückhaltender und kühler als jener, sah Anne-Dore, daß
er schlanker und kleiner war, als er beim Schreiten und unter seinen
Bewegungen erschien. Gegen den helleren Eingang der Gartenlaube
erblickte sie sein Gesicht nur undeutlich, zuweilen aber sein Profil,
das ihr weich und vornehm im Schatten erschien, aber herb und fast
scharf, wenn bei einer Biegung seines Kopfes ein Lichtschein darüber
hinglitt. Sie lauschte auf seine Stimme, fast ohne auf das zu achten,
was er sagte. Was konnte es wohl viel sein, da es doch Friedberg galt.
Diese Stimme war sonderbar melodisch und veränderbar, wie das
Schatten- und Lichtspiel unter dem Laub der Büsche am Boden. Sie fügte
sich dem Sinn seiner Worte, als wollte sie jedem seinem Wesen nach ein
anderes Gewand geben, und seine Bewegungen, die Wendungen seines Kopfes,
die Gebärden seiner Hand schlossen sich diesem feinen Spiel in so
vollkommener Harmonie an, daß Anne-Dore eigentlich nur einen Eindruck
hatte, den einer lebensvollen, ein wenig bedächtigen und warmen Musik.
Manches erschien ihr von großer Anmut, wurde aber wieder und wieder so
keck und gleichgültig durch eine abweisende Energie der Bewegung
verworfen, daß es ihr niemals weichlich erschien. Hier zeigte sich ihr
zum erstenmal ein Wesen, das nicht um die Tugend seiner Gebärden zu
ringen schien, sondern das sie zu verbergen trachtete.
Würdigte er denn wirklich Friedberg all dieser Liebenswürdigkeit, dieses
feinen Eingehens auf jedes seiner Worte? Auch der Kandidat wühlte
befangen im Schatze seiner Erinnerungen. Er kannte Mark Enz nicht
wieder. War das der rücksichtslose und spöttische Kamerad, der es nie
für der Mühe wert erachtet, ihn ernst zu nehmen, der ihn früher nur
gebraucht hatte, um seinen Fehlern zur Lust der andern ihre treffenden
Namen zu geben, der in Schweigen verfallen wäre, wenn er mehr gefordert
hätte, und der hochmütiger gewesen war, als auch die eifrigste Liebe
ertrug?
Friedberg entschloß sich, etwas unsicher, zu der Ansicht, daß Mark Enz
sich doch sehr zu seinem Vorteil verändert haben mußte, obgleich er
undeutlich empfand, daß jener auch damals schon anders hätte sein
können, wenn es nur sein Wille gewesen wäre.
Nun wandte Mark Enz sich an Anne-Dore, und plötzlich, wie er nun in
seiner Unterhaltung mit ihr jeden, aber auch jeden Einwand Friedbergs
ignorierte, erkannte der Kandidat bestürzt den alten Gefährten wieder,
den er gehaßt und geliebt hatte. Undeutlich empfand er, tief verstimmt,
die Rolle, die er hier eben hatte spielen müssen, gerade wie einst,
diesem geschmeidigen Willen ergeben, der zu seinem Erfolg mißbrauchte,
was immer ihm gefiel, und dem jede Anmut, jede Lüge und jede Tugend zu
dienen schienen. Alle Liebenswürdigkeit, die da vor ihm aufgeboten
worden war, hatte nicht ihm gegolten, wollte nichts von ihm.
>Pfui<, dachte Friedberg, bitter und erbost. Er beschloß, durch dumpfes
Schweigen zur Last zu fallen und keine Frage mehr zu beantworten. Aber
es wurde ihm nur für seinen ersten Plan Gelegenheit geboten.
Jedoch die Liebenswürdigkeit und das bezwingende Lächeln des andern
waren wie ausgelöscht. Er sprach ernst, fast zögernd, ja beinahe
abwesend, schien es nur gezwungen zu tun, und aus Höflichkeit und der
Ausdruck seines Gesichts war fast traurig. Gierig verfolgte Friedberg
jede Regung, aber er erkannte keine Absichten. Da lächelte er ironisch
und überlegen und verschränkte die Arme. Mark Enz sah es und zog mit
innerlichem Lächeln einen Schluß daraus.
Da Anne-Dore dem Fremden anfangs nur schüchtern und leise antwortete,
ließ er ihr Zeit und erzählte. Erst vom Spiel. Aus seinen Augen lachte
die Freude daran, er schien ihm mit Hingabe und Leidenschaft ergeben;
dann, ganz von selbst und ohne Stocken, kam er auf andere Dinge, sein
Eifer schien kindlich, seine Worte waren bunt. Anne-Dore entstanden
Bilder unter diesen raschen biegsamen Sätzen, die, wunderbar geschmeidig
und zäh gefügt, allein notwendig in dieser Form und sicher, wie mit
heimlichem Zauber, ihr Herz in die Welt seiner Gedanken hoben.
Auch sie begann nun, wie ohne ihre Absicht und doch bereitwillig, zu
sprechen. Er kam ihren scheuen Gedanken entgegen, gab ihnen ohne
erkennbare Hilfsbereitschaft ihre rechten Namen, und antwortete ihr auf
eine Art, die seine Achtung vor jedem ihrer Gefühle verriet. Nur eins
konnte er nicht, sie fühlte es rasch und versöhnt mit jeder seiner
Gewandtheiten: er konnte keine Zugeständnisse machen. Nie ließ er sich
herbei, um ihr in Dingen recht zu geben, die er nicht liebte, wie sie.
Wohl erschien es ihr, als wünschte er ihr zu gefallen, aber er setzte
mit Selbstbewußtsein voraus, daß dies nur möglich sei, wenn er seine Art
betonte und seine Welt heilig sprach. Das war es, was sie ihm heimlich
dankte.
Einmal widersprach sie ihm, ja sie unterbrach in einem Eifer, der ihr
fremd war, seine Worte und heischte eine Erklärung. Er besann sich, dann
meinte er kurz:
»Ich kann sie Ihnen heute nicht geben. Bei Ihrer Jugend darf ich die
Erfahrung nicht voraussetzen, die für ihr Verständnis notwendig wäre.«
Sie schwieg. Friedberg war für sie gekränkt. Er mischte sich hinein und
sagte mit einem Ton milder, fast väterlicher Überlegenheit in der
Stimme:
»Nun, wo da von Erfahrung die Rede ist, lieber Mark, meine ich doch, daß
eine menschliche Reife den Ausschlag gibt, und ob wir da nicht auf
verschiedenen Wegen zu ganz ähnlichen Höhen gelangen können, ist
fraglich. Gerade was die Reife betrifft, weiß ich bei dir nicht recht.
Auf welche Wissenschaft stützest du dich, bei deiner Sicherheit, die
vielleicht ein wenig ... nun weißt du ... ich will sagen -- vorschnell
ist ....«
Er hatte bei seinen Worten die Hand erhoben, und Mark betrachtete,
während jener sprach, ruhig diesen zahmen weißen Finger, wie er sich
warnend und langsam in der Luft hin und her bewegte. Er folgte ihm
gelassen mit den Augen, schien Friedberg ganz zu vergessen und
unterbrach ihn nicht. Das erstaunte den Kandidaten, er geriet ins
Stocken und betrachtete seinen Finger auch. Darauf senkte sich dieses
hilfsbereite Glied tölpelhaft und beschämt, machte sich am Knie allerlei
zu schaffen, und sein Gebieter wurde langsam rot.
»Wie?« fragte er und sah Mark Enz durch die Brille an.
»Ich habe nichts gesagt«, antwortete jener. Aber er ließ nun den Finger
des Kandidaten mit seinen Blicken los und sah in den Garten hinaus, weil
ihn die Verlegenheit seines Gegners quälte.
Friedberg lachte. Seine ganze Niederlage lag in diesem Lachen voller
Zugeständnisse an den einfachen Sieg seines Gegners, und es gefiel
Anne-Dore wohl, daß Enzheim keine Miene machte, seinen Erfolg in
kleinlichem Triumph einzustreichen.
Friedberg wurde redselig, ihm lag an einem Ausgleich. Es war, als fühlte
er sich nun dem alten Freunde gegenüber wieder am rechten Platz. Und
Mark Enz überließ ihm diesen Platz und die Unterhaltung.
Die veränderte Stellung der drei zueinander und Friedbergs Worte nun,
wirkten auf Anne-Dore wie eine plötzliche Stille. Sie sah mit Schrecken
und Furcht auf den Fremden, der jetzt ein wenig geneigt, und den dunklen
Kopf auf die Hand gestützt, schweigend auf seine Schuhe niedersah. Nun
da er ihr wieder fremd erschien, fremder als je, verstand sie nicht, mit
welchem Recht und dank welcher Kräfte er ihr eben noch nah gestanden
hatte, wie ein vertrauter Freund. Als gäbe es Mächte in ihrer Seele,
deren Leben zu erwecken nicht in ihrer Kraft stand. Ja es war ihr, als
sei jener von einer Gewalt begabt, deren Rechte in seinem Geschlecht und
Wesen ruhten und älter waren, als Menschengedanken zurückreichen. Aber
dieser Glaube tröstete sie fast. So war nicht seine Willkür allein in
ihr verschlossenes Reich gedrungen, sondern ein Wille, höher als seiner
und stärker als der ihre, eine Vorsehung, der sie beide ergeben waren.
Sie empfand nur unbestimmt, wie dies Wunderbare über sie gekommen war,
aber ihre scheuen Regungen, die sie nicht verstand, spielten hinüber zu
ihm, der sie erweckt, und ließen über seinem Scheitel einen ersten Dank
ihres Herzens, der unschuldiger war, als daß ihn irdische Gedanken
ereilen.
Stand er denn auf? Ging er fort? Selbstverständlicherweise und höflich
gelassen, als sei nur dies noch nötig? Als er ihre Hand drückte, flog
etwas in ihrer Seele auf wie Zorn. Nahm er denn wissenlos und ohne Dank
nun alles mit fort? Auf seine Frage, die sie nur undeutlich zu hören
glaubte, antwortete sie verwirrt; ja, es wäre ihr lieb, wenn er
wiederkäme. -- Mußte man das nicht, schon aus Höflichkeit? Er war sicher
reich und aus vornehmem Hause, da durfte man nicht undankbar erscheinen,
wenn er eine Freundlichkeit anbot. -- O wie diese flachen grauen
Gedanken plötzlich mit lügnerischem Ernst ihren Sinn beschatteten.
Friedberg begleitete den Freund an die Gartenpforte.
»Höre,« sagte Mark Enz, »du tust das Deine, damit es mir möglich wird,
hier hin und wieder vorzusprechen.« Er sprach erregt, sein Atem ging
hart. Er schien seine Worte zu bereuen.
»Ich will mich gerne bemühen, Mark, aber was kann ich denn tun? Ich bin
in diesem Hause selbst ein Fremdling. Und welchen Sinn hätte es
schließlich auch, du und diese Leute.«
Enzheim blieb stehen. Sie waren weit genug von der Laube fort.
»Dicker, sei löblich«, sagte er barsch. »Du denkst natürlich, ich täte
dir nun den Gefallen, zu sagen: >Lieber Helferich, nur du und deine
Freundschaft ziehen mich in dieses Haus.< Ich gedenke dies nicht zu
versichern. Denn erstens wäre es eine Lüge, und zum andren hättest du
das bestimmte Gefühl, mich durchschaut zu haben. Ich komme einzig
deshalb, weil ich Fräulein Wendel, oder wie sie heißt, näher kennen
lernen möchte.«
Friedberg fühlte sich sehr unbehaglich. Er beschloß einen Anlauf zu
seiner alten Würde, die er in Jahren der Trennung mühsam errungen hatte,
verwarf ihn aber rasch und sagte fast bittend:
»Laß das sein, Enz. Es hat keinen Sinn. Wirklich nicht. Die Gesinnung
der Dame macht auch jede Annäherung unmöglich, daß du es weißt.«
»So? Was für eine Gesinnung hast du entdeckt?« fragte Enzheim in einem
Spott, der nur in seiner Höflichkeit lag.
»Sie ist eine gläubige Christin und sehr fromm«, sagte Friedberg mutig.
Er machte heimlich Fäuste und wartete trotzig auf die Antwort.
Sie kam leise und freundlich:
»Du gottsverfluchter Heuchler von einem Kandidaten. Schiebt der Kerl
wahrhaftig die Bibel als Riegel vor sein Jagdgebiet. Gib das auf,
Dicker, hast du gehört?«
Friedberg war wütend.
»Ich werde mich keine Minute besinnen, Markus Enzheim, Fräulein Dore
Wendel von deinen Worten Mitteilung zu machen. Das ist eine Infamie!
Solange ich in diesem Hause wache, betrittst du es nicht wieder.«
»So«, sagte Enzheim, »also du machst dem Mädchen Mitteilung von meinen
Absichten und meiner Bitte. Sieh mal, das ist es, was ich wollte.« Er
sagte es ruhig und stillvergnügt, und war sicher, daß der andere nun auf
Tod und Leben schweigen würde.
An der Pforte lenkte er ein.
»Also auf Wiedersehen, Dicker. Lerne Scherz ertragen. Und Grüße an die
junge Dame.«
Er ging leicht und rasch über den Weg und schien alles vergessen zu
haben. Friedberg spürte noch den festen Druck seiner Hand. Der Freund
erschien ihm sicher, gelassen und unvorsichtig zugleich. Als wären seine
angewandten Kräfte des Gegenstandes nicht wert, oder der Gegenstand
ihrer flüchtigen Unterhaltung seiner Kräfte nicht. Aber er hatte immer
schon zu zwecklosen Betrachtungen herausgefordert, voller Widersprüche,
wie er war. Und was hatte er da vorhin nicht über die Bibel gesagt?!
Friedberg erkannte aufs neue, daß dieses Buch den Gottlosen ein Dorn im
Auge war, und daß jeder, der sich zu ihm bekannte, Anfechtungen und
Bedrängnisse erdulden mußte.
Drüben brachen die anderen auf, und da er gerade am Pförtchen stand,
nahm er einem der jungen Herren das graue zusammengelegte Tennisnetz ab,
zog höflich seinen Hut, verbeugte sich, als habe man ihn beschenkt, und
ging nachdenklich in die Laube zurück, fest entschlossen, durch kein
übereiltes Wort das heraufziehende Unheil zu verschlimmern.
Anne-Dore war fort.
Sechstes Kapitel.
In den kommenden Tagen malte sich Friedberg ohne Ermüden heimlich die
Niederlagen aus, die Mark Enz bei seinen Annäherungsversuchen erleben
würde. Er sah, wie jener unter Anne-Dores Blick und Wort zusammenschrak,
plötzlich verstummte, wie vor der Hoheit eines Heiligenbildes, wie er
beschämt und betroffen den Rückzug antrat und auch einmal die Kraft an
der eigenen Seele spürte, die von denen ausgeht, die wahrhaftig dem
Reiche Gottes angehören. Seine Phantasie arbeitete froh und angestrengt,
ganz über ihr gewohntes Vermögen. Er sah Bilder, lebendig im Pathos des
Erhabenen, das sie darstellen. Anne-Dores erhobener Arm wies mit
kriegerischer Milde den Eindringling ab, er knickte scheu nach hinten
zusammen unter dem ruhigen Glanz ihrer Augen, und fern, in einem Nebel
aus Licht, erhob sich hinter ihr das Kreuz und strahlte. Er hatte einmal
ein ähnliches Bild gesehen, die Erinnerung half gefällig nach, Mark Enz
verdarb und ward nicht mehr gesehen.
Er redete solche Bilder laut vor sich hin, berauschte sich an ihrer
Hoheit und ihr Trost beruhigte ihn. Aber hinter ihnen wohnten Gedanken,
furchtbarer und martervoller, als daß er ihnen anfänglich Gestalt zu
geben wagte. Furchtsam empfand er bald, daß diese Gedanken es waren,
die, tief unter den anderen, seine trostvollen Visionen nötig machten,
ja erschufen, als liebten sie hämisch die Täuschung, als spielten sie
spöttisch mit ihrer dämonischen Gewalt, als wollten sie sein armes Herz
verhöhnen mit falschem Trost. Er geriet außer sich, wenn nur ein
geringes Anzeichen, grau wie eine Ahnung, ihr dunkles Wirken verriet.
Und doch verschlang im Lauf der kommenden Zeit und unter ihren
Ereignissen dieser finstere Abgrund alle hellen Bilder. Er wußte nun
seine Todesangst um Anne-Dore und nannte sie bebend bei Namen. Seine
Zuflucht wurde das Gebet. Nie in seinem Leben hat Helferich Friedberg
mit solcher Inbrunst seinen Gott angerufen, wie in dieser Zeit.
Als er einmal auf eine Art, die er unauffällig nannte, bei Anne-Dore das
Gespräch auf Markus Enzheim brachte, wies ihr Gesicht ihn ab. Der Zug
darin setzte ihn anfänglich in große Verlegenheit und trug ihm ein
Schuldbewußtsein ein, später quälte er ihn hart. Denn dieses Ablenken,
mit dem ihn das Mädchen in seiner Sorge allein ließ, hatte nichts von
jener liebevollen Nachsicht gehabt, die er für gewöhnlich ihre
Freundlichkeit nannte. Ich bin ein armer Tölpel, dachte er, und schalt
auf Enzheim, der ihm sein schönes Selbstbewußtsein für lange erschüttert
hatte, und fragte sich wieder und wieder, was beide nur auszeichnen
möchte, jenen und Anne-Dore, daß er sich ihnen gegenüber fremd,
benachteiligt und armselig fühlte. Und da seine eigene Innenwelt im
Grunde keinen Namen trug, fand er nirgends Zuflucht und Trost gegen dies
Gefühl, und auch kein Bewußtsein von stolzem Verzicht öffnete ihm das
Reich der Einsamkeit, in dessen Frieden niemand einzieht, dessen Seele
nicht reich von Geburt ist.
Es wunderte ihn, daß Enzheim nicht kam. Er erwartete ihn täglich, hatte
sich jede Antwort zurechtgelegt und alle Aussagen formuliert, die er
Anne-Dores Eltern über diesen gefahrvollen Menschen machen wollte. Ohne
Aufhör forschte er im Gesicht des Mädchens, dessen Züge, verschlossen
und fest, ihm nichts verrieten. Ihm schien, als sei sie bleicher als je.
Er sah ihre Augen erschrecken, wenn ein Vorfall sie hob, der
außergewöhnlich war oder unerwartet kam. Seine erste große Beteiligtheit
am Leben machte ihn empfindsam und klarsichtig, er litt sein erstes Leid
unvorbereitet und hilflos. Zu allem brachten seine religiösen Urteile
ihm die Pein eines bösen Gewissens. Er vergaß sich so weit, daß er
nachts an ihrer Tür lauschte, aber unter dem qualvollen Pochen des
eigenen Herzens und dem Beben seines Körpers hörten seine Ohren die
ganze Welt sausen, und er schlich fort auf seinen grauen Socken, bis
sein gesunder Schlaf ihn befreite.
Aber dieser Zustand der Ungewißheit nahm im Laufe der Wochen so
schmerzhaft überhand, daß er es im ersten Augenblick beinahe wie eine
Erlösung empfand, als er eines Abends spät das junge Mädchen im
Gartenhaus mit Mark Enz überraschte.
Da er anfangs nur Anne-Dore sah, die das weiße Gesicht im Halbdunkel
über ihre Hände neigte, die auf dem Tisch ruhten, erschrak er furchtbar,
als er plötzlich im Hintergrund der Laube den roten Feuerpunkt einer
Zigarette gewahrte, der aufglühte und ihm im Bereich seiner rauchenden
Seele für eine Sekunde das verhaßte Gesicht zeigte.
»Ich störe wohl -- --«, stotterte er fassungslos.
»Ja«, sagte die Stimme mit dem gelassenen Klang und der infamen
Lieblosigkeit. Sonst nichts. -- Er konnte doch nun so nicht fortgehen.
Es schmerzte ihn schneidend, daß Anne-Dore nicht sprach, daß sie das
duldete, daß er, kalt und lieblos bei einer höflichen Frage genommen,
fortgeschickt werden sollte wie ein Schuljunge. Sein Herz überströmte
von einem schmerzhaften Mut.
»Fräulein Wendel ....«, sagte er flehentlich.
Sie antwortete nicht. Da sah er, als wieder kurz und tückisch von drüben
die Zigarette in das Schweigen einbrannte, ganz flüchtig, aber mit
grausamer Deutlichkeit, daß sie weinte, daß sie mit dem Schluchzen
kämpfte, um ihm antworten zu können. Ihn schwindelte. Da fühlte er ihre
Hand an seinem Arm. Unsagbar zart und liebevoll war die kaum spürbare
Entschiedenheit, in der sie ihn fortschob. Als hätte sie ihr Leben lang
nichts erlitten, als nur den Schmerz, zurückgewiesen zu werden, und
wüßte, wie keiner auf der Welt, wie weh das tut. --
Diese Nacht schlief Friedberg nicht. Er hatte sich zum Essen
entschuldigen lassen und schrak gegen Mitternacht heftig zusammen, als
ein leises Pochen an der Tür ihn an seinem Schreibtisch emporriß. In
einem richtigen Instinkt für die Bedeutung dieses außergewöhnlichen
Vorfalls schwieg er und schlich rasch und bedachtsam auf den Zehen an
die Tür, die er leise öffnete. Es wurde ihm vorsichtig von außen
geholfen, er fühlte den Druck einer Hand an der Klinke, die zögernd und
schwer jedes Geräusch des Schlosses zu hindern trachtete. Dann sah er
Anne-Dore im Rahmen der Tür stehen, in weichen Hausschuhen und ohne die
dunkle Krone ihres Haares. Er ließ sie zitternd ein, putzte sein Licht
und zog sprachlos und leise das Fenster zu. Nun sah er, daß ihr Haar in
zwei Zöpfen niederhing, gestrafft an den Schläfen, sank es glänzend und
schlicht vom Scheitel nieder. Wie das ihr Gesicht veränderte. Er glaubte
an einen Traum und fand keine Fassung. Sie winkte ihn traurig lächelnd
aber gelassen auf seinen Stuhl und ließ sich auf seinem Bettrand nieder.
Ihr Kommen begründete sie in keiner Vorrede und entschuldigte es nicht.
Er solle versuchen, ruhig zu sein und sie anzuhören.
»Was soll ich tun?« fragte er mit verstörtem Gesicht. »Sind Sie es
wirklich, Anne-Dore?«
Sie beachtete nicht, daß er sie bei ihrem Vornamen nannte. Sie schien
auf nichts acht zu haben, war ganz im Bann ihres Plans, den sie
auszuführen schien, ohne zuvor die Kraft zu einer Überlegung gefunden zu
haben. Friedberg entsann sich später deutlich des Eindrucks, den sie
anfänglich auf ihn machte, er hatte die bestimmte Vorstellung, sie
wandelte in einem Traum, dessen schläfriges Feuer sie langsam verzehrte.
»Friedberg,« sagte sie, »Sie müssen mir versprechen, zu schweigen.
Begreifen Sie, es ist nötig, daß Sie schweigen ...«
Es wurde still. Er wollte, seinem Herzen gehorsam, in dem es warm
emporwallte, ihr seine eifrigsten Versicherungen geben, denn ihm schien
allein darin eine rasche Hilfe für sie zu liegen, aber seltsam und
unzertrennbar miteinander verbunden, überwältigten ihn seine Selbstsucht
und seine religiösen Vorstellungen. War ihm hier nicht, wunderbar vom
Herrn gefügt, eine ganz andere Aufgabe gesetzt, als die, einen falschen
und gefährlichen Dienst zuzusagen? Kam Anne-Dore nicht zu ihm, wie von
einer höheren Macht getrieben, die sich seiner bediente, um die Verirrte
auf den rechten Weg zurückzuweisen? Seine Erregung verdarb seinen
Zweifeln alle Kraft, er ließ sich treiben in diesem dumpfen Drang, und
als er dem Mädchen antwortete, mochte seine haltlose Angst in ihrem
Fieber wohl wirken wie das Beben einer inneren Ergriffenheit.
»Anne-Dore, was fordern Sie von mir? Wollen Sie mich zum Mitschuldner an
Handlungen machen, die Sie in Abgründe reißen? So wahr mir Gott helfen
wird, werde ich nichts unversucht lassen, um Ihr betörtes Herz auf den
rechten Weg zurückzuweisen.«
»Sprechen Sie leise«, sagte das Mädchen. »Wenn Sie noch ein lautes Wort
sagen, lasse ich Sie allein.«
Friedberg mäßigte sich.
»Ja ich will leise reden,« sagte er, mehr und mehr im Bann seines
geplanten Rettungswerkes, »aber Sie müssen mich bis zu Ende anhören.
Wollen Sie? Ja, ich sehe, Sie wollen. Ich fühle, daß Sie des Zuspruchs
bedürfen und danke Gott, der mich ausersehen hat, meine schwache Kraft
in den Dienst seiner Sache zu stellen. Um Ihretwillen Anne-Dore. Wie
herrlich ist das für mich. -- Ich kann keine großen Worte machen, aber
er, Anne-Dore, unser Heiland, hat sie für mich gemacht und ihrer Kraft
wollen wir uns vertrauen. O, er wird helfen. Er, der gesagt hat: Der
Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer denn alles, und niemand kann
sie aus meines Vaters Hand reißen.«
Das Mädchen sprang auf, als habe der Mann vor ihr sie mit Feuer bespien.
Sie floh an die Tür, wie von einem Sturm erfaßt, mit einem
Schreckensangesicht, in dem auch die Lippen bleich waren, wie im Tode.
Beschwörend riß sie die Arme gegen ihn empor und ihr Mund stieß
keuchende Laute aus, die Worte bedeuten sollten.
In einem Taumel von Siegesbewußtsein und Todesangst wußte Friedberg im
ersten Augenblick nur eins: eine Welt von Kämpfen und Schmerz in der
Seele des Mädchens lag zwischen jenem ersten Tag im Garten und dieser
Nacht. Und im Mittelpunkt aller Not stand der verhaßte Spötter mit
seiner geschmeidigen Würde und seiner ruchlosen Sicherheit. Der Kandidat
preßte die Fäuste gegen die Augen und fühlte den Namen, wie er sich
einbrannte in das flimmernde Dunkel vor ihm. »Teufel,« stöhnte er,
»Teufel! Wer hat dich ausgerüstet?« Dann riß ihm ein wütender Mut die
Hände vom Gesicht. Er sah Anne-Dores Arme hinter ihr an der Tür Halt
suchen, sprang herzu und stützte sie.
»Ruhe, Ruhe,« bat er, »beruhigen Sie sich. Es ist nichts verloren. Es
wird alles gut. Ich habe es nicht so gemeint, wie konnte ich auch
wissen ...«
Er führte sie an das Bett, sie ließ sich schwer nieder und schien nun
erst zu empfinden, daß er sie berührt und geleitet hatte. Ihre Schultern
schüttelten die Erinnerung an seine plumpen Hände ab, sie gewann
Sicherheit, weil sie seine Hilflosigkeit sah, besann sich mit einem
Lächeln, das ausgleichen sollte, aber schmerzlich war, wie vom ewigen
Heimweh erschaffen.
»Lassen Sie gut sein«, sagte sie und winkte ihm die begonnenen Worte von
den Lippen. Er brach ab und starrte sie an. »Ich wollte nicht das, hören
Sie mich«, fuhr sie fort. »Glauben Sie, ich sei gekommen, um mir einen
Rat bei Ihnen zu holen? Ich wollte Ihnen nur den Rat geben zu schweigen.
Und Sie werden es tun. Greifen Sie nicht in Dinge ein, die ihren Gang
haben wollen. Wenn ich durch meine Eltern gehindert würde, meinen Weg zu
gehen, gäbe es ein größeres Unglück, als sonst geschehen kann. Sprechen
Sie jetzt nicht, seien Sie still. Meine Eltern werden mich nicht hindern
können. Es würde ein furchtbarer Schmerz in ihr armes Leben kommen.
Begreifen Sie doch, nicht meinetwegen komme ich, auch nicht seinetwegen,
am wenigsten Ihretwegen, Herr Friedberg. Ich komme meiner Eltern wegen.
Ich bin gekommen, um für ihre Ruhe zu sorgen, denn was leistete mir
Gewähr, daß Sie nicht eine Dummheit machen würden, ich meine, daß eine
unüberlegte Güte von Ihnen, eine voreilige Hilfsbereitschaft alles
zerstörte. -- Es wäre nachher nichts mehr gutzumachen.«
Er hatte sie niemals so anhaltend, so sicher und bewußt sprechen hören.
Während sie redete, konnte er keinen Gedanken fassen und nun, da sie
schwieg, mit einem Ausdruck drohender Entschlossenheit, erst recht
nicht.
»Anne-Dore,« sagte er und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Sie schwieg, gequält durch diesen Flehenden, der eben noch so streitbar
vor ihr gestanden, gequält durch den Gedanken an ihre Niederlage und daß
sie sich ihm hatte verraten müssen unter jenem Wort, das in ihre
geheimen Kämpfe geleuchtet hatte. Nein, ihr waren keine Gaben verliehen,
den Brutalitäten des Daseins geschmeidig zu begegnen. Kein Sieg ihrer
Jugend verlieh ihrem Gefühl Festigkeit und ihrem Innenleben Stete, das
erst um seinen Namen rang, und ihr waren keine Kräfte geblieben, um sich
nach außen hin Rettung zu schaffen. Wachten nicht Engel über dem
blutigen Streit eines hilflosen Herzens, es wäre traurig um jenen Ruhm
bestellt, den der Himmel denen verheißt, die überwinden.
Anne-Dore wußte, daß etwas geschehen mußte, um ihre Stellung zu
Friedberg auch für die künftige Zeit zu sichern. Wie leicht wäre es ihr
geworden, wenn sie hätte lügen können, jene feinen, liebevollen und
barmherzigen Lügen, die oft so viel schöner scheinen als die Wahrheit,
und jedes Schicksal um sein Recht betrügen möchten. Sie konnte es nicht.
So sagte sie nur:
»Ich muß allein sein, Friedberg, sehen Sie, mit allem, muß mich
abfinden. Ich glaube Ihnen, daß Sie mir helfen möchten. Wollen wir nicht
Freunde sein? Bin ich Ihnen um so viel Glück voraus, daß Sie nicht
können?«
Seine Angst um sie und sein Haß gegen Enzheim siegten über seine
Verwirrung. Er raffte sich zusammen und ballte die Fäuste ...
»Leise, leise,« flüsterte das Mädchen, als sie sein Gesicht sah.
»Freunde?« keuchte er, »haben Sie Freunde gesagt? O, wie wäre ich wert,
Ihr Freund zu sein, wenn ich schwiege! Ich habe Sie reden lassen, jetzt
will ich reden. Wissen Sie, wer dieser Mann ist, dem Sie vertrauen,
dessen Einfluß Sie zu erliegen drohen? Ihr unschuldiger Sinn, der in der
argen Welt nicht erfahren hat, irrt und fehlt, ist verwirrt worden.
Glauben Sie, ich wüßte das nicht? Ich kenne Mark Enz. Wieviel Unschuld
seiner bösen Verstellungskunst schon erlag, ahnen Sie nicht. Ich weiß
es. Ich habe mit ihm gelebt, habe gesehen, wie er Tränen verlachte,
Schmerzen verspottete und gewissenlos auch das Heiligste betastete. Er,
der alles bejahen und verneinen kann, der keinen Gott kennt, und dem
kein Gewissen in der Brust schlägt, lebt schamlos und ruchlos nur seinem
Genuß. O, er kann alle Register ziehen und geht zu Werk im Kleid jeder
Tugend. Unschuldig kann er tun wie ein Knabe, gefühlvoll wie ein
schüchternes junges Mädchen, männlich wie der Charaktervollste, der je
für hohe Sitte und edlen Kampf verantwortlich war. Nichts an ihm ist
arglos oder rein, er ist berechnend und kalt in jeder Bewegung. In
jeder! Er kann sogar rot werden, wenn er will ...«
Was war das? -- Anne-Dore lachte.
Nichts hätte ihm seine ganze Ohnmacht deutlicher vor Augen führen
können. Zwar besann sie sich gleich, glich aus mit einem freundlichen
Zugeständnis. Es wäre ihr verständlich, daß Enzheim manchen so
erscheinen müßte, die ihn nicht kennten, aber er dürfe darüber nicht
vergessen, daß es Menschen geben könnte, die sich hinter mancherlei
Gebärden versteckten, weil sie sich den Tag hindurch ihrer Umgebung
nicht preisgeben wollten ...
Ach, sie glaubte ihren seichten Worten selber nicht. Aber ihre
Verachtung für diese plumpe Erkenntnis des erbosten jungen Mannes vor
ihr war zu groß, als daß sie ihm auch nur noch einen Schatten ihrer
eigenen Angst hätte verraten können. Und ohne daß sie recht wußte, wie
es geschah, gelang es ihr, ihn zu beruhigen. Ihr Herz brannte ihr unter
den eigenen Worten, die lau und flach alles auf ein träges Mittelmaß
stellen mußten, um diesen Einfältigen zu beschwichtigen. Was sollte sie
tun? Das Unheil war einmal geschehen. Sie sah in seiner Entdeckung
beides, eine Warnung und eine Gefahr. O, es war kein Zufall gewesen, daß
dieser Verschonte, der für sein Tun nicht zur Verantwortung gezogen
werden konnte, ihr mit jenem Bibelwort entgegentreten mußte.
Gepeinigt durch die schale und unsinnige Lage, in der sie sich befand,
stand sie auf und reichte ihm widerstrebend ihre Hand hin.
»Morgen,« winkte sie ab, als er reden wollte.
»Ich bin auch nur ein Mensch,« stotterte er. »Fühle ... leide -- ach,
entschuldigen Sie.«
Sie nickte ihm zu, hilfloser als er.
»Der liebe Gott behüte Sie,« sagte er traurig.