MAX SCHMIDT,

ordentl. Mitglied der Königlichen Academie der Künste zu Berlin,

Professor an der Königl. Kunst-Academie zu Königsberg in Pr.

Dritte Auflage.

Berlin.

Verlag von Theobald Grieben.

1874.

Einleitung.

Unter den mannigfaltigen Darstellungsweisen in der bildenden Kunst

hat sich seit den letzten zwanzig Jahren die Aquarell-Malerei einen

bedeutenden Platz erworben.

Die Technik derselben ist, im Vergleich zu ihrem früheren Standpunkt,

so ausserordentlich vervollkommnet worden, dass sie in gewisser

Beziehung und auf bestimmte Zwecke angewendet, der Oelmalerei

ebenbürtig zur Seite steht.

Während Deutschland verhältnissmässig wenig für die Aquarell-Malerei

gethan hat ist sie in Frankreich und Belgien schon seit langer Zeit

sorgfältig cultivirt worden. Vor Allem aber sind es die Engländer,

welche ihr durch eine ausgedehnte Anwendung auf alle Genres der Malerei

sowohl, als durch Vervollkommnung der technischen Materialien, jene

anziehende Blüthe abgerungen haben, welche die heutigen Werke in dieser

Manier auszeichnet. Man kann mit Recht sagen: abgerungen; denn während

sie auf der einen Seite eine Anzahl liebenswürdiger Eigenschaften

besitzt, denen sie eben diesen hervorragenden Platz verdankt, ist sie

anderseits ein widerspenstiges Wesen mit tückischen Launen, die ihr

abgelernt werden müssen, um in ein freundschaftliches Verhältniss mit

ihr zu treten.

In England ist die Aquarell-Malerei ausserordentlich verbreitet

und begehrt. London besitzt zwei grosse Künstlergesellschaften,

(Society of British artists in water colours), deren Mitglieder

fast ausschliesslich in dieser Manier arbeiten und jährlich mehrere

Ausstellungen ihrer Werke veranstalten. Es gehört in England zur

guten Erziehung von Frauen, einigermassen mit der Technik der

Aquarell-Malerei Bescheid zu wissen. Selten wird man einen gebildeten

Engländer finden, der ohne alle Erfahrung darin wäre; mindestens kennt

Jung und Alt die Namen und Werke der ausgezeichneten Meister, wie

Forster, Fielding, Harding, Stanfield, Bonnington, Penley etc.

Es ist eine interessante Frage, warum es gerade die Engländer

sein mussten, welche der Aquarell-Malerei diesen hohen Grad von

Vollkommenheit gaben? Zur Beantwortung derselben ist es nicht

unwahrscheinlich, dass die natürliche Beschaffenheit jenes

Landes wesentlich zu der Vorliebe beigetragen hat, welche seinen

Bewohnern inne wohnt. Vom Meere umflossen, stets von einem reichen

atmosphärischen Leben umweht, mit einer kräftigen Vegetation bedeckt,

welche sich auf den mannigfaltigsten Terrainbildungen entwickelt,

hat England seinen Kindern ein besonders starkes Gefühl für

landschaftliche Schönheit mitgegeben. Walter Scott ist nicht allein

ein grosser Dichter, er ist auch ein hochpoetischer Landschaftsmaler;

die ganze Roman-Literatur Englands folgt, mit mehr oder weniger Glück,

seinem Beispiel. Sie verweilt oft und ausführlich bei der Beschreibung

ihrer landschaftlichen Schauplätze; aber sie begnügt sich nicht mit der

sachlichen Darstellung und der äusseren Gestaltung derselben, sondern

geht tief in ihre malerischen Stimmungen und Wirkungen ein, die durch

Tages- und Jahreszeit, Atmosphäre und Wolkenbildung hervorgebracht

werden, und hier ist der Punkt, wo die Aquarell-Malerei ihre Vorzüge

geltend gemacht hat. Luft, Licht, weicher Glanz sind Eigenschaften, die

ihr ganz besonders angehören, und zwar in viel höherem Masse als der

Oelmalerei.

Wie die al fresco-Farbe, vermöge der Rauhheit ihres Kalkgrundes,

einen stärkeren Grad von Licht ausstrahlt, als die Oelfarbe, so ist

eine glanzvolle und duftige Atmosphäre auf dem grainirten Papier mit

Aquarellfarben auch viel schneller herzustellen, als auf der Leinwand.

Die Landschafts-Malerei macht vorzugsweise die Forderung an

Luftperspective und Glanz geltend, und so dürfte für sie, so lange

sie sich auf gewisse Dimensionen beschränkt, diese Technik besonders

anwendbar sein, und zwar nicht nur in ausgeführten Werken, sondern

jetzt, nachdem die technischen Mittel so trefflich ausgebildet sind,

auch beim Studium des Künstlers vor der Natur. Wenn nun Licht und Luft

besonders leicht und glänzend in der Aquarell-Malerei hergestellt

werden können, so ist es erklärlich, dass das neblige und wolkige

England diese Technik mehr als die Binnenländer ausgebildet hat, zumal

die englischen Landschafts-Maler mit Vorliebe Scenerien aus ihrem

eigenen Lande darstellen.

Aber auch das Portrait und die Genre-Malerei, so lange sie sich nicht

über eine gewisse Grösse erheben, finden in der Aquarell-Malerei eine

liebenswürdige und nicht besonders schwierige Darstellungsweise, und

für die Blumen-Malerei, welche die Anforderung an Farbenpracht, Glanz

und Licht aufs Höchste steigert, dürfte schwerlich eine zweckmässigere

Manier gefunden werden.

Was die speciellen technischen Vortheile der Aquarell-Malerei

betrifft, so sind diese mannigfacher Art. Einer der wesentlichsten

ist: Schnelligkeit der Arbeit. Während in der Oelmalerei das langsame

aber nothwendige Austrocknen der Farbe, ehe man zu weiterer Vollendung

vorschreiten kann, einen lästigen Aufenthalt giebt, geschieht dies bei

der Wasserfarbe so schnell, dass man nach kurzen Pausen die Arbeit

ungehindert fortsetzen kann.

Ferner fällt das lästige Einschlagen und Blindwerden der Farbe, wie es

in Oel unausbleiblich ist, wenn man eine zweite Lage über die erste

bringt, gänzlich fort.

Der zuerst genannte Umstand des schnelleren Trocknens der Farbe

bringt noch den andern Vortheil mit sich, dass man die Arbeit in

jedem Augenblicke abbrechen und wieder aufnehmen kann, ohne ihrem

technischen Zusammenhang zu schaden, während es bei der Oelfarbe oft

eine unabweisliche Forderung ist, ein gewisses Quantum Zeit vor sich

zu haben, um eine aus weichen Uebergängen bestehende Partie des Bildes

nass in nass fertig machen zu können.

Auch für den zeichnerischen Theil der Arbeit, für die sorgsame

Ausbildung der Form bietet die Aquarellfarbe Vortheile dar. So lange

man sich in kleinen Dimensionen bewegt, giebt der Wasserfarbenpinsel

die Präcision der Zeichnung ungleich leichter und schneller wieder, als

dies die consistente Oelfarbe gestattet; besonders fühlbar ist dieser

Vortheil bei allen Architectur-Darstellungen, beim Portrait in kleinen

Verhältnissen und in Blumenstücken.

Auch mag hier noch eine Bequemlichkeit erwähnt werden, welche dem

in freier Natur studirenden Landschaftsmaler besonders zu Statten

kommt; es ist die Geringfügigkeit der Geräthschaften und ihre leichte

Tragbarkeit.

Höher aber, als diese erleichternden Eigenschaften äusserlicher

Natur ist der Umstand anzuschlagen, dass für die Gesammtstimmung und

harmonische Abtönung des Werks in der Aquarelltechnik so bequeme Mittel

dargeboten sind. Durch dünne, breite Farbenlagen ist es möglich,

den Ton ganzer Partien des Bildes zu erhöhen, zu erwärmen, oder

herabzudrücken, ohne der bereits vorhandenen Zeichnung im mindesten

zu schaden. Es wird hierdurch sowohl, als auch oft durch Waschungen

mit reinem Wasser jene Vergeistigung des Gesammttons und der Farbe

erreicht, die zu den specifischen Eigenschaften der Aquarell-Malerei

gehört.

Den Bequemlichkeiten und Vortheilen gegenüber zeigen sich aber auch

einige oft recht empfindliche Nachtheile, die nur durch Vorsicht und

durch eine zu erwerbende Geschicklichkeit der Hand zu überwinden sind.

Dahin gehört namentlich in der Landschafts-Malerei die Schwierigkeit

der Behandlung der Luft, sobald dieselbe an Wolkenbildung und Farbe

reich ist.

Grosse Veränderungen in derselben vorzunehmen, wie dies in der

Oelmalerei unzählige Male wiederholt werden kann, ohne der Leinwand zu

schaden, wird auf der zarten Oberfläche des Papiers oft unmöglich und

ein solcher Fall endigt in der Regel damit, dass man die ganze Arbeit

verwirft und zu neuem Papier greift. Zwar ist der Schwamm in solcher

Noth ein vortrefflicher Freund, doch kann auch er nicht helfen, wenn

die Textur des Papiers durch scharfes Waschen zu sehr zerstört ist.

Aenderungen der Arbeit an weniger zarten Stellen, als der Luft,

bewerkstelligen sich bei weitem leichter durch Schwamm und Tuch.

Alle Aenderungen und Reparaturen sind aber zeitraubend und mühselig,

weit mehr als bei der Oelfarbe, wo der Lappen und das Schabemesser

oft ebenso viel thun, wie der Pinsel, und wo ein gänzliches Verderben

des Bildes absolut zu verhindern ist, wenn auch noch so viele

Aenderungen auf demselben vorgenommen sind. Um so mehr wird es in der

Aquarell-Malerei für den Künstler Nothwendigkeit, sich seiner Aufgabe

klar bewusst zu sein, um in der ganzen Disposition des Bildes, in der

allgemeinen Vertheilung von Hell und Dunkel, fest zu bleiben.

Die Aquarell-Malerei Bemerkungen über die Technik derselben in ihrer Anwendung auf die Landschafts-Malerei. Dritte Auflage. · 第 2 / 7 题