Unsere Hoffnung ist, daß es dem großen, weißen Wanderer, der auf dem
Wege ist herab in die Unendlichkeit, gelingen möge die Fesseln zu
brechen.
Das mennigrote Buch aber werden sie nimmermehr schauen.
Wem es aufgeschlagen wird, der läßt auch in höherem Sinne keinen
Leichnam mehr zurück: er reißt ein Stück Erde hinein ins Geistige und
löst es darin auf.
So arbeitet er mit am großen Werk göttlicher Alchemie; er wandelt Blei
in Gold, er wandelt Unendlichkeit in Ewigkeit. — — —
Höre nun vom Geheimnis des geistigen Atems!
Es ist aufbewahrt im mennigroten Buch nur für jene, die Wurzel sind
oder Wipfel; die ‚Äste‘ haben keinen Teil daran, denn begriffen sie es,
so verdorrten sie alsbald und fielen ab vom Stamm.
Wohl durchströmt auch sie der große geistige Atem, — denn wie könnte
auch nur das kleinste Wesen leben ohne ihn — aber er geht durch sie
hindurch wie bewegender Wind und hält nicht still.
Der leibliche Atem ist nur sein Gegenspiel in der äußeren Welt.
In uns aber soll er fest werden, bis er, ein Lichtschein geworden, die
Maschen des Körpernetzes durchdringt und sich vereinigt mit dem großen
Licht.
Wie das geschieht, kann niemand dich lehren; es wurzelt im Gebiete des
feinsten Erfühlens.
Es heißt im mennigroten Buch: ‚Hier liegt verborgen der Schlüssel aller
Magie. Der Leib kann nichts, der Geist kann alles. Tu alles hinweg, was
Leib ist, so wird dein Ich, wenn es völlig nackt geworden, als reiner
Geist zu atmen beginnen.
Der Eine fängt es an auf diese Weise, der Andere auf jene Weise, je
nach dem Glauben, in dem er geboren wurde. Der Eine durch brennende
Sehnsucht nach dem Geiste, der Andere durch das Beharren im Gefühl der
Gewißheit: ‚ich stamme aus dem Geiste und nur mein Leib aus der Erde.‘
Wer keine Religion hat, wohl aber an die Überlieferung glaubt, der
begleite all seiner Hände Werk, auch das Geringste, mit dem
unablässigen Gedanken: ich tue es zu dem einzigen Zweck, daß das
Geistige in mir bewußt zu atmen beginne.
So, wie der Leib, ohne daß du die geheime Werkstatt seiner Arbeit
kennst, die eingeatmete irdische Luft verwandelt, so webt der Geist auf
unbegreifliche Weise dir mit seinem Atem ein purpurnes Königsgewand:
den Mantel der Vollendung.
Allmählich wird er deinen ganzen Körper durchdringen in einem tieferen
Sinne als bei den Menschentieren; wohin sein Atem trifft, dort werden
alle Glieder neu, um anderem Zweck zu dienen als bisher.
Dann kannst du diesen Atemstrom lenken, wie es dir beliebt. — Du kannst
den Jordan aufwärts fließen machen, wie es in der Bibel heißt. Du
kannst deines Körpers Herz still stehen lassen, kannst es langsam
machen oder schnell und so das Schicksal deines Leibes selbst
bestimmen; das Buch des Todes hat hinfort keine Gültigkeit für dich.
Jede Kunst hat ihr Gesetz, jede Königswahl ihr Gepränge, jede Messe
ihren Ritus und alles was wird und wächst seinen bestimmten Gang.
Das erste Glied des neuen Leibes, das du erwecken sollst mit jenem
Atem, ist die rechte Hand.
Zwei Laute sind es, die zuerst ertönen, wenn der Hauch auf Fleisch und
Blut trifft; das sind die Schöpfungslaute I und A.